Kategorie: Menschengeschichten

In der Wüste Ägyptens: Gott ist zu groß für einen Namen

Ende Oktober ist nicht mehr Sommer, auch nicht in Ägypten. Die Sonne geht früh unter, und trotz Temperaturen über 30 Grad braucht meine Haut keinen Sonnenschutz mehr. Angenehm warm ist es, als wir starten: Nur Ahmed und ich. Auf dem Quad. Durch die Wüste.

Ich soll ein Arafat-Tuch um den Kopf wickeln, wegen des Staubs. Aber aus dem Alter, freiwillig lustige politische Demonstrationen zu machen, bin ich raus. Ich habe ein weißes Tuch dabei. Von einem Wüstenbesuch in Tunesien vor Jahrzehnten. Ein Arafat-Tuch kaufe ich trotzdem: Mitbringsel für die Tochter einer Freundin. Helm auf, Startknopf drücken und los geht es.

Als wir aus der Garage fahren, sehen wir andere Reisegruppen starten: Eine mit rund 15 Teilnehmern fährt in Reih und Glied hintereinander gerade los. Der Letzte tut mir leid. Ob er außer Staub überhaupt was sieht? Eine andere große Gruppe ist mit Jeeps bereits gestartet. Nach etwa zwei Kilometern treffen wir sie wieder: Ein Fahrzeug ist in Flammen aufgegangen und brennt völlig aus. Die anderen Autos sind schon weiter gefahren. Wir werden sie später wieder sehen, wenn sie zum Fotostopp halten.

Mit dem Quad durch die Wüste – nicht den ausgetretenen Pfaden der Anderen folgen, sondern eigene Wege gehen – das war das Versprechen. Ich sehe auf den ersten Blick: Hier sind alle Pfade ausgetreten. Direkt nach dem letzten Haus von Hurghada beginnt die Wüste, und in ihr tummeln sich Touristenmassen. Aber ich habe keine Zeit, enttäuscht zu sein: Ahmed nimmt Fahrt auf, und ich habe Mühe, ihm zu folgen.

Auf den ersten Blick scheint alles glatt und eben. Aber das ist es nicht: Die Wüste besteht aus Steigungen und Böschungen, es gibt stattliche Bodenwellen, und überall liegen dicke Steine herum. Sie stammen von den spitzen, morschen Bergen, die die Ebenen umranden. Ich entdecke halbrunde Hügel mit Einfahrten: Militär hat sich hier überall eingegraben. „Ja, in Ägypten gibt es sehr viel Militär“, sagt Ahmed. „Leider“.

Wir fahren schnell Richtung Westen. Es schüttelt mich durch. Keine Zeit, an meine arme Lendenwirbelsäule zu denken: Das Licht beginnt, mich gefangen zu nehmen. Der junge Mann vor mir fährt in einer Fontäne aus Staub. Staub scheint sich auch aus dem Raum zwischen Armen und Körper zu ergießen – im Gegenlicht sieht das wundervoll aus: Als nehme das Licht Gestalt an und fließe um den Körper und das Gefährt vor mir. Ich bin verzaubert und vergesse stellenweise, schräg hinter meinem Vordermann zu bleiben, um nicht reinen Staub einatmen zu müssen.

Zuerst erscheinen sie blau, dann werden sie langsam dunkler: Die Silhouette der Berge vor uns kommt näher. Ich sehe, dass sie aus Schotterhalden über einem festen Kern bestehen. An manchen haben sich Sanddünen gefangen: Was für ein schönes Licht! Ich möchte anhalten, in Ruhe fotografieren. Aber es geht nicht. Ahmed ist schon fast außer Sichtweite. Also rase ich los und genieße das Glücksgefühl, das sich meiner bemächtigt: Ob sie sich so gefühlt haben, die begeisterten „embedded journalists“, die 2003 an Bord der US-Panzer durch die irakische Wüste rasten? Was für ein hässlicher Gedanke. Ich schüttele den Kopf, rücke Tuch und Helm zureckt und nehme mir vor, beim Rückweg auf jeden Fall an dieser Düne anzuhalten.

Viel zu schnell kommen wir an ein mit großen Steinblöcken umgrenztes Feld. Dahinter einige Verschläge aus Palmwedeln und Stroh, zwischen ihnen ein Spitzzelt, dem ich zutraue, auch einen Regenschauer zu überstehen. Auch die Schafe und Ziegen, die etwas weiter entfernt beisammenstehen, haben so einen Palmwedel-Stroh-Verschlag als Schutz vor der Sonne. Wir halten vor einem anderen und gehen hinein.

Uns folgt eine dunkel gekleidete Frau, von deren Gesicht nur die Augen erkennbar sind. Die aber lächeln, während sie beginnt, vorbereiteten Teig auszurollen und schnell über dem Feuer zu backen. Ich soll essen. In winzigen Blechtässchen wird starker schwarzer Tee gereicht. Nein danke, für mich trotzdem ohne Zucker. Das Brot schmeckt frisch und gut, und Ahmed beginnt, in singendem Tonfall zu erzählen: Von der arabischen Wüste links und der Sahara rechts des Nils. Davon, wie Wüstenbewohner mit Hilfe ihrer Kamele Wasser finden. Er wird unterbrochen: Die Frau weist darauf hin, dass sie etwas zu verkaufen hat.

Natürlich. Ich stehe auf und betrachte aus kleinen Perlchen gebastelte Armbänder und Halsketten, rieche an Duftöl in kleinen Plastikdosen. Na klar, ich kaufe ein. Für umgerechnet zehn Euro erstehe ich allerlei Schmuck. Mein Versuch, selbst Brot mit dem Holzstück auszurollen, scheitert kläglich. Es geht halt nicht, wenn ich mich gleichzeitig unterhalte.

Und schon müssen wir weiter.

Ich bitte Ahmed, an dieser Sanddüne anzuhalten. Die Sonne steht schon tief. Er hält nicht. Aber ich. Wie so oft auf meiner ganzen Ägypten-Reise, ärgere ich mich, dass nirgendwo genug Zeit ist, eine Stimmung zu erfühlen, in Ruhe den rechten Standpunkt für das schönste Licht zu suchen. Ich fotografiere also, und Ahmed kehrt ungeduldig um. „Jalla, die Sonne geht gleich unter!“ Jaja, ich komme schon.

Wir schaffen es nicht mehr zu dem niedrigen Hügel, von dem aus wir den Sonnenuntergang bewundern wollten und halten mitten in einer riesigen, kahlen Fläche. Und da geht er auch schon zwischen den Bergspitzen davon, der glühende Feuerball, und mit dem Licht entschwindet sofort die restliche Wärme. Mich fröstelt, ich ziehe eine Weste an. „Du hast viele Sachen dabei,“ staunt zum wiederholten Mal Ahmed. Ja, stimmt. Die Gopro umgeschnallt, die Canon EOS 6D im Rucksack, das Handy für die abendlichen Postings, Wasser, die Jacke… Er nimmt die Kamera in die Hand. „Boah, ist die schwer. Warum tust du dir das an?“ Na weil ich gute Bilder machen will, warum sonst. Und nein, ein Handy macht eben nicht genau so gute Bilder.

„Du musst jetzt wirklich hinter mir fahren“. Ahmed winkt entschlossen, und ich schere ein. Ja klar. Wir nähern uns unserem Ausgangspunkt. Am Horizont zieht in einer Staubwolke die Karawane der anderen Quadfahrer vorbei. Rechts von uns rasen die Jeeps heran. Und schon sind wir zurück. Hinter den Bergen ruht noch glutrot der Widerschein unseres wärmenden Sterns. Er wird schnell blasser. Die Nacht bricht an.

„Sag mal“, fragt Ahmed im Auto Richtung Rücksitz: „Glaubst du an Gott?“

Hm. Ich bin überrascht. „Ja, würde ich schon sagen“, antworte ich. „Aber ich glaube weder an den Gott der Bibel, noch an den des Koran.“ „Woran glaubst du dann?“ „Ich bezeichne mich als Buddhistin.“

„Ah. Hauptsache, du glaubst an Allah. Das ist sehr wichtig.“ Ich verzichte darauf, die Philosophie des Zen zu erklären, sage statt dessen: „Ich finde es ziemlich egal, wie wir Gott nennen. Er ist ohnehin viel zu groß, um einen Namen zu haben.“ Ahmed denkt nach. Ja, eigentlich kann er da zustimmen. Und auch wieder nicht. Ihm ist etwas anderes wichtig. Zu viele Menschen haben einen falschen Eindruck vom Islam. „Im Koran steht nicht, dass Mohammed der einzige Prophet ist,“ sagt er. „Der Koran akzeptiert viele Propheten.“

Ich berichte von den Schwierigkeiten, die wir in Deutschland mit radikalen Muslimen haben und ihrer Interpretation des Koran. „Hast du islamische Bücher?“ will Ahmet wissen. Ja, ich habe verschiedene. Darunter auch den Koran. Aber das Thema Flüchtlinge ist für mich nicht fertig. Ich erzähle von dem Stress, den wir zum Beispiel in Badeanstalten haben, weil muslimische Frauen in Burkinis baden, und dem Aufstand, den Muslime regelmäßig machen, weil Männer und Frauen in meiner Heimat so viel mehr zusammen tun, als in ihren Herkunftsländern. Ahmed denkt nach. „Weißt du,“ sagt er, „ich denke, dass diese Flüchtlinge, die jetzt alle zu euch kommen, in ihrem eigenen Land Loser waren. Sie kommen aus den ärmsten Gegenden, haben dort keine Bildung genossen und nichts erreicht. Deshalb haben sie sich auf den Weg zu euch gemacht.“ Hm. Ich finde, er hat Recht. Zu viele der Immigranten in unserem Land sind Armutsflüchtlinge. Sie suchen einfach ein besseres Leben. Ich denke an all diese Boote voller junger schwarzer Männer und frage mich, wie wir sie alle integrieren sollen, ob sie sich überhaupt integrieren wollen.

Wir reden weiter. Über die Frage, ob Gott einzig oder mehrfach ist. Über die heiligen Bücher. Und über die Macht, die Menschen mit Hilfe der heiligen Bücher über andere Menschen auszuüben versuchen.

Viel zu schnell sind wir wieder am Hotel. Der Sicherheitsdienst sieht uns zu, als wir uns verabschieden: Mit der Hand auf dem Herzen, und ehrlich dankbar, ein offenes Gespräch geführt zu haben.

Das war schön.

So müsste es öfter sein.

Dann gäbe es keine Kriege.

Ein alter Wunsch ist wieder in mir wach: Ich möchte richtig in die Wüste. Mehrere Tage lang. Vielleicht mit einer Karawane reisen, solange mein Körper es noch mitmacht. Und die Menschen kennen lernen. Authentisch.

Riffe, Delphine und die Zeugen vergangener Kulturen

Zwei Dinge gibt es, die man in Ägypten unbedingt tun sollte: Im Roten Meer schnorcheln oder tauchen – und die unglaublichen Zeugen vergangener Hochkulturen bewundern. Eine Woche ist knapp, um all das zu verwirklichen, aber man kann es ja versuchen: Zum Beispiel durch das Buchen einer Tour, die das Schwimmen mit Delphinen im Meer verspricht – sofern die Delphine Lust haben.

Um es kurz zu machen: Die Delphine hatten keine Lust. Und ich kann das bestens verstehen.

Schon am Hotelstrand war ich erstaunt über all diese Boote. Abends „parkten“ sie in langen Reihen an Stegen, morgens liefen sie in Massen aus, und den ganzen Tag über lag wohl ein halbes Dutzend von ihnen an der Riffkante, die vom Strand aus gut zu sehen war.

Das Rote Meer verfügt zwar über warmes Wasser, aber die Wassertemperaturen sind nicht zu vergleichen etwa mit jenen in der Karibik. Im Sommer mögen es 28 Grad werden, im Herbst sind es noch 24, im Winter deutlich weniger. Womöglich ist das jedoch der Grund, dass die wunderschönen Unterwassergärten überall so voll prallen Lebens sind. Die gefürchtete Bleiche ist nur an wenigen Stellen zu sehen, die sehr dicht unter der Wasseroberfläche liegen, ansonsten sind die vielfältigen Korallen weitgehend unversehrt. Um sie herum tummeln sich Unmengen von Fischen – Seeigel oder Seesterne sieht man dafür kaum.

Delphine gibt es auch (noch) viele. Dass es sie dort noch gibt, kann den unbedarften Urlauber nur verwundern. Denn auf sie wird in einer Art und Weise Jagd gemacht, die jedem Tierfreund die Haare zu Berge stehen lässt. Wo auch immer unsere Yacht auftauchte: Mindestens ein halbes Dutzend anderer Boote waren schon da. Einige hatten Schlauchboote voller Schnorchler zu Wasser gelassen; bereit, sich bei Ansicht eines Delphins in die Fluten zu stürzen. Bei anderen saßen die Schnorchler in voller Ausrüstung auf der Rampe. Ich sah sie im Dutzend von der fahrenden Yacht springen, als endlich Delphinköpfe auftauchten, um Luft zu holen. Was taten wohl unsere klugen Brüder der Meere? Sie tauchten wieder unter und wurden nicht mehr gesehen. Wahrscheinlich haben sie sich untereinander darüber lustig gemacht, dass diese trampeligen Erdbwohner tatsächlich dachten, sie könnten ihnen das Wasser reichen….

Aber im Ernst: Was dort passiert, ist Tierquälerei und wird die Delphine auf Dauer ausrotten. Unter Wasser herrscht ein unglaubliches Getöse der ganzen Motoren. Und diese Gruppenjagd auf die armen Tümmler… Ab 2020 erhöht die ägyptische Regierung die Preise für Tourenanbieter drastisch. Vielleicht dämmt das die Aggression ein wenig ein.

Vor lauter Suche nach den Delphinen hätten wir fast das Schnorcheln vergessen. In über 12 Stunden auf dem Wasser hielten wir an zwei Spots, die allerdings tatsächlich ergreifend schön waren: Langgestreckte, steil abfallende Riffe im insgesamt nicht sehr tiefen Meer voller blühenden Lebens. Leider ist es nicht ungefährlich, dort zu schnorcheln: An den Rändern der Riffe gibt es starke Strömungen, der Seegang kann nachmittags recht stark werden, ungeübte Schwimmer ermüden schnell und müssen per Schlauchboot eingesammelt werden. Deshalb mussten wir alle dem Guide folgen – und ich war mal wieder ernüchtert: Keine Chance, am richtigen Punkt einfach zu verweilen und zu genießen, so gut wie keine Möglichkeit, das Licht richtig einzufangen.

Aber: Unser Anbieter hatte einen Fotografen an Bord. Der übernahm, was Schnorchlern generell schwer fällt: Gesichert durch Schwimmer und Leine tauchte er am Riff herab und nahm die bunte Meeresfauna im Detail auf. Die Bilder konnten wir anschließend käuflich erwerben. Sie sind in mein Video eingeflossen. Dieser Fotograf hielt auch unsere Begegnung mit einem Walhai im Bild fest. Sie fand statt, als die meisten von uns die nasse Badekleidung bereits abgelegt hatten – wie schade. Der Riese war völlig entspannt.

Sollte ich wieder ans Rote Meer kommen, werde ich die Delphine in Frieden lassen. Aber ich werde schnorcheln, was das Zeug hält: Schönere Riffe habe ich bisher nur auf den Malediven gesehen.

Von Hurghada nach Kairo – hm. Es gibt Angebote, die Tour per Kleinbus zu machen, aber der Weg ist dafür schlicht zu weit. Bereits nach Luxor ist es eine Höllentour: Man ist rund 16 Stunden unterwegs, wobei mehr als die Hälfte der Fahrt geschuldet sind. In Luxor dann gibt es die Qual der Wahl: Jede Menge Tempel und Gräber. Nicht in einem, auch nicht in zwei oder drei Tagen befriedigend zu erforschen. Aber man kann es ja versuchen.

„Die Mumie kehrt zurück“ – war das nicht Amun Re, um den es im Buch/Film geht? Der Karnak-Tempel ist dem Sonnengott gewidmet und eine eindrucksvoll große Kultstätte. Nach kurzer Einführung durch den Guide haben wir gerade mal 30 Minuten Zeit, durch einen Teil des größten Tempels Ägyptens mit einer Fläche von rund 30 Hektar zu laufen: der reine Stress. Und dennoch: Die zahlreichen Säulen, die unglaublich gut erhaltenen Inschriften, die dunkle „Kapelle“ in der Mitte mit ihrem fast schwarzen „Altar“: Eindrucksvoll und in jeder Hinsicht groß. So oft habe ich in Paris den Place de la Concorde umrundet. Dass der Obelisk in seiner Mitte aus diesem ägyptischen Tempel stammt, wusste ich bis vor kurzem nicht.

Im Schnellverfahren lernen wir etwas über Grundsymbole der ägyptischen Bilderschrift, über Säulen, Obelisken, Dynastien – und schon geht es weiter. Auf einem Ausflugsschiff setzen wir über den Nil – und staunen: In Luxor gibt es so manchen Luxus. Auch Privatwohnungen mit Terrassen zum Nil und dem eigenen Boot davor. Massenabfertigung beim Mittagessen auf der anderen Seite. Ich beschränke mich auf das wirklich gute Brot – traue der Küche nicht.

Und weiter zum nahegelegenen Tal der Könige: Ein Kessel zwischen steilen Kalksteinfelsen. Wenn die Touristenmassen es durch den Basar mit unendlich aufdringlichen Händlern geschafft haben, erwartet sie eine informative Eingangshalle. Von dort aus geht es mit kleinen Bähnchen hinauf zu den Gräbern. Sie liegen dicht beieinander, und man hat die Qual der Wahl. Es gab elf Pharaonen namens Ramses – welchen wählt man? Oder soll man 10 Euro extra zahlen, um das Grab des Tutanchamun zu sehen? Der Guide rät ab: Da der Pharao sehr jung gestorben ist, es es ein sehr kleines Grab. Wenig ansehnlich bis auf die Mumie des Pharaos, die dort immer noch ausgestellt ist. Er reicht ein Foto rund. Ok. Ich habe genug gesehen.

Der Guide sucht aus: Dreimal Ramses. Die Wahl ist gut. Das Durchlaufen weniger: Grade mal zehn Minuten werden uns pro Grab zugestanden. Ich beginne, mich wirklich zu ärgern. 15 Euro kostet eine Lizenz, wenn man nicht mit dem Handy, sondern einer richtigen Kamera fotografieren will. Man muss das Papier am Eingang jedes Grabes vorzeigen, und wird im Innern ständig von Aufsehern belästigt, die erst die Lizenz sehen und dann gegen ein Trinkgeld durch die Räume führen wollen. Unmöglich, sich all den Eindrücken zu ergeben, die auf den Besucher einstürmen: Herrliche Wand- und Deckenmalereien. Ganze Bildergeschichten vom Leben der hier Beerdigten; erklärende Tafeln, mystische Beleuchtung.

Ich bewundere, wie sorgfältig hier restauriert wurde, wie die Farben nach Jahrtausenden noch leuchten – sehe die Steinmetze arbeiten, Prozessionen einziehen, die den toten Pharao bringen, möchte bleiben, die inneren mit den äußeren Bildern verbinden, und muss schon wieder raus. Beim dritten Grab bin ich richtig sauer und bleibe einfach länger – nur um anschließend die Anderen im improvisierten Café sitzen zu sehen. Aha. Dafür war also Zeit.

Wir müssen weiter, und zwar schnell. Der Tempel der Hatschepsut schließt um 16 Uhr. Es ist nicht weit, nur einmal um den Berg herum. Auf der anderen Seite der gleiche Steilhang, unter dem flach in drei Terrassen der Tempel liegt. Wieder eine blitzschnelle theoretische Einführung: Ich lerne, dass die Kuh ein Zeichen für Mütterlichkeit, Gebärfähigkeit und Wohlstand ist, dass Hatschepsut, der einzige weibliche Pharaoh, zwar Männerkleider trug, aber durch geheime Zeichen ihre Weiblichkeit doch darstellen ließ. Ihr Stiefsohn Tutmosis III und weitere Nachfolger ließen fast alle Abbildungen von ihr vernichten. Aber wer genau hinschaut, kann sie noch erkennen.

Ganz oben ist ein „Allerheiligstes“, das erst seit gut einem Jahr der Öffentlichkeit zur Verfügung steht. Die Guides werden am Eingang gebeten, hier bitte keine lauten Erklärungen zu geben. Ich gehe achtsam hinein, bestaune den gewölbeähnlichen Sternenhimmel und will mich einfühlen – da tritt ein lauthals telefonierender polnischer Wichtigtuer im Maßanzug auf und lässt sich von seiner demütigen Entourage in Siegerpose fotografieren. Die Polen sind an dieser Ausgrabungsstätte federführend. Ich versuche, ihn mit Blicken zu töten – es dauert Minuten, bis er begreift und sein Handy mal schweigend zum Fotografieren nutzt. Und schon ist die Zeit wieder um.

Der ärgerliche Guide wartet unten: Er möchte pünktlich Feierabend machen und fürchtet den abendlichen Stau in der Stadt. Wir fahren los. Es wird 21 Uhr sein, wenn wir zurück sind. Die Rückfahrt wird zur Qual: Müde Beine, keine Möglichkeit, diese auszustrecken und beim erzwungenen Stopp an einer Gaststätte unterwegs werden wir von einem halben Dutzend voll verschleierter junger Frauen körperlich massiv bedrängt: Sie wollen Geld. Als sie nicht genug bekommen, schlagen sie ihren Eseln mit Stöcken ins Gesicht und zwingen sie, ihren eigenen Kot zu fressen. Ich würde am liebsten zuschlagen, bin ziemlich bedient und schließlich froh, zurück im schützenden Hotel zu sein.

Ob es wohl Sinn macht, die Anlagen in Eigenregie zu besichtigen? Oder kann man sich der ganzen Geldforderungen dann gar nicht mehr erwehren? Wenn man dann noch nach Kairo möchte, um die Pyramiden zu sehen und im Roten Meer schnorcheln will, braucht man vier Wochen, um sich wohl zu fühlen. Kann ich mit dem aggressiven Bakschisch-Fordern so lange umgehen? Ich weiß es (noch) nicht.

Wenn der Empath geht: „Zuerst zerbricht das Herz, dann erhebt es sich“

Der vierte und letzte Teil der kleinen Serie Empath vs. Narzisst.

Ab wann verlässt ein Empath (s)einen Narzissten?

Ulrike Weißmann hat darauf in Quora ganz unnachahmlich zusammengefasst, aus welchen Gründen sich Menschen aus Beziehungen, die ihnen nicht gut tun, lösen. Das „Kind“ kann ganz verschiedene Namen haben, obwohl sich dahinter immer das Gleiche verbirgt.

Die philosophische Erklärung:
Zunächst zerbricht das Herz, und dann erhebt es sich.
 
Die spirituelle Erklärung:
Ein Transformationprozess (integrieren von Yin – Yang / männlich – weiblich) kommt in Gang / wird abgeschlossen.
 
Die esoterische Erklärung:
Ein Dualseelenprozess (der Verstandsmensch (GK) hat den Herzmensch (LL) in seine Kraft gedrängt und dieser lässt nun los) kommt in Gang / wird abgeschlossen.
 
Die religiöse Erklärung:
Der Empath erkennt, dass er der Schöpfer seines eigenen Lebens und Eins mit allem ist, und Gott oder das Universum ihn via „Geschenk in mieser Verpackung“ darauf aufmerksam machen wollten.
 
Die psychologische Erklärung:
Der Empath ist sich aus seinem Leid heraus seiner eigenen toxischen Beziehungsmuster bewusst geworden (auch derer des Gegenübers) und leistet innere Arbeit u.a. hinsichtlich seines Bindungsstils / Trennungskompentenz /inneres Kind / Selbstwert etc.
 
Die simple Erklärung:
Der Empath hat dermaßen viel Leid erfahren und aufgrund der Beziehung (oder auch vorheriger) „in der Gosse“ gelegen, dass er wortwörtlich die Schnauze voll hat ODER um des blanken Überleben willens (quasi aus der Not heraus), sich aufmacht, alles hinterfragt, sich Wissen aneignet, feste Standards hinsichtlich seiner Beziehungen festlegt, diese aufrechterhält und (womöglich das erste Mal in seinen Leben) sich selbst zur Prio Nr. 1 macht. Dafür bedarf es des ersten Schrittes: „Was mir nicht gut tut muss weg.“
 
Jede dieser Ebenen kann Potenzial für den Reifeprozess des Empathen bieten, jeder ist auf unterschiedlichen Kanälen mehr oder weniger für diesen empfänglich. Zudem können die Ebenen während des Reifeprozesses überlappen.
Doch eins haben sie gemein:
Der Empath hat verstanden, dass es verrückt ist jemanden zu lieben, der einen verletzt und weh tut, und dass es noch wesentlich verrückter ist, anzunehmen, dass jemand der ihn (angeblich) liebt, ihn PERMANENT verletzt und schädigt. Er erkennt diese Diskrepanz, diesen Irrsinn seiner falschen Annahme und wird handlungsfähig, da er sich eines höheren Ziels (als diese Beziehung zu optimieren / aufrecht zu erhalten) bewusst wird.

Deshalb die Antwort zusammengefasst:

Bewusstseinsveränderung mittels eines Reifeprozesses (angestoßen durch unterschiedliche Gründe) auf einer oder mehreren Ebenen.

Siehe auch: „Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Ein tragisches doppeltes Trauma sowie

„Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst“ und die dortigen Links

Empath versus Narzisst: ein tragisches doppeltes Trauma

Schmerzliche Überlegungen über die Verbindung von Empathen und Narzissten hat Kaen Kim auf Quora verfasst, wo sie frei übersetzt wurden. Die Frage war: „Wann wird der Empath einen Narzissten verlassen?“ Dies ist der dritte Teil einer kleinen Serie zu Empathen und Narzissten.

„Viele Empathen sind auch HSP (hoch sensible Persönlichkeiten). Ihre Fähigkeit, wahres Mitgefühl zu spüren, geht über das hinaus, was die meisten Menschen verstehen können.

Die meisten Menschen verstehen extremes Einfühlungsvermögen nicht (manche nennen es bösartiges Einfühlungsvermögen, wenn das empathische Verlangen nach Heilung das der betroffenen  Person selbst übersteigt). Besonders wenn Menschen, die uns nahe stehen, leiden, fühlen Empathen so tief mit ihnen mit, als seien sie selbst betroffen. Durch Projektion nehmen wir die Agonie der Narzissten und die gestörte Ordnung an.  

Man sagt, Empathen seien der Spiegel der Narzissten und umgekehrt. Leider sind viele von beiden verwundete Kinder. Sowohl der Empath, als auch der Narzisst suchen Bestätigung und bedingungslose Liebe von außen.

Der Narzisst bringt den Empathen mit sich selbst in Kontakt, indem er dessen Qualitäten, aber auch seinen Schmerz spiegelt. Er hält ihm einen Spiegel vor, damit er sein wahres Gesicht sehen kann. Für den Empathen kann das ein Weckruf sein. Mancher mag vorher gar nicht erkannt haben, dass er/sie eine hoch sensible Persönlichkeit ist,  oder dass es eigene Wunden sind, die ihn zum Narzissten hingezogen haben.

Das selbst verletzte  empathische „Opfer“ verliebt sich tief in die Maske des verwundeten Narzissten, weil diese eine tiefe unbewusste Sehnsucht nach etwas sehr vertrautem auslöst.  Während es sich glücklich verliebt fühlt, löst gleichzeitig  der Narzisst eine schmerzhafte, ferne Erinnerung an eine Zeit aus, in der das „Opfer“ schon einmal  Liebe erhalten wollte, sie aber nicht bekam. Obwohl es eine Form tiefer Liebe zwischen Empathen und Narzissten ist, ist sie auch das Ergebnis eines schweren Traumas und nicht verheilter Wunden. Dieses Trauma  öffnet dem Narzissten ein Tor, um mit dem „Fressen seiner Nahrung“ zu beginnen. Narzissten können keine echte Liebe bieten, wissen aber sehr gut, wie sie eine solche für sich selbst nutzen können. Dabei zerstören sie das verwundete Opfer langsam von innen heraus, bis nichts mehr übrig ist.

Die Tragödie dabei ist, dass der Narzisst das Opfer verlässt, weil der Spiegel sich jetzt umkehrt. Diesmal sieht sich der Narzisst selbst als Opfer im Spiegel des Empathen: Die hohle, elende Kreatur, die er aus dem Empathen gemacht hat, weil der Narzisst nicht die Kraft hatte, seine eigene Wirklichkeit zu ertragen. Obwohl der Empath immer noch tief verliebt und hingebungsvoll ist, kann sich der Narzisst nicht mehr um ihn kümmern, denn alles, was er  jetzt in seinem Gegenüber sieht, ist nicht mehr seine eigene Grandiosität, sondern (ebenfalls seine eigene) Enttäuschung, seinen Misserfolg und seine zerbrochenen Träume.

Das ist das tragische Ergebnis des gegenseitigen Spiegelung von Narzisst und Empath.

Viele Empathen und Narzissten bleiben beieinander, lassen sich gegenseitig nicht gehen. Die  Schwingung des Universums in unseren Atomen weiß, dass wir das perfekt gestörte, tragische Match sind, das in der Hölle gemacht wurde. Ich wage zu behaupten, dass viele von uns machtlos sind und keine andere Wahl haben, als durch dieses Elend zu gehen, bis einer von uns stirbt oder endlich aufwacht. Es ist ein Krieg zweier Seiten der selben Münze. Ein Empath, der sich an einen bösartigen Narzissten bindet, wird von innen nach außen verändert. Für mich fühlte sich das Verlassen des Narzissten an, als würde ich mich selbst, das verwundete Kind aus meiner Vergangenheit, verlassen. Ich glaube, aus diesem Grund ist es für einen Empathen unglaublich schwer, zu gehen, wenn Wunden nicht geheilt sind. Wir verlieren einen Teil von uns selbst, wenn wir gehen. Wir sind für immer verwandelt.

Nicht jeder kann von so einer Beziehung betroffen werden. Ein Narzisst wirkt wie ein Virus. Empathen neigen am ehesten dazu, sich damit zu infizieren. Dies ist keine normale Anziehungskraft, es ist fast wie eine Hypnose. In der Verbindung gleicht sich die  Schwingung an. Der Empath muss die Kernwunde und Leere, die der Narzisst in sich trägt, automatisch spüren, zumal er sie von sich selbst kennt.

Einer der schmerzlichsten, lebhaftesten Träume, die ich von „meinem“ Narzissten hatte, war, dass er mit einer anderen Geliebten erschien. Während er mit verzweifelten Augen meine Hand hielt, sagte er: „Sie wird mich nie besitzen. Ich will  nicht, dass du mich verlässt.“

Den erstaunlichsten Traum hatte ich, bevor ich wusste, dass er ein Narzisst ist. Er war wie eine Vorahnung: Überall gab es Spiegel, und ich konnte darin sehen, wie seine leeren, toten Augen mich anstarrten. Jedes Mal, wenn ich versuchte näher zu kommen, verschwand das Spiegelbild und ich jagte ihm verzweifelt nach.  So hatte mich mein Unterbewusstsein von Anfang an gewarnt.

Es ist traurig, dass der Empath trotz des Missbrauchs und Traumas immer die Trauer und den Schmerz der fragmentierten Teile des verbleibenden Narzissten fühlen kann, da ihn diese an ihn selbst erinnern. So lehrt der Narzisst den Empathen eine mächtige Lektion: Wir müssen erkennen, dass wir unseren Spiegel zerstören müssen, den wir im Narzissten gesehen haben, den Spiegel, der unser eigenes, verletztes inneres Kind darstellt. Wir müssen den gleichen Seelentod wie der Narzisst durchmachen, um heilen zu können.

Der Empath hat keine andere Wahl, als die Stücke seines gebrochenen Herzens aufzusammeln. Wenn wir uns vom Narzissten unterscheiden wollen, müssen wir unseren Selbstwert erkennen und uns gegen den Teil unseres Wesens stellen, der bleiben will. Wir müssen lernen, wann wir loslassen müssen. Alles kann geheilt werden. Nicht jeder wird unser Mitgefühl zu schätzen wissen, und obwohl es ein wunderschönes Geschenk ist, ist es auch eine Fähigkeit, die auf verheerende Weise benutzt und missbraucht werden kann.

Ich glaube, dass, wenn ein Empath einen Narzissten verlässt, mehr geheilt wird, als in der Verbindung heilen könnte. Wir müssen den Wunsch aufgeben, eine Persönlichkeitsstörung zu heilen, die nicht geheilt werden kann. Ich kann nicht sagen, dass ich dieses Niveau schon  erreicht habe, da meine Sucht so extrem ist, aber ich hoffe, dass ich es eines Tages schaffen werde. „

Siehe auch: „Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig? sowie

„Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst“ und die dortigen Links

Wir haben die gleichen Wunden: Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Zweiter Teil der kleinen Serie zum Thema Empath vs. Narzisst: Eine Empathin schreibt an „ihren“ Narzissten

„Lieber Narzisst,

du bist einer der grausamsten Menschen, die ich kenne. Und der Mann, den ich liebe. Weißt du warum?
Weil wir uns ungeheuer ähnlich sind, trotz aller Verschiedenheit. Weil wir beide im Kern unter der gleichen Verletzung leiden. Wir haben nur entgegengesetzte Methoden, uns damit auseinander zu setzen. Wäre es da nicht logisch, wenn wir jeweils beim Anderen das fehlende Teil ausfüllen und so gemeinsam heilen könnten?

Wir beide waren kluge Kinder, die ihre Umwelt genervt haben. Ständig stellten wir unerwünschte Fragen, machten altkluge Einwürfe, wollten nur gehorchen, wenn wir den Grund kannten und waren doch als Kinder so ganz und gar abhängig. Diese Abhängigkeit machte sich unsere Umwelt zunutze. Wir wurden verprügelt, mit Verachtung bestraft, links liegen gelassen. Statt mit Liebe wurden wir mit Strafen erzogen, deren Sinn sich uns nicht erschloss. Wir rebellierten und verließen frühestmöglich das Elternhaus.

Ganz früh haben wir beide kennengelernt, was es heißt, wenn andere Geschwister vorgezogen werden, wenn man sich verzweifelt um die Liebe der Eltern oder Anerkennung der Lehrer bemüht und doch nur Ablehnung und Verachtung erfährt. Wir waren gut in der Schule, aber es konnte passieren, dass uns Lehrer, die unseren „arroganten Blick“ nicht leiden konnten, eine ganze Stunde lang prüften, bis endlich ein Fehler vorlag, den sie als „ungenügend“ bewerten konnten. Wir waren verhasst bei den Klassenkameraden, weil wir nicht lernen mussten, um Inhalte zu verstehen. Aus lauter Not haben wir uns zeitweise dumm angestellt. Umsonst; man mochte uns deshalb nicht lieber.

So wurden wir junge Erwachsene, und in uns lebte dieser scharfe Schmerz, nicht geliebt zu werden, nicht liebenswert zu sein, und doch so große Sehnsucht nach Liebe zu haben; danach, als das gesehen zu werden, was wir wirklich sind.

Inzwischen hatten wir ganz verschiedene Wege eingeschlagen. Während ich es mit Hingabe versuchte, mit Einfühlungsvermögen, mit ganz viel vorauseilender Hilfsbereitschaft, mit der Idealisierung von Personen, wurdest du jedes Jahr etwas härter. Du hast deine Liebe zum Sport entdeckt: Kraftsport, Kampfsport, Schießsport; egal was, Hauptsache, es machte dich stark und du konntest siegen. Das gleiche machtest du mit deinem Gehirn: Es wurde trainiert ohne Ende, es wurde gefüllt mit Wissen. Deine Intelligenz, dein Wissen und deine Tatkraft in Einheit mit einer großen Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, verschafften dir Erfolg. Eine Maske reichte dir nicht. Du hast unzählige im Programm, die du je nach Lage aus dem Hut zauberst.

Und doch kann ich dein Inneres genau fühlen. Ich fühle das Leuchten in dir, dieses unverbrauchte, noch nicht beschädigte Licht. Ich fühle auch den Schmerz in dir, die Sehnsucht nach Erfüllung und die Überzeugung, dass es die für dich nicht gibt. Ich fühle, wie du dich verhärtest, wenn Erfüllung tatsächlich möglich scheint, denn die Verletzlichkeit darin macht dir Angst. Ich rieche zehn Kilometer gegen den Wind, wenn du dann deine „Notlügen“ loslässt, die die Distanz wieder herstellen und dir das Gefühl von Kraft geben. Ich bin verletzt von deiner Kühle und der leisen Verachtung für meine Hingabe. Aber ich liebe dieses reine Leuchten, das hinter all diesen Masken in dir steckt.

Siehst du denn nicht, dass ich dich niemals verraten würde? Auch dann nicht, wenn zwischen uns keine Liebe wäre? Weißt du nicht, dass all diese bedingungslose Zuwendung, die du auf Umwegen über Lob und Anerkennung von mir einforderst, dir ganz kostenlos und uneingeschränkt, völlig ohne Spielchen sowieso zur Verfügung steht? Weil ich dich wirklich bewundere, und das, obwohl ich weiß, dass du Schwächen hast!

Ich weiß doch, dass du der Stärkste sein musst, um dich wohlzufühlen. Der Stärkste, der Erfolgreichste, der mit dem letzten Wort bei Entscheidungen, der, der immer führt. Ich würde es dir nicht streitig machen. Ich mag dich genau so und nicht anders. Du musst nicht ständig Geschäftsreisen erfinden, um deine „Freiheit“ zu sichern: Ich will dich weder verändern, noch vereinnahmen. Was ich mir wünsche, ist das Wissen, dass uns etwas einzigartiges unzerstörbar verbindet, auch wenn wir nicht gemeinsam am selben Ort sind: Das Wissen der Zusammengehörigkeit und absolutes Vertrauen.

Wenn du sagst, Liebe sei dumm und eine Schwäche, trifft mich das sehr. Weißt du nicht mehr, wie weh es tut, wenn ein Mensch so verächtlich mit einem geschenkten Herzen umgeht? Du müsstest dich doch an den Schmerz deiner Kindheit erinnern! Ich liebe dich trotzdem, und ich bewundere dich. Du magst dich innerlich unsicher oder traurig fühlen, aber du meisterst das so viel besser als ich. Du bleibst stark, auch wenn du dich nicht so fühlst. Ich hingegen laufe dir nach, bettele um deine Zuneigung und fühle mich elend, weil du mich deshalb als minderwertig betrachtest – obwohl dir mein Einsatz für dich oft sehr willkommen ist.

Dabei wäre alles so einfach: Uns ist doch beiden klar, dass wir die gleiche brennende Wunde in uns haben. Warum bilden wir nicht gemeinsam eine Muschel, innerhalb derer kein Lügen, kein Täuschen, keine Verachtung und keine Bestrafung mehr nötig sind? Ich könnte dich stärken mit Liebe und Mitgefühl, du könntest mich stärken mit deiner Fähigkeit, nein zu sagen. Beide könnten wir sein wie wir sind, ohne uns voreinander verstecken zu müssen. Wir könnten uneingeschränkt offen zueinander sein, auch wenn wir uns schwach fühlen, weil wir wissen, dass wir einander trauen können.

Nein, das bedeutet nicht den Verlust deiner Identität! Du bleibst genau der, der du bist. Aber du könntest diese anstrengenden Masken ablegen! Nein, das bedeutet auch nicht, dass du dich in meine Hand begibst und von mir abhängig wirst! Ich weiß doch jetzt auch schon, wie du dich hinter deiner Maske fühlst….

Ja selbstverständlich ist mir klar, dass ich mit diesem Wunsch den Wolf bitte, Hüter des Schafes zu werden. Auch Empathen können analysieren. Und doch … Warst nicht du es, der mir immer wieder vorgeschwärmt hat, wie sozial Wölfe sind, dass sie auch Alte und Schwache nie zurück lassen? Oder habe ich das selbst gegoogelt?…

Nein bitte… Nicht schon wieder dieses schreckliche Schweigen…“

***

Siehe auch: „Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

Wenn der Empath geht: Zuerst zerbricht das Herz, dann erhebt es sich

Ein tragisches doppeltes Trauma sowie

„Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst“ und die dortigen Links

Mein wahres Ich wirst du nie erreichen – wenn du bleibst, wirst du zerstört

Erster Teil einer kleinen Serie Empath vs. Narzisst.

Lena Castronova hat auf Quora in englisch auf die Frage „Was sind verblüffende Fakten zu einem Narzissten“  in der Ich-Form als Narzisst geantwortet. Folgender Text ist frei übersetzt:

„Liebes Opfer,

Ich habe dich fast in allem angelogen. Es tut mir nicht leid für dieses Verhalten, weil ich mich nicht in dich einfühlen kann. Ich habe mich für den Narzissmus so früh in meinem Leben entschieden, dass ich nie die Chance hatte, ein Gewissen zu entwickeln oder die Fähigkeit, Reue oder Empathie für die Art, wie ich dich verletze, zu empfinden. Trotzdem habe ich dich verletzt. Ich weiß auf intellektueller Ebene, dass das falsch ist, aber ich kann einfach nicht fühlen, dass es dir weh tut. Manchmal wünschte ich mir, ich könnte es, aber ich kann nicht.

Ich wurde Narzisst, weil ich mich als Kind zu verletzlich fühlte. Ich war extrem feinfühlig; nahm alles, auch mich selbst, viel zu intensiv wahr, und das war viel zu schmerzhaft. Ich hatte das Gefühl, wertlos zu sein. Ich wurde verletzt, betrogen und missbraucht, genau so wie du von mir.

Ich konnte nicht verstehen, warum ich nicht geliebt wurde, warum ich mit Verachtung behandelt wurde, als ob ich keine Rolle spielte. Das einzige Vorbild, wie man zu einer ausgereiften  Persönlichkeit wird, habe ich viel zu früh verloren. Danach fand ich keines mehr. Ich musste etwas drastisches tun. Ich musste stark werden und nie wieder Schwäche zeigen, denn genau meine Schwäche brachte mir immer wieder schmerzhafte Verletzungen ein. Ich habe gelernt, dass Sensibilität eine Schwäche ist, ebenso wie Mitleid und Reue zu empfinden, oder eine andere Person zu lieben.

Um in dieser Welt zu überleben, musste ich stark sein. Ich musste eine Wahl treffen und meine Menschlichkeit opfern, um nicht weiter verletzt zu werden. Ich musste dich und alle anderen aus meinem Herzen ausschließen. Ich konnte mir nicht mehr erlauben, empfindsam zu sein, und das bedeutete, dass ich mir nicht mehr erlauben konnte, zu lieben.

Ich musste diese Maske bauen, die mir so gut passt, obwohl sie eine Lüge ist. Um die  Lüge aufrecht zu erhalten, musste ich andere schlecht behandeln und musste auch dich auf das reduzieren, was zu dieser Maske passt. Ich muss dich hassen, damit ich die Maske lieben kann, die meine wahre Identität verschleiert. Würde sie abfallen, würde mein wahres Ich, ein ohnmächtiges, verwundbares Kind zum Vorschein kommen. Das darf aber nicht sein. Ich muss dieses Kind um jeden Preis schützen muss, selbst wenn das bedeutet, alle anderen um mich herum zu zerstören. Ich bin ein Tyrann, obwohl ich innerlich weiß, dass ich schwach bin. Ich handle, als ob ich mich selbst liebe, aber ich tue es nicht wirklich. Ich habe gelernt, die Maske zu lieben, die ich trage, und werde dich ohne nachzudenken schlecht behandeln, wenn es gilt, diese Maske zu schützen.

Du kannst niemals mein wahres Ich erreichen, denn meine Lügen sind wie eine Mauer. Ich habe so oft und so lange gelogen, dass ich meine eigenen Lügen inzwischen selbst glaube. Die einzig wahre Wahrheit über mich ist, dass ich voller makelloser Lügen bin, die jede  Wahrheit  verdecken.

Ich werde niemals zulassen, dass du nahe genug kommst, um herauszufinden, was ich wirklich fühle. Ich weiß gar nicht, was ich fühle. Die meiste Zeit fühle ich nichts, weil Lügen keine Gefühle haben. Wenn du versuchst, meine Rüstung zu zerstören, werde ich versuchen, dich zu zerstören. Wenn ich in Flammen stehen muss, werde ich dich mitnehmen.

Deshalb werde ich immer wieder toben und dich sabotieren. Ich werde dir die verwirrendsten Lügen erzählen, so dass du an deinem eigenen Verstand zweifelst. Ich kann am Anfang, oder wenn ich fürchte, dass du gehst, sehr nett erscheinen. Ich weiß, wie ich andere dazu bringen kann, mir zu vertrauen, indem ich mich wie eine liebenswerte Person verhalte, aber ich kann die Emotionen einer liebenswerten Person nicht fühlen.

Wenn du anfängst, mir zu vertrauen, fange ich an, dich zu benutzen. Ich muss dich auf Distanz halten, damit meine Maske intakt bleibt. Sowohl die netteste Person als auch das größte Arschloch, als die ich mich dir gezeigt habe, waren Lügen. Ich kann nicht einmal selbst erfassen, wer ich wirklich bin. Ich habe vergessen, wie das geht. Ich weiß, dass mein wahres Ich irgendwo ist, aber du wirst es niemals treffen.

Wenn mir bewusst wird, dass du WEISST, dass diese Maske eine Fälschung ist, werde ich dich zerstören und aus meinem Leben werfen. Ich habe zu viel zu verlieren, wenn die Welt davon erfährt.

Nichts erschreckt mich mehr, als mich der Wahrheit über mich selbst zu stellen, deshalb muss ich mich vollständig davon trennen. Es erschreckt mich zu Tode, wenn ich merke, wie böse ich geworden bin. Ich hasse es, böse zu sein. Ich möchte wirklich nicht so sein, aber ich werde das niemals zugeben.

Wenn ich älter bin, werde ich vielleicht etwas milder, aber höchstwahrscheinlich nicht. Ich könnte noch schlimmer werden. Warte nicht darauf, dass ich mich ändere: Kümmere dich um dich selbst. Spiele nicht mein Spiel mit, sondern versuche, mich zu ignorieren und zu tun, als ob ich nicht existiere.  Mich zu behandeln, als existiere ich nicht, ist das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann. Aber wenn du bleibst, kann ich garantieren, dass ich dich zerstören werde.

Selbst wenn ich wütend bin, bleib auf dem Boden. Du bist viel stärker als ich, obwohl ich das nie jemandem sagen würde. Fall nicht auf meine Lügen herein, es sind Manipulationen. Erlaube mir nicht, dich in eine Hülle dessen zu verwandeln, was du einmal warst – oder schlimmeres,  obwohl das alles ist, was ich wirklich will und wirklich brauche, um mich besser zu fühlen.

Mit freundlichen Grüßen, Dein Narzisst“

Wenn der Empath geht: Zuerst zerbricht das Herz, dann erhebt es sich

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Ein tragisches doppeltes Trauma sowie

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst und die dortigen zahlreichen Links

Heimat hat einen ganz besonderen Duft – Von einer Kindheit im Dorf

„Edgar Reitz mag selbstverliebt sein, aber zumindest hat er etwas Großartiges geschaffen und dem Hunsrück mit der Trilogie ‚Heimat‘ ein folkloristisches Denkmal gesetzt, aber auch Heimat & Idylle einen wundervollen intellektuellen Rahmen gegeben. Die Leichtigkeit im Umgang mit der Dramatik und die unmittelbare Nähe, d. h. die Zeichnung der Figuren, das Drehbuch, die langen Kameraeinstellungen und das Verweben der Zeitläufe mit dem Mikrokosmos des Dorfes hat er fantastisch realisiert.“

So schwärmte dieser Tage einer, der sich im Filmgeschäft auskennt, über den Morbacher Filmemacher, der die Geschichte des Hunsrücks unnachahmlich in Szene und sich selbst damit ein Denkmal gesetzt hat.

Natürlich habe auch ich „Heimat“ gesehen – wie alle Hunsrücker meiner Generation und der darüber; zumal die Geschichte ganz nah bei meinem Geburtsort spielt. Aber es ist schon lange her. Heute ist mein Leben von ganz anderen Menschen und Umständen geprägt. Da kommt plötzlich dieser ‚Heimat‘-Fan daher und löst in mir ein Feuerwerk der Erinnerungen aus … an eine Heimat, die ich im Alter von elf Jahren verlor.

Den Geruch des Dorfes kann ich noch heute unter tausenden erkennen; obwohl sich dort in den letzten 50 Jahren viel verändert hat, ist er gleich geblieben. Und jedes Mal wieder wird mein Herz ganz weit.

Unser Haus war für damalige Verhältnisse modern. Wir hatten eine Ofen-Zentralheizung, ein Bad mit Badewanne, braune Holz-Läden und an der Außenwand wuchsen prächtige, duftende Kletterrosen und ein Weinstock. In unserem großen Garten wuchsen Erdbeeren der Sorte Senga Sengana, Himbeeren und viele Johannisbeeren.  Sie zu pflücken war immer ein Wagnis, denn die Bienen im hinteren Teil waren im Sommer meist sehr nervös. Aber die Beeren schmeckten grandios und waren Grundlage für jede Menge Saft, Marmelade und Gelee.

Wenn im Dorf geschlachtet wurde, bekamen wir immer je einen Ringel Blut- und Leberwurst, sowie ein Eimerchen Wurstsuppe. Die hätte ich geliebt – wenn obendrauf nicht zentimeterdick das  Fett gestanden hätte… Geschlachtet wurde bei den Bauern auf dem Hof. Einmal war ich blass vor Entsetzen, als das Schwein dem Bolzenschläger entkam und schreiend zu flüchten versuchte. Kaum hatte man es eingefangen und der Metzger es schließlich getötet, lag der zuckende Körper auch schon in der Wanne heißen Wassers und wurde abgeschabt. Es roch nach gekochter Haut und verbrühten Haaren, und ich fragte mich schaudernd, ob das Tier wirklich nichts mehr fühlen konnte.  Danach hieß es Blut rühren für die Wurst – auch diesen Geruch werde ich nie vergessen.

Solange er lebte, musste ich abends Milch holen bei „Paule Philipp“. Der große, schwere, schweigsame Mann war der ehemalige Dorfhirte. Man raunte sich zu, er habe nach dem Krieg sechs marodierende Polen erschossen, um die Herde zu schützen. Paule Philipp hütete auch den Zuchtbullen des Dorfes. Staunend saß ich in unserer Einfahrt, wenn das massige Tier hinter brünstigen Kühen im Kreis herumgeführt wurde, bis es sie dann besprang. Philipps Frau Paula bereitete jeden Abend das selbe Essen zu: warme Fleischwurst mit Kartoffelpüree. Auch dieser Geruch, der immer die Küche erfüllte, wenn ich ihr das Geld für die Milch gab, gehört untrennbar zu meiner Kindheit.

Heute steht das alte Fachwerkhaus der beiden nicht mehr, auch die Stallungen wurden abgerissen. Später holte ich die Milch ein paar Meter weiter beim Hof der Herbers. Dort wurde ich sowas wie das vierte Kind: Ich war immer und überall dabei. Ich liebte es, abends im Kuhstall zu sein, den Tieren zuzusehen, wie sie gemächlich mahlend kauten, dem Saugen und Klopfen der Melkmaschine zu lauschen, den ruhigen gleichmäßigen Bewegungen von Onkel Gustav und den Kindern zu folgen, wenn die den Mist herausgabelten und frisches Stroh aufschütteten.

Währenddessen wurde in der Küche das Abendessen bereitet. Es gab Berge von Bratkartoffeln, heiße Brühe, geräucherte Wurst und selbstgebackenes Bauernbrot. Das klemmte Onkel Gustav an die linke Schulter. Dann schnitt er mit einem großen Brotmesser perfekte dünne, riesengroße Scheiben ab.

Alle Essensreste kammen in der Kammer in den „Saueimer“. Jeden Tag sammelte sich da eine fürchterliche Brühe: Milchreste, Brot, Fleischreste, Kartoffeln, Brühe, Gemüse – alles durcheinander. Die Schweine quiekten vor Begeisterung und prügelten sich um den Inhalt, wenn der Eimer abends ausgegossen wurde. Von der Kammer ging es durch die Futterküche, wo die Rüben geraspelt wurden, in den Schweinestall. Da waren die winzigen Ferkelchen unter einer wärmenden Rotlichtlampe sicher davor, dass ihre Mutter sie versehentlich erdrückte. Regelmäßig mussten die Kleinen zum Trinken angelegt werden. Ich durfte helfen und weinte vor Freude über das Wunder des Lebens. Manche Schweine haben blaue, andere braune Augen. Und diese langen Wimpern, und der kluge Blick…

ccf22102017_00000 (18)a

Ein anderes Mal, Jahre später, durfte ich bei der Geburt eines Kälbchens helfen, das falsch herum im Mutterleib lag. Wir musste die Beinchen im Körper der Kuh zusammenbinden, damit die Geburt ohne Verletzungen von Mutter und Kind stattfinden konnte. Auch da war ich von Tränen überströmt, als das Kleine endlich draußen und mit Heu trocken gerieben war.

Alles, einfach alles fand ich toll auf dem Bauernhof. Wann immer ich weg durfte, stand ich an und fragte, was ich helfen könne. So durfte ich das frische Heu mit der Gabel ins Gebläse schieben, das es auf den „Heustock“ blies. Ich war staubbedeckt, berauscht vom Duft der Gräser  und glücklich. Wenn die Kartoffeln geerntet wurden, ging ich mit den anderen durch die Furchen und sammelte sie in Körbe. Als die Rüben dran waren, durfte ich den Traktor im ersten Gang schrittweise nach vorn bewegen, während die Anderen die Rüben auf den Wagen warfen. Ich platzte fast vor Stolz und trank den Duft der frischen Erde wie das schönste Parfüm der Welt.

Einmal, als die Ernte vorbei war, belohnte uns Onkel Gustav. Ich durfte mit ihm und den Kindern des Hauses auf dem Traktor in die Kreisstadt fahren. Es war fast eine Weltreise – aber es war fantastisch, im Schneckentempo auf dem unbedachten Gefährt durch die Landschaft zu tuckern und sie in sich aufzunehmen. In Der Kreisstadt gab es einen Eisbecher für jeden von uns – es war der erste meines Lebens.

Wenn die Kartoffeln eingebracht waren, war es Zeit, sie ins Silo zu schaffen, von wo aus sie später als Schweinefutter dienen sollten. Immer im Herbst kam dazu „die Dämp“ für zwei Wochen ins Dorf. In großen Druckkesseln wurden die Kartoffeln gegart, bevor man sie mit Holzschuhen in gemauerte Becken einstampfte. Für uns Kinder war das ein Fest. Wir belagerten die großen Dampfgarer, und immer wenn eine Ladung fertig war, gab es glühend heiße Pellkartoffeln für alle.  Nachbarskinder kamen mit Schüsseln, die sie sich mit Kartoffeln füllen ließen. Zuhause gab es bei ihnen als Mittagessen Pellkartoffeln mit Salz und Butter oder mit Quark. Im Freilichtmuseum Bad Sobernheim kann man beim Herbstmarkt die „Dämp“ noch immer bewundern und dabei für sich selbst feststellen: Nirgendwo schmecken frische Pellkartoffeln besser!

Als letztes kam immer der Weißkohl dran. Auch zu uns nach Hause kam ein Mann mit dem Kohlhobel und hobelte jede Menge Weißkohl in feine Schnitze. Die wurden dann lagenweise in einen schweren Steingut-Topf geschichtet und gesalzen. Ein Tuch drüber, dann ein Holzstück, und darauf einen schweren Stein. Einige Wochen später war das Sauerkraut fertig. Aber es war eine Herausforderung, es aus diesem Topf zu holen: Über dem Tuch hatte sich eine schmierige weiße Salzlake gebildet, die ich furchtbar eklig fand. Das Festessen mit Sauerkraut liebte ich dafür: Es gab Tafelspitz mit Sauerkraut, dicken weißen Bohnen und Meerettichsoße. In der Kochbrühe vom Rindfleisch garten köstliche Markklößchen, natürlich selbst gemacht. Und zum Nachtisch gab es feinen Vanillepudding mit Schokosoße und Schokoladenpudding mit Vanillesoße.

050-inge-am-dkw.jpg

Zu dieser Zeit hatten wir noch kein Auto. Erst später, als wir zuhause schon drei Kinder waren, bekamen wir einen DKW. An dem Tag, an dem das Auto unser wurde, zog meine  Mutter ihr schönstes Sommerkleid an – es war weiß mit schwarzen Punkten drauf – und wir fuhren spazieren.

Festtage für mich waren die Tage, an denen im Backes Brot gebacken wurde. Es gab einen Plan, nach dem die Familien der Reihe nach dran waren. Dann standen die stämmigen Frauen an den breiten Holz-Tischen bis zu den Ellenbogen im Mehl, kneteten Teig, formten Brote und Kranzkuchen, schwatzten und lachten. Und ich bettelte um Teig – so lange, bis mein Bauch schmerzte. Was für ein herrlicher Duft nach Hefe, frischem Brot und den Wellen (Äste), die in den Öfen verbrannt wurden, um sie anzuheizen! Ich habe nie wieder so gutes Brot gegessen.

In der Nähe unseres Hauses gab es einen niedrigen Apfelbaum. Er war jedes Jahr brechend voll von kleinen, rot-gelb-gestreiften, zuckersüßen Äpfelchen, die niemand erntete. Ich aß davon, bis ich fast platzte. Heute hat sein Stamm einen respektablen Umfang, der Baum ist noch immer kerngesund. Ein Stück weiter steht ebenfalls heute noch der riesige Birnbaum mit den besten grünen Birnen der Welt. Ich durfte davon essen, so viel ich wollte, und ich tat es. Und unten im Dorf, am Gemeindehaus, wuchs ein Nussbaum. Wir holten die Nüsse immer schon runter, wenn sie noch grün waren, häuteten und verzehrten das weiche, noch bittere Fleisch. Heute besitze ich selbst einen  großen alten und zwei junge Nussbäume – aber Nüsse gibt es kaum zu ernten, weil die Raben und Eichhörnchen sie alle frühzeitig abtransportieren.

Im Winter fuhren fuhren wir Kinder Schlitten: durch das ganze Dorf und noch weiter nach unten ins Tal. Eisig war es, und ein Riesenspaß. Man musste nur aufpassen, auf dem unteren Teil der Strecke nicht nach links vom Weg abzukommen. Da lief ein Abwasser vorbei, das die reine Gülle war… Wenn wir dann völlig verkühlt ins Dorf zurück kamen, durfte ich manchmal bei den Eltern meiner Freundin Petra Kaffee trinken. Ich liebte es, dort frisches Brot mit „guter Butter“, dick mit Zucker bestreut zu essen. Wenn der Kaffee zu warm war, goss die Mutter immer etwas davon in die Untertasse und schlürfte genüsslich. Und der Kranzkuchen wurde in den heißen Milchkaffee getunkt. Beides versuchte ich zuhause genau einmal…

1965 nahmen wir am Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teil. Im Dorf herrschte helle Aufregung: Die wichtigsten Straßen wurden geteert, viele Häuser wurden herausgeputzt und frisch gestrichen, in den Bauerngärten blühte es in paradiesischen Farben. Die Kommission stolzierte durch den Ort, bewunderte alles – und dann hatten wir tatsächlich den ersten Preis gewonnen. Das war ein Fest! Es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich all diese schwer arbeitenden Menschen in Sonntagskleidern vor ihren Häusern sitzen und Wein trinken sah.

Immer am 1. Mai und dem zugehörigen Wochenende ist die Kirmes im Dorf. Da kamen  dann die Schiffschaukel, eine Schießbude und ein Stand mit Süßigkeiten. Wir Kinder verfolgten jeden Schritt des Aufbaus. Wenn die Schiffschaukel dann stand, durften wir meist lange gratis schaukeln – weil die Kirmes ja noch nicht begonnen hatte. Es war die Zeit des Twist, und ich hatte ein Erlebnis, das mich geprägt hat. Im Festzelt spielte eine Band zum Tanz auf. Als sie „come on, let’s twist again“ anstimmte, bildete sich ein Kreis um ein tanzendes Paar. Die beiden Fremden twisteten in herrlicher Perfektion – besonders die Frau, die ein leuchtend blaues Kleid trug, war eine Augenweide. Die Menschen standen um die beiden herum und klatschten begeistert. Ich nahm mir vor, später einmal genauso gut zu tanzen und dabei genauso schön auszusehen…

031 petra wieß mit in dermaiwiese

Nach der Kirmes, wenn das Festzelt abgebaut war, suchten wir Kinder im Boden nach verlorenen Münzen und atmeten dabei den Resthauch von Bier, Brettern und Bratwurst. Danach begann für mich der Sommer. Es waren heiße Sommer – zumindest in meiner Erinnerung. Das ganze Dorf ging an den Bach zum Baden. Dort war ein kleines natürliches Wehr, vor dem sich ein Becken gebildet hatte, in dem auch kleine Kinder spielen konnten. Ich liebte es. Aber irgendwann kam ein totes Schwein den Bach herab getrieben und verfing sich im Wehr. Danach durfte ich nicht mehr hin.

Abends mussten die Kühe von der Weide zum Melken geholt werden. Ein schönes Stück Arbeit, und manchmal ein ziemlich langer Weg war das. Aber ich liebte die Kühe. Schwere, aber sanfte und unglaublich freundliche Tiere waren sie. Oft, wenn ich mich im Winter einsam fühlte, schlich ich mich in den Stall und schmuste mit ihnen. Einmal hatte das allerdings böse Folgen: Eine Kuh hatte mir den halben Ärmel abgekaut…

So etwa um die Zeit, als ich schulpflichtig wurde, bekamen wir einen Fernseher. Zu ausgewählten Zeiten durfte ich Kindersendungen schauen. Ich liebte Flipper und Daktari wegen der Tiere. Etwa um die selbe Zeit bekamen wir auch einen Kühlschrank und wenig später eine Kühltruhe. Die Truhe stand in der Küche hinter dem Esstisch, mit einem Deckchen drauf und bedeutete unglaublichen Fortschritt. Vorher hatte es im Dorf eine Gefrieranlage gegeben mit abschließbaren Kühltruhen, von denen man Anteile mieten konnte. Aber man musste für jedes Stück Fleisch durchs ganze Dorf laufen. Und alle anderen Dinge mussten im Keller gekühlt werden, wo auch das Holz, die Brikett, das Eingemachte, die Kartoffeln und Winteräpfel lagerten – das funktionierte mal mehr, mal weniger gut. Ich erinnere mich mit Schrecken daran, als ich einen neuen Laib Brot  heraufholen sollte, der aber von lauter kleinen schwarzen Käferchen bedeckt war. Iiiihhhhh!

In der Waschküche im Keller schlachtete mein Vater unsere Kaninchen und manchmal ein Huhn, das er im Dorf gekauft hatte. Einmal flog so ein Huhn, bereits ohne Kopf, in der Waschküche herum und machte überall an Wänden und Decke blutige Flecken. Ich war entsetzt. Ein anderes Mal staunte ich Bauklötze, als meine Mutter das Huhn ausnahm, und sich im Bauch eine ganze Reihe von Eiern in verschiedenen Entwicklungszuständen fanden. Boah…

Ganz schlimm war das mit den Kaninchen. Da hatten wir sie das ganze Jahr mit ausgesuchtem Löwenzahn gefüttert, und dann sollten wir sie essen. Das überstieg definitiv meine Möglichkeiten, den Tod all dieser Haustiere zu verdauen.

Wir hatten im Dorf eine einklassige Volksschule. Alle Jahrgänge vom ersten bis zum achten Schuljahr wurden gleichzeitig von einem Lehrer unterrichtet – meinem Vater. Das war eine Herausforderung, nicht nur für den Lehrer. Ich erinnere mich, eine Rechenarbeit völlig verhauen zu haben, weil ich, statt die Aufgaben zu lösen, fasziniert dem Geschichtsunterricht der dritten und vierten Schuljahre zugehört hatte. Es ging um die Völkerwanderung, und ich sah die Goten durch die Lande ziehen, statt zu rechnen.

Das Schuljahr begann immer zu Ostern. Dann musste der Lehrer in den drei zur Verfügung stehenden Räumen Ostereier suchen, versteckt von den Schülern. Die bekamen dafür von ihm Süßigkeiten. Die Tafeln waren mit tollen Bildern vom Osterhasen bemalt. Am Ende eines Schuljahres wurden die scheidenden Achtklässer stilvoll verabschiedet: Wir wanderten an den Bach und sie durften sich Lieder aussuchen, die der Schulchor für sie sang. In der Schule wurde auch Puppentheater gespielt. Immer nach dem Weihnachtsgottesdienst führten die älteren Schüler das Stück im Gemeindehaus auf. Die Puppen wurden mit Pappmaché im Unterricht hergestellt und bemalt.

86 gudrun fährt ortrud aus

Später wurde auf den Schuljahresbeginn nach den Sommerferien umgestellt, was ein Kurzschuljahr erforderte. So absolvierte ich das dritte und vierte Schuljahr in etwas mehr als einem Jahr und kam mit neun Jahren in die Kreisstadt aufs Gymnasium. Ein schlimmer Bruch mit der Heimeligkeit unseres Dorfes war das – ich brauchte zwei Jahre, um mich an diese Schule, den langen Weg früh morgens dorthin, die vielen wechselnden Lehrer und all die fremden Mitschüler zu gewöhnen.

Ja, und dann kam der Tag, an dem wir wegziehen mussten. Die Dorfschule war geschlossen worden, und wir hatten ein Haus gebaut, in einem anderen Dorf. Es war nur etwa 35 Kilometer weit entfernt. Aber für mich bedeutete das einen Abschied auf Nimmerwiedersehen. Die Abendsonne spiegelte sich in den Fenstern unseres Hauses, als wir dem Möbelwagen folgten zu unserem neuen Heim. Und ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.

 

 

 

Wenn die Stunde schlägt: Gudrun ist tot…

Ich traf sie regelmäßig im Thermalbad Traben-Trarbach, dessen außergewöhnlich warmes Wasser bei chronischem Schmerzen heilend wirkt. Dorthin kam Gudrun immer mit ihrer Schwester Wilma. Wilma fährt trotz ihrer 87 Jahre zackig Auto: Einmal wären wir uns fast die die Haare geraten, weil sie mir ruck-zuck den letzten Parkplatz weggeschnappt hatte.

Gudrun und Wilma machten Wassergymastik bei der Rheuma-Liga und nahmen jeden Montag an ihrem Kurs teil. Gudrun fiel mir sofort ins Auge: Klein, gedrungen, rund um den Kopf abgeschnittene glatte Haare, die auch mit 85 noch nicht weiß waren, unter dem Pony wache, lebendige Augen. „Wir sagen doch du“, lachte sie  verschmitzt nach dem zweiten Gespräch, in dem wir ausführlich über altes Leinen geredet hatten. Fortan standen wir regelmäßig nach dem Ende des Gruppentrainings am Beckenrand, wo ich Gudruns und Wilmas Erzählungen folgte.

Echte Hunsrückerinnen, wie es heute nicht mehr viele gibt, sind die beiden. Wie die Frauen im Dorf meiner Kindheit arbeiten sie lebenslang viel und mit Freude, wahren die Traditionen, haben einen scharfen Blick auf das Zeitgeschehen und einen trockenen, manchmal bissigen Humor. In ihrer Jugend arbeiteten die Schwestern in den Steillagen der Mosel-Weinberge. Über den Weinbau lernten sie ihre Männer kennen, denen sie bis zuletzt von Herzen zugetan waren. „Mein Mann ist vor zehn Jahren an Krebs gestorben,“ berichtete Gudrun. Wilma nickte: Ihrer auch.

„Im Jahr bevor mein Mann starb, haben wir im Wald noch 30 Meter Eichen-Brennholz gemacht. Die meisten mögen ja keine Eiche wegen der unebenen Rinde – aber wir fanden sie toll. Wir haben alle Arbeiten gemeinsam  erledigt, uns daran erfreut, dass wir zusammen sein konnten. So war es  immer schön,“ schwärmte Gudrun. Bis jetzt reichten die 30 Raummeter, nun sind sie so gut wie verbraucht. Der Ehemann hatte eine Holz-Schneide- und Transportmaschine gebaut, die seiner Gudrun das Brennholz fertig zur Verwendung direkt an die Haustür brachte. Darauf war sie stolz: „Er konnte alles, mein Mann,“ pflegte sie zu sagen, und die dunklen Augen blitzen. „Ich habe den Kindern gesagt: Wozu braucht ihr eine Zentralheizung? Praktischer als so geht es doch gar nicht“…

Mit ausgeprägtem weißem Hautkrebs an den Unterarmen kämpften beide Schwestern. „Das ist von den Jahren in Wingert,“ sagte Wilma, und Gudrun pflichtete bei. Mit  75 und 77 Jahren haben sie die harte Arbeit dort eingestellt. „Aber mir brennt immer noch das Herz, wenn es an der Zeit ist; ich würde am liebsten wieder mitmachen,“ pflegte Gudrun zu sagen – und Wilma nickte.  Gudrun besiegte die tückische Krankheit Lymphdrüsenkrebs, überstand die Chemo, behielt ihre Lebensfreude und machte fleißig Gymnastik im Wasser des Thermalbades und der Turnhalle ihres Heimatortes – auch da natürlich zusammen mit Wilma. 

Von der Trockengymnastik gingen sie letzten Mittwoch um 14.30 Uhr gemeinsam nach Hause: Wilma wohnt nur einen Kilometer von Gudrun entfernt. Zwei Stunden später ein Anruf: Gudrun, in höchster Not, bat Wilma,  sofort zu kommen. Vor Bauchschmerzen schreiend brachte sie der  Rettungsdienst ins Krankenhaus:  Die Bauchaorta war verstopft. Im Krankenhaus folgte der tödliche Herzschlag: Infarkt von Vorder- und Hinterwand. Zwei Stunden nach der Einlieferung war Gudrun tot.

Einfach so. 

Gestern traf ich Wilma im Thermalbad. Noch zerbrechlicher als vorher, noch schmaler das Gesicht.

„Gudrun ist tot. Gut dass wir nicht vorher wissen, wann es passieren wird,“ sagte sie, und rund um die blassen Wangenknochen formten sich rote Flecken.