Marittas einsames Sterben: Maßlose Corona-Vorschriften

Es ist lange her. Über ein Jahr hat es gedauert, bis Simone und ich wieder einen Plausch im Eiscafé halten können: Ohne Coronatest und vorherige Anmeldung, nur mit Kontaktformular, einfach so im Freien sitzend. Wir sind beide doppelt geimpft und können langsam daran denken, unser Leben vor der Pandemie wieder aufzunehmen. Ein Leben, in dem für Simone nichts mehr ist, wie es war.

„Ich denke ständig darüber nach, was sie wohl in diesen letzten Tagen gedacht hat: Die ganze Zeit war ich da, habe sie zu den Ärzten und zur Chemo begleitet, und dann, als es ans Sterben ging, war sie allein.“ Simone ist sehr nachdenklich. Im Januar hat sie ihre Mutter verloren. Mitten in all den Beschränkungen der Pandemie starb sie im Krankenhaus, und ihre Familie durfte nicht zu ihr. Das war furchtbar und belastet alle noch sehr.

Das Leben ihrer Eltern war bis zum letzten Tag eine lange Liebesgeschichte. Dass Maritta und Josef sich kennenlernen konnten, war Marittas Oma zu verdanken. Sie hielt Ziegen, und Maritta liebte deren Milch. So besuchte sie ihre Oma, wann immer sie konnte und traf schließlich im Ort auf den gleichaltrigen Josef. Der Brückenbauer und seine Familie sind alt eingesessen und gut vernetzt im Dorf. Die beiden wurden ein Paar, heirateten, und Maritta zog ins Haus ihres Mannes. Nach einer Fehlgeburt kamen Sohn Patrick und Tochter Simone zur Welt, das Familienglück war perfekt.

Das Paar hat eine vielköpfige Verwandtschaft. Man traf sich regelmäßig, feierte Geburtstage und andere Feste zusammen. Bis die Beschränkungen kamen. Kontaktverbote, Verbote, zuhause Besuch zu empfangen. Natürlich hielten sich alle daran – obwohl niemand aus der weiten Familie infiziert war. Aber es wurde doch ziemlich einsam.

Vater Josef betrieb im Nebenerwerb Landwirtschaft, wie so viele im Ort. Maritta sorgte für Haus und Garten; ihre Koch- und Backkünste waren legendär. Das Paar pflegte Geselligkeit in der Familie und im Ort und  liebte sich zärtlich. Als Sohn Patrick in die eigenen vier Wände zog, war das selbstverständlich im Heimatort. Abends, nach der Arbeit, kam der Junggeselle weiter heim zum Essen, sehr zur Freude seiner Mutter. Nachdem  Tochter Simone geheiratet hatte, baute das junge Paar 2002 die alte Schmiede des Großvaters zur Wohnung aus und lebte fortan Wand an Wand mit den Eltern. Auch hier herrschte Harmonie: Man kochte gemeinsam, grillte viele Spießbraten im Gartenhäuschen. Enkelkind Melina war bei den Großeltern bestens aufgehoben, wenn ihre Eltern zur Arbeit gingen.

Wie in jeder Familie lief auch in dieser nicht immer alles glatt: Als Simone schwer krank und schließlich berufsunfähig wurde, standen ihr die Eltern zur Seite; als ihre Ehe zuende ging, ebenso. Jeden Morgen zog seitdem eine kleine Prozession die Treppe herunter durch die Hintertür an den Frühstückstisch der Eltern: Simone, Melina, Hündin Mimi und Katze Nala fanden sich ein, um beim Kaffee den Tagesablauf, gemeinsame Einkäufe, Arztbesuche und den ganzen Alltag zu planen. Im Familienzusammenhalt blieb so trotz Pandemie eine beglückende Gemeinsamkeit.

Rechtzeitig zur Goldenen Hochzeit im letzten Jahr renovierten Josef und Marita noch einmal ihr Haus. Ein neues Schlafzimmer wurde gekauft, Josef begann damit, das Bad rundum zu erneuern. Maritta, in den letzten Jahren etwas vergeßlich geworden, hörte auf, selbst Auto zu fahren. Vater oder Tochter erledigten die Einkäufe, immer öfter übernahm Simone das Kochen für alle. Und dann brach das Unglück über sie herein.

Maritta war immer schlank gewesen. Aber jetzt war sie auf einmal extrem dünn, aß und trank kaum noch etwas. Ihre Stimme veränderte sich, und sie bekam schlecht Luft. Am 22. Juli, dem Tag vor Josefs 80. Geburtstag, brach sie beim Backen zusammen, musste per Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht werden. Dort stellte man einen riesigen, gutartigen Tumor der Schilddrüse fest, der auf Speise- und Luftröhre gedrückt hatte. Der Tumor wurde entfernt.

Nun berichtete Maritta auch von dem Knoten in ihrer Brust, der dort seit Jahren wuchs. Er war inzwischen so groß wie ein Hühnerei. Die Mammographie ließ alle tief erschrecken: Der Tumor war bösartig und äußerst aggressiv. Er hatte bereits die umgebenden Drüsen befallen. Sofortiges Handeln war angesagt. Die ohnehin geschwächte alte Frau wurde erneut operiert.

Bevor das radikale Programm mit einer 16-teiligen Chemotherapie und 30 Bestrahlungen beginnen sollte, war sie zuhause zum Aufpäppeln. Richtig auf die Beine kam sie nicht. Ihr 80. Geburtstag am 23. Oktober wurde ein kleines und sehr ruhiges Fest: Josef, Patrick, Simone und Melina ehrten ein letztes Mal die Seele ihrer Familie.

Nach der ersten Chemo schien es, als vertrage sie diese relativ gut. Aber das änderte sich schnell: Marittas Blutwerte wurden immer schlechter, die Zahl der Leukozyten nahm radikal ab. Nach jeder Behandlung musste sie länger im Krankenhaus bleiben, sie wurde immer dünner und durchscheinender.

Nach der sechsten Chemo ging erstmal nichts mehr. Die Mutter lag zuhause auf dem Sofa, wollte weder essen noch trinken, war ein Schatten ihrer selbst. Es war ein Sonntag, als der Schlaganfall sie traf. Simone rief den Rettungsdienst, aber der nahm die Patientin nicht mit. Es sei „nicht so dringend“, hieß es. Die Folgen des Schlaganfalls waren heftig: Halbseitig gelähmt und kaum fähig zu sprechen, konnte sich Maritta nun gar nicht mehr selbst helfen. Dennoch: Auch beim zweiten Notruf nahm der Rettungsdienst sie nicht mit ins Krankenhaus. Verärgert und in Angst um die Mutter bat Simone den Hausarzt um Hilfe – der erreichte endlich die Aufnahme. Es folgte ein vorwurfsvoller Anruf der dortigen Stationsärztin an die Tochter, wieso die Patientin denn erst so spät gebracht worden sei, wo sie doch so schwach sei…

Was nun kam, war das schmerzhafte Erleben purer Hilflosigkeit für die Familie – ausgeliefert an Beschränkungen der Pandemie und das System Krankenhaus. Nicht lange nach dem Schlaganfall erlitt Maritta auch noch einen Herzinfarkt. An die Behandlung der Tumorfolgen war jetzt nicht mehr zu denken: Es ging um’s nackte Überleben.

Aber unter Pandemiebedingungen. Krankenbesuche waren nicht erlaubt. Und das für ein Ehepaar, das über 50 Jahre lang Seite an Seite gewesen war, das die gegenseitige Nähe brauchte, wie die Luft zum Atmen. Jetzt wurde Simone ernsthaft laut: Wenigstens ihren Mann müsse man doch für kurz Zeit zur Mutter lassen – nie hatte sie ihn nötiger gebraucht! Mageres Ergebnis: Vater Josef wurde es erlaubt, zehn Minuten (!!!) am Tag bei seiner Frau zu sein. Was für eine Willkür!

Glück im Unglück für die geteilte Familie: Edith, Ex-Schwiegermutter Simones, teilte sich mit Maritta das Zimmer. So war wenigstens ein Mensch in ihrer Nähe, den sie kannte – und die Familie konnte jederzeit erfahren, wie es der Mutter ging. Simone war verärgert und aufgewühlt: Als ihre Mutter zur Chemo im selben Krankenhaus war, hatte sie sie problemlos durch’s Haus begleiten dürfen. Jetzt, wo sie hilflos im Bett lag, durfte sie nicht zu ihr. „Ob sie dachte, ich habe sie im Stich gelassen? Ich frage mich das immer wieder.“

Schneller als erwartet, kam an einem Freitag der befürchtete Anruf aus der Kardiologie: „Ihre Mutter wird wahrscheinlich das Wochenende nicht überleben. Schafft sie es aber, möchten wir ihr am Montag gern einen Stent setzen, um ihr Herz zu entlasten.“ Nachdem sich Vater und Tochter vom ersten Schock erholt hatten, erinnerte sich die Tochter an Marittas tiefen Glauben. „Sollen wir für sie um die letzte Ölung bitten?“ Ja. Der Vater war dankbar für die Anregung, und die Station reagierte auf Simones Anruf blitzschnell: Minuten später war der Krankenhaus-Geistliche bei ihrer Mutter. Sie wurde gesalbt, die beiden beteten gemeinsam das Vaterunser. Sehr erleichtert und dankbar sei die Patientin gewesen, berichtete der freundliche Geistliche, der anschließend die Familie anrief, um auch ihr Beistand zu leisten.

Danach blieben nur noch Stunden. Beim 10 Minuten-Besuch ihres Mannes am Samstag konnte Maritta ihm noch die Hand drücken – wenig später verlor sie das Bewusstsein. Nicht nur ihren Mann Josef, auch Tochter Simone und Enkelin Melina nahm das schrecklich mit, an Schlaf war nicht zu denken. Simone beschloss daher, sich innerlich mit ihrer Mutter zu verbinden. Es war schon nach Mitternacht, als sie ihr sagte „Mama, du hast genug für uns getan. Du darfst gehen, wenn du jetzt gehen willst. Wir sorgen gemeinsam weiter für uns. Mama, wir lieben dich. Ich liebe dich.“…

Um 3 Uhr morgens in der selben Nacht tat Maritta ihren letzten Atemzug. Außer Edith, ihrer Zimmernachbarin, war niemand in ihrer Nähe.

Erst danach rief das Krankenhaus die Familie an, die sofort aufbrach. Jetzt durften auf einmal alle ins Haus und sich lange von der bereits aufgebahrten Mutter verabschieden. Und wieder bewegte sie die gleiche Frage: Wieso musste sie ohne den Beistand ihrer Lieben sterben, wenn danach alle das Haus betreten durften? Sogar eine Infektion eines Familienmitgliedes (die ja via Test hätte ausgeschlossen werden können) hätte ihr nicht mehr schaden können, als sie ohnehin im Sterben lag. Was sind das für Vorschriften, die Sterbende derart einsam zurück lassen?

Wenigstens im Tod wollten sie jetzt der Mutter noch ihre Liebe zeigen. „Ich habe ihre Lieblingskleider ausgesucht: Einen korallenroten Pulli und schwarze Jeans – und vor allem das Unterhemdchen, das für sie immer ganz wichtig gewesen war. Wir haben eine wunderschöne Urne gekauft, aus Terrakotta, in Erdtönen, mit einem Bild darauf, das die unendliche Weite nach dem Tod darstellt.“

Auch die Beerdigung der Urne fand unter Pandemiebedingungen statt: Ein sehr kleiner Kreis von Gästen fand sich auf dem Friedhof ein, wo der freundliche Geistliche aus dem Krankenhaus wunderbar menschliche Worte fand, um Marittas Leben in bunten Farben zu schildern. „Ich schicke dir jetzt einen Engel“ von Michelle erklang, und für einen Moment war die Mutter für alle noch einmal fast körperlich präsent.

Inzwischen ist ein neuer Alltag eingekehrt im Drei-Generationen-Doppelhaushalt. Simone hat einige Aufgaben der Mutter übernommen. Jeden Abend wird gekocht für Vater und Bruder, mittags für Tochter Melina. Nicht alles verläuft so reibungslos wie früher – neue gemeinsame Gewohnheiten wollen eingeübt werden. Oft betrachten Simone und Tochter Melina die Fotos, die sie vor zwei Jahren gemeinsam mit Oma aufgenommen haben. Da waren sie alle drei hübsch zurecht gemacht, und Maritta sah noch ganz gesund aus. „Wenn ich so darüber nachdenke, war dieser Tag der letzte, an dem sie so richtig aus vollem Herzen gelacht hat,“ meint Simone nachdenklich. „Sie fehlt mir jeden Tag.“ Ich hoffe, sie ist jetzt glücklich, da, wo sie ist.“

Mission Rettung des Euro: EU fährt mit vollem Risiko

Urteile des Europäischen Gerichtshofs sind für alle nationale Gerichte bindend, erklärt EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Mai 2020. „Das letzte Wort zu EU-Recht wird immer in Luxemburg gesprochen. Nirgendwo sonst.“ Es gehe darum, die EU als Werte- und Rechtsgemeinschaft zusammenzuhalten. Um dieser Meinung Nachdruck zu verleihen, hat die EU im Juni 2021 ein förmliches Verfahren gegen Deutschland eingeleitet. Es geht um nicht weniger als den Fortbestand des Euro.

Das war passiert: Das Bundesverfassungsgericht hatte im März 2021 angeordnet, dass der Bundespräsident bis zur Entscheidung über einen Eilantrag gegen die gemeinschaftliche Schuldenaufnahme der EU das Gesetz zur Teilnahme Deutschlands am EU-Wiederaufbaufonds nicht unterschreiben durfte. Dieses sollte die EU-Kommission ermächtigen, Schulden auf dem Kapitalmarkt aufnehmen und diese teilweise als Zuschüsse an die Mitgliedstaaten weiter zu reichen. Im April 2021 wurde dieser Eilantrag abgelehnt. Obwohl das Hauptverfahren noch aussteht, konnte Präsident Steinmeier das entsprechende Gesetz nun unterschreiben, denn ein verspäteter Start könne irreversible Folgen haben, so das Verfassungsgericht. Die Bundesregierung befürchte außerdem „erhebliche außen- und europapolitische Verwerfungen”.

Außerdem hatten die Verfassungsrichter im Mai 2020 festgestellt, dass die europäische Notenbank mit dem 2015 gestarteten Programm ihr Mandat für die Geldpolitik überzogen hatte. Bundesregierung und Bundestag sollten deshalb darauf hinwirken, dass Europas Währungshüter nachträglich prüfen, ob die Käufe verhältnismäßig sind.

Die EZB hatte zwischen März 2015 und Ende 2018 rund 2,6 Billionen Euro in Staatsanleihen und andere Wertpapiere gesteckt – den größten Teil über das Programm PSPP (Public Sector Purchase Programme), auf das sich das Urteil bezieht. Zum 1. November 2019 wurden die umstrittenen Käufe neu aufgelegt, zunächst in vergleichsweise geringem Umfang von 20 Milliarden Euro im Monat.

Mittlerweile haben Bundesregierung und Bundestag das Urteil des Bundesverfassungsgerichts umgesetzt, indem sie die Verhältnismäßigkeit der Anleihekäufe festgestellt haben. Damit hätte die Angelegenheit beendet sein können, ist sie aber nicht: Die EU kann keine unabhängigen Urteile nationaler Verfassungsrichter gebrauchen. Im Ernstfall würden sie die gesamte Geldpolitik der Union sprengen. Damit das nicht geschieht, will die EU-Kommission vom Europäischen Gerichtshof EuGH geklärt wissen, wer in solchen Streitfragen das letzte Wort hat und hat ein Verfahren gegen Deutschland eröffnet.

Paradox dabei: Der europäische Gerichtshof, der alle geldpolitischen Maßnahmen der EU für rechtens erklärt hat, ist gleichzeitig Teil dieses Streits und oberster zuständiger Gerichtshof. Was soll bei einem solchen Verfahren also heraus kommen? Man kann wohl kaum erwarten, dass der EuGH sich selbst verurteilt. Dennoch bleibt: Das Bundesverfassungsgericht urteilt unabhängig, kann von der Politik zu nichts gezwungen werden.

Um zu ermessen, um wie viel es geht, ist es nötig, Rückschau zu halten.

1998 gründete die EU eine gemeinsame Zentralbank, die EZB. Laut ihrer Satzung bei der Gründung ist das vorrangige Ziel der Europäischen Zentralbank, die Preisstabilität zu gewährleisten. Zu diesem Zweck hat sie das ausschließliche Recht, die Ausgabe von Euro-Banknoten innerhalb der Union zu genehmigen. Die nationalen Zentralbanken sind alleinige Zeichner und Inhaber des Kapitals der EZB. Der Schlüssel für die Zeichnung des Kapitals der EZB, der 1998 festgelegt wurde: 50 Prozent des Anteils des jeweiligen Mitgliedstaats an der Bevölkerung der Union im vorletzten Jahr vor der Errichtung des Europäischen Systems der Zentralbanken ESZB und 50 Prozent des Anteils des jeweiligen Mitgliedstaats am Bruttoinlandsprodukt der Union zu Marktpreisen in den fünf Jahren vor dem vorletzten Jahr vor der Errichtung des ESZB.

Die EZB kann laut Satzung genau wie die nationalen Zentralbanken am Markt tätig werden. Aber: Überziehungs- oder andere Kreditvergaben bei der EZB wie auch den nationalen Zentralbanken sind sind ebenso verboten, wie der unmittelbare Erwerb von Schuldtiteln von diesen durch die EZB oder die nationalen Zentralbanken.

Schon wenige Jahre nach der Einführung der Gemeinschaftswährung im Jahr 2002 traten die ersten Probleme auf: Die Staatsverschuldung der wirtschaftlich schwächeren Mitgliedsländer stieg rasant, Ausgleichsmaßnahmen wie die Abwertung nationaler Währungen waren nicht mehr möglich.

2010 legte die EU in Maastricht Kriterien fest, die einzuhalten seien, um die Stabilität des Euro zu sichern:

1. Das Haushaltsdefizit darf nicht mehr als drei Prozent des
Bruttoinlandsprodukts (BIP) ausmachen.

2. Die gesamtstaatliche Verschuldung sollte 60 Prozent des BIP
nicht übersteigen. Dieser Artikel wurde jedoch von Anfang an flexibel ausgelegt. Es
genügt, wenn die Verschuldung kontinuierlich abgebaut wird und sich
dem Wert von 60 Prozent nähert.

3. Die Inflationsrate darf sich nicht weiter als 1,5 Prozentpunkte
vom Durchschnitt der drei preisstabilsten Länder entfernen.

4. Die langfristigen Zinssätze dürfen nicht mehr als zwei
Prozentpunkte über dem Niveau der drei EU-Länder mit den niedrigsten
Zinsen liegen.

5. Die Währung muss sich mindestens zwei Jahre lang innerhalb der
’normalen Bandbreiten‘ des Europäischen Wechselkurssystems ohne
Abwertung bewegt haben. „Das Wechselkurssystem ist das ‚Wartezimmer
für den Euro'“.

Von Anfang an war es mit der Einhaltung der Kriterien durch die Mitglieder nicht weit her. Vor allem die Haushaltsdefizite überstiegen oft bei weitem die festgelegten Grenzen.

Bereits 2012 sah sich die EU genötigt, den Euro-Rettungsschirm (ESM) für überschuldete Mitgliedsländer einzuführen. Der ESM darf direkt von Euro-Staaten Staatsanleihen aufkaufen oder diesen Kredite gewähren. Dies durfte die EZB bis dato nicht.

Ursprünglich sah der ESM eine Haftungsobergrenze von 700 Milliarden Euro vor und begrenzte den deutschen Anteil daran auf „nur“ 190 Milliarden Euro. Allerdings beschränkte Artikel 8 (5) des ESM-Vertrags das Fondskapital nicht auf den Nominalwert von 700 Milliarden Euro, sondern auf den jeweils aktuellen Ausgabewert, was das Zukunftsrisiko wesentlich erhöht. Ursprünglich hatten die EU-Verträge Staatsfinanzierung über die Notenpresse verboten und Regierungen die Veräußerung von Regierungsanleihen an die EZB untersagt. Dem ESM wurde nun gestattet, Staatsanleihen direkt zu kaufen, Staatskredite zu gewähren und insolvente Banken zu retten.

Der ESM löste Mitte 2013 den EFSF ab, den europäischen Finanz-Stabilisierungspakt, eine privatrechtliche Kapitalgesellschaft nach luxemburgischem Recht. Sie hatte Notkredite an Länder der Eurozone ausgegeben, wenn deren Probleme die gesamte Währungsunion in Gefahr brachten. Im Vertragswerk des ESM wurde den jeweiligen Entscheidern absolute Immunität zugesichert.

Der ESM verfügt über rund 704,8 Milliarden Euro Stammkapital. Diese Summe teilt sich auf in rund 80,5 Milliarden eingezahltes und rund 624,3 Milliarden abrufbares Kapital. Die Finanzierungsanteile der einzelnen Mitgliedstaaten beim ESM ergeben sich aus dem Anteil am Kapital der Europäischen Zentralbank, für einige neue Mitgliedstaaten gibt es befristete Übergangsvorschriften.

Es gab viel Protest gegen den ESM, der zu Recht als erster Schritt in die Schuldenunion gesehen wurde und Deutschland als größten Netto-Einzahler auch am stärksten in die Verantwortung nehmen würde. Keine der Anstrengungen, das Konstrukt zu verhindern, hatte jedoch Erfolg.

Der deutsche Finanzierungsanteil am ESM beträgt rund 26,9 Prozent. Dies entspricht rund 21,7 Milliarden Euro eingezahltem und rund 168,2 Milliarden abrufbarem Kapital. Weitere Haupt-Zahler sind Frankreich (20,2 Milliarden), Italien (17,8) und Spanien (11,8 ). Bisher wurden 195 Milliarden an Spanien, Griechenland und Zypern zugesagt, 109,5 Milliarden ausgezahlt und 19,6 zurückgezahlt. So sind von dem 500 Milliarden umfassenden Ausleihvolumen derzeit 410,1 Milliarden verfügbar. Die Hilfen aus dem Schutzschirm sind jedoch unbeliebt, weil mit strengen Reformauflagen verbunden. Besonders am Beispiel Griechenland wurde deutlich, dass das Land sein Tafelsilber verkaufen musste. Daher suchte man unter EZB-Präsident Draghi nach anderen Wegen.

Schon vor Gründung des ESM wurde im Juli 2012 klar, dass diesem Zugriff auf Kredite bei der EZB ohne jedes Limit gewährt werden sollte. Zu den Befürwortern zählten wichtige Euro-Staaten wie Frankreich und Italien, sowie führende Mitglieder des EZB-Rats. Demnach sollte der ESM Länder wie Spanien und Italien in Zukunft unterstützen, indem er in großem Stil Anleihen dieser Staaten kauft. Der ESM sollte die gekauften Anleihen bei der EZB als Sicherheiten für frisches Geld hinterlegen, das er erneut zur Unterstützung wankender Euro-Staaten einsetzen konnte. So geschah es dann auch – und die EZB wurde zur Bad Bank für alle faulen Kredite ihrer Mitgliedstaaten.

Außerdem finanziert die EZB über die nationalen Zentralbanken Konzerne. Welche das sind, teilt sie regelmäßig mit. Warum sie gefördert werden und in welcher Höhe, ist jedoch geheim.

Nachdem die EZB anfänglich ein begrenztes Programm mit dem Kauf von Staatsanleihen bis zu 60 Milliarden monatlich gestartet hatte, erklärte deren Chef Mario Draghi Anfang 2015: „Wir kaufen so lange, bis die Inflation steigt.“ Unter dem Vorwand, dauerhaft 2 Prozent Inflation erreichen zu wollen, wurden bis 2015 schon insgesamt 1,14 Billionen frisches Geld in die EU gepumpt, mit dem kriselnden und hoch verschuldeten Staaten geholfen wurde. Das bewirkte eine katastrophale Langzeit-Wirkung für die noch junge Gemeinschaftswährung: Statt die Staaten mit Auflagen zu zwingen, sich wirtschaftlich anzugleichen, wurden sie mit billigem Geld überschüttet und die Reformen fielen eher winzig aus.

Vor allem aber wurde auf diesem Weg die parlamentarische Mitbestimmung der einzelnen Staaten ausgehebelt: Für 20 Prozent der Wertpapierkäufe gibt es eine gemeinsame Haftung. Für die übrigen 80 Prozent haften die jeweils kaufenden nationalen Zentralbanken, die politisch unabhängig sind. Die Laufzeiten der Anleihen liegen zwischen 2 und 30 Jahren.

Zum 1. November 2019 wurden die umstrittenen Käufe neu aufgelegt, zunächst in vergleichsweise geringem Umfang von 20 Milliarden Euro im Monat.

Im Februar 2020 beschloss die EZB das dritte Programm zum Ankauf gedeckter Schuldverschreibungen. Im März 2020 folgte ein zeitlich befristetes Pandemie-Notfallankaufprogramm (PEPP). „Die Ankäufe im Rahmen des PEPP erfolgen flexibel, wodurch Schwankungen im Zeitverlauf bei der Verteilung der Ankäufe hinsichtlich der Anlageklassen und der Länder möglich sind,“ hieß es.

Konkret wich die EZB schon vor 2019 immer weiter von den eigentlich festgelegten Regeln ab: Für das PSPP galt anfangs eine strikte Orientierung am Kapitalschlüssel der EZB, Anleihekäufe sollten proportional zu den Anteilen der nationalen Notenbanken des Eurosystems an der EZB erfolgen. Schon vor der Coronakrise wurden jedoch bei den billionenschweren Anleihekäufen die Titel hochverschuldeter Euro-Staaten stark übergewichtet. Vor der Pandemie seien mehr italienische, belgische, spanische und französische Staatsanleihen erworben worden, als es das Grundgerüst der Käufe eigentlich erlaubt habe, ergab eine Untersuchung des Mannheimer Wirtschaftsforschungsinstituts ZEW und der Brigitte Strube Stiftung im Juli 2020.

Die Abweichungen vom Schlüssel seien auch nicht nur vorübergehend zu beobachten, sondern zeigten sich im Anleihebestand. Deutschland ist stark untergewichtet. Aufgrund der durch die Pandemie noch erhöhten und beschleunigten Käufe, könnte das Eurosystem Anfang nächsten Jahres schon ein Drittel der Staatsverschuldung im Euroraum halten, heißt es in der Studie unter dem Titel „Sliding down the slippery slope?“ 

An diesem Punkt reichte es nun dem Bundesverfassungsgericht: Im Mai 2020 widersprach es auch dem Europäischen Gerichtshof: Handlungen und Entscheidungen europäischer Organe seien offensichtlich nicht von der europäischen Kompetenzordnung gedeckt. Sie könnten daher in Deutschland keine Wirksamkeit entfalten. Ultra Vires – jenseits der Gewalten – heißt der rechtliche Begriff, mit dem die EZB sich außerhalb der europäischen Verträge begeben habe.

Auch der EuGH habe sich aus deutscher Sicht falsch verhalten, so der Vorsitzende Voßkuhle. Er sei seiner Kontrollaufgabe nicht nachgekommen und habe nicht erkannt, dass die Anleihekäufe im Verhältnis zu ihren Nebenwirkungen unverhältnismäßig seien. Zwischen März 2015 und Ende 2018 hatte die Notenbank rund 2,6 Billionen Euro in Staatsanleihen und andere Wertpapiere investiert. Die Deutsche Bundesbank ist mit etwas mehr als 26 Prozent der größte Anteilseigner der EZB. Entsprechend groß ist auch ihr Anteil an den faulen Papieren.

Ab Frühjahr 2020 war die nächste Krise schon in vollem Gang: Covid 19 hatte die gesamte Eurozone zu Lockdowns gezwungen. Also ging das Gelddrucken weiter: Im Juni 2020 beschloss die Die Europäische Zentralbank, Notkaufprogramm für Anleihen um 600 Milliarden Euro auf insgesamt 1,35 Billionen Euro aufzustocken. Die Mindestlaufzeit wurde bis Ende Juni 2021 verlängert. EZB-Präsidentin Christine Lagarde betonte, man werde so lange kaufen, wie es nötig sei.

„NextGenerationEU“ heißt das Corona-Wiederaufbau-Programm, auf das sich die europäischen Staatschefs dann im Juli 2020 zusätzlich einigten. Es hat ein Volumen von 750 Milliarden Euro, welche – und das ist ganz neu – die EU-Kommission, stellvertretend für die gesamte EU, am Kapitalmarkt aufnehmen soll.

Bis zu 0,6 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistungen sollen zusätzlich abgerufen werden können. 390 Milliarden Euro sollen als Zuschüsse und 360 Milliarden Euro als Kredite an die Mitgliedstaaten fließen. Dabei darf der Kredit, den ein Land der EU erhalten kann, den Höchstwert von 6,8 Prozent seines nationalen Bruttoinlandsproduktes (BIP) nicht übersteigen. Rückzahlbar sollen die 750 Milliarden bis 2058 sein…

Die Tilgung der gemeinsamen Schulden erfolgt im Falle von NextGenerationEU als feststehende Ausgabe aus dem EU-Haushalt. Es gibt daher zwar offiziell keine gemeinsame Haftung, wie sie bei Eurobonds bestehen würde. Deutschland soll wie die anderen Staaten nur über die Eigenmittel der EU haften, also die Beiträge auf Basis des Bruttonationaleinkommens, die es an den EU-Haushalt überweist. Das gilt allerdings nur, solange der Zusatzabruf der 0,6 Prozent des BiP nicht erfolgt.

Ob man das ‚Kind‘ nun Eurobonds nennt oder nicht, ist letztlich auch egal: Der Schuldenberg, für den die Mitgliedsstaaten Mitgliedsstaaten im Ernstfall haften müssen, müsste dann eben über entsprechend hohe Mitgliedsbeiträge abgetragen werden. Aber dazu wird es nicht kommen, denn das würde zu enormen Protesten führen. Also wird die Geldmaschine EZB immer mehr Geld drucken, Zahlungstermine für Kredite immer weiter in die Zukunft verschieben und keinen Staat Pleite gehen lassen.

Dazu passt auch der jüngste Beschluss der EZB vom Juni 2021: Die Anleihekäufe im Rahmen des Krisenprogramms sollten weiterhin „signifikant“ umfangreicher ausfallen als in den ersten Monaten des Jahres. Damit wolle sie „günstige Finanzierungskonditionen“ für die Unternehmen sicherstellen. Soll heißen: Die EZB reagiert auf einen Anstieg der Renditen am Markt für Staatsanleihen, der unter Umständen auch eine Verteuerung von Unternehmenskrediten bewirken und so den Aufschwung nach der Corona-Krise vorzeitig bremsen könnte. Zwar sieht sich die EZB im Moment mit steigenden Inflationsraten konfrontiert – hält diese aber für ein vorübergehendes Phänomen im Krisenausklang. Die Inflation in der Eurozone hatte im Mai erstmals 2 Prozent getragen. Mittelfristig glaubt die Zentralbank, dass die Raten wieder sinken.

Auch die Leitzinsen sollen unverändert bleiben, bis das Inflationsziel von 2 Prozent sicher erreicht sei, heißt es. Der Schlüsselsatz zur Versorgung der Geschäftsbanken mit Geld liegt bereits seit März 2016 auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Der Ökonom Friedrich Heinemann vom Forschungsinstitut ZEW hält das ebenso wie der frühere EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing für gefährlich: „Ob das Inflationsgespenst vorbeihuscht, wissen wir nicht“, sagte Issing. Die neue Strategie der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, vorübergehend ein Überschießen der Inflationsrate über das Inflationsziel von zwei Prozent hinzunehmen, sei „relativ inflationsanfällig“ – und: „Wenn ein Schiff durch den Nebel segelt, sollte man nicht das Steuer festbinden“.

Bleibt die Frage, ob es überhaupt noch kurzfristig möglich sein kann, Anleihekäufe zu stoppen und Zinsen steigen zu lassen. Der Schuldenberg von Staaten und auch ihrer Wirtschaft ist gerade wegen der lockeren Geldpolitik, zuletzt auch wegen der Corona-Stützungsmaßnahmen extrem gestiegen. Würden jetzt die Zinsen steigen, wären die Raten noch schwieriger zu tilgen.

Die Schuldenunion, die zwar offiziell immer bestritten wird, ist längst eingetreten – und das entspricht auch dem eigentlichen Willen der Architekten Europas. „Der Widerstand gegen Veränderungen wird in der Krise geringer,“ sagte der heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble im August 2020 der Neuen Westfälischen. „Wir können die Wirtschafts- und Finanzunion, die wir bisher nicht zustande gebracht haben, jetzt hinbekommen.“

Die Vereinigten Staaten von Europa, also. Grundsätzlich wäre es ja logisch, die EU so umzubauen, um ihr mehr Gewicht zu verschaffen. Aber die EU ist ein völlig anderes Konstrukt als die USA. Was sie hier tut, ist maximales Risiko – und der Erfolg ist bei weitem nicht garantiert. Nationalstaaten mit vielen Jahrhunderten Geschichte sprechen nicht nur unterschiedliche Sprachen und haben ganz unterschiedliche Regierungssysteme: Vor allem gibt es extreme Unterschiede in den nationalen Wirtschaftsleistungen und den Staatsschulden. Diese nicht stärker anzugleichen, bevor der Euro eingeführt wurde, war ganz sicher der größte Fehler ehrgeiziger

Politiker. Dazu kommen weitere Unterschiede: Während beispielsweise in Frankreich starke Gewerkschaften und nationale Proteste eine Anhebung des Rentenalters, das bei 62 Jahren für Männer und 58 für Frauen liegt, verhinderten, wird in Deutschland gerade das Renteneintrittsalter für alle mit 68 Jahren diskutiert. Bei einem engeren Zusammenwachsen der EU würden die Deutschen ganz sicher solche Unterschiede nicht mit tragen.

Allzu viele Mitgliedsländer der EU sind nicht eingetreten, weil sie Wirtschaftskraft beitragen könnten oder wollten, sondern weil sie viel Hilfe erwarten. Während man beispielsweise in Deutschland über selbst fahrende Autos streitet, fahren die Menschen in Rumänien immer noch mit Pferde- oder Ochsenkarren durch’s Land. Immer weniger starke Länder müssen in der Union Schulden für immer mehr schwache absichern. In dieser Situation mit immer höheren Schuldenbergen und unbegrenztem Drucken von Geld die gemeinsame Währung zu sichern, ist ein unüberschaubares Risiko.

Wenn es scheitert, sind alle pleite: Auch Deutschland.

Siehe auch:

Entwurf des EU-Haushaltes: Corona-Aufbau soll beginnen

Milliardenschwere Eurobonds: Erwarten uns 62 Prozent Haftung?

Die Lehre aus Zypern: Vertrauen ist Glückssache

Die Fed, die Zinsen, der Goldpreis und die Illusion eines freien Marktes

ESM-Finanzierungsgesetz

ESM: Rechtliche und finanzielle Analyse

Die globalen Währungsreserven in Dollar gehen zurück

Russland baut Dollar-Reserven ab

Updates:

Fed erwartet höhere Inflation, will aber erst 2023 die Zinsen erhöhen

Die Verteilung an die EU-Länder beginnt

EZB wird dominanter Investor bei europäischen Staatsanleihen

Entwurf des EU-Haushalts 2022: Der Aufbau nach Corona soll beginnen

Die Europäische Kommission hat einen EU-Haushalt in Höhe von 167,8 Mrd. Euro für 2022 vorgeschlagen, der durch Finanzhilfen in Höhe von schätzungsweise 143,5 Mrd. Euro über das Aufbauprogramm NextGenerationEU ergänzt werden soll. „Der durch NextGenerationEU flankierte Haushaltsentwurf 2022 lenkt Mittel dorthin, wo sie am meisten bewirken können. Dabei wird dem dringendsten Aufbaubedarf der EU-Mitgliedstaaten und unserer Partner weltweit Rechnung getragen,“ heißt es.

Der EU-Haushaltsentwurf 2022 umfasst die Ausgaben im Rahmen von NextGenerationEU, die durch Mittelaufnahmen an den Kapitalmärkten finanziert werden sollen, sowie die Ausgaben, die im Rahmen der langfristigen Haushaltsobergrenzen aus Eigenmitteln bestritten werden. Für letztere Ausgaben werden im Haushaltsentwurf für jedes Programm zwei Beträge vorgeschlagen: Mittel für Verpflichtungen und Mittel für Zahlungen. „Mittel für Verpflichtungen“ sind die Beträge, die in einem bestimmten Jahr vertraglich vereinbart werden können, „Mittel für Zahlungen“ entsprechen den Beträgen, die tatsächlich ausgezahlt werden sollen. Der vorgeschlagene EU-Haushaltsplan für das Jahr 2022 umfasst Mittel für Verpflichtungen in Höhe von 167,8 Mrd. Euro und Mittel für Zahlungen in Höhe von 169,4 Mrd. Euro. Alle Beträge sind in jeweiligen Preisen angegeben.

NextGenerationEU soll dazu dienen, nach der COVID-19-Pandemie eine grünere, stärker digitalisierte und widerstandsfähigere EU aufzubauen, die den gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen besser begegnen kann. Nach der Annahme des Eigenmittelbeschlusses durch alle EU-Mitgliedstaaten kann die Kommission nun beginnen, mithilfe von NextGenerationEU die nötigen Mittel für den Aufbau Europas aufzunehmen.

Folgende Vorschläge enthält der Budgetentwurf für 2022:

  • 118,4 Mrd. Euro an Finanzhilfen von NextGenerationEU im Rahmen der Aufbau- und Resilienzfazilität, um die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie abzumildern und die Volkswirtschaften und Gesellschaften der EU nachhaltiger und widerstandsfähiger zu machen und sie besser auf die Herausforderungen und Chancen des grünen und digitalen Wandels vorzubereiten.
  • 53,0 Mrd. Euro für die Gemeinsame Agrarpolitik und 972 Mio. Euro für den Europäischen Meeres-, Fischerei- und Aquakulturfonds‚ zugunsten der europäischen Landwirte und Fischer, aber auch um den Agrar- und Nahrungsmittelsektor sowie den Fischereisektor widerstandsfähiger zu machen und den notwendigen Spielraum für das Krisenmanagement zu schaffen. Der Europäische Landwirtschaftsfonds für die Entwicklung des ländlichen Raums (ELER) könnte zusätzlich mit 5,7 Mrd. Euro über NextGenerationEU ausgestattet werden.
  • 36,5 Mrd. Euro für regionale Entwicklung und Zusammenhalt, aufgestockt um weitere 10,8 Mrd. Euro über NextGenerationEU im Rahmen von REACT-EU zur Unterstützung der Krisenreaktion und Krisenbewältigung.
  • 14,8 Mrd. Euro zur Förderung unserer Partner und Interessen weltweit, davon 12,5 Mrd. Euro im Rahmen des Instruments für Nachbarschaft, Entwicklungszusammenarbeit und internationale Zusammenarbeit – Europa in der Welt (NDICI — Global Europe) sowie 1,6 Mrd. Euro für humanitäre Hilfe (HUMA).
  • 13,1 Mrd. Euro für Forschung und Innovation, davon 12,2 Mrd. Euro für Horizont Europa, das Leitprogramm der Union für Forschung. Hinzu kommen könnten 1,8 Mrd. Euro aus NextGenerationEU.
  • 5,5 Mrd. Euro für europäische strategische Investitionen, davon 1,2 Mrd. Euro für InvestEU für Schlüsselprioritäten (Forschung und Innovation, ökologischer und digitaler Wandel, Gesundheitswesen und strategische Technologien), 2,8 Mrd. Euro für die Fazilität „Connecting Europe“ zur Verbesserung der grenzüberschreitenden Infrastruktur und 1,2 Mrd. Euro für das Programm „Digitales Europa“ zur Gestaltung der digitalen Zukunft der Union. Zusätzlich könnte InvestEU 1,8 Mrd. Euro aus NextGenerationEU erhalten.
  • 4,7 Mrd. Euro für Menschen, sozialen Zusammenhalt und Werte, davon 3,4 Mrd. Euro für Erasmus+ zur Schaffung von Bildungs- und Mobilitätsmöglichkeiten für Menschen, 401 Mio. Euro für die Unterstützung von Künstlern und Kulturschaffenden in ganz Europa und 250 Mio. Euro für die Förderung von Justiz, Rechten und Werten;
  • 2,1 Mrd. Euro als Ausgaben für den Weltraum, hauptsächlich für das Weltraumprogramm der Union, das die Maßnahmen der Union in diesem strategischen Bereich zusammenführt.
  • 1,9 Mrd. Euro für Umwelt- und Klimapolitik, davon 708 Mio. Euro für das LIFE-Programm zur Unterstützung des Klimaschutzes und der Anpassung an den Klimawandel und 1,2 Mrd. Euro für den Fonds für einen gerechten Übergang, damit der grüne Wandel auch allen Vorteile bringt. Zusätzlich könnte der Fonds für einen gerechten Übergang 4,3 Mrd. Euro aus NextGenerationEU erhalten.
  • 1,9 Mrd. Euro für den Schutz unserer Grenzen, davon 780 Mio. Euro für den Fonds für integriertes Grenzmanagement (IBMF) und 758 Mio. Euro für die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache (Frontex).
  • 1,9 Mrd. Euro zur Unterstützung der Kandidatenländer und potenziellen Kandidatenländer bei der Erfüllung der Anforderungen des Beitrittsprozesses der Union, insbesondere über das Instrument für Heranführungshilfe (IPA III).
  • 1,3 Mrd. Euro für migrationsbezogene Ausgaben, davon 1,1 Mrd. Euro zur Unterstützung von Migranten und Asylsuchenden im Einklang mit unseren Werten und Prioritäten.
  • 1,2 Mrd. Euro für die Bewältigung der Herausforderungen im Bereich Verteidigung und gemeinsame Sicherheitspolitik, davon 950 Mio. Euro zur Unterstützung der Fähigkeitenentwicklung und der Forschung im Rahmen des Europäischen Verteidigungsfonds (EVF) sowie 232 Mio. Euro zur Förderung der militärischen Mobilität.
  • 905 Mio. Euro für die Gewährleistung des Funktionierens des Binnenmarkts, davon 584 Mio. Euro für das Binnenmarktprogramm, und knapp 200 Mio. Euro für Arbeiten in den Bereichen Betrugsbekämpfung, Steuern und Zoll.
  • 789 Mio. Euro für EU4Health, damit den Bedürfnissen der Menschen im Bereich Gesundheit umfassend Rechnung getragen werden kann , sowie 95 Mio. Euro für das Katastrophenschutzverfahren der Union (rescEU), damit im Krisenfall rasch operative Unterstützung geleistet werden kann. Zusätzlich könnte rescEU 680 Mio. Euro aus NextGenerationEU erhalten.
  • 600 Mio. Euro für Sicherheit, davon 227 Mio. Euro für den Fonds für die innere Sicherheit (ISF) zur Bekämpfung von Terrorismus, Radikalisierung, organisierter Kriminalität und Cyberkriminalität.

Ein Haiku auf die Schönheit des Supermondes

Heute Nacht sehen wir den zweiten Supermond des neuen Jahres. In einigen Teilen der Erde ist er verbunden mit einer Blutmond-Finsternis. Gerade schaut er wie ein Lampion durch mein Fenster und inspirierte mich.

Haiku ist eine sehr alte japanische Form des Gedichts. Bei einem Dreizeiler enthält Zeile eins 5, Zeile zwei 7 und Zeile drei wieder 5 Silben. Da die japanische Sprache sich jedoch sehr von unserer unterscheidet, ist diese Regel nicht unbedingt bindend.

Ich hab im Traum geweinet

Ein Gedicht, 1823 geschrieben von Heinrich Heine, vertont von Franz Schubert im Jahr 1840 und vorgetragen von Fritz Wunderlich (1930 – 1966). Fritz Wunderlich ist in Kusel/Rheinland-Pfalz geboren. Er starb bereits in jungen Jahren an den Folgen eines Treppensturzes.

Ich hab im Traum geweinet
Mir träumte du lägest im Grab
Ich wachte auf und die Träne
floss noch von der Wange herab

*
Ich hab im Traum geweinet
Mir träumt‘ du verließest mich
Ich wachte auf und ich weinte
noch lange bitterlich

*
Ich hab im Traum geweinet
Mir träumte du bliebest mir gut
Ich wachte auf und noch immer
strömt meine Tränenflut

Eine Liebe wie im Märchen: Prinz Philip und seine Königin

Sie war die einsamste Frau der Welt, als sie da in dieser uralten Kirchenbank saß, und ihr Volk weinte für sie.

Ja natürlich: Überall auf der Welt sterben täglich Menschen, trauern Partner, Kinder, Enkel. Und nicht alle lebten im Prunk, so wie diese beiden. Aber Elizabeth und Philip – das war etwas besonderes. Diese beiden lebten eine Liebe, wie sie sich Millionen von Menschen ein Leben lang erträumen, aber höchst selten finden. Sie lebten ein wahres Märchen in einer märchenhaften Kulisse.

Er war ein Königskind, fast wie sie. Aber Philip, Prinz von Griechenland und Dänemark erlebte in seiner Jugend Vertreibung und Heimatlosigkeit. Er ging zur britischen Marine, und machte dort aus eigener Kraft Karriere. Der junge Mann wusste, wie gut er aussah und war ehrgeizig. Er wollte hoch hinaus in der Marine, und hätte es ganz sicher auch geschafft.

Elizabeth Alexandra Mary war dazu bestimmt – oder verflucht? – Königin des großen Britanniens zu werden. Schon als sie ihren Cousin 3. Grades das erste Mal traf, da war sie 13, verliebte sie sich unsterblich in den 18jährigen, hoch gewachsenen, blonden Soldaten, der vor Selbstbewusstsein zu strotzen schien. Er war klug, elegant, von tadellosem Benehmen und hatte die Aura eines Abenteurers.

Die kleine Frau wusste von Anfang an, dass er der Mann ihres Lebens war. Sie schrieb ihm fast täglich – auch während des Zweiten Weltkriegs. Er konnte nicht anders, als sie auch zu lieben. Ihre Familie lehnte den Mittellosen ab, aber ‚Lillybeth‘ sagte ihrem Vater, dem König, dass sie niemals einen anderen Mann würde lieben können.

Der junge Offizier wusste, worauf er sich einließ. Noch am Tag vor der Hochzeit sinnierte er vor seiner Familie darüber, wie verrückt es war, sich an eine Kronprinzessin zu binden. Aber es gab kein zurück: 1947 nahm Philip die britische Staatsbürgerschaft an, zum Ende des Jahres heirateten die beiden in Westminster Abbey.

Viel zu früh starb Georg VI., Elizabeths Vater: Schon am 6. Februar 1952 musste die junge Frau den Thron besteigen. Ihre Krönung fand am 2. Juni 1953 in der Westminster Abbey statt. Für Philip, nun Duke of Edinburgh, bedeutete dies das Ende seiner Karriere und seines eigenständigen Lebens. Er war gerade Fregattenkapitän geworden und gewöhnt, zu befehlen. Nun musste er vor seiner Frau niederknien und ihr lebenslange Gefolgschaft schwören. Aus dem stolzen Offizier wurde ein Prinzgemahl.

Das alles geschah in einer Zeit, in der Frauen normalerweise zuhause waren, sich um Haus und Kinder kümmerten, die Männer das Geld verdienten und das Sagen hatten. So war diese Rolle für Philip wohl noch herausfordernder, als sie auch heute noch wäre. Aber die beiden fanden einen gangbaren Weg: Sobald sie hinter den Mauern von Schloss Windsor allein waren, änderten sich die Rollen. Philip ließ in die privaten Räume eine Küche einbauen. Dort brutzelte er am Wochenende Rührei, während seine Frau Tee kochte. Hier, im Privatleben, war er weiter der Mann, in den sich Elizabeth rettungslos verliebt hatte: Er war der Chef der Familie. Er konnte fordernd sein, herrisch und jähzornig – sie versuchte nicht, das zu ändern. Er liebte alles, was schnell war, so Flugzeuge oder schnelle Autos. Wenn er allzu rasant in die Kurven ging und die kleine Frau erschrak, wurde er wütend. Überliefert ist, dass er sie anherrschte: Wenn sie nicht aufhöre, seine Fähigkeiten als Fahrer anzuzweifeln, werde er anhalten und sie am Straßenrand stehen lassen…

Die Queen wusste um sein Statusbewusstsein und sorgte dafür, dass er nicht eines Tages durch das Hofprotokoll im Rang unter seinem Erstgeborenen landen würde. Sie vertraute ihm und schätzte seinen Rat. Er las alle ihre Reden und kritisierte bei Bedarf, ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Zu keinem Zeitpunkt war Philip illoyal. Er ging, wie das Protokoll es verlangte, drei Schritte hinter seiner Frau. Und obwohl es manchmal wohl hoch her ging zwischen den beiden: Es gibt tausende Fotos, in denen sie sich liebevoll anschauen, in dem ihr Strahlen ihn immer wieder bezauberte.

Ohne einander hätten sie ihren Alltag wohl nicht bis ins hohe Alter bewältigen können, wie sie es taten: Es kann grauenhaft langweilig sein, Königin und Prinzgemahl zu sein. Philip bezeichnete sich als Weltmeister im Enthüllen von Gedenktafeln, die Queen ist ganz sicher Weltmeisterin im Anhören endlos langer Reden – was an ihrem mitunter stoisch missmutigen Gesicht für alle erkennbar ist.

Vier Kinder, acht Enkel, zehn Urenkel – so viele Nachkommen bringt nicht jede Ehe hervor. Auch diese beiden machten Fehler in der Erziehung: Thronfolger Charles litt beispielsweise sehr an den harten, scheinbar gefühllosen Anforderungen seines Vaters. Elizabeth und Philip war es in Fleisch und Blut übergegangen, ihre Gefühle nach außen zu verbergen – sie waren Kinder ihrer Zeit und eines strengen Hofprotokolls. Aber sie hatten sich. Sie waren nicht nur Liebende: Sie waren beste Freunde, gegenseitige Förderer, loyale Berater, gegenseitige Bewunderer. „Er war in all diesen Jahren meine Stärke, mein Fels“, sagte Elizabeth bei der goldenen Hochzeit – und ihr Mann lächelte, wie immer ein wenig abweisend.

Oft gab Philip den Clown: Seine bissigen Bemerkungen trafen nicht immer den richtigen Ton. Aber er war vielleicht der einzige Mann in der Welt der Diplomatie, dem das verziehen wurde. Und das Volk liebte ihn für seine Art: Er war der Großvater der Nation.

Während der 99 Jahre alte Prinzgemahl im Krankenhaus um sein Leben kämpfte, taten Enkel Harry und seine Gattin im fernen Amerika das ihre, um für zusätzliche Aufregung zu sorgen und das Königshaus unter anderem mit Rassismus-Vorwürfen in Misskredit zu bringen. Philip kam zurück nach Windsor, um zu sterben, aber die beiden realisierten das offensichtlich nicht. Es gab noch mehr Krisen im langen Leben des Paares: Die enge Freundschaft ihres Sohnes, Prinz Andrew zu Jeffrey Eppstein, dem systematischer Missbrauch von Jugendlichen vorgeworfen wird, war nur einer davon.

„Es war ein echtes Wunder“ wird Elisabeth zitiert, die im Kreise der Familie dem Auszug ihrer großen Liebe aus seinem Körper beiwohnte. „Es war, als ob ihn jemand abholte. Er ging friedlich und gerne mit.“ Das war zwei Monate vor seinem 100. Geburtstag.

Am 21. April wird die kleine Frau 95 Jahre alt. Sie plant bisher nicht, sich von ihrem Amt zurück zu ziehen, denn auf ihre Art ist sie eine Soldatin wie ihr Mann: Sie sieht sich in der Pflicht bis zu ihrem letzten Atemzug. So muss sie jetzt ohne ihre Stärke und ihren Fels weiter gehen in einer Welt, in der Königshäuser immer mehr an Bedeutung verlieren und immer öfter in der Kritik stehen.

Ihr treuer Gefährte wartet auf sie in der Gruft von St. George’s Chapel. Erst wenn auch sie gestorben und verabschiedet worden sein wird, werden ihrer beider Särge in die King George VI. Memorial Chapel gebracht. Dort werden sie, die in mehr als 73 Jahren Ehe zu einem vollständigen Ganzen verwachsen waren, nebeneinander ihre ewige Ruhe finden.

 

Jeff Bezos: Reichster Mann der Welt durch ein Menschen verachtendes System

„Amazon ist ein riesiges Unternehmen, das in den vergangenen Jahren rasant gewachsen ist und Gewinne macht. Das freut uns Mitarbeiter – aber wir wollen auch daran beteiligt werden,“ sagte anonym ein Mitarbeiter des Onlinehändlers im Juni 2020 dem „Spiegel„. „Ich wurde vor einiger Zeit am Knie operiert, daraufhin bin ich sechs Wochen ausgefallen. Als ich zurück im Betrieb war, wurde von mir erwartet, dass ich direkt wieder funktioniere wie zuvor. An manchen Tagen muss ich bis zu 30 Kilometer durch die Hallen laufen und Waren transportieren…“

Seit 27 Jahren gibt es den Onlinehändler Amazon. Jedes Jahr wird er größer, internationaler und weltumspannender. Jeff Bezos, Gründer und CEO des US-Unternehmens, wurde 2019 geschieden. Seine Ehefrau bekam ein Viertel der Aktien. Trotzdem hält Bezos weiterhin den Titel des reichsten Mannes der Welt: Er besitzt 177 Milliarden Dollar. Das sind 47 Milliarden mehr als im Vorjahr. 47 und 9 Nullen… Auf welche Weise all dieses Geld erwirtschaftet wird, hinterlässt jedoch mehr als ein Geschmäckle: Amazon ist ein Menschen verachtendes System voller Unterdrückung, das so wenig wie möglich an die Gesellschaft zurück gibt.

Letztes Jahr ließ Jeff Bezos sich für eine großzügige Spende feiern: Er kündigte an, zehn Milliarden US-Dollar für den Kampf gegen den Klimawandel zu spenden und eine neue Initiative mit dem Namen „Bezos Earth Fund“ zu starten. Im Jahr 2019 kündigte er an, sagenhafte 98,5 Millionen Euro an Obdachlose zu spenden… Angesichts der Tatsache, dass Bezos als großer Profiteur der Corona-Krise in einem einzigen Jahr um fast 50 Milliarden Euro reicher geworden ist, wirken seine Spenden wie lächerliche Feigenblätter. Fühlbar sind sie für ihn nicht.

Gleichzeitig ist sein global agierender Konzern Weltmeister beim Steuersparen: 2017 und 2018 zahlte er in den USA keinen Cent. 2019 waren es 1,2 Prozent. Das, obwohl der Konzern einer der wertvollsten der Welt ist. In Europa verhält sich Amazon ebenso. Obwohl im Jahr 2020 der Umsatz des Online-Händlers um mehr als ein Drittel gestiegen ist, legt die Amazon EU S.à r.l., die aus dem EU-Steuerparadies Luxemburg operiert, einen Verlust von 1,2 Milliarden Euro vor. Der Amazon Watchblog beobachtet das Geschäftsgebaren des Konzerns genau und hat einen Fachmann befragt: „Amazon könnte genauso gut einen hohen Überschuss für das Handelsgeschäft in Europa ausweisen – einmal abgesehen davon, dass es sich bei den Amazon-Sparten um kaum trennbare Verbundgeschäfte handelt. Insgesamt könnten durch Vorabschöpfungen wohl rund sieben Mrd. Euro auf das Handels- und Marktplatzgeschäft in Europa gegengerechnet werden, wodurch sich das Handelsgeschäft ohne Marktplatz anteilig gerechnet mindestens um 2,5 Mrd. Euro besser darstellen würde,“ rechnet Amazon-Experte Professor Gerrit Heinemann vor.

Die EU, wo Amazon aus Luxemburg und Irland operiert, das ebenfalls viele Steuervorteile bietet, steht der Rechnerei relativ hilflos gegenüber: 2017 verlangte die für Wettbewerbspolitik zuständige EU-Kommissarin Margrethe Vestager von Luxemburg eine Steuernachzahlung in Höhe von rund 250 Millionen Euro zuzüglich Zinsen wegen der Gewährung unzulässiger Steuervorteile für Amazon. Dadurch habe das Unternehmen seit 2003 drei Viertel seiner Gewinne nicht versteuern müssen. Eine lächerliche Strafe angesichts der enormen Summen, die der Konzern durch die Politik Luxemburgs sparen konnte.

Seit 2015 verbucht Amazon seine in Deutschland gemachten Gewinne auch in Deutschland. Das hat nicht viel geholfen, denn der Konzern vermischt immer wieder Zahlen verschiedener Sparten, um echte Gewinne zu verschleiern. 2019 wurden Gesamteinnahmen aus allen Aktivitäten in Deutschland in Höhe von 19,9 Milliarden Euro (22,323 Milliarden US-Dollar) erwirtschaftet. Amazon beschäftigt hierzulande rund 20 000 Mitarbeiter. Das niedrigste Gehalt liegt bei 1998 Euro für einen einfachen Versandmitarbeiter. Die direkt anfallenden Steuern, Abgaben und Sozialversicherungsbeiträge beliefen sich laut Amazon auf insgesamt 261 Millionen Euro. Wie viel davon Sozialversicherungsbeiträge waren, gibt das Unternehmen aber nicht bekannt. Gewinne werden möglichst umgehend reinvestiert. Steuern hat Amazon in Deutschland bezahlt. Wie hoch diese waren, ist unbekannt.

In einem Blog-Beitrag des Unternehmens heißt es, Amazon leiste einen „steuerlichen Gesamtbeitrag von 1,6 Milliarden Euro“ in Deutschland. Allerdings berücksichtigt das Unternehmen außer den Sozialabgaben in dieser Rechnung auch die von den Kunden gezahlten Umsatzsteuern und von den Mitarbeitern gezahlte Lohnsteuern.(!) Unterm Strich, so berechnete Steuerexperte Christoph Trautvetter für „Plusminus“, dürften die Steuern auf Erträge in Deutschland noch unter 100 Millionen Euro liegen.

Bisher hat es der Onlinehändler geschafft, Gewerkschaften fern zu halten. Nun könnte sich das ändern. In Bessemer, Alabama, gab es erstmals eine Abstimmung. Zurzeit wird noch ausgezählt. Im Vorfeld wurde ein weiteres unrühmliches Detail der Arbeitsbedingungen bekannt: Seit Jahren kursieren Berichte über Amazon-Lieferfahrer, die aus Zeitdruck nicht zur Toilette gehen können und deshalb in Flaschen urinieren. Der Konzern schoss in zurück: „Sie glauben nicht wirklich die Sache mit dem in die Flasche pinkeln? Wenn das wahr wäre, würde niemand für uns arbeiten.“ Das US-Portal „Buzzfeed“ veröffentlichte wenig später Dienstanweisungen einer für Amazon tätigen Lieferfirma, in denen Fahrer dazu aufgerufen wurden, „Urinflaschen“ nach Schichtende aus ihren Vans zu entsorgen. Das Investigativportal „The Intercept“ postete Dokumente einer Amazonlogistics-Managerin: In Lieferzentren würden keine Tüten mit „menschlichen Fäkalien“ geduldet. In den sozialen Medien wurde eine Flut von Beweisfotos gepostet.

Das führte dazu, dass Amazon am Karfreitag kleinlaut zurückrudern musste. Der Handelskonzern kündigte an, das Urinflaschen-Problem lösen zu wollen.

Auch in Deutschland hat Amazon seit Jahren Ärger wegen der Arbeitsbedingungen. Hier gibt es zwar Betriebsräte, aber die Gewerkschaft Verdi fordert einen Tarifvertrag für die Beschäftigten. Seit 2013 wird deswegen immer wieder gestreikt, und immer mit überschaubaren Auswirkungen.

Im Oktober 2020 berichtete das Magazin Panorama im Ersten über die permanente Überwachung der Amazon-Mitarbeiter: Dokumente, die dem NDR vorliegen, belegten erstmalig: Genutzt wird dafür eine Software des Warenwirtschaftssystems. Am Ende entscheide auch die durch die Software gemessene Schnelligkeit, wer beschäftigt wird oder nicht, so der Vorarbeiter. Die Schnellen bleiben, die eher Langsamen müssen gehen. Die Folge: eine kontinuierlich steigende Durchschnitts-Rate, an der sich die Beschäftigten zu orientieren haben. Wer heute noch schnell genug ist, um weiter beschäftigt zu werden, kann schon morgen zu langsam sein – und damit vor dem Aus stehen.

An sogenannten Freisetzungstagen wird den Mitarbeitern mitgeteilt, ob ihr befristeter Vertrag ausläuft oder verlängert wird. Der Vorarbeiter berichtet: „Man hat die Unterlagen vor sich, die Security steht bereit, falls es Probleme gibt. Denn wenn mehrere Leute gleichzeitig gehen mit schlechter Laune, kann es natürlich auch mal zu verbalen Auseinandersetzungen oder auch zu Handgreiflichkeiten kommen.“

Gegen dieses Messungs-Verfahren geht die zuständige niedersächsische Landesbeauftragte für den Datenschutz vor und hat Amazon in einem Teilbescheid vom 28. Oktober 2020 die Nutzung untersagt, der Bescheid ist allerdings noch nicht bestandskräftig. Amazon Winsen dürfe demnach nicht „ununterbrochen jeweils aktuelle und minutengenaue Quantitäts- und Qualitätsleistungsdaten ihrer Beschäftigten erheben und diese nutzen.“ „Anders als die Behörde sind wir der Meinung, dass auch die Art und Weise der Datenerhebung rechtmäßig ist“, äußerte sich ein Amazon-Sprecher. Man wolle die Entscheidung gerichtlich überprüfen lassen.

Das gesamte Prüfverfahren gegen Amazon – unter anderem zu Fragen im Hinblick auf die Datenübermittlung an Drittländer und zum Verzeichnis der Verarbeitungstätigkeiten – sei noch nicht abgeschlossen, sagte der Sprecher der Datenschutz-Behörde. „Bislang wurde noch kein Bußgeld verhängt, die LfD Niedersachsen geht aber davon aus, dass sie voraussichtlich ein Ordnungswidrigkeitenverfahren einleiten wird.“

Netzpolitik.org detailliert die Maßnahmen, denen Amazon-Mitarbeiter ausgesetzt sind:

  • Mitarbeiter in den Logistikzentren dürfen keine persönlichen Gegenstände mit in das Gebäude nehmen und müssen ihre Sachen inklusive Handy abgeben. Geld dürfen sie in einem klaren Plastikbeutel aufbewahren.
  • Die vielerorts installierten Kameras sollen nicht nur unter anderem Diebstähle verhindern, sondern auch jede Form der Absprache und Organisation der Beschäftigten (etwa in Gewerkschaften). Große Bildschirme in Lagerhallen sollen außerdem Aufnahmen von Beschäftigten zeigen, die beim Klauen erwischt worden sind.
  • Scanner messen die Leistung der Logistik-Mitarbeiter, etwa wie viele Sekunden eine Beschäftigte für das Füllen eines Regals braucht. Verstößt ein Mitarbeiter zu oft gegen die straffen Vorgaben, erhält er Warnungen und wird gekündigt. Dieses Verfahren wurde bereits mehrfach beschrieben und kritisiert – auch in österreichischen Amazon-Lagern. In Großbritannien sollen Amazon-Arbeiter 2018 aus Zeitdruck sogar den Gang zur Toilette vermieden und stattdessen in Flaschen uriniert haben.
  • Amazon analysiere mit einer speziellen Software verschiedene Kriterien, um herauszufinden, in welchen Filialen seiner Lebensmittelkette Whole Foods sich womöglich Mitarbeiter gewerkschaftlich organisieren könnten. Ausgewertet wird unter anderem die Loyalität und ethnische Vielfalt der Mitarbeiter, die örtliche Nähe zu einem Gewerkschaftsbüro, die von der Arbeitsschutzbehörde registrierten Verstöße und die Arbeitslosenquote vor Ort. Auch über dieses System, das mit Heatmaps dargestellt wird, wurde schon im April berichtet.

Nicht nur nach innen, sondern auch nach außen übt der Onlinehändler Druck aus: „Amazon lockt Kunden mit günstigen Preisen. Händler stehen auf der Handelsplattform im gnadenlosen Wettbewerb und immer wieder stellen Händler fest, dass das Einkaufswagenfeld für ihre Produkte plötzlich fehlt und die so kaum zu finden sind. In der ARD-Sendung Plusminus am 7. April 2021 berichten ein Verkäufer handgemachter Taschen aus Leder und eine Frau, die ein nachhaltiges Kartenspiel erfunden hat und es weitgehend über Amazon vertreibt: Sie kann ihren UVP von 16,99€, der bei Kartenspielen dieser Art nicht hoch ist, bei Amazon nicht eingeben, weil dann ihr Einkaufskorb verschwindet und es aussieht, als sei das Produkt nicht kaufbar. Dem Taschenhändler geht es ähnlich: Er will den Verkaufspreis erhöhen, weil die Rohware teurer wurde – der Warenkorb verschwindet.

Beide probieren aus, wie sie den Warenkorb wieder bekommen und kommen zu selben Ergebnis: Sie müssen ihren Preis deutlich senken. Und ein weiteres „Problem“ wird bekannt: Manchmal komme es vor, dass Amazon Ware im Lager ‚verliere‘, berichtet der Taschenverkäufer. Dann zahle das Unternehmen eine Entschädigung in einer von ihm selbst festgelegten (niedrigeren) Höhe. Tauche die Ware dann wieder auf, verkaufe Amazon sie selbst – zu einem auch selbst festgelegten Verkaufspreis. Damit tritt der Großhändler gegen den Kleinen in direkte Konkurrenz und kann Preise bis hinein in die Ladenstraßen diktieren: „Die lokalen Abnehmer unserer Karten sehen ja auch, dass sie bei Amazon billiger sind. Das heißt, wir können auf Dauer unseren UVP nicht mehr halten.“

Bisher ist es der EU nicht gelungen, eine Digitalsteuer einzuführen, was auch am Widerstand der USA scheiterte. Jetzt gibt es vielleicht einen Weg, der allen Ländern einen Vorteil bringt: US-Präsident Joe Biden und seine Finanzministerin Janet Yellen schlagen eine globale Unternehmenssteuer vor. Die könnte Steuerschlupflöcher stopfen. Kommentar Jeff Bezos: „Wir unterstützen eine Anhebung des Unternehmenssteuersatzes“…

Siehe auch:

Forbes-Liste 2021: Covid 19 hat die Reichsten noch reicher gemacht

Amazon ist angetreten, die Handelswelt das Fürchten zu lehren

Shitstorm über Amazon: ARD berichtet zur Situation der Leiharbeiter

Forbes-Liste 2021: Covid 19 hat die Reichsten noch viel reicher gemacht

Jedes Jahr interessant zu lesen ist die Liste der reichsten Menschen der Welt, zum 35. Mal herausgegeben vom Magazin Forbes. 13,1 Billionen Dollar besitzen diese Menschen zusammen gerechnet…

Es gibt 439 neue Namen auf der Liste, 210 davon aus China und Hongkong, 98 aus den USA. 250 Personen sind aus der Liste heraus gefallen. 86 Prozent aller Milliardäre haben ihr Vermögen 2020 teils deutlich gesteigert. Mit 724 Personen kommen noch immer die meisten Milliardäre aus den USA, aber China holt auf: Von 698 Milliardären sind 71 aus Hongkong und einer aus Macao. 628 Milliardäre kommen aus Europa, in 2020 waren es 511. Zusammen halten sie drei Billionen Dollar und sind um eine Billion reicher als im Vorjahr. Man sehe, dass die Pandemie den Superreichen nicht geschadet habe, kommentiert Forbes. In Indien leben insgesamt 140 Milliardäre, in Russland 117.

Nicht ganz überraschend ist die Spitze der weltweiten Liste: Hier hält sich auch 2021 der Amazon-CEO Jeff Bezos, gefolgt von Elon Musk (Tesla, Space X), der Familie Bernard Arnault (Luxusgüter, Frankreich), Bill Gates (Microsoft) und Mark Zuckerberg (Facebook). Umso interessanter ist jedoch die Gesamtentwicklung unter dem Eindruck der weltweiten Wirtschaftskrise, die durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie entstanden ist. Hier gab es ganz neue Profiteure. Da der rechnerische Reichtum je nach Börsenentwicklung ständig variiert, kann er nun auch tagesaktuell nachvollzogen werden.

Jeff Bezos‘ Reichtum hat sich durch die Krise deutlich gesteigert, da weltweit Menschen mangels Einkaufsmöglichkeiten vor Ort im Netz bestellt haben: Sein Vermögen stieg auf 177 Milliarden Dollar. Ihm folgen Elon Musk (Tesla, Space X), dessen Börsenwert steil auf 151 Milliarden Dollar gestiegen ist, Familie Bernard Arnault mit 150, Bill Gates mit 124 und Mark Zuckerberg mit 97 Milliarden.

Die Plätze 6 bis 10 belegen US-Investor Warren Buffet (96), Larry Ellisson (USA, Software) mit 93, Larry Page (USA, Google) mit 91,5, Sergey Prin (USA, Google) mit 89 und Mukesh Ambani (Indien, Mischkonzern) mit 84,5 Milliarden Dollar. Familie Carlos Slim Helu (Telecom Tycoon, Mexiko), die vor wenigen Jahren die Liste noch anführte, liegt jetzt auf Platz 16 mit 62,8 Milliarden. MacKenzie Scott, der 2019 bei der Scheidung von Jeff Bezos ein Viertel der Amazon-Aktien zugesprochen wurden, spendete 2020 zehn Prozent ihres Vermögens und liegt jetzt mit 53 Milliarden Dollar auf Platz 22. Dieter Schwarz (Lidl), der reichste Deutsche, ist 36,9 Millarden schwer und steht damit auf Platz 38 der Forbes-Liste.

Nach Deutschland ist Frankreich ein Hotspot der Milliardäre. Die reichsten dort erwarben ihr Vermögen über Luxusgüter, während die reichsten Deutschen ihr Geld über die Lebensmittel Discounter Lidl und Aldi erwirtschafteten. In Deutschland gibt es jetzt 136 Milliardäre; 2020 waren es 107. Zusammen halten sie 625 Milliarden Dollar (447 in 2020). Neben den alten Bekannten von Lidl, Aldi, BMW und anderen finden sich hier auch Namen, die im Corona-Jahr ganz neue Bedeutung bekamen: Ugur Sahin (BionTech) wird mit 4 Milliarden Dollar gelistet. Clemens Tönnies und Sohn Maximilian, deren Schlachtbetriebe im letzten Jahr viel unrühmliche Aufmerksamkeit auf sich zogen, haben einen Wert von 1,6 Milliarden Dollar. Lutz Mario Helmig, Gründer der Helios-Krankenhaus-Gruppe, besitzt 2,1 Milliarden. Ralph Dommermuth, Gründer von United Internet (vormals 1&1), hat inzwischen einen Wert von 4,3 Milliarden Dollar. 5 Milliarden schwer ist Bernard Broermann, Gründer der Asklepios-Kliniken. Mathias Döpfner, dem Friede Springer ihre Aktien schenkte, ist mit einem Vermögen im Wert von 1,3 Milliarden Dollar gelistet.

Sehr viele Menschen sind im letzten Jahr an Covid 19 reich geworden; sei es nun über Masken und Schutzausrüstung, über Impfstoffe und Medikamente oder über Teile von medizinischer Ausrüstung. Insgesamt 439 Milliardäre, so Forbes, seien in diesem Bereich dazu gekommen. Die ersten 40 werden gesondert aufgezählt: 6,1 Milliarden Dollar machte Li Jianquan & family (China) unter anderem mit der Herstellung von Masken und Schutzanzügen. 4,3 Milliarden schwer ist Stéphane Bancel, CEO von Moderna (USA). Mit 3,3 Milliarden gelistet ist Liu Fangyi, dessen Unternehmen unter anderem Schutzhandschuhe produziert. Der Wert Uğur Şahins (BionTech) steigt rasant: am 7. April 2021 sind es schon 4,9 Milliarden Dollar.

Yuan Liping, Teilhaber eines chinesischen Unternehmens, das eine Produktions-Kooperation mit Astra-Zeneca hat, besitzt 3,6 Milliarden. Das Unternehmen des Chinesen Hu Kun produziert technische Teile zur Behandlung von Lungenerkrankungen. Er ist mit 2,4 Milliarden Dollar gelistet. Karin Satorius Herbst (2,4 Milliarden) und ihre Schwester Ulrike Baro (1,5 Milliarden Dollar) produzieren Laborzubehör für Covid 19-Tests. Noubar Afeyan (USA, 1,9 Milliarden) ist Mitgründer von Moderna und in zahlreiche andere Biontech-Aktien investiert. In dieser Art geht die Liste weiter. Alles, was mit Schutzausrüstung, Tests, Impfstoff und dessen Produktion, sowie technischer Ausrüstung zur Behandlung der Erkrankung zu tun hat, erwies sich als Goldgrube.

Und noch ein Bereich wächst im Rekordtempo: Die Krypto-Währungen. Die Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss hatten das Potential früh erkannt, schon 2012 begonnen, Bitcoin zu kaufen und besitzen jetzt jeder 3 Milliarden Dollar. Sam Bankman-Fried ist der reichste Krypto-Milliardär (8,7 Milliarden). Der 29jährige gründete Alameda Research und die Derivaten-Börse FTX. Überwiegend junge und ausschließlich Männer tummeln sich an der Spitze dieses risikoreichen Geschäfts.

72 Prozent, eine Rekordzahl von 1 975 Milliardären haben ihr Vermögen nicht geerbt, sondern aus eigener Kraft erreicht (selfmade). Im Vorjahr waren es noch 1 457  oder 70 Prozent. Zwei Drittel der Frauen zählen dazu.

Der jüngste Milliardär auf der Forbes-Liste ist 18. Kevin David Lehmann (Deutschland) gehören 50 Prozent der dm-Markt-Kette, was ihm einen Wert von 3,3 Milliarden Dollar verschafft. Der älteste Milliardär ist der 99jährige George Joseph, Gründer des US-Versicherungsunternehmens Mercury General. Ihm gehören 1,9 Milliarden Dollar. Die reichste Frau auf der Liste ist Francoise Bettencourt Meyers, Enkelin der Gründerin und Erbin von L’Oreal, Frankreich (73,6 Milliarden Dollar). Mit 22 Jahren die jüngste Frau unter den Milliardären ist Kylie Jenner (USA). Sie erreichte ihren Erfolg über ein von ihr gegründetes Kosmetik-Unternehmen. Um 300 Plätze nach unten auf Platz 1299 fiel auf der Liste Ex-Präsident Donald Trump. Sein Vermögen sank von 3,5 auf 2,4 Milliarden Dollar.

Ein Haiku auf die März-Nachtigall

Es ist die Nacht zum 27. März. Am Sonntag, wenn die Sommerzeit beginnt, wird der Mond voll sein, aber schon heute leuchtet er aus vollen Kräften vom klaren Nachthimmel. Obwohl die Temperaturen noch im niedrigen einstelligen Bereich liegen, singt gerade aus vollem Herzen draußen die Nachtigall – so früh im Jahr, wie ich sie noch nie gehört habe. Sie inspirierte mich zu einem Haiku in zwei Versen

Haiku ist eine sehr alte japanische Form des Gedichts. Bei einem Dreizeiler enthält Zeile eins 5, Zeile zwei 7 und Zeile drei wieder 5 Silben. Da die japanische Sprache sich jedoch sehr von unserer unterscheidet, ist diese Regel nicht unbedingt bindend.

„Du liebst China nicht, du sprichst wie ein Teufel mit gespaltener Zunge“

Nur Stunden nach der Fertigstellung des untenstehenden China-Artikels sah ich auf Facebook ein kleines Video über ein tibetisches Mädchen, das laut Autor in der Provinz Sichuan lebt. Sichuan hat eine gemeinsame Grenze mit Tibet. Das Unternehmen China Plus Culture postet täglich neue, schöne Fotos oder Videos von Menschen, Tieren, Landschaften und allem schönen in China. Ich beschloss, über die Kommentare ein Gespräch zu versuchen. Hier das Ergebnis:

Der Original-Dialog in Facebook.

Ich frage: Wieso lebt ein tibetisches Mädchen in Sichuan?

Antwort: Bitte poliere mal deine Geografie-Kenntnisse auf. Sehr viele Tibeter leben in den angrenzenden chinesischen Regionen, seit ÄONEN.

Ich: Kein Grund, aggressiv zu sein: Immerhin ist bekannt, dass China zahlreiche Tibeter gezwungen hat, im Hauptland zu leben und zu arbeiten, damit sie chinesischer werden…

Antwort: Kein Grund, defensiv zu werden, verbunden mit deinen wiederholten substanzlosen Lügen verkaufst du deine Landsleute für blöd.

Ich (jetzt ärgerlich): Ich bin alles andere als defensiv. Was China Tibet antut, ist eine internationale Schande! Und du solltest dich für den Versuch schämen, uns verkaufen zu wollen, dass alle Tibeter ein glückliches Leben führen!

Antwort: Lügen zu wiederholen und darauf zu bestehen, macht sie noch lange nicht wahr. Schäme dich dafür, dass man dich so leicht in die Irre führen kann!

Ich: Leider bist du es, der in die Irre geführt und gehirgewaschen wird. Glaubst du wirklich, die ganze Welt ist blind, nur weil China das so will? Wir sehen, was passiert, weil wir freie Medien haben. Wir werden nicht vergessen, was passiert ist, auch wenn es mehr als 60 Jahre her ist. Wir laden den Dalai Lama persönlich ein, um ihm zuzuhören. Ich sah ihn zweimal. Wie könnt ihr es wagen, die ganze Welt zu belügen?

Antwort: Jetzt mal zurück zur Frage warum ein tibetischen Mädchen in Sichuan lebt. Wie war das denn mit den Briten in Indien? Was hat Indien gelernt, nachdem es von Churchill und den Briten massakriert wurde? Solche Taten der Geschichte sollte man nie vergeben und vergessen. Aber du lässt sie ganz bequem beiseite und wiederholst Lüge um Lüge.

Ich: Ja, du hast Recht: England hatte in Indien nichts zu suchen – ist aber auch gegangen. England hatte auch in Hongkong nichts zu suchen – und ging ebenfalls. Und China unterzeichnete einen Vertrag über zwei Systeme in einem Staat, erfunden von Deng Xiaoping, der bis 2047 dauern sollte, aber 2020 von China gebrochen wurde. Hongkong wird nie wieder frei sein. Das ist der Unterschied, verstehst du? Warum zum Beispiel dürfen die Tibeter ihre Gebetsfahnen nicht mehr aufhängen, so wie sie es in ihrer Geschichte immer getan haben? Warum hat China so eine Angst vor allen Menschen, die anders denken als die Regierung? China ist so ein riesiges Land, so schön, mit so viel Platz und einer enormen Wirtschaftskraft – aber andere Kulturen behandelt es nicht souverän. Als ich in China war, liebte ich euer Land, und ich bewundere bis heute eure weise historische Kulturgeschichte. Auch darum enttäuscht mich diese Art zu denken, so sehr.

Antwort: Die Briten sind aus Hongkong rausgeschmissen worden! Hör auf, mir so einen Müll zu erzählen! Als ob du Hongkong so sehr lieben würdest, dass du dich um seine Freiheit sorgst! Du spricht doch nur für dich selbst. Nein, du liebst China nicht, du sprichst mit gespaltener Zunge, so wie der Teufel, der du bist.

Ich: Ich weiß, du must so antworten, denn das ist die offizielle Sichtweise. Wenn die Briten aus Hongkong rausgeschmissen worden wären; warum hätte dann Deng Xiaoping seine Zeit verschwendet um den Plan mit zwei Systemen in einem Staat zu entwickeln? Ich persönlich glaube, es ist falsch, andere Länder zu kolonialisieren. Wenn beispielsweise ein Land Wasserressourcen braucht, die auf dem Territorium eines anderen Landes liegen, kann es einen ordentlichen Vertrag unterschreiben, in dem das Teilen des Wassers geregelt wird. Europa hat vor 150 Jahren viele falsche Entscheidungen getroffen. Aber Europa hat daraus gelernt: Es ist nicht klug, andere, sogar gegenteilige Meinungen und Werte zu zerstören, denn damit werden auch Ressourcen vernichtet, mit denen man gemeinsame Ziele verfolgen könnte. Ja, dann muss man viele Gespräche führen und es dauert lange. Aber weniger Menschen werden derart gedemütigt, dass sie an nichts anderes mehr denken können, als an Rache, statt ein gemeinsames Gebäudes aus gleichen Zielen zu bauen. Es tut mir leid, dass du mich für einen Teufel hältst. Wie schade, dass wir uns nicht persönlich treffen können. Du könntest mit eigenen Augen sehen, dass andere Länder keine Teufel sind. Wir werden niemals diese EINE Menschheit bilden, die die Fähigkeit hat, unseren Planeten zu retten, so lange Regierungen das nicht wollen und die Leute sich weigern, ihre eigenen Augen und Ohren, ihren eigenen Verstand zu gebrauchen.

Siehe auch den jetzt folgenden Beitrag über China, seine Nachbarn und die Welt

China, seine Nachbarn und die Welt: Ein leises Netz wird immer dichter

Schon als sehr junger Mensch war ich begeistert von China. In der Schule lernten wir viele verschiedene Denkweisen, in alle stürzte ich mich mit offenem Geist. Während wir uns mit Nihilismus und Existentialismus auseinandersetzten, kursierte unter uns die Mao-Bibel. Wir lasen die Worte des großen Vorsitzenden, denn anderen direkten Zugang zum Kommunismus gab es für uns nicht. Er wurde gelehrt, aber wir konnten ihn nicht von innen ansehen.

Als ich 18 war und das Abitur in der Tasche hatte, träumte ich von einem Studium der Sinologie, wollte Mandarin lernen und Simultanübersetzerin werden, denn mir war klar: Ein Land mit derart vielen Menschen wird expandieren und auf die eine oder andere Art mit allen Nationen dieser Erde in Kontakt sein. Es sollte nicht sein. Mein Vater verlangte, ich solle gefälligst arbeiten gehen solle, bis ich Kinder bekommen und ohnehin Hausfrau werden würde. Ich ging also arbeiten und träumte weiter vom Land der Mitte. Ich befasste mich mit Feng Shui, mit traditioneller chinesischer Medizin, mit dem Taoismus und dem frühen Buddhismus in dem Land mit dieser Jahrtausende alten Hochkultur. Als ich schließlich gutes Geld verdiente, erfüllte ich mir einen Jugendtraum: Ich organisierte zusammen mit einem Veranstalter eine Gruppenreise nach China mit einem Programm meiner Wahl.

Es war im November vor mehr als 20 Jahren, als wir schließlich nach einem ellenlangen Flug in Peking landeten. Die untergehende Sonne tauchte die Smog-Glocke über der Stadt in ein mystisches Licht, das uns während des gesamten Aufenthaltes begleitete. Ich liebte die kaiserlichen Anlagen, fotografierte wie wild die herrliche Deckenmalerei in den Wandelgängen, bestaunte die winzigen Betten der Konkubinen. Wir sahen riesige Gewürzmärkte, besuchten eine traditionelle chinesische Apotheke, ein entsprechendes Krankenhaus und die Altstadt von Peking, wo ich einem alten Hobbymaler eine Federzeichnung von Bambus mit einem Gedicht dazu abkaufte: „Der Bambus ist unzerstörbar, denn er beugt sich, wenn der Sturm kommt, statt an ihm zu zerbrechen.“ Die Eiche sei das falsche Modell, lächelte der kluge alte Mann. Heute sehe ich, in welchem Ausmaß das stimmt.

Wir bestiegen die große Mauer an einer Stelle, wo außer uns keine anderen Touristen waren – die Landschaft war trunken von goldenem Licht und bunten Herbstfarben. Wir bestaunten die Terrakotta-Armee, bei der jeder der tausenden Tonsoldaten ein anderes Gesicht hat; wir fuhren durch weite Felder, auf denen Bauern arbeiteten, wir machten eine Flussfahrt bei Guilin, begleiteten die Kormoran-Fischer, schlenderten durch die abendlichen Straßen mit dem bunten Trubel und den unzähligen Garküchen. Wir aßen merkwürdiges Fleisch von kleinen Körpern, die Hunde oder Katzen gewesen sein mögen – Fleisch von lebendigen Schlangen wollten wir lieber nicht aussuchen. Wir lernten alles über die Kunst der gefüllten, dampfgegarten Nudeln, wir lebten wie „Götter in Frankreich“. Gespräche mit unseren jungen Reiseführern machten uns deren Lebenswirklichkeit deutlich; wir sahen, dass sie unter Zwängen standen. Ein Gespräch mit einem unsympathischen Teilzeit-Führer in China (oben), der uns Langnasen sichtbar verachtete, macht mich bis heute ärgerlich. Der Mann behauptete steif und fest, der Buddhismus komme aus China, und China habe Tibet „befreit“. Überhaupt sei die chinesische Rasse die beste der Welt und werde früher oder später die Welt auch beherrschen. Ich war froh, als wir den Mann wieder los waren, aber vergessen habe ich seine Worte nie. Unser liebenswerter Langzeit-Führer, der junge Shu (unten), hätte uns gern eine weitere Reise organisiert. Ich wäre so gern wieder gekommen. Aber jeder Versuch, mit ihm nach der Heimkehr Kontakt aufrecht zu halten, lief ins Leere.

Hongkong, damals noch unter britischer Krone, war der Abschluss einer herrlichen Reise. Ich war fasziniert davon, wie in dieser Stadt althergebrachtes chinesisches Leben und westlicher Protz aufeinander trafen und eine spannende Verbindung miteinander eingingen. Natürlich waren wir auf dem Jademarkt, spazierten durch Straßen, in denen Lebensmittel wie vor 100 Jahren verkauft wurden, sahen die westlichen Läden mit schwerem Goldschmuck und dicken Klunkern, bewunderten das goldene Abendlicht im Hafen, wo zwischen modernen Schiffen eine kleine rote Dschunke daran erinnerte, dass Hongkong eine Metropole des alten China war.

Seit 1843 war Hongkong Kronkolonie der Briten. 1997 wurde ein Vertrag zur Rückgabe an China vereinbart, der laut Idee Deng Xiaopings nach dem Motto „ein Land, zwei Systeme“ ablaufen sollte. China musste einige Bedingungen akzeptieren, die in der chinesisch-britischen gemeinsamen Erklärung zu Hongkong festgelegt wurden, wie die Ausarbeitung und Annahme der Miniverfassung Hongkongs vor seiner Rückkehr. Das Grundgesetz stellte sicher, dass Hongkong sein kapitalistisches Wirtschaftssystem und seine eigene Währung (den Hongkong-Dollar), das Rechtssystem, das Gesetzgebungssystem sowie die Rechte und Freiheit der Menschen für 50 Jahre, als Sonderverwaltungszone von China, behalten könne. Im Jahr 2047 sollte dies ablaufen, bis dahin erlaubte die Vereinbarung Hongkong, in vielen internationalen Umgebungen (z.B. Welthandelsorganisation und Olympische Spiele) als eigene Entität und nicht als Teil von China aufzutreten.

Riot police officers clash with protesters in Hong Kong, on Wednesday, May 27, 2020. China officially has the broad power to quash unrest in Hong Kong, as the country’s legislature on Thursday nearly unanimously approved a plan to suppress subversion, secession, terrorism and seemingly any acts that might threaten national security in the semiautonomous city. (Lam Yik Fei/The New York Times)

Wie wir heute wissen, war China nicht bereit, diesen Vertrag einzuhalten. Im Juni 2020 wurde das Gesetz zum Schutz der nationalen Sicherheit in Hongkong durch den Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses verabschiedet. Die örtlichen Parteien lösten sich umgehend auf, denn sie fürchteten politische Verfolgung. Diese findet nun gnadenlos statt. Bereits seit 2014 hatten Studenten gegen die zunehmende Einflussnahme Chinas in Hongkong protestiert; heute sitzen die maßgeblichen Organisatoren, die nicht geflüchtet sind, in Haft. Lange vor dem Ende des Übergabevertrages hat China die Wirtschaftsmetropole mit eiserner Hand zurück ins Reich geholt.

2020 war China mit rund 1,44 Milliarden Einwohnern das Land mit der weltweit größten Bevölkerungszahl. Nur Indien hat mit 1,382 Milliarden Menschen ähnlich viele Einwohner. Chinas Wirtschaft ist die größte der Welt und ihr Motor. Ökonomen schätzen, dass Chinas BIP von Oktober bis Dezember 2020 im Jahresvergleich um fünf bis sechs Prozent wachsen wird, die Wirtschaft damit wieder auf das Niveau vor der Corona-Pandemie zurückkehrt und das Wirtschaftswachstum im Jahr 2021 etwa acht bis neun Prozent erreichen wird. Laut IMF-Prognosen könnte Chinas Wirtschaft im Vergleich zu den USA dann um mehr als 75 Prozent an Größe gewinnen. Zurzeit arbeitet die Volksrepublik daran, ihre Importabhängigkeit von Hightech-Produkten, sowie von Lebensmitteln, Agrartechnologie und Biotechnologie sowie Energieträgern wie Öl, Gas und den wichtigsten Mineralien, die in neuen Energiespeichern verwendet werden, zu reduzieren. Auf der Exportseite will das Land weiterhin in globale Märkte vordringen, um seine neuen Elektrofahrzeuge, 5G-Dienste und Technologien im Zusammenhang mit neuer Infrastruktur, intelligenten Fabriken und intelligenten Städten zu exportieren.

Das sind keine guten Nachrichten für europäische Unternehmen, die in China tätig sind. Laut einer Studie der Europäischen Handelskammer in China und des Berliner China-Thinktanks Merics, die im Januar 2021 in Peking vorgestellt wurde, sagen 96 Prozent der europäischen Firmen in China, dass sie von der Entflechtung, also dem Decoupling, betroffen sind. „Decoupling-Maßnahmen sowohl seitens der USA wie auch Chinas bergen Risiken für globale Lieferketten“, heißt es in einer Stellungnahme von Volkswagen China an das „Handelsblatt“. „Ein besonderes Risiko sehen wir zudem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie, die insbesondere für Anwendungen wie das vernetzte Fahren von Bedeutung ist.“

Anfang der 1990er Jahre avancierte das Südchinesische Meer zu einem global beachteten Konfliktherd. Dort prallen die territorialen und maritimen Ansprüche von bis zu sieben Staaten aufeinander, von denen jedoch nur drei, die VR China, Vietnam und die Philippinen, in größerem Ausmaß in Konflikte vor Ort involviert waren. Die anderen Länder, Malaysia, Brunei, Indonesien und die Republik China auf Taiwan, die alle auch Ansprüche geltend machen, blieben in westlicher Wahrnehmung eher im Hintergrund. Auslöser war die 1982 verabschiedete und 1994 in Kraft getretene Seerechtskonvention (United Nations Convention on the Law of the Sea; UNCLOS). Sie ermöglichte es Küstenstaaten, alle unterseeischen Ressourcen in einer bis zu 200 Seemeilen breiten Zone vor ihren Küsten zu kontrollieren. Die „Festlandssockelregelung“ erlaubte zudem eine Ausdehnung entsprechender Anrechte bis zu insgesamt 350 Seemeilen ins Meer. Im Südchinesischen Meer führte dies zu einer Vielzahl überlappender Ansprüche. Schon in den 1970er und 1980er Jahren hatten die Konfliktparteien, allen voran Vietnam, die Philippinen und schließlich auch China, eine Reihe von Inseln und Atollen militärisch besetzt. Ein zunehmend selbstbewusst und aggressiv auftretendes China, versucht kontinuierlich, seine Maximalforderungen (80 Prozent des betroffenen Gebietes) in kleinen Schritten gegen andere, weitaus schwächere Anspruchsteller durchzusetzen. Diese versuchen, ihre Position durch Rückgriff auf die Regionalorganisation ASEAN und die mit
eigenen Interessen in der Region aktive hegemoniale Militärmacht USA zu stärken.

Der Taiwan-Konflikt hat zwar in den vergangenen Jahren zu keinen militärischen Scharmützeln geführt, aber die Drohungen Pekings Richtung Taiwan haben zugenommen – samt den diese begleitenden Militärübungen. Das demokratische Taiwan ist de facto unabhängig, wird aber von China als abtrünnige Provinz angesehen. Wenn China einmal in Zukunft seinen Großmachtanspruch militärisch unter Beweis stellen will, dann droht Taiwan das Opfer zu sein. Schutzmacht Taiwans sind aber die USA – was China von Abenteuern abhalten, aber auch dazu führen könnte, dass die beiden Großmächte militärisch aufeinanderprallen.

Was es bedeutet, im Griff Chinas zu sein, zeigt nicht nur das Drama der Uiguren, das sich seit 1990, nur am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit, im Westen der chinesischen Volksrepublik in einer Region, die an Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan grenzt, abspielt. Die islamische Minderheit wird seit Jahren in Umerziehungslager gesteckt und zu Zwangsarbeit verpflichtet, mit dem Ziel, sowohl ihre Religion, als auch ihre Identität auszulöschen und ein chinesisches Volksbewusstsein zu implementieren.

Bereits 1950 besetzte China das Nachbarland Tibet und nannte das „Befreiung des tibetischen Volks vom Feudalismus.“ Der religiöse Führer der Tibeter, der Dalai Lama, und 80 000 Landsleute flohen 1959 nach einem niedergeschlagenen Volksaufstand nach Indien. Peking reagierte mit einer Politik der verbrannten Erde. Bis 1966 wurden mindestens 6000 Klöster und Tempel zerstört. Bauern und Nomaden wurden zum Leben in Volkskommunen gezwungen, Tausende Tibeter starben in Arbeitslagern und durch Hungersnöte. Seit den 1980er Jahren setzte eine rücksichtslosen Ausbeutung der Bodenschätze in der ökologisch sensiblen Hochlandregion ein. Durch die systematische Ansiedlung von Millionen Chinesen wurden die Tibeter zur Minderheit in ihrer Heimat. Genauso lange wie der Konflikt zwischen China und Tibet laviert auch die internationale Staatengemeinschaft hin und her. Einerseits gibt es Sympathien für das Autonomie-Streben des kleinen Volks im Himalaya-Gebirge. Andererseits will es sich wegen knallharter geopolitischer und wirtschaftlicher Interessen niemand mit der kommunistischen Führung in Peking verscherzen.

1995 entführte China Tibets 11. Panchen Lama, Gedhun Choekyi Nyima, im Alter von sechs Jahren gemeinsam mit seinen Eltern. Seither wurde er nicht wieder gesehen. Unmittelbar nach der Entführung von Gedhun Choekyi Nyima hat China einen anderen tibetischen Jungen zum eigenen Panchen Lama erklärt. Dieser vertritt seither öffentlich die ideologische Linie der KP und wird von vielen Tibetern als „Panchen Zuma“, „falscher Panchen“, bezeichnet. . Zuletzt hatten sich im August 2020 fünf Menschenrechtsexperten und Expertengremien der Vereinten Nationen mit einem öffentlichen Schreiben an die chinesische Regierung gewandt und den freien Zugang unabhängiger Beobachter zu dem Entführten und seiner Familie gefordert. In ihrer Erklärung äußern die UN-Menschenrechtsexperten auch ihre Besorgnis über die von der chinesischen Regierung erlassenen „Reinkarnationsregeln“ für den tibetischen Buddhismus. Diese stellten eine Verletzung der Religionsfreiheit der Tibeter dar, erlauben sie doch unter anderem staatliche Einmischung in die Bestimmung eines Nachfolgers des Dalai Lama.

Die Macht des Milliarden-Volkes wird zum Drama aller, die ins Augenmerk ihres Interesses geraten; so gesehen zuletzt in Hongkong. Niemand wird einen Finger rühren, um sie zu retten, weil alle Mächte der Welt vom Wirtschaftsmotor Chinas abhängig sind. Um sich weiteres wirtschaftliches Ansehen zu verschafften, baut China zurzeit an der neuen Seidenstraße, die durch zahlreiche Länder bis nach Europa führt. Die beteiligten Nationen hoffen auf Arbeitsplätze und neue Einnahmen. Tatsache ist aber: Neun von zehn Projekten werden durch chinesische Firmen ausgeführt. Dabei merken besonders die Europäer erst spät, wie sie sich selbst Nachteile bereitet haben: Chinesische Unternehmen können bisher in Europa investieren, ohne diskriminiert zu werden. Andersherum funktioniert das aber nicht. Gleichzeitig nutzt China das Projekt zu bilateralen Verhandlungen mit den Ländern, durch die die neue Seidenstraße führen wird, wie etwa Italien und unterminiert damit die gemeinsame europäische Politik.

Experten befürchten, dass im Falle von Zahlungsschwierigkeiten China großen Einfluss in den betroffenen Ländern bekommen könnte – sei es über Deals, die dann geschlossen werden, oder dadurch, dass Peking gleich ganz die Kontrolle über wichtige Projekte wie Häfen und Bahnstrecken bekommt. Damit könnte das Regime, das unter Xi immer weiter in Richtung Diktatur driftet, die Westmächte in den Regionen noch mehr zurückdrängen. Kleine Länder, die sich moderne Straßen, Häfen oder Eisenbahnstrecken selbst nicht leisten könnten, heißen die Initiative willkommen und geraten damit in eine Schuldenfalle: Die Kredite, die China gewährt, werden sie kaum zurück zahlen können.

In Afrika präsentiert sich China bereits seit Mitte der 1950er Jahre als ein prominenter Partner im anti-kolonialen Kampf. Die Unterstützung umfasste nicht nur die Ausbildung und Ausrüstung von Milizen, sie gipfelte auch im Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Sambia und Tansania, die es dem Binnenland Sambia erlaubte, das damalige Rhodesien und das Südafrika der Apartheid zu meiden, die den Zugang zu Schiene und Hafen kontrollierten. Deng Xiaoping drängte Chinas Staatsunternehmen, externe Märkte und Rohstoffquellen zu erschließen. Diese konzentrierten sich zunächst auf den Rohstoffsektor, um Erdöl und andere Ressourcen für den boomenden Produktionssektor des Landes zu sichern, und stießen in Afrika auf offene Arme. Die Beziehungen entwickelten sich rasch und wurden im Jahr 2000 durch das Forum für die Zusammenarbeit zwischen China und Afrika (FOCAC) formalisiert. Das FOCAC diente in der Folge als Plattform für die rasche Ausweitung der Beziehungen. China wurde schnell zu einem wichtigen Infrastrukturbetreiber auf dem afrikanischen Kontinent und 2009 zu seinem größten Handelspartner.

Insgesamt entfallen etwa 22 Prozent der Schulden Afrikas auf China. Diese Darlehen sind gebunden, was bedeutet, dass die Ausführung der Projekte durch chinesische Auftragnehmer verlangt wird. Bei den Neuverhandlungen mit den afrikanischen Partnern beharrt Peking jedoch auf dem undurchsichtigen Ansatz, jeden Schuldner als Einzelfall zu behandeln. Die rasche Zunahme der afrikanischen Staatsschulden bei China wird langfristige Folgewirkungen haben. Peking hat bereits breite afrikanische Unterstützung etwa in der UNO aufgebaut und festigt dieses Verhältnis durch die aktive Teilnahme an UNO-Friedensmissonen auf dem Kontinent. Chinesische Investitionen beispielsweise in Äthiopiens Schuh- und Bekleidungsindustrie haben dem Land ermöglicht, sich als Exporteur auf dem europäischen Markt zu etablieren, westliche Marken wie H&M haben ebenfalls begonnen, in Äthiopien zu produzieren. China überrundet auch westliche Konkurrenten, wenn es um den aufstrebenden afrikanischen Verbrauchermarkt mit 1,2 Milliarden Menschen geht. Der chinesische Mobilfunkhersteller Transsion erzielt mit dem Verkauf preiswerter Handys, die auf die Bedürfnisse der afrikanischen Verbraucher zugeschnitten sind, beträchtliche Gewinne. Die Beteiligung von Huawei auf allen Ebenen der Internet-Lieferkette, von Unterwasserkabeln bis hin zum Verkauf von Mobiltelefonen, hat das Unternehmen zu einer gewaltigen Marktpräsenz in Afrika geführt, die durch die engen Beziehungen zu staatlichen chinesischen Finanzinstituten noch zusätzlich gefestigt wird.

Und Europa? Von Angela Merkel ist bekannt, dass sie eine fundamentale Verschiebung der globalen Machtverhältnisse in Richtung Asien für unabwendbar hält. China steigt auf, und Europa steigt ab. Sieben Jahre lang hatten Brüssel und Peking das Investitionsabkommen verhandelt, das am 30. Dezember 2020 besiegelt wurde; zu einer Zeit, in der die USA wegen des Präsidentenwechsels politisch gelähmt waren. Dieser Abschluss am vorletzten Tag des Jahres 2020 trägt klar die Handschrift von Angela Merkel. Sie hatte bereits vor der Corona-Pandemie die Beziehungen zwischen China und der EU zu einem zentralen Thema der deutschen EU-Ratspräsidentschaft gemacht. Daran hat sie trotz Corona festgehalten und den Abschluss mit China bis zuletzt vorangetrieben.

Brüssel betont zwar, dass die Beziehung zu den USA erneuert werden müsse, auch um gegenüber China zusammenzuarbeiten. Wenige Tage vor der Amtseinführung von Präsident Biden einen Vertrag mit China zu schließen, kommt allerdings einem ausgestreckten Mittelfinger gleich, der signalisiert: Im Zweifel ist der Marktzugang so wichtig, dass wir auf Biden nicht warten können. Dass Merkel den Abschluss vorangetrieben hat, obwohl die EU China zum systemischen Rivalen erklärt hat, zeigt auch, dass sie in der Politik mit China eine dezidiert eigene Linie verfolgt. Der deutschen Autoindustrie dürfte das recht sein. VW verkauft jedes zweite Auto in der Volksrepublik, und für Daimler ist China der wichtigste Markt. Dank des Abkommens dürfen sie dort künftig auch bei Elektrofahrzeugen mitmischen. Mit der strategischen Entscheidung, so stark auf den chinesischen Markt zu setzen, hat insbesondere Volkswagen sich in eine Abhängigkeit manövriert, die der Bundesregierung kaum noch die Wahl lässt, China kritisch gegenüber zu treten. 

Ob das Abkommen der EU die erwünschten Vorteile bringt, darf bezweifelt werden: Die Entkopplungsstrategie der chinesischen Regierung von den Weltmärkten hat bundesdeutschen Unternehmen bereits erhebliche Nachteile gebracht. Im Januar 2021 sagte Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in Peking vor Journalisten: „Wir sind an einem Wendepunkt“. Die Probleme bei Halbleitern hätten gerade erst wieder deutlich gemacht: „Man kann untergehen, wenn in der Produktionskette nur ein einziges Teil fehlt, denn dann kann ein Produkt möglicherweise nicht auf den Markt gebracht werden.“ Umgekehrt ist China seit Jahren in Europa auf Dauer-Einkaufstour. Gekauft wird alles, was strategisch nützlich sein könnte: Beginnend mit Wald und landwirtschaftlichen Flächen über Immobilien bis hin zu innovativen Unternehmen. In Tschechien landete ein Investor einen Coup der besonderen Art: Die staatliche Finanzierungsgesellschaft CITIC übernahm mehrheitlich die Medea-Gruppe, Teil eines großen Medienunternehmens, zu dem auch die Zeitschrift „Tyden“ und Barrandov-TV gehören. Wer mehr als 250 000 Euro investiert, erhält eine Eintrittskarte für den Schengenraum. Von den 15 369 „goldenen Visa“ bekamen Chinesen bisher den größten Anteil, ebenso von den 5302 Dauer-Aufenthaltsgenehmigungen.

Bei den Gesellschaften, die in Europa investieren, ist nicht alles Gold, was glänzt. Eins der jüngsten Beispiele ist die Pleite des Großkonzerns HNA, der den Flughafen Frankfurt/Hahn in der rheinland-pfälzischen Provinz gekauft hat (82,5 Prozent; der Rest gehört dem Land Hessen). Die ursprünglich rein chinesische Fluggesellschaft kaufte zwischen 2015 und 2017 weltweit rund 2000 Unternehmen für mindestens 50 Milliarden Dollar. Unter anderem hielt der Konzern auch 9,9 Prozent Anteile an der Deutschen Bank. Ab 2018 geriet er in Zahlungsschwierigkeiten, im Januar 2021 meldete er Insolvenz an. In den sozialen Medien tummeln sich inzwischen tausende mittlere und kleine chinesische Unternehmen, die alles vermarkten, was man sich vorstellen kann. Darunter sind Textilien, deren Schnitte oft im Westen kopiert wurden und in den buntesten Farben genäht werden. Kommen die Waren dann nach bis zu vierwöchiger Lieferzeit an, sind sie meist minderwertig. Elektroteile funktionieren nicht oder haben andere Mängel. Reklamationen für Privatkunden unmöglich – es gibt keinerlei Handhabe. Vermarktet werden auch Dinge wie original Apple Produkte auf Webseiten, die der von Apple täuschend ähnlich sehen und innerhalb kurzer Zeit wieder verschwinden. Wer keinen Paypal-Käuferschutz genießt, hat dabei das Nachsehen. Daneben gibt es Unternehmen wie Alibaba, das chinesische Pendant zu Amazon, die sich anschicken, im nächsten Zug aktiv den Westen zu erobern.

Parallel dazu ist China in allen sozialen Medien aktiv, um das Land so positiv wie möglich darzustellen. Dazu gehören kleine Videos von Pandababies, wunderschöne Naturaufnahmen, Landschaftsfotos und vor allem Fotos der zahlreichen kulturellen Minderheiten im Land, wie etwa die Menschen aus Nepal, die angeblich rundum glücklich sind. Versuche, in Kommentaren darauf hinzuweisen, dass das so nicht stimmen kann, werden von den Autoren mit Beschimpfungen beantwortet.

Betrachtet man die weltweiten Aktivitäten des Reichs der Mitte, wirken sie wie ein lautlos fein gesponnenes Netz, das sich langsam, aber sicher immer weiter verdichtet. Dazu braucht das Land im Gegensatz zum lauten, oft empathiefreien Auftreten der USA keinen einzigen Krieg. Umso nachhaltiger sind dafür die Ergebnisse einer Politik, die seit inzwischen rund 70 Jahren verfolgt wird. Auch überall in Europa sind chinesische Einkäufer unterwegs, bilden sich kleine chinesische Kolonien, die widerum Ware vertreiben. So kommt es beispielsweise, dass der Markt seit einigen Jahren massenweise von billigen Kleidungsstücken überschwemmt wird mit der Aufschrift „Made in Italy“. Sie werden in Italien von Chinesen hergestellt und vertrieben.

3440 Kilometer Grenze haben China und Indien gemeinsam. Seit den 1950er Jahren gibt es immer wieder Streit darum, besonders auf den Bergen im Himalaya. Peking beansprucht etwa 90.000 Quadratkilometer eines Gebiets für sich, das sich unter indischer Kontrolle befindet. Auch dort geht China aggressiv vor, etwa mit dem Bau neuer Dörfer. Indien versucht, dem mit neuer, besserer Infrastruktur entgegen zu wirken. Ein weiteres Krisengebiet, Sikkim, liegt an einer Engstelle, die die einzige Verbindung zwischen dem Westen und Osten Indiens darstellt. Immer wieder Truppen beider Länder gegenüber, genau wie im Krisengebiet Ladakh.

Im Himalaya führt China einen erbitterten Krieg um Wasser: Am Fluss Yarlung Tsangpo, der in Tibet entspringt, sollen Turbinen mit einer Rekordleistung von 60 Gigawatt installiert werden – fast dreimal so viel wie im bisher weltgrößten Wasserkraftwerk, dem Drei-Schluchten-Staudamm am Jangtse. Der Yarlung Zangbo ist der größte Hochgebirgsfluss der Welt. Er fließt 1 700 Kilometer über das Tibet-Plateau auf einer Höhe von etwa 4 000 Metern und folgt dabei der Nahtstelle zwischen Indien und Eurasien. Im Ost-Himalaya bricht er aus dem Hochplateau in der weltbekannten, hufeisenförmigen Zangbo-Schlucht nach Indien durch. Der Fluss, der in Indien Brahmaputra heißt, ist der wasserreichste Fluss Asiens, auf den hunderte Millionen Menschen angewiesen sind. Die Wasserstände dort sind zuletzt auf ein „besorgniserregend niedriges Niveau“ gefallen, wie die Mekong-Flusskommission – eine zwischenstaatliche Organisation von Mekong-Anrainern, an der China nicht beteiligt ist – mitteilte.

Auch der Mekong entspringt auf chinesischem Territorium. Der größte Fluss Südostasiens setzt seinen Weg fort durch Myanmar, Laos, Thailand, Kambodscha und Vietnam. China hat ihn mit insgesamt 11 Dämmen gestaut, ein wichtiger darunter ist der Jinghong-Damm in der Provinz Yunnan. „Die chinesischen Staudämme haben verheerende Folgen für die Menschen, die flussabwärts leben“, kritisiert die Umweltschutzorganisation International Rivers. Der Mekong tritt jedes Jahr zur Schneeschmelze im Himalaya und in der Monsunzeit in den Anrainerstaaten über die Ufer und befruchtet das Land mit wertvollen Sedimenten. Von 2019 bis April 2020 wurde der Nuozhadu- Damm mit Wasser gefüllt.2019 fiel der Fluss an der Grenze zwischen Thailand und Laos weitgehend trocken. Millionen von Fischen erstickten in kleinen übrig gebliebenen Pools. Die Situation war so dramatisch, dass Thailand seine Armee mobilisierte, um für Entspannung zu sorgen. Im selben Jahr gab es im Mekong-Delta keinen Monsun-bedingten Anstieg des Wassers. Millionen von Menschen im Delta sind immer wieder ohne Zugang zu Trinkwasser, weil von China so viel davon zurück gehalten wird. Zwischen Thailand und Laos wurden dagegen wiederholt zwischendurch plötzlich kurzzeitig enorme Überflutungen registriert. Das Wasser stieg innerhalb kürzester Zeit um mehrere Meter, richtete in den anliegenden Orten enorme Schäden an und sank ebenso plötzlich wieder. Peking behandelt seine Wasserpolitik als Staatsgeheimnis und teilt nichts dazu mit. Beobachtungen von Außen werden als Diffamierungen durch die USA behandelt.

Wir sollten niemals und zu keinem Zeitpunkt vergessen, aus welchem Beweggrund heraus China so konsequent agiert: Das Land will die nächste Supermacht werden. Die einzige Supermacht. Die Macht, die ihre Ansprüche im Zweifelsfall ohne Rücksicht auf Andere durchsetzen wird. Und die, die allen anderen diktiert, wie sie handeln; ja, was sie denken sollen.

Dabei kann das Land auf fast 1,5 Milliarden Menschen zurück greifen, die vom politischen System überzeugt sind; gar nicht anders können, als überzeugt zu sein. „Die Kommunistische Partei Chinas, die befürchtet, die Gewährung politischer Freiheit könnte ihre Macht gefährden, hat einen Orwellschen Hightech-Überwachungsstaat und ein ausgeklügeltes Internet-Zensursystem errichtet, um öffentliche Kritik zu überwachen und zu unterdrücken,“ vermerkt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in ihrem Jahresbericht 2020. „Peking hat lange Zeit die Kritik im eigenen Land unterdrückt. Nun versucht die chinesische Regierung, diese Zensur auf den Rest der Welt auszuweiten“, schreibt HRW-Chef Kenneth Roth in dem Bericht. Sollte China daran nicht gehindert werden, drohe eine „dystopische Zukunft“, in der sich niemand außerhalb der „Reichweite chinesischer Zensoren“ befinde. Zudem drohe das internationale Menschenrechtssystem so stark geschwächt zu werden, dass keine Überprüfung der Repression durch nationale Regierungen mehr möglich sei, warnte Roth. Dies zeigt sich laut dem HRW-Bericht bereits jetzt in den Gremien der Vereinten Nationen. Peking setze immer ausgefeiltere Technologien zur Unterdrückung ein und greife dadurch massiv in die Privatsphäre der Menschen ein. DNA-Proben würden unter Zwang gesammelt und große Datenanalysen sowie künstliche Intelligenz eingesetzt. „Ziel ist es, eine Gesellschaft frei von Dissens zu schaffen“, so die Menschenrechtler.

Human Rights Watch appellierte an die demokratischen Staaten, gemeinsam gegen Pekings Strategie vorzugehen. Sie sollen dafür etwa Alternativen zu chinesischen Krediten zur Verfügung stellen und das Vermögen chinesischer Regierungsvertreter einfrieren, die sich an der Unterdrückung der Uiguren beteiligten. HRW-Chef Roth wollte den Jahresbericht eigentlich in Hongkong vorstellen, doch wurde ihm am Flughafen der chinesischen Sonderverwaltungsregion die Einreise verweigert

Wie es aussieht, wenn sich ein Volk den chinesischen Eingliederungsbemühungen widersetzt, berichtet jedes Jahr die „Interntional Campaign for Tibet“ (ICT). Das Tibet-Jahr 2020:

Januar: Chinesische Behörden zerstören historische Gebäude in Lhasa und ersetzen sie durch Beton und Glas. Die ICT fordert die UNESCO auf, dagegegn einzuschreiten.

Februar: Wegen Corona findet das tibetische Neujahrsfest Losar unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

März: Chinesische Drohgebärden zum Tag der Tibet-Solidarität am 10. März: Peking inszeniert einen marzialischen Truppenaufmarsch in Lhasa, während die Tibeter des Aufstands vom 10. März 1959 gedenken, nach dem ihr geistlicher Führer flüchten musste.

April: Der Mönch Gendun Sherab erliegt den langfristigen Folgen seiner schweren Folter in chinesischer Haft, Er hatte ein Dokument des Dalai Lama in die sozialen Medien weiter geleitet.

Mai: Wegen Corona erteilt der Dalai Lama am 16. Mai erstmals buddhistische Unterweisungen via Internet. Vor dem bedeutendsten Heiligtum des tibetischen Buddhismus, dem unter UNESCO-Schutz stehenden Jokhang-Tempel in Lhasa wurden zwei neue Pavillons im chinesischen Stil errichtet.

Juni: Im Rahmen einer „Umweltsäuberung“ befehlen Behördenvertreter und Polizisten der tibetischen Bevölkerung, ihre Gebetsfahnen in den Dörfern und auf Bergspitzen zu entfernen. Bilder des Dalai Lama dürfen sie schon lange nicht mehr besitzen.

Juli: Der Dalai Lama wird 85. Der Komponist Khadro Tseten wird zu sieben, der Sänger Tsego zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Beide haben ein Lied zu Ehren des Dalai Lamas eingespielt und verbreitet.

August: Hochrangige Menschenrechtler der UNO kritisieren Pekings „Reinkarnationsregeln“ für tibetische Lamas und fordern Zugang zum verschwundenen Panchen Lama Gendum Choekyi Nyima. Schwer krank wird die Tibeterin Dolkar aus chinesischer Haft entlassen, wo sie gefoltert und zu Schwerarbeit gezwungen wurde.

September: Zehn Mitglieder des Unterstützungskommitees für das örtliche Kloster werden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die chinesischen Behörden zwingen hunderttausende Tibeter in ein staatliches „Arbeitspogramm“ mit militärischen Umerziehungszentren und Transfers in chinesische Provinzen. Wenn sie vorgegebene Arbeitsquoten nicht erreichen, drohen Strafen.

Oktober: Der Tod der 36jährigen Lhamo wird bekannt. Sie starb in chinesischer Haft und wurde sofort eingeäschert, was eine Untersuchung unmöglich machte.

November: ICT-Geschäftsführer Kai Müller spricht bei einer Expertenanhörung im deutschen Bundestag. Er übergibt auch eine Petition im auswärtigen Amt. 2500 Menschen fordern die Bundesregierung auf, die Arbeitsprogramme in Tibet zu verurteilen und das Thema in Gesprächen mit der chinesischen Regierung auf den Tisch zu bringen.

Dezember: Der „Tibetan Policy and Support Act“ wird rechtskräftig. Das neue US-Gesetz ermöglicht persönliche Sanktionen gegen chinesische Funktionäre, die versuchen, sich in die Nachfolge es Dalai Lama einzumischen. Die chinesische Regierung teilt mit, die „Zentralregierung“ habe den religiösen Status und die Titel des Dalai Lama, sowie von Panchen Lama festgelegt. Offenbar sieht sie sich in deren Nachfolge. Die Stellungnahme der UN-Experten sei eine Einmischung in innere Angelegenheiten. Der tibetische Schriftsteller Gedrun Lhundrup ist verschwunden. Der tibetische Mönch Rinchen Tsultrim wird seit über einem Jahr ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten.

Im Januar 2021 ging es genau so weiter: Der 19jährigen Tenzin Nyima hatte im November 2019 für die Unabhängigkeit Tibets protestiert und wurde in der Folge mehrfach inhaftiert. Im Oktober 2020 wurden seine Angehörigen aufgefordert, den Mönch aus dem Gefängnis abzuholen. Er war so schwer geschlagen worden, dass er nicht mehr sprechen und sich nicht mehr bewegen konnte. Seine Familie brachte ihn noch in mehrere Krankenhäuser, aber man konnte ihm nicht mehr helfen.

Das Spendenkonto der International Campaign for Tibet, in deren internationalem Beirat unter anderem Harrison Ford und Desmund Tutu sitzen, deren internationaler Vorsitzender Richard Gere ist, ist bei der Bank für Sozialwirtschaft: IBAN DE20 1002 0500 0003 2104 00. Spenden können steuerlich abgesetzt werden.

Siehe auch:

Tibet: Ein Volk im Würgegriff protestiert mit immer mehr Selbstverbrennungen

Updates:

China – Indien: Unless a Complete Disengagement at Depsang and Demchok, Consider Doklam is Repeated

Hongkong wird nie mehr demokratisch wählen: China moves to overhaul Hong Kong’s electoral system

China can share with the world opportunities and experience

Volkskongress beschließt Stärkung des Militärs und  Konzept der „zwei Kreisläufe“

China will in Hongkong „Einfluss prodemokratischer Kräfte“ beschränken

China gegen die USA: Alle Zeichen stehen auf Konfrontation

US-Außenpolitik: Wer zieht mit gegen China?

„Evidence of Beijing’s ‚intent to destroy‘ Uyghur people“

Top US commander fears Chinese invasion of Taiwan by 2027

China bestätigt Analtests gegen Corona an Flughäfen

Diplomatentreffen USA-China: Konfrontation mit Ansage

A Taiwan Crisis May Mark the End of the American Empire

Apple warns Chinese apps not to dodge its new privacy rules

U.S. Spy Plane Sets Record With Close Flight Off Chinese Coastline

Wer Pekings Lied nicht singt, wird bestraft

Calls for boycotts in China against Nike and H&M over Xinjiang cotton

Appels au boycottage en Chine contre les marques qui refusent l’utilisation du coton du Xinjiang, lié au travail forcé des Ouïgours

US military cites rising risk of Chinese move against Taiwan

Erpressung: Impfstoff gegen Aberkennung der Souveränität Taiwans

Scientists call for new probe into COVID-19 origins: with or without China

Chinesische Geschäftsleute: „Spionage-Abwehr-Training“ gegen ausländische Einflüsse

„If China wins with its central bank digital currency, that’s the end of the American hegemony.”

Narzisstische Wut will vernichten: H.G. Tudor und Donald Trump

Narzissten bestehen aus einem riesigen ICH.

Alles, was sie tun, dient dazu, dem unstillbaren Verlangen dieses ICHs nach Bestätigung genüge zu tun, alle Menschen, mit denen sie sich umgeben, ebenso. Gleichzeitig leben sie in einer Welt aus schwarz und weiß: Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Für sie zu sein, bedeutet uneingeschränkte Loyalität an den Tag zu legen, egal was sie tun – und in Kauf zu nehmen, dass sie selbst keineswegs loyal sind. Im Gegenteil: Jeder Mensch, jede Handlung, jedes Zeitgeschehen, im Zweifelsfall ein einziger Blick, können von Narzissten als Aggression wahrgenommen werden. Dann ist im selben Moment alles vergessen, was sie – manchmal über Jahre – an Loyalität einer Person erfahren haben. Dann schlagen sie zurück: So fest sie können und so vernichtend wie irgend möglich. Narzisstische Wut ist hitzig, nachtragend und kann lebensgefährlich werden.

H.G. Tudor, Autor des englisch sprachigen Blogs „Knowing the Narcissist“ beschreibt auf unnachahmlich persönliche Art aus eigenem Erleben die Denkweise eines Narzissten. Hier ein Beispiel zu narzisstischer Wut und wie er damit umgeht:

„Es hat viele Vorteile, ein Ultra-Narzisst zu sein (Anm.: im Gegensatz zu „schwächeren“). Einer davon ist die Fähigkeit, den eigenen lodernden Zorn unter Kontrolle zu halten. Die totale Kontrolle einmal entflammten Zorns in Schach zu halten, hat sich als kaum möglich erwiesen, aber wir schaffen es. Da, wo ein schwächerer Narzisst, wenn er verwundet wird, vor Wut explodierend, seine Partnerin eine hässliche, faule Nutte nennen würde, weil sie ihm nicht zu der Zeit das Essen brachte, zu der er es verlangt hatte, wird der stärkere Narzisst das oft unter Kontrolle halten. Wir bleiben verwundet, aber wir behalten die nötige Kraft, diese Wut auf alternative Art anzugehen und dieses beißende, grausame, brennende Feuer unter Kontrolle zu halten.

Für den richtigen Zeitpunkt.

Die, die uns verwunden und unsere Wut nicht sofort zu spüren bekommen, werden uns deshalb nicht entkommen. Ja, sie mögen sich die ätzend kritische Retourkutsche für den Moment erspart haben, oder dem eisigen Blick samt begleitendem Schweigen mit Ziel der Manipulation für den Moment entkommen sein, aber wir werden sie bestrafen. Wir haben einen geistigen Aktenvermerk gemacht, und es wird ausgleichende Gerechtigkeit geben. Immer.

Vor einigen Wochen sah sich eine Dame, Gillian, die Leiterin einer bestimmten Abteilung innerhalb des Unternehmens, bemüßigt, gegen einen Vorschlag zu stimmen. Meinen Vorschlag. Sie wurde überstimmt, und mein Vorschlag wurde angenommen. Die anderen Teilnehmer waren offensichtlich mit Verstand und Voraussicht ausgestattet. Sie nicht. Ihre Gegenmeinung war bar jeden Sachverstandes und finanziellen Augenmaßes, und echte geschäftliche Alternativen gab es nicht. Nein, es war offensichtlich, dass ihr Widerstand darauf aus war, mein Leben schwer zu machen, mit zwei Fingern in meine Richtung zu schnippen und meine Vorschläge zu Fall zu bringen.

Dies war ihre dritte Verfehlung dieser Art. Ich hatte die Kontrolle über meine schäumende Wut bei den letzten beiden Vorfällen behalten, wie auch bei diesem. Ich muss allerdings zugeben, dass es mich eine Menge Disziplin kostete, als ich sah, wie sie ihren Finger hob, um Gehör für ihren Widerstand zu bekommen und auch noch in meine Richtung sah, während sie das tat. Ausgemachte Unverschämtheit. Ich begegnete ihrem starren Blick mit unbeirrbarer Leere, obwohl ich mir gleichzeitg vorstellte, wie ihr komfortables Appartement in Flammen aufgeht und sie mitten im Inferno um Hilfe schreit. Ich verspottete ihren Widerstand, aber innerlich fühlte ich den gähnenden Abgrund und wie ich in seine Richtung fiel. So wirkt es, wenn ich verletzt werde. Ich saß im Sitzungsraum, und ihr Versagen der Zustimmung, ihre deutliche Ablehnung, meinen Vorschlag zu billigen, ihr Trotz und ihre Unnachgiebigkeit sagten mir, dass mein Plan nicht gut genug war.

Nicht gut genug.

Diese drei Worte waren das tägliche Motto meiner Kindheit. Nicht gut genug.

Sie war genau wie alle anderen. Unzuverlässig, heimtückisch, eine Verräterin, der man nicht glauben durfte. Soeben hatte sie zum dritten Mal bewiesen, dass man ihr nicht vertrauen konnte.

Drei Worte. Nicht gut genug. Genau wie SIE immer zu mir sagte. Sie war genau wie SIE, wollte meine Welt kaputt machen, mich beherrschen und kontrollieren. Ich bin kein Mensch, den man kontrolliert. ICH kontrolliere. Während diese Gedanken in Richtung des mich erwartenden Nichts taumelten, machte sich die Wut bemerkbar. Diese wohlbekannte Wut. Immer da, bereit, gegen den bösartigen Angreifer zurück zu schlagen. Ich fühlte, wie die erste Welle der Wut das Gefühl zu fallen verdrängte; zu fallen wegen der drei Worte.

Nun wurden sie von drei anderen Worten überlagert. Victoria aut morte – Sieg oder Tod. Es muss Sieg sein, immer Sieg. Die Wut stieg an, wischte jeden Anflug von Schwäche beiseite – man darf nie schwach sein (keine Tränen, HG, keine Tränen, wie SIE immer gewarnt hatte). Es gibt nie Tränen – meine jedenfalls nicht.

Meine Wut drängte mich, dieser dummdreisten Wichtigtuerin zu zeigen, wo ihr Platz ist. Ich starrte weiter auf ihre Hand, und während sie diese leicht absenkte, fuhr sie fort, mir zu trotzen, ihre Augen immer noch fest auf meine gerichtet.

Ich wollte sie vernichten, hier und jetzt; ihre Haltung mit Worten schreddern und sie demütigen, sie vor Wut bebend oder noch besser, zurückgeworfen auf Tränen des Unvermögens im Sitzungsraum zurücklassen und dann den herrlichen Energieschub trinken, den das Übertragen meiner Verwundung auf sie mir bringen würde. Das würde meine Wut verbannen. Ich wollte ihre schwache Analyse zerreißen, alle Mängel ihrer Abteilung offenlegen und sie dafür verantwortlich machen. Ich wollte den anderen Köpfen demonstrieren, dass sie ungeeignet für die Aufgabe war und so weiter, und so weiter.

Aber dies war der falsche Zeitpunkt. (…) Andere könnten sich gegen mich wenden. (…) Ich sah, wie die Hände der Anderen sich für meinen Vorschlag hoben, und diese Beweise von Unterstützung und Anerkennung gaben mir Energie. Weiteren Kraftstoff gab es von sekundär Beteiligten. (…) „Gut gemacht“, kommentierte jemand. Noch mehr Energie. Eine Hand klopfte auf meine Schulter. Noch mehr Kraftstoff.

Die Wunde begann, sich zu schließen. Ich behielt meinen kalten Blick bei. Sie schlug die Augen nieder, und da war es: Ich sah die Enttäuschung in ihren braunen Augen. Ich sah die heruntergezogenen Mundwinkel und ihr Stirnrunzeln. Ihre instinktive Reaktion des Geschlagenseins war offensichtlich. Ihr Körper sank leicht zusammen, ihre arrogante Steifheit erodierte und all das versorgte mich mit noch mehr Energie. (…) Ich hatte über ihre Rebellion triumphiert. Ich hatte die Kontrolle behalten.

Aber das war die dritte Verwundung durch sie innerhalb weniger Wochen.

Drei Wunden. – Drei Worte.

Sie muss bestraft werden.

Heute ist der Tag dafür.“ …..

Das Beispiel Donald Trump

Wird die verdeckte Motivation eines offenen Narzissten nach außen erkennbar, widerspricht man ihm und/oder kritisiert ihn, müssen alle, die das tun, schlimmes fürchten. Genau so fühlt und handelt Donald J. Trump, der Ex-Präsident der USA.

Donald Trump lernte bereits in frühster Kindheit, dass nur eine „Killernatur“ im Leben Erfolg haben kann (siehe weiter unten). Also stellte er sich als solche dar und sicherte sich so eine führende Position im Unternehmen seines reichen Vaters. Der hoch gewachsene, blonde Donald war schon als junger Mann eine charismatische Persönlichkeit, die in TV-Shows für viel Begeisterung sorgte und Zuschauerquoten garantierte. Ausgestattet mit großem Selbstwertgefühl, mit Siegesgewissheit, einem enormen Willen zum Kampf, mit völliger Respektlosigkeit gegenüber gesellschaftlichen Regeln und Gesetzen, sowie einem schlafwandlerischen Instinkt für die Schwächen seiner Gegenüber und die Manipulation von Massen, richtete er als Präsident innerhalb von vier Jahren ein außenpolitisches Chaos an. Es erschütterte das Vertrauen in die USA nachhaltig und isolierte das Land. Im Innern sorgte er mit unverhohlenem Rassismus und Frauenverachtung, mit einem ganzen System von Lügen und Falschinformationen für eine Spaltung, die Amerikaner gegen Amerikaner aufhetzte.

Die Nacht vom 3. auf den 4. November 2020 wird der reine Albtraum für den erfolgsverwöhnten Mann: Donald Trump, dem republikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten scheint erscheint zunächst eine zweite Amtsperiode sicher. Nach Auszählung der in Wahlbüros abgegebenen Stimmen führt er vor seinem Herausforderer, den er herablassend „Sleepy Joe“, den verschlafenen Joe, nennt. Begeistert erklärt er sich zum Wahlsieger, obwohl noch so gut wie alle Briefwahlstimmen fehlen. Und dann kommt es: Langsam, wie ein tödliches Gift, schleicht die Niederlage heran. Es dauert mehrere quälend lange Tage, bis gegen den ungläubigen Amtsinhaber feststeht: Mit 74,22 Millionen Stimmen gewinnt er deutlich mehr Zustimmung als 2016. Aber der Demokrat Joe Biden hat noch viel mehr erreicht: 81,28 Millionen Wahlberechtigte entschieden sich für ihn. Nach der Zahl der Wahlmänner ist das Ergebnis noch klarer: Der Herausforderer erreicht 306, der Amtsinhaber ist mit 232 weit entfernt von den 270 Wahlmännern, die für die Mehrheit mindestens gebraucht werden. Zunächst scheint es wenigstens noch, als ob die Demokraten ihre bisherige Mehrheit im Senat verlieren, aber zwei Senatoren müssen in die Stichwahl. Am Ende ist es eine Niederlage auf ganzer Ebene: Das Land hat einen neuen demokratischen Präsidenten, der über eine Mehrheit im Repräsentantenhaus verfügt und über ein Patt im Senat, das mit Hilfe der Stimme seiner Stellvertreterin Kamala Harris in eine Mehrheit verwandelt werden kann.

Für den selbsternannten Dealmaker und Narzissten mit deutlich soziopathischen Zügen Donald Trump ist dieses Wahlergebnis ein Supergau und eine lebensbedrohliche narzisstische Kränkung. Diese, seine größtmögliche Niederlage, schreit nach Vergeltung.

Sein Leben lang hatte Donald Trump es geschafft, solche Kränkungen zu verhindern. Dabei war ihm jedes Mittel recht gewesen- ob nun legal oder nicht; so beschreibt es jedenfalls sein ehemaliger persönlicher Anwalt Michael Cohen. Sein ganzes Leben lang kämpfte er mit allen denkbaren Möglichkeiten, Lüge und Betrug eingeschlossen. Präsident zu sein hatte für Donald Trump viele Vorteile, die alle seiner narzisstische Persönlichkeit zusätzliche Energie zuführten: Er war der mächtigste Mann im Land und konnte sogar Gesetze zu seinen eigenen Gunsten ändern. Das Amt verschaffte ihm ein sehr viel größeres Umfeld an Menschen, die bereit waren, sein extremes Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen. Und: Als Präsident war er weitestgehend immun gegen Strafverfolgung. Wohl auch, um letzteres unbedingt zu erhalten, versuchte er bereits im Vorfeld seiner zweiten Kampagne, das Wahlergebnis 2020 zu seinen Gunsten zu steuern, indem er seine Fans Mantra-artig darauf einstimmte: „Wenn ich nicht gewinne, wurde die Wahl manipuliert.“ Er setzte sogar einen noch persönlicheren Maßstab: Verlöre er gegen einen wirklich fähigen Widersacher, wäre das erniedrigend. Aber gegen so einen „nichtssagenden, uralten, verschlafenen“ Gegenkandidaten wie Joe Biden zu verlieren, wäre ein Beweis seines eigenen Unvermögens.

Als klar wird, dass der Präsident tatsächlich das Weiße Haus verlassen muss, beginnt ein bedrohliches Schweigen. Trump nimmt kaum noch Termine wahr, geht demostrativ golfen. Aus dem Innern des Weißen Hauses berichten Angestellte von stundenlangen wütenden Schrei-Anfällen, wüsten Drohungen und Stunden tiefster Depression, die der Präsident vor dem Fernseher verbringt. Sie fürchten um seinen Geisteszustand. Ein Trauma hat Donald Trump erfasst. Er will und kann nicht glauben, dass er wirklich verloren hat. Dann wäre er ja wirklich nicht gut genug gewesen…

Also beginnt er einen verzweifelten Kampf. Er wütet, droht, greift seine Widersacher persönlich und über Dritte an, verbreitet massenweise Fake-News über Twitter und Facebook, bis beide ihn sperren. Der Inhalt ist immer der gleiche: Die Wahl wurde manipuliert, um ihm die Präsidentschaft zu stehlen.

Die Trump-Fangemeinde hat zur Zeit des Wahlverlusts 2020 unzählige Accounts und Kanäle auf dem rechts orientierten Messenger Parler. Hier sorgen der Präsident und sein Sohn Donald jr. mit einem ständigen Fluss von Beiträgen an die Millionen „Patriots“ dafür, dass die Stimmung sich aufheizt. Unzählige Fans sind inzwischen überzeugt, dass die Wahlergebnisse manipuliert wurden, die Wahlmaschinen aus dem Ausland mit Viren infiziert waren, dass die herrschende Kaste einfach nicht mit den klaren Worten ihres Helden zurecht komme und ihn deshalb verbannen müsse. Trump lässt Dutzende von Klagen an den Gerichtshöfen der Bundesländer einreichen. Er verlangt Neuauszählungen, will die Wahl von Amts wegen rückgängig machen lassen. Angeblich sind tausende Stimmen bereits verstorbener Wähler gezählt worden, haben die Wahlmaschinen versagt, sind Wahlzettel zugunsten Trumps verschwunden. Tatsächlich gibt es verschiedene Neuauszählungen; nirgendwo erweisen sich die Vorwürfe des Verlierers als berechtigt. Da keine Beweise vorgelegt werden, werden alle Klagen abgelehnt. Auch Trumps Versuch, noch vom Supreme Court, dem obersten Gerichtshof, Recht zu bekommen, scheitert, obwohl er wenige Tage vor der Wahl dort noch eine republikanische Bundesrichterin eingesetzt hat.

Parallel dazu macht der Noch-Präsident Druck auf Abgeordnete und Wahlleitungen einzelner Bundesstaaten, in denen er besonders knapp verloren hat. Er bestellt rechtswidrig Abgeordnete aus Pennsylvania ins Weiße Haus ein – erfolglos. Er ruft Gouverneure an – ebenfalls erfolglos. Er lässt Republikaner in Schlüsselstellungen von Dritten erpressen. Er stilisiert sich als Opfer, verlangt „Fairnis“ für sich. Sein Team beginnt eine Spendenkampagne „für Kundgebungen und andere Dinge, die wir vorbereiten.“ Bis zur endgültigen Wahlfeststellung bleiben knapp zwei Monate Zeit, um noch Einfluss zu nehmen.

Derweil werden bizarre Details über Donald Trumps Amtsführung und seinen immerwährenden Durst auf Bestätigung bekannt: Offenbar wurden dem Präsidenten deshalb regelmäßig Informationen vorgelegt, die die Tatsachen stark beschönigten. Die ehemalige Militärärztin Deborah Birx hat beispielsweise die Bemühungen gegen die Pandemie koordiniert. „Trump präsentierte bei Briefings Grafiken, die ich nicht erstellt hatte“, sagte Birx im TV-Interview mit CBS-Journalistin Margarete Brennan: „Ich denke, dass jemand eine Art Parallel-Set an Daten für den Präsidenten erstellte. Ich weiß bis heute nicht, wer das gewesen sein könnte.“ Offenbar fürchteten die engen Mitarbeiter Trumps Wutanfälle so sehr, dass sie lieber als Überbringer guter Nachrichten vor ihn treten wollten.

Je knapper die Zeit wird, desto aggressiver werden Trumps Maßnahmen. Er ruft den Wahlleiter des Staates Georgia, Innenminister Brad Raffensperger an und verlangt von ihm, genügend Stimmen „zu finden“, die ihn zum Wahlsieger machen. Als dieser sich weigert, bedroht ihn der Präsident. Das Telefonat wird mitgeschnitten und verursacht enorme Empörung. Als Justizminister William Barr schließlich gegen den Willen Trumps öffentlich bekannt gibt, die Wahl sei rechtens verlaufen, muss er zurücktreten. Sein Stellvertreter Jeffrey A. Rosen wird Nachfolger, weigert sich aber ebenfalls, das Recht zu beugen. Der Plan, Rosen aus dem Amt zu drängen und einen Trump-Unterstützer, Anwalt Jeffrey Clark, zum Justizminister zu machen, kommt nicht mehr zustande. Clark sollte die Landesregierung Georgias zwingen, die Wahl für ungültig zu erklären. Nun erwartet Trump, dass sein Vizepräsident Pence die endgültige Feststellung des Wahlergebnisses verhindert. Aber auch dieser Mann, der vier Jahre lang zu allem, was der Präsident tat oder sagte, nur mit leuchtenden Augen genickt hatte, weigert sich, obwohl er von Trump laut schreiend übelst beschimpft wird. Damit hat Pence vier Jahre unverbrüchlicher Treue zu seinem jähzornigen Dienstherrn mit einem Schlag aus dessen Gedächtnis gewischt und durch mörderischen Zorn ersetzt.

Kurz vor Weihnachten soll es im Oval Office zu einer chaotischen Versammlung unter anderem mit der Anwältin und QAnon-Unterstützerin Sydney Powell, Ex-General Michael Flynn, Emily Newman, Patrick Byrne und Präsident Trump gekommen sein. Michael Flynn war von Trump erst wenige Tage zuvor per Begnadigung aus dem Gefängnis geholt worden. Nun soll er versucht haben, den Präsidenten von extremen Maßnahmen zu überzeugen, um seine Macht zu erhalten. Anwältin Powell wollte gleichzeitig erreichen, dass der nationale Notstand ausgerufen und sie selbst zur nationalen Sicherheitsberaterin ernannt würde. General Flynn soll bei dem Treffen mehrfach ausgerastet sein und Sicherheitsberater Herschbach angeschrien haben, er sei ein Feigling – unter anderem deshalb, weil dieser Beweise für Behauptungen verlangt hatte, dass Software des Wahlmaschinenherstellers Dominion von ausländischen Kräften manipuliert worden sei.

Als sich am 6. Januar der Kongress im Kapitol trifft, um endgültig Joe Biden als Wahlsieger zu erklären, hält Trump vor Tausenden seiner Anhänger eine Rede vor dem Weißen Haus und fordert sie auf, zum Kapitol zu marschieren. Die tun das auch und stürmen aggressiv das Gebäude. Fünf Menschen sterben. Ein Video von Donald Trump junior zeigt, wie das Team Trump fröhlich den Sturm beobachtet. Der Präsident soll gespannt und aufgeregt gewesen sein, begeistert, dass seine Fans sich so für ihn einsetzen – und gar nicht verstanden haben, warum es den meisten seiner Mitarbeitern nicht so ging. Wenig später wird bekannt: Das Wahlkampfteam Trumps soll über zwei Jahre hinweg knapp drei Millionen US-Dollar in Gruppen investiert haben, die am Sturm aufs Kapitol beteiligt waren. Unter den ausschließlich weißen Anhängern des Präsidenten waren viele bekannte Anhänger rechter Gruppen. Noch in der selben Nacht hält der Präsident eine Rede, in der er seine Fans aufruft, friedlich zu sein. Gleichzeitig bestätigt er ihnen aber, dass er sie verstehe und liebe.

Das war der Versuch eines Staatsstreiches, sind sich anschließend nicht nur Demokraten, sondern auch etliche republikanische Abgeordnete sicher. Damit Donald Trump nie wieder ein Staatsamt inne haben kann und nebenbei auch Präsidentenpension, -büro und -stab verliert, starten die Demokraten ein zweites Impeachment, obwohl dem Präsidenten nur noch wenige Tage im Amt bleiben. Nun beginnt ein Machtkampf Trumps mit seiner eigenen Partei, den Republikanern. Er nimmt sich die Abgeordneten, die ihn kritisiert haben, einzeln vor und droht ihnen, keinen Fuß mehr auf den Boden zu bekommen. Er droht seiner Partei unter anderem, mit Hilfe seiner millionenfachen Anhängerschaft eine neue Partei zu gründen, was den Republikanern im bestehenden Zwei-Parteien-System den Boden entziehen würde.

Nach dem Sturm auf das Kapitol und der anschließenden umfassenden öffentlichen Empörung werden die letzten Tage im Amt für Donald Trump einsam. Facebook und Twitter haben ihm sein Sprachrohr zu seinen Fans weg genommen, und Amazon entzieht jetzt auch dem Netzwerk Parler die Arbeitsgrundlage, indem es sich weigert, dieses weiter über seine Server zu hosten. Ein großer Teil der Fangemeinde schafft es, rechtzeitig zu Telegram überzusiedeln, wo alle verzweifelt darauf warten, dass ihr Held doch noch einen Weg findet, seine zweite Amtszeit anzutreten. Gleichzeitig wird dieser zur tragischen Figur: Gleich mehrere Banken trennen sich von ihm, darunter auch die Deutsche Bank, die noch hunderte Millionen Kredite von ihm hält. Die Stadt New York entzieht seinem Unternehmen mehrere lukrative Verträge. Auch der Golfverband PGA hat das nächste Turnier in Trumps Resort in Florida abgesagt. Die dortigen Clubmitglieder verschwinden reihenweise, nachdem Mar-A-Lago den präsidialen Glanz verloren hat. Der Name Trump ist plötzlich keine angesehene Marke mehr, erscheint nicht mehr „too big to fail“. Dazu ordnet das Gericht an, dass Trump innerhalb von drei Tagen seine Steuerunterlagen herausgeben muss. Das hatte er über vier Jahre hinweg erfolgreich verhindern können.

Trump wird hektisch aktiv: Nachdem er in seiner Amtszeit die Todesstrafe auf Bundesebene wieder eingeführt hat, lässt er in seiner letzten Amtswoche noch schnell das das 12. Todesurteil, das einer Frau, vollstrecken. Er erlaubt unter anderem auf den letzten Drücker die Ölförderung in den Naturschutzgebieten Alaskas, ordnet neue Sanktionen gegen China an, schert sich aber keinen Deut um Corona-Impfungen oder eine ordentliche Amtsübergabe. Außerdem begnadigt der Präsident zahlreiche Verbündete, die sich verschiedener Verbrechen schuldig gemacht haben. Darunter sind auch mehrfache Mörder. Für Trump zählen nicht die Taten, die diese Leute begangen haben, sondern die Frage, wer loyal zu ihm stehen, bzw. ihm später noch nützlich sein wird. Von einer Begnadigung seiner selbst und seiner Familie ist nicht die Rede. Sein langjähriger persönlicher Anwalt, Mike Cohen vermutet jedoch, dass diese geheim ausgesprochen wurden und nur bei akutem Bedarf genutzt werden sollen.

Donald Trump erklärt, nicht an der Amtseinführung Bidens teilnehmen zu wollen. Er organisiert seinen eigenen Abschied auf einem Militärflughafen einige Stunden vor Bidens Festakt und verspricht den wenigen erschienenen Fans, unter ihnen auch seine Kinder mit Tränen in den Augen: „We will be back in some form.“ Seine kampfbereiten Anhänger verfolgen Bidens Amtseinführung, trösten sich gegenseitig auf Telegram und hoffen bis zur letzten Minute auf ein Wunder. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf das Versprechen zu verlassen: „We will be back in some form.“

Bidens Amtsübernahme verläuft Corona-bedingt mehr als ruhig: Nur tausend geladene Gäste verfolgen das Spektakel, unter ihnen der ehemalige Vizepräsident Mike Pence. Der fürchtet seit dem Sturm auf das Kapitol um sein Leben und hat sich die meiste Zeit zuhause eingebunkert. Als die Bidens ins Weiße Haus gehen wollen, stehen sie vor verschlossenen Türen: Die Trumps haben als letzten Gruß dafür gesorgt, dass niemand da war, der sie von innen hätte öffnen können. Das sorgt für einen kurzen, peinlichen Moment des Stillstands im sonst so ausgefeilten Programm. Donald Trump sitzt zu diesem Zeitpunkt feixend in Florida vor dem Fernseher.

In welcher Form man demnächst von Trump hören wird, fragt man sich auch in Washington, denn allen ist klar, dass der Entthronte auf Rache sinnt. Donald jr. hat bereits die Einrichtung eines eigenen Messengers angekündigt: „Freedom“ soll er heißen. Dabei soll es aber nicht bleiben: Die republikanische Partei fürchtet vor allem, dass der Ex-Präsident seine eigene „Patriot“-Partei gründet. 74 Millionen Unterstützer fallen schwer in die Wagschale. Trump selbst droht mit allem, was er in den Händen hat, und seine Partei, von der große Teile den Aufstand im Kapitol missbilligen, steht vor einem Dilemma: Was tun im Impeachment-Verfahren?

Mar -A-Lago in Florida

„The Office of the Former President“ wird offiziell eröffnet – per Pressemitteilung. Angesiedelt ist es – so heißt es – im Palm Beach County in Florida. Dort liegt auch Trumps Golf-Anwesen Mar-A-Lago, das er zum Ärger der dortigen Nachbarn als neuen dauerhaften Wohnsitz gewählt hat, und dort eröffnet wenig später auch seine Frau das „Office of Melania Trump“. Von Donald Trumps Office aus sollen künftig öffentliche Auftritte, offizielle Aktivitäten und Erklärungen sowie das „Erscheinungsbild“ Trumps organisiert und koordiniert werden. „Präsident Trump wird für immer ein Champion für das amerikanische Volk sein“, heißt es dazu in der Mitteilung. Russ Vought, ehemals Leiter von Trumps Verwaltungs- und Finanzbüro, wird laut US-Medienberichten zwei Think Tanks ins Leben rufen, die dem Ex-Präsidenten die ideologische Munition liefern sollen, mit der er seine politische Haltung und seine Ziele auf der öffentlichen Tagesordnung halten kann. Wie genau Trump sich positioniert, hängt vom Ausgang des Impeachment-Verfahrens ab, für das sich der Senat auf Druck der Republikaner zwei Wochen Zeit genommen hat. Es fällt damit bereits in die Amtszeit Joe Bidens. Stimmen die Abgeordneten nicht zu zwei Dritteln zu (wozu sie 17 republikanische Stimmen brauchen), kann Trump 2024 erneut versuchen, Präsident zu werden. Geht das zweite Impeachment aber durch, muss er völlig andere Wege gehen. Gedacht ist dann unter anderem auch an den Aufbau eines Medienimperiums, mit der er seine eigenen Botschaften unter’s Volk bringen kann.

Die zehn republikanischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus, die zusammen mit den Demokraten für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump gestimmt hatten, sehen sich großem Druck aus den eigenen Reihen, öffentlich, wie auch hinter den Kulissen, ausgesetzt. So reist beispielsweise einer der wichtigsten Verbündeten von Donald Trump, der Republikaner Matt Gaetz aus Florida, nach Wyoming, um die Abgeordnete Liz Cheney zu rügen, die im Repräsentantenhaus für die Eröffnung des Impeachment-Verfahrens gestimmt hat.  Trumps Leute bedrohen die eigenen Parteimitglieder, sich ja nicht für das zweite Impeachment auszusprechen. Einige von ihnen fürchten danach um ihr Leben. Nach Mar-A-Lago eingeladen wird dagegen die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, die QAnon offen unterstützt, sich daher mit Rücktrittsforderungen der Demokraten konfrontiert sieht und wenig später aus wichtigen Ausschüssen entfernt wird.

Eine, freundlich ausgedrückt, ambivalente Rolle spielt der Fraktionsvorsitzende im Senat, Mitch McConnel. Der Mann, der in einer ersten Reaktion auf den Sturm des Kapitols ebenfalls Donald Trump beschuldigt hatte, verteidigt diesen nach einem Gespräch in Mar-A-Lago. Der Mann, der nach innen die Partei warnt: „Verrückte Lügen und Verschwörungstheorien sind ein Krebsgeschwür für die Republikanische Partei und unser Land“, verteidigt die rechtsextreme QAnon-angehörige Marjorie Taylor Greene nach außen als „große Führungspersönlichkeit“. Dahinter steht nicht nur deutliche Angst vor der Wut des ehemaligen Präsidenten, der auch weiterhin eine Führungsrolle in der Partei behalten will: Auch Mitch McConnel will seinen einflussreichen Posten behalten.

Schon wenige Tage nach der Entscheidung des Senats, das Verfahren um zu vertagen, beantragt Senator Rand Paul, das Impeachment für verfassungswidrig zu erklären. 45 der 50 Republikaner stimmen dafür, auch Fraktionsführer Mitch McConnell. Inzwischen spricht die Homeland Security eine seltene nationale Terrorwarnung aus: Trumps Unterstützer vom Sturm des Kapitols machen erneut mobil. Verwaltungen sollen gesichert werden und Ladenbesitzern wird geraten, jedes Zeichen ihrer Kritik an Trump-Supportern zu entfernen. Die Biden-Administration hält Donald Trump inzwischen für so gefährlich, dass sie ihm die geheimdienstlichen Briefings entzieht.

Der Ex-Präsident will im zweiten Amtsenthebungsverfahren erneut den Fokus darauf setzen, dass die Wahl manipuliert und er der eigentliche Gewinner sei. Seine erste anwaltliche Vertretung quittiert deshalb den Dienst. Beide Parteien wollen möglichst schnell zu einem Ende kommen, um die Amtsführung des neuen Präsidenten nicht zu belasten. Die Ankläger präsentieren dem Senat neue erschütternde Videos, die eindeutig beweisen, dass Donald Trump den Sturm auf das Kapitol von langer Hand geplant und am 6. Januar auch initiiert hat. Eine Zeugin geht an die Öffentlichkeit und berichtet von hilfesuchenden Anrufen seiner eigenen Parteimitglieder während des Sturms, die darauf hinwiesen, dass sein Stellvertreter Mike Pence in Lebensgefahr war. Er rührte keinen Finger, um das Geschehen zu stoppen, twitterte statt dessen: „Es gibt offenbar Menschen, die sich stärker für Gerechtigkeit interessieren als Mike Pence. Mike Pence hatte nicht den Mut, zu tun, was hätte getan werden müssen, um unser Land und unsere Verfassung zu schützen.“ Es wird auch bekannt, dass der scheidende Präsident versucht hat, Protokolle zahlreicher geheimer Telefonate unter anderem mit Russlands Staatschef Putin in den Archiven zu verstecken.

Als es zur Abstimmung über das Impeachment kommt, entscheiden sich die Republikaner mehrheitlich dafür, dass man einen Privatmann nicht mehr vom Präsidentenamt entfernen könne, weil er es ja nicht mehr inne hat. Nur sieben von ihnen stimmen mit den Demokraten – zehn zu wenig. Auch Fraktionschef Mitch McConnell, der gleichzeitig Donald Trump eindeutig schuldig erklärt, findet, dass man ihn als Privatmann von Staats wegen nicht mehr belangen kann. Wer es wolle, könne den Ex-Präsidenten ja auf ziviler Ebene wegen Verfehlungen im Amt verklagen. Trump wird erneut nicht verurteilt und meldet sich umgehend jubelnd zu Wort: Er habe in der größten Hexenjagd der Geschichte obsiegt. Die Zeit von MAGA (Make America Great Again) habe gerade erst begonnen, sagt er. Die Drohung wird allseits als solche wahrgenommen.

In den Bundesstaaten beginnen bereits Strafaktionen aus den eigenen Reihen gegen Republikaner, die sich gegen Trump ausgesprochen haben. Wird Donald Trump 2024 wieder kandidieren? Es gibt Stimmen, die glauben, dass er mit der Vergeltung an all denen, die nicht loyal zu ihm standen, auf lange Zeit beschäftigt sein wird. Mit Mitch McConnell hat er bereits angefangen: „Mitch ist eine mürrische, übellaunige, nie lächelnde politische Fehlbesetzung, und wenn die republikanischen Senatoren an ihm festhalten, werden sie nicht nochmal gewinne,“ erklärt Trump und macht McConell damit eine Kriegserklärung. Die Partei soll entscheiden, wem sie in Zukunft folgen will. Und das ist erst der Anfang.

Ob Donald Trump weiter politisch tätig sein kann, hängt jedoch auch davon ab, dass er seine Freiheit behalten kann. Das ist zurzeit keineswegs sicher, denn es warten eine Vielzahl von Gerichtsverfahren auf ihn. Ein weiteres ist frisch dazu gekommen: Der Bundesstaat Georgia klagt ihn wegen des Versuchs der nachträglichen Wahlmanipulation an. Auch seine Organisation des Aufstands am Kapitol kann vor zivilen Gerichten noch verfolgt werden. Mit einer Selbstbegnadigung könnte er sich nur vor einem Teil der Verfahren retten. Eine der Klagen kommt aus der eigenen Familie: Nichte Mary Trump zieht in einem Erbschaftsstreit gegen den Onkel vor Gericht. In der in New York eingereichten Klage wird Donald Trump und anderen Mitgliedern der Familie vorgeworfen, Mary Trump um einen Erbanteil im zweistelligen Millionenbereich betrogen zu haben.

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Mary Trump

So wurde Donald Trump geprägt

Wie wird ein Mensch zu einem derart zerstörerischen, malignen Narzissten? Bei Donald Trump gibt es gleich zwei Gründe dafür: Sein Vater war ein Soziopath, und er selbst lernte in seiner Kindheit, dass es keine bedingungslose Liebe gibt. Wer anerkannt werden will, so die Lektion des Kindes Donald, muss etwas dafür leisten. Er muss sich durchsetzen und siegen, siegen, siegen.

Zuviel und nie genug – wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ heißt das 240 Seiten starke Buch von Mary Trump, das am 14. Juli 2020 erschien und sofort millionenfach verkauft wurde. Mary Trump ist die Tochter von Donald Trumps Bruder Fred Trump Jr., der 1981 im Alter von 43 Jahren starb. Sie erzählt die Lebensgeschichte der Brüder in einem Werk, das Einblicke in eine toxische Familie vermittelt, wie es sie zuvor nicht gab.

Mary Trump ist eine verbitterte Frau. Zu lange fühlte sie sich im Trump-Clan zurückgesetzt, zu sehr schmerzt sie noch heute der unwürdige Tod, den ihr Vater wegen der Empathielosigkeit seiner Eltern und Geschwister starb. Aber neben einem Master in englischer Literatur führt sie auch einen Doktortitel in klinischer Psychologie. Diese Kombination macht ihr Buch so spannend: Einerseits erfährt der Leser sehr viele Details aus dem Leben des Präsidenten, andererseits ist das Buch eine Studie zum Thema Narzissmus und Soziopathie. Wie wird ein Narzisst ein solcher – und wie entwickelt sich aus einer vererbten Anlage das Vollbild eines Soziopathen? Das zu beschreiben gibt es kaum geeignetere Menschen, als die Autorin. Sie unterrichtete an Universitäten Trauma, Psychopathologie und entwicklungsgemäße Psychologie.

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Donald Trump (ganz links) mit seinen Geschwistern Fred, Elisabeth, Maryanne und Robert.

Donald Trump ist das vierte von fünf Kindern: Nach Fred (im Folgenden Freddy genannt), Elisabeth und Maryanne kam er vor seinem Bruder Robert am 14. Juni 1946 im Stadtteil Queens/New York zur Welt. Er hat in seiner Kindheit zwei Traumata erlebt, die ihn maßgeblich geprägt haben. Donald war zweieinhalb Jahre, sein jüngster Bruder Robert neun Monate alt, als die Geschwister eine Katastrophe traf: Mitten in der Nacht fand die zwölfjährige Maryanne ihre Mutter Mary bewusstlos in einer Blutlache. Vater Fred schaffte seine Frau umgehend ins beste Krankenhaus New Yorks, wo man feststellte, dass es nach der Geburt Roberts unentdeckte Komplikationen im Unterleib gegeben hatte. Fast einen Tag lang schwebte die Mutter in Lebensgefahr. Die folgenden sechs Monate musste Mary Trump im Krankenhaus bleiben, danach blieb sie dauerhaft leidend. Besonders den beiden Jüngsten, Donald und Robert, fehlte dadurch in einer entscheidenden Zeit ihrer Entwicklung eine liebende Bezugsperson.

Fred und Mary führten eine schwierige Ehe: Fred Trump, ein Mann ohne jede Empathie, war völlig auf seine Arbeit konzentriert. Ehefrau Mary-Anne, ebenfalls sehr ehrgeizig, war emotional hoch bedürftig. Sie nutzte ihre Kinder, um ihr Bedürfnis nach Zuwendung zu befriedigen und stellte sich selbst regelmäßig als Opfer oder gar Märtyrerin dar. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt verstärkte sich dieses Verhalten. Besonders Donald und Robert wurde durch den nicht anwesenden Vater und die selbstzentrierte Mutter ein wichtiges Grundgefühl versagt, das jedes Kind für eine positive Entwicklung unbedingt braucht: Emotionale Sicherheit durch positives Feedback und das Gefühl, geliebt zu werden. Das prägte ihn für sein ganzes Leben.

Auch das zweite Trauma begleitet den heute 74jährigen noch immer. Es heißt Fred Trump sr., den Mary Trump einen „hochgradig funktionieren Soziopathen ohne jedes emotionale Bedürfnis“ nennt. „Symptome von Soziopathie sind das Fehlen von Empathie, eine Veranlagung zum Lügen, Gleichgültigkeit gegenüber Recht und Unrecht, ein falsches, missbräuchliches Verhalten und fehlendes Interesse an den Rechten Anderer. Wenn ein Kind ein soziopathisches Elternteil hat und niemand da ist, der die Wirkung dieses Verhaltens abmildern könnte, sind ernste Störungen im Selbstbild der Kinder, in der Art, wie sie ihre Gefühle einordnen und wie sie sich mit der Welt auseinander setzen, garantiert,“ schreibt die Autorin.

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Donald Trump 1951

Besonders die beiden jüngsten Kinder, Donald und Robert litten unter dem völligen Mangel an Interesse ihres Vaters. Je größer ihre emotionale Not war, desto mehr stieß Fred Trump sie zurück. Er hasste es, wenn man etwas von ihm verlangte, und die Belästigung, als die er die Bedürfnisse seiner beiden jüngsten Kinder empfand, sorgte für eine gefährliche Spannung im Hause Trump: Donald und Robert lernten, jede Form von Bedürftigkeit gleichzusetzen mit Demütigung, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. „Kindesmissbrauch ist oft die Erfahrung von ‚zuviel‘ oder ’nicht genug‘. Donald erlebte die Erfahrung von ’nicht genug‘, indem er in einer wichtigen Phase seiner Entwicklung den Kontakt zu seiner Mutter verlor, was ihn tief traumatisierte. Ohne Vorwarnung gab es niemanden mehr, der sich um seine Bedürfnisse kümmerte, der seine Ängste und Sehnsüchte gelindert hätte.

Donald erlebte Entbehrungen, die ihn für den Rest seines Lebens ängstigen würden,“ schreibt Mary Trump. „Die Persönlichkeit, die er daraufhin entwickelte, indem er Züge von Narzissmus, ein schikanierendes, grandioses Verhalten an den Tag legte, sorgte schließlich dafür, dass sein Vater Notiz von ihm nahm – aber nicht auf eine Weise, die in irgendeiner Form das Entsetzen in ihm abmildern konnte.“ Als er dann älter wurde, erlebte Donald sozusagen ‚aus zweiter Hand‘ das ‚zuviel‘. Er beobachtete, was mit seinem ältesten Bruder Freddy geschah, als dieser zu viel Aufmerksamkeit von seinem Vater bekam, unter zu hohen Erwartungen, und vor allem zuviel Demütigung leiden musste und schließlich kapitulierte.

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Fred Trump 1950

Vater Fred interessierte sich nur für seine Kinder, wenn diese seinen eigenen Bedürfnissen dienten. Liebe bedeutete ihm nichts, er konnte ihre Not nicht nachempfinden, was ein wesentliches Kennzeichen für einen Soziopathen ist; er erwartete Gehorsam, das war alles. Kinder können solche Unterscheidungen nicht machen, also dachten seine Kinder, ihr Vater liebe sie – oder sie könnten sich seine Liebe irgendwie verdienen. Sie fühlten aber auch, dass die ‚Liebe‘ ihres Vaters, so, wie sie sie erfuhren, niemals vorbehaltlos war.

Um damit irgendwie zurecht zu kommen, entwickelte Donald machtvolle, aber primitive Verteidigungshaltungen, die sich in zunehmender Feindseligkeit gegenüber Anderen und scheinbarer Gleichgültigkeit gegenüber der Abwesenheit seiner Mutter und der Vernachlässigung durch seinen Vater äußerten. Obwohl ihn das von den schlimmsten Auswirkungen seines Schmerzes schützte, machte es ihm auch extreme Schwierigkeiten, seine emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen, weil er sich angewöhnte, so zu handeln, als gäbe es sie nicht. Mit der Zeit entwickelte er ein aggressives, respektloses, tyrannisches Verhalten, das anfangs seinen Zweck erfüllte, später aber immer problematischer wurde. Es prägte zunehmend seine Persönlichkeit, denn es sorgte dafür, dass Vater Fred auf seinen lauten und schwierigen Sohn aufmerksam wurde. Er lobte ihn und ermutigte ihn zu diesem Auftreten, das ihn immer weniger liebenswert machte – das direkte Ergebnis von Freds Missbrauch.“

Fred Trump hatte schon im Alter von 12 Jahren die Geschäfte seines Vaters Friedrich übernommen, der an der spanischen Grippe gestorben war. Mit 25 lernte er auf einer Tanzveranstaltung seine künftige Frau Mary kennen und wusste sofort, dass er sie und keine andere wollte. Die Rollen der beiden waren von Anfang an klar: Fred würde arbeiten – meist mehr als 12 Stunden am Tag und sechs Tage in der Woche – sie würde sich um Haus und Kinder kümmern. Fred Trump wurde immer erfolgreicher, knüpfte Netzwerke mit den Mächtigen und Entscheidern, kaufte und renovierte sich ein Millionenvermögen an Immobilien zusammen und achtete immer sorgfältig darauf, so wenig wie möglich Steuern zu bezahlen. Er selbst brauchte wenig für sich, und die Familie, die zwar im eigenen, extra erbauten Haus wohnte, führte ein relativ bescheidenes Leben.

Aber so erfolgreich Fred auch war: Er war kein begabter Redner, kannte sich mit den Feinheiten der Sprache nicht aus. Er zog es vor, im Hintergrund die Strippen zu ziehen. Davon abgesehen, hatte der Patriarch ein unzerstörbares Selbstvertrauen: Er war reich, weil er es verdiente, reich zu sein. Punkt. Nun wollte er einen Nachfolger aufbauen, der die erfolgreichen Geschäfte fortsetzte. Der sollte über das gleiche Selbstvertrauen verfügen, aber außerdem das Unternehmen so sprachgewandt wie optisch ansprechend in der Öffentlichkeit präsentieren und gleichzeitig knallhart das jeweils beste Geschäft durchsetzen.

Freddy Trump mit Mutter

Der älteste Sohn Freddy war dafür denkbar ungeeignet: Er war freundlich, mitfühlend, er liebte seine Freunde, das Tiefseefischen und das Fliegen. Freddy mühte sich redlich, seines Vaters Erwartungen zu erfüllen, wurde aber immer wieder gedemütigt und degradiert. Dazu kam, dass er eine einfache Frau heiratete, die der Vater nicht billigte. Mit Linda bekam er Tochter Mary und Sohn William, der von Geburt an unter spastischen Lähmungen litt.

Verzweifelt und immer wieder vergeblich bemühte sich Freddy um die Anerkennung des Vaters. Ein einziges Mal versuchte er, sich von dieser Bürde zu befreien: Er machte den Pilotenschein für Verkehrsmaschinen und begann, hauptberuflich zu fliegen. Sein Vater nannte das verächtlich „Busfahrer der Lüfte“. Da war Freddy schon Alkoholiker. Kaum ein Jahr flog er, dann sorgte sein Alkoholkonsum dafür, dass er nirgendwo mehr eine Anstellung fand und reumütig in die Firma zurückkehrte.
Donald hatte das Geschehen genau beobachtet und beschloss, niemals den Fehler zu machen, zu weich zu sein. Er würde den Killerinstinkt beweisen, nach dem der Vater verlangte, und er würde sich brillierend in der Öffentlichkeit präsentieren. Noch war es aber nicht soweit: Erstmal wurde der junge Donald ein lauter, brutaler und gemeiner Rüpel, der seinen jüngeren Bruder Robert schikanierte, seiner Mutter nicht gehorchte und in der Schule immer wieder randalierte – so lange, bis sein Vater ihn in ein Militär-Internat schickte.

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Donald in der Militärakademie

Danach ging alles sehr schnell: Donald überflügelte Freddy im Schnellverfahren und wurde von seinem Vater systematisch aufgebaut: Mit den Jahren kreierte Fred den Mythos seines Sohnes vom erfolgreichen Selfmade-Geschäftsmann, der das Trump-Unternehmen nach außen vertrat.

Von Anfang an leistete sich der junge Mann dabei einen opulenten Lebensstil, den der Vater wortlos finanzierte. Es folgte eine aus Sicht des Vaters fruchtbare Zusammenarbeit: Sohn Donald wurde das Gesicht des Unternehmens und er selbst konnte in Ruhe die Strippen im Hintergrund ziehen. Das ließ er sich Millionen kosten. Sohn Freddy sank gleichzeitig immer tiefer im Unternehmen und kam vom Alkohol nicht mehr los. Das zerstörte die Ehe mit Linda. Während Ivanka Trump, Donalds erste Frau, jedoch bei der Scheidung mit 25 Millionen abgefunden wurde, erhielt Linda gerade mal 600 Dollar im Monat. Die Ausbildung von Mary und William, sowie die gesamte Krankenversicherung von Freddys Familie zahlte das Unternehmen. Als Freddy nicht mehr in der Lage war, allein zu leben, zog er zurück ins „Haus“, wie das Anwesen der Eltern von der ganzen Familie genannt wurde. Er bekam das schäbigste Zimmer ohne direktes Sonnenlicht, wo er mit seinem Kofferradio völlig vereinsamt seine Tage verbrachte.

Als Freddy zum Sterben ins Krankenhaus gebracht wurde, war niemand aus der Familie bei ihm: Die Eltern saßen wie gewohnt zuhause und Donald ging mit Schwester Elisabeth ins Kino. Tochter Mary wurde in ihrer Schule erst benachrichtigt, als ihr Vater bereits tot war. Wenig später begann der Clan, den Erstgeborenen auszuradieren: Die Krankenkasse für seine Familie wurde nicht mehr bezahlt und man zwang seine Kinder, ihre wenigen Anteile der Firma, von denen sie überhaupt wussten, für gerade mal 200 000 Dollar an die Verwandten zurück zu geben.

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William mit Vater Freddy Trump

Ohne finanzielle Absicherung der 24-Stunden-Pflege für den von Geburt an schwer behinderten Bruder William war dieser in ständiger Gefahr, plötzlich zu sterben. Freddies Familie verklagte das Unternehmen, das daraufhin die Krankenversicherung für William wieder übernahm.

In der Folge schildert Mary Trump detailreich eine große Zahl von Aktivitäten ihres Onkels und dessen Umfeld, mit vielen Geschäften am äußersten Rand der Gesetze, mit Zahlen und Gerichtsurteilen. Niederlagen akzeptierte ihr Onkel nur, wenn absolut keine andere Möglichkeit mehr offen stand – und dann verwandelte er sie für die Öffentlichkeit in eine Erfolgsgeschichte.

Patriarch Fred Trump verbrachte seine letzten Jahre in zunehmender Demenz. Kurz bevor der Vater starb, startete Sohn Donald einen großen Coup: Er versuchte, den alten Mann ein geändertes Testament unterschreiben zu lassen. Dies hätte das gesamte Immobilienunternehmen allein in seine Hände übergehen lassen. Im letzten Moment bemerkten die Geschwister die Absicht und vereitelten sie. Als Donald ohne die finanziell ausgleichende Hand seines Vaters Geschäfte machte, liefen diese deutlich schlechter als zuvor. Mehrmals musste er Insolvenz anmelden, und noch heute stapeln sich seine Schulden auf insgesamt 1,1 Milliarden Dollar. Dass die Banken ihn immer wieder auffingen, verdankte er einem einzigen Umstand: Er und seine Marke waren „too big to fail.“

„Donald ist heute noch wie ein dreijähriges Kind; unfähig zu wachsen, zu lernen oder sich zu entwickeln, unfähig, seine Gefühle zu kontrollieren, sachbezogen zu antworten oder Informationen zu sammeln und einzuordnen,“ sagt Mary Trump in ihrem Buch. „Seine tief sitzende Unsicherheit hat ein tiefes, schwarzes Loch voller Bedürfnisse in ihm erschaffen, die ständig das Licht von Komplimenten einfordern. Dieses Licht verschwindet, sobald er es in sich eingesogen hat: Nichts wird jemals genug für ihn sein.“

*

Siehe auch:

Wahlfeststellung im Kapitol von Trump-Fans gebremst

Donald Trump zu unterschätzen wäre ein tödlicher Fehler

Was muss geschehen, damit ein Süchtiger geht? 

Mit Donald Trump kommt ein Lügner und Betrüger ins Amt

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Der Narzisst und die Frauenwelt

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Abschiedsbrief an einen Narzissten

Herz ich verlasse dich

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Mein wahres Ich wirst du nie erreichen

Ein tragisches doppeltes Trauma

Wenn der Empath geht

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Warum landen manche Menschen immer wieder bei „den Falschen“?

Updates:

As Trump’s latest intra-party feud rages, Sen. Graham heads to Mar-a-Lago on a peace mission

Trump ready to make McConnell’s life miserable

Trump is only welcoming people who share his vengeance

Pence declined invitation to attend CPAC

Almost half of Republicans would join Trump party

Trump attacks Republicans who backed impeachment

Is Donald Trump a declining parody or a terrifying threat?

Mitch McConnell laughs off Trump taking credit for his reelection

Trump warned to back off as he seeks revenge on republicans

Trump ist finally learning that being president was a huge mistake

Michael Cohen recalls the time when Trump offered up Don jr. for Prison


Du willst es dunkler – Wir töten die Flamme – Hier bin ich, mein Herr

Wenn du der Dealer bist, bin ich raus aus dem Spiel

wenn du der Heiler bist, heißt das, ich bin gebrochen und lahm

wenn dein die Herrlichkeit ist, muss mein die Schande sein

Du willst es dunkler

töten wir die Flamme

Riesig, geheiligt sei den heiliger Name

geschmäht, gekreuzigt in der menschlichen Gestalt

Millionen Kerzen brennen für Hilfe, die nie kam

Du willst es dunkler

Hineni – ich bin bereit, mein Herr

Da ist ein Liebender in der Geschichte

aber die Geschichte bleibt immer gleich

ein Schlummerlied für Leid

und ein Paradoxum ist schuld

Doch steht geschrieben in den Schriften

und es ist nicht einfach eine leere Beschuldigung

Du willst es dunkler

töten wir die Flamme

Sie stellen die Gefangenen in Reihen auf

und die Wärter zielen auf sie

Ich kämpfte mit Dämonen

Sie waren mittelmäßig und dressiert

Ich wusste nicht, dass ich die Erlaubnis hatte, zu morden und zu verstümmeln

Du willst es dunkler – ich bin bereit, mein Herr

Hineni – ich bin bereit, mein Herr

Leonard Cohen

If you are the dealer, I’m out of the game
If you are the healer, it means I’m broken and lame
If thine is the glory then mine must be the shame
You want it darker
We kill the flame

Magnified, sanctified, be thy holy name
Vilified, crucified, in the human frame
A million candles burning for the help that never came
You want it darker

Hineni, hineni – I’m ready, my lord

There’s a lover in the story
But the story’s still the same
There’s a lullaby for suffering
And a paradox to blame
But it’s written in the scriptures
And it’s not some idle claim
You want it darker
We kill the flame

They’re lining up the prisoners
And the guards are taking aim
I struggled with some demons
They were middle class and tame
I didn’t know I had permission to murder and to maim
You want it darker

Hineni, hineni, I’m ready, my lord

Leonard Cohen

Wahlfeststellung im Kongress vom Aufstand der Trump-Anhänger gebremst

Unglaubliche Szenen gab es heute nachmittag Ortszeit vor dem Kapitol in Washington D.C. Dort wollte der Kongress unter Leitung von Vizepräsident Mike Pence die Wahl des Demokraten Joe Biden würdig und offiziell feststellen. Allerdings gab es, wie angekündigt, Widersprüche von republikanischen Abgeordneten. Für jeden Widerspruch musste die Sitzung unterbrochen werden, um die Argumente zu diskutieren, so dass mit einer langen Nacht gerechnet wurde. Zuvor hatte es für Donald Trump einen Tag der Niederlagen gegeben: Erneut wurde ein Gerichtsverfahren gegen die Wahlergebnisse abgelehnt. Die Auszählung der Stichwahlen für zwei Abgeordneten-Sitze ergab zweimal einen Sieg für die Demokraten – womit diese nun in beiden Kammern die Mehrheit haben. Und Trumps Stellvertreter Pence, den der Präsident erheblich unter Druck gesetzt hatte, das Wahlergebnis doch noch umzukehren, hatte öffentlich erklärt, dass er das nicht tun würde.

Bereits seit gestern hatten sich Trump-Anhänger in Washington für den heutigen, geplanten Protest versammelt. Ihr Präsident hetzte sie heute in einer Rede vor dem Weißen Haus noch einmal kräftig auf, indem er erneut behauptete, ihm sei die Wahl mit unrechtmäßigen Methoden gestohlen wurde, und dass er niemals aufgeben werde. „Wenn ihr jetzt nicht höllisch kämpft, werdet ihr bald gar kein Land mehr haben,“ rief er unter anderem.

Dann ging es los.

Tausende Protestierende marschierten vom Weißen Haus zum Kapitol. Dort wurde die Masse schnell kleiner, als friedliche Demonstranten bemerkten, wie gefährlich es zu werden drohte. Es blieb ein harter Kern gewaltbereiter Menschen, unter ihnen viele Milizionäre. Sie drängten von allen Seiten zu den verschiedenen Eingängen des Kapitols. Die dortigen Sicherheitskräfte versuchten zwar, sie abzuhalten, machten jedoch keinen Gebrauch von ihren Schusswaffen, sondern standen teilweise sogar für Selfies zur Verfügung. Es gibt sogar den Verdacht, dass einige Sicherheitsleute den Zaun vor dem Gebäude selbst geöffnet haben. Die Demonstranten schlugen Fenster und Türen ein und verschafften sich Zuritt zum Gebäude. Innen überwanden sie eine zweite Reihe von Sicherheitskräften und marschierten vorwärts Richtung Sitzungssaal. Dort wurde Mike Pence eiligst in Sicherheit gebracht. Die Abgeordneten wurden gebeten, ihre Gasmasken unter den Sitzen zu benutzen, da beide Kräfte Tränengas benutzten. Dann wurden auch sie evakuliert.

Und schon waren sie drin in den heiligen Hallen: Jede Menge Trump-Anhänger besetzten sogar den Platz des Senatspräsidenten, wanderten durch die Reihen, machten viele Selfies und suchten auch Abgeordneten-Büros heim. Das der Haus-Sprecherin Nancy Pelosi wurde durchwühlt. Als sie gingen, hinterließen die ungebetenen Gäste einen Zettel auf ihrem Schreibtisch: „Wir werden nicht aufgeben“.

Die erschrockenen Fernsehzuschauer sahen, wie eine blutüberströmte Frau auf einer Bahre aus dem Haus getragen wurde. Sie war in die Brust geschossen worden und starb kurze Zeit später. Eine Bombe wurde nahe der republikanischen Parteizentrale gefunden und entschärft, später war von einer zweiten die Rede, sie ebenfalls sicher entfernt werden konnte. Nancy Pelosi rief nach der Nationalgarde, die Bürgermeisterin von Washington verhängte eine Ausgangssperre ab 18 Uhr (einige Stunden später).

Der designierte Präsident Joe Biden hielt eine Rede, in der er von einem Aufstand gegen die Demokratie sprach und Donald Trump aufforderte, dem umgehend ein Ende zu setzen. Diese Menschen hier, so Biden, seien nicht das Gesicht Amerikas, sondern eine begrenzte Zahl von Pro-Trump-Extremisten. Trump hielt schließlich nach einigen Tweets, in denen er zur Ruhe aufforderte, eine kurze Rede. Darin erneuerte er all seine Vorwürfe zum Thema Wahlbetrug, versicherte, niemals aufzugeben, bat seine Anhänger, nun aber nach Hause zu gehen, denn: „Wir brauchen jetzt Frieden.“

Wenig später sperrten Facebook und Twitter sein Video wegen Gewaltgefahr. Twitter und Instgram blockierten den Präsidenten für 24 Stunden. Facebook kündigte an, sieht sich alle bisherigen Posts Trumps auf Gewaltgefahr hin ansehen und gegebenenfalls löschen zu wollen. Am Folgetag wurde bekannt, dass alle Accounts des Präsidenten auf Facebook, Instagram und Snapchat mindestens bis zur Machtübergabe gesperrt werden. Es sei einfach zu gefährlich, sie offen zu lassen. Twitter kündigte an, die Reichweite Trumps einzuschränken und seine Tweets noch schärfer zu prüfen.

Nationalgarde wurde in der Stadt gesehen. Diese war, wie einige Medien vermuteten, aus Virginia geschickt worden, dessen Gouverneur den Notstand ausgerufen hatte. Er soll auch 200 zusätzliche Polizisten geschickt haben. Stunden später hiess es, Mike Pence habe die Nationalgarde zum Kapitol beordert. Auch am nächsten Tag war nicht genau klar, wer was befohlen hatte. Der amtierende Präsident hatte jedenfalls auf den Hilferuf nicht reagiert. Wie Mitarbeiter des Weißen Hauses berichteten, saß er vor dem Fernseher und habe sich sichtlich über die Bilder gefreut.

Nicht nur beim Kapitol gab es aggressive Demonstranten: Ähnlich ging es in Georgia zu, nachdem bekannt geworden war, dass beide Senatorensitze an die Demokraten gegangen waren. Der republikanische Senator Mitt Romney wurde bei seiner Anreise bereits am Bahnhof von einer Rotte Trump-Anhängern empfangen und als Verräter beschimpft. Gegen Abend Ortszeit wurde es in Washington auch für die Medienvertreter gefährlich: Elmar Theveßen vom ZDF berichtete, dass die Medien, völlig ungeschützt von Sicherheitskräften, eingekreist wurden. Foto- und Filmausrüstungen wurden wahllos zerstört, sein Team habe nur knapp die Kamera retten können. Die Journalisten seien von den Demonstranten ultimativ aufgefordert worden, das Gelände zu verlassen. Das Gelände rund um das Kapitol untersteht der „Capitol Police“, zu der rund 2000 Personen gehören. Gesichtet wurden aber, so Elmar Theveßen, nur wenige Dutzend.

Eines konnte immerhin gerettet werden: Aufmerksame Mitarbeiter im Kapitol sicherten die Kisten mit Wahlergebnissen, die dem Kongress als Beweis für die offizielle Feststellung des Wahlergebnisses dienen sollten.

Erst viereinhalb Stunden später wurde das Innere des Kapitols wieder für sicher erklärt. Mehrere Polizisten wurden verletzt. Die Polizei erklärte zunächst, sie habe fünf Schusswaffen sichergestellt und 13 Menschen von mehreren hundert inhaftiert (???). Am Ende des Tages gab es 52 Inhaftierte und vier Tote. Drei davon waren offenbar durch eigene gesundheitliche Probleme gestorben.

Die Abgeordneten traten in der Nacht wieder zusammen und vollendeten ihre Aufgabe: Joe Biden wurde zum rechtmässigen neuen Präsidenten erklärt.

Im Verlauf der Nacht wurde von weiteren Angriffen von Trump-Unterstützern auf Regierungsgebäude in Utah, Georgia, Oregon und Kansas. Texas und Kalifornien berichtet. Kämpfe wurden auch gemeldet aus Atlanta und Sacramento.

Die rechtsextreme Gruppe Proud Boys, die bekannt wurde, als Donald Trump sie im Wahlkampf aufforderte „to stand back and to stand by“ (sich zunächst zurückzuhalten, aber bereit zu sein), war seit dem Vortag in der Stadt gewesen und hatte angekündigt, dass man die 2000 bis 2500 Mitglieder an ihrer schwarzen Kleidung erkennen werde. Ihr Anführer, Enrique Tarrio, dem verboten worden war, Washington zu betreten, erklärte, dass in den kommenden Tagen mit weiteren Unruhen zu rechnen sei.

Noch in der Nacht forderten die Demokraten den amtierenden Vizepräsidenten Mike Pence auf, ein Verfahren gegen Präsident Trump zu eröffnen, um ihn wegen geistiger Unfähigkeit, seine Pflichten zu erfüllen, umgehend aus dem Amt zu entfernen.

Dieser erklärte am Morgen danach, es werde eine ‚ordnungsgemäße‘ Amtsübergabe am 20. Januar geben. Damit ende zwar die beste Präsidentschaft aller Zeiten, aber „das ist erst der Anfang unseres Kampfes mit dem Ziel ‚Make America great again!'“

Die Stimmung in Washington dreht sich

Zwei Tage nach den Vorfällen am Kapitol brummt die politische Welt in US-Amerikas Hauptstadt wie ein Bienenkorb. Nach einer fast verzweifelt klingenden Distanzierung von den Vorfällen, auch im Namen der Mitarbeiter des Weißen Hauses, durch die Pressesprecherin, traten reihenweise hohe Mitarbeiter zurück, gefolgt von zwei Ministern der Trump-Regierung: Verkehrsministerin Elaine Chao und Bildungsministerin Betsy deVos gaben ihre Ämter auf. Matthew Pottinger, der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater im Weißen Haus; Ryan Tully, ranghoher Direktor für Europa- und Russlandangelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat; Stephanie Grisham, Stabschefin von First Lady Melania Trump und frühere Regierungssprecherin, gaben auf. Mick Mulvaney, ehemals Stabschef im Weißen Haus und inzwischen Sonderbeauftragter für Nordirland, erklärte ebenfalls seinen Rücktritt. Nach massiven Vorwürfen zum mangelhaften Schutz des Kapitols traten auch Polizeichef Steven Sund und die für Ordnung in Senat und Repräsentantenhaus zuständigen Beamten Michael Stenger und Paul Irving zurück. Ein weiterer Polizist erlag seinen Verletzungen; die Zahl der Toten vom Mittwoch stieg damit auf fünf.

Mit hunderten von Beamten untersucht das FBI die Vorfälle. Einige der Protester verloren bereits ihre Arbeitsplätze, nachdem ihre Arbeitgeber ihr Mittun in den Videos gesehen hatten. Unter den Angreifern war sogar ein frisch gewählter Abgeordneter aus West Virginia, der einen selbstgemachten Film auf seiner Website postete. Mitarbeiter aus dem Weißen Haus berichteten, wie aufgeregt und begeistert der Präsident die Bilder des Aufstands verfolgte und gar nicht verstehen konnte, warum nicht alle so begeistert waren wie er selbst. Die Demokraten unter Führung von Nancy Pelosi versuchen mit allen Mitteln, Trump noch vor Ende seiner Amtszeit als Präsidenten zu entfernen; wenn möglich so, dass er auch 2024 nicht erneut kandidieren kann. Ohne genügend Stimmen der Republikaner und den Vizepräsidenten Mike Pence wird das jedoch schwierig. Zwar distanzieren sich immer mehr Republikaner von Trump, aber was Pence tun wird, ist noch unklar. Nancy Pelosi treibt die Angst um, der aggressive Präsident könnte noch in den letzten Tagen den Atomknopf drücken.

Unter dem Eindruck der Reaktionen im eigenen Land und aus dem Ausland sah sich der Präsident schließlich zu Schadensbegrenzung genötigt. Widerstrebend verurteilt er in einer Videobotschaft jetzt die Attacke auf das Kapitol. Das wiederum bringt ihm jede Menge Ärger bei seinen Unterstützern ein, die sich „vor den Bus gestoßen“ fühlen. Also twitterte der Präsident am Morgen danach: “The 75,000,000 great American Patriots who voted for me, AMERICA FIRST, and MAKE AMERICA GREAT AGAIN, will have a GIANT VOICE long into the future,” Trump tweeted on Friday morning. “They will not be disrespected or treated unfairly in any way, shape or form!!!” Und schon war da wieder Hoffnung: „Er schreibt Giant Voice. Das ist ein militärischer Ausdruck, mit dem alle alarmiert werden, weil es im Umfeld einen Notfall gibt“, twitterte pro-QAnon account Copious MQ.

Der Insider veröffentlichte heute ein Video von den Vorgängen aus der Mitte der Protester. Man sieht: Wäre da ein akzeptierter Anführer für alle vor Ort gewesen, hätte schreckliches passieren können. Man sieht auch: Die Polizei ließ die Eindringlinge passieren und sah tatenlos zu. Daraus lässt sich nur eines schließen: Der Angriff war von langer Hand geplant und sollte noch viel mehr Schaden anrichten.

Reddit schloss heute einen Subreddit-Kanal Trumps mit 52 000 Mitgliedern wegen Aufruf zur Gewalt. Twitter schloss heute den Account von General Flint, den Trump erst vor kurzen per Begnadigung aus dem Gefängnis geholt hat. Vom Twitter-Kanal des Präsidenten wurden die Videos gelöscht, die zu seinem 12-stündigen Ausschluss geführt hatten. Trumps selbst twitterte, er werde der Amtseinführung Jose Bidens nicht beiwohnen. „Gut, wenn er nicht kommt,“ kommentierte dieser. Mike Pence zu seiner Amtseinführung zu empfangen, sei ihm jedoch eine Ehre. Am Freitag abend (hiesige Zeit) wurde der private Twitter-Kanal Donald Trumps endgültig geschlossen. Offen ist nur noch der des Präsidenten, der am 24. Dezember die letzte Nachricht abgesetzt hat.

Mitarbeiter des Weißen Hauses haben gegenüber Zeugen berichtet, der Präsident schwanke zwischen lauten Wutanfällen und Perioden tiefster Verzweiflung, die er schweigend vor dem Fernseher verbringe. in den letzten Wochen habe er immer wieder davon gesprochen, dass er sich in seinem letzten Tag im Amt selbst begnadigen wolle. „Wenn er erstmal versteht, dass er verloren hat und gehen muss, wird es wirklich gefährlich. Er wird versuchen, uns alle mit in den Untergang zu ziehen,“ kommentierte Trumps Nichte Mary Trump, eine klinische Psychiaterin, die ein Buch über ihren Onkel geschrieben hat. Sie mahnt an, ihn so schnell wie möglich aus dem Amt zu entfernen. Diese Sorge teilen nicht wenige Amerikaner. Es wird ein Aufatmen durch das Land und rund um den Globus gehen, wenn diese unglückselige Präsidentschaft endlich zuende ist.

Update: Aufstand von langer Hand geplant

Update: Oath Keeper claims she met with Secret Service before Capitol riot

Update: The efforts among paramilitants on January 6 were close to the apparatus around 

Bekommt Donald Trump jetzt die Rechnung für ein Leben voller Lügen?

Am 3. November haben die Vereinigten Staaten ihren Präsidenten gewählt. Selten war eine Wahl so spannend und die Beteiligung so hoch wie dieses Mal: Hatte doch Amtsinhaber Donald Trump in den vier Jahren seiner Amtszeit und einem schmutzigen Kampf um seine Wiederwahl das Volk in bisher ungekannter Weise gespalten. Fast eine Woche dauerte es, bis das vorläufige Ergebnis nach Auszählung der meisten Briefwahlstimmen fest stand: Konkurrent Joe Biden, dessen Ergebnis am Wahltag selbst gar nicht nach Sieg ausgesehen hatte, hatte Donald Trump in einer quälend langsamen Aufholjagd schließlich mit 306 Wahlmännern und -frauen, sowie einem Vorsprung von sechs Millionen Wählerstimmen deutlich überflügelt. 270 Wahlmänner genügen zum Sieg.

Noch immer weigert sich der amtierende Präsident, das Wahlergebnis anzuerkennen. Mit mehreren Dutzend Klagen versucht er das Unmögliche möglich zu machen und seinen Verbleib im Weißen Haus doch noch durchzusetzen. Dabei scheut er kein Mittel, spricht von Lug und Trug bei der Stimmauszählung, obwohl nichts derartiges nachweisbar ist. Gleichzeitig verweigert er seinem Nachfolger die übliche Art des Briefings durch seine Behörden, damit am Tag der Amtsübergabe, dem 20. Januar 2021, ein nahtloser Wechsel der Amtsgeschäfte möglich wird.

Dass es Donald Trump nicht gelungen ist, sich eine zweite Amtszeit zu sichern, ist für ihn der Supergau. In seinem ganzen Leben wurde er noch nie dazu gezwungen, eine Niederlage öffentlich einzugestehen. So lange sein Vater lebte, glich der mit seinem Geld die Pleiten seines Sohnes aus, um dessen Image als toller selfmade-Geschäftsmann zu sichern; später waren es die Banken, die Kreditausfälle fürchteten, würden sie Trump fallen lassen. Um ihn herum hat sich eine Entourage von Ja-Sagern versammelt, die ihn ausschließlich lobt und bestätigt – aus gutem Grund: Wer es wagt, die Wahrheit zu sagen, wird gefeuert. Jahrzehntelang in seinem narzisstischen Weltbild als gerissener Geschäftsmann bestätigt, war Donald Trump im Laufe der Zeit immer unverschämter aufgetreten, hatte sich immer weniger an geltendes Recht gehalten. Auch nach der verlorenen Wahl traut sich seine eigene Partei nicht, ihrem „900 Pfund-Gorilla“ zu widersprechen.

Jetzt droht diesem die Quittung: Sobald er nicht mehr durch die Immunität seines Amtes geschützt ist, rollt eine Welle von Prozessen auf ihn zu. Es geht um Steuerhinterziehung, Verleumdung, Betrug, sexuelle Belästigung. Die Vorwürfe beziehen sich auch auf die Trump-Organisation und weitere Familienmitglieder. Die Prozesse werden nicht nur Millionen an Anwaltskosten verbrauchen; es können Strafen in dreistelliger Millionenhöhe auf ihn zukommen, wie das ZDF-Auslandsjournal zusammenfasst (Video). Damit nicht genug: Wenn es ganz dick kommt, kann der Noch-Präsident für bis zu zehn Jahre im Gefängnis landen.

Im Buch „Die Akte Trump“ zeigt Pulitzerpreisträger David Cay Johnston den Aufstieg des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten – angefangen bei Kindheit und Erziehung bis zum erbitterten Wahlkampf gegen Hillary Clinton. Mithilfe zahlreicher Interviews, Gerichtsakten und Finanzdokumente belegt er ein Geflecht aus Lügen und Betrug. Nach der Lektüre dieses Buches konnte jeder wissen, dass mit Donald Trump ein Lügner und Betrüger ins Weiße Haus eingezogen ist.

Donald Trump hat nach einer Auflistung der Financial Times mindestens 1,1 Milliarden Dollar Schulden. 900 Millionen davon werden in den nächsten drei bis vier Jahren fällig. Mit allein 340 Millionen steht er bei der Deutschen Bank in der Kreide. All seine Schulden sind über relativ wenige Gebäude und Golfplätze besichert. Laut Forbes besitzt der Noch-Präsident ein Vermögen von etwa 2,5 Milliarden Dollar. Wie realistisch diese Schätzung ist, steht auf einem anderen Blatt: Sein Leben lang hat Trump den Wert seines Vermögens für Zwecke wie die Forbes-Liste aufgebläht und für Steuerermittlungen klein gerechnet.

Michael Cohen, Trumps „Ausputzer“, hat in seinem Buch „Disloyal“ , das kurz vor der Wahl erschien, sowie vor Gericht viele der erhobenen Vorwürfe gegen den Präsidenten bestätigt. Nicht wenige der Betrügereien und Schweigegeldzahlungen, die dem Präsidenten vorgeworfen werden, hat Cohen persönlich in die Wege geleitet, begleitet oder ausgeführt, so etwa Schweigegeldzahlungen an mindestens zwei Frauen, mit denen Donald Trump Affairen hatte. Er musste im Namen des Präsidenten immer wieder dessen Frau Melania belügen.

Eine kleine Chance, sein Amt zu behalten, hat Donald Trump noch; auch wenn es kaum möglich scheint, sie zu erreichen: Bis zum 23. November müssen alle Stimmen fertig ausgezählt sein, damit sie zertifiziert werden können. Bis 8. Dezember stellt in jedem Staat ein paritätisch besetztes Gremium das Wahlergebnis offiziell fest. Ab dann ist dieses im „safe harbour“ und kann grrundsätzlich nicht mehr angefochten werden.

Normalerweise geht es dann so weiter: Die Wahlleute der jeweiligen Staaten geben bis 14. Dezember ihre Stimmen ab und schicken das Ergebnis bis zum 23. Dezember nach Washington. Dabei kommt es immer wieder vor, dass einige anders wählen, als sie sollten (faithless electors). 2016 gab es überdurchschnittlich viele von ihnen: zehn. Dennoch haben diese nicht vom Wahlergebnis überzeugten Wahlmänner und -frauen bisher nie eines verändert. Bis 3. Januar konstituiert sich der Kongress, der dann die Stimmen der Wahlmänner auswertet. Bis 6. Januar muss das Ergebnis vorliegen. Der neue Präsident wird ausgerufen und am 20. Januar vereidigt.

Das Trump-Team könnte nun während dieses Ablaufs für Verzögerungen sorgen, die ein Eingreifen ermöglichen: Die erste Gelegenheit dazu gibt das Datum 23. November. Wenn bis dahin genügend Unsicherheit geschürt wurde und (berechtigte) Klagen noch nicht entschieden sind, bestimmen die Parlamentarier die Wahlmänner nach ihren Vorstellungen. Sind sie überzeugt, dass Trump Präsident bleiben sollte, könnten sie die entsprechenden Wahlmänner und -frauen am Wählerwillen vorbei aufstellen. Zu diesem Zweck hat der Präsident diese Woche bereits zwei republikanische Abgeordnete aus Michigan ins Weiße Haus eingeladen. Die beiden erklärten danach jedoch, keinen Grund zu sehen, um gegen das Wahlergebnis vorzugehen und hätten statt dessen druckvoll um mehr Pandemiehilfen für ihren Bundesstaat geworben. In Pennsylvania musste das Trump-Team gerade einen großen Teil seiner Klage zurückziehen, mit der die Zertifizierung gestoppt werden sollte. In Georgia hat der Noch-Präsident die zuständigen Behörden und Abgeordneten regelrecht terrorisiert.

Danach kann Trump noch zu erreichen versuchen, dass die Wahlmänner und Frauen nicht zertifiziert werden. Auch hier ist er bereits bei der Arbeit und ruft persönlich bei Wahlkommissionen an. Sollte das scheitern, bleiben noch die faithless electors. Hier könnte das Schüren von Unsicherheiten, mit dem der Präsident bereits Monate vor der Wahl begonnen hat, Wirkung zeigen. Ohne Beweise, allein durch ständige Wiederholungen seiner Behauptung, es habe groß angelegten Betrug bei der Briefwahl gegeben, hat er drei Viertel seiner Wählerschaft davon überzeugt. Weil er sich bei allen drei Wegen noch Chancen ausrechnet, betont der Präsident immer wieder, dass er am Ende gewinnen werde.

Siehe auch:

Narzisstische Wut will vernichten: H.G. Tudor und Donald Trump

Make America great again: Mit Donald Trump kommt ein Lügner und Betrüger ins Amt

„Disloyal“: Trumps „Auskehrer“ packt aus  und

„Donald Trump zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler“

Love is blinding when timing’s never right

Hey, Mr. Curiosity
Is it true what they’ve been saying about you
Are you killing me?
You took care of the cat already
And for those who think it’s heavy
Is it the truth or is it only gossip?

Call it mystery or anything
Just as long as you’d call me
I sent the message on
Did you get it when I left it
See this catastrophic event
It wasn’t meant to mean no harm
But to think there’s nothing wrong is a problem

I’m looking for love this time
Sounding hopeful but it’s making me cry
Love is a mystery
Mr. Curious
Come back to me

Mr. waiting, never patient can’t you see
That I’m the same the way you left me
In a hurry to spell check me
And I’m underlined already in envy green and pencil red
And I’ve forgotten what you said
Will you stop working for the dead and return
Mr. curious, well I need some inspiration
It’s my birthday and I cannot find no cause for celebration
The scenario is grave but I’ll be braver when you save me
From this situation laden with hearsay


I’m looking for love this time
Sounding hopeful but it’s making me cry
And love is a mystery
Mr. Curiosity
Be Mr. Please
Do come and find me
(find, find, find, find, find me, me)

I’m looking for love this time
Sounding hopeful but it’s making me cry
(Trying not to ask why)
And love is a mystery
Mr. Curiosity
Be Mr. Please
Do come and find me

Love is blinding when the timing’s never right
Oh who am I to beg for difference
Finding love in just a instant
But I don’t mind
At least I’ve tried, well I tried, I tried

Warum landen manche Menschen immer wieder bei „den Falschen“?

Warum ziehen psychisch Kranke andere psychisch kranke Menschen an?

Diese Frage wurde kürzlich in Quora gestellt. Sie bezieht sich zum Beispiel auch auf Menschen, die immer wieder an Narzissten „geraten“. Eine Antwort darauf versucht Suzana Pavic. Sie hat Psychologie studiert und arbeitet als Heilpraktikerin Psychotherapie. Kurz zusammengefasst handelt es sich dabei um das unbewusste Erkennen eigener, verdrängter innerer Persönlichkeitsanteile beim Anderen.

„Es gibt keine pauschale Antwort und ich persönlich mag den Begriff ‚psychisch krank‘ gar nicht. Die meisten Störungen der Regulation sind Traumafolgestörungen.

Die gegenseitige Anziehung zweier traumatisierte Menschen kann man auf mehreren Ebenen erklären. Es ist eine Begegnung auf Stammhirnebene. Wenn man von der Theorie der strukturelle Dissoziation (E. Nijenhuis / O. Van der Hart) ausgeht, kann man es mit diesem Beispiel verdeutlichen:

Wenn ein Kind missbraucht oder ständig angeschrien wird, spaltet es sich in mindestens 2 Teile: ein Opfer-Ich und ein Täterintrojekt. Diese Teile werden EPs genannt (emotionale Persönlichkeitsanteile). Diese werden nicht integriert und bleiben dissoziiert. Um das überleben zu können, entwickelt man einen ANP (anscheinend normaler Persönlichkeitsanteil). Der ist von EPs abgespalten und tut alles, um EPs zu vermeiden.

Wenn ich zum Beispiel ein Opfer-Ich und ein Täterintrojekt in mir trage, passiert intrapsychische Reinszenierung (verschiedene Persönlichkeitsanteile kämpfen gegeneinander): Ich hasse mich selbst; ich verletze mich … ergo ein innerer Krieg. Der innere Täter greift das innere Opfer an – innere Reinszenierung.

Meine Neurozeption (ein unbewusstes Erkennungssystem für Gefahr und Sicherheit) ist wie ein Radar, spürt Ähnlichkeit bei anderen. Wenn jemand mir meinen inneren Täterintrojekt spiegelt, docke ich an. (Eigentlich dockt mein EP an den EP des anderen an – ein nicht bewusster Akt). So koaliert mein innerer Täter mit dem im Außen, und man fühlt sich tief verbunden. Man externalisiert den inneren, nicht integrierten Teil und/aber setzt die Kämpfe im außen fort. Entweder lebt man den Opferteil oder umgekehrt.

Das wäre eine vereinfachte Erklärung. Es ist sehr komplex, aber ich hoffe die Erklärung kann wenigstens etwas Klarheit bringen. Es gibt unterschiedliche Stufen von der strukturellen Dissoziation und somit wird Trauma unterschiedlich bewertet und Traumafolgen werden unterschiedlich und individuell erlebt/gelebt.

Siehe auch:

Disloyal: Was muss passieren, damit ein Süchtiger geht?

„Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

Ein tragisches doppeltes Trauma

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Dualseele, Zwillingsflamme, Liebe: Die große Sehnsucht, nach Hause zu kommen

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Der Narzisst und die Frauenwelt

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Wenn ein Herz bricht

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symptome

„Donald Trump zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler“

Wieso hat ein chronischer Lügner, ein Mann, der mehrere Pleiten hinter sich hat und der seine Gegner immer wieder vulgär anpöbelt, so viel Rückhalt beim US-amerikanischen Wahlvolk? Donald Trump, der schillernde Narzisst, dessen Narrativ vom erfolgreichen Selfmade-Milliardär längst als Lüge entlarvt ist, der sich immer wieder extrem frauenfeindlich und rassistisch äußert, der sein Land inzwischen weltweit isoliert hat, ist dennoch keineswegs der Loser, als den ihn die Medien gern darstellen.

Das ZDF hat immer wieder in Dokumentationen den Weg des Präsidenten nachvollzogen, der sich am 3. November zur Wiederwahl stellen will, obwohl er nur wenige Wochen davor mit einer Covid 19-Infektion im Krankenhaus landet. In der neusten Doku geht es um „den unterschätzten Präsidenten“. Mit Hilfe vieler Zeitzeugen wird heraus gearbeitet, welche Erfolge Donald Trump in seiner ersten Amtsperiode erzielt hat, und warum ihn seine Wähler so mögen: Er hält seine Versprechen, und er ist so taktisch geschickt in der Selbstdarstellung, wie wohl kein Präsident vor ihm. Auch wenn er in den Umfragen nach dem ersten TV-Duell deutlich hinter seinem Konkurrenten Joe Biden zurück liegt, gilt: „Donald Trump zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler.“

Siehe auch:

Disloyal: Was muss geschehen, damit ein Süchtiger geht?

Mit Donald Trump kommt ein Lügner und Betrüger ins Amt

Wahlfeststellung im Kapitol von Trump-Fans gebremst

Narzisstische Wut will vernichten: H.G. Tudor und Donald Trump

Update: So hat Donald Trump es geschafft, 8,1 Millionen Spendengelder in seine eigenen Unternehmen zu leiten

So heilend wäre jetzt menschliche Wärme

weißer nebel verdeckt das städtchen im tal

fast vergangen des sommers widerhall

In dieser herbstlich kühlen nacht

*

keine stimme dringt mehr durch von unten

vorbei die leichten sommerlichen stunden

zeit, in der die sehnsucht erwacht

*

ein käuzchen ruft aus dem stillen wald

ganz weit  oben im sternenklaren all

hält ein prächtiger vollmond wacht

*

rotgolden mit einem regenbogen-kranz

scheint warm zu sein, lädt ein zum tanz

doch leblos und kahl ist all seine macht

*

so heilend wäre jetzt menschliche wärme

jeden schmerz ertrüge ich gerne

für deine nähe in dieser nacht

-n-

R.I.P Juliette Gréco – zum Ende dieses Sommers ging auch sie

Sie ging mit dem letzten Tag dieses heißen Sommers: Juliette Gréco, die letzte große Dame aus dem Kreis der Existentialisten in Paris starb heute im Alter von 93 Jahren.

Schriftsteller wie Sartre, Françoise Sagan, Jacques Prévert, Francois Mauriac oder Albert Camus schrieben für sie Texte. Gleichzeitig wurde sie als Schauspielerin bekannt. Sie nahm verschiedene Rollen am Theater wahr und betätigte sich in einer Poesie-Sendung im Radio. Mit der Revue April in Paris ging sie 1952 auf Tournee in die Vereinigten Staaten und nach Brasilien. Ihre Anhänger feierten sie als „Königin der Existenzialisten“ oder als „Muse von Saint-Germain-des-Prés“.

Dreimal war die wilde Wassermann-Frau verheiratet; ihre große Liebe, der Jazz-Pianist Miles Davis, war nicht unter ihren Ehemännern.

Die Farbe von Juliette Gréco war ein tiefes Schwarz, die Farbe ihres Kleides, ihres Haars, des Lidstrichs, unter dem ihre schwarzen Augen melancholisch blickten wie in eine ferne Vergangenheit oder auch schelmisch aufblitzten. Wir erinnern uns: Ihre Arme öffnen sich weit, markieren einen imaginären Horizont. Ihre Augen schließen sich träge. Stille. Aus der Dunkelheit ertönt ein kleiner Akkordeonklang. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, kokett beißt sie auf die Unterlippe und lässt die Hände auf ihrem Körper einen erotischen Tanz aufführen, „Déshabillez-moi“…

Entdeckt wurde die zierliche Frau mit der tiefen Stimme kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von dem Philosophen Jean-Paul Sartre, der sie in einem Pariser Kellerlokal traf und einen der ersten Liedtexte für sie schrieb. Die Interpretin von bekannten Liedern wie „L’accordéon“ wurde danach international mit ihren Chansons bekannt. Ab 1959 trat sie auch als eine der ersten Französinnen nach dem Krieg in Deutschland auf. Gréco hatte schon in jungen Jahren ihr Durchhaltevermögen und ihre Unbeugsamkeit unter Beweis gestellt. Wie ihre Mutter und ihre Schwester war auch sie im Widerstand gegen die Nazi-Besatzung in Frankreich aktiv. Mit 15 Jahren wurde sie von der Gestapo festgenommen, wenig später aber wieder freigelassen.

In den 50er-Jahren entstand in der Pariser Existentialistenszene in den Cafés von Saint-Germain-des-Prés das Klischeebild des melancholischen, meist schwarz gekleideten jungen Existentialisten, der zwischen Jazzkeller, Café und Universität verkehrte. Gréco hat die Lieder der größten Chansonniers interpretiert wie „Amsterdam“ von Jacques Brel und „Les feuilles mortes“ von Georges Brassens. Und die bedeutendsten Autoren wie Françoise Sagan, Jacques Prévert, François Mauriac und Albert Camus schrieben für sie die Texte.

Ich lernte sie in meinen Teenagerjahren kennen, zusammen mit dem Existentialismus, mit Jean-Paul Sartre und Albert Camus. Der Existentialismus war ein erster Schritt auf meinem langen spirituellen Weg, und als ich ihn entdeckte, war ich hingerissen. Ich war zwar über 20 Jahre zu spät dran, aber auch ich trug jahrelang nur schwarze Kleidung, ich liebte Saint-Germain-des-Prés.

„Zwei gewöhnliche Irrtümer: Die Existenz geht der Essenz voraus oder die Essenz der Existenz. Sie gehen und erheben sich beide im gleichen Schritt“, sagt Albert Camus. Will sagen: Wenn man tot ist, ist man tot. Nichts bleibt übrig oder lebt gar weiter.

Das philosophische Fragen kulminiert für Camus in der für ihn einzig wichtigen Frage, der nach dem Selbstmord. Der Selbstmord ist hier als Lösung, Loslösung von einer sinnlosen Welt gedacht: Warum leben, wenn doch alles sinnlos ist? Allerdings lehnt Camus Selbstmord ab; sich umzubringen hieße, dem Absurden zu erliegen. „Das Leben zu verlieren ist keine große Sache; aber zuschauen, wie der Sinn des Lebens aufgelöst wird, das ist unerträglich“, sagt der algerische Franzose und spricht mir bis heute damit aus der Seele.

Auch wenn meine philosophischen und spirituellen Überzeugungen sich seither stark gewandelt haben, habe ich doch immer bedauert, nicht in der Zeit der Existentialisten gelebt zu haben. Wie gerne hätte ich in den Cafés des einstigen Künstlerviertels von Paris die Nächte durchdiskutiert und die phantastische Gréco kennengelernt, die nicht nur klug, sondern auch ungemein weiblich war und dachte.

Déshabillez-moi, déshabillez-moi
Oui, mais pas tout de suite, pas trop vite
Sachez me convoiter, me désirer, me captiver
Déshabillez-moi, déshabillez-moi
Mais ne soyez pas comme tous les hommes, trop pressés
Et d’abord, le regard
Tout le temps du prélude
Ne doit pas être rude, ni hagard
Dévorez-moi des yeux
Mais avec retenue
Pour que je m’habitue, peu à peu

Déshabillez-moi, déshabillez-moi
Oui, mais pas tout de suite, pas trop vite
Sachez m’hypnotiser, m’envelopper, me capturer
Déshabillez-moi, déshabillez-moi
Avec délicatesse, en souplesse, et doigté
Choisissez bien les mots
Dirigez bien vos gestes
Ni trop lents, ni trop lestes, sur ma peau
Voilà, ça y est, je suis
Frémissante et offerte
De votre main experte, allez-y

Déshabillez-moi, déshabillez-moi
Maintenant tout de suite, allez vite
Sachez me posséder, me consommer, me consumer
Déshabillez-moi, déshabillez-moi
Conduisez-vous en homme
Soyez l’homme, agissez!
Déshabillez-moi, déshabillez-moi
Et vous, déshabillez-vous!

Die toten Blätter, erst auf Haufen, dann vom Winde verweht, wird sie diesen Herbst nicht mehr erleben müssen. Ich wüsste sehr gerne, ob sie im Tod die Unsterblichkeit ihrer Seele erkannt hat.

„Disloyal“: Was muss passieren, damit ein Süchtiger geht?

Was muss passieren, damit ein Co-Narzisst einen Narzissten verlässt? Diese spannende Frage beantwortet der langjährige Anwalt von Präsident Donald Trump: NICHTS lässt einen Süchtigen wirklich Abschied nehmen. „Disloyal“ – abtrünnig – heißt das Buch, das Michael Cohen im Gefängnis geschrieben hat. Es zeigt auf, wie grenzenlos dieser Mann bereit war, für Donald Trump einzustehen, und warum er schließlich „abtrünnig“ wurde: Weil ihm außer seiner Geschichte nichts geblieben ist. Nichts plus etwas unglaubliches: Die Zuneigung zu dem Mann, dem er erlaubte, sein Leben zu zerstören.

Michael Cohen und Donald Trump haben einiges gemeinsam: Beide suchen nach größtmöglicher Macht, nach Ansehen in der Gesellschaft; nach Reichtum und Statussymbolen. Beide sind bereit, dafür zu tun, was immer nötig ist – egal, ob im Rahmen der Gesetze, oder nicht. Wäre das nicht so, hätten sie sich vielleicht nicht so einfach gefunden. Der Eine, Donald Trump, verfügt über ein unglaublich manipulatives Charisma und einen schlafwandlerischen Sinn für Opfer. Der Andere, Michael Cohen, ist getrieben von der unstillbaren Sehnsucht, einem reichen, mächtigen, charismatischen Menschen wie Trump dienen zu dürfen, damit eine geheime Macht über ihn zu erlangen und ihn an sich zu binden. Auf diese Weise, im Schatten des bewunderten Menschen, sieht er sich wachsen als Mann im Hintergrund, der die Strippen zieht und die wahre Macht übernimmt, auch wenn nur er selbst es weiß.

Cohen stürzt genau in dem Moment, als er sich auf dem Gipfel wähnt. Er stürzt und wird von Donald Trump wortlos fallen gelassen, so wie alle vor ihm, die den gleichen Wunsch hatten. Halb aus Rache, halb als Versuch der Selbsttherapie entscheidet er sich, der ganzen Welt in einem Buch die Wahrheit zu sagen. Zu dieser Wahrheit gehört aber auch: Michael Cohens Zuneigung zu Donald Trump ist ungebrochen.

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Gaspipe Casso
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Roy DeMeo

Michael Cohen wird am 25. August 1966 in eine wohlhabende jüdische Familie als zweites von drei Kindern geboren. Sein Vater, ein polnischer Jude, hat den Holocaust überlebt und praktiziert in New York als Arzt. Der junge Michael hat schon als Kind einen starken Sinn für Loyalität – und zwei Seelen in der Brust. Vordergründig lebt er, wie man es von ihm erwartet: Er geht zur Schule, später zur Uni, studiert mit möglichst geringem Kraftaufwand, um den von den Eltern gewünschten bürgerlichen Beruf zu ergreifen, heiratet die Liebe seines Lebens. Seine zweite Seite ist dunkler. Groß ist die Bewunderung des Teenagers für die Gangster, die in den 80er Jahren die Stadt beherrschen und sich in stattlicher Zahl im „Club“ seines Onkels Morty Levine einfinden, dem El Caribe. Dort hilft der geschäftstüchtige junge Mann bis zum Ende seines Studiums immer wieder aus und betreibt auch einen eigenen Eisstand. Er lernt die harten Jungs seiner Zeit kennen, die teilweise Dutzende von Morden auf dem Konto haben, so etwa „Gaspipe“ Antony Salvatore Casso, Roy DeMeo, Anthony Senter, Joey Testa oder Frank Lastorina. Als er eines Tages Zeuge eines Mordes wird, zeigt er sich loyal und verrät der Polizei nichts. Dafür belohnt ihn der Mörder mit 500 Dollar.

In seiner Kanzlei ist Anwalt Michael Cohen schnell erfolgreich und verdient gutes Geld, das er in Taxi-Lizenzen und Immobilien investiert. Für seine junge Familie, Ehefrau Laura und die beiden Kinder, kauft er drei Appartements in einem Trump-Gebäude, die er zu einer einzigen Wohnung umbauen lässt. Bei dieser Gelegenheit freundet er sich mit Donald Trump junior an. So kommt es, dass er eines Tages im Jahr 2006 einen Anruf von dessen Vater erhält, der ihn um ein Treffen bittet. Der analytische Verstand Cohens begreift bei diesem Treffen innerhalb kürzester Zeit, worauf er sich einlässt: Auf einen Menschen, der stets gelobt werden muss, der so lange lügt, bis er selbst an seine eigene Geschichte glaubt, und der absolute persönliche Loyalität verlangt, völlig egal, ob er innerhalb des Rechts agiert, oder nicht.

Nach einigen Testaufträgen erwirbt er sich Trumps Vertrauen und bezieht gegen den Rat seiner Familie ein Büro im Trump Tower. Von diesem Moment an lebt Michael in einem aufreibenden Chaos, in dem sich Drama an Drama reiht. Innerhalb kurzer Zeit lernt er, ohne dass man es im wörtlich sagt, was seine Aufgabe hier sein wird: Er ist der Mann für die schmutzigen Aufgaben, der Auskehrer hinter einem Menschen, der nach seinen eigenen Gesetzen lebt. Donald Trump ist wegen seiner lautstarken Wutausbrüche gefürchtet, ebenso wie wegen seiner ständigen Wortbrüche. Dazu gehört auch, dass er Rechnungen nicht bezahlt, wenn das Ergebnis der Leistung nicht seinen Vorstellungen entspricht. Privat ist er Raubtier in Sachen Sex. Immer wieder tauchen Frauen auf, die behaupten, sexuell bedrängt worden zu sein oder Affairen mit Donald Trump gehabt zu haben, die sie nun zu Geld machen wollen. Die Porno-Darstellerin Stormy Daniels ist wiederholt darunter. Das Geld, das sie schließlich bekommt, als Trump bereits Präsident ist, wird einer der Brocken sein, die Cohen das Genick brechen.

„Da wusste ich, dass dieser Mann einmal Präsident sein würde,“ schreibt er, nachdem er erlebt hat, wie Donald Trump sich im Beisammensein mit führenden Evangelikalen in einer bühnenreifen Darstellung als Mann Gottes präsentiert. Auch diesen Kontakt hat ihm sein persönlicher Anwalt vermittelt: Dessen Nachbarin ist nämlich Paula-Michelle White-Cain, eine Führungsfigur unter den Evangelisten, die das Zusammentreffen organisiert. Diese Wandlungsfähigkeit in der Selbstdarstellung, verbunden mit einem großen Geschäftssinn und dem Instinkt Trumps bei der Auswahl „nützlicher“ Menschen bewundert sein „Fixer“ rückhaltlos. In großer Detailgenauigkeit erfährt der Leser, wie und mit wem „der Boss“ Geschäfte macht (immer wieder mit Hilfe der persönlichen Kontakte Cohens), wie er dabei Menschen über den Tisch zieht, kleine Unternehmen einfach nicht bezahlt, wohl wissend, dass diese sich langjährige Gerichtsverfahren nicht leisten können. Der Anwalt spart nicht aus, wie oft er sich persönlich demütigen lassen muss, wenn Trump mal wieder einen Schuldigen braucht oder einfach seine Laune heben will. Er lässt es geschehen, so wie das ganze Umfeld Trumps, einschließlich seiner drei Kinder. Gelegentliches Lob und vor allem sein Gefühl, für den „Boss“ unersetzlich zu sein und zu dessen innerstem Kreis zu gehören, honorieren ihn nach eigener Wahrnehmung reichlich. Dafür lässt er sich das Gehalt halbieren, setzt persönliche Freundschaften und sogar seine Familie auf’s Spiel.

Über seine persönliche Entwicklung schreibt Michel Cohen: „In den Tagen, als ich auf die kommende Kandidatur zu schwebte, begann ich zu fühlen, wie ich mich veränderte: Ich schien eine härtere und entschlossenere Version meiner selbst zu werden – bereit, willens und fähig, Trump zu gefallen – egal womit. Da entstand eine neue Version von Schamlosigkeit, eine Persönlichkeit, körperlos und im Äther fließend, wie ein Cartoon von bully boy. Kurz: Ich wurde zu Trump.“

Die Weise wie sich der spätere Präsident Aufmerksamkeit verschafft, ist oft tief unter der Gürtellinie. So ist der Hass auf seinen Vorgänger Barack Obama „grenzenlos“. Nach dessen Amtseinführung 2008 geht Trump so weit, ein Video mit einem Obama-Double drehen zu lassen, in dem er diesen rituell feuert. Er versucht, Obama zu diskreditieren, indem er öffentlich anzweifelt, ob dieser in den USA geboren ist. Ähnlich ergeht es anderen seiner Feinde: Einem unterstellt der die Nähe seines Vaters zum Killer von Präsident Kennedy, Lee Harvey Oswald. Ob sich seine Anschuldigungen beweisen lassen, ist ihm egal: Durch das Streuen des Verdachts sichert er sich selbst Medienpräsenz und etwas bleibt immer hängen. Trump – und in seinem Namen Michael Cohen – droht, wütet, erpresst, pokert und lügt, um Recht zu haben und zu gewinnen. „Er war rücksichtslos. Er beschuldigte immer wieder Andere dessen, was er selber tat. Das war Teil seines Modus operandi.“

Immer wieder nimmt der Anwalt das Chaos und Drama um Donald Trump als völlig andere Realität wahr. Eine Lüge wird erfunden und so lange wiederholt, bis Trump selbst und alle um ihn herum glauben, es handele sich um die Wahrheit. „Niemand sagt Trump je die Wahrheit über sein Benehmen, seine Überzeugungen oder darüber, welche Konsequenzen sein Verhalten, seine Ignoranz und Arroganz haben. Er lebt in einer Blase, die nichts mit dem realen Leben zu tun hat. Alle lügen für ihn und loben ihn, aus Angst davor, für immer verbannt zu werden, wenn sie es nicht tun.“

Der Tag, an dem Donald Trump seine Kandidatur öffentlich macht, wird zu einem Albtraum für seine ganze Mannschaft und seine Kinder. Statt sich als integrative Führungsperson zu zeigen, hält er eine Hassrede. Mexikaner seien Vergewaltiger, bringen Drogen und Gewalt ins Land, der amerikanische Traum sei vorbei und er werde seine Kampagne aus eigenen Mitteln finanzieren. Nachdem sich das erste Entsetzen gelegt hat, erkennt Michael Cohen das System dahinter: „Trump hat die Gefühle derer aufgenommen, die in den Obama-Jahren Rassisten genannt wurden: Weiße, Konservative, Christen; Menschen, die die Nase voll haben von politischer Korrektheit, davon, illegale Immigration zu tolerieren und vorgeben zu müssen, an Dinge zu glauben, von denen sie einfach nicht überzeugt sind. Für all diese Leute ist Trump der Champion. Der wenig Gebildete, der Reaktionär, die Leute, die glauben, dass Abtreibung Mord ist – sie alle sehen einen furchtlosen Geschäftsmann vor sich, der die politische Ordnung Amerikas Bullshit nennt. Die Globalisierung, der Klimawandel, die gleichgeschlechtliche Ehe, der Verlust amerikanischer Arbeitsplätze an die Dritte Welt, Immigration, die zentrale Rolle Gottes – all die trauernden Menschen, die Menschen mit starken Ressentiments, haben in ihm ihren Anwalt gefunden.“

Eine große Verantwortung dafür, dass Donald Trump Präsident werden konnte, so der Anwalt, tragen die Medien. „Trump ist ein Produkt der freien Medien. Frei wie kostenfrei. Die freie Presse gab Trump Live-Shows, Tweets, Pressekonferenzen, idiotische Interviews, rechte, linke und moderate Präsenz im Fernsehen, im Radio im Internet, in Facebook. Sie hat Trump gewählt und könnte ihn sehr gut auch wiederwählen. Der Boss weiß, wie man die Gier und Käuflichkeit der Journalisten ausnutzt; darin war und ist er Experte. Trump war immer eine gute Story mit den ständigen Chaos und Drama um ihn herum. CNN, die Times und Fox News fraßen ihm pflichtschuldig aus der Hand.“

Ähnlich sieht Michael Cohen die Situation vor der neuen Wahl. „Trump witzelt über eine zweite und weitere Präsidentschaften. Aber Donald Trump macht niemals Witze.“

Das Sex-Raubtier Trump ist sehr angetan von russischen Geschäftspartnern, die ihre Freude an besonders vulgärem Sex haben. Michael Cohen erlebt, wie begeistert sein Boss eine Darstellung von goldenen Duschen erlebt (urinieren auf eine Person). Er weiß nicht, ob es wirklich ein Video gibt, in dem der Präsident sich in einem russischen Bett, in dem bereits das Ehepaar Obama geschlafen hat, von Prostituierten goldene Duschen geben ließ. Aber er wäre, wie er schreibt, nicht erstaunt darüber. Er hört Donald Trump immer wieder auf vulgärste Weise über Frauen, Titten und Ärsche reden. Obwohl es ihn anekelt, nimmt er sogar hin, dass Trump seine eigene Tochter mit entsprechenden Vokabeln bedenkt.

Als der „Boss“ schließlich Präsident wird, macht Stormy Daniels einen weiteren Vorstoß, an Geld zu kommen. Sie hat Trump in der Hand, so dass dieser sich bereiterklärt, 130 000 Dollar zu zahlen. Aber die Spuren müssen verwischt werden. Donald Trump hat jedoch seinen Mann für solche Fälle, den CEO der American Media, David Pecker, vergrätzt.

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Dieser hat 150 000 Dollar an das Playmate Model Playboy-Model Karen McDougal gezahlt, um sie 2016 mit ihren Sex-Vorwürfen mundtot zu machen. Trump erstattet ihm das Geld jedoch nicht. Nun findet sich niemand mehr, der bereit ist, seinen Namen und sein Geld für die Überweisung herzugeben. Schließlich nimmt Michael Cohen, ohne seiner Frau etwas davon zu sagen, einen Kredit über 130 000 Dollar auf und gründet eigens eine Firma, um dieses Geld möglichst ohne Spuren an Daniels zu leiten. Trump macht auch hier keine Anstalten, ihm die Summe zu erstatten, kürzt vielmehr am Jahresende auch noch seinen Bonus auf geradezu lächerliche 50 000 Dollar.

Viel später, als Trump lange Präsident ist und sein Schwiegersohn Jared Kuschner zum neuen Stern an seiner Seite geworden ist, gibt es schließlich ein Agreement: Cohen arbeitet wieder in seiner Kanzlei, will den „Boss“ aber weiter in speziellen Angelegenheiten beraten und bekommt dafür monatliche Schecks bis zur Höhe der Summe. So macht Trump erneut ein Geschäft: Er kann mit Hilfe der Rechnungen auch noch Steuern sparen.

Wenig später, Cohen hat gerade ein Gespräch Donald Trumps mit dem Sheikh Hamad bin Jassim bin Jaber bin Mohammed bin Thani Al Thani aus Katar, einem der reichsten Menschen der Welt arrangiert, taucht plötzlich das FBI in seiner Privatwohnung auf, durchsucht alles und konfisziert seine Handies und Laptops.

Mit ungläubigem Staunen verfolgt der treu ergebene Anwalt in den Medien, wie sein „Boss“ ihn nicht nur fallen lässt, sondern auch seine für ihn so wichtige exklusive Rolle herunterspielt und schließlich aufhört, seine Anwälte zu zahlen. Gebunden an eine Schweigeverpflichtung erlebt Michael Cohen, wie der Staat Anschuldigungen gegen ihn erhebt, die er nicht zu verantworten hat, wie man öffentlich über ihn lacht, dass er aus eigenem Vermögen Trumps Sexgeschichten bezahlt. Er beschließt, mit den Behörden zu kooperieren. Das löst aktive Gegenwehr des Präsidenten aus, der nun alles tut, seinen einstigen Ausputzer und „Fixer“ unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Wie in einem schlechten Film erlebt dieser nun am eigenen Leib, was er selbst mehr als zehn Jahre lang zugunsten Trumps so vielen angetan hat. Über das Justizministerium versucht sein „Boss“, ihn unterschreiben zu lassen, dass er niemals über seine Geschichte sprechen wird und auch alle anderen, die etwas davon wissen, davon abhalten wird. Er unterschreibt nicht. Schließlich stellt man Cohen vor die Wahl: Entweder erklärt er sich schuldig in acht Punkten, von denen er einige gar nicht begangen hat, und wird verurteilt, oder man wird sein Vermögen von über 50 Millionen Dollar einfrieren und sowohl ihm, als auch seiner völlig unbeteiligten Ehefrau Laura den Prozess machen. Daraufhin verlangt sein Anwalt sofort ein Millionen-Honorar und droht damit, die Verteidigung abzugeben. Der Gefallene hat keine Wahl: Er bekennt sich schuldig und wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Nachdem er zunächst relativ komfortabel untergebracht ist, gerät der Anwalt später an Wärter, die zu den Trump-Anhängern zählen und ihn schikanieren. Er verbringt mehr als einen Monat in Einzelhaft und grübelt die ganze Zeit darüber nach, wie es geschehen konnte, dass er für Donald Trump alle seine rechtlichen Pflichten als Anwalt über Bord werden konnte. Ganz langsam erkennt er, wie und warum er in immer tiefere Abhängigkeit von einem charismatischen, aber selbstsüchtigen, empathiefreien Menschen geraten konnte – und wird dennoch nicht frei von ihm. Seine Existenz ist zerstört, sein Vermögen zum größten Teil aufgebraucht. So entscheidet er schließlich, ein Buch zu schreiben, das rückhaltlos ehrlich ist. Er wird abtrünnig, verlässt den Kreis des Schweigens und analysiert dabei gnadenlos sein eigenes Verhalten. Er wird zum Büßer und zum Rächer: Untreue gegen Untreue.

Und doch brennt und weint sein Herz: Noch immer will es Donald Trump nicht loslassen.

Siehe auch:

Narzisstische Wut will vernichten: H.G. Tudor und Donald Trump

Warum landen manche Menschen immer wieder bei „den Falschen“?

„Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Ein tragisches doppeltes Trauma

„Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst“ und die dortigen Links

„Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

Ein tragisches doppeltes Trauma

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Siehe ausserdem: „Make America great again“: Mit Donald Trump kommt ein Lügner und Betrüger ins Amt und

„Donald Trump zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler“

Update: Donald Trump hat mindestens eine Milliarde Schulden

Update: Trump hat insgesamt 1,1 Milliarden Dollar Schulden – eine Auflistung

Spanien-Urlaub trotz Corona- Reisewarnung

Was für ein hässliches Jahr 2020 doch ist: Ein Virus hat dafür gesorgt, dass viele Menschen sogar Freunde und Familienangehörige als potentielle Überbringer des Todes sehen und wir mit angsterfüllten Blicken aufgefordert werden, bloß nicht zu nah zu kommen. Abstand und Maske werden wohl zu den Unwörtern des Jahres werden. Bei mir persönlich gehört ein weiteres dazu: Panikmache.

Nach Mexico wäre ich gern geflogen im Frühjahr. Keine Chance: Der Flugverkehr war weltweit praktisch eingestellt. Gut, dass ich nicht gebucht hatte: Ich würde, wie tausende Andere trotz EU-Gesetz der Erstattungspflicht innerhalb von zwei Wochen auch nach Monaten noch auf mein Geld warten – so wie ich auch noch immer darauf warte, dass die Bundesregierung wie versprochen die Kosten für die Thomas-Cook-Anzahlung für Ägypten von vor einem Jahr erstattet. Der Sommerurlaub gehört dem Hund, deshalb suche ich dann, wenn möglich, ein günstiges Ferienhaus mit Garten und Pool. So hatte ich schon im Januar für den September ein schönes Haus im Süden Kataloniens gefunden und gebucht.

Wochen vor Reisebeginn kam sie: Die erneute Reisewarnung der Bundesregierung für Spanien. Die zweite Welle habe das Land erwischt, alles sei ganz furchtbar, die Bürger sollten Rücksicht üben und zuhause bleiben. Parallel dazu kam die Mail des spanischen Vermieters: Man habe inzwischen so viele Verluste gemacht, dass man auch aus Kulanzgründen auf keinen Fall Stornierungen zustimmen werde. Da war das Haus dann schon für zwei Wochen bezahlt. Was tun?

Einige meiner Facebook-Freunde sind derart von den Maßnahmen der Bundesregierung überzeugt, dass sie einen Shitstorm über jeden loslassen, der versucht, selbst zu denken. Ich sehe das differenzierter: Man kann Abstand halten, ohne auf alles verzichten zu müssen. Außerdem: So viel Geld habe ich nun auch nicht, dass ich bereit wäre, es einem Vermieter in Spanien zu schenken. Da es sich um keine Pauschalreise handelt, habe ich kein Recht auf Erstattung bei Stornierung. Also fahre ich. Basta.

Vorher gibt es noch Kopfzerbrechen: Bis 15. September gilt zwar die Möglichkeit, sich als Reiserückkehrer kostenlos testen zu lassen. Aber es dauert bis zu zehn Tagen, bis das Ergebnis da ist, das geht gar nicht. Außerdem sind die Testzentren oft nur vormittags geöffnet, an Wochenenden nur bis Samstag mittag oder gar nicht. Sie liegen auch nicht etwa an den Autobahnen, sondern irgendwo in anliegenden Städten. Was für ein Unsinn. Welcher Rückkehrer ist denn samstags mittags schon zurück, oder sucht nach einer langen Fahrt noch umständlich irgendwo das Zentrum? Ich finde schließlich ein privates Unternehmen, das am Flughafen Frankfurt rund um die Uhr sieben Tage die Woche testet und verspricht, bei kostenlosen Tests innerhalb von 12, bei kostenpflichtigen innerhalb von 8 Stunden das Ergebnis mitzuteilen. Ok, das geht. Also los.

Nach all den Warnungen vor strengen Kontrollen erwarte ich an den Grenzen zu Frankreich und Spanien Posten, die Fieber messen oder ähnliches. Weit gefehlt: Weder auf dem Hin- noch auf dem Rückweg sind an den deutschen, französischen oder spanischen Grenzen irgendwelche Kontrolleure zu finden, das freie Schengen-Europa funktioniert wie immer. Aber die Autobahnen sind leerer. 14 Stunden für 1400 Kilometer trotz Pausen: einzigartig. Die Autoroute du Süd, auf der ich in über 40 Jahren zu jeder Tages- und Nachtzeit nie ohne Stau unterwegs war, ist auf dem nächtlichen Hinweg wie leer gefegt. Das, so denke ich mir, scheint tatsächlich eine Folge der vielen Corona-Verbote zu sein.

In Spanien angekommen stelle ich fest, dass die Regeln hier strenger sind als bei uns: Auch auf der Straße hat man Maske zu tragen, egal wie heiß es ist. Das gilt sogar auf dem Weg zum Strand. Erst ab Handtuch ist es erlaubt, das Teil endlich abzulegen. Das Ferienhaus in L’Amletlla de Mar liegt in einer dieser Villengegenden, die in Katalonien überall die alten Fischerorte umgeben. Dort wohnen nur ganz wenige Einheimische, fast alle Häuser werden an Touristen vermietet. Das Viertel ist so gut wie leer, es herrscht eine merkwürdige, dumpfe Stimmung. Beim Einkauf im Supermarkt und beim Spaziergang durch die Stadt wird klar: Ich bin ausschließlich unter Spaniern. Nur zweimal sehe ich eine deutsche Familie in diesem Urlaub. Trotz zahlreicher Ausflüge kann ich die deutschen Autos zählen: Es sind genau fünf in zwei Wochen.

In den kleinen Städtchen, wo die Einwohner unter sich sind, herrscht reger Betrieb. Aber es ist anders als in Deutschland. Obwohl 98 Prozent der Spanier die Masken- und Abstandsregeln strikt einhalten, wird nicht ständig darüber diskutiert. Man trifft sich auf der Straße, auf dem Markt, im Restaurant, hält den gebotenen Abstand, verzichtet aber nicht auf fröhliche Gespräche und Lachen. Das wirkt sehr erleichternd auf mich: Endlich mal raus aus der verbissenen, panischen Stimmung zuhause.

Die Hundestrände sind hier, wie überall, wo es sie in Spanien überhaupt gibt, eine Zumutung. Klein, felsig oder voller Kies, trotz des schönen klaren Wassers kein Vergnügen. Gott sei Dank gibt es das Ebro-Delta! Hier herrscht eine zauberhafte Stimmung. Man fährt lange über schmale Sträßchen durch die weite Ebene, in der die Reisfelder grüngolden leuchten. Dazwischen viele Bewässerungskanäle, vereinzelt Eukalyptusbäume und Palmen. Dazwischen gewürfelt und weit verstreut Pumphäuschen und Wohnhäuser. Das letzte Stück ist eine Sandpiste. Nur ein kleines Schild weist auf das Ziel hin: Platja Marquesa. Hier erreicht einer der vielen Arme des Ebros das Meer. Und hier ist endlich, was ich gesucht habe: Ein ewig langer Strand aus feinem Fluss-Sand mit einem rauschenden Meer. Es sind kaum Menschen hier: An Wochentagen liegt der Mindest-Abstand bei 500 Metern und mehr. Das sorgt dafür, dass auch der Hund toleriert wird: Herrlich. Lucy holt stundenlang Stöckchen aus den Fluten, ich sammele Muscheln und Schneckenhäuser.

Wie im Flug vergehen die beiden Wochen, der lange Rückweg steht an. Es ist ein heißes Wochenende mit etwas mehr Verkehr auf der Autoroute du Sud; Franzosen nutzen die Gelegenheit für ein Wochenende am Meer. Auch diesmal nirgendwo eine Kontrolle: Nach 14 Stunden ist es überstanden. Kaum empfängt das Autoradio wieder deutsche Nachrichten, höre ich neue Panikmeldungen über Corona in Frankreich und Spanien. Weiß unsere Regierung eigentlich, was sie diesen Ländern mit ihren Reisewarnungen antut? Mal ganz zu schweigen von den vielen Bundesbürgern, die dieses Jahr nicht fahren konnten…

Sonntag: Test am Flughafen FFM: Rechts werden die zahlenden Kunden von Firmenpersonal betreut, links die Gratis-Reiserückkehrer von der Bundeswehr. Von Stau keine Spur. „Hinsetzen. Mund auf. Gleich fertig.“ So unangenehm es ist, sich von einem Fremden im Mund herumstochern zu lassen, muss ich fast lachen: Soldaten…

Ok, das mit den 12 Stunden war nichts, es hat 24 gedauert. Ich bin natürlich negativ. Wo hätte ich mich auch anstecken sollen…. ?

Find my love ….


Cats are crying, gates are slammin‘
The wind is howling ‚round the house tonight
I’m as lonely as a boat out on the sea
When the night is black and the tide is high

Oh, on nights like these
Feel like falling to my knees
Feel like calling „heaven, please“

Find my love – Find my love
Find my love – Find my love

Oh, well, I turn the dial on my radio
Trying to find an all-night station
Want to hear a song I know
A song about my situation

Oh, on nights like these
Feel like falling to my knees
Feel like calling „heaven, please“

Find my love – Find my love
Find my love – Find my love

Somewhere out there, there must be a boy for this girl
Could be anywhere, could be next door, or the other side of the world!

Call up the radio, give ‚em my number
Tell them to put it out on the air
There must be someone, there must be someone like me
Sitting lonely as a boat out there

Oh, on nights like these
Feel like falling to my knees
Feel like calling „heaven, please“

Find my love – Find my love
Find my love – Find my love



P.S. https://youtu.be/207X6DTY4LY

Haiku zur Nachtigall

Haiku ist eine sehr alte japanische Form des Gedichts. Bei einem Dreizeiler enthält Zeile eins 5, Zeile zwei 7 und Zeile drei wieder 5 Silben. Da die japanische Sprache sich jedoch sehr von unserer unterscheidet, ist diese Regel nicht unbedingt bindend.

Haiku zur Apfelblüte

Haiku ist eine sehr alte japanische Form des Gedichts. Bei einem Dreizeiler enthält Zeile eins 5, Zeile zwei 7 und Zeile drei wieder 5 Silben. Da die japanische Sprache sich jedoch sehr von unserer unterscheidet, ist diese Regel nicht unbedingt bindend.

Covid 19-Pandemie: Wird die Menschheit die Botschaft verstehen?

Viren (Singular: das Virus, außerhalb der Fachsprache auch der Virus, von lateinisch virus‚ natürliche zähe Feuchtigkeit, Schleim, Saft, Gift‘) sind infektiöse organische Strukturen, die sich als Virionen außerhalb von Zellen (extrazellulär) durch Übertragung verbreiten, aber als Viren nur innerhalb einer geeigneten Wirtszelle (intrazellulär) vermehren können. Sie selbst bestehen nicht aus einer oder mehreren Zellen. Alle Viren enthalten das Programm zu ihrer Vermehrung und Ausbreitung (einige Viren auch weitere Hilfskomponenten), besitzen aber weder eine eigenständige Replikation, noch einen eigenen Stoffwechsel und sind deshalb auf den Stoffwechsel einer Wirtszelle angewiesen. Daher sind sich Virologen weitgehend darüber einig, Viren nicht zu den Lebewesen zu rechnen – sagt Wikipedia.

Ein Virus ist also ein Etwas – eine Struktur – die etwas Lebendes benötigt, um sich zu vermehren. Ein Etwas, das so archaisch ist, wie der Staub, aus dem die Menschen entstanden. Wenn das archaische Etwas sich vermehrt, tut es das auf Kosten anderer, komplexerer Strukturen, zum Beispiel der Lungen von Menschen. Damit kann so ein Virus Tausende, vielleicht sogar Millionen von Menschen töten.

Unglaublich, oder?

Was will uns Mutter Erde wohl sagen, indem es uns so ein archaisches Etwas schickt, das uns in aller Deutlichkeit klar macht, wie verletzlich, wie leicht auszurotten wir sind?

Diese Frage treibt mich nun seit einigen Wochen um – seit das neue Coronavirus Covid 19 unser aller Leben, das wir bisher als so selbstverständlich betrachtet haben, völlig auf den Kopf gestellt hat.

Menschenrechte werden außer Kraft gesetzt, indem Ausgangssperren verhängt, Gruppen von mehr als zwei Personen verboten, Reisen auch nur in Nachbarländer unmöglich geworden sind. Offline einzukaufen ist auf den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln und Kosmetika begrenzt, die Weltwirtschaft bricht von oben nach unten in Windeseile ein. Erstes Warnzeichen war die Panik der Märkte – inzwischen bangen Einzelhändler, kleine Selbstständige und Arbeitnehmer mit unzureichendem Kurzarbeitergeld um ihre Existenz.

Und die Menschen sterben. Vor allem dort, wo nicht schnell genug Kontaktverbote eingehalten wurden und das Gesundheitssystem nicht im Top-Zustand ist. Covid 19 verbreitet sich über Tröpfchen. Und über Oberflächen. Vielleicht auch über die Luft. So genau hat man das alles noch nicht herausgefunden. Es wird drei Viertel der Menschheit befallen, mindestens. Wie schnell das geschieht, ist inzwischen zur Überlebensfrage geworden. Denn das Virus, dieses archaische Etwas, wandert in die Lunge, wo in der Folge eine Fibrose entsteht, an der überdurchschnittlich viele Menschen sterben werden – vor allem dann, wenn sie nicht rechtzeitig an ein Beatmungsgerät kommen. Genügend Beatmungsgeräte für die zu erwartende Vielzahl von Kranken gibt es nicht – und so sehen wir gerade eine Vielzahl von Toten. Zunächst in China, jetzt in Italien und Spanien, als nächstes vermutlich in den USA – und auch bei uns? Man wird sehen.

Eine kurze Chronik der bisherigen Ereignisse: Ende Dezember gab es die ersten Erkrankten in Wuhan/China. Man vermutet den Ursprung des Virus auf einem Tiermarkt, möglicherweise in Fledermäusen, vielleicht auch im seltenen Gürteltier Pangolin, beides Spezialitäten im Land der Mitte. Man vermutet es – aber man weiß es nicht.

Neun Tage vor der WHO warnte am 31. Dezember 2019 der Algorithmus des kanadischen Seuchenspezialisten Bluedot vor einem massiven Virus-Ausbruch in Wuhan. Im Verlauf der Januars stieg die Zahl der Erkrankten dort bedrohlich. Ein junger chinesischer Arzt, der den neuen Virus öffentlich machte, wurde verhaftet. Wenige Wochen später starb er daran – nun ist er plötzlich ein chinesischer Volksheld. Ein paar Tage später das Gleiche in Kurdistan: Ein Mann, der aus dem Iran zurück kam, berichtete von dem Virus. Man zwang ihn, seine Aussage öffentlich zurück zu nehmen und sperrte ihn ein. Inzwischen hat Iran öffentlich die Weltgemeinschaft um Hilfe im Kampf gegen Covid 19 gebeten.

In kürzester Zeit lernte die Welt, was eine exponentielle Kurve ist: Schon Mitte Februar zählte China über 70 000 Infektionen und 1900 Tote. Massive Auswirkungen auf die Wirtschaft zeichneten sich ab: Der chinesische Einkaufsmanager-Index des verarbeitenden Gewerbes für den Monat Februar 2020 sank um 14,3 Prozentpunkte im Vergleich zum Vormonat. Wuhan baute im Eiltempo Not-Krankenhäuser. Da war der Virus schon unterwegs um die Erde.

Am 24. Januar betritt das Virus Europa. Drei Franzosen haben es mitgebracht. Im TV sieht man die ersten Fotos von leeren Supermarkt-Regalen. Trotzdem heißt es in einem Marktkommentar zum Februar noch: „Das Corona-Virus sehen wir als Auslöser einer Marktkorrektur, aber nicht mehr. Die Konjunktur läuft weiter rund und wir setzen auf eine Mischung aus Wachstums- und Value-Werten.“

Die nachfolgenden Meldungen haben teilweise nur noch eine Halbwertszeit von Tagen, ja Stunden.

Das Großmanöver „Defender Europe 20“ endet vorzeitig. Nach bisherigen Planungen sollten insgesamt 20.000 Soldaten über den Atlantik geschickt werden. Insgesamt waren 37.000 Teilnehmer vorgesehen, bis zu 5500 amerikanische Soldaten sind über Deutschland eingereist. Dann werden die Schiffe auf dem Weg nach Deutschland umgelenkt. Auch von deutscher Seite sind „alle aktiven Übungsanteile“ abgesagt. Abgesagt werden jetzt auch reihenweise Großveranstaltungen. Die Leipziger Buchmesse, der Autosalon in der Schweiz sollen nur Beispiele sein.

Am 26. Februar heißt es aus dem Corona-Krisenstab im Weißen Haus: „Let’s pray against the #coronavirus„. Da hat die WHO einen Test zur Erkennung bereit, den die USA aber nicht nutzen wollen. Dort soll ein eigener Test entwickelt werden. Fatalerweise schleicht sich ein Fehler ein, den zu korrigieren Wochen dauert. So beginnt die größte Volkswirtschaft der Welt um Wochen zu spät damit, ihre Einwohner zu testen. Viel beten hilft viel, denkt der Präsident – und ruft den 15. März zum nationalen Gebetstag aus. Das ist der Tag, an dem der französische Präsident Macron eine dramatische Rede an die Nation hält: „Wir sind im Krieg. Im Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, der sich unter uns verbreitet.“

Am 16. März gibt es in Deutschland 4838 morgens bestätigte Corona-Fälle, abends sind es 6000. Bayern ruft den Notstand aus. In ganz Deutschland werden die Schulen für zwei Wochen bis zum Beginn der Osterferien geschlossen. Die Bevölkerung wird aufgerufen, zuhause zu bleiben. „Flatten the curve – die Kurve abflachen“ wird zum Schlachtruf. Spanien schottet das Land ab. Der Fußball muss nach einigen Geisterspielen ganz pausieren. Die EM wird wenig später abgesagt, die olympischen Spiele, die im Sommer in Japan stattfinden sollen, geraten in Gefahr. Die Bundesregierung rät von Auslandsreisen ab, empfiehlt, Geschäfte, die nicht für den täglichen Bedarf benötigt werden, zu schließen und sagt der Wirtschaft unbegrenzte Hilfe zu. Das Epizentrum des Covid 19-Befalls etabliert sich in Europa. Die Pandemie ist da.

Und die Weltwirtschaft begibt sich in den Sturzflug. Nach Opel schließen BMW und Mercedes ihre Werke in Europa. Weil die Lieferketten nicht mehr funktionieren, weil der Absatz stagniert, weil die Zahl der Neuinfektionen gesenkt werden muss. Die Airlines sagen massenweise Flüge ab, Deutschland holt über 100 000 Reisende aus aller Herren Länder zurück. Im Tourismus regiert die schiere Panik, die Kreuzfahrtindustrie ist tot, Hotellerie und Gastronomie haben keine Gäste mehr. Schlecht besonders für die Mitarbeiter. Wer das Glück hat, statt gefeuert zu werden, Kurzarbeitergeld zu bekommen, bekommt zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Trinkgelder beispielsweise werden ja nicht in den Lohn eingerechnet, der in der Branche traditionell extrem niedrig ist.

Die Welt denkt an die letzte Pandemie: Die spanische Grippe vor rund 100 Jahren, die als schreckliches Ereignis in Erinnerung geblieben ist, konnte sich nur deshalb so stark verbreiten, weil nicht rechtzeitig Kontakte unterbunden wurden. Daraus will man jetzt lernen – wenn es noch nicht zu spät ist. Zwischenmenschliche Kontakte einschränken, um Leben zu retten: Flatten the curve…

Bloomberg titelt: „Wall Street gets blindsided by the coronavirus meltdown: “Most people were like me. They were like, ‘Yeah, whatever, it’s not that big a deal.’”… FED und EZB versuchen zu retten, was zu retten ist. Sie versprechen unbegrenzte Anleihekäufe und fluten die Märkte mit Milliarden. Und dann, mitten im Corona-Chaos, entspinnt sich ein Krieg zwischen der OPEC und Russland um die Öl-Fördermengen. Die OPEC will sie begrenzen, um die Preise hoch zu halten, Russland, das nur 29 Dollar/Barrel zur Rentabilität braucht (Saudi-Arabien: 80 $/B), will amerikanisches Fracking-Öl vom Markt drängen und flutet die Märkte mit Öl. Notgedrungen zieht Saudi-Arabien nach. Der Ölpreis sinkt dramatisch auf teilweise unter 30 $/B – der Diesel-Preis in Europa pendelt sich bei knapp über 1 €/Liter ein. Ein kleiner Lichtblick für die Verbraucher, der aber kaum bemerkt wird: Alle hamstern, was das Zeug hält. In Deutschland Klopapier und Nudeln, in Frankreich Rotwein und Kondome, in den USA Waffen – und mit Verzögerung ebenfalls Klopapier. Psychologen sagen: „Wer für Sauberkeit sorgen kann, hat das Gefühl, die Kontrolle zu behalten“.

Ich brauche auch Klopapier und erstehe mit viel Mühe eine der letzten Packungen. Küchenrolle ist schon mehr als eine Woche aus. Das ist doof, ich habe nur noch eine. Ich kaufe statt dessen billige Servietten – was für ein Luxus-Problem. Nudeln, Mehl, überhaupt Grundnahrungsmittel, habe ich immer gut bevorratet. Hamstern überflüssig. Gott sei Dank. Hoffentlich fällt der Strom nicht aus. Dann würden alle Vorräte in der Truhe vergammeln. Ich informiere mich über Stromerzeuger. Die benötigte Größe würde ca. 1800 € kosten. Zu teuer. Das Risiko muss ich eingehen. Aber ich habe ja auch eine Menge Konserven – es lebe die Eichhörnchen-Mentalität, die ich seit meiner Hungerzeit in der Ausbildung über 45 Jahre lang bewahrt habe. Desinfektionsmittel für Wasser muss ich noch besorgen – falls die Wasserversorgung ausfällt, reicht das Trinkwasser höchstens für zehn Tage. Im nahen Flüsschen ist genug Wasser. Ich bin milchallergisch – Milchprodukte werden mir nicht fehlen. Frisches Obst dafür sehr. Also noch schnell eine Ladung Obstkonserven heim holen – die teuren, weil die billigen ausverkauft sind. Möglichkeiten zum Kochen und Heizen sind mehrfach vorhanden – der Krieg kann kommen…

Das medizinische Material wird weltweit knapp. Die deutsche Regierung, die normalerweise mit sowas nichts zu tun hat, bestellt unter anderem 10 000 Beatmungsgeräte. Es gibt zu wenig Atemmasken. Die zahlreichen Gruppen von Hobbynäherinnen in Facebook haben nur ein Thema: Atemmasken nähen. Es gibt wilde Debatten darüber, was wie viel schützt. Ein leitender Oberarzt eines Görlitzer Klinikums stellt eine Anleitung ins Netz, wie man sich aus Laminierfolie mit Hilfe einer Schere, eines Tackers, etwas Gummi und Isolierschaum ein Klarsicht-Schutzschild bauen kann. „In den 80er Jahren hatten wir Baumwoll-Masken“ sagt mir ein Anästhesist, „die wurden dann immer ausgekocht.“ Und: „Wenig hilft mehr als gar nichts.“ Ich studiere Schnittmuster und beschließe, ebenfalls Masken zu nähen. Solche, die man auskochen kann und mit denen man noch atmen kann – ich kann auch ohne Corona nie gut atmen…

Die dritte Märzwoche wird sonnig und frühlingshaft warm. Europas Menschen – allen voran die Jugend – zieht es ins Freie. Menschenmassen picknicken in Parks, besonders in den Großstädten, und missachten den Aufruf, genügend Abstand voneinander zu halten. Schreckliche Meldungen aus Nord-Italien berichten von Militär-Transportkolonnen, die Särge in weiter entfernte Krematorien bringen und von Ärzten, die entscheiden müssen, wer eine lebensrettende Beatmung bekommt und wer nicht. 600 Tote an einem Tag. Ähnlich sieht es in Madrid aus. Einigen Regierungen wird es zu bunt. Am Ende der Woche sprechen Bayern und das Saarland eine Ausgangssperre aus. Am Wochenende telefonieren sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten zusammen. Jetzt gilt: Rausgehen darf nur noch, wer arbeiten will oder einkaufen muss. Spazieren gehen und Sport im Freien sind erlaubt, aber maximal in Zweiergruppen. Überall sonst ist ein Abstand von 1,5 Metern zwischen Menschen einzuhalten.

In den Supermärkten sind jetzt Plexiglasscheiben vor den Kassen und Abstandshalter für die Kunden. Das macht die Schlangen sehr lang. Jetzt endlich müssen auch Friseure, Tattoo- und Nagel-Studios schließen, ebenso Restaurants und Straßencafés – mit Ausnahme von Lieferservice. Nur in den verbleibenden Inlandsflügen sitzen noch zwei Menschen auf weniger als zwei Metern Breite und drängen sich in Zubringerbussen. Das öffentliche Bewusstsein für Abstand wächst: „Social distancing“ ist das neue Schlagwort. Immer diese Anglizismen.

Die Zahl der Kritiker wächst. Manche finden, die Regierung kann gar nichts – andere regen sich über die extreme Beeinträchtigung der Menschenrechte auf. Merkel hat sich gegen Pneumokokken impfen lassen und dann erfahren, dass der Arzt positiv auf Covid 19 getestet wurde. Jetzt regiert sie von zuhause aus. Im Radio kommen Vorschläge, wie man im Home-Office mit gehorteten Klopapierrollen Sport machen kann. Ich bin gefrustet: Kein Eiscafé, keine Sauna. Tanzen fällt aus, Wassergymnastik auch. Die schönen Mittelalterfeste, auf die ich gehen wollte, sind abgesagt. Jammern auf hohem Niveau: Ich kann jederzeit in meinen großen Garten gehen. Und eigentlich war ich auch vorher meistens zuhause. Aber wenn die Möglichkeiten von oben weggenommen werden, sorgt das für Frust. Am schlimmsten ist, keine Reise planen zu können. Ich habe solche Sehnsucht nach dem Meer. Und ich wollte doch nach Mexico.

29 000 Infizierte am Abend des 23. März in Deutschland. Die Zahl der Neuinfektionen scheint leicht zu sinken. Von den bestätigten Fällen sind mindestens 2809 genesen“, sagte RKI-Chef Lothar Wieler. Aber noch keine Entwarnung. In den USA steigen die Zahlen massiv an. Allein in New York sind es jetzt fast 10 000. Auch in Südamerika gibt es jetzt Ausgangssperren. In Spanien steigt bei rund 33 000 Infizierten die Zahl der Toten auf knapp 2200. Im Osten Frankreichs brauchen so viele Kranke Beatmung, dass sie in den Süden ausgeflogen werden. Und in die benachbarten deutschen Bundesländer. Noch haben unsere Krankenhäuser Kapazitäten. Die sind im Alarmzustand. Sie sollen die Hälfte ihrer Intensiv-Kapazitäten räumen für die zu erwartenden Patienten und schulen in Rekordzeit Mitarbeiter in der Bedienung der intensiv-medizinischen Geräte. Der Bund will ihnen für entgangene Einnahmen Tagespauschalen zahlen. Eigentlich geplante Operationen, die Intensiv-Kapazitäten blockieren könnten, werden verschoben.

Nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts könnte die Corona-Krise mehr als eine halbe Billion Euro und mehr als eine Million Jobs kosten. Die Bundesregierung hat schon wieder ein „beispielloses Hilfspaket“ geschnürt, diesmal auch für die ganz Kleinen und die Familien. Der Nachtragshaushalt umfasst stattliche 156 Milliarden Euro. Die Helden der Nation sind die Mitarbeiter der Supermärkte. Sie verdienen sehr wenig, arbeiten im Akkord, schlagen sich mit meckernden Hamsterkäufern herum und bleiben überwiegend sehr freundlich. Supermärkte dürfen jetzt sonntags öffnen. Die meisten tun es nicht, um den Mitarbeitern Zeit zum Atmen zu geben. Hut ab. Sonntags einkaufen muss eigentlich auch kein Mensch.

China behauptet, seit einer Woche keine Neuinfektionen mehr zu verzeichnen und inszeniert sich zusammen mit Russland als rettender Helfer mit Ärzten und medizinischem Material für das arme Europa. Donald Trump, der sich seit Ausbruch der Krise als verwirrendster Präsident weltweit präsentiert, hat einen neuen tollen Plan: Nach einem Shutdown von zwei Wochen will er zu Ostern die US-Wirtschaft wieder hoch fahren. Und das, wo in den USA die Infektionszahlen steil in die Höhe schnellen und die Beschäftigten im Gesundheitswesen in voller Panik wegen fehlender Ausrüstung sind. Die gesamte Nachschubkette sei zusammengebrochen, heißt es. In zehn Tagen sei die Grundversorgung am Ende.

Der Dax hat erneut deutlich nachgegeben. Mit einem Verlust von 2,10 Prozent auf 8741,15 Punkte geht er am 23. März ins Ziel. Ebenso bergab geht es in den USA. Ein umfangreiches Notpaket der US-Notenbank Fed ist an den US-Börsen verpufft. Der Dow Jones Industrial verlor im frühen Handel 2,39 Prozent auf 18.715,03 Punkte. Er weitete die Verluste der schwachen Vorwoche aus und fiel auf den tiefsten Stand seit November 2016. Forscher arbeiten weltweit fieberhaft an einem Impfstoff. Die Hoffnung auf einen schnellen Erfolg ist nur bedingt realistisch: Es gibt Viren, die sich seit Jahrzehnten verbreiten, für die immer noch nichts gefunden wurde, siehe HIV oder Dengue-Fieber.

Es gibt Unmengen von Gerüchten: Biowaffe Covid 19, die Todeszahlen in Italien seien so hoch, weil vorher massenweise gegen Meningokokken geimpft worden sei, die Regierungen nutzen die Ausnahmelage, um die Kontrolle über die Menschen dauerhaft zu etablieren, und so fort. Es gibt auch Unmengen kleiner Initiativen der Menschlichkeit, die ungemein rühren: Die Tafeln in Deutschland, die bisher weitestgehend von älteren Ehrenamtlichen betreut wurden, sind geschlossen, weil diese Älteren Hochrisikogruppe sind. Zunehmend übernehmen junge Menschen ehrenamtlich diese Arbeit, damit die Ärmsten weiterhin Nahrungsmittel über die Tafel beziehen können. Es gibt zahlreiche Initiativen für Nachbarschaftshilfe beim Einkaufen. Musiker, die nicht mehr konzertieren können, streamen ihre Darbietungen online, und so fort. Spanier klatschen jeden Abend für ihre Gesundheitsdienste, Italiener singen gemeinsam auf ihren Balkonen. Es gibt Frauen, die im Abendkleid den Müll raustragen – in Quarantäne zu sein, ist nicht automatisch gleichsetzbar mit Jogginganzug und strähnigen Haaren. In den sozialen Netzwerken gibt es Verabredungen zu Massen-Meditationen, Schamanen stimmen sich weltweit ab, um zu bestimmten Uhrzeiten gemeinsam zu trommeln. Die Tagesschau gibt einen Termin heraus, an dem alle Deutschen gemeinsam die Ode an die Freude singen sollen.

In Deutschland ärgern sich viele, die sich gern testen lassen würden und nicht dürfen. Meine Schwester ist schon seit drei Wochen schwer erkältet und krank geschrieben. Einen Covid-Test lehnte der Hausarzt ab. Inzwischen wurde eine Covid 19-Hotline eingerichtet (08009900400), weil die Notrufnummer 112 wegen der vielen Anrufe ständig zusammenbricht. Wer sich in einem der „Abstrichzentren“ in Deutschland testen lassen will, muss zwingend vorher diese Nummer angerufen haben, um sich das ok dafür zu holen. Mit zwei weiteren Nummern kann man einen Arzt für einen Hausbesuch anfordern (116 und 117). Derweil zeigt Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin, der Welt im Video, wie man sich richtig die Hände wäscht.

Einen Tag später erneut schockierende Nachrichten. In Madrid hilft jetzt das Militär dem Gesundheitsdienst. Die Soldaten finden ältere Menschen verlassen in ihren Wohnungen, teilweise schon tot. Im Pentagon ist die Zahl der erkrankten Mitarbeiter seit gestern um 41 auf 174 gestiegen. New York City hat heute morgen schon 23 300 Erkrankte, der Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo berichtet, dass sich die Zahl alle drei Tage verdoppelt. Im Staat New York zählt man insgesamt mehr als 25 000 Infektionen. Präsident Trump, der im Herbst wiedergewählt werden will, platzt dennoch der Geduldsfaden: „Unsere Menschen wollen wieder arbeiten gehen. Sie werden social distancing und alles andere praktizieren, die Älteren werden sorgfältig und liebevoll überwacht. Es kann nicht sein, dass eine Behandlung schlimmere Auswirkungen hat, als die Krankheit! Der Kongress muss handeln“, twittert er. Unglaublich, wie dieser Mann denkt und handelt.

Der indische Präsident Narendra Modi schlägt vor, die Wirtschaft des Landes für drei Wochen herunter zu fahren, um das Virus unter Kontrolle zu bekommen. Die olympischen Spiele in Japan werden endgültig abgesagt, die Bundesliga soll jetzt mindestens bis zum 30. April ruhen. Die Wall Street erholt sich angesichts der extremen Stabilisierungsbemühungen etwas und stürzt dann wieder ab. Erneut muss der Handel zeitweise ausgesetzt werden. Am Abend ist sie um 11,37 Prozent gestiegen. Die amerikanische Regierung hat ein massives Hilfspaket beschlossen. Ist das die Wende? Was für eine Zerreißprobe für die Trader. In Ischgl/Tirol, von wo aus sich ein Corona-Hotspot über Wochen ungehindert in alle Welt verteilen konnte, weil niemand einschritt, ermittelt jetzt der Staatsanwalt.

Die amerikanische John-Hopkins-Universität sammelt seit Januar in Echtzeit weltweit Zahlen und Daten zu Infektionen und Toten. Hier ist die Karte vom Abend des 24.3.2020:

25. März: Als ich den Baumarkt betrete, räumt gerade eine Mitarbeiterin die wenigen verbleibenden Pakete Klopapier irgendwohin, wo niemand mehr dran kommt. Sie tut, als sieht sie mich nicht. Befremdlich. So wie vieles in diesen Tagen. Dafür sehe ich plötzlich ein Päckchen mit zwei Atemschutzmasken incl. richtigem Luftfilter. Offenbar für Maler. Ich kaufe es: Es kostet stattliche 6,99: mein lieber Herr Gesangverein… Auf der Weiterfahrt Überraschung im Supermarkt: Heute ist eine Lieferung eingetroffen. Es gibt um 18 Uhr noch etwas Klopapier, Papiertaschentücher und sogar Küchenrollen. Der Einkauf ist auf zwei Pakete pro Person begrenzt. Mehr Küchenrolle brauche ich in den nächsten Monaten gewiss nicht – zumal sich bei mir inzwischen eine ganz neue Spar-Mentalität bei Papier breit gemacht hat.

Merkwürdig zu sehen, wie schon seit über einer Woche der riesige Parkplatz vor dem Gebäude fast leer ist. Ganz zu schweigen von diesen leeren, leblosen Innenstädten. Täglich hört man von Kleinunternehmen, die vor dem Ruin stehen. Schlimm. So gut es für die Umwelt ist, dass der Verkehr auf der Straße, den Meeren und der Luft teilweise richtig zum Erliegen gekommen ist: Für die Wirtschaft ist es eine Katastrophe. Ganz direkt betroffen ist der Tourismus.

Deutsche Mediziner sind schockiert von einem Besuch in Straßburg zurückgekehrt. Dort sind derart viele Schwerstkranke, dass entschieden wurde, über 80jährige nicht mehr zu beatmen, sondern ihnen „schnelle Sterbehilfe“ mit Opiaten und Schlafmitteln zu verschaffen. Deutschland müsse vorbereitet sein, wenn es bei uns so weit komme, sagen die Ärzte, und beschließen, ein möglichst gerechtes Konzept zu entwickeln, was zu tun ist, wenn die Beatmungsgeräte nicht ausreichen sollten. In den Medien werden die Fragen lauter, wann denn alles wieder hochgefahren werden kann. Bevor überhaupt irgendwas klar ist, gibt es schon Gemecker über mögliche Ungleichbehandlung. Ich staune: Erst so ein Riesen-Theater, dann, nach gerade mal einer Woche und keinerlei Besserung, wird das Hochfahren diskutiert? Ich habe heute erst von meinem derzeitigen Auftraggeber ein Papier erhalten, das mich legitimiert, in seiner Stadt umher zu fahren. Immer wieder macht sich dieses Gefühl breit, im falschen Film zu sein. Sicher wachen wir bald auf, und alles ist wieder wie vorher…

Schnappatmung bei den Spargelbauern. Das Innenministerium hat die Einreise aller osteuropäischen Erntehelfer verboten. Die schöne, ehrgeizige Julia Glöckner, ihres Zeichens Landwirtschaftsministerin, verweist auf ein neues Job-Portal. Die gerade arbeitslosen Mitarbeiter aus Hotellerie und Gastronomie, wie auch alle anderen, die Arbeit suchen, können sich dort als Erntehelfer verdingen. Sie findet, das sei auch eine gute Idee für die vielen Migranten. Die Landwirte schütteln verzweifelt den Kopf. Was für Träumer sitzen da in der Regierung… Tschechien und Polen schließen ihre Grenzen für deutsche Pendler. Man spricht von tiefer menschlicher Enttäuschung. Jetzt geht in Deutschland die bange Frage um, wer die vielen Pflegebedürftigen versorgen soll, wenn nicht die polnischen Kräfte. Vor lauter Beschäftigung mit uns selbst treten die in den Hintergrund, bei denen das Virus zur Hölle werden kann: Die schutzlosen Menschen in den vielen Flüchtlings- und Migrationslagern.

26.3. Den ganzen Tag über versuchen die G20-Staaten in einer Schalte, einen Kompromiss auszuhandeln, der solidarisch alle EU-Ländern finanziell unterstützen soll. Sehr tief sitzt bereits die Enttäuschung bei vielen Mitgliedsstaaten darüber, dass in den letzten Wochen jedes Land sich selbst der nächste war. Am Abend steht es beinahe fest: Vorsorgliche Kreditlinien des Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM sollen ausgehandelt werden. Die stünden Staaten zur Verfügung, die wegen der enormen Unterstützungspakete für die heimische Wirtschaft in Bedrängnis geraten könnten. Der ESM hat rund 410 Milliarden Euro für Darlehen frei. Dann stellen sich Italien und acht weitere Staaten quer: Sie wollen nicht die vielen Reglementierungen des Rettungsschirms, sondern Coronabonds. Europa steht da wie immer: Ein vielsprachiges Durcheinander vieler verschiedener Interessen. In Deutschland stürmt der Mittelstand die KFW, um die versprochenen Kredite in Anspruch zu nehmen. Die Zeit drängt, der nächste erste steht bevor. Aber ganz so einfach geht der Geldhahn nicht auf: Die Unternehmen müssen nachweisen, dass sie vor der Krise stabil waren – und die Hausbanken wollen das Rest-Haftungsrisiko nicht so einfach übernehmen. Das Geschrei ist groß.

Die Zahl der bestätigten Infektionen in den USA übersteigt jetzt die von China. Die Wall Street verzeichnet die drei besten Tage seit 1933 – dank massivem Hilfspaket der Regierung – und trotz massiv steigender Infektionen. Allein in New York City sind es jetzt 21 873 bestätigte Fälle, in den Vereinigten Staaten insgesamt 82.404. America first…

Weltweit wird inzwischen die Überwachung von Risikogruppen mittels Handytracking diskutiert. Die SPD erklärt sich ausdrücklich dafür, Gesundheitsminister Spahn ebenfalls. Schon jetzt stellen die Mobilfunkanbieter anonymisierte Daten von Handynutzern zur Verfügung, was nun auf die ganze EU ausgeweitet werden soll. Zu verlockend scheinen die Überwachungsmöglichkeiten, die China und Südkorea ermöglicht haben, sehr schnell sehr viele Cluster zu identifizieren. Aber ist das wirklich eine Frage von Gesundheit oder Freiheit? Nein, ist es nicht. Es ist ein Versuch, mehr Überwachung einzuführen, ohne von den verängstigten Bundesbürgern Widerstand fürchten zu müssen. Das werden wir nie wieder los – und lernen daher je schneller, desto besser, das Handy zuhause zu lassen.

Die Angst in Deutschland nimmt zu. Ich war heute bei einem vor Monaten vereinbarten Vorsorgecheck beim Hautarzt und weiß seitdem, wie sich Aussätzige fühlen. In der Praxis regierte die nackte Paranoia. An der Anmeldung wurden mir von der Arzthelferin zwangsweise die Hände desinfiziert. Ihr Blick sagte: „Du bist schmutzig, halte dich fern“… Im Wartezimmer Patienten mit Gummihandschuhen und Masken, so weit wie möglich auseinander sitzend, die jeden Neuankömmling mustern, als sei er die personifizierte Lebensgefahr. Als ich mich bei der Untersuchung umdrehe, streift mein Ellenbogen versehentlich die Hand des Arztes. Sofort rennt der zum Desinfektionsmittel, um seinen gesamten Unterarm abzureiben. Ich will eine Warze entfernen lassen und bekomme zur Antwort: „Kommen Sie wieder, wenn die Krise vorbei ist. Ich setze mich doch jetzt nicht einer solchen Gefahr aus“….

Weltweit gibt es jetzt über eine halbe Million bestätigter Infizierter. Die Dunkelziffer ist nach wie vor hoch. Bei uns sind es laut Johns Hopkins Universität um 23 Uhr 43.646  Infizierte. Deutschland nimmt 47 Patienten aus Italien auf. Dort scheint die Kurve im Norden etwas langsamer anzusteigen, dafür steigt sie jetzt im Süden schnell. Insgesamt sind in Italien jetzt 80.589 Menschen infiziert. Die dort anwesenden chinesischen Ärzte benennen als Hauptproblem, dass nicht genug getestet und infizierte Personen nicht genügend kontrolliert werden. In Spanien sind es zur selben Zeit 56.347 bestätigte Infektionen. Die höchste Sterblichkeitsrate verzeichnet Italien mit über zehn Prozent. In Deutschland sind es bisher 262 Verstorbene, bzw. 0,6 Prozent. Unsere Sterblichkeitsrate liegt so vergleichsweise niedrig, weil wir sehr viel mehr testen als andere Länder und daher wahrscheinlich eine kleinere Dunkelziffer haben, erklären diverse Wissenschaftler.

27. März: Widersprüchliche Nachrichten zum Thema Masken und Schutzausrüstung. In den Nachrichten werden gleich mehrfach leitende deutsche Mediziner gezeigt, die über eklatanten Mangel an Schutzkleidung und Masken klagen. Nachschub sei kaum noch aufzutreiben, der von der Regierung angekündigte Nachschub komme auch nicht herbei (kein Wunder: Eine Riesenlieferung ist zum Beispiel bei der Zwischenlandung in Kenia auf dem Flughafen verloren gegangen). In den Facebook-Nähgruppen herrscht fast sowas wie Maskenhysterie. Alle nähen, was das Zeug hält – die meisten quietschbunt und aus Stoffen, die kaum bei 30 Grad waschbar sind. Es kommen immer mehr Bitten um Masken von Familien und Menschen, die im Kontakt mit vielen anderen arbeiten müssen. Die eifrigen Näherinnen bringen ihre Ergebnisse zu Krankenhäusern, Altenheimen, Pflegeeinrichtungen, obwohl die meisten Masken nicht gekocht und damit keimfrei gemacht werden können. Eine hat sogar 23 Stück an’s Robert-Koch-Institut nach Leipzig geschickt… 😀 Ein Rechtsanwalt warnt vor den Folgen des Vertriebs von Mundschutz durch handwerklich Begabte. Ich stelle den Beitrag in die Gruppe „Mundschutz“. Er wird erst umgehend als Hassrede gelöscht, dann doch wieder freigegeben.

Nach langem Suchen habe ich selbst endlich kochfesten weißen Vlies gefunden, der mir zusagt – im Agrarhandel. Aus den vielen Schnittmusterangeboten habe ich eins ausgesucht und nähe jetzt aus weißer, kochfester Baumwolle Masken für Menschen, die mir nahe stehen, wahlweise mit Baumwollbändchen oder kochfestem Gummi. Ich selbst werde sie wohl nur tragen, wenn es gar nicht anders geht. Puh.

In Italien sind in den letzten 24 Stunden fast 1000 Menschen gestorben. Der Regierungschef ist stocksauer auf das hässliche Europa, das dem Land keine unbegrenzte Verschuldung erlauben will und Deutschland, das erst seine Masken nicht schicken wollte und sich jetzt gegen die Vergemeinschaftung der europäischen Schulden sperrt. Der britische Thronfolger, Prinz Charles, und Regierungschef Boris Johnson sind infiziert. In Spanien werden deutlich weniger Menschen getestet als andernorts. Jetzt musste die Regierung auch noch zehntausende fehlerhafte Tests an einen chinesischem Hersteller zurückschicken. Man weiß also nicht wirklich, wie schlimm die Lage ist. In den USA sind jetzt über 100 000 Menschen krank. Trump beschließt, ein Gesetz aus dem Korea-Krieg anzuwenden (Defense Protection Act) und General Motors zu zwingen, jetzt Beatmungsgeräte herzustellen. Deutschland hat noch freie Intensivbetten und will 127 schwer Kranke aus Italien und Frankreich aufnehmen.

Die Statusmeldung der Johns-Hopkins-Universität für Deutschland heute: 49 344 Infizierte und 304 Tote. Die Zahlen sind relativ: Der Tagesspiegel hat selbst gezählt und kam auf 52 806 Infizierte. Das Robert-Koch-Institut (RKI) vermeldet 42 288. Die Arbeit des Instituts wird zunehmend zum Ärgernis. Die Ergebnisse sind zeitverzögert, die Pressekonferenzen werden immer weiter reduziert, es gibt keine Antworten auf drängende Fragen. Die kommen vor allem aus den Bereichen der Wirtschaft, denen durch den Lockdown von einem Tag auf den anderen jedes Einkommen entzogen wurde. Man will wissen, wann die strengen Regelungen gelockert werden können. Aber es gibt schlicht noch keine Erkenntnisse dazu. Kanzleramtschef Helge Braun sagt, bis 20. April dürfe man keine Lockerung der Maßnahmen erwarten. Wenn man vergleicht, in welcher Geschwindigeit die Infektionszahlen steigen, ist weltweit keine Entspannung in Sicht:

Das bedingungslose Grundeinkommen wird wieder neu diskutiert. Inzwischen gibt es Missbrauch des neuen Hilfspaketes der Bundesregierung. Im Gesetz steht unter anderem, dass niemand, der wegen Corona keine Miete mehr zahlen kann, seine Wohnung verlieren darf. „Vorbeugend“ zahlt deshalb unter anderem der Adidas-Konzern für keine seiner Filialen mehr Miete und erntet einen Shitstorm. Wirklich in Not ist die Reisebranche. Die Kunden wollen das Geld für stornierten Urlaub zurück. Das bringt auch große Unternehmen in Insolvenz-Nähe.

In meinem Landkreis sind 77 Menschen infiziert, in meinem Städtchen keine. Es ist ein wahres Glück, auf dem Land zu leben. Mein Alltag ist im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit bis auf die geschlossenen Geschäfte praktisch unverändert. Ich verfüge nicht nur über einen großen Garten, sondern bin auch mit wenigen Schritten im Wald. Aber auch in meinem Landkreis ist der Mangel an medizinischen Hilfskräften offenbar. Hier wie in ganz Deutschland werden Menschen mit medizinischer Erfahrung gesucht, die sich einbringen wollen. Auch die Bundeswehr, die 15 000 Soldaten zur Unterstützung in der Krise mobilisiert, sucht unter ihren Reservisten nach solchen Fachkräften. Der Höhepunkt der Welle ist ja noch nicht da. Das gilt für ganz Europa und die meisten Länder der Welt. So spendet heute der Papst, mitten in der Fastenzeit, auf einem Podest vor einem menschenleeren Platz den Segen Urbi et Orbi. Das tut er sonst nur zu Weihnachten und Ostern.

29. März: Nach einer Woche mit mehrheitlich geschlossenen Geschäften wird die Frage immer lauter, wann man mit einer Rückkehr zur Normalität rechnen kann. Die Regierung legt sich fest: nicht vor dem 20. April. Genauer gesagt: Die Verdoppelungsrate der Infizierten muss auf über zehn Tage steigen. Das wird noch dauern. CNN sagt: „Amerika muss der unbequemen Wahrheit ins Auge sehen: Die USA sind auf dem Weg zur schlimmsten Corona-Epidemie unter den wohlhabenden Staaten – vor allem wegen der Ineffizienz ihrer Regierung“. Wenigstens ist der Präsident inzwischen von einer Rückkehr zur Normalität bis Ostern abgekommen; er verlängert die Schutzmaßnahmen bis zum 30. April. Am Abend sind es in den USA über 137 000 registrierte Erkrankungen. Italien verzeichnet jetzt knapp 98 000, Spanien 80 000, Deutschland 62 000 Infektionen. Es gibt auch Länder, die in der Statistik der Johns Hopkins-Universtität ganz unten auftauchen; etwa Madagaskar. Dort lebt ein ehemaliger Kollege, der hahnebüchenes zu berichten weiß: 43 Infizierte mit dem heutigen Tag (Johns Hopkins zählt 39). Als im Lande lebender Ausländer tue man gut daran, sich täglich in der Öffentlichkeit zu zeigen, damit jeder sehe, dass man bei guter Gesundheit sei, schreibt er. Anderenfalls riskiere man sein Leben: Ein infizierter Ausländer werde unter Umständen als Träger des Bösen von der Bevölkerung gelyncht.

In Deutschland werden jetzt insgesamt 525 Verstorbene gezählt, das ist weniger, als Spanien und Italien innerhalb der letzten 24 Stunden registrierten. Besonders Italien macht Deutschland bitterste Vorwürfe, weder mit Ausrüstung, noch mit Geld zu helfen. Es gibt kein Land mehr, das jetzt noch genügend Masken und Schutzanzüge zur Verfügung hat. „Was nützen uns Beatmungsgeräte, wenn es keinen Schutz für das medizinische Personal gibt“, sagt die Epidemiebeauftragte der Ärzteschaft im TV. Überall springen einheimische Unternehmen ein: Destillerien stellen medizinischen Alhohol für Desinfektionsmittel her, andere Unternehmen schneidern Masken. Deren Preise sind inzwischen ins Astronomische gestiegen: Das deutsche Unternehmen Trigema kassiert beispielsweise satte 120 Euro für zehn Stück. Gute Verkaufschancen für all die Hobbynäherinnen der quietschbunten Teile. Mangels erprobter Medikamente wird in den Krankenhäusern wild experimentiert: Malariamittel, Mittel gegen Ebola, gegen Aids – was hilft, hat Recht.

Die „Helden des Alltags“ in Kliniken, Pflege und Supermärkten verdienen zu wenig. Dieses Bewusstsein beginnt, sich überall durchzusetzen. Die Regierung verspricht, dass Sonderzahlungen der Firmen an ihre Mitarbeiter bis zur Höhe von 1500 € steuerfrei bleiben. Auch die Soforthilfen für kleine Firmen, Solo-Selbständige und Freiberufler sollen jetzt umgehend anlaufen. Es wird auch Zeit, nur noch drei Tage bis zum Monatswechsel. Das Wildfreigehege Wildenburg, wo das Wolfsrudel beheimatet ist, das ich regelmäßig besuche, bittet dringend um Spenden. Ich bin traurig, nicht reich zu sein, um mehr zu geben, als ich nun überwiesen habe. Bayern führt die kommunalen Stichwahlen diesmal ausschließlich als Briefwahl durch.

In Moskau gilt ab Montag eine Ausgangssperre. Schweden zählt 3 700 Infizierte. Aber hier geht das Leben entspannt weiter. Ähnlich ist es in Brasilien: Dort fordert die Regierung die Menschen auf, arbeiten zu gehen. Präsident Bolsonaro sagt, er sei ein ehemaliger Athlet. Also könne das Virus ihm nichts anhaben. Auch in Paris, nicht nur im Osten Frankreichs, haben die Kapazitäten der Intensivstationen jetzt ihre Grenzen erreicht. In Indien hat der Lockdown zu einer Katastrophe geführt: Tausende von Wanderarbeitern können jetzt nicht mehr überleben und machen sich auf den Weg in ihre Heimatorte. Die Menschen fürchten den Hunger viel mehr als das Virus. Die Leiterin der Notaufnahme im Zentralkrankenhaus von Wuhan ist verschwunden. Vor zwei Wochen war sie an die Öffentlichkeit gegangen, um mitzuteilen, dass die Regierung verboten habe, weiterhin vor dem Virus zu warnen. Auch ein ZDF-Kameramann in China ist nicht mehr aufzufinden.

30. März: Unglaublich, was so ein paar Tage Lockdown ausmachen. Nicht nur kamen innerhalb einer Woche die Delphine zurück in Venedigs Kanäle, nein: In Indien wurde mitten in besiedeltem Gebiet eine seltene Malabar-Zibetkatze gesehen. Die Tiere galten schon fast als ausgestorben. Wie nah doch das Hässliche und das Schöne beieinander liegen können…. Im Garten blühen trotz immer noch eisiger Nächte die Tulpen, die Pflaumen, ja sogar der Weinbergspfirsich – und die Hunsrück-Fotografen in Facebook behaupten steif und fest, der Himmel unter der strahlenden Sonne habe durch weniger Flüge jetzt ein tieferes Blau. Deshalb heute die Corona-Zahlen nur als Bild:

Als neue Deadline für Entscheidungen über das Lockern der derzeitigen Beschränkungen kristallisiert sich weltweit der 19./20. April heraus. Die Tracking App zur Überprüfung von Risikogruppen wird weiter diskutiert. Im Schatten der Krise stimmt die Regierungsmehrheit im ungarischen Parlament dessen Entmachtung zu: Der rechte Regierungschef Victor Orban kann jetzt auf unbestimmte Zeit allein mit Hilfe von Erlassen regieren. Erste Zahlen über die Rezession, die uns je nach Länge des Shutdowns erwartet, kursieren. Die Aktienmärkte haben sich heute etwas erholt. Larry Fink, Chef des weltgrößten Investors Blackrock, ist zuversichtlich, dass sich die Wirtschaft stetig erholen wird. Die Sorgenfalten in den Gesichtern derer, die jetzt kein Einkommen haben, werden tiefer: Noch 24 Stunden bis zum nächsten 1. Alle, die jetzt zur Ruhe mahnen, verfügen selbst über ein sicheres Einkommen.

Der Gesichtsmaskenstreit verschärft sich. Zwar hat die Bundesregierung 20 Millionen davon beschafft, der Bedarf ist aber viel höher. Die freiwilligen Näherinnen sind erbost darüber, dass ihre Werke nicht nur in vielen Krankenhäusern, sondern auch in großen Kaufhäusern abgelehnt werden. Die Mitarbeiterinnen meiner Bäckerei tragen aber welche, in schwarz, passend zur gelb-schwarzen Berufskleidung. Meine eigene Produktion stockte wegen Schwierigkeiten beim Nachkauf von Schrägband. Morgen geht es weiter. Die Stoffverkäufer arbeiten auf Hochtouren: Kochfeste Baumwolle, kochfester Gummi und Schrägbänder sind kaum noch zu finden. Jena führt als erste deutsche Stadt die Maskenpflicht ein. Die Einwohner sollen ihre Masken selbst nähen.

31. März: Wissenschaftler stehen in der Regel selten im Fokus der Öffentlichkeit. Aber jetzt gibt es neue Medienstars, zum Beispiel Christian Drosten, den Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. Kennzeichen: Verwuschelte Haare und sehr erschöpfter Gesichtsausdruck, aber auch große Sachlichkeit und gut verständliche Erklärungen. Nachdem er mehrere Wochen lang ständig in den Medien präsent war, lernt er die unangenehme Kehrseite der Medien kennen und ist sauer. Ein neuer Fachmann taucht auf: Virologe Prof. Hendrik Streeck lehrt an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, leitet das Institut für Virologie und hat das für HIV-Forschung gegründet, beide ebenfalls in Bonn. Auch er ist ein ruhiger, sehr klar denkender Mann. Er leitet die beispielhafte Forschung im Kreis Heinsberg, dem ersten Corona-Cluster der Republik, der jetzt seit fünf Wochen im Ausnahmezustand ist und kritisiert immer wieder das Robert-Koch-Institut scharf. In der Tat wirkt die Behörde im Vergleich zu den beiden Virologen wenig engagiert.

In meinem Landkreis gibt es jetzt 108 Infizierte. Sieben davon sind im Krankenhaus, keiner wird beatmet. Und: Heute wurde der erste Erkrankte in meinem Städtchen registriert. Das fast 100 Jahre alte Caféhaus, in dem es einzigartig gute Torten und selbstgemachte Trüffel gibt, hat heute bekanntgegeben, nach der Krise nicht mehr zu öffnen. Es gibt noch zwei andere Cafés, mit 0/8/15-Kuchen, die viel besser besucht sind, weil die Gebäude große Glasfassaden haben und man das Leben auf der Straße beobachten kann. Ich bin traurig und hoffe, dass es wenigstens unser preisgekröntes Eiscafé schafft, die Notzeit zu überstehen. Ausgerechnet jetzt, wo es Frühling wird…. Eine schöne Nachricht kommt aus Indien: Da die Strände gesperrt sind, können Tausende Meeresschildkröten ungestört ihre Nester bauen.

Weltweit wurden zur Mittagszeit 855 0077 infizierte Menschen gezählt, davon 186 265 in den USA, 105 792 in Italien, 95 923 in Spanien, 74 690 in Deutschland, 52 827 in Frankreich, 44 605 im Iran. Schweden ist das einzige Land in Europa, das nur leichte Beschränkungen im Alltag verzeichnet: Ältere und Risikogruppen sollen zuhause bleiben, die Menschen sollen Abstand halten – das war’s. „Wir hatten so eine Situation bisher nicht. Wir wissen also nicht, welcher Weg letztlich der Richtige ist,“ sagt Professor Streeck dazu. Das wird die von der Insolvenz bedrohten Menschen im Land aber beruhigen….

„Wir brauchen endlich saubere Corona-Zahlen“ sagt Open Petition und sammelt Unterschriften für eine Baseline-Studie. In der Tat verleitet es zu irrtümlichen Schlussfolgerungen, wenn alle Verstorbenen, die auch Corona hatten, als Corona-Tote gezählt werden, ohne dass klar ist, woran sie nun wirklich verstorben sind. Bei einer Baseline-Studie wird eine demografisch repräsentative Gruppe wiederholt getestet, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit und die Aggressivität des Virus sicher feststellen zu können. Die linke Wochenzeitung „Der Freitag“ führt aus, „Corona hat dieselbe strukturelle Ursache wie die ökologische und soziale Krise, zu der der Klimawandel, die Naturzerstörung wie die maroden Gesundheitssysteme gehören. Sie ist in der kapitalistischen Produktion und Ausbeutung der Natur zu suchen, in der imperialen Lebensweise der reichen Länder des Nordens, in der neoliberalen Ideologie.“ Dazu zeigt man nebeneinander eine Ultradünnschicht von Corona-Viren (rot) im Inneren einer Wirtszelle und ein Luftbild gerodeter Amazonas-Flächen (Foto oben). Das Thema Mundschutz beschäftigt inzwischen die ganze Republik: Mehrere Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen Nähanleitungen. Dazu gehört auch eine super-einfach-Maske aus einem Stück Küchenrolle, einem Papiertaschentuch, zwei Klebestreifen, und etwas Gummi. Die Bildzeitung meint, man könne die Masken doch einfach bei 80 Grad im Backofen desinfizieren und dann wiederverwenden. Die vielen Hobbynäherinnen in Facebook werden von Hilfeanfragen überschwemmt.

Meine Freundin berichtet von Videokonferenzen ihres Gurus mit seinen Followern. Es sei ein Kampf des Lichtes gegen das Dunkel, sage der Guru. Man dürfe sich nicht emotional hineinziehen lassen, müsse sich statt dessen konsequent für das Licht entscheiden. 5G ist ebenfalls immer wieder Thema bei den Spirituellen. Manche vermuten direkte Einflussnahme auf die Gehirne, bzw. Körper der Menschen. Einige behaupten, es gebe zwei Arten von 5G: Die auf der Erde mit jeweils geringer Reichweite, eine weitere, die aus dem All gesendet werde, mit Hilfe derer die ganze Menschheit kontrollierbar sei. Ich denke, dass die Bestrahlung jedenfalls das Immunsystem schwächen dürfte.

Ich lese, dass mein Lieblingshotel auf Yucatan mit dem Korallenriff und den Meeresschildkröten am Strand jetzt auch geschlossen wurde. Auch dort haben jetzt die Schildkröten den ganzen Strand für sich. Ich bin traurig. Ich möchte an ein warmes Meer fahren, am liebsten auf eine Insel. Ich möchte schorcheln und mit den Fischen spielen. Ich möchte Wärme und Nähe spüren, Zusammengehörigkeit wahrnehmen.

1. April: Schreckliche Bilder kursieren in den Medien. Es sind Ausschnitte aus einem Video der New York Post, das zeigt, wie Leichen per Gabelstapler in Kühllaster befördert werden. US-Präsident Trump benachteiligt offenbar seine politischen Gegner bei der Zuteilung von Schutzausrüstung und Beatmungsgeräten. Der Staat New York gehört dazu. Inzwischen hat der Populist erneut seine Haltung geändert und spricht nun von bis zu 240 000 zu erwartenden Toten in den USA. Man hört, dass er sich hinter den Kulissen darüber lustig macht, wie leicht er in seiner neuen Rolle das Gehör der Medien finde. Die Debatte um die unsicheren Corona-Zahlen nimmt Fahrt auf. Statistiker vermuten, dass es in Deutschland in Wahrheit 222 000 Infizierte gibt. Die selbstgenähten Masken haben es inzwischen auch in die Talkshows geschafft; ihr Für und Wider wird heftig debattiert. Die Näherinnen ärgern sich derweil über Abmahn-Anwälte, die ihnen das Leben zur Hölle machen. In ganz Deutschland sind Schrägbänder und Einziehgummis ausverkauft.

In einer Studie haben Forscher 100 000 Menschen in 15 Ländern dazu befragt, wie zufrieden sie mit den Maßnahmen ihrer Regierungen und dem Verhalten der eigenen Bevölkerung in der Krise sind. Die meisten ärgern sich mehr über uneinsichtige Mitbürger als über ihre Regierung. Nicht so in der Türkei, den USA, Russland, Weißrussland und Großbritannien: Hier ärgern sich die Menschen besonders massiv über ihre Regierung. Adidas hat sich nach einem Shitstorm und Boykottaufrufen in den sozialen Medien entschuldigt und zahlt jetzt doch Miete für seine Filialen. Galeria Kaufhof/Karstadt, schon vor der Krise stark angeschlagen, setzen alle Mietzahlungen aus und beantragen ein Schutzschirm-Insolvenzverfahren, um sich zu sanieren. Die Märkte rauschen nach einigen besseren Tagen wieder nach unten. In Deutschland gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer: Im Kreis Heinsberg, dem ersten festgestellten Cluster, ist die Verdoppelungsrate jetzt bei 16 Tagen. Die Infektionswelle war nach einer Karnevalssitzung losgegangen. Man bekommt langsam eine Idee davon, wie lange das alles noch dauern wird. Kanzlerin und Länderchefs haben sich darüber abgestimmt, dass alle Beschränkungen mindestens bis nach Ostern weiter gehen.

2. April: Man höre und staune: Das Robert-Koch-Institut ändert seine Meinung zu Schutzmasken. Nachdem 57 Prozent der Deutschen eine Maskenpflicht befürworten, sagt es nun, das vorsorgliche Tragen könne das Risiko, andere anzustecken, mindern, auch wenn sie dem Träger selbst keinen Schutz bieten. Siemens Healthineers, eine Tochter des Siemens-Konzerns, hat einen Schnelltest entwickelt, der innerhalb von drei Stunden Ergebnisse bringen soll. Es wurde eine sogenannte Notfall-Zulassung bei der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie bei der US-Gesundheitsbehörde FDA für den klinischen Einsatz beantragt, damit der Test schnell zur Verfügung stehen kann. Schon jetzt wurde er zu Forschungszwecken ausgeliefert. Auch sonst profitiert das Unternehmen von der Krise: Seine medizintechnischen Produkte sind stark gefragt.

Das Bundesinnenministerium hat ein Einsehen: Asylsuchende können die Spargelernte nicht retten. Jetzt dürfen doch südosteuropäische Erntehelfer einreisen: Je 40 000 im April und im Mai. Den Bauern dürften Wagenladungen von Steinen vom Herzen fallen. Nicht so den vielen Reisenden, die wegen Corona nicht in Urlaub können: Sie sollen nun statt ihres Geldes Reisegutscheine zurück bekommen, deren Verwendung auch noch zeitlich befristet werden soll. Eine Unverschämtheit, der die EU hoffentlich einen Riegel vorschieben wird. Nach der Thomas Cook-Pleite und dem jetzigen Corona-Desaster sollte der Reisebranche dringend auf die Finger geschaut werden: Das Geld der Touristen muss besser abgesichert werden. Bedauerlicherweise steht die Bundesregierung immer auf Seiten der Industrie, statt auf der ihrer Bürger. Genau wie beim Diesel-Skandal.

Es gibt neue Vorwürfe gegen die USA, sich ohne Rücksicht auf Andere Vorteile zu verschaffen. Diesmal sagen die Franzosen, dass von ihnen bestellte Schutzmasken nicht ankommen, weil auf dem Rollfeld Amerikaner auftauchen und die Bestellung für die dreifache Kaufsumme in ihr Land umleiten. Donald Trump hat letzte Woche mit großem Tamtam und der Hilfe eines Kriegsgesetzes angekündigt, dass er General Motors zwingen werde, Beatmungsgeräte zu bauen. Bis jetzt ist dort aber kein offizieller Auftrag eingegangen. Die Erstanträge auf Arbeitslosengeld in den USA erreichten mit 6,65 Millionen in der zurückliegenden Woche ein nie dagewesenes Niveau und schockieren das Land. Sie sind vielleicht jedoch erst der Beginn einer großen Rezession. Inzwischen sind im Land 242 000 Menschen infiziert; mehr als doppelt so viele wie in Italien und Spanien. Allein im Staat New York sind es 92 506. Trump ist stolz auf 100 000 Tests am Tag. Bei knapp 330 Millionen Einwohnern ist die Zahl jedoch viel zu niedrig. Sogar ein russisches Flugzeug mit Schutzausrüstung ist in den USA geliefert. Die überprüfen jetzt, ob die Ware ihren Standards entspricht 🙂 – kläglicher Versuch, das Gesicht zu retten. Deutschland zählt 84 788 Erkrankte.

Eine Aufsehen erregende Studie macht deutlich, wie unsicher all die Angaben über Sterbefälle infolge von Covid 19 sind. Besonders in Italien sind viele Menschen zuhause oder in Heimen gestorben, ohne getestet worden zu sein. Deshalb wurde dort die durchschnittliche Sterberate verschiedener Corona-Zentren mit der diesjährigen verglichen. Die Ergebnisse sind erschreckend: Die jetzige Sterberate ist teilweise doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass weitaus mehr Menschen infiziert sein müssen/mussten, als die Zahlen widerspiegelten. Am Beispiel von  Nembro, wo vermutlich alle 11.500 Bewohner den Virus in sich tragen, konnte aber auch etwas „positives“ festgestellt werden: Offenbar tötet das Virus maximal ein Prozent der Bevölkerung. Bisher wurden weltweit 52 863 Tote gezählt – wobei nicht klar ist, ob diese am Virus oder evtl. durch eine vorhandene Vorerkrankung gestorben sind (siehe weiter oben). 210 186 Menschen haben sich weltweit von der Infektion inzwischen erholt. Ein Prozent von 83 Millionen Menschen in Deutschland sind… ?

3. April: Der IWF hat einen interaktiven Tracker erstellt, mit dessen Hilfe man blitzschnell nachschauen kann, welche Maßnahmen gegen die Krise insgesamt 193 Staaten in Gang gesetzt haben.

Deutschland hatte bei einer US-Firma, die in China produziert, Atemschutzmasken der Schutzklassen FFP2 und FFP3 bestellt (links im Bild). Die USA haben die Lieferung abgefangen und in ihr Land umgeleitet.  Was sich hier abspielt, erinnert an Krieg. Der deutsche Automarkt bricht ein: Wie der Verband der Automobilindustrie mitteilte, sanken die Neuzulassungen im März gegenüber dem Vorjahresmonat um 38 Prozent auf 215.100 Pkw. Im ersten Quartal wurden 701.300 Pkw neu zugelassen, das war ein Minus von 20 Prozent. Die Pkw-Produktion sackte ebenfalls deutlich ab, im März brach sie um 37 Prozent auf 287.900 Pkw ein. Im ersten Quartal wurden von den deutschen Autobauern eine Million Einheiten hergestellt und damit 20 Prozent weniger als vor Jahresfrist. Exportiert wurden im März 234.000 Autos, das war ein Rückgang um knapp ein Drittel.

Die Kanzlerin ist nach der Quarantäne zurück im Amtssitz. Sie wirkt erholt, bedankt sich beim Volk für die Disziplin und bittet um Verständnis dafür, dass die Ausgangsbeschränkungen über Ostern andauern werden. Die vielen Beschränkungen, die jetzt seit fast zwei Wochen gelten, zeigen Wirkung. Die Verdoppelung der Infektionszahlen ist schon bei nur noch zehn Tagen. Die Politik will jetzt aber mehr als 14 Tage erreichen, bevor die Maßnahmen gelockert werden können. Eine sympathische Infektiologie-Professorin erklärt im TV, dass ohnehin rund 10 Prozent der vermeintlichen Erkältungen einem der vielen Corona-Viren geschuldet sei, und dass mit der Zeit quasi über bewusst in Kauf genommene Infektion automatisch eine gewisse Immunisierung in der Bevölkerung eintreten werde. Spannend, wie wir nach und nach die deutschen Wissenschaftler kennen lernen.

Leise Warnsignale aus China: Mitten in den Feiern zum Sieg über das Virus werden in Wuhan wieder Absperrungen errichtet; es wurden Neuinfektionen festgestellt. Die Angst vor einer zweiten Infektionswelle wird klein gehalten, soweit es geht. Viele deutsche Mittelständler verzweifeln an ihren Hausbanken. Diese müssen bei der Weiterleitung von Kreditanfragen auf dem Förderpaket an die KWF zehn Prozent des Risikos übernehmen, lehnen daher viele Anträge ab mit dem Argument, man wisse ja nicht, ob das Unternehmen nach der Krise wieder auf die Füße komme. Wirtschaftsminister Altmaier bekommt einen öffentlichen Wutanfall: Genau deshalb gebe es ja das Paket, damit die Unternehmen eben nicht untergehen. Die EU diskutiert, das letzte Restrisiko auch noch zu übernehmen. Ist auch schon egal bei all den Milliarden. Wer zum Schluss wohl die Rechnung bezahlt?

Die Brauerei „Corona“ in Mexico stellt vorübergehend ihre Produktion ein, hofft aber, sie wieder aufnehmen zu können. Furchtbar, war so ein Name anrichten kann. Während die Zustimmungsraten anderer Staatenlenker in der Krise steigen, fällt die von Donald Trump. Inzwischen sind 52 Prozent der US-Bevölkerung der Meinung, dass der Präsident die Krise nicht im Griff hat. Auch das Firmenimperium der Präsidenten leidet. Wie die Unternehmen anderer Politiker können auch die von Trump nicht vom staatlichen Unterstützungspaket profitieren. Jetzt hat die Deutsche Bank ein Problem. Das Geldhaus, das Trump zeitweilig bis zu zwei Milliarden Dollar geliehen hatte, sieht sich jetzt mit Fragen seines Konzerns konfrontiert, ob Mietzahlungen und Kreditraten ausgesetzt werden können. Egal was die Bankt nun unternimmt: Es wird ihr schaden.

Nach TUI bekommt nun auch der Reisekonzern FTI, der schon vorher schwach auf der Brust war, staatliche Kreditbürgschaften aus dem Förderpaket. Riesige Probleme haben Deutschlands Verlage: Zwar verzeichnen sie ein Leserinteresse, das so stark ist, wie seit langem nicht mehr. Aber die Werbeeinnahmen brechen weg. Große Sparpakete sind in Arbeit, Kurzarbeit ist angemeldet. Axel Springer zieht sich am 6. April von der Börse zurück. Die quietschbunten Masken-Näherinnen erleben eine hässliche Kehrseite ihres Einsatzes: Es gibt Kritik an ihrer bunten Stoffauswahl, es gibt Sonderwünsche, wie etwa Masken in den Farben des Fußballvereins, und immer wieder wollen Privatleute, denen Masken gespendet werden, das Porto für den Versand nicht überweisen. Stoffe und Gummi müssen aber bezahlt werden, Porto ebenfalls. Viele Näherinnen haben selbst wenig Geld und verarbeiten deshalb einfach ihre Reste. Die engagierten Frauen vermissen Anerkennung für ihre Leistung. Ich habe endlich wieder dezent farbiges Schrägband und nähe weiter meine kochfesten weißen Masken mit Filter.

5. April: Was für ein schönes Wetter! Endlich warm genug, sich draußen länger aufzuhalten, auch wenn der Wind noch keine leichte Kleidung zulässt. Deutschland zieht es ins Freie, Menschenmassen sind unterwegs. Aber diszipliniert: in kleinen Gruppen und mit Abstand. Die meisten jedenfalls. Die Polizei ist zufrieden. Zwei Wochen Shutdown sind heute zuende. Die Bevölkerung erwartet Antworten. Nicht auf die Frage, wann der Shutdown endet – es herrscht allgemeines Einsehen, dass das schwer vorhersehbar ist. Aber die Regierung vermeidet auch quer durch alle Parteien eine Diskussion zur Frage, WIE denn die Beschränkungen gelockert werden sollen, wenn es soweit ist. Das ist nicht gut. Im ZDF heute erstmals ein kritisches Extra, Tenor: Wenn die Regierung nicht sagt, wo es lang geht, werden andere die Deutungshoheit übernehmen. Man verzeichne zum Beispiel erhebliche Versuche der Einflussnahme über die russischen und chinesischen Staatsmedien mit Hilfe von Fakes News, die Angst und Unsicherheit schüren sollen. Gar nicht beruhigend wirkt da ein geleaktes Papier aus dem Innenministerium vom Anfang der Krise. Darin heißt es, man müsse die Bevölkerung mit Hilfe eines maximalen Angstszenarios zu Ruhe und Disziplin zwingen. Dies sei ein Geheimpapier, das man nicht kommentiere, heißt es dazu von der Regierung.

Nicht gut. Gar nicht gut… Dazu diese Diskussionen mit der Kontrolle der Menschen über Handy-App. Das hier ist ein riesiger Reality-Test zur Frage, wie lange und mit welchen Mitteln sich die Bevölkerung am besten kontrollieren lässt.

Die EU-Kommisson twittert: „We called on the industry to ramp up production of protective equipment. They answered: Textile companies – masks & gloves cosmetics, sanitizers engineering – ventilators will soon reach hospitals across Europe. This is #EUsolidarity #StrongerTogether#coronavirus„. Na, das sind wir mal gespannt, wann der Notstand bei der Schutzausrüstung endet. „Wir brauchen einen Marshall-Plan für Europa“ sagt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in der Welt.  „Europe has to establish a wartime economy and put in place measures for the defense, the reconstruction and the economic recovery of Europe,“ sagt der spanische Premier Pedro Sánchez. Immer diese Kriegsrhetorik!

Deutschland hat jetzt fast 200 000 Urlauber heim geflogen. Einige Tausend sitzen aber noch fest, vorwiegend in Peru, Neuseeland und Südafrika. „Es ruckelt“ bei der Rückführung, sagt der Außenminister. Es ruckelt noch viel mehr in den total überfüllten Migrantenlagern auf den östlichen Ägäisinseln. Die Stadt Berlin will jetzt in Eigenregie 1 500 aus dem Camp Moria auf Lesbos nach Deutschland holen, eine Unterbringung in Hotels wird diskutiert. Es gibt kuriose Sehnsuchtsgeschichten, wie die von dem Ehepaar, das im Anschluss an seine Hochzeitsreise jetzt in einem Luxus-Ressort auf den Malediven fest steckt. Die beiden sind die einzigen verbleibenden Gäste – zusammen mit dem gesamten Personal. Im Bild sieht man eine schöne Frau, gebräunt, mit langen schwarzen Haaren, die einem kristallklaren Meer entsteigt…

Zum erst fünften Mal in ihrer 68jährigen Regierungszeit richtet sich die Queen aus der Quarantäne an ihr Volk. Die Botschaft: „Das ist nicht die erste Krise in unserer Geschichte. Wir werden auch diese überstehen: Mit Disziplin und dem selben Kampfgeist wie im Zweiten Weltkrieg.“ Premier Boris Johnson, seit zehn Tagen infiziert und mit hartnäckigem Fieber zuhause, wird ins Krankenhaus gebracht. Die USA sehen sich rasant steigenden Infektionszahlen gegenüber. Nach New York, wo die Zahl der Verstorbenen mit 594 gestern zum ersten Mal ein wenig gesunken ist, entwickelt sich Lousiana zum nächsten Hotspot. Sogar „Flotus“ Melania Trump twittert jetzt Apelle zu social distancing. Der Kapitän eines Kriegsschiffes vor Guan, Brett Crozier wurde gefeuert, weil er öffentlich um Hilfe für seine 5000 Beatzungsmitglieder gebeten hat. Nun ist der Kommandeur, der beim Abschied von seinen Männern als Held gefeiert wurde, selbst infiziert, 155 seiner Crewmitglieder sind es ebenfalls. Börsenguru Mr. Dax warnt angesichts einer hochgradig bewaffneten Bevölkerung vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den USA, wenn ein Shutdown zu lange dauert.

Der deutsche Klopapier-Kuchen findet reißenden Absatz und Eingang in ein Video der Nachrichtenagentur Reuters. Der Ölkrieg zwischen Russland und Saudi-Arabien verschärft sich weiter. In den Altenheimen rund um die Erde hat das Besuchsverbot für Angehörige schlimme Folgen. In Texas kam man auf die Idee, dass Senioren sich ja per Bild mitteilen könnten (siehe unten). Netter Versuch, gegen die große Traurigkeit anzukämpfen.

Die Diskussion um die Art der Ermittlung von Infizierten und Corona-Toten nimmt an Intensität zu: Nicht nur wird in jedem Land unterschiedlich viel getestet – unter anderem mangels genügender Mengen an Test-Kits – vor allem wird falsch getestet. Wir haben doch gelernt, dass für repräsentative Zahlen auch eine repräsentative Menge scheinbar gesunder Einwohner getestet werden muss, um einen Überblick über den Grad der Durchseuchung, sowie bereits vorhandener Immunität zu bekommen. Mit Hilfe von Antikörpern bereits Gesundeter verspricht man sich gute Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankte: Zumindest könne der Verlauf der Infektion stark abgemildert werden, habe man in China gesehen. Ich bemerke bei mir selbst aufkeimende Aggression, wenn ich Nachrichtensprecher mit dramatischen Gesichtern über hohe Infektionszahlen reden sehe. Es wurde so unglaublich viel im Vorfeld versäumt, und jetzt wird so unglaublich viel falsch gemacht… Wieso zum Beispiel wurde nicht genügend Vorrat an Schutzkleidung für ein Katastrophenszenario angelegt, obwohl es detaillierte Pandemiepläne gab, die jetzt 1:1 wahr werden? Was für ein Durcheinander veranstaltet das zuvor hoch renommierte Robert-Koch-Institut mit seinen wechselnden Einschätzungen? Jetzt hat es mitten in der Krise die Zahl seiner Pressekonferenzen von einer täglich auf zwei wöchentlich reduziert. Warum wird die Corona-Sterberate nicht mit dem Durchschnitt an Sterblichkeit der Vorjahre in Vergleich gesetzt? In Schweden darf die Bevölkerung weiterhin in Biergärten sitzen und den Frühling genießen. Ich ärgere mich.

Eurobonds und damit die Vergemeinschaftung der Schulden aller EU-Mitgliedsländer – das ist seit Jahren das Schreckgespenst der Netto-Einzahler. Jetzt wird der Ruf danach immer lauter: Nicht nur Italien und Spanien; insgesamt neun EU-Länder fordern diese Anleiheform als solidarische Maßnahme aller Staaten. Deutschland ist strikt dagegen, man habe schließlich den ESM. Aber wird es sich auf Dauer entziehen können? Nach dem Corona-Desaster steht das ganze Konstrukt Europa nicht nur in Italien auf der Kippe. Strenge ESM-Auflagen sind bei den hoch verschuldeten Ländern nach dem Beispiel Griechenland gefürchtet.

„Kauft Blumen, nicht Toilettenpapier“ ruft eine verzweifelte Blumenindustrie in den Niederlanden und in Afrika. Die Tulpen sind jetzt schnittreif und können nicht abgesetzt werden. Mit Schaufelbaggern werden die Pflanzen in den Schredder befördert. Aber in Deutschland sind alle Blumenläden geschlossen. Es gibt nur wenige Pflanzen in Super- und Baumärkten. Vor diesem Hintergrund nervt das Geschrei der Berufsfußballer nur noch. Mich ärgert schon lange, dass es in diesem Sport nur um Geld und nochmal Geld geht.

In Afrika könne es durch das Virus zu einer Katastrophe kommen, dann zur Bürgerkriegen, dann zu riesigen Flüchtlingskolonnen via Europa, warnt Entwicklungsminister Müller. Eine Studie der afrikanischen Union warnt vor dem Verlust von 20 Millionen Jobs. Wie wäre es also, wenn man mal etwas tut, damit dort genügend Menschen getestet werden können? Wir brauchen einen Plan, wie wir medizinisches Gerät und Schutzkleidung dorthin bringen, wenn die Infektionswelle kommt, denn sie wird kommen. Der Minister will die Region durch internationale Hilfe stabilisieren. Mit Geld – wie immer? Das dann in irgendwelchen dunklen Kanälen versinkt? Afrika hat jedenfalls mal Einreisesperren für den Westen verfügt. Zu Recht.

6. April: Zwischen Kreuzlingen und Konstanz an der deutsch-schweizerischen Grenze gibt es einen Zaun. Dort können sich durch Corona voneinander getrennte Familien oder Paare treffen. Seit einigen Tagen können sie sich dort nicht einmal mehr berühren: Die Schweiz stellte einen zweiten Zaun auf, der zwei Meter Abstand garantiert. Es spielen sich herzzerreißende Szenen ab. Paare berichten von Hochzeiten, die abgesagt wurden, zum Geburtstag kann nicht mehr angestoßen werden. Sowas von surreal…

356.942 Infizierte in den USA heute. 135.032 in Spanien, 132.547 in Italien, 101.806 in Deutschland, 98.957  in Frankreich, 52.274 in Großbritannien, 60.500 im Iran, 30.217 in der Türkei. Der britische Premier Boris Johnson, der seit gestern wegen Covid 19 im Krankenhaus ist, wurde auf die Intensivstation verlegt. Donald Trump sagt, ganz Amerika bete für ihn. Irans Führung fordert globale Solidarität und denkt dabei an Europa. Japan (3654 Infizierte) will den nationalen Notstand ausrufen. In den USA werden allein 130.689  Infizierte im Staat New York registriert. Die US-Botschaft in Deutschland attackiert die Bundesregierung: Niemand habe eine Maskenlieferung umgeleitet. Aber heute kommen die Vorwürfe aus Kanada (16 500 Infizierte): Die USA haben verhindert, dass knapp drei Millionen Masken nach Kanada exportiert werden. Die Alliierten Amerikas beklagen Wildwest-Methoden. China twittert: „Wir sind bei euch, bleib stark Kanada…“ China hat auch 2000 Beatmungsgeräte, 170 000 Mundschutz-Masken, je 1.3 Millionen KN95 und OP-Masken in die USA geschickt. Der US-Regierung scheint das Wasser bis zum Hals zu stehen. Die französische Regierung beschlagnahmt in Basel zwei Millionen Masken, die für die Region Bourgogne-Franche-Comté bestimmt waren, um sie „gerechter“ zu verteilen. Auch bei uns besteht der Notstand an Schutzausrüstung weiter. Weil es zu wenig davon gibt, so erfährt man in den Nachrichten, könne keine Maskenpflicht beim Einkauf vorgeschrieben werden. Weil es nicht genug Masken gibt, spielt sich in Altenheimen und Hospizeinrichtungen ein stilles Drama ab: Angehörige und ehrenamtliche Hospitzmitarbeiter dürfen nicht hinein, viele alte Menschen müssen ganz alleine sterben.

Die Bundesregierung reagiert auf die scharfe Kritik von gestern: Natürlich denke man über eine Strategie zum Hochfahren der Wirtschaft hoch. Zu gegebener Zeit werde man über die Schritte informieren. „Selbstverständlich kehren wir wieder zu den gewohnten Freiheiten zurück“, beruhigt die Bundeskanzlerin. Finanzminister Scholz erklärt erneut, dass Deutschland keine Notwendigkeit für Eurobonds sehe. In den ESM seien inzwischen 80 Milliarden Euro eingezahlt, damit können 400 Milliarden ausgeliehen werden, sagt er in den Nachrichten. Außerdem habe die EZB für 12 Milliarden italienische Staatsanleihen aufgekauft, um dem Land liquide Mittel zu verschaffen. Auch der ESM befreit Deutschland nicht wirklich vor einer riesigen Haftung. Aber man kann die Länder, die unter den Schirm kommen, zu strengen Auflagen verpflichten. Beim Beispiel Griechenland hat Deutschland satt davon profitiert. Von den gewährten Hilfen konnte der Staat seine Kreditzinsen an Deutschland weiter bedienen. Der Verkauf des staatlichen „Tafelsilbers“ sorgte zum Beispiel dafür, dass der Hafen Thessalonikis nun einem deutschen Konsortium gehört. ESM oder Corona-Bonds? wird auch morgen bei der Videokonferenz der europäischen Finanzminister Thema sein. Zwischenzeitlich hat sich der DAX etwas beruhigt und ist wieder über 10 000 Punkte gestiegen. Die Bundesregierung will bei den KfW-Krediten für den leidenden Mittelstand jetzt die komplette Resthaftung übernehmen, damit die Hausbanken schnell handeln. Es gibt eine Lücke bei den Finanzhilfen: Unternehmen mit zwischen 10 und 50 Mitarbeitern können bisher nicht darauf zugreifen, sagt die KFW zum wiederholten Mal.

Ich habe heute keine Masken genäht, sondern mich als Friseurin betätigt. Bin ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Ich wollte schon als Kind Friseurin werden ;). Draußen wird es immer wärmer, man kann endlich wieder in der Sonne sitzen. Nachbarn grillen. Ich träume von einer einsamen Inseln in einem warmen Meer, freue mich an den blühenden Obstbäumen und versuche, meine elende Pollenallergie einfach zu ignorieren. Ich bin so dankbar, auf dem Land wohnen zu dürfen. Hier gibt es keine Enge. In den Städten steigt die Zahl häuslicher Gewalt deutlich an. Die WHO hat heute mitgeteilt, dass sich in manchen Ländern die Zahl Schutz suchender Frauen verdoppelt habe.

7. April: Die EU-Finanzminister können sich nicht einigen. Die Entscheidung darüber, wie in Sachen ESM, bzw. Eurobonds den Mitgliedsländern nun am besten geholfen werden kann, soll jetzt morgen fallen. Der Berg kreißte und gebar eine Maus: Nach wochenlangen Ankündigungen, 1600 unbegleitete Kinder und Jugendliche aus Griechenland zu holen, werden es nun 50 kranke Kinder. Mehr habe das Betreuungspersonal nicht auswählen können, heißt es in den Nachrichten. WhatsApp schränkt die Weiterleitungsfunktion in Deutschland ein, um die Verbreitung von Fake News zu hemmen. Die EU-Kommission schlägt Alarm: Die Medikamente für Intensivpatienten werden knapp – auch in Deutschland.

Zehn Millionen Atemschutzmasken wollte das Land NRW kaufen, überwies bereits 14,7 Millionen Euro. Dann kam heraus: Die Masken gibt es gar nicht. Die Täter hätten die Identität einer Firma im europäischen Ausland gekapert, berichtete die Staatsanwaltschaft. Das Geld konnte gerade noch rechtzeitig sichergestellt werden. Donald Trump hat ein neues Feindbild: Die WHO sei in der Corona-Kriste zu China-lastig. Er will die US-Beiträge einfrieren. Das RKI präsentiert eine neue App, die die Vitalfunktionen des Körpers misst.

Im Rewe-Markt meines Städtchens ist die Salatbar geschlossen. Drumherum stehen Kerzen und ein Hinweis der evangelischen Kirchengemeinde: Da dieses Jahr keine Osternachtsfeier mit Weitergabe des Lichts von Person zu Person stattfinden kann, kann jeder, der es möchte, eine Kerze mitnehmen und in dieser Nacht zuhause das Osterlicht, das Symbol der Auferstehung von den Toten, anzünden. Draußen ist nach einem herrlichen Frühlingstag eine milde Nacht mit dem größten und hellsten Supermond des Jahres angebrochen.

8. April: 1,5 Millionen Corona-Virusträger weltweit. 2000 Corona-Tote innerhalb von nur 24 Stunden in den USA. 420 000 Infizierte allein dort, davon knapp 150 000 im Statt New York. Afro-Amerikaner sind überproportional stark betroffen. Es sind jetzt 55 Prozent der Amerikaner, die finden, dass ihre Regierung die Krise schlecht handelt. Präsident Trump war von seinem Handelsberater bereits Ende Januar vor einer Krise gewarnt worden, behauptet aber, das entsprechende Memo erst heute gelesen zu haben. Der Geheimdienst hatte sogar noch in 2019 auf eine mögliche kommende Pandemie hingewiesen. Immerhin hat General Motors jetzt einen Vertrag, nachdem das Unternehmen 30 000 Beatmungsgeräte für 500 Millionen Dollar herstellen soll.

In Spanien sind es heute 147 000, in Italien 139 000, in Frankreich 114 000, in Deutschland 110 700, in Großbritannien rund 61500 registrierte Erkrankte. PM Boris Johnson verbringt seine dritte Nacht auf der Intensivstation, wird jedoch nicht künstlich beatmet. Es soll ihm etwas besser gehen. Die europäischen Finanzminister haben sich auch heute nicht geeinigt, auf welchem Weg den Ländern günstiges Geld zur Verfügung gestellt werden soll. Alte Ressentiments zwischen den Staaten leben wieder auf. Die Zentralbanken kaufen derweil jede Menge Staatsanleihen auf, um die Länder liquide zu halten. Der Milliardär und Hedge Fond Manager Ray Dalio (Bridgewater Associates) glaubt, die Welt bewegt sich auf eine Rezession in einer Größenordnung wie in den 1930er Jahren zu.

Eine alarmierende Studie wird in Shanghai veröffentlicht: Eine repräsentative Studie unter von Covid 19 Genesenen stellt fest, dass etwa ein Drittel von ihnen so gut wie keine Antikörper gegen das Virus gebildet hat. Das kann ja heiter werden. Das Bundesverfassungsgericht hat einen Antrag auf vorläufige Außerkraftsetzung der bayerischen Verordnung über Infektionsschutzmaßnahmen und über eine vorläufige Ausgangsbeschränkung anlässlich der Corona-Pandemie abgelehnt. Der Antragsteller hielt die Verbote, Freunde zu treffen, seine Eltern zu besuchen, zu demonstrieren oder neue Menschen kennen zu lernen, für zu weitgehend. Begründung: Die Gefahren für Leib und Leben wiegen hier schwerer als die Einschränkungen der persönlichen Freiheit.

Die Bundesregierung beschließt, dass es für ausgefallene kulturelle Veranstaltungen kein Geld zurück gibt; sondern nur Gutscheine. Ein TV-Kommentator sagt, das dürfe eigentlich auch kein Problem für ärmere Menschen sein: Das Geld für die Karten wäre ja auch weg gewesen, wenn die Veranstaltung stattgefunden hätte. Auch in meinem Städtchen wird professionelle Schutzkleidung hergestellt: Eine der Kleinlederwarenfirmen vermeldet, dass sie die Produktion umgestellt hat. Die Apotheke verkauft selbst hergestelltes Hand-Desinfektionsmittel aus 3% Peroxyd, Äthanol und gereinigtem Wasser; die 0,25 Liter-Flasche für 7,99 €. Das gleiche Zeug habe ich im Sommerurlaub in Spanien 2019 für 1,15 € die 0,5 Liter im Supermarkt gekauft. Die Familien und ihre Kinder sind von schulfrei in die Osterferien gewechselt. Das macht das Problem aber nicht kleiner: Die Kinder müssen einen stattlichen Satz an Aufgaben bewältigen, die sie von den Schulen übermittelt bekommen. Das gelingt ganz unterschiedlich gut. Wie geht es mit dem restlichen Schuljahr weiter bis zu den Sommerferien? Ist das Pensum im Heimunterricht überhaupt zu schaffen?

23 Grad und heller Sonnenschein draußen; die Natur explodiert regelrecht. In der sehr milden Nacht ein noch immer voller Supermond in leichter Bewölkung. Was für ein Kontrast zur Stimmung unter den Menschen!

9. April: Gründonnerstag abend: Das lange Osterwochenende hat begonnen. Keine Lockerung der Beschränkungen, obwohl die Verdoppelungsrate bereits gestern bei 14 Tagen lag. Ich habe heute mit meiner Freundin im Raum München telefoniert: „Unmut greift um sich,“ sagt sie, und ich fühle, dass sie auch sich selbst meint. Hat sie doch heute, als sanftmütige Veganerin, in einem Akt zivilen Ungehorsams drei kleine Tüten sorgsam getrennten Wertstoffmülls aus dem Korb ihres Radls in einfache Mülltonnen entsorgt, weil sie vor dem Wertstoffhof in einer langen Schlange von Autofahrern warten sollte, bis sie dran war. Das passt so gar nicht zu ihr, die sogar ihre Yoghurt-Becher spült, um die Sortierer am Band nicht mit dem Gestank vergammelnder Reste zu stressen… Eine weitere Bekannte lebt mit Mann und zwei kleinen Kindern in Bonn. Ihre alten Angstzustände sind zurück: Sie fürchtet, dass ihre Kleinen sich draußen beim Spielen anstecken könnten, dass sie selbst sich anstecken könnte, dass sie Andere anstecken könnte… Sie will unbedingt auf’s Land, dorthin, wo Platz ist, wo die Kleinen in Ruhe draußen sein können. Ich habe heute mit dem Leiter des für den Publikumsverkehr geschlossenen Ordnungsamtes telefoniert. Man habe jede Menge zu tun wegen Corona, stöhnte der.

Die Nerven sind angespannt, zumal immer klarer wird: In Deutschland gibt es sehr viele freie Intensivbetten. Von 115 523 Infizierten gab es zwar 2451 Sterbefälle. Aber war das Virus wirklich die Todesursache? Der renommierte Hamburger Rechtsmediziner Klaus Püschel und sein Team haben beispielsweise die Hamburger Toten obduziert und festgestellt: Keiner von ihnen ist ursächlich an Covid 19 gestorben. „Alle, die wir bisher untersucht haben, hatten Krebs, eine chronische Lungenerkrankung, waren starke Raucher oder schwer fettleibig, litten an Diabetes oder hatten eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.“ Das Virus sei in diesen Fällen der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe. Sein Team habe gerade die Leiche der ersten 100-Jährigen untersucht, die mit Covid-19 gestorben sei. Hier sei es der allerletzte Tropfen gewesen.

Die Kanzlerin und die Landeschefin von Rheinland-Pfalz halten mütterliche Reden, mahnen, in der Disziplin nicht nachzulassen. Es werde noch sehr lange dauern, bis wir wieder zum normalen unbefangenen Umgang miteinander zurück kehren können, sagt Angela Merkel: Bevor es keinen Impfstoff gegen das Virus gebe, jedenfalls nicht. Professor Hendrik Streeck und sein Team forschen seit zwei Wochen im Kreis Heinsberg (NRW), dem ersten Cluster in Deutschland und berichten. An der Studie nahmen 1000 Menschen teil, etwa die Hälfte der Ergebnisse liegt vor. In der besonders betroffenen Gemeinde Gangelt wurde bei 15 Prozent der über 500 Probanden eine aktuelle oder bereits überstandene Infektion nachgewiesen. Bislang geht die renommierte Johns Hopkins Universität davon aus, dass in Deutschland 1,98 Prozent der Infizierten sterben. Dadurch, dass in der Heinsberger Studie nun auch bislang unentdeckte Infizierungen hinzukommen und die Gesamtzahl der Corona-Betroffenen damit höher ist, liegt die Todesrate für Gangelt nur bei 0,37 Prozent. Unter der Voraussetzung, dass die Abstandsregeln und die hygienischen Vorsichtsmaßnahmen weiter eingehalten würden, so der Virologe, könne man die ersten Lockerungen angehen.

Jetzt endlich kommt auch das Robert-Koch-Institut auf den Trichter: Nachdem Städte wie München in Eigenregie mit Studien begonnen haben, will das RKI jetzt auch gleich drei davon durchführen: Vermutlich bereits in der kommenden Woche starten Tests mit Blut von Blutspendern, kündigte Lothar Wieler an. Alle 14 Tage sollen 5.000 Blutproben untersucht werden. Ebenfalls in Kürze sollen zudem Proben von Menschen in vier noch nicht näher benannten Ausbruchsgebieten analysiert werden, sagte der RKI-Chef. Ergebnisse dieser beiden Studien werden bereits im Mai erwartet. Eine dritte, aufwendigere und bundesweite repräsentative Studie mit 15.000 Teilnehmern an 150 Orten solle im Mai starten, so Wieler. Und wann werden nun die durchschnittlichen Sterberaten mit den aktuellen in Bezug gesetzt? Grrrrrr….. Manchmal könnte man schreien. Diese Beamten!

Boris Johnson wurde heute aus der Intensivstation zurück in die normale Krankenstation verlegt. Die Studie aus Shanghai (s.o.) wurde erneut bestätigt: Wer einmal Covid 19 hatte, ist nicht automatisch dagegen immun. In NRW wurde heute die Auszahlung der Corona-Hilfen gestoppt, weil mutmaßlich bereits einige Tausend nicht Anspruchsberechtigte unter Verwendung von Fake-Websites und der Daten von Berechtigten versucht haben, Geld zu erschleichen. Die EU-Finanzminister haben sich endlich geeinigt: Auf ein 500 Milliarden Euro-Paket, das aus drei Elementen besteht: Vorsorgliche Kreditlinien des Euro-Rettungsschirms ESM von bis zu 240 Milliarden Euro, könnten besonders von der Pandemie betroffenen Staaten zugute kommen. Ein Garantiefonds für Unternehmenskredite der Europäischen Investitionsbank EIB soll 200 Milliarden Euro mobilisieren, das von der EU-Kommission vorgeschlagene Kurzarbeiter-Programm namens „Sure“ wird einen Umfang von 100 Milliarden Euro haben. Später werde ein Wiederaufbaufonds für die Wirtschaft folgen. Also von allem etwas, aber keine allgemeinen Eurobonds.

Aus Indien kommt eine freudige Nachricht: Schon nach kurzer Zeit des Lockdowns (der jetzt verlängert werden soll) ist die Luftqualität so gut wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Im Norden des Landes können die Gipfel des Himalaya-Gebirges schon aus etwa 200 Kilometern Entfernung gesichtet werden. Vielleicht verhindert diese bessere Luft mehr Sterbefälle als jede Impfung…

10. April: Der Karfreitag ist für mich mit einer noch immer sehr schmerzhaften Erinnerung belastet. Welches Datum könnte also besser geeignet sein, um die Frisur zu ändern? Also erst ein Sonnenbad bei 24 Grad im Schatten, und dann beherzt zur Schere gegriffen.

Alle Gotteshäuser aller Religionen sind geschlossen. Der Papst geht Kreuzwegstationen auf einem menschenleeren Petersplatz und betet vor einem uralten Pestkreuz im menschenleeren Petersdom. In Jerusalem ist die Grabeskirche geschlossen und die Via Dolorosa menschenleer. Im TV gibt es mangels politischer Neuigkeiten viele kreative Beispiele, wie Menschen versuchen, trotz Kontaktverboten Gemeinschaft im Glauben zu leben. Die geheimen Träume des CSU-Vorsitzenden Markus Söder, Kanzlerkandidat zu werden, rücken durch sein Agieren in der Corona-Krise der Wirklichkeit näher: Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur wünschen sich 27 Prozent der Befragten, dass der bayerische Ministerpräsident bei der nächsten Bundestagswahl für die Nachfolge von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) antritt. Weit abgeschlagen dahinter liegen der zuvor am höchsten gehandelte frühere Bundestags-Fraktionschef Friedrich Merz mit 12 und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet mit 8 Prozent. Gesundheitsminister Jens Spahn kommt auf 7 Prozent und der Außenpolitiker Norbert Röttgen nur noch auf 3 Prozent.

In Frankreich haben Regierungskreise eingestanden, dass die ablehnende Haltung gegenüber dem Tragen von Schutzmasken dem Mangel an Vorräten geschuldet war. Muhuhuhahahaha… Das ist vermutlich auch bei uns so. „Jetzt verschwindet das Bargeld“ titelt die Welt und berichtet, dass bargeldloses Zahlen in Krisenzeiten immer beliebter wird. So erreicht Corona, was die Politik gerade bei den Deutschen bisher vergeblich versuchte. Saudi-Arabien und Russland haben ihren Ölkrieg beendet und sich auf eine Senkung der Fördermengen um 10 Millionen Barrel geeinigt. Durch die Krise wird jedoch viel weniger Erdöl benötigt. Die übrigen Erdöl produzierenden Staaten, auf die mehr als die Hälfte der täglich geförderten 100 Millionen Barrel entfällt, haben sich bisher nicht auf geringere Fördermengen eingelassen, so dass die Wirkung am Markt verpuffen könnte. Die WHO warnt davor, die Alltagsbeschränkungen wegen Corona zu früh aufzuheben. In New York kommen die vielen Toten jetzt in Massengräber. Die deutsche Polizei will wie die in den Nachbarländern auch Drohnen haben, um die Ausgangsbeschränkungen zu überwachen.

11. April: Die Osternachtsmesse im Dom zu Mainz wird live übertragen. Zuvor hat der Papst im fast leeren Petersdom eine Messe zelebriert. Die Christenheit feiert die Vergebung der Sünden und Auferstehung von den Toten – vielleicht noch etwas lauter als sonst, weil sie gezwungen ist, digital zu feiern. Ganz sicher wird nach dieser Pandemie so manches wieder auferstehen: Die Wirtschaft in ihrem ständigen Drängen nach mehr Wachstum, die Politik in ihrem ständigen Wunsch nach mehr Macht und noch mehr Kontrolle über die Einzelnen; Neid, Missgunst, Lug und Trug… Draußen endet eine sommerliche Woche mit für die Jahreszeit viel zu hohen Temperaturen. Ich registriere in diesem Frühjahr besonders viele durstige Bienen. Sie fallen in Scharen über die Wasserschalen im Garten her.

Ich habe keine Lust mehr auf Masken, social distancing und das ganze Zeug. Damit liege ich offensichtlich im Trend. Die Verdoppelungszahl der Neuinfektionen hat in Deutschland 17,5 Tage erreicht. Noch vier Tage, bis unsere Mächtigen aus dem Osterurlaub zurückkehren und sich Gedanken über den Neustart machen wollen. Die Mächtigen in der Türkei haben letzte Nacht ihren Bürgern mal einen Riesen-Schrecken eingejagt: Um 22 Uhr erfuhren die Einwohner von 31 großen Städten, dass sie ab 24 Uhr ihre Wohnungen bis zum Ende des Wochenendes nicht mehr verlassen dürfen. Die Folge: Alle rannten raus, um noch schnell einzukaufen. Was für ein Unsinn. Erst stecken sich alle gegenseitig an, dann sitzen sie geschlagene zwei Tage in Quarantäne… Italien hat die Ausgangsbeschränkungen um weitere drei Wochen verlängert, will aber nächste Woche einige wenige Geschäfte wieder öffnen. 1,761 Millionen Menschen sind jetzt weltweit infiziert, 520 000 davon in den USA; dort wieder 181 000 im Staat New York. Aber die Kurve scheint dort endlich etwas abzuflachen – auch wenn das Elend damit noch lange nicht vorbei ist.

Sachsen hat Betten in der Psychiatrie freigeräumt: Dort sollen Menschen kaserniert werden, die sich nicht an das Ausgehverbot halten. Das Land sieht seine Maßnahme durch das Infektionsschutzgesetz gedeckt. Wenig später nimmt das Bundesland nach einem Shitstorm diese Maßnahme wieder zurück. Die deutschen Krankenhäuser melden keinerlei Notstand in den Intensivabteilungen; überall ist reichlich Platz. Ich frage mich, wieweit die Gängelungen noch gehen, bevor sich eine spürbare Auflehnung dagegen zeigen wird. Und: Werden wir all diese Kontrollen jemals wieder los? Der Bundespräsident sieht die Notwendigkeit, angesichts der Krise außerplanmäßig neun Minuten lang das Wort an die Bürger zu richten. Dies sei eine Herausforderung unserer Menschlichkeit, sagt er. Sie bringe in den Menschen das Beste und das Schlechteste hervor. Ja, so ist es wohl. Und jetzt hat der Albtraum lange genug gedauert. Ich möchte aufwachen.

12. April, Ostersonntag: JU-Chef Tilman Kuban verlangt automatische Installation der Corona-App auf allen Handys. Interessant, wie kleine Politiker das Thema Macht angehen. Sollte er durchkommen, wären wir auch nicht demokratischer als China, und mein Handy bekäme dauerhaften Heimaturlaub. Der CSU-Digitalpolitiker Hansjörg Durz sieht eine Möglichkeit, Druck auf potentielle App-Verweigerer auszuüben. „So könnten Grundrechte wie die Bewegungsfreiheit denen wieder gewährt werden, die die App installiert haben“, sagte der Vize-Vorsitzende des Digitalausschusses im Bundestag dem Handelsblatt. Schaunmer mal.

Die EU drohnt Ungarn mit einem Verfahren wegen seines Notstandsgesetzes. Boris Johnson ist aus dem Krankenhaus entlassen worden. Ursula von der Leyen rät, den Sommerurlaub jetzt noch nicht zu buchen: Man könne keine verlässliche Aussage für Juli und August machen. Auf welchem Planeten lebt die Frau? Wer jetzt erst anfängt zu buchen, bekommt nur noch Restplätze. Ich habe schon im Januar ein Ferienhaus in Spanien für September gebucht. Auch in den USA gibt es Betrugsversuche, hier mit 39 Millionen Schutzmasken. Donald Trump versucht mit allen Mitteln, seine desaströse Krisenpolitik zu verschleiern. Dr. Anthony Fauci, Direktor des Nationalen Instituts für Allergie und Seuchen und heimlicher Corona-Präsident, sagt, das Land könne ab Mai langsam wieder an eine Öffnung denken. Zuvor hatte er in einem Interview eingestanden, dass frühzeitigere Gegenmaßnahmen gegen das Virus viele Menschenleben hätten retten können. Das wird ihn vermutlich den Kopf kosten. Der türkische Innenminister Süleyman Soylu tritt nach dem verunglückten Start der kurzfristig angekündigten Ausgangssperre an diesem Wochenende von seinem Amt zurück. Präsident Erdogan lehnt den Rücktritt ab, drei Stunden später ist der Minister wieder im Amt.

UN-Generalsekretär António Guterres sorgt für einen weltweit vernehmbaren Knall nach langem Schweigen der Vereinten Nationen zur Corona-Krise. Er warnt – wie aus dem Nichts – vor Angriffen durch Bioterroristen. „Die Schwächen und mangelhafte Vorbereitung, die durch diese Pandemie offengelegt wurden, geben Einblicke darin, wie ein bioterroristischer Angriff aussehen könnte – und erhöhen möglicherweise das Risiko dafür“, sagt der Portugiese bei einer Videokonferenz des Sicherheitsrats, der erstmals wegen der Corona-Krise getagt hatte. „Nichtstaatliche Gruppen könnten Zugang zu virulenten Stämmen erhalten, die für Gesellschaften auf der ganzen Welt eine ähnliche Verwüstung bedeuten könnten.“ Nach Meinung des Politikwissenschaftlers Gunnar Jeremias malt der UN-Generalsekretär einen virtuellen Teufel an die Wand, erst recht im Zusammenhang mit dem Coronavirus. „Es ist alles andere als einfach, eine Biowaffe herzustellen nach dem Prinzip: Da sollen Erreger zum Einsatz kommen, die sich – im Sinne der Angreifer – wirksam, gezielt und kontrolliert verbreiten“, erklärt der Experte, der die Forschungsgruppe zur Analyse biologischer Risiken an der Universität Hamburg leitet.

13. April, Ostermontag: Gott sei Dank ist das lange Wochenende endlich vorbei. Deutschland hat ein weitgehend ruhiges, innerlich sehr gereiztes Osterwochenende verbracht. Keine Staus auf den Autobahnen, die Ostsee-Strände gehörten allein wenigen Spaziergängern aus Mecklenburg-Vorpommern, allenthalben hielten Spaziergänger den vorgeschriebenen Abstand ein. Aber so langsam werden das Zurückgeworfensein auf die eigenen vier Wände und damit vielerorts Einsamkeit ein Problem. Das Wetter ist auch umgekippt. Draußen ist es bedeckt und ausgesprochen kühl. Weltweit gibt es jetzt 1,86 Millionen Erkrankte. In den USA sind jetzt 572 169 Menschen infiziert und 23 070 gestorben. 195 261 Infektionen und 10 060 Sterbefälle wurden allein im Staat New York registriert. Governor Cuomo kündigt ab Mai erste Lockerungen der Beschränkungen an, da die Kurve sich leicht abgeflacht habe. Die Wissenschaftler raten zur Vorsicht. Präsident Trump sagt, er allein entscheide, was wann passieren werde. Spanien liegt mit 169 496 bestätigten Infektionen an der Spitze in Europa, gefolgt von Italien (159 516), Frankreich (137 875) und Deutschland (128 208 Infizierte, 3043 Verstorbene). Der französische Präsident hat die strenge Ausgangssperre bis 11. Mai verlängert.

Die Verdoppelungsquote in Deutschland liegt heute bei 20,8 Tagen. Die Nationale Akademie der Wissenschaften, Leopoldina, hat eine 16seitige Stellungnahme vorgelegt, in der sie vorschlägt, wie die Beschränkungen behutsam gelockert werden können. Seitdem diskutiert die ganze Republik wie ein aufgeregter Bienenschwarm. Die Wissenschaftler schreiben:

  • Das öffentliche Leben kann schrittweise unter folgenden
    Voraussetzungen wieder normalisiert werden: a) die Neuinfektionen stabilisieren sich auf niedrigem Niveau, b) es werden notwendige klinische Reservekapazitäten aufgebaut und die Versorgung der anderen Patienten wieder regulär aufgenommen, c) die bekannten Schutzmaßnahmen (Hygienemaßnahmen, MundNasen-Schutz, Distanzregeln, zunehmende Identifikation von Infizierten) werden diszipliniert eingehalten.

Kernpunkte des Papiers:

  • Repräsentative und regionale Erhebung des Infektions- und Immunitätsstatus mit Nutzung von freiwillig bereitgestellten GPS-Daten in Kombination mit Contact-Tracing
  • Daten zu schweren Krankheitsverläufen und Todesfallzahlen müssen in Relation zu denen anderer Erkrankungen gesetzt und auf das zu erwartende Sterberisiko in einzelnen Altersgruppen bezogen werden
  • Die Vermittlung eines realistischen Zeitplans und eines klaren Maßnahmenpakets zur schrittweisen Normalisierung erhöhen die Kontrollier- und Planbarkeit für alle. Dies hilft, negative psychische und körperliche Auswirkungen der aktuellen Belastungen zu minimieren
  • Vorbeugende Segregation einzelner Bevölkerungsgruppen, beispielsweise älterer Menschen, allein zu deren eigenem Schutz als paternalistische Bevormundung ist abzulehnen
  • Zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I in reduzierten Gruppengrößen bis maximal 15 Kinder und Schulfächern wieder schrittweise öffnen; Kitas und Kindergärten mit Gruppen zu maximal 5 Kindern wieder eröffnen
  • Einzelhandel und Gastgewerbe wieder öffnen, allgemeinen geschäftlichen und behördlichen Publikumsverkehr wieder aufnehmen, außerdem dienstliche und private Reisen unter Beachtung entsprechender Schutzmaßnahmen erlauben.

Der IWF gibt den sofortigen Schuldenerlass für folgende 15 ärmsten Länder bekannt: Afghanistan, Benin, Burkina Faso, Central African Republic, Chad, Comoros, Congo, D.R., The Gambia, Guinea, Guinea-Bissau, Haiti, Liberia, Madagascar, Malawi, Mali, Mozambique, Nepal, Niger, Rwanda, São Tomé and Príncipe, Sierra Leone, Solomon Islands, Tajikistan, Togo, and Yemen. Das Volumen: 500 Millionen US-Dollar insgesamt – macht etwa 20 pro Land. Das reicht gerade, um die Schulden dieser Länder beim IWF weiter abtragen zu können. Zynisch, wie die Reichen mit den Armen umgehen. Und dann wundern wir uns, wenn sie unsere Welt stürmen…

14. April: Eine Sympatheträgerin ist sie nicht unbedingt. Wenn man die Heidelberger Anwältin Beate Bahner auf Youtube erzählen hört, wie man sie am Ostersonntag in die Psychiatrie verfrachtete, ist man erstmal zwiespältig berührt. Diese Frau klingt überkandidelt.

Aber: Beate Bahner ist seit 25 Jahren Fachanwältin für Medizinrecht und Autorin mehrerer Fachbücher. Als solche hat sie sich einer Frage angenommen, die zurzeit nicht wenige Bundesbürger umtreibt: Wie weit darf eine Regierung in der Beschränkung der Grundrechte gehen, um der Ausbreitung eines Virus entgegen zu wirken? Bahner spricht in Sachen Coronavirus von „grässlichen Lügengeschichten“ und „Coronoia“. Sie hält die Beschränkungen für den „größten Rechtsskandal“ in der Geschichte der Bundesrepublik und hat deshalb einen Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht dagegen eingereicht. Dieses hat den Antrag abgelehnt; aus formalen, nicht aus inhaltlichen Gründen. Am Ostersonntag nun fühlte sich die Anwältin nach eigenen Angaben verfolgt und bat zwei junge Autofahrer, die Polizei zu rufen. Die kam dann auch – und nahm Beate Bahner nach deren Angaben ziemlich unsanft fest, um sie erstmal gegen ihren Willen und ohne ärztliche Einweisung in der Psychiatrie Heidelberg in einer Zelle ohne Toilette und ohne Dusche die Nacht verbringen zu lassen. Am folgenden Tag wurde sie umquartiert in ein normales Zimmer, wo sie – nach eigenem Bekunden immer noch gegen ihren Willen – wohl die kommenden Wochen verbringen wird. Sie habe einen verwirrten Eindruck gemacht und körperliche Gewalt gegen die Polizisten aufgeübt, gaben diese zu Protokoll.

Nun geht es nicht um die Frage, wie sympathisch eine Beate Bahner ist. Weil sie zu einer Demonstration gegen die bundesweiten Corona-Schutzmaßnahmen aufgerufen hat, ermittelt der Staatsschutz der Kriminalpolizeidirektion Heidelberg wegen Aufruf zu einer Straftat gegen sie. Auch ihre Homepage wurde deshalb zeitweilig zwangsweise vom Netz genommen. Durch den Vorfall am Ostersonntag ist jetzt ein ungeheuerlicher Verdacht entstanden: Kommt in der Bundesrepublik Deutschland ein Mensch, der in seiner freien Meinungsäußerung der Ansicht des Staates entgegen steht, in die Psychiatrie??? Wird er dann festgesetzt, so wie in Russland, oder in China, oder der Türkei? Wie weit geht unser Staat, wenn er dafür sorgen will, dass seine Bürger ruhig bleiben und die Maßnahmen, die die Grundrechte erheblich einschränken, ohne Murren befolgen? Was bedeutet das für die Demokratie? Diese Fragen haben heute meinen Tag extrem belastet. Wenn dieser Verdacht nicht gründlich ausgeräumt wird, entsteht ein irreparabler Schaden für diese Regierung und unseren gesamten Staat. Nach dem geleakten Papier aus dem Innenministerium (siehe weiter oben) ist mir heute zum zweiten Mal intensiv klar geworden, dass eine Demokratie nur so stark ist, wie die, die sie verteidigen.

Es gab heute noch mehr Gründe, sich ausführlich zu ärgern. Erwartungsgemäß hat das Robert-Koch-Institut den Vorschlägen der Leopoldina widersprochen. Sein Chef, Professor Wieler, dessen Haltung mir zunehmend auf die Nerven geht, erläuterte, die Gefahr sei noch lange nicht vorbei, und überhaupt sei es unverantwortlich, gerade die Kleinsten zuerst wieder zur Schule gehen zu lassen. Gleichzeitig hat das Robert-Koch-Institut eine Studie veröffentlicht, wonach die Kontaktsperrmaßnahmen ab 23. März offenbar so gut wie gar keine Auswirkungen auf den Verlauf der Fallzahlen hatten. Dazu kommen die immer viel zu spät gemeldeten echten Fallzahlen und die seltsame Zählweise. Dieses Institut hat aus meiner Sicht seinen Ruf auf lange Zeit verspielt. Auf der Statistik-Seite des RKI kann man unter anderem die saisonalen Influenza-Zahlen von 2020 abrufen. Das waren geschlagene 188 784 Fälle seit Januar – trotz vorhandener Impfmöglichkeiten. Kein Wunder, dass Lothar Wieler heute stolz verkündete, das Ziel, die Überschneidung von Influenza- und Corona- Viruserkrankungen zu stoppen, sei nach dem Ende der Influenza-Saison nun erreicht, und man müsse nach derzeitigem Stand nicht mit Engpässen in den Intensivstationen rechnen. Wer hat da wohl die meisten Intensivbetten belegt: Die Grippe-Patienten oder die mit Covid 19 ???

Präsident Trump wird von einer Jorunalistin hart angegriffen

Noch ein paar Nachrichten aus dem Rest der Welt: Eine satte Anzahl von Gouverneuren in den USA will sich untereinander abstimmen, wann und wie Lockerungen des Shotdowns angegangen werden sollen. Donald Trump beansprucht das alleinige Entscheidungsrecht für sich. Anwälte des Weißen Hauses belehren ihn, dass er dazu kein Recht hat. Der beeindruckende Governor des Staates New York, sagt: „Wir haben keinen König Trump, sondern eine Verfassung.“ In einer Live-Pressekonferenz wird Trump, der ein Video mit seinen Erfolgen in der Krise vorstellt, von einer weiblichen Journalistin auseinander genommen und ist not amused. Dr. Anthony Fauci spricht sich gegen eine zu schnelle Öffnung in der Krise aus. Trumps neuer Corona-Kommission gehört der Wissenschaftler nicht an. Aber Tochter Ivanka und ihr Mann Jared Kushner sollen dabei sein.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn informiert sich an der Uni Gießen über den Stand der Corona-Lage und steigt dazu mit elf Personen in einen Fahrstuhl. So geht social distancing in der Praxis… Der Ölpreis fällt trotz Beschränkung der Fördermengen wieder unter 20 Dollar/Barrel. Israel und Deutschland führen nach einem Ranking der britischen Deep Knowledge Group die weltweite Liste der sichersten Staaten in der Krise an. Die türkische Regierung will 90 000 Gefangene freilassen, politische sind aber nicht dabei. Eine Umfrage der Bank of America ergibt, dass die Anleger zunehmend Bargeld horten und von den Unternehmen fordern, ihre Bilanzen in Ordnung zu bringen. Melania Trump hat heute bei Elke Büdenbender, der Frau von Bundespräsident Steinmeier angerufen, um sich nach der Corona-Situation in Deutschland zu erkundigen und zu betonen, dass die USA in der Krise fest an der Seite Europas stehen. Ich bin endlich mit den Masken fertig und werde mir als nächstes ein schönes Sommerkleid nähen. Damit gehe ich dann ins Eiscafé – wenn es endlich wieder öffnet.

15. April: Es wurde geschlagene 18 Uhr, bis das Gezänk der Länderchefs und Möchtegern-Kanzlerkandidaten in einen Kompromiss gemündet war, der in einer langen Live-Pressekonferenz öffentlich vorgetragen werden kann. Kurz zusammengefasst lautet die Nachricht: Erstmal ändert sich kaum etwas. Das Kontaktverbot bleibt bis 4. Mai unverändert bestehen. Ab diesem Datum sollen die Schulen teilweise wieder öffnen – zunächst für die Abschlussklassen in reduzierter Klassenstärke. Bis dahin sollen entsprechende Ablauf- und Hygienepläne erstellt werden. Hm. Hätten nicht wenigstens die Hygienepläne schon fertig sein können?

Großveranstaltungen bleiben bis Ende August verboten. Es gibt vorerst keinerlei Lockerung für die Gastronomie. Aber ab kommenden Montag dürfen „kleinere“ Geschäfte wieder öffnen. Darüber, was nun klein ist, gab es hinter den Kulissen erheblichen Streit. Bei 800 Quadratmetern Fläche soll die Grenze liegen – damit nicht zu viele Menschen in die Innenstädte gelockt werden und die Abstandsregeln auch gut durchgesetzt werden können. Auch Friseure dürfen wieder öffnen, diese sollen Schutzausrüstung tragen. Kaum ist die Nachricht bekannt, gibt es ein wildes Geschrei unter den Einzelhändlern. In der Tat ist schwer einsehbar, wieso ausgerechnet in kleinen Läden ein Kontaktverbot leichter einhaltbar ist. Bis Montag sollen nun Pläne vorliegen, wie die Abstandsgebote durchgesetzt werden können. Hm. Wieso sind die nicht längst fertig?

Kein Wort gibt es in der Pressekonferenz zum Thema Fußball, bzw. überhaupt zum Sport. Auch Gottesdienste sollen nach wie vor nicht stattfinden, was auf entsprechende Kritik der Kirchen stößt. Kitas, Kindergärten und Grundschulen bleiben weiterhin geschlossen. Tierparks dürfen öffnen – für die meisten Rettung in letzter Minute. Für Auto- und Fahrradhändler gibt es keine Flächenbegrenzung der Läden. Und dann haben wir noch etwas ganz wichtiges gelernt:

Community-Masken – wie die Kanzlerin sie nennt – bzw. Alltagsmasken, werden dringend empfohlen beim Einkauf und bei der Nutzung des Öffentlichen Nahverkehrs. „Die bekommt man ja jetzt wieder recht gut“, meinte die zu diesem Thema sichtlich uninformierte Angela Merkel. Wie auch immer: Die selbst genähten Masken sind jetzt plötzlich öffentlich anerkannt. Entsprechend wird der Bedarf steigen und das, wo viele von uns Nähmaschinenbesitzerinnen keine Masken mehr sehen können. Alle Politiker betonen unisono, man dürfe jetzt auf keinen Fall das Risiko eingehen, dass die Fallzahlen wieder steigen. Die Verdoppelungsrate liegt heute bei 25,2, bzw. die Ansteckungsquote R bei knapp über 1 (ein Mensch steckt auch nur einen neu an). Angela Merkel rechnet vor, was es bedeutet, wenn diese Quote auch nur auf 1,2 steigt und wie schnell das Gesundheitssystem immer noch überlastet werden kann. Es sei ein zerbrechlicher Erfolg errungen worden, den es zu schützen gelte.

Schweden geht während dessen immer noch seinen Sonderweg. Verboten sind nur Besuche in Altenheimen und Versammlungen von mehr als 50 Personen. Ansonsten geht das Leben im Land seinen gewohnten Gang. Die Regierung hat an die Bürger appelliert, Hygienemaßnahmen einzuhalten und sich verantwortlich zu benehmen. Das Gesundheitsministerium Schwedens hat letzte Woche mitgeteilt, dass rund 40 Prozent der insgesamt 1000 in Verbindung mit dem Virus im Land Verstorbenen in Einrichtungen für ältere Menschen registriert wurden. Laut Johns-Hopkins-Universität zählt Schweden mit seinen 10,3 Millionen Einwohnern heute abend 11 927 Infizierte und 1 203 Verstorbene. Die EU-Kommission bemüht sich um Abstimmung der Mitgliedsländer bei den Lockerungsmaßnahmen, um Wanderbewegungen zu vermeiden. Bisher fahren die Länder recht unterschiedliche Strategien.

Ich werde jeden Tag ärgerlicher. Dieses ganze politische Theater löst einen irrationalen Wunsch nach Umarmung meiner Freunde in mir aus.

16. April: Wie der Bundespräsident sagte: Corona holt das Beste und das Schlechteste aus den Menschen heraus. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern. Dort wird jetzt regelrecht Jagd auf Menschen gemacht, deren Nummernschilder indizieren, dass sie sich evtl. an der Küste „verstecken“ wollen. Im Magazin Kontraste sagte die dortige Polizei, man werde von einer Fülle denunzierender Anrufe überschwemmt. Menschen aus anderen Bundesländern, die an der Ostseeküste arbeiten, hätten zurzeit nichts zu lachen. In solchen Sachen bin ich ausgesprochen nachtragend. Heute ist ein möglicher Urlaub an der Ostsee bei mir für sehr lange Zeit gestrichen worden.

Im selben Magazin wird berichtet, wie die Polizei in Frankfurt am Main eine Demonstration gegen das Versammlungsverbot mit Gewalt auflöst. Eine Journalistin, ebenfalls von dieser Gewalt betroffen, sagt: „Ich habe Angst, dass die Polizei sich an ihre zurzeit stark erweiterten Befugnisse gewöhnt. Und dass die Bevölkerung sich daran gewöhnt, Einschränkungen ihrer Grundrechte klaglos hin zu nehmen. Oh ja: Diese Befürchtungen treiben auch mich um. Daher ist die heutige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes für mich ein echter Lichtblick: Demonstrationen sind in der Corona-Krise nicht automatisch verboten, hat dieses am Beispiel von Gießen entschieden. Dort hatte die Stadt  zwei Versammlungen verboten, die unter dem Motto „Gesundheit stärken statt Grundrechte schwächen – Schutz vor Viren, nicht vor Menschen“ angemeldet worden waren. Dies, obwohl laut Veranstaltern die Zahl der Teilnehmer auf etwa 30 Personen begrenzt werden sollte. Außerdem sollte ein ausreichender Abstand zwischen den Teilnehmern gewährleistet werden – dazu war ein ausgeklügeltes System erdacht worden. Wie gut, dass es Richter gibt, die nicht erlauben, dass Grundrechte so einfach kommentarlos gestrichen werden.

Der unsägliche Unternehmer Wolfgang Grupp, Inhaber des Textilunternehmens Trigema, findet 12 Euro pro wiederverwendbarer Behelfsmaske „angemessen“. Ja, schon klar. Dieser Mann war schon immer die beste Werbung für sich selbst. Die Maske ist ein einfaches Stück weißen Stoffes, mit der Overlock versäubert und umgenäht, die Herstellung für Profis an Profimaschinen eine Sache von höchstens zwei Minuten. Für diesen Preis bieten andere Hersteller weit mehr Masken an, zum großen Teil mit besserem (auch medizinisch nachweisbarem) Schutz. Unbekannte stehlen zehn Klopapierrollen aus einem Keller in Halberstadt, meldet der MDR. Die Polizei ermittelt wegen Diebstahls im „besonders schweren Fall“ und kommentiert: Das sei in Tagen wie diesen nicht lustig. Nach der gestrigen Einigung zwischen Kanzlerin und Länderchefs über erste Ausstiegsschritte aus dem Shutdown gab es heute das erwartete vielstimmige Durcheinander. Jedes Bundesland passt seine Schritte jetzt an die eigene „Sonderlage“ an. „Och, nicht schlimm“, lächelt der regierende Bürgermeister von Berlin. „Wir bleiben doch alle ungefähr in einem Korridor von zwei Wochen…“ Die Kirchen sind empört, dass Geschäfte öffnen dürfen, Gotteshäuser aber nicht. Berufstätige Eltern verzweifeln daran, dass gerade die besonders betreuungsintensiven kleineren Kinder immer noch zuhause bleiben müssen. Das Gaststättengewerbe kommt in eine immer schwierigere Lage, weil sich hier auch kein Geschäft nachholen lässt. Kurzum: So langsam geht allen die Geduld aus.

In den USA bahnt sich eine wirtschaftliche Katastrophe an. Allein in der letzten Woche gab es 5,2 Millionen neuer Anträge auf Arbeitslosenunterstützung. Insgesamt hat die Arbeitslosenzahl jetzt 22 Millionen erreicht. Präsident Trump lässt tatsächlich mitten im Wahlkampf auf die Hilfsschecks für die ärmere Bevölkerung seinen Namen drucken, als sei er selbst der Gönner – und äußerst sich öffentlich sehr zufrieden über sein Vorgehen. Die Zustellung der ersten Schecks verzögert sich durch die Maßnahme um mehrere Tage. Die Hilfspakete mit Schutzausrüstung aus Russland für die USA wurden zu einem großen Teil von Firmen produziert, die auf der US-Sanktionsliste stehen. So führt man den politischen Gegner vor – ganz ohne lautes Geschrei. Andrew Cuomo, Gouverneur des Staates New York, teilt mit, dass die Ausgangsbeschränkungen noch mindestens bis 15. Mai andauern werden, während der Präsident einen Plan vorstellt, wie die Wirtschaft schnell wieder angeworfen werden kann – am liebsten ab 1. Mai. US-Wissenschaftler teilen mit, dass es keinerlei Hinweis dafür gibt, dass der Corona-Virus einem chinesischen Labor entsprungen sein könnte.

Die Frühlingswärme ist wieder da. Jetzt blühen auch die Apfelbäume, und überall hört man die Rufe junger Vögel. Ich habe mir heute eine Umarmung meiner Freundin abgeholt, als ich dort war, um mit ihrer Tochter französisch zu üben. Es gibt auch schöne Momente in diesen Tagen.

17.April: Ich bin dankbar, dass das Thema Grundrechte nun in den Medien zunehmend Beachtung findet. Dies vor dem Hintergrund, dass auch in meinem Nachbarkreis drei Personen in die Psychiatrie gesteckt wurden, weil sie die neuen Regeln nicht beachten wollten. Jeden Tag erschreckt mich mehr, was diese Regeln aus den Ordnungskräften, aber auch allen anderen Deutschen machen. In deutsch-französischen Grenzregionen wird Hatz auf einreisende Franzosen gemacht. Das Denunziantentum nimmt jeden Tag zu. Die Ordnungskräfte gehen sehr großzügig mit ihren Rechten um, wenn es darum geht, Mitmenschen in Schach zu halten. Ich wünschte, ich hätte nicht erkennen müssen, warum unsere Bevölkerung im Dritten Reich so gehandelt hat, wie sie es eben tat – und fürchte inzwischen ernsthaft, dass sie auch wieder so handeln würde…

In den USA läuft ein Hauen und Stechen des Präsidenten gegen seine Gouverneure. Da wirkt es fast schon komisch, dass CNN Donald Trump empfiehlt, sich Angela Merkel als Beispiel zu nehmen. Indien verbraucht seit dem Lockdown nur noch die Hälfte der sonst üblichen Treibstoffmenge. Japan schenkt jedem Bürger umgerechnet 850€, um die Folgen des Notstandes abzufedern. Bundestagspräsident Schäuble regt an, die Sommerferien zu verkürzen, da ohnehin nicht klar sei, ob man dieses Jahr in Urlaub fahren könne. Die Ansteckungsquote sinkt jeden Tag: Jetzt steckt ein infizierter Deutscher statistisch nur noch 0,7 weitere an. Gesundheitsminister Spahn verkündet daher in den Nachrichten: „Stand heute haben wir den Virus im Griff.“ Hoffen wir das Beste…

Die deutschen Möbelhäuser verstehen nicht, wieso sie geschlossen bleiben sollen, die Autohäuser hingegen nicht. Ich verstehe es auch nicht – wie so viele dieser merkwürdigen Regeln. Die Kirchen werden langsam ernsthaft sauer, dass sie nicht öffnen sollen und wollen nicht verstehen, dass es um den Ramadan geht: Wenn die Moscheen wieder öffnen und das abendliche Fastenbrechen mit der ganzen Familie erlaubt wird, ist social distancing Geschichte. Einige Politiker machen mich wütend, wenn ich nur ihr Gesicht sehe: Statt die Fragen der Journalisten zu beantworten, wiederholen sie mantrahaft, wie sorgfältig und vorsichtig sie vorgehen. Man sollte sie Bußgeld zahlen lassen, jedes Mal wenn ihre Antworten das Thema verfehlen. Die Heute-Show lacht sich kaputt: „Wenn es eine Maskenpflicht gäbe, müssten sie endlich zugeben, dass es nicht genug Masken für alle gibt:“ Immerhin: Heute hat die BASF dem Staat allein 100 Millionen der begehrten Stoff-Fetzen gespendet. Ich werde zwar noch ein paar Masken nähen, aber nur, bis mein neuer Stoff eintrifft: Ich habe wundervolle Seide in kunstvollen Farben bestellt und sehe jetzt schon die herrlichen Kleider für hochsommerliche Temperaturen vor mir, die daraus entstehen werden.

Hurghada und Sharm el Sheik am Roten Meer sind zu Geisterstädten geworden. Die einheimischen Ärzte und Pfleger haben nichts zu lachen: So sehr fürchten sich ihre Mitbürger vor Ansteckung, dass sie ausgerechnet die, die für ihre Gesundheit im Dienst sind, auch noch angreifen. Im Land verbliebene Deutsche haben die größten Schwierigkeiten, noch auszureisen, da der internationale Reiseverkehr eingestellt ist. Die deutsche Botschaft hat jetzt für den 23. April einen kommerziellen Flug angekündigt – heißt: Kostenlos gibt es gar nichts. In den Facebook-Gruppen teilen einige Reiseveranstalter mit, dass sie freiwillig Geld zurück erstatten und werben schon für die Zeit nach Corona.

Die schönste Nachricht des Tages: Island hat seine Einwohner ermutigt, statt anderer Menschen Bäume zu umarmen, und zwar mindestens fünf Minuten lang pro Tag. Die Ranger machen darauf aufmerksam, dass es in den Wäldern sehr viele Bäume gibt: Es bestehe also keine Notwendigkeit, dass jeder den selben umarme. Es sei auch egal, ob der Baum dick oder dünn, jung oder alt sei: Es geht allein um die Umarmung.

19. April. In Wuhan ist nicht nur offiziell das Corona-Virus erstmal aufgetreten; hier gibt es auch ein Hochsicherheits-Labor, das mit Viren experimentiert. Der wegen schlechten Krisenmanagement unter Druck stehende Donald Trump beschuldigt China nun, dass das Virus aus dem Labor ausgebrochen sein könnte und beklagt, dass das Land keine amerikanischen Kontrolleure zugelassen hat. Hm. Würde Amerika in so einem Fall chinesische Kontrolleure ins Land lassen? Der Leiter des betroffenen Labor zeigt sich in einem Interview beinahe hysterisch und betont, man habe alle Sicherheitsvorschriften eingehalten. Aus dem Labor sei gar nichts entwichen, und mit Viren als Waffen experimentiere man ebenfalls nicht.

Meine Klassenkameradin vom Gymnasium, die jetzt in den USA lebt und arbeitet, postet empörte Nachrichten über „die Idioten, die gegen die Ausgangssperre protestieren. Wenn ihr rausgehen wollt, um zu sterben, tut das, aber lasst die anderen Leute in Ruhe!“ Mein ehemaliger Arbeitskollege berichtet von ersten Aufständen in Madagaskar: Die Bevölkerung darf nur noch vormittags das Haus verlassen, um einzukaufen. Sehr viele Menschen haben aber keine Möglichkeit mehr, Geld zu verdienen. Angekündigte staatliche Hilfen kommen nicht, Hilfen von anderen Staaten in Höhe von 400 Millionen Dollar seien irgendwo versickert, und die Lage werde täglich gefährlicher. Ich habe heute vier Stunden telefoniert, und es ging fast nur um das Virus. Das Virus und die ständig wechselnden Argumentationen der Regierung. Die werden heute auch in den Nachrichten thematisiert: „Die Regierung fährt auf Sicht und uns in den Nebel“ sagt Theo Koll im Bericht aus Berlin. Ein Beispiel dafür, wie wir immer länger hingehalten werden, sind die Vermehrungszahlen der Infektionen, deren Sinken Bedingungen für Lockerungen sind: Nachdem die als Bedingung geforderten Verdoppelungszahlen um ein Vielfaches unterschritten waren wurde auf den „Reproduktionsfaktor“ gewechselt, der unter 1 sein sollte. Das ist nun seit letzten Freitag der Fall.

Nun wird diskutiert, die Kitas bis zum Sommer geschlossen zu halten. Wie viele Regierungsmitglieder haben eigentlich Kinder und wissen, was sie da tun? Die Welt postet einen engagierten Kommentar. Morgen beginnen nun die ersten Lockerungen, und die Fragen, ob und wann wir wieder zum Normalzustand zurückkehren, werden intensiver. „Wir werden alles dafür tun“, sagt kryptisch Justiziministerin Christine Lambrecht. Gesundheitsminister Jens Spahn ist da konkreter: So lange es keinen Impfstoff gebe, werde gar nichts normal, sagt er. Ohne Tracking Apps auf dem Handy auch nicht. Das sind ja tolle Aussichten. Die spanische Regierung kündigt an, dass wohl die gesamte Urlaubssaison 2020 ins Wasser fallen wird. Na toll.

Nicht nur die deutsche Gastronomie steht am Rande ihrer Existenz: Das gilt auch für die Medienbranche. Obwohl qualifizierte Nachrichten so gefragt sind wie lange nicht mehr, sind die Werbeeinnahmen in einem Ausmaß eingebrochen, dass auch Redaktionen renommierter Verlage kurzarbeiten müssen. Ein ehemaliger Kollege jammert sich bei mir aus: Alles sei regelrecht unerträglich geworden. Die wahre Abhängigkeit der Medien wird überdeutlich: Sie leben von bezahlter Werbung. Kann man in so einem Konstrukt wirklich unabhängig berichten?

Weltweit sind laut Johns-Hopkins-Universität jetzt knapp 2,4 Millionen Menschen infiziert: 755 533 davon in den USA (40 461 Tote), 196 664 in Spanien (20 595 Tote), 178 972 in Italien (23 660 Tote), 154 097 in Frankreich (19 744 Tote), 145 184 in Deutschland (4 586 Tote), 121 172 in Großbritannien (16 095 Tote). Es folgen die Türkei, China, Iran, Russland und Brasilien. Ein Drittel der Infizierten in den USA (247 698) kommen aus dem Staat New York (40 461 Tote), gefolgt von 85 301 in New Jersey (4 623 Tote). Der Präsident twittert wilde Unflätigkeiten über seine politischen Widersacher und preist sich selbst als großen Krisenmanager.

20.April: Angela Merkel hat einen kurzen Blick hinter Muttis Maske offenbart: In einer Schaltkonferenz des CDU-Präsidiums kritisierte sie heute in schroffem Ton „Öffnungsdiskussionsorgien“. Ein kleiner Vorfall mit großer Bedeutung: Diese Kanzlerin hat viele Jahre lang all ihre Widersacher still und leise aus dem Weg geräumt. Wird sie nun ähnlich auf alle reagieren, die ihr demokratisches Recht auf Diskussion über das Ende des Lockdowns nutzen wollen? Mit der Macht ist es so eine Sache: Irgendwann denkt der/die Mächtige, alleiniges Denk- und Bestimmungsrecht zu haben… Später am Tag hält Mutti eine Ansprache an die Kinderlein und warnt davor, übermütig zu werden: Es dürfe keine zweite Infektionswelle risikiert werden. Virologenpapst Christian Drosten bläst in das gleiche Horn. Interessant auch: Ausgerechnet heute, zu Hitlers Geburtstag, findet in Dresden eine genehmigte Pegida-Demonstration statt. Die Stadt hat sehr scharfe Auflagen gemacht, die eingehalten werden.

Der erste Tag der Lockerungen sorgt allenthalben für Ärger. Bayern öffnet die Geschäfte erst eine Woche später, in Hessen und Rheinland-Pfalz können große Ketten öffnen, wenn sie ihre Verkaufsfläche bis auf 800 Quadratmeter absperren, in NRW dürfen Möbelhäuser öffnen, egal wie groß sie sind. Das Geschrei im Handel wird immer lauter – ist manchmal aber auch nicht ganz glaubthaft: Wie kann es sein, dass ein Schuhgeschäft, das einen Monat lang schließen muss, dabei gleich 30 Prozent seines Jahresumsatzes einbüßt? Da muss ich sogar mal lachen. Obwohl lustig wirklich anders geht. Insgesamt vier Bundesländer haben bis zum Abend eine allgemeine Maskenpflicht angekündigt, bzw. umgesetzt – weitere werden wohl folgen. Die Menschen sollen einkaufen gehen, damit der Handel Umsatz macht, aber lieber zuhause bleiben, um niemanden anzustecken. Sehr witzig. Draußen hat es seit Wochen nicht mehr geregnet. Heute muss die Feuerwehr mehrfach zu großen Waldbränden ausrücken.

Der Beginn des Sommersemesters an den Universtitäten erfolgt ausschließlich digital – was manchen Professor sichtbar begeistert; kann man doch jetzt mal richtig experimentieren und neue Möglichkeiten entdecken. Die Verzweiflung von Eltern mit kleinen Kindern wird immer größer. Da nützen auch angekündigte weitere Finanzhilfen wenig: Es ist ausgesprochen schwierig, die lieben Kleinen den ganzen Tag zu beschäftigen und dabei auch weiteren Pflichten gerecht zu werden. Ausgerechnet jetzt setzt sich der Tagesspiegel mit der Frage auseinander, ob es rechtlich möglich ist, besonders gefährdete Gruppen, hier speziell ältere Menschen, weiter zu verpflichten, zuhause zu bleiben. Es ist rechtens, so die Quintessenz. Ich habe einen Wutanfall. Dieses Thema dürfte gar nicht diskutiert werden. Wir haben alle die gleichen Rechte, auch die Älteren. Keine Gruppe der Gesellschaft darf ausgegrenzt werden. Basta. Leise, aber nachdenklich stimmend heute diese Nachricht: Das Helmholtz-Institut verlässt das Corona-App-Konsortium wegen Datenschutz-Bedenken. Man findet es äußerst bedenklich, dass alle gesammelten Daten auf einem zentralen Server gespeichert werden sollen. Ich auch.

Auf den Märkten ist die Hölle los: Der Ölpreis stürzt ins Bodenlose. Die Lager der Welt sind voll, und neues Öl flutet täglich herein. Die USA wollen die staatliche Reserve vergrößern, damit nicht alles zusammen bricht. Der Goldpreis legt auf 1695$/Unze zu. Auch in den USA geht es rund: Der Präsident, der trotz der enormen Infektionszahlen auf ein schnelles Ende des Lockdowns dringt, agitiert öffentlich gegen die demokratischen Gouverneure und fordert deren Mitbürger auf, ihre Staaten „zu befreien“. In der Folge gibt es lautstarke Proteste der Lockdown-Gegner und Zusammenstöße mit den Befürwortern. Manchmal fragt sich, wie man in so einem falschen Film landen konnte… A propos Film: In den Bezahl-Programmen läuft am Abend Matrix – beim ZDF ein Teil des zweiten Films „50 Shades of Grey“… Eine wohl durchdachte Inszenierung gegen Deutschland veranstaltet zurzeit Italien. Die Regierung, die unbedingt Eurobonds durchdrücken will, verschweigt die deutschen Hilfsleistungen in der Krise und stellt „Hitlers Enkel“ als Diktatoren hin.

21. April: In meinem Städtchen ist noch immer nichts los, obwohl die Läden öffnen dürfen. Die Eisdiele verkauft jetzt am Tresen. Aber es ist verboten, das Eis auf dem Marktplatz zu verzehren. Was für ein Unsinn, da ist wirklich genug Platz. Ich esse es ein paar Meter weiter auf einer Bank unter den Linden am Bach. Danach Fahrt in die Kreisstadt zwecks Erstehens günstiger Baumwollstoffe: Was für ein Betrieb in dem Laden! Abstandhaltung nur unter Schwierigkeiten möglich, dafür aber eine gute Ausbeute. Ich ärgere mich über einen jungen Vater, der mit einem Säugling im Arm dessen Mutter beim Einkauf beobachtet, sinnlos vor den Stoffen im Weg herum steht und mich auch noch anraunzt, ich solle gefälligst 1,50 Meter von ihm entfernt bleiben. So geht es natürlich auch… Mein heißgeliebter Asia-Imbiss schließt Stunden früher als sonst: Keine Kundschaft, bedauert der junge Vietnamese.

Jetzt ist auch das Oktoberfest abgesagt – was an sich auch sein Gutes hat. Dass es dieses Jahr so gar keine Feste geben wird, macht mich dennoch traurig. Es wären auch wirklich schöne dabei gewesen. Der ganze Hickhack um das Virus macht sowas von müde… Als Konsequenz aus der Corona-Krise will der Bund auch in künftigen Notfällen umfangreiche Sonderrechte beanspruchen. Patienten können ebenso wie Reisende zu Auskünften gezwungen werden, wie das Kabinett auf Initiative von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag beschloss. In zahlreichen Branchen wird das Arbeitszeitgesetz aufgrund des Corona-Virus aufgeweicht. 12-Stunden-Tag, die 60-Stunden-Woche und Arbeit an Sonn- und Feiertagen ist nun erlaubt. Angeblich nur bis zum 30. Juni 2020. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn bekommt zusätzlich fast acht Milliarden Euro, um Masken, Handschuhe, Kittel und andere Schutzausrüstung für Arztpraxen, Krankenhäuser und Bundesbehörden zu beschaffen. Den Betrag von 7,8 Milliarden Euro hat das Bundesfinanzministerium bereits genehmigt.

Die WHO betont erneut, dass es noch lange dauern wird, bis alles besser wird, zumal das mit der Bildung von Antikörpern nicht immer klappt wie erwünscht. Das unsägliche Robert-Koch-Institut findet nun endlich auch, dass eine höhere Zahl von Autopsien klären müsse, woran die „Corona-Toten“ nun wirklich gestorben sind. Die Ärztezeitung weist darauf hin, dass das Virus systemische Gefäßentzündungen hervorrufe, bzw. verstärke. Professor Luc Montagnier, der 1983 das HI-Virus entdeckte, behauptet, Covid 19 sei von Menschen gemacht und stamme aus dem Hochsicherheitslabor in Wuhan. Dortige Forscher hätten mit damit gearbeitet, um einen Aids-Impfstoff zu entwickeln. Dabei sei es Ende 2019 versehentlich entwichen. „Wenn wir so weitermachen, stirbt unsere Spezies aus,“ sagt der Neurobiologe Stefano Mancuso. Ich persönlich denke schon lange, dass das für den Planeten das Beste wäre.

In Los Angeles wurden 4,1 Prozent der Einwohner auf Antikörper gegen Covid 19 getestet. Aus dem Ergebnis schließt man, dass die Zahl der Infizierten möglicherweise um 40 Prozent höher ist als die der derzeit registrierten. Die Firmen von US-Präsident Trump und seines Schwiegersohns Jared Kushner sind in großen Schwierigkeiten. Die von Kuschner zahlen bereits seit November (!) ihre Kreditraten nicht. Die Deutsche Bank zaudert weiter, in der Sache zu entscheiden. Derweil droht US-Justizminister Barr den Gouverneuren damit, dass der Staat einschreiten werde, falls die Lockdown-Maßnahmen übertrieben werden. Der Präsident selbst will seinen persönlichen Erfolg an den Todeszahlen messen lassen. Frankreich verlangt von Apple, die Software der Handys so zu verändern, dass Bluetooth dauerhaft eingestellt bleibe. Bisher wurde das aus Datenschutzgründen verhindert. Der Streit um die Speicherung der ermittelten Daten setzt sich fort. Edward Snowden warnt vor einer Architektur der Unterdrückung. Keinerlei Entspannung auch beim Ölpreis-Kollaps. Heute kostete Diesel an den Tankstellen meines Städtchens 93,9 cents – kaum zu glauben. Ich will sofort auf eine Insel in einem warmen Meer. Mit dem Mann meines Herzens und meinen Tieren. Dafür ohne Internet.

22. April: Ab Montag gilt die Maskenpflicht beim Einkaufen und im ÖPNV in allen Bundesländern; es sind auch Schals und Selbstgenähtes willkommen – ahahahaaaaaa…. Aber Vorsicht: Wer kein Busfahrer ist, darf im Fahrzeug keine Maske tragen, das kostet. Im Netz sprießen die Angebote für wiederverwendbare Baumwollmasken wie Pilze nach warmem Regen. Kein Wunder: Genügend Einmalprodukte wird es noch auf lange Zeit nicht geben. Der Bund will Prämien an Pflegekräfte bis 1500 Euro steuerfrei stellen, aber niemand will die Prämien selber zahlen. Und das, während ein unvorstellbarer Geldregen produziert wird: Rund 3,4 Billionen Euro, also mehr als 3 400 Milliarden Euro, haben die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten bislang offiziell eingeplant, um der Wirtschaft in Europa zu helfen und die Folgen des Corona-Crashs abzumildern. Diese Summe nannte die EU-Kommission am Montag ganz konkret. Eher ungefähr weiß man bisher, wie das alles bezahlt werden soll. Eurobonds noch nicht eingerechnet. Nachdem allgemeine Eurobonds – im Gegensatz zu solchen für den Wiederaufbau in Europa zurzeit keine Chance haben, werden die Töne in Italien etwas leiser. Aber ob nun mit oder ohne Eurobonds: Wie Europa und seine Währung diese Entwicklung überstehen sollen, ist derzeit völlig offen. Davon unbeeindruckt, will die EU-Kommission jetzt auch noch milliardenschwere Kredite an EU-Nachbarländer vergeben: Am meisten soll die Ukraine bekommen.

Die deutschen Profi-Fußballer wollen unbedingt Geisterspiele durchsetzen. Um das Hygienekonzept einzuhalten, würden aber bis Saisonende 20 000 Tests benötigt. „Damit testen wir besser medizinisches Personal,“ ätzt der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. Das Paul-Ehrlich-Institut, Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, hat die erste klinische Prüfung eines Impfstoffs gegen Covid 19 in Deutschland genehmigt. Die verläuft in drei Phasen und wird vermutlich dieses Jahr nicht mehr fertig. Aber dann kann es ganz schnell gehen mit einer Massenproduktion. Bei dem Impfstoffkandidaten des Mainzer Biotechnologieunternehmens BioNTech handelt es sich um einen sogenannten RNA-Impfstoff, der die genetische Information für den Bau des sogenannten Spikeproteins des CoV-2 oder Teilen davon in Form der Ribonukleinsäure (RNA) enthält. Bei der Impfung mit einem RNA-Impfstoff wird die genetische Information für den Bau eines ungefährlichen Erregerbestandteils mittels Injektion beispielsweise in den Muskel verabreicht. Die RNA wird in einige Körperzellen der geimpften Person aufgenommen. Diese Körperzellen nutzen die genetische Information der RNA zum Bau des Erregerbestandteils. Die so im geimpften Menschen produzierten Erregerbestandteile sind nicht infektiös und lösen auch keine Erkrankung aus.

Derweil verklagt der US-Bundesstaat Missouri China wegen seiner Verschleierungspolitik in den Anfängen der Epidemie. Der China-Korrespondent des ZDF gibt einen Vorgeschmack dessen, was auf uns zukommt: Zur Einreise in Peking muss ein QR-Code gescannt werden, in Wuhan ein anderer, im Hotel ein weiterer. Wenn die nicht grün leuchten, bedeutet das Quarantäne. Wer eine Stadt verlassen hat und wieder dorthin zurück kehrt, muss automatisch in Quarantäne – jetzt für drei Wochen, weil man auch am 14. Tag noch erkranken kann. Im Hotel muss täglich unter Aufsicht Temperatur gemessen werden. Der Mann wirkt gestresst. Der Präsident Madagaskars, Andry Rajoelina, präsentiert einen Kräutertrunk, der das Virus abwehren und heilen soll. „Es wurden Tests durchgeführt – und zwei Menschen wurden durch diese Behandlung mittlerweile geheilt. Dieser Kräutertee liefert innerhalb von sieben Tagen Ergebnisse“, versicherte der Präsident. Das Getränk, das „Covid-Organics“ getauft wurde, besteht laut madegassischen Institut für Angewandte Forschung (IMRA) zum Großteil aus Artemisia (eine Beifuß-Art) – einer Pflanze mit nachgewiesener Wirksamkeit bei der Malariabehandlung – und anderen madegassischen Kräutern. Jeder tut halt grade, was er/sie für besonders sinnvoll hält.

Meine neu erstandenen Baumwollstoffe sind gewaschen und gebügelt. Dann nähe ich halt in Gottes Namen noch ein paar Masken. Und dann reicht es für das nächste Jahrhundert. Mein aufblasbarer Whirlpool für die Gartensaison ist angekommen. Je nachdem, wie lange man nicht mehr reisen darf, reicht das Geld ja vielleicht bald auch für ein wetterfestes medizinisches Exemplar, das ganzjährig draußen bleiben kann. Wenn der Sommer so wird, wie der April bisher war, werden wir viel Gießwasser brauchen: Gerade mal zwei Prozent der durchschnittlichen Regenmenge sind bisher gefallen. Seit Wochen erlebt Deutschland fast durchgehend strahlende Frühlingssonne – was nicht nur am heutigen Tag der Erde für viele Stirnfalten sorgt. Ich habe noch nie Freiland-Tulpen gießen müssen, damit sie nicht vertrocknen, so wie dieses Jahr. Sogar der Flieder blüht schon.

23. April: Die Krise hat zur Gründung einer neuen Partei geführt. Sie nennt sich ‚Widerstand2020‘ und wäre nach meinem Empfinden besser eine Bürgerinitiative geworden. Gegründet wurde sie von Dr. Bodo Schiffmann, dem Leiter der Schwindel-Ambulanz Sinsheim und dem Rechtsanwalt Ralf Ludwig. „Widerstand2020 entstand als eine Idee und Vision. Aus dem Willen heraus, sich nicht mehr machtlos zu fühlen“, heißt es in der Homepage, die noch kräftig erweitert werden soll. Im Kern geht es den Gründern  um „Widerstand gegen den politischen Umgang, den wir gerade erleben, gegen das Außerkraftsetzen unserer Grundgesetze und gegen die Machtausnutzung unserer Regierung. Wir machen jetzt etwas anders.“ Bisher wurden einige Videos ins Netz gestellt und ein Blog begonnen. Dort erläutern die Gründer, wofür sie stehen. Bereits am ersten Tag nach Parteigründung, so Bodo Schiffmann, habe man über 7000 neue Mitglieder gewonnen. Der Hickhack um die Öffnungswege und die teilweise logisch nicht begründbaren Entscheidungen einzelner Bundesländer wird schärfer. Das veranlasst die Kanzlerin, in einer Regierungserklärung zu sagen, dass sie das Vorgehen einiger zu forsch findet.

Nach dem heutigen Gipfel der EU-Staatsschefs betonte die deutsche Seite wortgleich, dass eine Stärkung Europas im deutschen Interesse liege. Das 540 Milliarden schwere Hilfspaket wurde zwar verabschiedet, aber in Sachen Eurobonds gab es keine Einigung. „Im Kern ruht das deutsche Hilfsangebot nach allem, was zu hören ist, auf zwei Säulen: Der europäische Haushalt soll vergrößert werden, damit mehr Geld für Wirtschaftshilfen in den von der Krise besonders betroffenen Ländern zur Verfügung steht. Und die EU soll in die Lage versetzt werden, Kredite aufzunehmen. Mit dem geliehenen Geld wird ein so genannter Wiederaufbaufonds befüllt, der dann seinerseits Kredite an die Mitgliedsländer ausreicht. Dieser Fonds ist gewissermaßen das, was von der Idee der Coronabonds übrig geblieben ist“, schreibt die Zeit.

Nord-Japan war sehr früh zur Normalität zurückgekehrt und steht nun vor einer zweiten Infektionswelle. Ein Antikörpertest mit einer repräsentativen Zahl von Einwohnern ergab, dass im Staat New York mutmaßlich 20 Prozent aller Menschen infiziert waren und die meisten gar nichts davon wussten. In Kalifornien ergab ein vergleichbarer Test, dass in Santa Clara County vier Prozent der Einwohner vom Virus befallen waren. Nachdem die USA ihre 400 Millionen Jahresbeitrag an die WHO nicht mehr zahlen wollen, leistete China seine jetzt zweite Sonderzahlung an die Organisation. Der offizielle Jahresbeitrag des Landes liegt bei 44 Millionen Dollar. Im März zahlte China außerdem 20 Millionen für den Kampf gegen die Pandemie, jetzt will es mit weiteren 30 Millionen dazu beitragen, den ausfallenden US-Anteil auszugleichen. Die WHO hat einen Jahresetat von rund 4,4 Milliarden Dollar. Nur etwa 25 Prozent davon kommen aus den Mitgliedsbeiträgen der beteiligten Staaten, der Rest von freiwilligen Spendern, die ihre Zuwendungen oft an bestimmte Projekte binden.

In den USA ist die Arbeitslosenzahl um weitere 4,4 auf jetzt über 26 Millionen Menschen in nur fünf Wochen gestiegen. Die USA haben knapp 330 Millionen Einwohner, davon waren laut Statista im Jahr 2018 155,8 Millionen erwerbstätig. Man hatte ursprünglich mit einem Anstieg auf 158,1 Millionen in 2020 gerechnet. Ein neuen Anti-Trump-Song wird auf Youtube gerade zum Hit: „Vote him away“

26. April: Heute lernen wir Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble mal von einer ganz anderen Seite kennen: „Wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig“, hat er in einem Interview mit dem Tagesspiegel gesagt. „Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen. Der Staat muss für alle die bestmögliche gesundheitliche Versorgung gewährleisten. Aber Menschen werden weiter auch an Corona sterben“, sagt Schäuble. Wie wohltuend in dieser zunehmend scharfen Diskussion um die Lockerungen des Lockdowns! Genau so ist es: Menschen werden weiter sterben. An Krebs, An Herz und Kreislauf, an Aids, an Malaria, an der Grippe und an Corona. Aber sehr viele werden auch weiter leben!

Die Nachricht, dass Kitas für mehr als drei Millionen Kinder unter Umständen bis zum Sommer nicht mehr öffnen, bringt viele Eltern zu echter Verzweiflung. Die widersprüchlichen Anweisungen der Regierung schüren Ärger. In Grevenbroich wurde am Wochenende ein ganzes Hochhaus mit 450 Bewohnern abgeriegelt, weil zwei unter Quarantäne stehende Familien nicht zuhause geblieben waren und Kontakt mit anderen Hausbewohnern hatten. Jetzt darf keiner mehr raus, bevor nicht alle getestet sind. Unter anderem in Berlin, München und Stuttgart gehen hunderte von Menschen für die Grundrechte auf die Straße. Sie finden kaum Erwähnung in den Medien. Mein Test auf Facebook verläuft aber immer noch gleich: Die geringste Andeutung, dass nicht jede Regelung der Regierung sinnvoll ist, führt dazu, dass meine „Freunde“ mich zur Ordnung rufen. Morgen beginnt nun die Maskenpflicht beim Einkauf und im ÖPNV, ohne dass man genügend Masken kaufen könnte, geschweige denn zu einem vernünftigen Preis. Wenn ich daran denke, dass noch vor wenigen Wochen alle, die etwas zu sagen haben, Masken als völlig unsinnig bezeichneten, könnte ich schreien.

Der US-Präsident hat passend zum Wochenende einen gar nicht komischen Kalauer vom Stapel gelassen: Ihm erscheine es interessant, Desinfektionsmittel direkt in den Körper zu verabreichen, da diese doch Viren töten, tönte der geniale Mediziner in einer seiner täglichen Pressekonferenzen, die er zum Wahlkampf nutzt. Obwohl er anschließend zurückruderte und seine Aussagen als Sarkasmus bezeichnete, nahm das Unheil seinen Lauf, und die Giftnotrufzentralen in den USA bekamen richtig Arbeit. Sogar Hersteller von Desinfektionsmitteln warnten öffentlich davor, ihre Produkte zu trinken. Weltweit nähert sich die Zahl der Infizierten jetzt den 3 Millionen, ein Drittel davon entfällt auf die USA, wo inzwischen 54 500 Tote registriert wurden. Chefvirologe Dr. Fauci sagt, die Zahl der Tests müsse mindestens verdoppelt werden, bevor die Einschränkungen gelockert werden können. Bisher wurden in den USA etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung getestet. Auch Microsoft-Gründer Bill Gates arbeitet mit Hilfe von Dr. Fauci an einem Impfstoff. Die USA und Dr. Fauci haben übrigens auch das Hochsicherheitslabor in Wuhan mit Geldern für die Forschung am Coronavirus unterstützt….

Eine tickende Zeitbombe ist der afrikanische Kontinent: Dort gibt es nicht nur zu wenig Wasser, um sich ständig die Hände zu waschen, zu wenig medizinische Ausrüstung, um Kranke richtig zu versorgen, sondern auch keinerlei soziales Netz, das den Hunger einer Bevölkerung abfedern könnte, der ohne Arbeit umgehend kommt. Da dort überdies mangels Ausrüstung kaum getestet wird, gibt es auch keine realistischen Infektionszahlen. Madagaskar diskutiert noch immer über die Wirksamkeit des magischen Kräutertrunks. Schweden geht nach wie vor seinen Sonderweg: Schulen, Geschäfte und Restaurants sind geöffnet, wobei jedoch auf Abstandsregeln geachtet werden soll. Beraten wird die Löfven-Regierung vom Staatsepidemiologen Tegnell, der nichts von den Lockdown-Maßnahmen anderer Länder hält, auch die Schließungen der Kindertagesstätten und Grundschulen sei nicht notwendig. „Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel wie andere Länder mit Restriktionen“, hat der 64-Jährige wiederholt gesagt. Zwar ist in Schweden die Sterberate pro Einwohner höher als in anderen Ländern, weshalb es auch scharfen Widerspruch gegen den Weg der Regierung gibt. Diese plant bisher jedoch keine wesentlichen Änderungen. Der britischen Premier Boris Johnson nimmt morgen wieder seine Amtsgeschäfte auf.

Stockholm am Wochenende

Ich habe weitere Masken genäht und das herrliche Frühlingswetter im Garten genossen. Zwischen Fliederduft und Baumblütenschnee werde ich in meiner heimischen Idylle dennoch immer gereizter und verbringe viel Zeit damit, darüber nachzudenken, warum das so ist. Immer wieder fallen mir dabei die Augen der Menschen ein, die ich in den letzten Wochen getroffen habe. Die irrationale Panik, die ich darin gesehen habe. Die Furcht, mir körperlich zu nahe zu kommen. Da wird mir klar, was mich so ärgerlich macht: Diese Strategie der Angst, mit der die meisten Länder der Welt zurzeit ihre Bevölkerung zum Gehorchen bringen, wird langfristige Folgen haben. Wie sollen wir uns je wieder nah sein können, wenn jeder andere Mensch als potentieller Überträger des Todes wahrgenommen wird? Ich will so nicht leben!

27. April: Man sieht immer im TV, wie kreativ die deutschen Schulen beim „Home-Schooling“ sind. In der Realität sieht das ganz anders aus. Ich bin heute zum dritten Mal als Nothilfe bei meiner Freundin. Deren 14jährige Tochter wird schier erschlagen von Schulaufgaben. Montags bekommen die Neuntklässler der Integrierten Gesamtschule eine Mail ihrer Schule mit einem Link. Wenn sie den öffnen, gelangen sie auf einen Server mit Ordnern für alle Klassen. In ihrem Ordner finden sie die Aufgaben für alle Fächer, die während der Woche erledigt werden sollen. Die sind nicht nur kurios, sondern teilweise richtig unverschämt. So heißt beispielsweise eine Physik-Aufgabe: „Zeichne ein Geothermiekraftwerk auf, erläutere seine Funktionen und gestalte passende Diagramme“. Im Physikbuch kein Wort zu Geothermie-Kraftwerken; dort finden sich andere Beispiele zu Energiegewinnung und -verteilung. Was tun also Mutter und Tochter? Sie suchten das Gewünschte aus Wikipedia heraus. Das soll betreutes Home-Schooling sein? Wozu brauche ich eine Schule – und einen Lehrer – wenn ich in Wikipedia suchen muss, was ich lernen soll? Also bitte…

Meine Hilfe ist gefragt, weil meine Freundin kein französisch spricht und ihre Tochter das Fach nicht nur hasst, sondern auch mit den Aufgaben überfordert ist. Die bestehen hier aus Kopien von Arbeitsblättern, die sich wahlweise auf ein Lehrbuch, ein Arbeitsbuch oder ein Grammatikbuch beziehen. Beim Versuch, gemeinsam aus den komplett in französischer Sprache gehaltenen Büchern heraus zu filtern, was zu tun ist, scheitern wir komplett. Die 14jährige kennt nach fast vier Jahren französisch nicht nur kaum Vokabeln: Sie kann sie schon gar nicht beugen oder in Zeiten einordnen; dies teilweise nicht einmal auf deutsch. Das bedeutet: Sie kann nicht mal herausfinden, was sie eigentlich tun soll. „Wenn ihr eine Frage zu den Aufgaben habt, schreibt mir gern eine Mail“, schreibt pseudo-freundlich der Lehrer. Was soll man denn da fragen? Hier fehlt es an allem, nicht nur an den Vokabeln. Das Mädchen kann die Wörter nicht phonetisch korrekt aussprechen, hat keine Ahnung von der Bedeutung der Akzente.“Wir haben noch nie Vokabeln auf bekommen“, behauptet die 14jährige. Kann ich mir zwar nicht vorstellen. Aber wie kann es sein, dass eine Schülerin nach vier Jahren Unterricht in einer Fremdsprache nicht einmal die einfachsten Regeln der Aussprache beherrscht? Was machen die da eigentlich die ganze Zeit in den Klassen???

Ok. Jetzt versuchen wir, das Unmögliche irgendwie in den Griff zu bekommen. Wir nehmen die jeweilige Lektion, schreiben die Vokabeln raus, üben das Lesen, das Beugen und die Zeiten. Die Tatsache, dass die Lehrbücher besonders modern sein wollen, macht es dabei nicht einfacher. Statt Texte grammatikalisch korrekt bereit zu stellen, sind regelmäßig umgangssprachliche Formulierungen eingebaut. Ja toll: So ist es besonders einfach, Grammatikregeln zu lernen! Wieso bringen die den Kindern nicht erstmal bei, wie es richtig geht, bevor sie lehren, wie das einfache Volk im Alltag spricht? Gebildete Franzosen nutzen ihre Sprache übrigens korrekt. Ich kann da nach einem Leben, das elf Jahre lang in französischer Sprache stattfand, recht gut mitreden… Als ich nach vier Stunden Stress mit einer weinenden Schülerin, einer zornigen Mutter und nicht vorhandener Unterstützung durch Lehrer wieder nach Hause fahre, frage ich mich, wann die Richtung in unserem Bildungssystem eigentlich so schrecklich schief gelaufen ist.

Ansonsten lernen wir heute noch, dass die Kultusminister weiterhin an einem Konzept laborieren, wie die Schulen sinnvoll wieder geöffnet werden können. China hat versucht, die internationale Berichterstattung zu manipiulieren. Die Reproduktionsrate in Deutschland ist wieder auf 1 gestiegen – oh weh, Gefahr im Verzug… Bei der Corona-Tracking-App wird jetzt der Ansatz einer dezentralen Datenspeicherung verfolgt. Nach dem Gesundheitsminister im vollgestopften Aufzug zeigt uns heute, am ersten Tag der Maskenpflicht, die Verteidigungsministerin, dass solche banalen Dinge wie Masken und Abstand für manche Teile der Bevölkerung nicht gelten. Die weisen Worte Schäubles finden in dem einen oder anderem Artikel Widerhall, in Frankreich und Spanien steigen die Infektionszahlen wieder an. Ach ja, und unser wunderbarer Außenminister will die Reisewarnungen verlängern und bereitet die Bevölkerung darauf vor, dass sie noch lange nicht ins Ausland fahren können wird. Oh, what a perfect day… Mein Ärger nimmt täglich neue Ausmaße an.

28. April: Erneut zur Französisch-Nachhilfe. Dabei die gesammelten Ausdrucke der Aufgaben für diese Woche besichtigt: Etwa 60 Blatt Papier, teils schön bunt, damit es auch ordentlich Druckertinte kostet. Darin unzählige Links: Zu Youtube-Videos, zu Museen, zu Nachschlageportalen. Aufgaben, Aufgaben, Aufgaben. Um sie zu bewältigen, müsste die Schülerin mindestens sechs Stunden täglich daran arbeiten. Von zuhause aus? Ein Ding der Unmöglichkeit. Und der Laptop funktioniert auch dauernd nicht. Zum Geburtstag soll es einen neuen geben – alle Familienmitglieder werden zusammenlegen. Aber der Geburtstag ist erst im August… Die ganzen Aufgaben müssen nirgendwo eingereicht werden. Statt dessen kommt zwei Wochen später ebenfalls per Mail die Lösung. Irgendwelches Feedback von der Schule: Fehlanzeige.

Das Lesen der französischen Texte klappt schon etwas besser. Mit dem Rest brauchen wir gar nicht anzufangen ohne Kenntnis der Vokabeln. Wir machen also ab, dass ich nächste Woche wieder komme. Bis dahin hat sie die Vokabeln einer der Lektionen gelernt. Ich bin sehr gespannt… Im TV viel Gejammer der Lehrer über das Chaos der Schulöffnung. Es werden geradezu unverschämte Aufgaben an die Pädagogen herangetragen. Man stelle sich vor: Da hat doch eine Schule verlangt, dass die Lehrer Tücher mitbringen, um die Tische in der Klasse vor dem Eintreffen neuer Schüler zu desinfizieren. Unzumutbar, oder? Ohhhhhhhhhh, Lehrer…. Am Abend erstmals mit Maske einkaufen gegangen. Gruselig. Besonders, wenn man sich wegen Heuschnupfens dauernd die Nase putzen muss. Alle, sogar die Verkäuferinnen, lassen das blöde Teil bei jeder Gelegenheit runter hängen, um frische Luft zu schnappen. Um es wieder hoch zu schieben, muss man es aber anfassen. Was für eine lächerliche Pseudo-Schutzmaßnahme.

Das Robert-Koch Institut wird nach zweiwöchiger Repräsentation durch einen wohltuend sachlichen Vizepräsidenten Lars Schaade wieder durch den unsäglichen Professor Wieler vertreten. Die Reproduktionszahl R ist wieder bei 0,9. Aber auch sie wird jetzt relativiert: Es ist schließlich nicht das selbe, wenn 1000 Menschen jeweils einen anderen anstecken, oder wenn es 10 000 sind… Was nicht gesagt wird: Es ist auch ein Unterschied, ob die 1000 Infierten weitere 1000 innerhalb einer Woche oder innerhalb von vier Wochen anstecken. Die Verdoppelungsquote ist sang- und klanglols in der Versenkung verschwunden. Der Medienzirkus wendet sich einem neuen Thema zu: Wenn die Wirtschaft dann wieder anzieht, darf es aber nicht so weiter gehen wie bisher: Dann muss unbedingt mehr für das Klima getan werden, und zwar schneller, als geplant. Die Kanzlerin findet das auch. Da bin ich aber mal gespannt…. Nachdem Deutschland seine Intensivbetten mit Beatmungsmaschinen von 20 000 auf 30 000 aufgestockt und sie nicht gebraucht hat, sind ab nächster Woche wieder Plan-Operationen erlaubt.

Deutschland zählt heute 159 431 Infizierte. Das ist, wohlgemerkt, die Zahl aller bisher registrierten Infekte. 6 280 Menschen, die auch Corona hatten, sind gestorben. 117 400 sind wieder gesund. Summa summarum sind also aktuell genau 35 701 von 83 Millionen Deutschen infiziert und derzeit auch noch krank. Jeder, der rechnen kann, sieht also, dass es dringend an der Zeit ist, die Zahl R zu relativieren. Es handelt sich überdies um eine Lungenkrankheit, die in den meisten Fällen mild verläuft, nicht um Ebola oder die Pest. Muss man dafür wirklich einen derartigen weltweiten Schaden anrichten? Na sicher sehe ich, wie viele Tote es in anderen Ländern gab. Und wo bleiben die Angaben zur Ausstattung der Krankenhäuser dort? Kein anderes Land der Welt hat offenbar so viele Intensivbetten wie Deutschland.

Es bahnen sich Katastrophen ganz neuer Art an, zum Beispiel in der Viehzucht. Da in den USA die Lieferketten zusammenbrechen, keulen die Farmer ihre Tiere. In Osteuropa ist die Vogelgrippe ausgebrochen und mit ihr das Keulen von Geflügel. Nein, keine Links dazu. Ich mag nicht mehr.

29. April: Nachdem die Welle an Corona-Intensiv-Patienten partout nicht die deutschen Krankenhäuser überschwemmen will, sollen diese langsam zum Normalbetrieb zurückkehren. Jetzt ist es amtlich: Die Reisewarnung der Bundesrepublik wird bis zum 14. Juni verlängert. Eine der klugen Begründungen des Außenministers ist, dass es ja ohnehin kaum noch Flüge gebe… So kann man die Welt verdrehen: Dürften die Bundesbürger reisen, gäbe es auch Flüge. Die Reisebranche demonstriert lautstark in Berlin. Es droht eine riesige Pleitewelle. Der Bürgermeister von Venedig ruft die Welt auf, so bald wie möglich die Stadt zu besuchen. Man brauche dringend Touristen. Noch letztes Jahr hallte es von dort genau umgekehrt. Die Bundesregierung erwartet mit einem noch optimistisch berechneten Minus von 6,3 Prozent die schwerste Rezession der Nachkriegszeit. Nach Schätzungen des Münchner Ifo-Instituts ist die deutsche Wirtschaft jetzt schon um 16 Prozent eingebrochen. Den größten Einbruch meldeten Reisebüros und -veranstalter (minus 84 Prozent), die Luftfahrtbranche (minus 76 Prozent), das Gastgewerbe (minus 68 Prozent), das Gesundheitswesen (minus 45 Prozent), Kunst, Unterhaltung und Erholung (minus 43 Prozent) sowie der Fahrzeugbau (minus 41 Prozent). Die Bundesregierung denkt laut über einen Corona-Immunitätsausweis nach. Die R-Zahl liegt heute bei 0,75. Aber seit gestern wissen wir ja, dass uns das gar nichts nützt, weil es Regionen im Land gibt, wo sie viel höher ist. Deutschland nutzt nur die Hälfte seiner Testkapazitäten und folgt dabei strikt den Vorgaben des RKI. Wer denen nicht entspricht, kann sich auf den Kopf stellen: Er wird keinen Test bekommen. Dennoch sollen noch mehr Kapazitäten aufgebaut werden, sagt der Gesundheitsminister.

Der Auto- und Raumschiffbauer Elon Musk lässt einen seiner berühmten nächtlichen Tweets los: Er fordert „Freiheit für Amerika“ und hält die Krise offenbar für beendet. Auch Donald Trump betont, die Regierung werde die bestehenden Beschränkungen nicht erweitern, obwohl die USA mittlerweile über 60 000 Corona-Tote zählen. Man habe nur deshalb so hohe Infektionszahlen, weil das Land soooo viel besser teste als alle anderen Staaten der Welt, twittert er zum wiederholten Mal. Interessant, wie wenig Widerhall in den Medien die Tatsache findet, dass die USA erst letztes Jahr auch das Hochsicherheitslabor in Wuhan mit Geldern für die Forschung am Coronavirus unterstützt haben. Jetzt setzen sie China unter Druck, amerikanischen Kontrolleuren Zugang zu diesem Labor zu verschaffen. Der US-Vizepräsident hat ein Krankenhaus besichtigt und dabei als Einziger keine Maske getragen, „weil er das nicht brauche“. Das denken offenbar viele Politiker, darunter alle deutschen.

Was noch passiert ist: Es hat ein paar Millimeter geregnet, gerade genug, um den Blütenstaub vom Auto abzuwaschen. Das US-Verteidigungsministerium bestätigt die Existenz von Ufos. Ein riesiger Asteroid namens „1998 OR2“ ist heute morgen an der Erde vorbei geflogen. Aber 16 mal weiter von ihr entfernt als der Mond. Und: Heute vor 75 Jahren wurde das KZ Dachau befreit.

30. April: Heute ist wieder so ein Tag, auf den viele gewartet haben: Die Kanzlerin will sich mit den Ministerpräsidenten über weitere Lockerungen abstimmen. Und wieder kommt nach langem Kreißen des Berges eine Maus heraus: Gottesdienste dürfen unter strengen Auflagen wieder stattfinden. Perspektiven für das Gastgewerbe? Keine. Für die Schulen: auch nicht. Wenigstens die Spielplätze dürfen wieder geöffnet werden. Was für ein Glück für die gestressten Eltern! Eine weitere nicht nachvollziehbare Entscheidung ist, dass ab Montag Friseure wieder öffnen dürfen, Fußpfleger aber nicht. Die stets extrem abwartende Haltung der Kanzlerin wird in Zeiten wie diesen zur Katastrophe. Inzwischen haben deutsche Betriebe für über zehn Millionen Mitarbeiter Kurzarbeit angemeldet – so viele wie noch nie. Am kommenden Mittwoch gibt es die nächste Abstimmung. Nicht, dass dann gleich etwas passieren würde. Aber man will Perspektiven geben. Ahahahaaaa – Hoffentlich leben sie noch, wenn sie wieder öffnen dürfen…. Rheinland-Pfalz geht einen kleinen Sonderweg: Ab nächster Woche dürfen auch Geschäfte über 800 Quadratmeter wieder ohne Einschränkungen öffnen. Und wieder steht ein langes Wochenende bevor; diesmal kühl und nass. Ich war heute zum Wocheneinkauf – mit Panik- und Erstickungsanfällen, obwohl ich die dünnste meiner Masken benutzt habe. Einfach nur schrecklich.

Weitere 3,5 Millionen Amerikaner haben Arbeitslosengeld beantragt – ingesamt sind es seit Mitte März jetzt 30 Millionen – oder 18,6 Prozent der werktätigen Bevölkerung. Der US-Vizepräsident absolviert heute all seine Termine mit Maske. Der Zauber-Heiltrunk Madagaskars hat offenbar stramme Nebenwirkungen. Mittlerweile ist er kontraindiziert für Kinder unter zwei Jahren, schwangere Frauen und Allergiker.

4. Mai: „Nicht der Bürger muss sich rechtfertigen, warum er ein Grundrecht ausübt, sondern der Staat muss rechtfertigen, warum und für welche Dauer er in Grundrechte eingreift,“ hat der Verfassungsgerichthof des Saarlandes am 30. April erklärt. Je länger die Freiheitsbeschränkungen andauerten, desto höher müssten die Anforderungen an ihre Rechtfertigung sein. Maßnahmen, die „in der Stunde der Not“ möglicherweise dringend geboten seien, müssten mit fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnissen „neu bewertet“ werden. Es war auch an der Zeit, dass das mal klar ausgesprochen wird. Leider sehe ich überall, wie massiv die Gehirnwäsche mit der Angst wirkt. Immer noch akzeptiert die Mehrheit – vor allem die, die keine finanziellen Einbußen hat – offenbar die Restriktionen. Bei Diskussionen auf Quora bin ich als zynisch und menschenverachtend beschimpft worden, weil ich den schwedischen Weg bevorzuge, sowie als unerträglich arrogant, weil ich der Hoffnung Ausdruck verliehen habe, dass ein Bodensatz von Menschen verbleibe, der sich weiterhin seines Verstandes bedient. Aber immerhin: Der Widerspruch nimmt zu.

Eine internationale Geberkonferenz hat heute 7,4 Milliarden Euro Fördergelder für die Corona-Forschung zusammengebracht. Russland und die USA haben sich nicht beteiligt. Das Geld soll auch dafür sorgen, dass Medikamente zu bezahlbaren Preisen gleichberechtigt an alle verteilt werden können. Allein 380 000 Afrikaner sterben jedes Jahr an Malaria, teilte die Afrika-Direktorin der Weltgesundheitsorganisation, Matshidiso Moeti, kürzlich mit. Malaria ist nur eine von zahlreichen epidemisch auftretenden Krankheiten, mit denen der Erdteil konfrontiert ist: Masern, Pocken, HIV-Aids, Dengue- und Lassafieber oder Ebola heißen einige der anderen. Die westliche Medizin entdeckte die Artemisia-Pflanze als Grundlage eines wirksameren Heilmittels gegen Malaria, Forscher standen sogar kurz vor der Einführung eines Impfstoffs. Ahaaaa…. deshalb also der Artemisa-Trunk in Madagaskar… Auf jeden Fall ist es fatal für Afrika, wenn sich jetzt alle Forschungen auf Corona konzentrieren: Das könnte böse Rückschläge bei Malaria und Ebola nach sich ziehen.

Nachdem die Reproduktionszahl noch immer bei 0,75 verweilt, hat das wunderbare Robert-Koch-Institut erneut seine Berechnungsgrundlagen geändert: Nowcasting heißt das neue Codewort. Das ist eine Methode, bei der die Fallzahlen geschätzt werden und gleichzeitig der Meldeverzug berücksichtigt wird. Es soll die Realität so besser abbilden und zeigen, wann sich Infizierte angesteckt haben. Bisher zeigten die Zahlen, wann eine Neuinfektion bekannt wurde. Jetzt rechnet das RKI den Zeitverzug heraus – und die Nowcast-Zahl gibt an, wie viele Neuinfektionen aktuell vorliegen würden. Sie berechnet, wann ein Covid-19-Infizierter tatsächlich erkrankt ist. Das kann Tage bis Wochen vor der offiziellen Meldung sein. Deswegen werden im Nowcast auch noch nicht gemeldete Fälle durch eine Schätzung ergänzt. Darum weißt die Kurve weniger Schwankungen auf. N beziffert das Level der Neuinfektionen, R zeigt den Trend an. „Die Reproduktionszahl R bestimmt also, wie sich die Anzahl der Neuinfektionen N in der Zukunft entwickelt“, erklären die Experten. Was in dieser Berechnung noch fehlt, ist jedoch die Dunkelziffer. Hier kommt nun der vielgeschmähte Professor Streeck zum Zug, der seine Heinsberg-Studie inzwischen abgeschlossen und heute seine Ergebnisse präsentiert hat. Nach Schätzungen seiner Wissenschaftler liegt die Dunkelziffer der Infizierten in Deutschland bei 1,8 Millionen. Offenbar verlaufe jede fünfte Infektion symptomfrei. Ansonsten hat der Wissenschaftler aus den Fehlern der letzten Präsentation gelernt: Keine Politiker dürfen sich auf seine Ergebnisse setzen, er selbst gibt auch keine Handlungsempfehlungen an die Politik.

Berkshire Hathaway, das Unternehmen des legendären US-Investors Warren Buffet, hat sämtliche Anteile an US-Airlines mit großem Verlust verkauft. Warren Buffet glaubt nicht, dass eine schnelle Erholung in Sicht ist. Auch die Lufthansa braucht die Hilfe des deutschen Staates zum Überleben. Dass der Staat dafür auch mitredet, will sie aber nicht. Ähnlich unverschämt verhalten sich die deutschen Autobauer, die nun zum zweiten Mal eine Kaufprämie des Staates für ihre Erzeugnisse fordern. Die drei Bundesländer mit den meisten Standorten werden zur Stimme der Konzerne.

18 der 30 Dax-Konzerne sind laut Analyse der Fraktion der Linken im Bundestag mit 110 Töchtern in Staaten aktiv, die auf der Schwarzen (Steuer-)Liste der EU stehen. Allein die Deutsche Bank hält 47 Firmen, die bis auf eine Ausnahme alle auf den Kaiman-Inseln angesiedelt sind. Es ist bezeichnend, das diese Praxis in der Regierung kein Thema ist – Lobbyisten leisten hier gute Arbeit. „Fast alle großen deutschen Unternehmen nutzen Steueroasen und verschieben einen Teil der Gewinne dort hin“, sagt Ralf Krämer von der Gewerkschaft Verdi. Die Öffentlichkeit müsse erfahren, „wo Konzerne ihre Gewinne machen, wohin sie diese verschieben und wie viel Steuern sie zahlen“, erklärt Karl-Martin Hentschel vom Sozial- und Öko-Bündnis Attac. Die Befürworter von mehr Transparenz setzen auch darauf, dass eine Offenlegung dieser Daten öffentlichen Druck auf Unternehmen ermöglichen würde, die bei den Steuern tricksen. Bei Staatshilfen, wie sie jetzt geleistet werden, müsste das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein….

Zwischen den USA und China bahnt sich ein neuer Handelskrieg an. Diesmal lautet der Vorwurf der USA, China verhindere eine Untersuchung, ob das Virus von Menschenhand gemacht oder natürlichen Ursprungs sei. Die USA behaupten, es sei dem Labor entsprungen, China behauptet, es sei von US-Bürgern eingeschleppt worden. Die Financial Times befürchtet inzwischen sogar einen bewaffneten Konflikt. Das hätte uns grade noch gefehlt. US-Präsident Trump spricht auf einmal von 100 000 möglichen Corona-Toten in den USA.

Mecklenburg-Vorpommern, wo die Infektionszahlen besonders niedrig sind, hätte gern zu Pfingsten seine lebenswichtigen Touristen zurück. Ohne mich… Die erste und zweite Bundesliga hat alle maßgebenden Menschen getestet und zehn Infizierte gefunden Wer und wo wird geheim gehalten. Hallo? Wieso wird das akzeptiert? Die Fußballer wollen am Mittwoch unbedingt das ok für Geisterspiele haben. „Die Corona-Testreihe ist sinnlos“, kritisiert die Virologin Prof. Melanie Brinkmann vom Helmholtz-HZI-Institut bei Hart aber Fair, denn aktuell werde nicht dargelegt, woher die Infizierten der Bundesliga stammen. Diese Woche beginnt schrittweise die Schule wieder. Die Tochter meiner Freundin muss von Dienstag bis Freitag hin und hat dann wieder zehn Tage homeschooling. In den letzten Tagen hat sie wie verrückt an den verbleibenden Hausaufgaben geschuftet. Neue Links für diese Woche sind trotz Schule auch noch gekommen. Vokabeln hat sie aber nicht gelernt.

5. Mai: Morgen ist Schaltkonferenz der Kanzlerin mit den Länderchefs. Heute zeigen alle Mutti mal, dass sie schon alleine können und kündigen in einem regelrechten Wettlauf Lockerungen an. Wie kindisch. Andererseits wird die Lage für manche Branchen immer kritischer. Bei Markus Lanz sehen die Zuschauer Fernsehkoch Tim Mälzer in Tränen ausbrechen, als es um Perspektiven für seine gastronomischen Betriebe geht. Er brauche eine klare Sprache mit klaren Zeitlinien, damit er entscheiden könne, wie er verfahren müsse, macht Mälzer eindrucksvoll klar. Die Autobranche ist mit ihrem Versuch, die Regierung zu einer erneuten Kaufprämie zu bewegen, vorerst nicht weiter gekommen. Nach einer Videokonferenz wird die in weiten Kreisen umstrittene Entscheidung auf Juni vertagt. Unterdessen stampfen die Autobauer ihre Gewinnprognosen ein und kündigen Entlassungen an.

Einen gesonderten Beitrag wert ist die heutige Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes: Es legt sich mit dem Europäischen Gerichtshof an, der billionenschwere Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank (EZB) als rechtens erkannt hat. Geklagt hat unter anderem der Rechtsanwalt und langjährige CSU-Politiker Alexander Gauland. Die Europäische Zentralbank hatte zur Bewältigung der Eurokrise mehrere Kaufprogramme für Wertpapiere aufgelegt, die das Ziel haben, Zinsen zu drücken und Geld leichter verfügbar zu machen. Damit sollten die Wirtschaft und die Inflation angekurbelt werden. Im jetzigen Rechtsstreit ging es um ein Teilprogramm namens PSPP zum Erwerb von Wertpapieren des öffentlichen Sektors, das im März 2015 startete. Monat für Monat wurden dabei an den sogenannten Sekundärmärkten Anleihen für zweistellige Milliardenbeträge gekauft. Mittlerweile hat die EZB rund 2,5 Billionen Euro investiert. Die Beschlüsse der Notenbank seien kompetenzwidrig ergangen, entscheiden die Karlsruher Richter heute. Bundesregierung und Bundestag hätten durch ihr tatenloses Zusehen Grundrechte verletzt. Die EZB hat jetzt drei Monate Zeit, ihr Handeln zu begründen. Sollte die Begründung nicht zufriedenstellend ausfallen, muss die Deutsche Bundesbank aus dem Programm aussteigen. Die Bundesbank ist der größte Anteilseigner der EZB, mit etwas mehr als 26 Prozent. Entsprechend groß ist ihr Kaufvolumen. Fällt der deutsche Beitrag aus, hat das auch direkte Auswirkungen auf die Corona-geschädigten Volkswirtschaften.

US-Präsident Donald Trump will unbedingt China für den Schaden zahlen lassen, den das Virus in den USA anrichtet. Er behauptet, es sei aus dem Viren-Forschungslabor Wuhan entwichen. Seine neuste Idee: Eine Art Reparationen. Fraglich, wie weit er damit kommt. Deshalb spekulieren amerikanische Medien jetzt darauf, dass die USA ihre Schulden in China nicht mehr bedienen könnten. Die Zustimmungsraten zu Trumps Corona-Management fallen weiter. Die Zeit widmet sich der Lage in den USA in einer langen Analyse. Die NewYorkPost berichtet von ersten klinischen Versuchen eines Impfstoffes aus einer Gemeinschaftsproduktion des Pharmariesen Pfizer und dem deutschen Startup BioNTech SE. Man hoffe auf einem fertigen Impfstoff noch in diesem Jahr. Auch in Deutschland sind die Versuche mit diesem Impfstoff angelaufen. Ein Braunschweiger Forschungsteam testet die Wirkung von Antikörpern aus Blutplasma und kann Antikörper nachweisen, die das Eindringen des Virus in Zellen verhindern. Dies sei ein echter Durchbruch. Der schwedische Sonderweg wird weiter aufmerksam beobachtet. Auch dort fällt inzwischen die Zahl der Neuinfektionen. Für die zweite Welle, die im Herbst erwartet ist, scheint das Land besser gerüstet als die Staaten mit dem Lockdown. Das Anonymous-Kollektiv hat sich mit dem angeblich massenhaften Zulauf zu „Widerstand 2020“ auseinander gesetzt und Fake-Zahlen ermittelt. Ich hatte heute absolut keine Lust, mich weiter mit Anderen über Corona zu streiten und habe mich statt dessen mit Schnittmustern für meine Sommer-Garderobe auseinander gesetzt. Manchmal fällt es mir richtig schwer, diesen Blog fort zu führen.

6. Mai: Sooooo, Mutti hat fertig gebremst, die Länder sind nicht mehr zu stoppen. Künftig soll regional reagiert werden, wenn die Infektionszahlen 50 pro 100 000 Einwohner überschreiten – was zum Beispiel im Landkreis Rosenheim noch der Fall sein soll… Ein vielstimmiger Öffnungschor freudig lächelnder Politiker teilt mit, was die Bundesbürger alles wieder dürfen:

  • Die Kontaktbeschränkungen werden zwar grundsätzlich bis zum 5. Juni verlängert. Allerdings einigten sich Bund und Länder darauf, dass sich künftig wieder Angehörige von zwei Haushalten treffen dürfen – also etwa zwei Familien, zwei Paare oder die Mitglieder aus zwei Wohngemeinschaften. Sie sollen weiterhin einen Abstand von 1,50 Metern zueinander einhalten.
  • Für Kliniken, Pflegeheime und Behinderteneinrichtungen werden die Einschränkungen der Besuchsregeln bundesweit gelockert. Demnach soll jedem Patienten oder Bewohner wiederkehrender Besuch durch eine bestimmte Person ermöglicht werden.
  • Alle Geschäfte in Deutschland sollen unter Auflagen wieder öffnen dürfen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.
  • Trainingsbetrieb im Breiten- und Freizeitsport unter freiem Himmel wird wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von 1,5 bis 2 Metern gewährleistet und der Sport kontaktfrei ausgeübt werden.
  • Die Fußball-Bundesliga darf die unterbrochene Saison ab der zweiten Mai-Hälfte mit Geisterspielen fortsetzen.

Regional gibt es bei den Bundesländern Unterschiede in den Lockerungen. In meinem darf man zum Beispiel ab 13. Mai wieder essen gehen. Sehr schön. Werde ich machen. Zuerst im Eiscafé. Mutti sagt, Deutschland gehe einen „sehr offenen und mutigen Weg„. Alle betonen, dass wir erst am Beginn der Pandemie stehen und weiter verantwortungsvoll sein müssen. Na dann. Vielstimmiges Tönen auch der Wissenschaftler: Alexander Kekulé, Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, findet das Konzept der Eingriffe in Intervallen „brandgefährlich“. Ganz viele Bundesbürger meinen das auch … Es gibt aber auch renommierte Ärzte, die behaupten, dass es nie eine Pandemie gab, zum Beispiel Professor Sucharit Bhakdi. Er kritisiert auch, dass die Bundesregierung sich nicht mit Wissenschaftlern verschiedener Meinung beraten hat. Tja, dafür ist es jetzt zu spät, der Schaden ist nicht mehr abzuwenden. Die EU-Kommission warnt vor einem Rückgang der Wirtschaftsleistung in Europa um 7,7 Prozent, rechnet aber mit einer starken Erholung im kommenden Jahr.

Interessante Studie in New York: Zwei Drittel aller Corona-Patienten waren arbeitslos oder Rentner. Sie hatten also bereits relativ wenig Kontakt mit anderen Menschen und unternahmen auch keine Reisen, wie Gouverneur Andrew Cuomo mitteilt. Nur 24 Prozent der Krankenhaus-Patienten waren weiß, 25 Prozent Afro-Amerikaner, 20 Prozent Lateinamerikaner. Und: 96 Prozent hatten eine Vorerkrankung. Mittlerweile sind mehr als 1,22 Millionen US-Amerikaner infiziert.

Ich habe heute viel genäht, unter anderem ein Shirt-Kleid mit der Aufschrift „believe in magic“. Draußen leuchtet ein Super-Vollmond im Sternenhimmel. Im Garten singt lauthals die Nachtigall das uralte Lied von der Sehnsucht nach Liebe und Nähe, das frisch gemähte Gras duftet mit dem Flieder um die Wette – magisches Geschenk der Natur an eine gestresste Seele. Der alte Garten ist herrlich entspannt und kein bisschen panisch…

7. Mai: Das Robert-Koch-Institut, vertreten durch Vizepräsident Lars Schaade, teilt mit, dass es seine Corona-Briefings nun ganz einstellt, warnt vorher aber noch vor einer zweiten Welle. Die Antipathie zwischen den Zuschauern und Professor Wieler beruht offensichtlich auf Gegenseitigkeit. Zwei CDU-Hinterbänkler aus dem rheinland-pfälzischen Landtag empören mit dem Vorschlag, Menschen, die sich nicht an ein Quarantäne-Gebot halten, eine elektronische Fußfessel anzulegen. Die Bundesliga hat sich festgelegt: Am 16. Mai geht es wieder los. 54 Prozent der Bundesbürger sind für mehr Lockerungen, 41 dagegen, hat der ZDF-Deutschlandtrend ermittelt. In der selben Umfrage geht Söder vor Merz, Laschet und Röttgen als aussichtsreichster kommender CDU-Vorsitzender hervor; sein Corona-Management hat gefallen. 39 Prozent für die Union – bester Wert seit August 2017 – auch hier ein Kompliment der Wähler. Die SPD kann nicht profitieren: 16 Prozent. Geschlagene 9 Milliarden Euro will die Lufthansa vom Staat haben – der verlangt dafür 25,1 Prozent der Anteile, Mitsprache und dass keine Dividenden ausgezahlt werden. Zwei Tage nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts gibt sich die EZB entschlossen, ihre Hilfsmaßnahmen zur Bewältigung der Viruskrise nötigenfalls auszubauen. Im Bundestag hat das Verfassungsgerichtsurteil zur EZB-Staatsanleihenkäufen unterdessen eine hektische Debatte ausgelöst, wie die eingeforderte Prüfung der Aktivitäten der Europäischen Zentralbank umgesetzt werden kann.

Das Dossier der „Five Eyes“ genannten Geheimdienstallianz der USA, Großbritanniens, Australiens, Kanadas und Neuseelands, das China der Vertuschung in der Corona-Krise bezichtigt, gibt es möglicherweise gar nicht. Nach Informationen des NDR berichtete der Bundesnachrichtendienst (BND) am Mittwoch den Obleuten des Auswärtigen Ausschusses im Deutschen Bundestag über eigene Erkenntnisse zu China im Rahmen der Corona-Pandemie. Der Nachrichtendienst habe bei den fünf Partnern nachgefragt. Diese hätten daraufhin mitgeteilt, dass man keine Kenntnis von einem gemeinsamen Papier habe. Wer profitiert davon, eine solche Falschinformation in die Welt zu setzen? Dreimal dürfen wir raten. Oder vielleicht viermal? Russland tut alles, um seine eigene Corona-Krise zu verharmlosen. Systemkritische Ärzte fallen dabei auch schonmal aus Krankenhausfenstern. Die Nachbereitung der Krise in den hiesigen Medien hat begonnen. Sie wird noch Jahre dauern – spätestens wenn wir alle die milliardenschweren Hilfen bezahlen müssen. Man wird sich an millionenschweren Betrug bei den Corona-Hilfen erinnern. Auch Absurditäten werden im weltweiten Gedächtnis bleiben, wie etwa Frauen, die gezwungen werden, mit einer Maske im Gesicht zu gebären. Der italienische Fotograf Allesandro Gandolfi hat das eindrucksvoll dokumentiert.

Mein Schwager ist sauer: Er wäre jetzt auf Teneriffa – super Angebot für zwei Personen und 16 Tage. Tja. Viele Menschen bangen zurzeit um ihren Sommerurlaub. Ein deutscher Wissenschaftler hat in Frankreich ein Konzept erdacht, das über rote und grüne Zonen wenigstens teilweise Urlaub möglich machen wird. Vorerst hat die Grande Nation aber beschlossen, ihre Grenzen bis mindestens 15. Juni dicht zu halten. Hier haben wir für drei Tage wieder warme Mittelmeerluft. Dann kommen erstmal die Eisheiligen. Die Falken, die auf dem höchsten Baum im Garten brüten, füttern emsig ein lauthals schreiendes Küken. Die Menschen direkt unter ihnen stören sie nicht.

8. Mai: Heute vor 75 Jahren endete der zweite Weltkrieg. Ein besonderes Datum in besonderen Zeiten, das besonders zum Nachdenken über Leben oder Tod manchen Gedankenguts anregt… Das Statistische Bundesamt hat eine vorläufige Auswertung der Sterbezahlen der letzten vier Jahre vorgelegt. In der 13. und 14. Kalenderwoche wurde eine Steigerung im Vergleich zu den Jahren 2016 bis 2019 verzeichnet. Die Abweichung der Sterbefallzahlen nach oben ist in der 15. Kalenderwoche mit knapp 2 000 Fällen beziehungsweise 11 % über dem vierjährigen Durchschnitt am größten. Betrachtet man allerdings die Kurven als Ganzes, scheinen bisher nur begrenzte Abweichungen zu verzeichnen: Bis KW 10 lag die Sterblichkeitsrate 2020 deutlich unter dem Durchschnitt. 2018 gab es offenbar einen extremen Grippewellen-Peak, der in der Öffentlichkeit gar nicht beachtet wurde. Wie es 2020 letztlich endet, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen. Das Amt unterhält auch eine Sonderseite Corona mit weiteren Informationen.

In drei Kreisen in Deutschland wurde heute die Grenzzahl von 50 Infizierten pro 100 000 Einwohner überschritten. Nur der Kreis Coesfeld hat reagiert und die Lockerungen um eine Woche zurückgestellt. 300 rumänische Werkvertragsarbeiter von Müller Fleisch in Pforzheim haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Die Leute sind unter unwürdigen Bedingungen eng beisammen untergebracht. Im Landkreis Coesfeld liegt eine Fleischfabrik des Unternehmens Westfleisch, in dem nach einem Ausbruch umfangreich getestet wurde. Dabei stellten sich 129 Mitarbeiter als infiziert heraus, 13 von ihnen kamen ins Krankenhaus. Es gibt immer mehr Ärger an den innereuropäischen Grenzen. Die Anwohner fordern vehement Öffnungen. Im ZDF sieht man einen wütenden Außenminister von Luxemburg, der darauf hinweist, dass ein deutsches Polizeiauto auf der Brücke von Schengen Gefühle wecke, die man in Europa schon fast vergessen geglaubt habe. Deutschland sei der stärkste Staat in der EU und habe eine Vorreiterrolle zu spielen, erklärt er. Innenminister Seehofer hält jedoch daran fest, dass Kontrollen zunächst weiterhin nötig seien. Laut einer französischen Studie gab es schon im November erste Hinweise auf das Virus in Europa.

Die Arbeitslosenquote in den USA ist im April auf 14,7 Prozent gestiegen – der höchste Wert seit 1948. 20,5 Millionen Arbeitsplätze gingen allein im April verloren. Besonders betroffen ist das Gastgewerbe. Eine Studie in den USA hat herausgefunden, dass Vitamin D bei der Bewältigung der Infektion offenbar besonders hilfreich ist. Drei Tage nach dem Karlsruher Urteil zu den Anleihekäufen der EZB hat Notenbankchefin Christine Lagarde die EU-Staaten aufgefordert, in der aktuellen Krise finanziell zusammenzustehen. Niemand sei Schuld an der aktuellen Coronakrise. Daher müsse jedes Land den Spielraum haben, um angemessen darauf zu reagieren. „Das unterstreicht, weshalb eine gemeinsame finanzpolitische Reaktion Europas so nötig ist“, sagte Lagarde. Nach einem Bericht der Agentur Reuters prüfen EZB-Experten angesichts der Coronakrise Insidern zufolge auch den Ankauf von Unternehmensanleihen mit Ramschstatus durch die Euro-Notenbank.

Ich habe so eine Angst, unter der blöden Maske keine Luft zu bekommen, dass ich nicht einkaufen war. Statt dessen habe ich diese Klarsichtteile mit der 3D-Drucker-Halterung bestellt. Damit wird es dann hoffentlich endlich gehen. Aber eigentlich muss ich auch nicht einkaufen. Ich könnte wochenlang von meinen Vorräten leben.

10. Mai: Einen Tag vor den Lockerungen ist die R-Zahl auf 1,13 gestiegen. Das hat auch mit den vielen Infektionen unter den rumänischen Arbeitern deutscher Fleischfabriken zusammen, deren Unterbringung endlich ins öffentliche Bewusstsein kommt. Aber es gibt kein Halten mehr – zumal inzwischen Tausende in den großen Städten gegen die Beschränkungen protestieren. Einen Protestbrief haben sogar internationale Kleriker – Gegner des amtierenden Papstes – verfasst. In dem umstrittenen Papier heißt es unter anderem: „Es sind Tatsachen, dass unter dem Vorwand der Covid-19-Epidemie in vielen Fällen unveräußerliche Rechte der Bürger verletzt und ihre Grundfreiheiten unverhältnismäßig und ungerechtfertigt eingeschränkt wurden, einschließlich des Rechts auf Religionsfreiheit, freie Meinungsäußerung und Freizügigkeit“. Man habe Grund zu der Annahme, „dass es Kräfte gibt, die daran interessiert sind, in der Bevölkerung Panik zu erzeugen“. Auf diese Weise wollten sie dauerhaft „Formen inakzeptabler Freiheitsbegrenzung und der damit verbundenen Kontrolle über Personen und der Verfolgung all ihrer Bewegungen! durchsetzen. „Diese illiberalen Steuerungsversuche sind der beunruhigende Auftakt zur Schaffung einer Weltregierung, die sich jeder Kontrolle entzieht.“ Zu den Unterzeichnern gehört auch der deutsche Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Die deutsche Bischofskonferenz distanziert sich von dem Schreiben.

Je mehr Öffnung, desto mehr Chaos in den Schulen. Die Landesregierungen überlassen es den Einrichtungen weitgehend selbst, für Sicherheit und Hygiene zu sorgen – man kann auch sagen, sie lassen sie allein. Und eine maßlos inkompetente Bildungsministerin ist abgetaucht. Der TÜV hat chinesische Schutzmasken überprüft und – wie zuvor auch Prüfinstitutionen anderer Länder – jede Menge Schrott gefunden. Jetzt soll ein Gütesiegel her. Der Bedarf an selbstgenähten Masken ist weitgehend gedeckt – in den Facebookgruppen werden massenweisse nicht mehr benötigter Stoff und Gummi zum Kauf angeboten. Der Klopapier-Absatz ist auf ein unterdurchschnittliches Niveau abgesackt.

Die Nachrichtenagentur Reuters hat 48 afrikanische Staaten zum Thema Corona befragt und veröffentlicht einen ausführlichen Bericht, in dem die erwartete schwierige Lage dokumentiert ist: Kaum Tests, kaum Möglichkeiten, medizinisch adäquat auf eine Pandemie zu reagieren. Europa könnte ein Verfahren gegen Deutschland eröffnen, weil EU-Recht über deutschem Recht stehe, teilt ebenfalls Reuters mit. Das wird ein Machtkampf, auf den manche schon lange warten. Dabei könnte der Schuldenberg, den Europa in der Pandemie zusätzlich angehäuft hat, auch noch krasser gelöst werden: Durch einen Schuldenschnitt beispielsweise. Heiße Zeiten kommen auf uns zu.

13. Mai: Erst heute die Zeit gefunden, das Papier von Stephan Kohn zu lesen. Der Mitarbeiter des Innenministeriums, der inzwischen von seinem Posten entfernt wurde, hat veritable Whistleblower-Arbeit geleistet, über die noch ausführlich zu reden sein wird. Er listet unglaubliche, schwerwiegende Fehler im Innenministerium und im Handeln der gesamten Bundesregierung auf. Um seine Analyse anzufertigen, hat er neun Mediziner und einen Sozialwissenschaftler als externe Experten befragt. Diese wundern sich in einem gemeinsamen Schreiben ausdrücklich über die Reaktion des Innenministeriums, das sich von der Analyse distanziert hat, und die Entfernung des „couragierten Mitarbeiters“. Hier ist ein ausgewachsener Skandal, und was passiert: Die Medien versuchen, Kohns brisante Aussagen zu verharmlosen. Selbst Magazine wie der Spiegel nennen alle Andersdenkenden Irre und Verschwörungstheoretiker. Mir wird jeden Tag ein Stück mehr klar: Eine Demokratie ist nur so lange eine Demokratie, wie alles gut läuft. Gibt es ernste Probleme, lernt man Freund und Feind kennen. So geht es im Übrigen auch mit den lieben Verbündeten auf der anderen Seite des Atlantik: Sanofi hat mitgeteilt, dass die USA dafür gezahlt haben, einen möglichen Impfstoff als erste zu bekommen. In den USA tritt vermehrt eine mysteriöse Kinderkrankheit im Zusammenhang mit dem Virus auf: Es entstehen schwere Entzündungen kleiner und mittlerer Arterien.

Der Druck der Grenzanlieger zeigt langsam Wirkung: Die Übertritte von Deutschland zu den westlichen Nachbarn werden deutlich erleichtert. Mitte Juni sollen sie ganz wegfallen. Die Reisebranche hofft verzweifelt auf einen wenigstens noch teilweise stattfindenden Urlaubs-Sommer. Tui kündigt schonmal an, 7 000 von 80 000 Mitarbeitern zu entlassen, während es für die vielen tausend Reisebüros in Deutschland bisher keinerlei Hilfe gibt. Streit, wohin man schaut: USA und China verhindern bisher eine Corona-Resolution des UN-Sicherheitsrates. Aus einer spanischen Studie geht hervor, dass rund fünf Prozent der Bevölkerung das Virus in sich tragen, das sind zehnmal so viele Menschen, wie die bisherigen Testergebnisse vermuten ließen. Die EU-Kommission will ein Wiederaufbau-Paket von bis zu zwei Billionen Euro schnüren. In dem ganzen Corona-Chaos geht völlig unter, dass in Ostafrika noch immer Milliarden von Heuschrecken den Menschen die Ernte wegfressen und sich eine riesige Hungernot anbahnt. Ich schiebe Frust.

14. Mai: Peter Michael Huber, als Berichterstatter im Zweiten Senat für das Verfahren zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank zuständig, hat sich gegen den Vorwurf verwahrt, das Urteil schädige die europäische Rechtsordnung. Die Europäische Union sei nun mal kein Bundesstaat, das Unionsrecht habe keineswegs absoluten Vorrang vor den Rechtsordnungen der Mitgliedstaaten, sagt Huber der „Süddeutschen Zeitung“ (Mittwochsausgabe). „Der Satz der Kommissionspräsidentin von der Leyen, das Europarecht gelte immer und ohne jede Einschränkung, ist, so gesehen, falsch“, sagt er. Die Quarantäne-Regeln sollen bei Einreise aus EU-, bzw. Schengen-Staaten aufgehoben werden.

Wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete, wurden nach einem lokalen Virusausbruch Zug- und Busverbindungen aus der nordostchinesischen Stadt Jilin (1,49 Millionen Einwohner) gestoppt. Mit neuen Erkrankungen kämpft auch die Millionenmetropole Wuhan, das einstige Epizentrum des Corona-Ausbruchs. Die zentralchinesische Stadt will Medienberichten zufolge sämtliche ihrer elf Millionen Einwohner in Rekordzeit einem Coronavirus-Test unterziehen. Das französische Biotechunternehmen Abivax entwickelt ein neues Medikament gegen das Coronavirus. Klinische Tests mit über 1000 Patienten in Frankreich, Deutschland, Italien, Belgien und Spanien sollen in den nächsten Tagen und Wochen starten.  Hartmut Ehrlich, CEO von Abivax, sagt: „Wir wollen zeigen, dass unser Mittel ABX464 das Coronavirus im Körper abtötet und gleichzeitig gegen durch Corona ausgelöste Entzündungen hilft sowie zerstörtes Gewebe wieder heilen kann.“

Heinz Hermann Thiele ist einer der zehn reichsten Deutschen und Mehrheitsaktionär bei Knorr-Bremse. Ende März stieg der Milliardär zudem bei Lufthansa ein – und ist nun der größte Einzelaktionär der Fluglinie. Ein Investment, das laut Experten zu diesem Zeitpunkt nur Sinn macht, wenn man auf die Lufthansa-Rettung durch den Staat spekuliert. Die TV-Sendung Panorama zeigt beispielhaft auf, wie sich Großaktionäre an den Miliardenhilfen der Regierung bereichern. Sehr unsympathisch. Im Bundeshaushalt wird ein 100 Milliarden-Loch erwartet, und Vermögensabgaben sind im Gespräch. „Wir brauchen endlich wirksame Regeln, welche den Fußball zurück zu den Menschen bringen, die ihn lieben und ihn überhaupt erst so populär gemacht haben“, erklären die „Nordwestkurve“-Fans der Eintracht Frankfurt. Der derzeitige Fußball in Deutschland sei „Spekulationsobjekt“ und „reine Geldmaschinerie“. Der deutschen Profibereich müsse neu ausgerichtet werden. Endlich, denke ich, sagen mal Fans ihrem Verein Bescheid.

Wegen massiver Hacker-Attacken auf deutsche Forschungsunternehmen, die sich mit Corona beschäftigen, werden Chinesen verdächtigt. China habe das Coronavirus im November „wahrscheinlich in diesem Waffenlabor in Wuhan“ erschaffen, sagte Donald Trumps Handelsberater Peter Navarro am Donnerstag dem Sender Fox News. Anschließend habe das Land das Virus „zwei Monate lang hinter dem Schutzschild der Weltgesundheitsorganisation versteckt“, Schutzausrüstung aus aller Welt „aufgesaugt“ und „gehortet“, Menschen getötet und schließlich Profit aus der Krise geschlagen. „Jetzt versuchen Hacker der chinesischen Regierung, Informationen über die Impfung zu stehlen, damit sie sie zuerst herstellen können.“ Die Nierenexperten, Mikrobiologen und Rechtsmediziner des Universitätsklinikums Eppendorf analysieren in ihrer Studie die Autopsieergebnisse von 27 an einer Sars-CoV-2-Infektion Verstorbenen. Konkret konnten die Wissenschaftler den Erreger in der Lunge, im Rachen, im Herz, in der Leber, im Gehirn und in den Nieren nachweisen. Die höchsten Konzentrationen des Virus pro Zelle fanden sie in den Atemwegen, gefolgt von Niere, Herz, Leber, Gehirn und Blut. Besonders die Nieren seien stark gefährdet, und man müsse unbedingt für genug Dialysegeräte sorgen. „Aktuell gibt es in Deutschland offiziell 16.300 Menschen die mit Corona infiziert sind, bei einer Bevölkerung von 83.020.000.

15. Mai: Nach vorläufigen Ergebnissen sind in der 16. Kalenderwoche (13. bis 19. April 2020) in Deutschland mindestens 18 693 Menschen gestorben. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, sind die Sterbefallzahlen damit im Vergleich zur Vorwoche (6. bis 12. April) um 1 343 Fälle gesunken, sie liegen jedoch noch immer etwa 8 % über dem Durchschnitt der Jahre 2016 bis 2019. Im europäischen Vergleich ist das Ausmaß der sogenannten Übersterblichkeit in Deutschland vergleichsweise gering. Das nationale Statistische Amt Italiens (Istat) berichtet beispielsweise von einer um 49 % erhöhten Sterbefallzahl für den März 2020 im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 2015 bis 2019. Für den Ballungsraum Stockholm meldet das nationale Statistische Amt Schwedens (SCB) für die Kalenderwochen 14 bis 16  sogar doppelt so hohe Sterbefallzahlen wie im Durchschnitt dieser fünf Vorjahre. Auch aus Belgien, Frankreich, Großbritannien den Niederlanden, Österreich, der Schweiz und Spanien werden erhöhte Sterbefallzahlen gemeldet. Dagegen werden für Norwegen und Tschechienkeine auffälligen Veränderungen aufgezeigt.

Göttinger Mediziner haben herausgefunden, dass man schon Tage vor einer lebensgefährlichen Verschlimmerung der Infektion mit Covid 19 die Anzeichen dafür im Urin finden kann. Der französische Pharmariese Sanofi hat Stress mit der Regierung bekommen und tritt von seiner Aussage zurück, dass die USA als erste von einem möglichen Impfstoff profitieren werden. Donald Trump sieht die Entwicklung eines Impfstoffs als größte Anstrengung nach dem zweiten Weltkrieg. Die deutschen Politiker werden sich langsam darüber bewusst, was für eine Kostenwelle auf uns zu rollt: Um knapp 82 Milliarden Euro brechen die Steuereinnahmen in diesem Jahr im Vergleich zu 2019 ein, bis 2024 müssen Bund, Länder und Kommunen nach jüngster Schätzung mit gut 315 Milliarden Euro weniger auskommen als angenommen. Dem gegenüber stehen laut Finanzministerium Kosten von etwa 453 Milliarden Euro für Corona-Hilfspakete allein in diesem Jahr, dazu kommen Garantien über mehr als 800 Milliarden Euro. Streit ist programmiert. Heute hat er schon begonnen: Teile der CDU stellen die eigentlich schon beschlossene Grundrente wieder in Frage.

Die EU-Länder sehen die Finanzlage völlig anders: Sie befürchten Wettbewerbsverzerrungen, weil Deutschland seine Wirtschaft viel stärker stützt, als es alle anderen Staaten können. So könnte die deutsche Wirtschaft von der Krise durch den Wettbewerbsvorteil auch noch profitieren. Ein hochrangiger Vertreter der spanischen Regierung sagt dazu: „Deutschland hat haufenweise Geld, um seine Unternehmen bei Bedarf zu finanzieren“, sagt er. „Das Mindeste, was wir tun können, ist zu verlangen, dass es sich solidarisch zeigt.“ China ist zunehmend genervt von den ständigen Beschimpfungen und Drohungen aus Washington und arbeitet an konkreten Gegensanktionen. Dazu gehört, große US-Firmen auf die „Liste unzuverlässiger Unternehmen“ zu setzen.

Heute ist der letzte Tag der Eisheiligen. In Zukunft können wir mit frostfreien Nächsten rechnen, mein Zimmerpflanzen-Urwald kann also in den Garten verlagert werden. Das wird mich ablenken von den jüngsten Schock-Forderungen des Finanzamtes. Es ist zum Schreien: Großen Konzernen wird umso mehr Geld in den Rachen geworfen, je unverschämter sie auftreten. Die Kleinen sind transparent bis auf die Knochen und werden gnadenlos geschröpft.

17. Mai: Weder Baumwollmasken noch chirurgische Masken sind eine sichere Barriere für SARS-CoV-2, wenn ein Patient mit COVID-19 hustet. Dies zeigen aktuelle Experimente in den Annals of Internal Medicine. Das wussten wir vorher schon, als die Politik uns eingehämmert hat, dass Masken keinen Sinn machen – bevor sie ihre Meinung änderte und uns zum Tragen zwang. In insgesamt 50 Ländern herrscht inzwischen Maskenpflicht. Nichtbefolgen wird teilweise drastisch bestraft: In Katar zum Beispiel mit bis zu drei Jahren Haft. Im Tschad drohen bei Verstößen gegen die Maskenpflicht bis zu 15 Tage Haft, in Marokko bis zu drei Monate. Zurzeit entwickelt sich Brasilien zum nächsten Zentrum des Ausbruchs. Regierungschef Bolsonaro hatte die Gefahr lange verharmlost. Seitdem sind zwei Gesundheitsminister deswegen zurück getreten. US-Präsident Trump, der alles dafür tut, die USA als erste in Besitz eines Impfstoffs zu bringen, spricht doppelzüngig davon, dass es jetzt nicht um nationale Egos gehen dürfe.

Der Paketzusteller DPD hat einen Standort im Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen wegen eines Corona-Ausbruchs vorübergehend geschlossen. Bislang seien 42 Beschäftigte positiv auf das Virus getestet worden, erklärte ein Unternehmenssprecher am Samstag. Es seien aber noch nicht alle Proben ausgewertet worden. Alle 400 Mitarbeiter aus dem Standort in Hückelhoven sind demnach in zweiwöchiger Quarantäne. Der Außenminister erklärt, die Chancen stehen gut, dass die Bundesbürger im Sommer auch im Ausland Urlaub machen können. EU-Justizkommissar Didier Reynders ist dagegen skeptisch. Warten wir es ab – etwas anderes bleibt ohnehin nicht übrig.

Weltweit steigt die Zahl der Infektionen noch immer an – auf inzwischen 4 702 603 bestätigte Fälle. 1 484 804 davon wurden in den USA registriert, 281 752 in Russland, 244 995 in Großbritannien, 236 131 in Brasilien, 230 698 in Spanien, 225 435 in Italien, 179 693 in Frankreich, 176 369 in Deutschland, 149435 in der Türkei, 120 198 im Iran. Da viele, besonders ärmere Länder kaum testen und einige Staaten versuchen, die wahre Zahl der Infektionen geheim zu halten, ist den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität jedoch nicht zu trauen. Weltweit wurden 314 950 Sterbefälle in Verbindung mit dem Virus gezählt. 1 722 804 Menschen haben sich bereits wieder erholt.

18. Mai: Nun also doch: Die EU soll ein Wiederaufbau-Paket für die Corona-geschädigten Länder in Höhe von 500 Milliarden Euro auflegen, haben Bundeskanzlerin Merkel und der französische Präsident Macron vorgeschlagen. Die EU soll 500 Milliarden Euro an den Finanzmärkten aufnehmen und dieses Geld als Zuschuss, nicht also als rückzahlbaren Kredit, an die am stärksten von der Krise getroffenen Regionen und Branchen weiterreichen. So jedenfalls wirkt es de facto, wenn die „Schulden“, die nun doch gemacht werden, erst über Jahrzehnte hinweg zurückgezahlt werden. Auch der deutsche Anteil an dem 500-Milliarden-Fonds von 135 Milliarden Euro würde über einen entsprechend langen Zeitraum gestreckt. Die EU-Kommission muss noch zustimmen. Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank, findet das natürlich gut: „Die Vorschläge der Kanzlerin und des Präsidenten sind ehrgeizig, gezielt und willkommen. Sie öffnen den Weg zu langfristigen Anleihen der EU-Kommission und erlauben es, umfangreiche direkte Hilfen des EU-Haushalts zugunsten der am stärksten von der Krise betroffenen Staaten zu leisten.“ Zum Widerspruch der Bundesbank gegen das Programm, das unter der Abkürzung PSPP bekannt ist und zurzeit Zukäufe von Staatsanleihen für monatlich 20 Milliarden Euro vorsieht, sagt die ehemalige Präsidentin des Internationalen Währungsfonds: „Nach dem Vertrag müssen alle nationalen Zentralbanken in vollem Umfang an den Entscheidungen und der Durchführung der Geldpolitik des Euro-Währungsgebiets teilnehmen.“ Damit werden nun alle Befürchtungen der Anlieger bei Gründung der EZB Wirklichkeit.

Geradezu grotesk mutet eine Sammelklage in den USA vor einem dortigen Gericht gegen China an: 20 Billionen Dollar wollen die Kläger als Entschädigung für Corona-Schäden erstreiten. Das ist mehr als das Bruttosozialprodukt des Asiatischen Wirtschaftsgiganten. Geht das wieder so aus, wie schon oft? Ein US-Gericht oder die Regierung erklären irgend etwas als Recht – zugunsten ihrer eigenen Interessen – und bauen dann kriegerische Auseinandersetzungen auf Basis dieses „Rechts“ auf? Solche Dinge gehören, wenn überhaupt, vor ein internationales Gericht. Selbstredend hat China alle Vorwürfe der USA zurück gewiesen. China hat passend zum Beginn der heutigen Hauptversammlung der WHO angekündigt, zwei Milliarden extra zu geben, um Finanzierungslücken der Organisation zu schließen. Wäre das Thema nicht so traurig, müsste man über diesen Kindergarten lachen.

Das US-Unternehmen Moderna und Schweizer Pharmafirma Lonza treffen Vorbereitungen, einen neuen Impfstoff gegen Covid 19 in großen Mengen herzustellen. Die Wall Street reagiert begeistert. Twitter ist voll der Nachrichten über den US-Präsidenten, der seit zehn Tagen das Malaria-Mittel Hydroxychloroquin prophylaktisch gegen das Virus einnimmt, obwohl es starke Nebenwirkungen haben soll. Ebenso voll sind die Medien unisono mit einem neuen Begriff: Andersdenkende in Sachen Corona heißen nicht mehr Verschwörungstheoretiker, sondern Verschwörungserzähler. Solche Gleichschaltung in den Begriffen verstärkt das inzwischen breit vorhandene Misstrauen in der Bevölkerung noch mehr. Dieses Misstrauen laut zu äußern kann man niemandem mehr raten, denn es wird Folgen haben: Joseph Wilhelm, Chef der Biokostanbieter Rapunzel und Zwergenwiese (Bild oben), sorgt mit „Verschwörungsmythen“ rund um das Coronavirus  für stark herabwürdigende Berichterstattung über sich selbst und sein Unternehmen. Eine erste Handelskette hat daher die Produkte der Firma aus den Regalen genommen. Auf Twitter ist ein Shitstorm über Wilhelm hereingebrochen.

Nachdem am Wochenende in den Großstädten Tausende gegen die Beschränkungen demonstriert haben, werden sie querbeet von allen Medien als Verwirrte bezeichnet. Ganz vorn dabei: der Spiegel. Unter die Demonstranten haben sich auch Radikale verschiedenster Couleur gemischt. Aber auf die Ängste der Normalbürger, die auf der Straße sind, wird nur unzureichend eingegangen. Immerhin hat die Bundesregierung betont, ein Impfzwang gegen Covid 19 sei nicht beabsichtigt. Braucht man ja auch nicht, wenn man einen Immunitätsausweis einführt… Dutzende auf die Auswertung von Datensätzen spezialisierte Journalistinnen und Journalisten fordern vom Robert Koch-Institut (RKI) eine Art Super-Datenbank zu Corona – auch, um Verschwörungsphantasien eindeutige Fakten entgegenzusetzen.

19. Mai: Heute erst gelesen: Ohne eine rechtsstaatlichen Prinzipien genügende Begründung beschloss der Bundestag mit dem zweiten Pandemieschutzgesetz, dass künftig u.a. bundesweit personenbezogene Daten von nicht infizierten Bürgern nach erfolgter negativer Testung (SARS-CoV und SARS-CoV-2) staatlich erfasst und an das Gesundheitsminister Spahn unterstellte Robert-Koch-Institut weitergeleitet werden müssen (Spahn will auch Daten von Nicht-Infizierten). Trotz erheblicher rechtlicher Bedenken, vorgetragen durch den Bundesbeauftragten für den Datenschutz und die Informationsfreiheit, Professor Ulrich Kelber – einer Koryphäe auf seinem Gebiet – wurde das Gesetz im Eiltempo durch das Parlament gebracht. Kelber zieht ein vernichtendes Fazit: „Die Ausführungen in der Begründung lassen nicht ansatzweise erkennen, auf welcher Grundlage hier in die Grundrechte einer eklatanten Anzahl von Betroffenen eingegriffen werden soll. Die dürftigen Angaben in der Begründung deuten darauf hin, dass eine rein statistische Erfassung den Zweck ebenso erfüllen würde. Eine Abwägung mit dem Persönlichkeitsrecht der Bürgerinnen und Bürger findet nicht statt. Offenbar wird hier verkannt, dass nach der Datenschutz-Grundverordnung auch bei Pseudonymisierung datenschutzrechtliche Maßgaben zu berücksichtigen sind… Eine generelle, bundesweite Meldepflicht für Nicht-Infizierte… ist nicht gerechtfertigt… Es entsteht der Eindruck, als solle im Zuge der aktuellen Pandemie ein (weiteres) bundesweites verpflichtendes staatliches klinisches Register eingerichtet werden. Hierfür gibt es allerdings keine datenschutzrechtlich tragfähige Grundlage.“

122 Staaten richteten heute einen Antrag an die WHO, wonach sich eine unabhängige Untersuchung mit dem Corona-Ausbruch beschäftigen soll. Die Koalition, getragen von Australien, der EU und Russland, verärgert China. Die USA sind nicht an Bord. Die Untersuchung soll so schnell wie möglich eingeleitet werden. Doch der Widerstand Chinas gegen den Vorstoß war offenbar stark. So wurde der Antrag so abgeändert, dass China nicht mehr in Zusammenhang mit dem Corona-Ausbruch genannt wird. Die WHO plant eine unabhängige Überprüfung des Umgangs mit der Coronavirus-Pandemie. Sie solle zum frühestmöglichen Zeitpunkt starten, kündigte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus an. Donald Trump setzte seine Drohungen gegen die Weltgesundheitsorganisation fort: Sollte sich die WHO innerhalb der kommenden 30 Tage nicht zu „wesentlichen Verbesserungen“ verpflichten, werde er die US-Zahlungen an die Organisation endgültig einstellen und die Mitgliedschaft der USA in der Organisation überdenken, heißt es in einem Schreiben Trumps an Tedros Adhanom Ghebreyesus. Es gehe dem US-Präsidenten lediglich darum, Chinas Reaktion auf die Pandemie zu verunglimpfen, von der „eigenen unzureichenden Reaktion“ der USA abzulenken und sich vor den Verpflichtungen seines Landes gegenüber der WHO zu „drücken“ sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Peking dazu.

Ich war heute erneut unterwegs in Sachen Nachhilfe. Nach vier Tagen Schule hat die Tochter meiner Freundin jetzt wieder erstmal drei Wochen frei. Bis zu den Sommerferien sind es überhaupt nur noch sechs Schultage, Da wird zwar Bildende Kunst und Musik unterrichtet, nicht aber französisch. Die Jahresendnote, so erfuhr das Mädchen, werde sich zusammensetzen aus der Note des Halbjahreszeugnisses, den vor der Krise geschriebenen Arbeiten und der Qualität der eingereichten Hausarbeiten. Vokabeln hat sie immer noch nicht gelernt. Dafür warten seitenweise Aufgaben auf uns; teilweise auch gleich mit den Lösungen. Also werden die erstmal erledigt, damit sie fotografiert und per Mail abgegeben werden können. Der Opa hat sich erbarmt und ein neues Laptop finanziert. Das Teil mit dem Drucker kabellos zu verbinden, hat uns auch noch geraume Zeit gekostet. In den nächsten Tagen werde ich im heimischen Garten schöne und warme Frühlingstage genießen. Der junge Falke ist flügge, genauso groß wie seine Eltern und schreit immer noch wie am Spieß nach Futter. Heute sind die jungen Meisen aus dem Nistkasten neben der Haustür ausgeflogen – verfolgt von den glühenden Augen der Miezen. Der ganze Garten ist voller Jungvogel-Gepiepse, und der große alte Ahorn, der gerade blüht, brummt wie ein riesiger Bienenkasten. Ich bin einmal mehr dankbar für das Geschenk der Natur um mich herum. Sie verrät niemanden, sie mobbt nicht und sie erfindet nur nützliche Zwänge. Sich in ihr aufzuhalten beruhigt Leib und Seele.

26. Mai: Ich bin so Covid19-müde. Selten ist es mir so schwer gefallen, einen Text fortzuführen. Aber ich will mich erinnern können, muss also weiter schreiben. Thüringen will die Corona-Lockerungen nicht mehr landesweit koordinieren, sondern den Gesundheitsämtern der Kreise überlassen – was angesichts sehr niedriger Infektionszahlen sinnvoll erscheint. Trotzdem erregen sich alle Profilneurotiker lauthals. Sogar die Kanzlerin meldet sich zu Wort und besteht auf Mundschutz und Sicherheitsabstand. Darum ging es gar nicht, aber egal: Hauptsache, irgendwas wichtiges zum Thema beigetragen… Ähnlich geht es unter den Wissenschaftlern zu. Professor Schreeck erwartet keine zweite Welle, Professor Drosten ist der Mahner vom Dienst. Jetzt hat die Bild Wissenschaftler zitiert, die behaupten, Drostens Studie zu Kleinkindern als stark viruslastig sei falsch. Der, inzwischen mehr als dünnhäutig, beschwert sich über tendenziöse Berichterstattung. Die zitierten Wissenschaftler dementieren, von der Bild befragt worden zu sein, nicht jedoch die ihnen in den Mund gelegten Aussagen. Was für ein Affentheater! Es gab mehrere neue Infektionscluster. Eine Fleischfabrik an der holländisch-deutschen Grenze wurde geschlossen. Eine Frankfurter Baptistengemeinde hat vor zwei Wochen einen Gottesdienst gefeiert, in dem ohne Mundschutz gemeinsam gesungen wurde. Anschließend waren 107 Menschen infiziert, weitere Infektionen werden erwartet. Schuld sind die Aerosole. Das ist sehr feiner Sprüh-Staub, der beim einfachen Sprechen entsteht und im Gegensatz zu Tröpfchen, die beim Husten oder Niesen entstehen, minutenlang in der Luft verweilen kann. Auch darin sind Viren enthalten, soviel ist sicher. Darin, wie ansteckend diese sind, sind sich die Wissenschaftler nicht sicher. Es geht mir alles nur noch auf die Nerven. Das Leben an sich ist lebensgefährlich. Mit jedem Schritt, den wir tun, können wir tödliche Fehler begehen. Aber das war schon immer so, nicht erst seit März 2020.

Das Wetter bewegt sich Richtung Sommer, die nächste Wärmewelle ist im Anmarsch. Meine Zimmerpflanzen sind draußen, die Fenster frisch geputzt. Mehr Hausputz steht an. In den duftenden Frühlingsnächten lausche ich der Nachtigall, die nach wie vor bis zum Morgengrauen singt, und träume von Unerreichbarem. Eines wenigstens scheint in erreichbare Nähe zu rücken: Spanien will im Juli seine Grenzen wieder öffnen. Dann werde ich, wie es aussieht, das Meer doch noch wieder sehen.

26. Mai: Zwei Monate schreibe ich jetzt schon an diesem Text – mit zunehmenden Ärger und fortschreitender Desillusionierung. Heute wieder Telefonkonferenz der Länder mit Angela Merkel. Die Kanzlerin ist endgültig zur Zuschauerin degradiert. Einzige Gemeinsamkeit bei den Beschlüssen: Die Kontaktbeschränkungen werden bis Ende Juni fortgesetzt. Die Gruppen dürfen größer werden, die Zahl der beteiligten Haushalte auch. Alles andere bleibt wie gehabt unübersichtlich: Die Länder regeln die Dinge nach jeweiligem Augenmaß und den vorhandenen Möglichkeiten. Alle sind bestrebt, Sommertourismus zu ermöglichen. Weniger gut sind die Aussichten für Schulen, Kindergärten und Tagesstätten: Man kann nur hoffen, dass den Herrschaften wenigstens für den Herbst etwas zur Rückkehr zum Regelbetrieb einfällt. Ich war heute wieder zur Nachhilfe und habe nach kurzer Zeit abgebrochen: Ohne Vokabeln zu lernen, wird aus dem Unternehmen nichts. Ich bin doch nicht dafür da, dem Kind seine Hausaufgaben zu machen, damit es seine Note noch auf vier bringen kann, auch wenn meine Freundin das noch so gern möchte. Man merkt, wie sich die Monate ohne Schule auswirken: Die gesamte Disziplin bricht zusammen – bis hin zu Kleidung und Körperpflege. Bei Kritik gibt es Tränen, aber keine Verbesserung; egal wie freundlich die Kritik verpackt ist. Ich bin genervt und fühle mich benutzt.

Im TV heute ein langer Bericht dazu, wie die Versicherungen die Gastronomie prellen: Betrieben, die sich im Wortlaut gegen verordnete Schließungen auf Basis des Pandemiegesetzes versichert haben, werden Auszahlungen mit der Begründung verweigert, dass der Name des Virus nicht im Vertrag benannt sei. Dann versuchen große Unternehmen, wie etwa die Allianz, einen Vergleich auf Basis von 15 Prozent der Versicherungssumme zu erzielen. Was für eine Unverschämtheit! Ein Vertreter des Versicherungsverbandes erklärt im Interview, wie diese Rechnung zustande kommt: Die Versicherer gehen von 70 Prozent Staathilfen aus. Von den verbleibenden 30 Prozent sind sie bereit, die Hälfte zu zahlen. Aber Beiträge kassieren sie für die ganze Summe. Wohin man schaut: Überall Lug, Betrug und Profitstreben aus Kosten Anderer. Ebenfalls im TV heute Berichte „genesener“ Corona-Kranker. Es zeigt sich, dass die Rekonvaleszenz sehr lange dauern kann, ähnlich wie nach der Virusgrippe. Die Betroffenen beklagen zu Recht, dass niemand nach ihnen fragt. Statt dessen höre man immer nur die Meinung von Virologen.

Und dann diese Nebenbei-Stories, von denen man sonst nie hören würde: In der Ukraine warten hunderte von Neugeborenen auf ihre Eltern aus aller Herren Länder. Sie wurden von Leihmüttern ausgetragen und können jetzt wegen der Reisebeschränkungen nicht abgeholt werden. Oder: Deutschlands Großwildjäger werden ärgerlich, dass sie immer noch nicht nach Afrika fliegen können, um dort Giraffen, Löwen, Nashörner und ähnliche Tiere zu erschießen. Sie halten sich für einen unverzichtbaren Wirtschaftsfaktor auf dem Kontinent; eine Ansicht, die in einer Dokumentation bei Frontal 21 als bestenfalls teilweise richtig entlarvt wird.

Die Lufthansa wird mit sechs Milliarden Steuergeld plus einer Bürgschaft über einen drei Milliarden-Kredit bei der KFW gerettet, der Bund wird stiller Teilhaber mit 20 Prozent der Aktien und einer Option auf mindestens fünf weitere, um notfalls feindliche Übernahmen zu verhindern. Einzige Bedingungen der Regierung: Keine Boni an die Vorstände, keine Dividenden und die Zusage, alle geplanten Anschaffungen an Fluggerät auch umzusetzen. Keinerlei Verpflichtungen dagegen in Richtung Klimaschutz oder Sicherung der Arbeitsplätze. Was für ein trauriger Verein diese Regierung ist. Der Finanzminister weist darauf hin, dass man aus der Bankenrettung etwas gelernt habe: Erreicht die Lufthansa wieder die Gewinnzone, muss sie das Geld zurückzahlen. In Europa gibt es erneut Unmut über die massive Wirtschaftshilfe der Bundesregierung, die den Wettbewerb verzerrt. Die Billigfluglinie Ryanair kündigt eine Klage an. Die EU hat wachsweiche Sicherheitsvorschriften für Flugreisen erlassen: Es müssen Plätze oder Sitzreihen frei gelassen werden, „wenn es die Buchungssituation erlaubt.“ Aber die Familie aus Stuttgart, die in zwei Gruppen unterwegs zum Friedhof war, muss 1000 Euro Strafe zahlen, weil die Menschen in mehreren Haushalten leben. Das ist so richtig typisch für die Politik in Deutschland: Milliarden in den Hals der Großen, genommen aus Taschen der Kleinen. Um das Maß voll zu machen, erinnert der Tagesspiegel heute an Robert Koch, den Wissenschaftler mit den teils mehr als zweifelhaften Methoden, der dem Robert Koch-Institut seinen Namen gab. Ach ja: In Indien gibt es jetzt auch eine Heuschreckenplage. Das sind wirkliche Sorgen.

Keine Lust mehr. Ich will auf die Insel.

27. Mai: Ursula von der Leyen, deutsche Präsidentin der EU-Kommission, arbeitet an ihrem persönlichen Denkmal. In einer Rede voller Pathos hat sie ein Paket vorgestellt, mit dem Europa die sagenhafte Summe von 750 Milliarden (750 000 000 000 !!!) Euro zur Erholung der durch Corona-Lockdowns geschwächten Volkswirtschaften bereit stellen soll. 500 davon sollen als nichts rückzahlbare Zuschüsse, 250 Milliarden als Kredite verteilt werden. Damit stellt die Deutsche den Vorschlag von Angela Merkel und Präsident Macron sogar noch in den Schatten. Das Geld soll am Kapitalmarkt aufgenommen und über Jahrzehnte von den Mitgliedsstaaten gemeinsam getilgt werden. Von der Leyen betonte, dass das Programm zusätzlich zum nächsten siebenjährigen EU-Finanzrahmen für die Jahre 2021 bis 2027 aufgelegt werden soll. Für den Haushaltsrahmen allein schlug sie einen Umfang von 1,1 Billionen Euro vor. Zusammen seien dies also 1,85 Billionen Euro. Hinzu kommt noch das bereits beschlossene Paket an Kredithilfen für Kurzarbeitende, Unternehmen sowie Gesundheitskosten der EU-Staaten im Umfang von 540 Milliarden Euro. „In der Summe würde das unsere Anstrengungen für die wirtschaftliche Erholung auf 2,4 Billionen Euro bringen“, sagte von der Leyen.  Allein knapp 173 Milliarden Euro sind als Zuwendungen und Kredite für Italien reserviert. Spanien könnte bis zu 140 Milliarden Euro bekommen. Für Deutschland sind bis zu 28,8 Milliarden Euro vorgesehen. Jetzt müssen 27 Mitgliedsstaaten von dem Plan überzeugt werden. Dass aus Krediten stammendes Geld als Zuwendung und nicht nur als rückzahlbares Darlehen an Krisenstaaten fließen soll, stößt bei einigen EU-Ländern auf Widerstand. Österreich, die Niederlande, Schweden und Dänemark – sie gelten als die sparsamen Länder – haben gemeinsam Einspruch erhoben und einen alternativen Plan vorgelegt. Der italienische Premier Giuseppe Conte twittert prompt, der Vorschlag der EU sei „ein optimales Signal aus Brüssel“, das genau in die Richtung gehe, die Italien aufgezeigt habe. Die Kommission will gezielt staatliche Investitionen und Reformen unterstützen; die Mittel sollen die Wirtschaft in den Ländern moderner, wettbewerbsfähiger und grüner machen. Regierungen, die nicht mitziehen, erhalten nichts. Ich bin angesichts der schieren Flut von Geld erstmal sprachlos. Wird das den Euro stabilisieren oder wird es ihn endgültig zu Fall bringen?

Die Lufthansa, die doch so dringend Geld braucht, ist nicht einverstanden mit den Bedingungen des staatlichen Rettungspaketes. Der Aufsichtsrat verschiebt die Entscheidung bis zur zur Einberufung einer Sonder-Hauptversammlung. Nicht nur liegen die Kreditzinsen bei 9 Prozent, die Bundesregierung fordert auch eine Rendite ihrer Anteile von 12 Prozent. Außerdem erwartet die EU-Kommission, dass die Lufthansa (man hört von insgesamt 20) wichtige Slots an den Flughäfen Frankfurt und München abgibt, damit mehr Wettbewerb unter den Fluglinien Europas entsteht. Der Aufsichtsrat will nun nach eigenen Angaben Alternativszenarien prüfen. Die Gewerkschaften Ver.di und Ufo unterstützen indirekt die Haltung des Aufsichtsrats. Bei Ver.di heißt es, dass es in Europa harmonisierte Standards in der Luftfahrt geben müsse und Arbeitsplätze gesichert werden müssten. Ufo lehnt die Aufgabe von Slots ab, weil sonst Billigairlines wie Ryanair diese Rechte nutzen könnten. „Die EU-Kommission droht tarifierte Arbeitsplätze im Luftverkehr zu vernichten“, warnt die Gewerkschaft.

In den USA hat die Zahl der Corona-Toten die 100 000 überschritten, als Präsident Trumps harsche Tweets gegen Briefwahl erstmals von twitter mit korrigierenden Hinweisen versehen werden. Donald Trump tobt und kündigt für morgen eine executive order an. Er will social media notfalls still legen. Dass der Präsident mit Vorliebe Nebenkriegsschauplätze eröffnet, um vom eigenen Versagen abzulenken, ist mittlerweile bekannt.

28. Mai: Über 40 Millionen US-Amerikaner haben sich seit Corona arbeitslos gemeldet. Jede Menge verheerender Gründe für Donald Trump, um seine Wiederwahl zu fürchten. Auch deshalb unterzeichnet er am Abend die Executive Order zum „Erhalt der freien Rede“ in den sozialen Medien: Er braucht dringend Erfolge, egal wie und wo. Der private Konsum stützt zwei Drittel der amerikanischen Wirtschaft, und er ist im Keller.

47 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung basiert auf Ausfuhren. Wichtigste Kunden: Die USA, Frankreich und China. Markus Gürne von der Frankfurter Börse stellt in einem Beitrag „Börse vor 8“ die Zusammenhänge her: Wenn bei unseren Abnehmern die Nachfrage sinkt, leidet die deutsche Wirtschaft umgehend unter Auftragsmangel. Weniger Abhängigkeit von bestimmten Märkten müsse deshalb ein Ziel der Entwicklung nach Corona sein. Unsummen, deren schiere Menge sich niemand wirklich vorstellen kann, werden weltweit in die Wirtschaft gepumpt, um Arbeitsplätze zu erhalten und den Konsum nicht noch weiter einbrechen zu lassen. Sogar Kanzlerin Merkel setzt sich nun dafür ein.

Wie weit sollten soziale Medien kontrollieren oder aussortieren, was ihre Nutzer so verbreiten? Bisher nahm in Europa der Druck stetig zu, sie dazu zu zwingen, „Fake News“, politische Manipulationen oder Hate Speech zügig zu entfernen. Donald Trumps Wahnsinns-Kampf gegen Twitter stellt das nun auf den Kopf. Obwohl sein Tweet nicht entfernt, sondern nur mit einem Aufruf zum Faktencheck versehen wurde, unterzeichnet er eine Anordnung, die Möglichkeiten zur Regulierung der Unternehmen prüfen soll. Wir werden weiter falsche oder strittige Informationen über Wahlen überall auf der Welt kennzeichnen“, stellt CEO Jack Dorsey auf Twitter klar. Es gehe ihm nicht darum, über die Wahrheit zu urteilen. Vielmehr wolle er bei widersprüchlichen Aussagen auf weiterführende Informationen verweisen, „damit sich die Leute selbst eine Meinung bilden können“. „Ich glaube nicht, dass Facebook und andere Internet-Plattformen Schiedsrichter der Wahrheit sein sollten“, sagte Facebook-Chef Mark Zuckerberg auf CNBC. „Die politische Rede ist eine der empfindlichsten in einer Demokratie, und die Leute sollten sehen können, was Politiker sagen.“ Damit stellt er sich nur scheinbar gegen Twitter. Keiner der beiden Unternehmer will Meinungsfreiheit verhindern. Dorsey geht nur einen Schritt weiter – für das stark Nachrichten-basierte Unternehmen ein sinnvoller Weg und besser, als die hierzulande teilweise angestrebte Zensur.

29. Mai: Es wird immer klarer, welche fatale Wirkung zwei Monate Lockdown auf den Einzelhandel haben: Es hat eine starke Verschiebung via Online-Einkauf gegeben, die wohl auch nicht mehr rückgängig zu machen ist. Einzelhändler, die nicht gerade Nahrungsmittel verkaufen, bleiben auf der Strecke. Besonders hat trifft es Bekleidung und Buchhandel. Die Maskenpflicht tut das ihre, um den Spaß am Einkaufsbummel endgültig zu verhageln. Der Lufthansa-Vorstand hat nun doch das Rettungspaket angenommen. Der Kompromiss sieht vor, dass die Lufthansa insgesamt acht Flugzeuge mitsamt der dazugehörigen 24 Start- und Landerechte abgeben soll – jeweils vier Jets in Frankfurt und München. Damit könnten Wettbewerber an den beiden Heimatflughäfen von Lufthansa jeweils eine eigene Basis errichten. Zunächst hatte die EU-Kommission die Abgabe von 20 Jets gefordert. Die Lufthansa hatte die Abgabe von drei Flugzeugen angeboten, das hatte aber die EU-Kommission abgelehnt. Mitte Juni sollen die innereuropäischen Grenzen wieder öffnen. Österreich will dann angesichts niedriger Neuinfektionen praktisch alle Einschränkungen fallen lassen, auch die Maskenpflicht.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für