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China, seine Nachbarn und die Welt: Ein leises Netz wird immer dichter

Schon als sehr junger Mensch war ich begeistert von China. In der Schule lernten wir viele verschiedene Denkweisen, in alle stürzte ich mich mit offenem Geist. Während wir uns mit Nihilismus und Existentialismus auseinandersetzten, kursierte unter uns die Mao-Bibel. Wir lasen die Worte des großen Vorsitzenden, denn anderen direkten Zugang zum Kommunismus gab es für uns nicht. Er wurde gelehrt, aber wir konnten ihn nicht von innen ansehen.

Als ich 18 war und das Abitur in der Tasche hatte, träumte ich von einem Studium der Sinologie, wollte Mandarin lernen und Simultanübersetzerin werden, denn mir war klar: Ein Land mit derart vielen Menschen wird expandieren und auf die eine oder andere Art mit allen Nationen dieser Erde in Kontakt sein. Es sollte nicht sein. Mein Vater verlangte, ich solle gefälligst arbeiten gehen solle, bis ich Kinder bekommen und ohnehin Hausfrau werden würde. Ich ging also arbeiten und träumte weiter vom Land der Mitte. Ich befasste mich mit Feng Shui, mit traditioneller chinesischer Medizin, mit dem Taoismus und dem frühen Buddhismus in dem Land mit dieser Jahrtausende alten Hochkultur. Als ich schließlich gutes Geld verdiente, erfüllte ich mir einen Jugendtraum: Ich organisierte zusammen mit einem Veranstalter eine Gruppenreise nach China mit einem Programm meiner Wahl.

Es war im November vor mehr als 20 Jahren, als wir schließlich nach einem ellenlangen Flug in Peking landeten. Die untergehende Sonne tauchte die Smog-Glocke über der Stadt in ein mystisches Licht, das uns während des gesamten Aufenthaltes begleitete. Ich liebte die kaiserlichen Anlagen, fotografierte wie wild die herrliche Deckenmalerei in den Wandelgängen, bestaunte die winzigen Betten der Konkubinen. Wir sahen riesige Gewürzmärkte, besuchten eine traditionelle chinesische Apotheke, ein entsprechendes Krankenhaus und die Altstadt von Peking, wo ich einem alten Hobbymaler eine Federzeichnung von Bambus mit einem Gedicht dazu abkaufte: „Der Bambus ist unzerstörbar, denn er beugt sich, wenn der Sturm kommt, statt an ihm zu zerbrechen.“ Die Eiche sei das falsche Modell, lächelte der kluge alte Mann. Heute sehe ich, in welchem Ausmaß das stimmt.

Wir bestiegen die große Mauer an einer Stelle, wo außer uns keine anderen Touristen waren – die Landschaft war trunken von goldenem Licht und bunten Herbstfarben. Wir bestaunten die Terrakotta-Armee, bei der jeder der tausenden Tonsoldaten ein anderes Gesicht hat; wir fuhren durch weite Felder, auf denen Bauern arbeiteten, wir machten eine Flussfahrt bei Guilin, begleiteten die Kormoran-Fischer, schlenderten durch die abendlichen Straßen mit dem bunten Trubel und den unzähligen Garküchen. Wir aßen merkwürdiges Fleisch von kleinen Körpern, die Hunde oder Katzen gewesen sein mögen – Fleisch von lebendigen Schlangen wollten wir lieber nicht aussuchen. Wir lernten alles über die Kunst der gefüllten, dampfgegarten Nudeln, wir lebten wie „Götter in Frankreich“. Gespräche mit unseren jungen Reiseführern machten uns deren Lebenswirklichkeit deutlich; wir sahen, dass sie unter Zwängen standen. Ein Gespräch mit einem unsympathischen Teilzeit-Führer in China (oben), der uns Langnasen sichtbar verachtete, macht mich bis heute ärgerlich. Der Mann behauptete steif und fest, der Buddhismus komme aus China, und China habe Tibet „befreit“. Überhaupt sei die chinesische Rasse die beste der Welt und werde früher oder später die Welt auch beherrschen. Ich war froh, als wir den Mann wieder los waren, aber vergessen habe ich seine Worte nie. Unser liebenswerter Langzeit-Führer, der junge Shu (unten), hätte uns gern eine weitere Reise organisiert. Ich wäre so gern wieder gekommen. Aber jeder Versuch, mit ihm nach der Heimkehr Kontakt aufrecht zu halten, lief ins Leere.

Hongkong, damals noch unter britischer Krone, war der Abschluss einer herrlichen Reise. Ich war fasziniert davon, wie in dieser Stadt althergebrachtes chinesisches Leben und westlicher Protz aufeinander trafen und eine spannende Verbindung miteinander eingingen. Natürlich waren wir auf dem Jademarkt, spazierten durch Straßen, in denen Lebensmittel wie vor 100 Jahren verkauft wurden, sahen die westlichen Läden mit schwerem Goldschmuck und dicken Klunkern, bewunderten das goldene Abendlicht im Hafen, wo zwischen modernen Schiffen eine kleine rote Dschunke daran erinnerte, dass Hongkong eine Metropole des alten China war.

Seit 1843 war Hongkong Kronkolonie der Briten. 1997 wurde ein Vertrag zur Rückgabe an China vereinbart, der laut Idee Deng Xiaopings nach dem Motto „ein Land, zwei Systeme“ ablaufen sollte. China musste einige Bedingungen akzeptieren, die in der chinesisch-britischen gemeinsamen Erklärung zu Hongkong festgelegt wurden, wie die Ausarbeitung und Annahme der Miniverfassung Hongkongs vor seiner Rückkehr. Das Grundgesetz stellte sicher, dass Hongkong sein kapitalistisches Wirtschaftssystem und seine eigene Währung (den Hongkong-Dollar), das Rechtssystem, das Gesetzgebungssystem sowie die Rechte und Freiheit der Menschen für 50 Jahre, als Sonderverwaltungszone von China, behalten könne. Im Jahr 2047 sollte dies ablaufen, bis dahin erlaubte die Vereinbarung Hongkong, in vielen internationalen Umgebungen (z.B. Welthandelsorganisation und Olympische Spiele) als eigene Entität und nicht als Teil von China aufzutreten.

Riot police officers clash with protesters in Hong Kong, on Wednesday, May 27, 2020. China officially has the broad power to quash unrest in Hong Kong, as the country’s legislature on Thursday nearly unanimously approved a plan to suppress subversion, secession, terrorism and seemingly any acts that might threaten national security in the semiautonomous city. (Lam Yik Fei/The New York Times)

Wie wir heute wissen, war China nicht bereit, diesen Vertrag einzuhalten. Im Juni 2020 wurde das Gesetz zum Schutz der nationalen Sicherheit in Hongkong durch den Ständigen Ausschuss des Nationalen Volkskongresses verabschiedet. Die örtlichen Parteien lösten sich umgehend auf, denn sie fürchteten politische Verfolgung. Diese findet nun gnadenlos statt. Bereits seit 2014 hatten Studenten gegen die zunehmende Einflussnahme Chinas in Hongkong protestiert; heute sitzen die maßgeblichen Organisatoren, die nicht geflüchtet sind, in Haft. Lange vor dem Ende des Übergabevertrages hat China die Wirtschaftsmetropole mit eiserner Hand zurück ins Reich geholt.

2020 war China mit rund 1,44 Milliarden Einwohnern das Land mit der weltweit größten Bevölkerungszahl. Nur Indien hat mit 1,382 Milliarden Menschen ähnlich viele Einwohner. Chinas Wirtschaft ist die größte der Welt und ihr Motor. Ökonomen schätzen, dass Chinas BIP von Oktober bis Dezember 2020 im Jahresvergleich um fünf bis sechs Prozent wachsen wird, die Wirtschaft damit wieder auf das Niveau vor der Corona-Pandemie zurückkehrt und das Wirtschaftswachstum im Jahr 2021 etwa acht bis neun Prozent erreichen wird. Laut IMF-Prognosen könnte Chinas Wirtschaft im Vergleich zu den USA dann um mehr als 75 Prozent an Größe gewinnen. Zurzeit arbeitet die Volksrepublik daran, ihre Importabhängigkeit von Hightech-Produkten, sowie von Lebensmitteln, Agrartechnologie und Biotechnologie sowie Energieträgern wie Öl, Gas und den wichtigsten Mineralien, die in neuen Energiespeichern verwendet werden, zu reduzieren. Auf der Exportseite will das Land weiterhin in globale Märkte vordringen, um seine neuen Elektrofahrzeuge, 5G-Dienste und Technologien im Zusammenhang mit neuer Infrastruktur, intelligenten Fabriken und intelligenten Städten zu exportieren.

Das sind keine guten Nachrichten für europäische Unternehmen, die in China tätig sind. Laut einer Studie der Europäischen Handelskammer in China und des Berliner China-Thinktanks Merics, die im Januar 2021 in Peking vorgestellt wurde, sagen 96 Prozent der europäischen Firmen in China, dass sie von der Entflechtung, also dem Decoupling, betroffen sind. „Decoupling-Maßnahmen sowohl seitens der USA wie auch Chinas bergen Risiken für globale Lieferketten“, heißt es in einer Stellungnahme von Volkswagen China an das „Handelsblatt“. „Ein besonderes Risiko sehen wir zudem im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie, die insbesondere für Anwendungen wie das vernetzte Fahren von Bedeutung ist.“

Anfang der 1990er Jahre avancierte das Südchinesische Meer zu einem global beachteten Konfliktherd. Dort prallen die territorialen und maritimen Ansprüche von bis zu sieben Staaten aufeinander, von denen jedoch nur drei, die VR China, Vietnam und die Philippinen, in größerem Ausmaß in Konflikte vor Ort involviert waren. Die anderen Länder, Malaysia, Brunei, Indonesien und die Republik China auf Taiwan, die alle auch Ansprüche geltend machen, blieben in westlicher Wahrnehmung eher im Hintergrund. Auslöser war die 1982 verabschiedete und 1994 in Kraft getretene Seerechtskonvention (United Nations Convention on the Law of the Sea; UNCLOS). Sie ermöglichte es Küstenstaaten, alle unterseeischen Ressourcen in einer bis zu 200 Seemeilen breiten Zone vor ihren Küsten zu kontrollieren. Die „Festlandssockelregelung“ erlaubte zudem eine Ausdehnung entsprechender Anrechte bis zu insgesamt 350 Seemeilen ins Meer. Im Südchinesischen Meer führte dies zu einer Vielzahl überlappender Ansprüche. Schon in den 1970er und 1980er Jahren hatten die Konfliktparteien, allen voran Vietnam, die Philippinen und schließlich auch China, eine Reihe von Inseln und Atollen militärisch besetzt. Ein zunehmend selbstbewusst und aggressiv auftretendes China, versucht kontinuierlich, seine Maximalforderungen (80 Prozent des betroffenen Gebietes) in kleinen Schritten gegen andere, weitaus schwächere Anspruchsteller durchzusetzen. Diese versuchen, ihre Position durch Rückgriff auf die Regionalorganisation ASEAN und die mit
eigenen Interessen in der Region aktive hegemoniale Militärmacht USA zu stärken.

Der Taiwan-Konflikt hat zwar in den vergangenen Jahren zu keinen militärischen Scharmützeln geführt, aber die Drohungen Pekings Richtung Taiwan haben zugenommen – samt den diese begleitenden Militärübungen. Das demokratische Taiwan ist de facto unabhängig, wird aber von China als abtrünnige Provinz angesehen. Wenn China einmal in Zukunft seinen Großmachtanspruch militärisch unter Beweis stellen will, dann droht Taiwan das Opfer zu sein. Schutzmacht Taiwans sind aber die USA – was China von Abenteuern abhalten, aber auch dazu führen könnte, dass die beiden Großmächte militärisch aufeinanderprallen.

Was es bedeutet, im Griff Chinas zu sein, zeigt nicht nur das Drama der Uiguren, das sich seit 1990, nur am Rande der öffentlichen Aufmerksamkeit, im Westen der chinesischen Volksrepublik in einer Region, die an Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan grenzt, abspielt. Die islamische Minderheit wird seit Jahren in Umerziehungslager gesteckt und zu Zwangsarbeit verpflichtet, mit dem Ziel, sowohl ihre Religion, als auch ihre Identität auszulöschen und ein chinesisches Volksbewusstsein zu implementieren.

Bereits 1950 besetzte China das Nachbarland Tibet und nannte das „Befreiung des tibetischen Volks vom Feudalismus.“ Der religiöse Führer der Tibeter, der Dalai Lama, und 80 000 Landsleute flohen 1959 nach einem niedergeschlagenen Volksaufstand nach Indien. Peking reagierte mit einer Politik der verbrannten Erde. Bis 1966 wurden mindestens 6000 Klöster und Tempel zerstört. Bauern und Nomaden wurden zum Leben in Volkskommunen gezwungen, Tausende Tibeter starben in Arbeitslagern und durch Hungersnöte. Seit den 1980er Jahren setzte eine rücksichtslosen Ausbeutung der Bodenschätze in der ökologisch sensiblen Hochlandregion ein. Durch die systematische Ansiedlung von Millionen Chinesen wurden die Tibeter zur Minderheit in ihrer Heimat. Genauso lange wie der Konflikt zwischen China und Tibet laviert auch die internationale Staatengemeinschaft hin und her. Einerseits gibt es Sympathien für das Autonomie-Streben des kleinen Volks im Himalaya-Gebirge. Andererseits will es sich wegen knallharter geopolitischer und wirtschaftlicher Interessen niemand mit der kommunistischen Führung in Peking verscherzen.

Die Macht des Milliarden-Volkes wird zum Drama aller, die ins Augenmerk ihres Interesses geraten; so gesehen zuletzt in Hongkong. Niemand wird einen Finger rühren, um sie zu retten, weil alle Mächte der Welt vom Wirtschaftsmotor Chinas abhängig sind. Um sich weiteres wirtschaftliches Ansehen zu verschafften, baut China zurzeit an der neuen Seidenstraße, die durch zahlreiche Länder bis nach Europa führt. Die beteiligten Nationen hoffen auf Arbeitsplätze und neue Einnahmen. Tatsache ist aber: Neun von zehn Projekten werden durch chinesische Firmen ausgeführt. Dabei merken besonders die Europäer erst spät, wie sie sich selbst Nachteile bereitet haben: Chinesische Unternehmen können bisher in Europa investieren, ohne diskriminiert zu werden. Andersherum funktioniert das aber nicht. Gleichzeitig nutzt China das Projekt zu bilateralen Verhandlungen mit den Ländern, durch die die neue Seidenstraße führen wird, wie etwa Italien und unterminiert damit die gemeinsame europäische Politik.

Experten befürchten, dass im Falle von Zahlungsschwierigkeiten China großen Einfluss in den betroffenen Ländern bekommen könnte – sei es über Deals, die dann geschlossen werden, oder dadurch, dass Peking gleich ganz die Kontrolle über wichtige Projekte wie Häfen und Bahnstrecken bekommt. Damit könnte das Regime, das unter Xi immer weiter in Richtung Diktatur driftet, die Westmächte in den Regionen noch mehr zurückdrängen. Kleine Länder, die sich moderne Straßen, Häfen oder Eisenbahnstrecken selbst nicht leisten könnten, heißen die Initiative willkommen und geraten damit in eine Schuldenfalle: Die Kredite, die China gewährt, werden sie kaum zurück zahlen können.

In Afrika präsentiert sich China bereits seit Mitte der 1950er Jahre als ein prominenter Partner im anti-kolonialen Kampf. Die Unterstützung umfasste nicht nur die Ausbildung und Ausrüstung von Milizen, sie gipfelte auch im Bau einer Eisenbahnlinie zwischen Sambia und Tansania, die es dem Binnenland Sambia erlaubte, das damalige Rhodesien und das Südafrika der Apartheid zu meiden, die den Zugang zu Schiene und Hafen kontrollierten. Deng Xiaoping drängte Chinas Staatsunternehmen, externe Märkte und Rohstoffquellen zu erschließen. Diese konzentrierten sich zunächst auf den Rohstoffsektor, um Erdöl und andere Ressourcen für den boomenden Produktionssektor des Landes zu sichern, und stießen in Afrika auf offene Arme. Die Beziehungen entwickelten sich rasch und wurden im Jahr 2000 durch das Forum für die Zusammenarbeit zwischen China und Afrika (FOCAC) formalisiert. Das FOCAC diente in der Folge als Plattform für die rasche Ausweitung der Beziehungen. China wurde schnell zu einem wichtigen Infrastrukturbetreiber auf dem afrikanischen Kontinent und 2009 zu seinem größten Handelspartner.

Insgesamt entfallen etwa 22 Prozent der Schulden Afrikas auf China. Diese Darlehen sind gebunden, was bedeutet, dass die Ausführung der Projekte durch chinesische Auftragnehmer verlangt wird. Bei den Neuverhandlungen mit den afrikanischen Partnern beharrt Peking jedoch auf dem undurchsichtigen Ansatz, jeden Schuldner als Einzelfall zu behandeln. Die rasche Zunahme der afrikanischen Staatsschulden bei China wird langfristige Folgewirkungen haben. Peking hat bereits breite afrikanische Unterstützung etwa in der UNO aufgebaut und festigt dieses Verhältnis durch die aktive Teilnahme an UNO-Friedensmissonen auf dem Kontinent. Chinesische Investitionen beispielsweise in Äthiopiens Schuh- und Bekleidungsindustrie haben dem Land ermöglicht, sich als Exporteur auf dem europäischen Markt zu etablieren, westliche Marken wie H&M haben ebenfalls begonnen, in Äthiopien zu produzieren. China überrundet auch westliche Konkurrenten, wenn es um den aufstrebenden afrikanischen Verbrauchermarkt mit 1,2 Milliarden Menschen geht. Der chinesische Mobilfunkhersteller Transsion erzielt mit dem Verkauf preiswerter Handys, die auf die Bedürfnisse der afrikanischen Verbraucher zugeschnitten sind, beträchtliche Gewinne. Die Beteiligung von Huawei auf allen Ebenen der Internet-Lieferkette, von Unterwasserkabeln bis hin zum Verkauf von Mobiltelefonen, hat das Unternehmen zu einer gewaltigen Marktpräsenz in Afrika geführt, die durch die engen Beziehungen zu staatlichen chinesischen Finanzinstituten noch zusätzlich gefestigt wird.

Und Europa? Von Angela Merkel ist bekannt, dass sie eine fundamentale Verschiebung der globalen Machtverhältnisse in Richtung Asien für unabwendbar hält. China steigt auf, und Europa steigt ab. Sieben Jahre lang hatten Brüssel und Peking das Investitionsabkommen verhandelt, das am 30. Dezember 2020 besiegelt wurde; zu einer Zeit, in der die USA wegen des Präsidentenwechsels politisch gelähmt waren. Dieser Abschluss am vorletzten Tag des Jahres 2020 trägt klar die Handschrift von Angela Merkel. Sie hatte bereits vor der Corona-Pandemie die Beziehungen zwischen China und der EU zu einem zentralen Thema der deutschen EU-Ratspräsidentschaft gemacht. Daran hat sie trotz Corona festgehalten und den Abschluss mit China bis zuletzt vorangetrieben.

Brüssel betont zwar, dass die Beziehung zu den USA erneuert werden müsse, auch um gegenüber China zusammenzuarbeiten. Wenige Tage vor der Amtseinführung von Präsident Biden einen Vertrag mit China zu schließen, kommt allerdings einem ausgestreckten Mittelfinger gleich, der signalisiert: Im Zweifel ist der Marktzugang so wichtig, dass wir auf Biden nicht warten können. Dass Merkel den Abschluss vorangetrieben hat, obwohl die EU China zum systemischen Rivalen erklärt hat, zeigt auch, dass sie in der Politik mit China eine dezidiert eigene Linie verfolgt. Der deutschen Autoindustrie dürfte das recht sein. VW verkauft jedes zweite Auto in der Volksrepublik, und für Daimler ist China der wichtigste Markt. Dank des Abkommens dürfen sie dort künftig auch bei Elektrofahrzeugen mitmischen. Mit der strategischen Entscheidung, so stark auf den chinesischen Markt zu setzen, hat insbesondere Volkswagen sich in eine Abhängigkeit manövriert, die der Bundesregierung kaum noch die Wahl lässt, China kritisch gegenüber zu treten. 

Ob das Abkommen der EU die erwünschten Vorteile bringt, darf bezweifelt werden: Die Entkopplungsstrategie der chinesischen Regierung von den Weltmärkten hat bundesdeutschen Unternehmen bereits erhebliche Nachteile gebracht. Im Januar 2021 sagte Jörg Wuttke, Präsident der EU-Handelskammer in Peking vor Journalisten: „Wir sind an einem Wendepunkt“. Die Probleme bei Halbleitern hätten gerade erst wieder deutlich gemacht: „Man kann untergehen, wenn in der Produktionskette nur ein einziges Teil fehlt, denn dann kann ein Produkt möglicherweise nicht auf den Markt gebracht werden.“

Betrachtet man die weltweiten Aktivitäten des Reichs der Mitte, wirken sie wie ein lautlos fein gesponnenes Netz, das sich langsam, aber sicher immer weiter verdichtet. Dazu braucht das Land im Gegensatz zum lauten, oft empathiefreien Auftreten der USA keinen einzigen Krieg. Umso nachhaltiger sind dafür die Ergebnisse einer Politik, die seit inzwischen rund 70 Jahren verfolgt wird. Auch überall in Europa sind chinesische Einkäufer unterwegs, bilden sich kleine chinesische Kolonien. So kommt es beispielsweise, dass der Markt seit einigen Jahren massenweise von billigen Kleidungsstücken überschwemmt wird mit der Aufschrift „Made in Italy“.

Wir sollten niemals und zu keinem Zeitpunkt vergessen, aus welchem Beweggrund heraus das Land so konsequent agiert: China will die nächste Supermacht werden. Die einzige Supermacht. Und die, die allen anderen diktiert, was sie denken sollen.

Dabei kann das Land auf fast 1,5 Milliarden Menschen zurück greifen, die vom politischen System überzeugt sind; gar nicht anders können, als überzeugt zu sein. „Die Kommunistische Partei Chinas, die befürchtet, die Gewährung politischer Freiheit könnte ihre Macht gefährden, hat einen Orwellschen Hightech-Überwachungsstaat und ein ausgeklügeltes Internet-Zensursystem errichtet, um öffentliche Kritik zu überwachen und zu unterdrücken,“ vermerkt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) in ihrem Jahresbericht 2020. „Peking hat lange Zeit die Kritik im eigenen Land unterdrückt. Nun versucht die chinesische Regierung, diese Zensur auf den Rest der Welt auszuweiten“, schreibt HRW-Chef Kenneth Roth in dem Bericht. Sollte China daran nicht gehindert werden, drohe eine „dystopische Zukunft“, in der sich niemand außerhalb der „Reichweite chinesischer Zensoren“ befinde. Zudem drohe das internationale Menschenrechtssystem so stark geschwächt zu werden, dass keine Überprüfung der Repression durch nationale Regierungen mehr möglich sei, warnte Roth. Dies zeigt sich laut dem HRW-Bericht bereits jetzt in den Gremien der Vereinten Nationen. Peking setze immer ausgefeiltere Technologien zur Unterdrückung ein und greife dadurch massiv in die Privatsphäre der Menschen ein. DNA-Proben würden unter Zwang gesammelt und große Datenanalysen sowie künstliche Intelligenz eingesetzt. „Ziel ist es, eine Gesellschaft frei von Dissens zu schaffen“, so die Menschenrechtler.

Human Rights Watch appellierte an die demokratischen Staaten, gemeinsam gegen Pekings Strategie vorzugehen. Sie sollen dafür etwa Alternativen zu chinesischen Krediten zur Verfügung stellen und das Vermögen chinesischer Regierungsvertreter einfrieren, die sich an der Unterdrückung der Uiguren beteiligten. HRW-Chef Roth wollte den Jahresbericht eigentlich in Hongkong vorstellen, doch wurde ihm am Flughafen der chinesischen Sonderverwaltungsregion die Einreise verweigert

Wie es aussieht, wenn sich ein Volk den chinesischen Eingliederungsbemühungen widersetzt, berichtet jedes Jahr die „Interntional Campaign for Tibet“ (ICT). Das Tibet-Jahr 2020:

Januar: Chinesische Behörden zerstören historische Gebäude in Lhasa und ersetzen sie durch Beton und Glas. Die ICT fordert die UNESCO auf, dagegegn einzuschreiten.

Februar: Wegen Corona findet das tibetische Neujahrsfest Losar unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

März: Chinesische Drohgebärden zum Tag der Tibet-Solidarität am 10. März: Peking inszeniert einen marzialischen Truppenaufmarsch in Lhasa, während die Tibeter des Aufstands vom 10. März 1959 gedenken, nach dem ihr geistlicher Führer flüchten musste.

April: Der Mönch Gendun Sherab erliegt den langfristigen Folgen seiner schweren Folter in chinesischer Haft, Er hatte ein Dokument des Dalai Lama in die sozialen Medien weiter geleitet.

Mai: Wegen Corona erteilt der Dalai Lama am 16. Mai erstmals buddhistische Unterweisungen via Internet. Vor dem bedeutendsten Heiligtum des tibetischen Buddhismus, dem unter UNESCO-Schutz stehenden Jokhang-Tempel in Lhasa wurden zwei neue Pavillons im chinesischen Stil errichtet.

Juni: Im Rahmen einer „Umweltsäuberung“ befehlen Behördenvertreter und Polizisten der tibetischen Bevölkerung, ihre Gebetsfahnen in den Dörfern und auf Bergspitzen zu entfernen. Bilder des Dalai Lama dürfen sie schon lange nicht mehr besitzen.

Juli: Der Dalai Lama wird 85. Der Komponist Khadro Tseten wird zu sieben, der Sänger Tsego zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Beide haben ein Lied zu Ehren des Dalai Lamas eingespielt und verbreitet.

August: Hochrangige Menschenrechtler der UNO kritisieren Pekings „Reinkarnationsregeln“ für tibetische Lamas und fordern Zugang zum verschwundenen Panchen Lama Gendum Choekyi Nyima. Schwer krank wird die Tibeterin Dolkar aus chinesischer Haft entlassen, wo sie gefoltert und zu Schwerarbeit gezwungen wurde.

September: Zehn Mitglieder des Unterstützungskommitees für das örtliche Kloster werden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Die chinesischen Behörden zwingen hunderttausende Tibeter in ein staatliches „Arbeitspogramm“ mit militärischen Umerziehungszentren und Transfers in chinesische Provinzen. Wenn sie vorgegebene Arbeitsquoten nicht erreichen, drohen Strafen.

Oktober: Der Tod der 36jährigen Lhamo wird bekannt. Sie starb in chinesischer Haft und wurde sofort eingeäschert, was eine Untersuchung unmöglich machte.

November: ICT-Geschäftsführer Kai Müller spricht bei einer Expertenanhörung im deutschen Bundestag. Er übergibt auch eine Petition im auswärtigen Amt. 2500 Menschen fordern die Bundesregierung auf, die Arbeitsprogramme in Tibet zu verurteilen und das Thema in Gesprächen mit der chinesischen Regierung auf den Tisch zu bringen.

Dezember: Der „Tibetan Policy and Support Act“ wird rechtskräftig. Das neue US-Gesetz ermöglicht persönliche Sanktionen gegen chinesische Funktionäre, die versuchen, sich in die Nachfolge es Dalai Lama einzumischen. Die chinesische Regierung teilt mit, die „Zentralregierung“ habe den religiösen Status und die Titel des Dalai Lama, sowie von Panchen Lama festgelegt. Offenbar sieht sie sich in deren Nachfolge. Die Stellungnahme der UN-Experten sei eine Einmischung in innere Angelegenheiten. Der tibetische Schriftsteller Gedrun Lhundrup ist verschwunden. Der tibetische Mönch Rinchen Tsultrim wird seit über einem Jahr ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten.

Im Januar 2021 ging es genau so weiter: Der 19jährigen Tenzin Nyima hatte im November 2019 für die Unabhängigkeit Tibets protestiert und wurde in der Folge mehrfach inhaftiert. Im Oktober 2020 wurden seine Angehörigen aufgefordert, den Mönch aus dem Gefängnis abzuholen. Er war so schwer geschlagen worden, dass er nicht mehr sprechen und sich nicht mehr bewegen konnte. Seine Familie brachte ihn noch in mehrere Krankenhäuser, aber man konnte ihm nicht mehr helfen.

Das Spendenkonto der International Campaign for Tibet, in deren internationalem Beirat unter anderem Harrison Ford und Desmund Tutu sitzen, deren internationaler Vorsitzender Richard Gere ist, ist bei der Bank für Sozialwirtschaft: IBAN DE20 1002 0500 0003 2104 00. Spenden können steuerlich abgesetzt werden.

Siehe auch:

Tibet: Ein Volk im Würgegriff protestiert mit immer mehr Selbstverbrennungen

Narzisstische Wut will vernichten: H.G. Tudor und Donald Trump

Narzissten bestehen aus einem riesigen ICH.

Alles, was sie tun, dient dazu, dem unstillbaren Verlangen dieses ICHs nach Bestätigung genüge zu tun, alle Menschen, mit denen sie sich umgeben, ebenso. Gleichzeitig leben sie in einer Welt aus schwarz und weiß: Wer nicht für sie ist, ist gegen sie. Für sie zu sein, bedeutet uneingeschränkte Loyalität an den Tag zu legen, egal was sie tun – und in Kauf zu nehmen, dass sie selbst keineswegs loyal sind. Im Gegenteil: Jeder Mensch, jede Handlung, jedes Zeitgeschehen, im Zweifelsfall ein einziger Blick, können von Narzissten als Aggression wahrgenommen werden. Dann ist im selben Moment alles vergessen, was sie – manchmal über Jahre – an Loyalität einer Person erfahren haben. Dann schlagen sie zurück: So fest sie können und so vernichtend wie irgend möglich. Narzisstische Wut ist hitzig, nachtragend und kann lebensgefährlich werden.

H.G. Tudor, Autor des englisch sprachigen Blogs „Knowing the Narcissist“ beschreibt auf unnachahmlich persönliche Art aus eigenem Erleben die Denkweise eines Narzissten. Hier ein Beispiel zu narzisstischer Wut und wie er damit umgeht:

„Es hat viele Vorteile, ein Ultra-Narzisst zu sein (Anm.: im Gegensatz zu „schwächeren“). Einer davon ist die Fähigkeit, den eigenen lodernden Zorn unter Kontrolle zu halten. Die totale Kontrolle einmal entflammten Zorns in Schach zu halten, hat sich als kaum möglich erwiesen, aber wir schaffen es. Da, wo ein schwächerer Narzisst, wenn er verwundet wird, vor Wut explodierend, seine Partnerin eine hässliche, faule Nutte nennen würde, weil sie ihm nicht zu der Zeit das Essen brachte, zu der er es verlangt hatte, wird der stärkere Narzisst das oft unter Kontrolle halten. Wir bleiben verwundet, aber wir behalten die nötige Kraft, diese Wut auf alternative Art anzugehen und dieses beißende, grausame, brennende Feuer unter Kontrolle zu halten.

Für den richtigen Zeitpunkt.

Die, die uns verwunden und unsere Wut nicht sofort zu spüren bekommen, werden uns deshalb nicht entkommen. Ja, sie mögen sich die ätzend kritische Retourkutsche für den Moment erspart haben, oder dem eisigen Blick samt begleitendem Schweigen mit Ziel der Manipulation für den Moment entkommen sein, aber wir werden sie bestrafen. Wir haben einen geistigen Aktenvermerk gemacht, und es wird ausgleichende Gerechtigkeit geben. Immer.

Vor einigen Wochen sah sich eine Dame, Gillian, die Leiterin einer bestimmten Abteilung innerhalb des Unternehmens, bemüßigt, gegen einen Vorschlag zu stimmen. Meinen Vorschlag. Sie wurde überstimmt, und mein Vorschlag wurde angenommen. Die anderen Teilnehmer waren offensichtlich mit Verstand und Voraussicht ausgestattet. Sie nicht. Ihre Gegenmeinung war bar jeden Sachverstandes und finanziellen Augenmaßes, und echte geschäftliche Alternativen gab es nicht. Nein, es war offensichtlich, dass ihr Widerstand darauf aus war, mein Leben schwer zu machen, mit zwei Fingern in meine Richtung zu schnippen und meine Vorschläge zu Fall zu bringen.

Dies war ihre dritte Verfehlung dieser Art. Ich hatte die Kontrolle über meine schäumende Wut bei den letzten beiden Vorfällen behalten, wie auch bei diesem. Ich muss allerdings zugeben, dass es mich eine Menge Disziplin kostete, als ich sah, wie sie ihren Finger hob, um Gehör für ihren Widerstand zu bekommen und auch noch in meine Richtung sah, während sie das tat. Ausgemachte Unverschämtheit. Ich begegnete ihrem starren Blick mit unbeirrbarer Leere, obwohl ich mir gleichzeitg vorstellte, wie ihr komfortables Appartement in Flammen aufgeht und sie mitten im Inferno um Hilfe schreit. Ich verspottete ihren Widerstand, aber innerlich fühlte ich den gähnenden Abgrund und wie ich in seine Richtung fiel. So wirkt es, wenn ich verletzt werde. Ich saß im Sitzungsraum, und ihr Versagen der Zustimmung, ihre deutliche Ablehnung, meinen Vorschlag zu billigen, ihr Trotz und ihre Unnachgiebigkeit sagten mir, dass mein Plan nicht gut genug war.

Nicht gut genug.

Diese drei Worte waren das tägliche Motto meiner Kindheit. Nicht gut genug.

Sie war genau wie alle anderen. Unzuverlässig, heimtückisch, eine Verräterin, der man nicht glauben durfte. Soeben hatte sie zum dritten Mal bewiesen, dass man ihr nicht vertrauen konnte.

Drei Worte. Nicht gut genug. Genau wie SIE immer zu mir sagte. Sie war genau wie SIE, wollte meine Welt kaputt machen, mich beherrschen und kontrollieren. Ich bin kein Mensch, den man kontrolliert. ICH kontrolliere. Während diese Gedanken in Richtung des mich erwartenden Nichts taumelten, machte sich die Wut bemerkbar. Diese wohlbekannte Wut. Immer da, bereit, gegen den bösartigen Angreifer zurück zu schlagen. Ich fühlte, wie die erste Welle der Wut das Gefühl zu fallen verdrängte; zu fallen wegen der drei Worte.

Nun wurden sie von drei anderen Worten überlagert. Victoria aut morte – Sieg oder Tod. Es muss Sieg sein, immer Sieg. Die Wut stieg an, wischte jeden Anflug von Schwäche beiseite – man darf nie schwach sein (keine Tränen, HG, keine Tränen, wie SIE immer gewarnt hatte). Es gibt nie Tränen – meine jedenfalls nicht.

Meine Wut drängte mich, dieser dummdreisten Wichtigtuerin zu zeigen, wo ihr Platz ist. Ich starrte weiter auf ihre Hand, und während sie diese leicht absenkte, fuhr sie fort, mir zu trotzen, ihre Augen immer noch fest auf meine gerichtet.

Ich wollte sie vernichten, hier und jetzt; ihre Haltung mit Worten schreddern und sie demütigen, sie vor Wut bebend oder noch besser, zurückgeworfen auf Tränen des Unvermögens im Sitzungsraum zurücklassen und dann den herrlichen Energieschub trinken, den das Übertragen meiner Verwundung auf sie mir bringen würde. Das würde meine Wut verbannen. Ich wollte ihre schwache Analyse zerreißen, alle Mängel ihrer Abteilung offenlegen und sie dafür verantwortlich machen. Ich wollte den anderen Köpfen demonstrieren, dass sie ungeeignet für die Aufgabe war und so weiter, und so weiter.

Aber dies war der falsche Zeitpunkt. (…) Andere könnten sich gegen mich wenden. (…) Ich sah, wie die Hände der Anderen sich für meinen Vorschlag hoben, und diese Beweise von Unterstützung und Anerkennung gaben mir Energie. Weiteren Kraftstoff gab es von sekundär Beteiligten. (…) „Gut gemacht“, kommentierte jemand. Noch mehr Energie. Eine Hand klopfte auf meine Schulter. Noch mehr Kraftstoff.

Die Wunde begann, sich zu schließen. Ich behielt meinen kalten Blick bei. Sie schlug die Augen nieder, und da war es: Ich sah die Enttäuschung in ihren braunen Augen. Ich sah die heruntergezogenen Mundwinkel und ihr Stirnrunzeln. Ihre instinktive Reaktion des Geschlagenseins war offensichtlich. Ihr Körper sank leicht zusammen, ihre arrogante Steifheit erodierte und all das versorgte mich mit noch mehr Energie. (…) Ich hatte über ihre Rebellion triumphiert. Ich hatte die Kontrolle behalten.

Aber das war die dritte Verwundung durch sie innerhalb weniger Wochen.

Drei Wunden. – Drei Worte.

Sie muss bestraft werden.

Heute ist der Tag dafür.“ …..

Das Beispiel Donald Trump

Wird die verdeckte Motivation eines offenen Narzissten nach außen erkennbar, widerspricht man ihm und/oder kritisiert ihn, müssen alle, die das tun, schlimmes fürchten. Genau so fühlt und handelt Donald J. Trump, der Ex-Präsident der USA.

Donald Trump lernte bereits in frühster Kindheit, dass nur eine „Killernatur“ im Leben Erfolg haben kann (siehe weiter unten). Also stellte er sich als solche dar und sicherte sich so eine führende Position im Unternehmen seines reichen Vaters. Der hoch gewachsene, blonde Donald war schon als junger Mann eine charismatische Persönlichkeit, die in TV-Shows für viel Begeisterung sorgte und Zuschauerquoten garantierte. Ausgestattet mit großem Selbstwertgefühl, mit Siegesgewissheit, einem enormen Willen zum Kampf, mit völliger Respektlosigkeit gegenüber gesellschaftlichen Regeln und Gesetzen, sowie einem schlafwandlerischen Instinkt für die Schwächen seiner Gegenüber und die Manipulation von Massen, richtete er als Präsident innerhalb von vier Jahren ein außenpolitisches Chaos an. Es erschütterte das Vertrauen in die USA nachhaltig und isolierte das Land. Im Innern sorgte er mit unverhohlenem Rassismus und Frauenverachtung, mit einem ganzen System von Lügen und Falschinformationen für eine Spaltung, die Amerikaner gegen Amerikaner aufhetzte.

Die Nacht vom 3. auf den 4. November 2020 wird der reine Albtraum für den erfolgsverwöhnten Mann: Donald Trump, dem republikanischen Präsidenten der Vereinigten Staaten scheint erscheint zunächst eine zweite Amtsperiode sicher. Nach Auszählung der in Wahlbüros abgegebenen Stimmen führt er vor seinem Herausforderer, den er herablassend „Sleepy Joe“, den verschlafenen Joe, nennt. Begeistert erklärt er sich zum Wahlsieger, obwohl noch so gut wie alle Briefwahlstimmen fehlen. Und dann kommt es: Langsam, wie ein tödliches Gift, schleicht die Niederlage heran. Es dauert mehrere quälend lange Tage, bis gegen den ungläubigen Amtsinhaber feststeht: Mit 74,22 Millionen Stimmen gewinnt er deutlich mehr Zustimmung als 2016. Aber der Demokrat Joe Biden hat noch viel mehr erreicht: 81,28 Millionen Wahlberechtigte entschieden sich für ihn. Nach der Zahl der Wahlmänner ist das Ergebnis noch klarer: Der Herausforderer erreicht 306, der Amtsinhaber ist mit 232 weit entfernt von den 270 Wahlmännern, die für die Mehrheit mindestens gebraucht werden. Zunächst scheint es wenigstens noch, als ob die Demokraten ihre bisherige Mehrheit im Senat verlieren, aber zwei Senatoren müssen in die Stichwahl. Am Ende ist es eine Niederlage auf ganzer Ebene: Das Land hat einen neuen demokratischen Präsidenten, der über eine Mehrheit im Repräsentantenhaus verfügt und über ein Patt im Senat, das mit Hilfe der Stimme seiner Stellvertreterin Kamala Harris in eine Mehrheit verwandelt werden kann.

Für den selbsternannten Dealmaker und Narzissten mit deutlich soziopathischen Zügen Donald Trump ist dieses Wahlergebnis ein Supergau und eine lebensbedrohliche narzisstische Kränkung. Diese, seine größtmögliche Niederlage, schreit nach Vergeltung.

Sein Leben lang hatte Donald Trump es geschafft, solche Kränkungen zu verhindern. Dabei war ihm jedes Mittel recht gewesen- ob nun legal oder nicht; so beschreibt es jedenfalls sein ehemaliger persönlicher Anwalt Michael Cohen. Sein ganzes Leben lang kämpfte er mit allen denkbaren Möglichkeiten, Lüge und Betrug eingeschlossen. Präsident zu sein hatte für Donald Trump viele Vorteile, die alle seiner narzisstische Persönlichkeit zusätzliche Energie zuführten: Er war der mächtigste Mann im Land und konnte sogar Gesetze zu seinen eigenen Gunsten ändern. Das Amt verschaffte ihm ein sehr viel größeres Umfeld an Menschen, die bereit waren, sein extremes Bedürfnis nach Anerkennung zu befriedigen. Und: Als Präsident war er weitestgehend immun gegen Strafverfolgung. Wohl auch, um letzteres unbedingt zu erhalten, versuchte er bereits im Vorfeld seiner zweiten Kampagne, das Wahlergebnis 2020 zu seinen Gunsten zu steuern, indem er seine Fans Mantra-artig darauf einstimmte: „Wenn ich nicht gewinne, wurde die Wahl manipuliert.“ Er setzte sogar einen noch persönlicheren Maßstab: Verlöre er gegen einen wirklich fähigen Widersacher, wäre das erniedrigend. Aber gegen so einen „nichtssagenden, uralten, verschlafenen“ Gegenkandidaten wie Joe Biden zu verlieren, wäre ein Beweis seines eigenen Unvermögens.

Als klar wird, dass der Präsident tatsächlich das Weiße Haus verlassen muss, beginnt ein bedrohliches Schweigen. Trump nimmt kaum noch Termine wahr, geht demostrativ golfen. Aus dem Innern des Weißen Hauses berichten Angestellte von stundenlangen wütenden Schrei-Anfällen, wüsten Drohungen und Stunden tiefster Depression, die der Präsident vor dem Fernseher verbringt. Sie fürchten um seinen Geisteszustand. Ein Trauma hat Donald Trump erfasst. Er will und kann nicht glauben, dass er wirklich verloren hat. Dann wäre er ja wirklich nicht gut genug gewesen…

Also beginnt er einen verzweifelten Kampf. Er wütet, droht, greift seine Widersacher persönlich und über Dritte an, verbreitet massenweise Fake-News über Twitter und Facebook, bis beide ihn sperren. Der Inhalt ist immer der gleiche: Die Wahl wurde manipuliert, um ihm die Präsidentschaft zu stehlen.

Die Trump-Fangemeinde hat zur Zeit des Wahlverlusts 2020 unzählige Accounts und Kanäle auf dem rechts orientierten Messenger Parler. Hier sorgen der Präsident und sein Sohn Donald jr. mit einem ständigen Fluss von Beiträgen an die Millionen „Patriots“ dafür, dass die Stimmung sich aufheizt. Unzählige Fans sind inzwischen überzeugt, dass die Wahlergebnisse manipuliert wurden, die Wahlmaschinen aus dem Ausland mit Viren infiziert waren, dass die herrschende Kaste einfach nicht mit den klaren Worten ihres Helden zurecht komme und ihn deshalb verbannen müsse. Trump lässt Dutzende von Klagen an den Gerichtshöfen der Bundesländer einreichen. Er verlangt Neuauszählungen, will die Wahl von Amts wegen rückgängig machen lassen. Angeblich sind tausende Stimmen bereits verstorbener Wähler gezählt worden, haben die Wahlmaschinen versagt, sind Wahlzettel zugunsten Trumps verschwunden. Tatsächlich gibt es verschiedene Neuauszählungen; nirgendwo erweisen sich die Vorwürfe des Verlierers als berechtigt. Da keine Beweise vorgelegt werden, werden alle Klagen abgelehnt. Auch Trumps Versuch, noch vom Supreme Court, dem obersten Gerichtshof, Recht zu bekommen, scheitert, obwohl er wenige Tage vor der Wahl dort noch eine republikanische Bundesrichterin eingesetzt hat.

Parallel dazu macht der Noch-Präsident Druck auf Abgeordnete und Wahlleitungen einzelner Bundesstaaten, in denen er besonders knapp verloren hat. Er bestellt rechtswidrig Abgeordnete aus Pennsylvania ins Weiße Haus ein – erfolglos. Er ruft Gouverneure an – ebenfalls erfolglos. Er lässt Republikaner in Schlüsselstellungen von Dritten erpressen. Er stilisiert sich als Opfer, verlangt „Fairnis“ für sich. Sein Team beginnt eine Spendenkampagne „für Kundgebungen und andere Dinge, die wir vorbereiten.“ Bis zur endgültigen Wahlfeststellung bleiben knapp zwei Monate Zeit, um noch Einfluss zu nehmen.

Derweil werden bizarre Details über Donald Trumps Amtsführung und seinen immerwährenden Durst auf Bestätigung bekannt: Offenbar wurden dem Präsidenten deshalb regelmäßig Informationen vorgelegt, die die Tatsachen stark beschönigten. Die ehemalige Militärärztin Deborah Birx hat beispielsweise die Bemühungen gegen die Pandemie koordiniert. „Trump präsentierte bei Briefings Grafiken, die ich nicht erstellt hatte“, sagte Birx im TV-Interview mit CBS-Journalistin Margarete Brennan: „Ich denke, dass jemand eine Art Parallel-Set an Daten für den Präsidenten erstellte. Ich weiß bis heute nicht, wer das gewesen sein könnte.“ Offenbar fürchteten die engen Mitarbeiter Trumps Wutanfälle so sehr, dass sie lieber als Überbringer guter Nachrichten vor ihn treten wollten.

Je knapper die Zeit wird, desto aggressiver werden Trumps Maßnahmen. Er ruft den Wahlleiter des Staates Georgia, Innenminister Brad Raffensperger an und verlangt von ihm, genügend Stimmen „zu finden“, die ihn zum Wahlsieger machen. Als dieser sich weigert, bedroht ihn der Präsident. Das Telefonat wird mitgeschnitten und verursacht enorme Empörung. Als Justizminister William Barr schließlich gegen den Willen Trumps öffentlich bekannt gibt, die Wahl sei rechtens verlaufen, muss er zurücktreten. Sein Stellvertreter Jeffrey A. Rosen wird Nachfolger, weigert sich aber ebenfalls, das Recht zu beugen. Der Plan, Rosen aus dem Amt zu drängen und einen Trump-Unterstützer, Anwalt Jeffrey Clark, zum Justizminister zu machen, kommt nicht mehr zustande. Clark sollte die Landesregierung Georgias zwingen, die Wahl für ungültig zu erklären. Nun erwartet Trump, dass sein Vizepräsident Pence die endgültige Feststellung des Wahlergebnisses verhindert. Aber auch dieser Mann, der vier Jahre lang zu allem, was der Präsident tat oder sagte, nur mit leuchtenden Augen genickt hatte, weigert sich, obwohl er von Trump laut schreiend übelst beschimpft wird. Damit hat Pence vier Jahre unverbrüchlicher Treue zu seinem jähzornigen Dienstherrn mit einem Schlag aus dessen Gedächtnis gewischt und durch mörderischen Zorn ersetzt.

Kurz vor Weihnachten soll es im Oval Office zu einer chaotischen Versammlung unter anderem mit der Anwältin und QAnon-Unterstützerin Sydney Powell, Ex-General Michael Flynn, Emily Newman, Patrick Byrne und Präsident Trump gekommen sein. Michael Flynn war von Trump erst wenige Tage zuvor per Begnadigung aus dem Gefängnis geholt worden. Nun soll er versucht haben, den Präsidenten von extremen Maßnahmen zu überzeugen, um seine Macht zu erhalten. Anwältin Powell wollte gleichzeitig erreichen, dass der nationale Notstand ausgerufen und sie selbst zur nationalen Sicherheitsberaterin ernannt würde. General Flynn soll bei dem Treffen mehrfach ausgerastet sein und Sicherheitsberater Herschbach angeschrien haben, er sei ein Feigling – unter anderem deshalb, weil dieser Beweise für Behauptungen verlangt hatte, dass Software des Wahlmaschinenherstellers Dominion von ausländischen Kräften manipuliert worden sei.

Als sich am 6. Januar der Kongress im Kapitol trifft, um endgültig Joe Biden als Wahlsieger zu erklären, hält Trump vor Tausenden seiner Anhänger eine Rede vor dem Weißen Haus und fordert sie auf, zum Kapitol zu marschieren. Die tun das auch und stürmen aggressiv das Gebäude. Fünf Menschen sterben. Ein Video von Donald Trump junior zeigt, wie das Team Trump fröhlich den Sturm beobachtet. Der Präsident soll gespannt und aufgeregt gewesen sein, begeistert, dass seine Fans sich so für ihn einsetzen – und gar nicht verstanden haben, warum es den meisten seiner Mitarbeitern nicht so ging. Wenig später wird bekannt: Das Wahlkampfteam Trumps soll über zwei Jahre hinweg knapp drei Millionen US-Dollar in Gruppen investiert haben, die am Sturm aufs Kapitol beteiligt waren. Unter den ausschließlich weißen Anhängern des Präsidenten waren viele bekannte Anhänger rechter Gruppen. Noch in der selben Nacht hält der Präsident eine Rede, in der er seine Fans aufruft, friedlich zu sein. Gleichzeitig bestätigt er ihnen aber, dass er sie verstehe und liebe.

Das war der Versuch eines Staatsstreiches, sind sich anschließend nicht nur Demokraten, sondern auch etliche republikanische Abgeordnete sicher. Damit Donald Trump nie wieder ein Staatsamt inne haben kann und nebenbei auch Präsidentenpension, -büro und -stab verliert, starten die Demokraten ein zweites Impeachment, obwohl dem Präsidenten nur noch wenige Tage im Amt bleiben. Nun beginnt ein Machtkampf Trumps mit seiner eigenen Partei, den Republikanern. Er nimmt sich die Abgeordneten, die ihn kritisiert haben, einzeln vor und droht ihnen, keinen Fuß mehr auf den Boden zu bekommen. Er droht seiner Partei unter anderem, mit Hilfe seiner millionenfachen Anhängerschaft eine neue Partei zu gründen, was den Republikanern im bestehenden Zwei-Parteien-System den Boden entziehen würde.

Nach dem Sturm auf das Kapitol und der anschließenden umfassenden öffentlichen Empörung werden die letzten Tage im Amt für Donald Trump einsam. Facebook und Twitter haben ihm sein Sprachrohr zu seinen Fans weg genommen, und Amazon entzieht jetzt auch dem Netzwerk Parler die Arbeitsgrundlage, indem es sich weigert, dieses weiter über seine Server zu hosten. Ein großer Teil der Fangemeinde schafft es, rechtzeitig zu Telegram überzusiedeln, wo alle verzweifelt darauf warten, dass ihr Held doch noch einen Weg findet, seine zweite Amtszeit anzutreten. Gleichzeitig wird dieser zur tragischen Figur: Gleich mehrere Banken trennen sich von ihm, darunter auch die Deutsche Bank, die noch hunderte Millionen Kredite von ihm hält. Die Stadt New York entzieht seinem Unternehmen mehrere lukrative Verträge. Auch der Golfverband PGA hat das nächste Turnier in Trumps Resort in Florida abgesagt. Die dortigen Clubmitglieder verschwinden reihenweise, nachdem Mar-A-Lago den präsidialen Glanz verloren hat. Der Name Trump ist plötzlich keine angesehene Marke mehr, erscheint nicht mehr „too big to fail“. Dazu ordnet das Gericht an, dass Trump innerhalb von drei Tagen seine Steuerunterlagen herausgeben muss. Das hatte er über vier Jahre hinweg erfolgreich verhindern können.

Trump wird hektisch aktiv: Nachdem er in seiner Amtszeit die Todesstrafe auf Bundesebene wieder eingeführt hat, lässt er in seiner letzten Amtswoche noch schnell das das 12. Todesurteil, das einer Frau, vollstrecken. Er erlaubt unter anderem auf den letzten Drücker die Ölförderung in den Naturschutzgebieten Alaskas, ordnet neue Sanktionen gegen China an, schert sich aber keinen Deut um Corona-Impfungen oder eine ordentliche Amtsübergabe. Außerdem begnadigt der Präsident zahlreiche Verbündete, die sich verschiedener Verbrechen schuldig gemacht haben. Darunter sind auch mehrfache Mörder. Für Trump zählen nicht die Taten, die diese Leute begangen haben, sondern die Frage, wer loyal zu ihm stehen, bzw. ihm später noch nützlich sein wird. Von einer Begnadigung seiner selbst und seiner Familie ist nicht die Rede. Sein langjähriger persönlicher Anwalt, Mike Cohen vermutet jedoch, dass diese geheim ausgesprochen wurden und nur bei akutem Bedarf genutzt werden sollen.

Donald Trump erklärt, nicht an der Amtseinführung Bidens teilnehmen zu wollen. Er organisiert seinen eigenen Abschied auf einem Militärflughafen einige Stunden vor Bidens Festakt und verspricht den wenigen erschienenen Fans, unter ihnen auch seine Kinder mit Tränen in den Augen: „We will be back in some form.“ Seine kampfbereiten Anhänger verfolgen Bidens Amtseinführung, trösten sich gegenseitig auf Telegram und hoffen bis zur letzten Minute auf ein Wunder. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf das Versprechen zu verlassen: „We will be back in some form.“

Bidens Amtsübernahme verläuft Corona-bedingt mehr als ruhig: Nur tausend geladene Gäste verfolgen das Spektakel, unter ihnen der ehemalige Vizepräsident Mike Pence. Der fürchtet seit dem Sturm auf das Kapitol um sein Leben und hat sich die meiste Zeit zuhause eingebunkert. Als die Bidens ins Weiße Haus gehen wollen, stehen sie vor verschlossenen Türen: Die Trumps haben als letzten Gruß dafür gesorgt, dass niemand da war, der sie von innen hätte öffnen können. Das sorgt für einen kurzen, peinlichen Moment des Stillstands im sonst so ausgefeilten Programm. Donald Trump sitzt zu diesem Zeitpunkt feixend in Florida vor dem Fernseher.

In welcher Form man demnächst von Trump hören wird, fragt man sich auch in Washington, denn allen ist klar, dass der Entthronte auf Rache sinnt. Donald jr. hat bereits die Einrichtung eines eigenen Messengers angekündigt: „Freedom“ soll er heißen. Dabei soll es aber nicht bleiben: Die republikanische Partei fürchtet vor allem, dass der Ex-Präsident seine eigene „Patriot“-Partei gründet. 74 Millionen Unterstützer fallen schwer in die Wagschale. Trump selbst droht mit allem, was er in den Händen hat, und seine Partei, von der große Teile den Aufstand im Kapitol missbilligen, steht vor einem Dilemma: Was tun im Impeachment-Verfahren?

Mar -A-Lago in Florida

„The Office of the Former President“ wird offiziell eröffnet – per Pressemitteilung. Angesiedelt ist es – so heißt es – im Palm Beach County in Florida. Dort liegt auch Trumps Golf-Anwesen Mar-A-Lago, das er zum Ärger der dortigen Nachbarn als neuen dauerhaften Wohnsitz gewählt hat, und dort eröffnet wenig später auch seine Frau das „Office of Melania Trump“. Von Donald Trumps Office aus sollen künftig öffentliche Auftritte, offizielle Aktivitäten und Erklärungen sowie das „Erscheinungsbild“ Trumps organisiert und koordiniert werden. „Präsident Trump wird für immer ein Champion für das amerikanische Volk sein“, heißt es dazu in der Mitteilung. Russ Vought, ehemals Leiter von Trumps Verwaltungs- und Finanzbüro, wird laut US-Medienberichten zwei Think Tanks ins Leben rufen, die dem Ex-Präsidenten die ideologische Munition liefern sollen, mit der er seine politische Haltung und seine Ziele auf der öffentlichen Tagesordnung halten kann. Wie genau Trump sich positioniert, hängt vom Ausgang des Impeachment-Verfahrens ab, für das sich der Senat auf Druck der Republikaner zwei Wochen Zeit genommen hat. Es fällt damit bereits in die Amtszeit Joe Bidens. Stimmen die Abgeordneten nicht zu zwei Dritteln zu (wozu sie 17 republikanische Stimmen brauchen), kann Trump 2024 erneut versuchen, Präsident zu werden. Geht das zweite Impeachment aber durch, muss er völlig andere Wege gehen. Gedacht ist dann unter anderem auch an den Aufbau eines Medienimperiums, mit der er seine eigenen Botschaften unter’s Volk bringen kann.

Die zehn republikanischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus, die zusammen mit den Demokraten für ein Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump gestimmt hatten, sehen sich großem Druck aus den eigenen Reihen, öffentlich, wie auch hinter den Kulissen, ausgesetzt. So reist beispielsweise einer der wichtigsten Verbündeten von Donald Trump, der Republikaner Matt Gaetz aus Florida, nach Wyoming, um die Abgeordnete Liz Cheney zu rügen, die im Repräsentantenhaus für die Eröffnung des Impeachment-Verfahrens gestimmt hat.  Trumps Leute bedrohen die eigenen Parteimitglieder, sich ja nicht für das zweite Impeachment auszusprechen. Einige von ihnen fürchten danach um ihr Leben. Nach Mar-A-Lago eingeladen wird dagegen die Abgeordnete Marjorie Taylor Greene, die QAnon offen unterstützt, sich daher mit Rücktrittsforderungen der Demokraten konfrontiert sieht und wenig später aus wichtigen Ausschüssen entfernt wird.

Eine, freundlich ausgedrückt, ambivalente Rolle spielt der Fraktionsvorsitzende im Senat, Mitch McConnel. Der Mann, der in einer ersten Reaktion auf den Sturm des Kapitols ebenfalls Donald Trump beschuldigt hatte, verteidigt diesen nach einem Gespräch in Mar-A-Lago. Der Mann, der nach innen die Partei warnt: „Verrückte Lügen und Verschwörungstheorien sind ein Krebsgeschwür für die Republikanische Partei und unser Land“, verteidigt die rechtsextreme QAnon-angehörige Marjorie Taylor Greene nach außen als „große Führungspersönlichkeit“. Dahinter steht nicht nur deutliche Angst vor der Wut des ehemaligen Präsidenten, der auch weiterhin eine Führungsrolle in der Partei behalten will: Auch Mitch McConnel will seinen einflussreichen Posten behalten.

Schon wenige Tage nach der Entscheidung des Senats, das Verfahren um zu vertagen, beantragt Senator Rand Paul, das Impeachment für verfassungswidrig zu erklären. 45 der 50 Republikaner stimmen dafür, auch Fraktionsführer Mitch McConnell. Inzwischen spricht die Homeland Security eine seltene nationale Terrorwarnung aus: Trumps Unterstützer vom Sturm des Kapitols machen erneut mobil. Verwaltungen sollen gesichert werden und Ladenbesitzern wird geraten, jedes Zeichen ihrer Kritik an Trump-Supportern zu entfernen. Die Biden-Administration hält Donald Trump inzwischen für so gefährlich, dass sie ihm die geheimdienstlichen Briefings entzieht.

Der Ex-Präsident will im zweiten Amtsenthebungsverfahren erneut den Fokus darauf setzen, dass die Wahl manipuliert und er der eigentliche Gewinner sei. Seine erste anwaltliche Vertretung quittiert deshalb den Dienst. Beide Parteien wollen möglichst schnell zu einem Ende kommen, um die Amtsführung des neuen Präsidenten nicht zu belasten. Die Ankläger präsentieren dem Senat neue erschütternde Videos, die eindeutig beweisen, dass Donald Trump den Sturm auf das Kapitol von langer Hand geplant und am 6. Januar auch initiiert hat. Eine Zeugin geht an die Öffentlichkeit und berichtet von hilfesuchenden Anrufen seiner eigenen Parteimitglieder während des Sturms, die darauf hinwiesen, dass sein Stellvertreter Mike Pence in Lebensgefahr war. Er rührte keinen Finger, um das Geschehen zu stoppen, twitterte statt dessen: „Es gibt offenbar Menschen, die sich stärker für Gerechtigkeit interessieren als Mike Pence. Mike Pence hatte nicht den Mut, zu tun, was hätte getan werden müssen, um unser Land und unsere Verfassung zu schützen.“ Es wird auch bekannt, dass der scheidende Präsident versucht hat, Protokolle zahlreicher geheimer Telefonate unter anderem mit Russlands Staatschef Putin in den Archiven zu verstecken.

Als es zur Abstimmung über das Impeachment kommt, entscheiden sich die Republikaner mehrheitlich dafür, dass man einen Privatmann nicht mehr vom Präsidentenamt entfernen könne, weil er es ja nicht mehr inne hat. Nur sieben von ihnen stimmen mit den Demokraten – zehn zu wenig. Auch Fraktionschef Mitch McConnell, der gleichzeitig Donald Trump eindeutig schuldig erklärt, findet, dass man ihn als Privatmann von Staats wegen nicht mehr belangen kann. Wer es wolle, könne den Ex-Präsidenten ja auf ziviler Ebene wegen Verfehlungen im Amt verklagen. Trump wird erneut nicht verurteilt und meldet sich umgehend jubelnd zu Wort: Er habe in der größten Hexenjagd der Geschichte obsiegt. Die Zeit von MAGA (Make America Great Again) habe gerade erst begonnen, sagt er. Die Drohung wird allseits als solche wahrgenommen.

In den Bundesstaaten beginnen bereits Strafaktionen aus den eigenen Reihen gegen Republikaner, die sich gegen Trump ausgesprochen haben. Wird Donald Trump 2024 wieder kandidieren? Es gibt Stimmen, die glauben, dass er mit der Vergeltung an all denen, die nicht loyal zu ihm standen, auf lange Zeit beschäftigt sein wird. Mit Mitch McConnell hat er bereits angefangen: „Mitch ist eine mürrische, übellaunige, nie lächelnde politische Fehlbesetzung, und wenn die republikanischen Senatoren an ihm festhalten, werden sie nicht nochmal gewinne,“ erklärt Trump und macht McConell damit eine Kriegserklärung. Die Partei soll entscheiden, wem sie in Zukunft folgen will. Und das ist erst der Anfang.

Ob Donald Trump weiter politisch tätig sein kann, hängt jedoch auch davon ab, dass er seine Freiheit behalten kann. Das ist zurzeit keineswegs sicher, denn es warten eine Vielzahl von Gerichtsverfahren auf ihn. Ein weiteres ist frisch dazu gekommen: Der Bundesstaat Georgia klagt ihn wegen des Versuchs der nachträglichen Wahlmanipulation an. Auch seine Organisation des Aufstands am Kapitol kann vor zivilen Gerichten noch verfolgt werden. Mit einer Selbstbegnadigung könnte er sich nur vor einem Teil der Verfahren retten. Eine der Klagen kommt aus der eigenen Familie: Nichte Mary Trump zieht in einem Erbschaftsstreit gegen den Onkel vor Gericht. In der in New York eingereichten Klage wird Donald Trump und anderen Mitgliedern der Familie vorgeworfen, Mary Trump um einen Erbanteil im zweistelligen Millionenbereich betrogen zu haben.

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Mary Trump

So wurde Donald Trump geprägt

Wie wird ein Mensch zu einem derart zerstörerischen, malignen Narzissten? Bei Donald Trump gibt es gleich zwei Gründe dafür: Sein Vater war ein Soziopath, und er selbst lernte in seiner Kindheit, dass es keine bedingungslose Liebe gibt. Wer anerkannt werden will, so die Lektion des Kindes Donald, muss etwas dafür leisten. Er muss sich durchsetzen und siegen, siegen, siegen.

Zuviel und nie genug – wie meine Familie den gefährlichsten Mann der Welt erschuf“ heißt das 240 Seiten starke Buch von Mary Trump, das am 14. Juli 2020 erschien und sofort millionenfach verkauft wurde. Mary Trump ist die Tochter von Donald Trumps Bruder Fred Trump Jr., der 1981 im Alter von 43 Jahren starb. Sie erzählt die Lebensgeschichte der Brüder in einem Werk, das Einblicke in eine toxische Familie vermittelt, wie es sie zuvor nicht gab.

Mary Trump ist eine verbitterte Frau. Zu lange fühlte sie sich im Trump-Clan zurückgesetzt, zu sehr schmerzt sie noch heute der unwürdige Tod, den ihr Vater wegen der Empathielosigkeit seiner Eltern und Geschwister starb. Aber neben einem Master in englischer Literatur führt sie auch einen Doktortitel in klinischer Psychologie. Diese Kombination macht ihr Buch so spannend: Einerseits erfährt der Leser sehr viele Details aus dem Leben des Präsidenten, andererseits ist das Buch eine Studie zum Thema Narzissmus und Soziopathie. Wie wird ein Narzisst ein solcher – und wie entwickelt sich aus einer vererbten Anlage das Vollbild eines Soziopathen? Das zu beschreiben gibt es kaum geeignetere Menschen, als die Autorin. Sie unterrichtete an Universitäten Trauma, Psychopathologie und entwicklungsgemäße Psychologie.

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Donald Trump (ganz links) mit seinen Geschwistern Fred, Elisabeth, Maryanne und Robert.

Donald Trump ist das vierte von fünf Kindern: Nach Fred (im Folgenden Freddy genannt), Elisabeth und Maryanne kam er vor seinem Bruder Robert am 14. Juni 1946 im Stadtteil Queens/New York zur Welt. Er hat in seiner Kindheit zwei Traumata erlebt, die ihn maßgeblich geprägt haben. Donald war zweieinhalb Jahre, sein jüngster Bruder Robert neun Monate alt, als die Geschwister eine Katastrophe traf: Mitten in der Nacht fand die zwölfjährige Maryanne ihre Mutter Mary bewusstlos in einer Blutlache. Vater Fred schaffte seine Frau umgehend ins beste Krankenhaus New Yorks, wo man feststellte, dass es nach der Geburt Roberts unentdeckte Komplikationen im Unterleib gegeben hatte. Fast einen Tag lang schwebte die Mutter in Lebensgefahr. Die folgenden sechs Monate musste Mary Trump im Krankenhaus bleiben, danach blieb sie dauerhaft leidend. Besonders den beiden Jüngsten, Donald und Robert, fehlte dadurch in einer entscheidenden Zeit ihrer Entwicklung eine liebende Bezugsperson.

Fred und Mary führten eine schwierige Ehe: Fred Trump, ein Mann ohne jede Empathie, war völlig auf seine Arbeit konzentriert. Ehefrau Mary-Anne, ebenfalls sehr ehrgeizig, war emotional hoch bedürftig. Sie nutzte ihre Kinder, um ihr Bedürfnis nach Zuwendung zu befriedigen und stellte sich selbst regelmäßig als Opfer oder gar Märtyrerin dar. Nach ihrem Krankenhausaufenthalt verstärkte sich dieses Verhalten. Besonders Donald und Robert wurde durch den nicht anwesenden Vater und die selbstzentrierte Mutter ein wichtiges Grundgefühl versagt, das jedes Kind für eine positive Entwicklung unbedingt braucht: Emotionale Sicherheit durch positives Feedback und das Gefühl, geliebt zu werden. Das prägte ihn für sein ganzes Leben.

Auch das zweite Trauma begleitet den heute 74jährigen noch immer. Es heißt Fred Trump sr., den Mary Trump einen „hochgradig funktionieren Soziopathen ohne jedes emotionale Bedürfnis“ nennt. „Symptome von Soziopathie sind das Fehlen von Empathie, eine Veranlagung zum Lügen, Gleichgültigkeit gegenüber Recht und Unrecht, ein falsches, missbräuchliches Verhalten und fehlendes Interesse an den Rechten Anderer. Wenn ein Kind ein soziopathisches Elternteil hat und niemand da ist, der die Wirkung dieses Verhaltens abmildern könnte, sind ernste Störungen im Selbstbild der Kinder, in der Art, wie sie ihre Gefühle einordnen und wie sie sich mit der Welt auseinander setzen, garantiert,“ schreibt die Autorin.

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Donald Trump 1951

Besonders die beiden jüngsten Kinder, Donald und Robert litten unter dem völligen Mangel an Interesse ihres Vaters. Je größer ihre emotionale Not war, desto mehr stieß Fred Trump sie zurück. Er hasste es, wenn man etwas von ihm verlangte, und die Belästigung, als die er die Bedürfnisse seiner beiden jüngsten Kinder empfand, sorgte für eine gefährliche Spannung im Hause Trump: Donald und Robert lernten, jede Form von Bedürftigkeit gleichzusetzen mit Demütigung, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. „Kindesmissbrauch ist oft die Erfahrung von ‚zuviel‘ oder ’nicht genug‘. Donald erlebte die Erfahrung von ’nicht genug‘, indem er in einer wichtigen Phase seiner Entwicklung den Kontakt zu seiner Mutter verlor, was ihn tief traumatisierte. Ohne Vorwarnung gab es niemanden mehr, der sich um seine Bedürfnisse kümmerte, der seine Ängste und Sehnsüchte gelindert hätte.

Donald erlebte Entbehrungen, die ihn für den Rest seines Lebens ängstigen würden,“ schreibt Mary Trump. „Die Persönlichkeit, die er daraufhin entwickelte, indem er Züge von Narzissmus, ein schikanierendes, grandioses Verhalten an den Tag legte, sorgte schließlich dafür, dass sein Vater Notiz von ihm nahm – aber nicht auf eine Weise, die in irgendeiner Form das Entsetzen in ihm abmildern konnte.“ Als er dann älter wurde, erlebte Donald sozusagen ‚aus zweiter Hand‘ das ‚zuviel‘. Er beobachtete, was mit seinem ältesten Bruder Freddy geschah, als dieser zu viel Aufmerksamkeit von seinem Vater bekam, unter zu hohen Erwartungen, und vor allem zuviel Demütigung leiden musste und schließlich kapitulierte.

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Fred Trump 1950

Vater Fred interessierte sich nur für seine Kinder, wenn diese seinen eigenen Bedürfnissen dienten. Liebe bedeutete ihm nichts, er konnte ihre Not nicht nachempfinden, was ein wesentliches Kennzeichen für einen Soziopathen ist; er erwartete Gehorsam, das war alles. Kinder können solche Unterscheidungen nicht machen, also dachten seine Kinder, ihr Vater liebe sie – oder sie könnten sich seine Liebe irgendwie verdienen. Sie fühlten aber auch, dass die ‚Liebe‘ ihres Vaters, so, wie sie sie erfuhren, niemals vorbehaltlos war.

Um damit irgendwie zurecht zu kommen, entwickelte Donald machtvolle, aber primitive Verteidigungshaltungen, die sich in zunehmender Feindseligkeit gegenüber Anderen und scheinbarer Gleichgültigkeit gegenüber der Abwesenheit seiner Mutter und der Vernachlässigung durch seinen Vater äußerten. Obwohl ihn das von den schlimmsten Auswirkungen seines Schmerzes schützte, machte es ihm auch extreme Schwierigkeiten, seine emotionalen Bedürfnisse zu erfüllen, weil er sich angewöhnte, so zu handeln, als gäbe es sie nicht. Mit der Zeit entwickelte er ein aggressives, respektloses, tyrannisches Verhalten, das anfangs seinen Zweck erfüllte, später aber immer problematischer wurde. Es prägte zunehmend seine Persönlichkeit, denn es sorgte dafür, dass Vater Fred auf seinen lauten und schwierigen Sohn aufmerksam wurde. Er lobte ihn und ermutigte ihn zu diesem Auftreten, das ihn immer weniger liebenswert machte – das direkte Ergebnis von Freds Missbrauch.“

Fred Trump hatte schon im Alter von 12 Jahren die Geschäfte seines Vaters Friedrich übernommen, der an der spanischen Grippe gestorben war. Mit 25 lernte er auf einer Tanzveranstaltung seine künftige Frau Mary kennen und wusste sofort, dass er sie und keine andere wollte. Die Rollen der beiden waren von Anfang an klar: Fred würde arbeiten – meist mehr als 12 Stunden am Tag und sechs Tage in der Woche – sie würde sich um Haus und Kinder kümmern. Fred Trump wurde immer erfolgreicher, knüpfte Netzwerke mit den Mächtigen und Entscheidern, kaufte und renovierte sich ein Millionenvermögen an Immobilien zusammen und achtete immer sorgfältig darauf, so wenig wie möglich Steuern zu bezahlen. Er selbst brauchte wenig für sich, und die Familie, die zwar im eigenen, extra erbauten Haus wohnte, führte ein relativ bescheidenes Leben.

Aber so erfolgreich Fred auch war: Er war kein begabter Redner, kannte sich mit den Feinheiten der Sprache nicht aus. Er zog es vor, im Hintergrund die Strippen zu ziehen. Davon abgesehen, hatte der Patriarch ein unzerstörbares Selbstvertrauen: Er war reich, weil er es verdiente, reich zu sein. Punkt. Nun wollte er einen Nachfolger aufbauen, der die erfolgreichen Geschäfte fortsetzte. Der sollte über das gleiche Selbstvertrauen verfügen, aber außerdem das Unternehmen so sprachgewandt wie optisch ansprechend in der Öffentlichkeit präsentieren und gleichzeitig knallhart das jeweils beste Geschäft durchsetzen.

Freddy Trump mit Mutter

Der älteste Sohn Freddy war dafür denkbar ungeeignet: Er war freundlich, mitfühlend, er liebte seine Freunde, das Tiefseefischen und das Fliegen. Freddy mühte sich redlich, seines Vaters Erwartungen zu erfüllen, wurde aber immer wieder gedemütigt und degradiert. Dazu kam, dass er eine einfache Frau heiratete, die der Vater nicht billigte. Mit Linda bekam er Tochter Mary und Sohn William, der von Geburt an unter spastischen Lähmungen litt.

Verzweifelt und immer wieder vergeblich bemühte sich Freddy um die Anerkennung des Vaters. Ein einziges Mal versuchte er, sich von dieser Bürde zu befreien: Er machte den Pilotenschein für Verkehrsmaschinen und begann, hauptberuflich zu fliegen. Sein Vater nannte das verächtlich „Busfahrer der Lüfte“. Da war Freddy schon Alkoholiker. Kaum ein Jahr flog er, dann sorgte sein Alkoholkonsum dafür, dass er nirgendwo mehr eine Anstellung fand und reumütig in die Firma zurückkehrte.
Donald hatte das Geschehen genau beobachtet und beschloss, niemals den Fehler zu machen, zu weich zu sein. Er würde den Killerinstinkt beweisen, nach dem der Vater verlangte, und er würde sich brillierend in der Öffentlichkeit präsentieren. Noch war es aber nicht soweit: Erstmal wurde der junge Donald ein lauter, brutaler und gemeiner Rüpel, der seinen jüngeren Bruder Robert schikanierte, seiner Mutter nicht gehorchte und in der Schule immer wieder randalierte – so lange, bis sein Vater ihn in ein Militär-Internat schickte.

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Donald in der Militärakademie

Danach ging alles sehr schnell: Donald überflügelte Freddy im Schnellverfahren und wurde von seinem Vater systematisch aufgebaut: Mit den Jahren kreierte Fred den Mythos seines Sohnes vom erfolgreichen Selfmade-Geschäftsmann, der das Trump-Unternehmen nach außen vertrat.

Von Anfang an leistete sich der junge Mann dabei einen opulenten Lebensstil, den der Vater wortlos finanzierte. Es folgte eine aus Sicht des Vaters fruchtbare Zusammenarbeit: Sohn Donald wurde das Gesicht des Unternehmens und er selbst konnte in Ruhe die Strippen im Hintergrund ziehen. Das ließ er sich Millionen kosten. Sohn Freddy sank gleichzeitig immer tiefer im Unternehmen und kam vom Alkohol nicht mehr los. Das zerstörte die Ehe mit Linda. Während Ivanka Trump, Donalds erste Frau, jedoch bei der Scheidung mit 25 Millionen abgefunden wurde, erhielt Linda gerade mal 600 Dollar im Monat. Die Ausbildung von Mary und William, sowie die gesamte Krankenversicherung von Freddys Familie zahlte das Unternehmen. Als Freddy nicht mehr in der Lage war, allein zu leben, zog er zurück ins „Haus“, wie das Anwesen der Eltern von der ganzen Familie genannt wurde. Er bekam das schäbigste Zimmer ohne direktes Sonnenlicht, wo er mit seinem Kofferradio völlig vereinsamt seine Tage verbrachte.

Als Freddy zum Sterben ins Krankenhaus gebracht wurde, war niemand aus der Familie bei ihm: Die Eltern saßen wie gewohnt zuhause und Donald ging mit Schwester Elisabeth ins Kino. Tochter Mary wurde in ihrer Schule erst benachrichtigt, als ihr Vater bereits tot war. Wenig später begann der Clan, den Erstgeborenen auszuradieren: Die Krankenkasse für seine Familie wurde nicht mehr bezahlt und man zwang seine Kinder, ihre wenigen Anteile der Firma, von denen sie überhaupt wussten, für gerade mal 200 000 Dollar an die Verwandten zurück zu geben.

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William mit Vater Freddy Trump

Ohne finanzielle Absicherung der 24-Stunden-Pflege für den von Geburt an schwer behinderten Bruder William war dieser in ständiger Gefahr, plötzlich zu sterben. Freddies Familie verklagte das Unternehmen, das daraufhin die Krankenversicherung für William wieder übernahm.

In der Folge schildert Mary Trump detailreich eine große Zahl von Aktivitäten ihres Onkels und dessen Umfeld, mit vielen Geschäften am äußersten Rand der Gesetze, mit Zahlen und Gerichtsurteilen. Niederlagen akzeptierte ihr Onkel nur, wenn absolut keine andere Möglichkeit mehr offen stand – und dann verwandelte er sie für die Öffentlichkeit in eine Erfolgsgeschichte.

Patriarch Fred Trump verbrachte seine letzten Jahre in zunehmender Demenz. Kurz bevor der Vater starb, startete Sohn Donald einen großen Coup: Er versuchte, den alten Mann ein geändertes Testament unterschreiben zu lassen. Dies hätte das gesamte Immobilienunternehmen allein in seine Hände übergehen lassen. Im letzten Moment bemerkten die Geschwister die Absicht und vereitelten sie. Als Donald ohne die finanziell ausgleichende Hand seines Vaters Geschäfte machte, liefen diese deutlich schlechter als zuvor. Mehrmals musste er Insolvenz anmelden, und noch heute stapeln sich seine Schulden auf insgesamt 1,1 Milliarden Dollar. Dass die Banken ihn immer wieder auffingen, verdankte er einem einzigen Umstand: Er und seine Marke waren „too big to fail.“

„Donald ist heute noch wie ein dreijähriges Kind; unfähig zu wachsen, zu lernen oder sich zu entwickeln, unfähig, seine Gefühle zu kontrollieren, sachbezogen zu antworten oder Informationen zu sammeln und einzuordnen,“ sagt Mary Trump in ihrem Buch. „Seine tief sitzende Unsicherheit hat ein tiefes, schwarzes Loch voller Bedürfnisse in ihm erschaffen, die ständig das Licht von Komplimenten einfordern. Dieses Licht verschwindet, sobald er es in sich eingesogen hat: Nichts wird jemals genug für ihn sein.“

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Siehe auch:

Wahlfeststellung im Kapitol von Trump-Fans gebremst

Donald Trump zu unterschätzen wäre ein tödlicher Fehler

Was muss geschehen, damit ein Süchtiger geht? 

Mit Donald Trump kommt ein Lügner und Betrüger ins Amt

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Der Narzisst und die Frauenwelt

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Abschiedsbrief an einen Narzissten

Herz ich verlasse dich

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Mein wahres Ich wirst du nie erreichen

Ein tragisches doppeltes Trauma

Wenn der Empath geht

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Warum landen manche Menschen immer wieder bei „den Falschen“?

Updates:

As Trump’s latest intra-party feud rages, Sen. Graham heads to Mar-a-Lago on a peace mission

Trump ready to make McConnell’s life miserable

Trump is only welcoming people who share his vengeance

Pence declined invitation to attend CPAC

Almost half of Republicans would join Trump party

Trump attacks Republicans who backed impeachment

Is Donald Trump a declining parody or a terrifying threat?

Mitch McConnell laughs off Trump taking credit for his reelection

Trump warned to back off as he seeks revenge on republicans

Wahlfeststellung im Kongress vom Aufstand der Trump-Anhänger gebremst

Unglaubliche Szenen gab es heute nachmittag Ortszeit vor dem Kapitol in Washington D.C. Dort wollte der Kongress unter Leitung von Vizepräsident Mike Pence die Wahl des Demokraten Joe Biden würdig und offiziell feststellen. Allerdings gab es, wie angekündigt, Widersprüche von republikanischen Abgeordneten. Für jeden Widerspruch musste die Sitzung unterbrochen werden, um die Argumente zu diskutieren, so dass mit einer langen Nacht gerechnet wurde. Zuvor hatte es für Donald Trump einen Tag der Niederlagen gegeben: Erneut wurde ein Gerichtsverfahren gegen die Wahlergebnisse abgelehnt. Die Auszählung der Stichwahlen für zwei Abgeordneten-Sitze ergab zweimal einen Sieg für die Demokraten – womit diese nun in beiden Kammern die Mehrheit haben. Und Trumps Stellvertreter Pence, den der Präsident erheblich unter Druck gesetzt hatte, das Wahlergebnis doch noch umzukehren, hatte öffentlich erklärt, dass er das nicht tun würde.

Bereits seit gestern hatten sich Trump-Anhänger in Washington für den heutigen, geplanten Protest versammelt. Ihr Präsident hetzte sie heute in einer Rede vor dem Weißen Haus noch einmal kräftig auf, indem er erneut behauptete, ihm sei die Wahl mit unrechtmäßigen Methoden gestohlen wurde, und dass er niemals aufgeben werde. „Wenn ihr jetzt nicht höllisch kämpft, werdet ihr bald gar kein Land mehr haben,“ rief er unter anderem.

Dann ging es los.

Tausende Protestierende marschierten vom Weißen Haus zum Kapitol. Dort wurde die Masse schnell kleiner, als friedliche Demonstranten bemerkten, wie gefährlich es zu werden drohte. Es blieb ein harter Kern gewaltbereiter Menschen, unter ihnen viele Milizionäre. Sie drängten von allen Seiten zu den verschiedenen Eingängen des Kapitols. Die dortigen Sicherheitskräfte versuchten zwar, sie abzuhalten, machten jedoch keinen Gebrauch von ihren Schusswaffen, sondern standen teilweise sogar für Selfies zur Verfügung. Es gibt sogar den Verdacht, dass einige Sicherheitsleute den Zaun vor dem Gebäude selbst geöffnet haben. Die Demonstranten schlugen Fenster und Türen ein und verschafften sich Zuritt zum Gebäude. Innen überwanden sie eine zweite Reihe von Sicherheitskräften und marschierten vorwärts Richtung Sitzungssaal. Dort wurde Mike Pence eiligst in Sicherheit gebracht. Die Abgeordneten wurden gebeten, ihre Gasmasken unter den Sitzen zu benutzen, da beide Kräfte Tränengas benutzten. Dann wurden auch sie evakuliert.

Und schon waren sie drin in den heiligen Hallen: Jede Menge Trump-Anhänger besetzten sogar den Platz des Senatspräsidenten, wanderten durch die Reihen, machten viele Selfies und suchten auch Abgeordneten-Büros heim. Das der Haus-Sprecherin Nancy Pelosi wurde durchwühlt. Als sie gingen, hinterließen die ungebetenen Gäste einen Zettel auf ihrem Schreibtisch: „Wir werden nicht aufgeben“.

Die erschrockenen Fernsehzuschauer sahen, wie eine blutüberströmte Frau auf einer Bahre aus dem Haus getragen wurde. Sie war in die Brust geschossen worden und starb kurze Zeit später. Eine Bombe wurde nahe der republikanischen Parteizentrale gefunden und entschärft, später war von einer zweiten die Rede, sie ebenfalls sicher entfernt werden konnte. Nancy Pelosi rief nach der Nationalgarde, die Bürgermeisterin von Washington verhängte eine Ausgangssperre ab 18 Uhr (einige Stunden später).

Der designierte Präsident Joe Biden hielt eine Rede, in der er von einem Aufstand gegen die Demokratie sprach und Donald Trump aufforderte, dem umgehend ein Ende zu setzen. Diese Menschen hier, so Biden, seien nicht das Gesicht Amerikas, sondern eine begrenzte Zahl von Pro-Trump-Extremisten. Trump hielt schließlich nach einigen Tweets, in denen er zur Ruhe aufforderte, eine kurze Rede. Darin erneuerte er all seine Vorwürfe zum Thema Wahlbetrug, versicherte, niemals aufzugeben, bat seine Anhänger, nun aber nach Hause zu gehen, denn: „Wir brauchen jetzt Frieden.“

Wenig später sperrten Facebook und Twitter sein Video wegen Gewaltgefahr. Twitter und Instgram blockierten den Präsidenten für 24 Stunden. Facebook kündigte an, sieht sich alle bisherigen Posts Trumps auf Gewaltgefahr hin ansehen und gegebenenfalls löschen zu wollen. Am Folgetag wurde bekannt, dass alle Accounts des Präsidenten auf Facebook, Instagram und Snapchat mindestens bis zur Machtübergabe gesperrt werden. Es sei einfach zu gefährlich, sie offen zu lassen. Twitter kündigte an, die Reichweite Trumps einzuschränken und seine Tweets noch schärfer zu prüfen.

Nationalgarde wurde in der Stadt gesehen. Diese war, wie einige Medien vermuteten, aus Virginia geschickt worden, dessen Gouverneur den Notstand ausgerufen hatte. Er soll auch 200 zusätzliche Polizisten geschickt haben. Stunden später hiess es, Mike Pence habe die Nationalgarde zum Kapitol beordert. Auch am nächsten Tag war nicht genau klar, wer was befohlen hatte. Der amtierende Präsident hatte jedenfalls auf den Hilferuf nicht reagiert. Wie Mitarbeiter des Weißen Hauses berichteten, saß er vor dem Fernseher und habe sich sichtlich über die Bilder gefreut.

Nicht nur beim Kapitol gab es aggressive Demonstranten: Ähnlich ging es in Georgia zu, nachdem bekannt geworden war, dass beide Senatorensitze an die Demokraten gegangen waren. Der republikanische Senator Mitt Romney wurde bei seiner Anreise bereits am Bahnhof von einer Rotte Trump-Anhängern empfangen und als Verräter beschimpft. Gegen Abend Ortszeit wurde es in Washington auch für die Medienvertreter gefährlich: Elmar Theveßen vom ZDF berichtete, dass die Medien, völlig ungeschützt von Sicherheitskräften, eingekreist wurden. Foto- und Filmausrüstungen wurden wahllos zerstört, sein Team habe nur knapp die Kamera retten können. Die Journalisten seien von den Demonstranten ultimativ aufgefordert worden, das Gelände zu verlassen. Das Gelände rund um das Kapitol untersteht der „Capitol Police“, zu der rund 2000 Personen gehören. Gesichtet wurden aber, so Elmar Theveßen, nur wenige Dutzend.

Eines konnte immerhin gerettet werden: Aufmerksame Mitarbeiter im Kapitol sicherten die Kisten mit Wahlergebnissen, die dem Kongress als Beweis für die offizielle Feststellung des Wahlergebnisses dienen sollten.

Erst viereinhalb Stunden später wurde das Innere des Kapitols wieder für sicher erklärt. Mehrere Polizisten wurden verletzt. Die Polizei erklärte zunächst, sie habe fünf Schusswaffen sichergestellt und 13 Menschen von mehreren hundert inhaftiert (???). Am Ende des Tages gab es 52 Inhaftierte und vier Tote. Drei davon waren offenbar durch eigene gesundheitliche Probleme gestorben.

Die Abgeordneten traten in der Nacht wieder zusammen und vollendeten ihre Aufgabe: Joe Biden wurde zum rechtmässigen neuen Präsidenten erklärt.

Im Verlauf der Nacht wurde von weiteren Angriffen von Trump-Unterstützern auf Regierungsgebäude in Utah, Georgia, Oregon und Kansas. Texas und Kalifornien berichtet. Kämpfe wurden auch gemeldet aus Atlanta und Sacramento.

Die rechtsextreme Gruppe Proud Boys, die bekannt wurde, als Donald Trump sie im Wahlkampf aufforderte „to stand back and to stand by“ (sich zunächst zurückzuhalten, aber bereit zu sein), war seit dem Vortag in der Stadt gewesen und hatte angekündigt, dass man die 2000 bis 2500 Mitglieder an ihrer schwarzen Kleidung erkennen werde. Ihr Anführer, Enrique Tarrio, dem verboten worden war, Washington zu betreten, erklärte, dass in den kommenden Tagen mit weiteren Unruhen zu rechnen sei.

Noch in der Nacht forderten die Demokraten den amtierenden Vizepräsidenten Mike Pence auf, ein Verfahren gegen Präsident Trump zu eröffnen, um ihn wegen geistiger Unfähigkeit, seine Pflichten zu erfüllen, umgehend aus dem Amt zu entfernen.

Dieser erklärte am Morgen danach, es werde eine ‚ordnungsgemäße‘ Amtsübergabe am 20. Januar geben. Damit ende zwar die beste Präsidentschaft aller Zeiten, aber „das ist erst der Anfang unseres Kampfes mit dem Ziel ‚Make America great again!'“

Die Stimmung in Washington dreht sich

Zwei Tage nach den Vorfällen am Kapitol brummt die politische Welt in US-Amerikas Hauptstadt wie ein Bienenkorb. Nach einer fast verzweifelt klingenden Distanzierung von den Vorfällen, auch im Namen der Mitarbeiter des Weißen Hauses, durch die Pressesprecherin, traten reihenweise hohe Mitarbeiter zurück, gefolgt von zwei Ministern der Trump-Regierung: Verkehrsministerin Elaine Chao und Bildungsministerin Betsy deVos gaben ihre Ämter auf. Matthew Pottinger, der stellvertretende Nationale Sicherheitsberater im Weißen Haus; Ryan Tully, ranghoher Direktor für Europa- und Russlandangelegenheiten im Nationalen Sicherheitsrat; Stephanie Grisham, Stabschefin von First Lady Melania Trump und frühere Regierungssprecherin, gaben auf. Mick Mulvaney, ehemals Stabschef im Weißen Haus und inzwischen Sonderbeauftragter für Nordirland, erklärte ebenfalls seinen Rücktritt. Nach massiven Vorwürfen zum mangelhaften Schutz des Kapitols traten auch Polizeichef Steven Sund und die für Ordnung in Senat und Repräsentantenhaus zuständigen Beamten Michael Stenger und Paul Irving zurück. Ein weiterer Polizist erlag seinen Verletzungen; die Zahl der Toten vom Mittwoch stieg damit auf fünf.

Mit hunderten von Beamten untersucht das FBI die Vorfälle. Einige der Protester verloren bereits ihre Arbeitsplätze, nachdem ihre Arbeitgeber ihr Mittun in den Videos gesehen hatten. Unter den Angreifern war sogar ein frisch gewählter Abgeordneter aus West Virginia, der einen selbstgemachten Film auf seiner Website postete. Mitarbeiter aus dem Weißen Haus berichteten, wie aufgeregt und begeistert der Präsident die Bilder des Aufstands verfolgte und gar nicht verstehen konnte, warum nicht alle so begeistert waren wie er selbst. Die Demokraten unter Führung von Nancy Pelosi versuchen mit allen Mitteln, Trump noch vor Ende seiner Amtszeit als Präsidenten zu entfernen; wenn möglich so, dass er auch 2024 nicht erneut kandidieren kann. Ohne genügend Stimmen der Republikaner und den Vizepräsidenten Mike Pence wird das jedoch schwierig. Zwar distanzieren sich immer mehr Republikaner von Trump, aber was Pence tun wird, ist noch unklar. Nancy Pelosi treibt die Angst um, der aggressive Präsident könnte noch in den letzten Tagen den Atomknopf drücken.

Unter dem Eindruck der Reaktionen im eigenen Land und aus dem Ausland sah sich der Präsident schließlich zu Schadensbegrenzung genötigt. Widerstrebend verurteilt er in einer Videobotschaft jetzt die Attacke auf das Kapitol. Das wiederum bringt ihm jede Menge Ärger bei seinen Unterstützern ein, die sich „vor den Bus gestoßen“ fühlen. Also twitterte der Präsident am Morgen danach: “The 75,000,000 great American Patriots who voted for me, AMERICA FIRST, and MAKE AMERICA GREAT AGAIN, will have a GIANT VOICE long into the future,” Trump tweeted on Friday morning. “They will not be disrespected or treated unfairly in any way, shape or form!!!” Und schon war da wieder Hoffnung: „Er schreibt Giant Voice. Das ist ein militärischer Ausdruck, mit dem alle alarmiert werden, weil es im Umfeld einen Notfall gibt“, twitterte pro-QAnon account Copious MQ.

Der Insider veröffentlichte heute ein Video von den Vorgängen aus der Mitte der Protester. Man sieht: Wäre da ein akzeptierter Anführer für alle vor Ort gewesen, hätte schreckliches passieren können. Man sieht auch: Die Polizei ließ die Eindringlinge passieren und sah tatenlos zu. Daraus lässt sich nur eines schließen: Der Angriff war von langer Hand geplant und sollte noch viel mehr Schaden anrichten.

Reddit schloss heute einen Subreddit-Kanal Trumps mit 52 000 Mitgliedern wegen Aufruf zur Gewalt. Twitter schloss heute den Account von General Flint, den Trump erst vor kurzen per Begnadigung aus dem Gefängnis geholt hat. Vom Twitter-Kanal des Präsidenten wurden die Videos gelöscht, die zu seinem 12-stündigen Ausschluss geführt hatten. Trumps selbst twitterte, er werde der Amtseinführung Jose Bidens nicht beiwohnen. „Gut, wenn er nicht kommt,“ kommentierte dieser. Mike Pence zu seiner Amtseinführung zu empfangen, sei ihm jedoch eine Ehre. Am Freitag abend (hiesige Zeit) wurde der private Twitter-Kanal Donald Trumps endgültig geschlossen. Offen ist nur noch der des Präsidenten, der am 24. Dezember die letzte Nachricht abgesetzt hat.

Mitarbeiter des Weißen Hauses haben gegenüber Zeugen berichtet, der Präsident schwanke zwischen lauten Wutanfällen und Perioden tiefster Verzweiflung, die er schweigend vor dem Fernseher verbringe. in den letzten Wochen habe er immer wieder davon gesprochen, dass er sich in seinem letzten Tag im Amt selbst begnadigen wolle. „Wenn er erstmal versteht, dass er verloren hat und gehen muss, wird es wirklich gefährlich. Er wird versuchen, uns alle mit in den Untergang zu ziehen,“ kommentierte Trumps Nichte Mary Trump, eine klinische Psychiaterin, die ein Buch über ihren Onkel geschrieben hat. Sie mahnt an, ihn so schnell wie möglich aus dem Amt zu entfernen. Diese Sorge teilen nicht wenige Amerikaner. Es wird ein Aufatmen durch das Land und rund um den Globus gehen, wenn diese unglückselige Präsidentschaft endlich zuende ist.

Update: Aufstand von langer Hand geplant

Update: Oath Keeper claims she met with Secret Service before Capitol riot

Update: The efforts among paramilitants on January 6 were close to the apparatus around 

Bekommt Donald Trump jetzt die Rechnung für ein Leben voller Lügen?

Am 3. November haben die Vereinigten Staaten ihren Präsidenten gewählt. Selten war eine Wahl so spannend und die Beteiligung so hoch wie dieses Mal: Hatte doch Amtsinhaber Donald Trump in den vier Jahren seiner Amtszeit und einem schmutzigen Kampf um seine Wiederwahl das Volk in bisher ungekannter Weise gespalten. Fast eine Woche dauerte es, bis das vorläufige Ergebnis nach Auszählung der meisten Briefwahlstimmen fest stand: Konkurrent Joe Biden, dessen Ergebnis am Wahltag selbst gar nicht nach Sieg ausgesehen hatte, hatte Donald Trump in einer quälend langsamen Aufholjagd schließlich mit 306 Wahlmännern und -frauen, sowie einem Vorsprung von sechs Millionen Wählerstimmen deutlich überflügelt. 270 Wahlmänner genügen zum Sieg.

Noch immer weigert sich der amtierende Präsident, das Wahlergebnis anzuerkennen. Mit mehreren Dutzend Klagen versucht er das Unmögliche möglich zu machen und seinen Verbleib im Weißen Haus doch noch durchzusetzen. Dabei scheut er kein Mittel, spricht von Lug und Trug bei der Stimmauszählung, obwohl nichts derartiges nachweisbar ist. Gleichzeitig verweigert er seinem Nachfolger die übliche Art des Briefings durch seine Behörden, damit am Tag der Amtsübergabe, dem 20. Januar 2021, ein nahtloser Wechsel der Amtsgeschäfte möglich wird.

Dass es Donald Trump nicht gelungen ist, sich eine zweite Amtszeit zu sichern, ist für ihn der Supergau. In seinem ganzen Leben wurde er noch nie dazu gezwungen, eine Niederlage öffentlich einzugestehen. So lange sein Vater lebte, glich der mit seinem Geld die Pleiten seines Sohnes aus, um dessen Image als toller selfmade-Geschäftsmann zu sichern; später waren es die Banken, die Kreditausfälle fürchteten, würden sie Trump fallen lassen. Um ihn herum hat sich eine Entourage von Ja-Sagern versammelt, die ihn ausschließlich lobt und bestätigt – aus gutem Grund: Wer es wagt, die Wahrheit zu sagen, wird gefeuert. Jahrzehntelang in seinem narzisstischen Weltbild als gerissener Geschäftsmann bestätigt, war Donald Trump im Laufe der Zeit immer unverschämter aufgetreten, hatte sich immer weniger an geltendes Recht gehalten. Auch nach der verlorenen Wahl traut sich seine eigene Partei nicht, ihrem „900 Pfund-Gorilla“ zu widersprechen.

Jetzt droht diesem die Quittung: Sobald er nicht mehr durch die Immunität seines Amtes geschützt ist, rollt eine Welle von Prozessen auf ihn zu. Es geht um Steuerhinterziehung, Verleumdung, Betrug, sexuelle Belästigung. Die Vorwürfe beziehen sich auch auf die Trump-Organisation und weitere Familienmitglieder. Die Prozesse werden nicht nur Millionen an Anwaltskosten verbrauchen; es können Strafen in dreistelliger Millionenhöhe auf ihn zukommen, wie das ZDF-Auslandsjournal zusammenfasst (Video). Damit nicht genug: Wenn es ganz dick kommt, kann der Noch-Präsident für bis zu zehn Jahre im Gefängnis landen.

Im Buch „Die Akte Trump“ zeigt Pulitzerpreisträger David Cay Johnston den Aufstieg des 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten – angefangen bei Kindheit und Erziehung bis zum erbitterten Wahlkampf gegen Hillary Clinton. Mithilfe zahlreicher Interviews, Gerichtsakten und Finanzdokumente belegt er ein Geflecht aus Lügen und Betrug. Nach der Lektüre dieses Buches konnte jeder wissen, dass mit Donald Trump ein Lügner und Betrüger ins Weiße Haus eingezogen ist.

Donald Trump hat nach einer Auflistung der Financial Times mindestens 1,1 Milliarden Dollar Schulden. 900 Millionen davon werden in den nächsten drei bis vier Jahren fällig. Mit allein 340 Millionen steht er bei der Deutschen Bank in der Kreide. All seine Schulden sind über relativ wenige Gebäude und Golfplätze besichert. Laut Forbes besitzt der Noch-Präsident ein Vermögen von etwa 2,5 Milliarden Dollar. Wie realistisch diese Schätzung ist, steht auf einem anderen Blatt: Sein Leben lang hat Trump den Wert seines Vermögens für Zwecke wie die Forbes-Liste aufgebläht und für Steuerermittlungen klein gerechnet.

Michael Cohen, Trumps „Ausputzer“, hat in seinem Buch „Disloyal“ , das kurz vor der Wahl erschien, sowie vor Gericht viele der erhobenen Vorwürfe gegen den Präsidenten bestätigt. Nicht wenige der Betrügereien und Schweigegeldzahlungen, die dem Präsidenten vorgeworfen werden, hat Cohen persönlich in die Wege geleitet, begleitet oder ausgeführt, so etwa Schweigegeldzahlungen an mindestens zwei Frauen, mit denen Donald Trump Affairen hatte. Er musste im Namen des Präsidenten immer wieder dessen Frau Melania belügen.

Eine kleine Chance, sein Amt zu behalten, hat Donald Trump noch; auch wenn es kaum möglich scheint, sie zu erreichen: Bis zum 23. November müssen alle Stimmen fertig ausgezählt sein, damit sie zertifiziert werden können. Bis 8. Dezember stellt in jedem Staat ein paritätisch besetztes Gremium das Wahlergebnis offiziell fest. Ab dann ist dieses im „safe harbour“ und kann grrundsätzlich nicht mehr angefochten werden.

Normalerweise geht es dann so weiter: Die Wahlleute der jeweiligen Staaten geben bis 14. Dezember ihre Stimmen ab und schicken das Ergebnis bis zum 23. Dezember nach Washington. Dabei kommt es immer wieder vor, dass einige anders wählen, als sie sollten (faithless electors). 2016 gab es überdurchschnittlich viele von ihnen: zehn. Dennoch haben diese nicht vom Wahlergebnis überzeugten Wahlmänner und -frauen bisher nie eines verändert. Bis 3. Januar konstituiert sich der Kongress, der dann die Stimmen der Wahlmänner auswertet. Bis 6. Januar muss das Ergebnis vorliegen. Der neue Präsident wird ausgerufen und am 20. Januar vereidigt.

Das Trump-Team könnte nun während dieses Ablaufs für Verzögerungen sorgen, die ein Eingreifen ermöglichen: Die erste Gelegenheit dazu gibt das Datum 23. November. Wenn bis dahin genügend Unsicherheit geschürt wurde und (berechtigte) Klagen noch nicht entschieden sind, bestimmen die Parlamentarier die Wahlmänner nach ihren Vorstellungen. Sind sie überzeugt, dass Trump Präsident bleiben sollte, könnten sie die entsprechenden Wahlmänner und -frauen am Wählerwillen vorbei aufstellen. Zu diesem Zweck hat der Präsident diese Woche bereits zwei republikanische Abgeordnete aus Michigan ins Weiße Haus eingeladen. Die beiden erklärten danach jedoch, keinen Grund zu sehen, um gegen das Wahlergebnis vorzugehen und hätten statt dessen druckvoll um mehr Pandemiehilfen für ihren Bundesstaat geworben. In Pennsylvania musste das Trump-Team gerade einen großen Teil seiner Klage zurückziehen, mit der die Zertifizierung gestoppt werden sollte. In Georgia hat der Noch-Präsident die zuständigen Behörden und Abgeordneten regelrecht terrorisiert.

Danach kann Trump noch zu erreichen versuchen, dass die Wahlmänner und Frauen nicht zertifiziert werden. Auch hier ist er bereits bei der Arbeit und ruft persönlich bei Wahlkommissionen an. Sollte das scheitern, bleiben noch die faithless electors. Hier könnte das Schüren von Unsicherheiten, mit dem der Präsident bereits Monate vor der Wahl begonnen hat, Wirkung zeigen. Ohne Beweise, allein durch ständige Wiederholungen seiner Behauptung, es habe groß angelegten Betrug bei der Briefwahl gegeben, hat er drei Viertel seiner Wählerschaft davon überzeugt. Weil er sich bei allen drei Wegen noch Chancen ausrechnet, betont der Präsident immer wieder, dass er am Ende gewinnen werde.

Siehe auch:

Narzisstische Wut will vernichten: H.G. Tudor und Donald Trump

Make America great again: Mit Donald Trump kommt ein Lügner und Betrüger ins Amt

„Disloyal“: Trumps „Auskehrer“ packt aus  und

„Donald Trump zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler“

„Donald Trump zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler“

Wieso hat ein chronischer Lügner, ein Mann, der mehrere Pleiten hinter sich hat und der seine Gegner immer wieder vulgär anpöbelt, so viel Rückhalt beim US-amerikanischen Wahlvolk? Donald Trump, der schillernde Narzisst, dessen Narrativ vom erfolgreichen Selfmade-Milliardär längst als Lüge entlarvt ist, der sich immer wieder extrem frauenfeindlich und rassistisch äußert, der sein Land inzwischen weltweit isoliert hat, ist dennoch keineswegs der Loser, als den ihn die Medien gern darstellen.

Das ZDF hat immer wieder in Dokumentationen den Weg des Präsidenten nachvollzogen, der sich am 3. November zur Wiederwahl stellen will, obwohl er nur wenige Wochen davor mit einer Covid 19-Infektion im Krankenhaus landet. In der neusten Doku geht es um „den unterschätzten Präsidenten“. Mit Hilfe vieler Zeitzeugen wird heraus gearbeitet, welche Erfolge Donald Trump in seiner ersten Amtsperiode erzielt hat, und warum ihn seine Wähler so mögen: Er hält seine Versprechen, und er ist so taktisch geschickt in der Selbstdarstellung, wie wohl kein Präsident vor ihm. Auch wenn er in den Umfragen nach dem ersten TV-Duell deutlich hinter seinem Konkurrenten Joe Biden zurück liegt, gilt: „Donald Trump zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler.“

Siehe auch:

Disloyal: Was muss geschehen, damit ein Süchtiger geht?

Mit Donald Trump kommt ein Lügner und Betrüger ins Amt

Wahlfeststellung im Kapitol von Trump-Fans gebremst

Narzisstische Wut will vernichten: H.G. Tudor und Donald Trump

Update: So hat Donald Trump es geschafft, 8,1 Millionen Spendengelder in seine eigenen Unternehmen zu leiten