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Rangliste der Pressefreiheit 2018: Deutschland liegt auf Platz 15 von 180

In keiner anderen Weltregion hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr so stark verschlechtert wie in Europa. Journalistinnen und Journalisten sind dort zunehmend medienfeindlicher Hetze durch Regierungen oder führende Politiker ausgesetzt. Das schafft ein feindseliges, vergiftetes Klima, das oft den Boden für Gewalt gegen Medienschaffende oder für staatliche Repression bereitet. Dies zeigt die Rangliste der Pressefreiheit 2018, die Reporter ohne Grenzen (ROG) am Mittwoch veröffentlicht hat.

„Demokratien leben von öffentlicher Debatte und Kritik. Wer gegen unbequeme Journalistinnen und Journalisten polemisiert oder gar hetzt und die Glaubwürdigkeit der Medien pauschal in Zweifel zieht, zerstört bewusst die Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft“, sagte ROG-Vorstandssprecherin Katja Gloger. „Hass und Verachtung gegen Journalistinnen und Journalisten zu schüren, ist in Zeiten des Vormarschs populistischer Kräfte ein Spiel mit dem Feuer. Leider erleben wir das zunehmend auch in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.“

Medienfeindliche Hetze als staatliches Programm ist längst nicht mehr auf repressive Regime wie in der Türkei oder Ägypten beschränkt, wo Regierungen kritische Journalisten routinemäßig als „Verräter“ und „Terroristen“ diffamieren und verfolgen, sagt ROG. Auch immer mehr demokratisch gewählte Staats- und Regierungschefs stellen die Medienfreiheit und damit eine der Grundfesten jeder pluralistischen Gesellschaft in Frage und behandeln kritische Medien unverhohlen als Feinde, zum Beispiel in Ungarn und Polen.

Vier der fünf Länder, deren Platzierung sich in der neuen Rangliste der Pressefreiheit am stärksten verschlechtert hat, liegen in Europa: die EU-Mitglieder Malta, Tschechien und Slowakei sowie das Balkanland Serbien. In diesen Ländern sind Spitzenpolitiker durch verbale Anfeindungen, Beschimpfungen und juristische Schritte gegen Journalistinnen und Journalisten aufgefallen. Zum Teil engen dort auch die Besitzverhältnisse der Medien die Freiräume für kritische Berichterstattung ein. Auch in so unterschiedlichen Ländern wie den USA, Indien und den Philippinen verunglimpfen hochrangige Politiker – darunter auch Staatschefs – kritische Journalisten gezielt als Verräter.

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Wie die oben stehende Grafik von Statista zeigt, ging es für Deutschland einen Rang bergauf, in Spanien und Polen verschlechterten sich die Werte. Besonders deutlich stiegen auch Tschechien und die Slowakei ab. Beim Ranking der Pressefreiheit wird unter anderem die Unabhängigkeit der journalistischen Arbeit vor Ort bewertet. Auch gewaltsames Vorgehen gegen Medienschaffende sowie ungerechtfertigte Haftstrafen von Reportern zählen in das Ranking hinein.

Deutschland hat sich mit Platz 15 von 180 um einen Rang verbessert. Insgesamt, so die Reporter ohne Grenzen,  ist das Arbeitsumfeld für Journalisten in Deutschland gut. Aber auch hier wurden in den vergangenen Jahren Journalisten staatlich überwacht, etwa, wenn sie in der rechtsextremen Szene recherchierten. Während der öffentlich-rechtliche Rundfunk gebührenfinanziert wird, müssen immer mehr Zeitungen ums Überleben kämpfen. Die Anzahl der Zeitungen mit eigener Vollredaktion geht zurück. Der Zugang zu Behördeninformationen ist je nach Bundesland unterschiedlich geregelt und mit Zeit und Kosten verbunden. Journalisten werden von Rechtsextremen und Salafisten angegriffen.

Rund 90 Prozent der Bundesbürger bewerten das Informationsangebot von Radio, Fernsehen, Internet, Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland als gut oder sehr gut. Nur jeder zehnte Deutsche hält die Qualität des Informationsangebots deutscher Medien dagegen für schlecht. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Glaubwürdigkeit der Medien, die infratest dimap im Auftrag des WDR durchgeführt hat und für die im Februar 2018 insgesamt 1.000 Wahlberechtigte in Deutschland befragt wurden.

Die untenstehende Statistik zeigt die Entwicklung der verkauften Auflage der Tageszeitungen in Deutschland in den Jahren von 1991 bis 2017. Im Jahr 1991 hatten die Tageszeitungen eine tägliche Auflage von rund 27,3 Millionen Exemplaren. 26 Jahre später lag die verkaufte Auflage bei rund 14,7 Millionen Exemplaren. Im Jahr 1954 wurden insgesamt 225 Tageszeitungen (publizistische Einheiten) in Deutschland herausgegeben. 60 Jahre später wurden laut BDZV nur noch 129 Tageszeitungen veröffentlicht.

Deutschlands grösste Zeitung ist die BILD. Die Entwicklung der Auflage – seit dem 4. Quartal 2009 ab, seit dem 2. Quartal 2013 inklusive B.Z.-Auflagen und seit dem 1. Quartal 2017 inklusive der Fussballbild – ist ebenfalls stark rückläufig. Die Druckauflage der BILD lag im 1. Quartal 2018 bei rund 2,25 Millionen Exemplaren. Davon wurden mehr als 1,62 Millionen Exemplare verkauft. Die Webseite der Zeitung ist laut IVW zudem das Nachrichtenportal mit den meisten Besuchern.

Rund 44,6 Millionen Deutsche lesen laut VuMa mehrmals wöchentlich in einer Zeitung. Die Verkaufszahlen in Deutschland sind rückläufig. Wurden 2006 im Durchschnitt jeden Tag rund 21 Millionen Zeitungen verkauft, lag die verkaufte Auflage der Tageszeitungen im Jahr 2017 nur noch bei 14,7 Millionen Exemplaren. Mit den Auflagen sinken auch die Gesamteinnahmen der Zeitungen, im Jahr 2016 lagen sie bei knapp 7,56 Milliarden Euro; gegenüber dem Vorjahr war das ein Rückgang von 1,1 Prozent. Vor allem die Werbeumsätze der Zeitungen sind in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen.

Hoffnung machen den Zeitungsverlegern die wachsenden Auflagen der E-Paper-Ausgaben und die zunehmende Verbreitung von Paid-Content-Modellen bei den Zeitungsportalen in Deutschland. Die auflagenstärksten Zeitungen hierzulande sind die Bild-Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): siehe Tageszeitungen in Deutschland nach Auflage.

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Auf Platz 1 der Rangliste liegt Norwegen: In Norwegen gibt es so viele Zeitungsleser wie fast nirgendwo sonst. Das Land zählt rund 200 Zeitungen, allerdings gehören sie fast alle einigen wenigen Besitzern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk dominiert die Radio- und Fernsehlandschaft, doch in den vergangenen Jahren hat die Konkurrenz durch die Privatmedien stark zugenommen. Fast alle Haushalte haben einen Internetanschluss, Onlinemedien und Webseiten werden nicht zensiert.

Schweden auf Platz 2 der Liste war das erste Land weltweit, das Pressefreiheit garantierte – und zwar schon 1766. Die Pressefreiheit wird durch ein 1991 in der Verfassung verankertes „Grundrecht auf Meinungsäußerung“ zusätzlich gestärkt. Schwedische Journalisten genießen Quellenschutz, jeder Bürger hat zudem einen auch rechtlich einklagbaren Zugang zu Behördeninformationen. Allerdings sind hasserfüllte Äußerungen und rassistische Hetze verboten. Seit Juni 2013 ist die Polizei befugt, im Falle rassistischer Äußerungen im Internet mittels der IP-Adresse von Computern gezielt nach den Verfassern zu forschen. Verleumdung kann mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden

In einer interaktiven Weltkarte lässt sich die Rangliste samt Erklärungen abrufen. Hier einige Auszüge:

Fernsehen ist das dominierende Medium in den Niederlanden (Platz 3 von 180), gleichzeitig hat jeder zweite Haushalt eine Zeitung abonniert. Die Printmedien spiegeln vielfältige Meinungen wider, obwohl sie nur einigen wenigen Unternehmen gehören. Jeder Bürger hat weitgehende Rechte auf Behördeninformationen. Seit der Filmemacher Theo van Gogh im Jahr 2004 von einem muslimischen Extremisten ermordet wurde, zensieren sich viele Journalisten bei religiösen Themen selbst.

In der Schweiz (Platz 5) werden die in der Verfassung garantierten Rechte auf Pressefreiheit und Unabhängigkeit des Rundfunks geachtet. Besonders die Weitergabe von Bankgeheimnissen wird jedoch geahndet, selbst wenn es sich um Informationen zu Geldern aus Steuerhinterziehungen in anderen Ländern handelt. Die meisten Printmedien sind im Besitz weniger Medienhäuser, mehrere kleine Verlage mussten wegen dieser Übermacht in den vergangenen Jahren ihre Arbeit einstellen oder sich mit anderen zusammenschließen. Aufgrund der Viersprachigkeit der Schweiz erscheinen sowohl Printmedien wie auch Radio- und Fernsehprogramme in der in ihrem Verbreitungsgebiet vorherrschenden Sprache.

Eine Besonderheit der Medienlandschaft in Belgien (Platz 7) ist ihre klare Trennung in zwei große Sprachgruppen. Flamen und Wallonen haben jeweils eigene öffentlich-rechtliche Rundfunkkanäle, die auf Flämisch und Französisch senden. Zeitungen und Zeitschriften sind in den Händen von ein paar großen Unternehmen zentriert, die ebenfalls jeweils eine der Bevölkerungsgruppen bedienen. Die Presse kann weitgehend frei berichten. Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise nach 2008 haben in manchen Medienhäusern bis zu einem Drittel der Mitarbeiter ihre Arbeit verloren.

In Österreich (Platz 11) ist es um die Pressefreiheit weitgehend gut bestellt. Die Regierung versucht jedoch immer wieder, über gezielte Besetzung von Führungspositionen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ORF) auszuüben. Die überregionalen Tageszeitungen sind harte Konkurrenten, doch vor allem in den ländlichen Regionen gibt es meist nur noch eine Regionalzeitung. Kritiker werfen der Regierung vor, die in den vergangenen Jahren erlassenen Antiterrorgesetze zur Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit zu missbrauchen. Anstachelung zum Hass auf eine Bevölkerungsgruppe kann mit zwei Jahren Haft bestraft werden.

In Frankreich (Platz 33) sind die öffentlich-rechtlichen Medien weitgehend unabhängig von politischer Einflussnahme und frei von Zensur. Allerdings kann der Staatschef über die Medienaufsichtsbehörde CSA die Intendanten mehrerer öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten benennen. Strenge Gesetze zum Schutz der Privatsphäre schränken die Arbeit von Journalisten ein. Die Verleumdung von Beamten wird härter bestraft als die von Privatpersonen. Ein Gesetz aus dem Jahr 2013 stellt die Veröffentlichung der Vermögensverhältnisse bestimmter Parlamentsabgeordneter unter Strafe. Der Informantenschutz wird von Kritikern immer wieder als unzureichend bezeichnet.

Großbritannien (Platz 40) galt lange Zeit als Musterland der Pressefreiheit. Durch die Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden wurde jedoch bekannt, dass der britische Geheimdienst GCHQ jahrelang Journalisten ausgespäht hat. Im August 2013 wurden Mitarbeiter der Tageszeitung The Guardian gezwungen, Festplatten mit brisantem Material der Snowden-Enthüllungen zu zerstören. Die Printmedien liefern sich einen harten Konkurrenzkampf.

Die Pressefreiheit ist in den USA (Platz 45) im ersten Verfassungszusatz festgeschrieben, wird aber allzu oft mit Verweis auf die nationale Sicherheit eingeschränkt. Mit abschreckenden Gerichtsurteilen und der Ausforschung von Telefonanschlüssen, mit willkürlichen Verhören an Flughäfen und Abstrichen am Informantenschutz gehen die Behörden gegen investigative Journalisten und deren Hinweisgeber vor. Der Geheimdienst NSA hat an Knotenpunkten des Internets die Kommunikation von Millionen unbescholtener Bürger abgefangen sowie vorsätzlich Sicherheitslücken in Software und IT-Infrastruktur eingeschleust. Überdies verfolgt die Regierung von Präsident Barack Obama Whistleblower so streng wie keine Regierung zuvor.

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Italien (Platz 46): Seit Silvio Berlusconi von der politischen Bühne verschwunden ist, schwindet auch sein Einfluss auf den Staatssender RAI und auf das Unternehmen Mediaset. Italienische Journalisten können zunehmend kritisch über Politik berichten. Viele Journalisten sehen sich jedoch nach wie vor im Dienste mächtiger Interessensgruppen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Berufsanfänger und freie Journalisten arbeiten oft für sehr geringes Honorar, was aufwändig recherchierte Berichte so gut wie unmöglich macht. Die Mafia übt Druck auf Medienvertreter aus. Der Journalist und Buchautor Roberto Saviano lebt seit Jahren mit Polizeischutz.

Russland (Platz 148) Seit der Wahl Wladimir Putins im Jahr 2000 zum russischen Präsidenten hat der Kreml die landesweiten Fernsehsender weitgehend unter seine Kontrolle gebracht. Kritische Medien wie Radio Moskwy oder TV Doschd geraten regelmäßig unter Druck, Journalisten müssen mit Gewalt oder gezielten Anschlägen rechnen, die meist straffrei bleiben. Strenge Internetgesetze ermöglichen das schnelle und unbürokratische Sperren unliebsamer Webseiten. Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Sotschi weitete Russland die Internetüberwachung weiter aus. Blogs von Regierungskritikern werden zum Teil ganz gelöscht.

Die Türkei Platz 157 von 180) gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten stehen unter Generalverdacht. Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst. Wiederholt wurde ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert oder die Einreise verwehrt. Daneben ersticken die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim.

Die Medien in China (Platz 176)  unterliegen einer strengen Zensur. Das Propagandaministerium verschickt täglich Direktiven, mit denen die Berichterstattung gesteuert wird. Über die Selbstverbrennungen von Tibetern, das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens vom 4. Juni 1989 und andere heikle Themen darf nicht berichtet werden. Die chinesische Firewall blockiert viele Webseiten, auch Facebook, Youtube und Twitter. Die chinesische Twitter-Version „Weibo“ wird zensiert. China gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten und Bloggern weltweit.

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Nahaufnahme der Lage in Deutschland

2017 registrierte Reporter ohne Grenzen wieder eine hohe Zahl an tätlichen Übergriffen, Drohungen und Einschüchterungsversuchen gegen Journalisten vor allem während der Proteste gegen den G20-Gipfel im Juli in Hamburg.

Als Steilvorlage für Diktatoren kritisierte Reporter ohne Grenzen außerdem das Anfang 2017 in Kraft getretene neue BND-Gesetz. Der BND darf dadurch völlig legal die gesamte Kommunikation von Journalisten im außereuropäischen Ausland überwachen, wenn dies im politischen Interesse Deutschlands liegt. Gemeinsam mit anderen Organisationen hat ROG Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz eingereicht. Auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gegen Hassbotschaften im Internet sieht ROG als Gefahr für die Pressefreiheit. Hinzu kommt, dass Whistleblower in Deutschland immer noch nicht ausreichend geschützt sind.

Immer wieder geraten Journalisten ins Visier von Geheimdiensten und Strafverfolgungsbehörden. Gleichzeitig werden Institutionen wie die Behörde Zitis geschaffen, um verschlüsselte Kommunikation anzugreifen. Das gefährdet die vertrauliche Kommunikation insbesondere zwischen Investigativjournalisten und ihren Informanten. Nach einer erfolgreichen Klage von Reporter ohne Grenzen wurde dem Bundesnachrichtendienst in einem wegweisenden Urteil erstmals seit Jahrzehnten bei der Metadatensammlung Schranken gesetzt. So darf der BND keine Verbindungsdaten aus Telefongesprächen von Reporter ohne Grenzen in seinem MetadatenAnalysesystem
„VerAS“ speichern.

Immer wieder haben Politiker insbesondere der Partei Alternative für Deutschland (AfD) Journalisten von Veranstaltungen ausgeschlossen. Vereinzelt haben Bürgermeister Lokalzeitungen die Auskunft verweigert.

Beim Recht auf Informationsfreiheit, also dem Recht auf Zugang zu Behördeninformationen, gibt es immer noch Defizite. So haben vier Bundesländer nach wie vor kein Informationsfreiheitsgesetz. Dennoch erstritten Journalisten auf Basis der Informationsfreiheitsgesetze und Landespressegesetze Auskunftsansprüche vor Gericht.
Immer wieder haben Politiker insbesondere der Partei Alternative für Deutschland (AfD) Journalisten von Veranstaltungen ausgeschlossen. Vereinzelt haben Bürgermeister Lokalzeitungen die Auskunft verweigert.

Auch die schrumpfende Pressevielfalt bleibt eine latente Bedrohung. Vor dem Hintergrund sinkender Auflagezahlen und Anzeigenumsätze werden Redaktionen zusammengelegt und Lokalredaktionen geschlossen, gleichzeitig entstehen Zentralredaktionen, die identische Inhalte an diverse Abnehmer liefern. Einige Redaktionen weichen die Trennung von redaktionellen und kommerziellen Inhalten auf.

Der mehrseitige Bericht zur Nahaufnahme Deutschlands belegt diese Aussagen mit zahlreichen detaillierten Beispielen.

Update: Lange Haftstrafen für CR und Redakteure der Cumhuriyet ausgesprochen

Update: Wenn Menschen (im Bild) zum Problem werden

Update: Innenministerium Österreichs warnt Polizei vor Umgang mit bestimmten Medien

Update: Claus Kleber warnt vor wachsender Einschränkung der Pressefreiheit

Pressefreiheit international: Erosion bei der europäischen Vorreiterrolle

Im vergangenen Jahr hat sich eine schon 2014 begonnene Erosion der europäischen Vorreiterrolle bei der Pressefreiheit fortgesetzt. Gesetze gegen Terrorismus und Spionage wurden zur Einschränkung von Freiheitsrechten missbraucht, Gesetze zur massenhaften digitalen Überwachung verabschiedet.  Öffentliche sowie teils auch private Medien gerieten zunehmend unter Druck.

Das steht im Jahresbericht 2016 der „Reporter ohne Grenzen“ (ROG).  Eine zunehmende Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit geht in einigen europäischen Ländern von Großkonzernen aus, die nicht nur immer mehr Medien kontrollieren, sondern auch anderweitige Geschäftsinteressen verfolgen. So gehören in Frankreich (45, -7) mittlerweile die meisten privaten Medien von nationaler Bedeutung wenigen Unternehmern, deren wirtschaftliche Interessen vor allem in anderen Branchen liegen. In Bulgarien (113, -7) kontrollieren Politiker und Oligarchen den Großteil der Medien; zugleich nimmt Gewalt gegen Journalisten zu.

Gewalt und Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen gegen Journalisten haben in Deutschland (16, -4) 2015 massiv zugenommen. Insgesamt zählte Reporter ohne Grenzen mindestens 39 gewaltsame Übergriffe gegen Journalisten – insbesondere bei Demonstrationen der Pegida-Bewegung und ihrer regionalen Ableger, bei Kundgebungen rechtsradikaler Gruppen oder auf Gegendemonstrationen.

Im weltweiten Vergleich stehen auf den oberen Plätzen der Rangliste der Pressefreiheit 2016 ausschließlich Länder mit demokratisch verfassten Regierungen, in denen die Gewaltenteilung funktioniert. In diesen Ländern sorgt eine unabhängige Gerichtsbarkeit dafür, dass Mindeststandards tatsächlich von Gesetzgebung und Regierung respektiert werden. Hierzu zählen vor allem die meisten EU-Staaten und die angelsächsischen Demokratien. Deutschland liegt in der Rangliste der Pressefreiheit in diesem Jahr auf Platz 16 (2015: Platz 12) und hält sich damit im Mittelfeld der EU-Staaten. Eine Nahaufnahme der Situation muss jedoch strengere Maßstäbe anlegen. Daher dokumentiert Reporter ohne Grenzen hier detailliert besorgniserregende Entwicklungen und strukturelle Mängel, die die Presse- und Informationsfreiheit in Deutschland bedrohen.

Erstmals seit mehr als 30 Jahren ermittelte die Bundesanwaltschaft im Juli 2015 wieder gegen zwei Journalisten. Auf ihrem Blog netzpolitik.org hatten sie als vertraulich eingestufte Dokumente veröffentlicht. Nach bundesweiten Protesten wurden die Ermittlungen gegen die Blogger wenig später eingestellt. Nicht eingestellt wurden jedoch die Ermittlungen gegen unbekannt, also gegen den Informanten.

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Um auf den unzureichenden Schutz journalistischer Quellen und die weit reichende Überwachung durch Geheimdienste aufmerksam zu machen, verklagte ROG im Juni 2015 den Bundesnachrichtendienst wegen Verletzung des Fernmeldegeheimnisses. ROG fordert eine bessere Kontrolle der Geheimdienste durch das Parlament. Das im Oktober verabschiedete Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung kritisiert Reporter ohne Grenzen scharf. Es verpflichtet Telefon- und Internetunternehmen, die Verbindungsdaten aller Kunden anlasslos zehn Wochen lang zu speichern. Zugegriffen werden darf auf die Daten nur bei schweren Straftaten, was genau darunter fällt, ist jedoch nicht klar genug definiert.

Berufsgeheimnisträger wie Journalisten schützt das Gesetz nur unzureichend. Der neu eingeführte Straftatbestand der Datenhehlerei gefährdet ihre Informanten.

Die wirtschaftliche Krise vieler Zeitungs- und Zeitschriftenverlage hält unvermindert an. Dementsprechend häufen sich Meldungen über die Zusammenlegung von Redaktionen, Einsparungen und Entlassungen. In zunehmendem Maße liefern Zentralredaktionen großer Regionalverlage identische Inhalte an diverse Abnehmer. Pressevielfalt besteht in vielen Regionen oft nur noch bei Titel und Layout, nicht aber bei Inhalt und Ausrichtung der Zeitungen. Immer stärker setzen Verlage auf sogenanntes Native Advertising, das ins Layout der Redaktion integriert wird. Wegen mangelnder Trennung von Redaktion und Werbung sprach der Presserat von Januar 2015 bis März 2016 insgesamt 20 Rügen aus. Auch für Radiosender besteht inzwischen ein florierender Markt von Themendiensten und Agenturen, die im Auftrag von Firmen und Organisationen kostenlos Material anbieten.

Dass Whistleblower in Deutschland nicht ausreichend geschützt sind, zeigten auch andere Fälle. Im Juli 2015 ermittelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verrats von Dienstgeheimnissen gegen unbekannt, nachdem die Bild-Zeitung mit Hinweis auf vertrauliche Quellen über defekte Schutzwesten bei der hessischen Polizei berichtet hatte (http://t1p.de/du4g). In Baden-Württemberg setzten sich Innen- und Justizministerium für Ermittlungen wegen Geheimnisverrats gegen unbekannt ein, nachdem die Stuttgarter Zeitung Informationen aus einer als geheim eingestuften Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses veröffentlicht hatte (http://t1p.de/mtg9). In Lüneburg stand im Frühjahr 2016 ein früherer Oberstaatsanwalt wegen Geheimnisverrats vor Gericht. Ihm wurde vorgeworfen, er habe den Weser-Kurier über Pläne der Polizei informiert, die Investigativ-Reporterin Christine Kröger zu überwachen. (http://t1p.de/e6ru)

Wie stark Journalisten und ihre Informanten im Fokus von Ermittlungen stehen, wenn nach undichten Stellen in Geheimdiensten und Behörden gesucht wird, wurde Ende 2015 durch Recherchen des Berliner Tagesspiegel deutlich. Per Gerichtsentscheid zwang die Zeitung die Regierung, Auskunft über die Zahl der Fälle von Geheimnisverrat beim Bundesnachrichtendienst zu geben. Demnach zählte der BND von Januar bis Oktober 32 Verstöße gegen die einschlägigen Geheimschutzvorschriften – bis auf drei Ausnahmen allesamt durch Veröffentlichungen in Medien. In jedem dieser Fälle wird ein formeller Prüfvorgang eingeleitet, um die Quelle des Geheimnisverrats ausfindig zu machen. Die veröffentlichten Zahlen zeigen, dass seit 2013 Jahr für Jahr mehr als Verschlusssache eingestufte BND-Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen. (http://t1p.de/12wa)

Genau nachlesen lassen sich alle Hintergründe in der Nahaufnahme Deutschland.

„Viele Staatsführer reagieren geradezu paranoid auf legitime Kritik durch unabhängige Journalisten“, sagte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske. „Wenn sich selbstherrliche Präsidenten und Regierungen per Gesetz jeder Kritik entziehen, fördert das Selbstzensur und erstickt jede politische Diskussion. Dabei sind lebendige, debattierfreudige Medien gerade dort nötig, wo die Probleme am größten sind und sich Gesellschaften über den besten Weg in die Zukunft verständigen müssen.“

Größte Absteiger in der Rangliste 2016 sind Tadschikistan (Platz 150, -34) und Brunei (155, -34). In Tadschikistan macht Präsident Emomali Rahmon unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung Kritiker mundtot. In Brunei nimmt angesichts der schrittweisen Einführung der Scharia und eines Blasphemieverbots die Selbstzensur zu. Polen stürzte um 29 Plätze auf Rang 47 ab – eine Folge der zielgerichteten Bestrebungen der neuen Regierung, die Eigenständigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien einzuschränken und private Medien zu „repolonisieren“.

Größter Aufsteiger ist Tunesien (96, +30), das ungeachtet aller weiterhin bestehenden Defizite die Früchte der Medienreformen seit dem Umbruch von 2011 zu ernten beginnt. Gewalt und Prozesse gegen Journalisten sind dort weiterhin ein Problem, aber in der Tendenz rückläufig.

Eine zunehmende Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit geht in einigen europäischen Ländern von Großkonzernen aus, die nicht nur immer mehr Medien kontrollieren, sondern auch anderweitige Geschäftsinteressen verfolgen. In Bulgarien (113, -7) kontrollieren Politiker und Oligarchen den Großteil der Medien; zugleich nimmt Gewalt gegen Journalisten zu.

Selbst in Schweden (8, -3), das traditionell zu den Ländern mit der ausgeprägtesten Pressefreiheit gehört, klagen im Zeichen einer stärker werdenden nationalistischen Strömung erschreckend viele Journalisten über Drohungen. Gewalt gegen Journalisten ist auch in Kroatien (63, -5) und Serbien (59, +8) ein anhaltendes Problem. In Ungarn (67, -2) definiert und überwacht mittlerweile ein von der Regierung kontrollierter Medienrat die Einhaltung des „öffentlichen Anstands“.

In der Türkei (151, -2) gingen Regierung und Justiz nicht zuletzt im Zeichen des wiederaufgeflammten Konflikts mit den Kurden massiv gegen kritische Medien vor. Wiederholt wurden Nachrichtensperren verhängt, Redaktionen überfallen oder unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt, ausländische Reporter festgenommen und kritische Journalisten mit Klagen überzogen. Hinzu kamen Mordanschläge auf mehrere syrische Medienaktivisten, die in die Türkei geflüchtet waren.

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In Amerika ist die Pressefreiheit Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt: In Kolumbien (134, -6) und weiten Teile Mittelamerikas wie etwa Honduras (137, -5) machen die Aktivitäten von Drogenkartellen und paramilitärischen Gruppen investigativen Journalismus lebensgefährlich. Besonders häufig sind Morden an Journalisten in Mexiko (149, -1); besonders stark verschlechtert hat sich die Lage in El Salvador (58, -13) seit dem Amtsantritt von Präsident Salvador Sánchez Cerén, der den Medien eine „psychologische Terrorkampagne“ gegen sich vorgeworfen hat.

In den USA (41, +8) gehen die größten Gefahren für die Pressefreiheit von der digitalen Überwachung sowie von der juristischen Kampagne der Regierung gegen Whistleblower und Investigativjournalisten aus. In Venezuela (139, -2) und Ecuador (109, -1) ist Druck der Behörden das größte Hindernis für unabhängigen Journalismus, in Brasilien (104, -5) Korruption und in Argentinien (54, +3) die hohe Medienbesitzkonzentration.

Kuba bleibt abgeschlagen auf einem der letzten Plätze der Rangliste (171, -2) – trotz des außenpolitischen Tauwetters war dort 2015 keine Lockerung der weitreichenden staatlichen Kontrolle über die Medien zu erkennen.

Die Spitzenplätze der Rangliste nehmen Finnland, die Niederlande und Norwegen ein. Dazu tragen etwa liberale Regelungen über den Zugang zu Behördeninformationen sowie der Schutz journalistischer Quellen bei. Am Ende der Rangliste halten sich unverändert Eritrea (180), Nordkorea (179) und Turkmenistan (178) – Diktaturen, die die Medien ihrer Länder so gut wie vollständig kontrollieren. Eritrea lässt neuerdings zwar vereinzelt ausländische Journalisten ins Land reisen, hält deren einheimische Kollegen aber zum Teil seit fast 15 Jahren unter erbärmlichen Bedingungen gefangen.

Neben den Platzierungen der einzelnen Länder errechnet Reporter ohne Grenzen seit 2013 auch einen Indikator der Pressefreiheit weltweit. Dieser weist für 2015 einen eindeutigen Rückgang der Pressefreiheit aus. Von der vorigen zur aktuellen Rangliste ist der Indikator um 3,7 Prozent gesunken, seit 2013 um 13,6 Prozent.

Am deutlichsten (-16 % seit 2013) ist der Rückgang beim Teilindikator für die Produktionsmittel von Medien: Einige Regierungen schrecken nicht vor Blockaden des Internets oder der Zerstörung von Redaktionsräumen, Sendetechnik oder Druckpressen zurück, um unliebsame Berichterstattung zu unterbinden.

Deutlich ist der globale Rückgang auch bei den juristischen Rahmenbedingungen (-10 % seit 2013). Dies spiegelt die vielen Gesetze wieder, die Präsidentenbeleidigung, Blasphemie oder Unterstützung des Terrorismus unter Strafe stellen und damit in einigen Ländern zu zunehmender Selbstzensur beitragen.

Update: Fünf Jahre Haft für Cumhuriyet-Journalisten

Update: US-Cartoonist wegen kritischer Saatgut-Karrikatur gefeuert

Update: Türkische Regierung ordnet Schließung von 45 Zeitungen und 16 TV-Sendern an – Haftbefehle

Update: Could reporters be hunted down if Trump goes after leakers

Update: Mexikanische Zeitung schließt, weil Arbeit für Journalisten zu gefährlich 

Update: Freischreiber nominieren Jakob Augsteins Freitag und Süddeutsche Zeitung für den Höllepreis

Update: Wieviel Anteil haben die Medien am Wahlerfolg der AfD?

Recep Tayyip Erdogan: „Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind“ …

Eines hat sich der Rumpelstilz-Präsident der Türkei mit seinen internationalen Aktivitäten der letzten Zeit nun gesichert: Die Welt schaut genauer hin, mit welchem  Menschen sie es da eigentlich zu tun hat. Zum Vorschein kommt so manche gar nicht schmeichelhafte Angelegenheit. Zum Vorschein kommt auch: Wer Gedichte vorträgt – und seien sie auch nur zititert – identifiziert sich zumeist mit den Inhalten. Auch Recep Tayyip Erdogan.

Mehmed Ziya Gökalp (18 75 – 1924) ab 1911 unter dem Schriftstellernamen  Ziya Gökalp bekannt, war ein türkischer Denker, politischer Publizist, Essayist, Intellektueller und Mitbegründer der Soziologie  im Osmanischen Reich und in der modernen Türkei. Gökalp war in erster Linie der nationalistische Ideologe der Türken des osmanischen Reichs. Er trat für eine säkulare türkische Nation ein, in der die Elemente des Islam, die integraler Teil der türkischen Kultur geworden waren, als geistige Kraft erhalten bleiben sollten. Es war eine Zeit, in der das osmanische Reich endgültig zerfiel und die Türkei sich als Nation zu begreifen verstand, als Ziya Gökalp das Gedicht  „Göttliche Armee“. Darin heißt es: „Die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen unsere Soldaten. Diese göttliche Armee ist bereit […]
Gott ist groß, Gott ist groß.“

Kaiser Wilhelm II wusste sich übrigens die Lage auf dem Balkan zunutze zu machen und forderte im Ersten Weltkrieg die Muslime auf, sich in den Heiligen Kampf gegen England und Frankreich zu stürzen.

Am 29. Oktober 1923 wurde unter Mustafa Kemal Atatürk die Republik Türkei ausgerufen, er selbst wurde zum Präsidenten. Atatürk verbot den Männern orientalische Kopfbedeckungen unter Strafandrohung und führte den Hut ein. Er führte die Schulpflicht für alle ein, stärkte die Rechte der Frauen und sorgte dafür, dass sie ab 1930 an Wahlen teilnehmen konnten. Um seinem Anspruch, einen säkularen Staat zu schaffen,  gerecht werden zu können, musste mit dem Sultanat des osmanischen Reiches und dem Kalifat des Islam gebrochen werden. In den tief gläubigen Bevölkerungsteilen schuf Atatürk sich erbitterte Feinde. Volksaufstände ließ er gnadenlos niederschlagen, so dass man am Ende von einer Diktatur-ähnlichen Regierung sprach.

Zum Islam hatte Atatürk ein distanziertes Verhältnis. Dieses historisch nicht gesicherte Zitat wurde 1954 von Jacques Benoist-Méchin in einem Buch über ihn veröffentlicht: „Seit mehr als 500 Jahren haben die Regeln und Theorien eines alten Araberscheiches und die abstrusen Auslegungen von Generationen von schmutzigen und unwissenden Pfaffen in der Türkei sämtliche Zivil- und Strafgesetze festgelegt. Sie haben die Form der Verfassung, selbst die kleinsten Handlungen und Gesten eines Bürgers festgelegt, seine Nahrung, die Stunden für Wachen und Schlafen, den Schnitt der Kleider, den Lehrstoff in der Schule, Sitten und Gewohnheiten und selbst die intimsten Gedanken. Der Islam, diese absurde Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen, ist ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet.“ 

Vor diesem Hintergrund nun wollte der gläubige Muslim Recep Tayyip Erdogan, damals Bürgermeister von Istanbul, politisch hoch hinaus. In einer Wahlveranstaltung 1997 kombinierte er das Zitat von Ziya Gölkalp mit eigenen Worten und sagte in der südostanatolischen Stadt Siirt:

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Dafür wurde der bekennende politische Islamist zu zehn Monaten Haft und einem lebenslangen Politikverbot verurteilt. Die Anklage lautete:„Anstachelung zu Hass auf der Grundlage der Religion“. Die türkische Justiz wertete das Zitat aus dem Munde Erdogans als Offenlegung seiner politischen Absicht, die Türkei zu islamisieren. Als er 1999 seine Haftstafe (von der er nur vier Monate absaß) antrat, sagte Erdogan:

„Früher sind die Dichter im Gefängnis gelandet. Heute landen diejenigen dort, die ihre
Gedichte vortragen. Ich kann nur hoffen, dass künftig nicht diejenigen ins Gefängnis
gesteckt werden, die die Gedichte anhören.“

Es kostete den späteren Staatschef viel Geduld und die Hilfe treuer Parteifreunde, um in die Politik zurückkehren zu können. Bei den Parlamentswahlen 2002 durfte Erdogan wegen des verhängten Politikverbots zwar nicht antreten, seine Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung gewann die Wahl aber trotzdem. Zunächst wurde Erdogans Vertrauter Abdullah Gül Ministerpräsident, der heutige Staatspräsident der Türkei. Erst 2003 nach einer Verfassungsänderung konnte Erdogan dann das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen.

„Recep Tayyip Erdogan: Reformer oder Wolf im Schafspelz?“ fragte 2004 die „Welt„. „Die Zukunft scheint Leuten wie Erdogan zu gehören, Hoffnungsträger der jungen, moderaten und proeuropäischen Fraktion, die in ihren politischen Vorstellungen eher den Christdemokraten nahe stehen als dem iranischen Gottesstaat. Zugleich ist der 50-jährige frühere Profifußballer, der aus armen Verhältnissen stammt und als Teenager Saft und Süßigkeiten in den Istanbuler Straßen verkauft hat, so etwas wie ein Held der Arbeiterklasse,“ hieß es da.
Widersprüchlichkeiten im Handeln des Staatschef waren dem Autor durchaus bewusst: „Längst nicht alle Mitglieder seiner Partei goutieren die Art und Weise, wie er sich an die EU heranwirft, einem Schüler gleich, der um bessere Zensuren bei den Brüsseler Oberlehrern buhlt. (…) Vertreter der westlich orientierten Wirtschaftselite, der Justiz und des Militärs sehen in ihm den Wolf im Schafspelz: einen gefährlichen religiösen Eiferer, der sich als moderner, gemäßigter Politiker ausgibt, um das säkulare Erbe des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk abzuschaffen. Sie vermuten eine „hidden agenda“, einen geheimen konspirativen Plan, der erst zur Entfaltung komme, wenn die Türkei mit einem Fuß fest in der europäischen Tür steht.“
2004 wollte der Autor diesen warnenden Kräften aber nicht glauben und schrieb: „Doch solche Verschwörungstheorien lassen sich angesichts der bahnbrechenden, irreversiblen Entwicklung der letzten beiden Jahre nicht halten. Erdogan scheint verstanden zu haben, dass sein Land nicht mehr Islam, sondern mehr Freiheit braucht. Insofern schickt er sich an, Atatürks 1923 begonnenes Projekt weiterzuführen.“

Ähnliche Widersprüche entdeckte 2008 die FAZ. „Der Realo aus dem Hafenviertel“ heißt ein langer Text, der sich mit Lebenslauf und politische Entwicklung Erdogans beschäftigt und auflistet:  „Im Jahr 1992 sagte er, man könne nicht gleichzeitig säkular und Muslim sein, noch 1996 bezeichnete er die Demokratie nicht als einen Zweck, sondern als ein Mittel. Enge Freunde wie Özals Bruder Korkut Özal und der Unternehmer Cüneyd Zapsu machten ihn indes mit westlichen Werten vertraut. Als er im August 2001 die AK Partei gründete, sagte er: „Mein persönlicher Referenzrahmen ist der Islam, mein politischer Referenzrahmen hingegen sind die Verfassung und die demokratischen Prinzipien.“

Eigentlich konnte jeder sehen, wohin Erdogans Reise geht, doch war in Europa wohl der Wunsch, dass die Türkei sich dauerhaft westlich orientiere, Vater der Gedanken, wenn immer wieder die Hinweise ignoriert oder umgedeutet wurden. So schreibt die „Welt“ schon 2004: „Den dritten Punkt, Potentatenprunk (bei den Hochzeiten seiner Kinder), wollen wir vorsichtshalber nicht als normativ betrachten. Statt dessen gilt es festzuhalten, das Erdogan seine Popularität ganz wesentlich der Tatsache verdankt, dass  er einer der wenigen türkischen Politiker ist, die nicht korrupt sind. “

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Heute residiert der Potentat in einem 1000-Zimmer-Palast, erstellt ohne Baugenehmigung für eine halbe Milliarde Euro ausgerechnet in einem Wald, den Staatsgründer Kemal Atatürk der Stadt Ankara als Naherholungsgebiet gestiftet hat und der unter besonderem staatlichen Schutz stand. „Die Türkei ist nicht mehr die alte Türkei. Architektonisch gesehen war es notwendig, die Botschaft Ankaras als ‚seldschukische Hauptstadt‘ zu vermitteln. Wir haben in der Innenarchitektur auf osmanische Motive geachtet,“ sagte Erdogan selbst zu seinem neuen Amtssitz. Wie viel Symbolik ist noch nötig um zu sehen, wohin dieser Mann strebt?

Gegen Kritik jedenfalls reagierte der türkische Staatsmann schon immer sehr empfindlich. Das mag aus dem Wunsch geboren sein, einst als heldenhafte Vaterfigur verehrt zu werden, kann aber durchaus auch andere Gründe haben: Hat die Familie Edogan möglicherweise einiges zu verstecken? Einige Beispiele:

Gegen Sohn Bilal Erdogan ermittelt zurzeit die italienische Justiz. Er soll große Geldsummen nach Italien geschmuggelt haben. Russland behauptet, Familie Erdogan sei persönlich in Ölkäufe der Türkei von der IS verwickelt.  Immer wieder tauchen Telefonmitschnitte von Gesprächen auf, in denen Erdogan Amtsträger auffordert, in seinem Sinn zu handeln, etwa Medienvertreter zu verurteilen. Der Präsident gab diese sogar zu.

Ein großer Korruptionsskandal wurde 2013 bekannt: Die türkische Polizei verhaftete am 17. Dezember 2013 unter anderem die Söhne des Innenministers Muammer Güler, des Wirtschaftsministers Zafer Caglayan und des Umweltministers Erdoğan Bayraktar im Zuge der Ermittlungen zu einem Korruptionsskandal. Den Betroffenen wurde vorgeworfen, groß angelegte Umgehungsgeschäfte mit dem Iran abzuwickeln, bei denen die Türkei iranisches Erdöl mit Gold bezahlt, um Sanktionen gegen den Iran im elektronischen Geldverkehr zu vermeiden. Für die politische Unterstützung des Geschäfts bezogen Mittelsmänner in der Türkei, im Iran und in den Vereinigten Arabischen Emiraten Provisionen von rund 15 %, die als Schmiergelder an Politiker und Sicherheitskräfte gingen.

In diesem Zusammenhang wurde Erdogan abgehört. Brisante Gespräche wurden öffentlich: „Ein Zusammenschnitt von fünf Telefonaten, die der Ministerpräsident frühmorgens am 17. Dezember mit seinem Sohn Bilal führte, gegen den wegen Bestechung in Millionenhöhe und unsauberer Immobiliengeschäfte ermittelt wird: „Bring alles weg, was in Deinem Haus ist“, sagt die ältere der beiden Stimmen in dem Mitschnitt. „Dein Geld ist im Tresor“, antwortet die jüngere Stimme. Angeblich kurz vor Mitternacht sagt der jüngere Mann in einem weiteren Telefonat, 30 Millionen Euro hätten noch nicht „aufgelöst“ werden können. Er fragt dann: „Soll etwas Geld bei Dir verbleiben?“ In einem fünften und letzten Anruf warnt der Ältere: „Sohn, Du wirst abgehört.

Erdogan, so berichtet die Frankfurter Rundschau weiter, ließ nach der Veröffentlichung der Mitschnitte Tausende leitende Polizeibeamte und über 150 Staatsanwälte strafversetzen, außerdem drei umstrittene Notstandsgesetze zur Kontrolle des Internets und der Justiz sowie zur Erweiterung der Geheimdienstbefugnisse im Parlament verabschieden.

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Diese Dinge und einige mehr haben auch die NPR-News zusammengefasst, garniert mit Erdogan-Karrikaturen. Die hier veröffentlichten Karrikaturen habe ich dort entnommen.

Mit den Jahren seiner Regentschaft hat Recep Tayyip Erdogan seine verbindliche Maske inzwischen völlig abgelegt. Entschlossen, Geschichte zu schreiben so wie er es sich vorstellt, klagt er gegen alles und jeden, das sich ihm auch nur scheinbar entgegenstellt und wird dabei immer despotischer: „Allahu akbar“, „Allah ist groß“, schallte es durch den Gerichtssaal, als der Richter das Urteil verkündete: Zwei Jahre Haft für die Journalisten Ceyda Karan und Hikmet Cetinkaya von der Tageszeitung „Cumhuriyet“, weil sie auf ihren Kolumnenplätzen eine Karikatur aus der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ übernommen hatten. Erdogan hatte wegen der Karrikaturen getobt.  Rund 2000 Klagen, teils sogar gegen Jugendliche, laufen in der Türkei wegen Majestätsbeleidigung des Präsidenten.

Nun, da Europa in der Migrantenkrise sein Land als Pufferzone nutzen will, sieht sich der „Sultan“ endgültig im Oberwasser: Der Fall Jan Böhmermann ist nur einer unter vielen, in denen Erdogan das Bild Europas zu seiner Person und zu seinem Land manipulieren möchte.

Auf dem Platz vor dem Genfer UN-Komplex könnten sich traditionell Minderheiten durch Demonstrationen artikulieren. Zurzeit ist dort auf dem Bild des Fotografen Demir Sönmez, der kurdisch-armenische Wurzeln hat und seit 1980 in der Schweiz lebt, ein Transparent zu sehen, das Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Tod eines Jugendlichen bei einer Protestaktion in Istanbul verantwortlich macht. Neben dem Porträtfoto steht in französischer Sprache: „Ich heiße Berkin Elvan, die Polizei hat mich auf Anordnung des türkischen Ministerpräsidenten getötet“. Elvan war im Sommer 2013 am Rande der Gezi-Proteste in Istanbul von einer Tränengaskartusche am Kopf verletzt worden. Er starb nach monatelangem Koma im Alter von 15 Jahren. Das türkische Konsulat forderte die Entfernung des Bildes. Der Genfer Stadtrat lehnte ab.

Erfolgreicher waren die Türken da bei der EU-Kommission: Die Dresdner Sinfoniker setzen sich in einem armenisch-türkische Konzertprojekt „Aghet“ , mit 200 000 Euro von der  EU gefördert, mit dem Genozid der Türkei an den Armeniern auseinander. Nach Erscheinen der Ankündigung soll die Türkei nahezu täglich bei der EU-Kommission interveniert und immer mehr Druck aufgebaut haben. Ziel war, die finanzielle Förderung für das Projekt zu revidieren und das Wort Genozid zu streichen. Intendant Markus Rindt: „Es wurde wohl gedroht, die Zahlungen an den EU-Kulturfonds einzustellen. Letztlich sei sogar die Rede davon gewesen, die Beitrittsverhandlungen auf Eis zu legen.“ Immerhin, sagte Rindt mit einem Anflug von Sarkasmus in der Süddeutschen, hätte der türkische EU-Botschafter nicht verlangt, „Aghet“ ganz abzublasen. „Es würde ihm wohl genügen, wenn die EU uns nicht mehr unterstützt und nicht mehr über das Projekt informiert.“

Während die Politiker noch eher ratlos mit dem ausgerasteten Diktator umgehen, formiert sich in den Medien langsam Protest. Beim NDR, wo Jan Böhmermann sein „Gedicht“ verlesen hatte, gab es diesmal einen Merkel-Song.

Unter Hausarrest steht zurzeit die türkischstämmige Niederländerin Ebro Umar, nachdem sie kritisch über den türkischen Ministerpräsidenten berichtet hatte. Ihre holländische Zeitung schlug mit einer Karrikatur zurück: Gorilla Erdogan zerquetscht die weibliche Pressefreiheit (siehe oben). Die niederländische Regierung hat bei der Türkei offiziell gegen Einflussnahme auf die Meinungsfreiheit protestiert. Anlass war ein Aufruf des türkischen Konsulats an Türken in den Niederlanden, Beleidigungen des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu melden.

Nicht Jan Böhmermann selbst, aber seine Kollegen wirdmen sich im deutschen Fernsehen immer wieder ausführlich der Reizfigur – achten dabei allerdings ein wenig besser auf die bestehende Gesetzeslage. Nach Washington Post und New York Times setzte sich jetzt auch die US-Satire-Show „Last Week tonight“ mit großer Freude  mit den „Taten“ des Staatschefs auseinander. In den USA gibt es kein Gesetz, das Satire oder Schmähkritik verbietet. Beim „Correspondent’s Dinner“ diese Woche blieb man allerdings bei den Politikern im eigenen Land.

In Deutschland scheint es dagegen sogar unmöglich, Erdogan zu verklagen: 2011 haben vier deutsche Menschenrechtsanwälte den türkischen Präsidenten wegen Hinrichtungen, Tötung von Gefangenen, Folter und Chemiewaffeneinsatz verklagt. Es ging um Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Einsatz verbotener Mittel der Kriegsführung. Die Hamburger Anwälte Britta Eder und Heinz Jürgen Schneider vertraten in der Anzeige Angehörige von Opfern. Auf insgesamt 109 Seiten listeten sie zehn exemplarische Fälle von Kriegsverbrechen gegen kurdische Rebellen auf. Erdogan genieße als Premierminister uneingeschränkte politische Immunität, deshalb sei die Strafanzeige nicht weiter geprüft worden, antwortete sechs Wochen später die Generalbundesstaatsanwaltschaft Karlsruhe als höchste deutsche politische Instanz.

Deutschland und seine Nachbarn bestehen übrigens auch nicht ausschließlich aus karrikatur- und Satire-freundlichen Menschen: Die letzte heute-show am Freitag beispielsweise brachte in gezielter Parallele zu Jan Böhmermann ein Schmähgedicht gegen die FPÖ, die in Österreich zuletzt enorme Wahlerfolge erzielte:  „Palatschinken, Apfelstrudel –  Birne hohl und weich die Nudel. Du machst dir selbst dein Bundesheer, durch Inzest beim Geschlechtsverkehr. Egal ob Hühner oder Gemsen, mit beiden tust du gerne wemsen. Und ist die Gemse einmal schneller, dann geht’s zur Schwester in den Keller,“ reimte Gernot Hassknecht  und hieb damit in die Kerbe, die der heute-show der Vorwoche bereits zwei Anzeigen eingebracht hat: Da hatte die Redaktion auf ihrer Facebook-Seite  als Reaktion auf das gute Abstimmungsergebnis des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer in Richtung Österreich gefragt: „Was ist verkehrt mit euch, liebe Nachbarn?“. Bebildert war die Frage mit einem Foto von einem Schnitzel in Hakenkreuzform. Weiter texteten die Mainzer dazu: „Österreicher wählen eben so, wie sie es vom Schnitzel kennen, möglichst flach und schön braun“.

Wegen weit weniger ging in der letzten heute-show FDP-Mann Klaus Kinkel in die Luft: Er wollte sich nicht filmen lassen und drohte dem Team damit, dass er „ganz schön pampig“ werden könne, wenn es sich nicht an das Verbot halte. „Er hat uns aber nicht verboten, das Verbot zu senden,“ kommentierte Oliver Welke – und der Beitrag wurde gebracht.

Richtig sauer auf Erdogan ist die Satire-Partei „Die Partei“ im Europaparlament. Deren Vorsitzender Martin Sonneborn hat in einer sehr spitz formulierten Rede im Europaparlament den türkischen Präsidenten scharf kritisiert und damit der Rolle der Satire in der Politik eine ganz neue Bedeutung gegeben. Sonneborn ist nicht irgendwer: Der Europa-Abgeordnete war lange ZDF-Reporter, Ressortleiter beim Spiegel und wurde nach einigen Jahren als Redakteur im Jahr 2000 Chefredakteuer beim Satiremagazin Titanic, bei dem er auch heute noch als ständiger Mitarbeiter firmiert. Titeltext derzeit dort: „Merkel muss sterben“…

All diese Dinge tragen nicht dazu bei, Recep Tayyip Erdogan versöhnlicher zu stimmen – und sind auch nicht dazu gedacht. Im Alltag kann die Diskussion darüber dem ganz normalen deutschen Türkei-Urlauber aber ziemlichen Ärger einbringen: „Es wird dringend davon abgeraten, in der Öffentlichkeit politische Äußerungen gegen den türkischen Staat zu machen bzw. Sympathie mit terroristischen Organisationen zu bekunden,“ warnt das deutsche Auswärtige Amt Türkei-Urlauber. In Holland geht man noch einen Schritt weiter: Auch der niederländische Außenminister Bert Koenders hat seine Landsleute zur Vorsicht gemahnt. Es gebe „keine Garantien“ für Niederländer, die sich etwa in sozialen Netzwerken kritisch zur türkischen Führung geäußert hätten und dann in die Türkei reisten, sagte Koenders laut AFP bei einer Parlamentsdebatte am Dienstag.

Ab Juni sollen die Visabschränkungen für Türken nach Europa fallen. Können wir vor dem Hintergrund des Kurdenkrieges und der Persönlichkeit eines Recep Tayyip Erdogan dafür sein, mit diesem Land so freie Beziehungen zu pflegen? Hier zur Erinnerung noch einmal das Zitat des Präsidenten aus seiner Wahlkampfrede 1997:

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Siehe auch: Jan Böhmermann: Große Klappe, schlechter Text, politische Prinzipfrage und die dortigen Links 

Update: Erdogan in Deutschland – warnt Türken vor Assimilation

Update: Erdogan torpediert den Flüchtlingspakt mit der EU

Update: Erdogan setzt gemäßigten Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu ab 

Update: Erdogan beharrt auf Anti-Terror-Gesetzen

Update: Fünf Jahre Haft für Cumhuriyet-Journalisten

Update: Erdogan droht, den Flüchtligsdeal mit der EU platzen zu lassen

Update: Jetzt braucht Merkel einen Schutzengel

Update: Türkei droht, die Flüchtlinge „wieder los zu schicken“

Update: 44 Ehrendoktortitel und kein Diplom?

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Das Abschlussdiplom Erdogans kommt nicht von einer Universität

Update: Der eigentliche Putsch beginnt erst jetzt

Update: Erdogan muss bereits eine schwarze Liste gehabt haben

Update: Wer Erdogan kennt, darf nichts Gutes erwarten

Update: Seit Freitag 29 000 Suspendierungen

Update: Türkei ruft Ausnahmezustand aus

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Aus jeder Zeitung herauspicken, was man wirklich lesen will: Geht doch!

Na endlich hat es jemand kapiert: Das niederländische Startup von Co-Gründer Marten Blankesteijn, Blendle,  ist heute auch in Deutschland offiziell auf den Markt gekommen. Es bietet, was moderne Medienkonsumenten haben wollen: Artikel nach Wahl zu Centbeträgen aus den verschiedensten Zeitungen und Zeitschriften ohne Abonnement.

Niemand muss mehr eine komplette Zeitung oder Zeitschrift abonnieren, nur um einzelnen, bevorzugten Themen zu folgen. Jetzt kann man ein Thema haben und dazu Artikel seiner bevorzugten Medien erwerben. Und es funktioniert. Über 100, zum Teil hoch renommierte Zeitungen und Zeitschriften sind bereits bei Blendle,  mehr, so der Gründer in seinem heutigen Blog, sollen dazu kommen.

In den Niederlanden hat das Startup innerhalb kürzester Zeit 400 000 vorwiegend jüngere Leser gewonnen. Das Handling ist denkbar einfach: Man registriert sich einmal (zurzeit gibt es 2,50 € Startguthaben) und kann dann aus dem Angebot Beiträge frei wählen, bzw. kaufen. Wer möchte, kann sich Empfehlungen der Blendle-Redaktion holen oder Freunden, bzw. Prominenten folgen, indem man nachvollzieht, was diese lesen.

Es gibt Apps für’s Handy, eine Facebook-Seite, einen twitter-Account und eine ganz einfache Bezahl-Methode: Man legt ein Benutzerkonto an und zahlt ein Guthaben ein. Davon werden die einzelnen Einkäufe abgebucht. Die Preise für die Artikel legen die Herausgeber fest, es geht in der Regel um Beträge weit unter einem Euro – Rückgabe bei Nichtgefallen inclusive.

„Trotz Facebooks „Instant Articles“ und Snapchats „Discover“-Tool bleiben die Verlage die Anbieter der Nachrichten. Die sozialen Netzwerke helfen ihnen lediglich, ihre Artikel einem größeren Publikum bereitzustellen, das sie allein nicht erreichen könnten“, sagt Marten Blankesteijn im Interview mit t3n. „Es gibt keinen Grund für uns, selbst Artikel zu verfassen: Es gibt genug großartigen Journalismus in Deutschland. (…)“

Blendle werde wirklich wegen der Qualität genutzt. „Anders als praktisch überall im Internet, kommen auf Blendle gut recherchierte und auch lange Geschichten außerordentlich gut an.“ Hier gebe es die Möglichkeit für Artikel, die sonst hinter einer Paywall versteckt seien, viral zu gehen.  Außerdem kommen Verlage mit dem dringend benötigten jüngeren Publikum in Kontakt – eine win-win-Situation. Das Ganze zu Preisen, die sich auch Azubis und Studenten leisten können – ein System, das i-tunes erfolgreich gemacht hat.

Marten Blankensteijn (Blendle)

Im Video-Interview mit turi2.tv (englisch) erklärt der Niederländer sein Konzept ausführlich.

Siehe auch:

Eine gute Geschichte ist immer eine gute Geschichte

Niedergang der Print-Medien: Kreativität in ganz neuen Strukturen notwendig

mit den dortigen zahlreichen Links

Je suis Charlie: Für (Meinungs-)Freiheit und ein friedliches Miteinander!

Man mag die Satire schätzen oder nicht: Sie ist ein notwendiger Bestandteil der Gesellschaft, und das besonders stark im debattierfreudigen Frankreich. Sie überzeichnet, oft bitterböse, und macht damit auf Fehlentwicklungen aufmerksam. Und sie ist Bestandteil des Wichtigsten, was Menschen haben können: der Freiheit.

Der Charlie Hebdo ist ein Magazin, das Satire nicht einseitig verbreitet. Nicht nur der Islam – genauso das Christentum – die nationale und internationale Politik; alles nimmt er mit spitzer Feder auf’s Korn. Dies völlig werbefrei, denn Inserenten üben regelmäßig erheblichen Druck auf die Medien aus, damit ihre Botschaft im „richtigen“ Umfeld erscheint. Nicht käuflich zu sein bezahlen Medienschaffende weltweit sehr schnell mit persönlichen Konsequenzen: Sie sind ständig in Gefahr, ihre Arbeit zu verlieren und in vielen Ländern auch ihr Leben. In dem Teil der Welt, der sich „freier Westen“ nennt, ist letzteres eher selten der Fall. Das heißt aber nicht unbedingt, dass wir deshalb von Medien informiert werden, die von völliger Meinungsfreiheit profitieren:

Da ist die Angst der Herausgeber vor finanziellem Ruin durch Ausbleiben der Werbeeinnahmen. Da ist die Eitelkeit der Chefredakteure und Ressortchefs, die sich gern vorzüglicher Kontakte zu politischen Entscheidungsträgern rühmen. Und da ist die Angst der einfachen Journalisten, Gehalt und Altersversorgung zu verlieren: Angesichts einer hohen Zahl bestens ausgebildeter Medienmacher und ständig abnehmender „sicherer“ Arbeitsplätze ist sich jeder Journalist darüber im Klaren, dass er nicht einmal mehr über den berühmten Kaninchenzüchterverein schreiben wird, wenn er nicht spurt – und zwar nicht nur im „eigenen“, sondern auch in allen anderen Medien.

So werden unsere „seriösen“ Medien instrumentalisiert – oft ganz subtil, wenn nötig aber auch knallhart. Wir können es zurzeit bestens am Ost-West-Medienkrieg beobachten. Wer genau hinschaut, sieht es aber auch bis hinunter zur Ortsebene: Bei missliebiger Berichterstattung lernt jeder Journalist Wirtschaft und Politik von ganz neuen Seiten kennen und kann in den seltensten Fällen auf Rückendeckung aus dem eigenen Hause hoffen. Vor diesem Hintergrund bekommt der Satz des  Charlie-Chefredakteurs und Zeichners Stéphane Charbonnier eine noch tiefere Bedeutung, als er ohnehin schon hat: „Ich sterbe lieber aufrecht, als auf Knien zu leben“.

Nur mit Idealismus und Konsequenz kann es ein solches Blatt schaffen, rein über den Verkauf auf dem Markt erfolgreich zu sein. Leser auf der ganzen Welt wissen Wahrheit zu schätzen. Satire ist eine Möglichkeit, diese mit einem gewissen Maß an Narrenfreiheit auch auszusprechen.

Wenn wir diesen Gedanken konsequent weiter verfolgen, liegt ein Verdacht sehr nahe: Die Menschen in Europa wollen mehrheitlich keinen Krieg. Sie wollen in Frieden leben, ihren Wohlstand sichern und sind bereit, Andersdenkende zu tolerieren. Die Mehrheit der politisch und religiös anders Denkenden sehen das genauso: Sie verbreiten ihre Meinung, aber sie tun es friedlich.  Das gilt auch für die Mehrheit der Muslime: Sie wissen, dass sie im Grundsatz den selben Gott haben, den auch die Christen anbeten – und dass auch der Koran verlangt, den Nächsten zu lieben.

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Religion ist eine der stärksten Kräfte, die Menschen steuern können. Was liegt also näher, als sie zu nutzen, wenn man Menschen in gewünschte Richtungen bewegen will? Wir kennen das nicht nur im Islam. Wir kennen es ebenso im Christentum. Wir sehen rund um den Globus, wie Menschen aus wirtschafts- oder einfach machtpolitischen Gründen manipuliert werden. Edward Snowdens Dokumente, deren Inhalt man getrost auch auf andere Nationen übertragen kann, haben das nicht erst zutage gefördert, sondern nur erstmals in diesem Ausmaß belegt wie sehr politisch Führende die Menschen überwachen und manipulieren.

Wenn man nun die Trägheit Europas in Bezug auf bewaffnete Konflikte, seine Zentriertheit auf die Sicherheit des Euro und den abnehmenden Wohlstand der Einzelnen betrachtet, dazu die eher gemäßigte Wortwahl der Medien und die zaudernden Regierenden, liegt es nahe zu vermuten, dass der Anschlag in Paris ein ganz konkretes Ziel hatte: Es sollen Fronten geschärft und Feindbilder intensiviert werden. Wie macht man das am besten? Man greift die Medien selbst an, denn dann werden alle ganz laut schreien. Genau so ist es am Tag des Attentats auch gekommen: Die Medien blasen zur Verteidigung der Meinungs- und Pressefreiheit, drehen den Spieß Richtung Politik: Alle sollen jetzt ihre Werte bekennen, von der Kanzlerin bis zur Putzfrau.

Der Anschlag in Paris war eine Splitterbombe, deren Wirkung auf das Miteinander verschiedener Kulturen in der Heimat von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sowie all seiner Verbündeten noch gar nicht absehbar ist.

Lassen wir uns nicht zersplittern – dann wären die Menschen in Paris umsonst gestorben.

Nie, niemals dürfen wir uns auf das Niveau von Extremisten herab ziehen lassen.

Update: Presseschau: „Ein Angriff auf die Freiheit überall“

Update: „Der Gegner ist der Terrosismus, nicht der Islam“

Update: „Wir müssen jetzt erst recht Witze machen“

Update: Ein Volk steht einfach auf

Update: Der neue Weltkrieg greift nach der Freiheit in Europa

Update: Marine Le Pen will die Todesstrafe wieder einführen

Update: Nato: Anschlag auf Werte der Nato-Partner

Update: „Charlie Hebdo“-Chef Charbonnier: „Lieber stehend sterben, als kniend weiterleben“

Update: Beleidigung von Religionen ist in Deutschland ein Straftatbestand

Update: Zoff um Vorratsdatenspeicherung

Update: Welche deutschen Sicherheitsgesetze sich ändern sollen

Update: Obama ist nicht Charlie

Update: Fetter Stoff für Verschwörungstheoretiker

Update: Pegida-Debatte: Wissenschaftler warnen vor Riss in der Gesellschaft

Update: TU Dresden ermittelt den typischen Pegida-Demonstranten

Update: So gut verkauft sich Satire in Europa

Update: Blick in die neue Ausgabe des Charlie Hebdo

Update: These countries are for freedom of speech in France but not at home

Update: The N.S.A. claims it needs access to all our phone records. But is that the best way to catch a terrorist?

Update: Milliardäre machen Zeitung – die Magie der Macht

Update: Das Testament von Charb ist eine Abrechnung

Update: Luz est libre

Update: Luz will Mohammed nicht mehr zeichnen

Update: Je reste Charlie

Update: Zeichnerin Coco ein Jahr nach dem Attentat

Update: Zwei Jahre danach ist die Zeitschrift vom Geld „vergiftet“

Medien: Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte – das wird immer so sein

Die Redaktionsleiterin des Nordbayrischer Kuriers (Region und Kultur) Christina Knorz bringt es auf den Punkt: „Die Lokalzeitungen in Deutschland sind, wenn man da einen Schnitt durch macht, einfach nicht gut. Die sind langweilig, das sind Verlautbarungsorgane von Entscheidern, das hat nichts mit Journalismus zu tun, wie er gemacht werden sollte. Die Texte sind unverständlich, bürokratisch, es ist unattraktiv, man schlägt es auf und will gleich weglaufen. Ich kann verstehen, dass Menschen so eine Zeitung nicht kaufen wollen. Ich würde das auch nicht tun. Aber es liegt ja an uns, dass wir uns zurückbesinnen, was wir eigentlich tun sollten und das deshalb dann auch machen.“

Wie wahr. Und das gilt nicht nur für die Lokalzeitungen.

Print als Ganzes ist im rasanten Sinkflug. Wie schwer die Krise ist, kommt in der breiten Öffentlichkeit kaum an. Wir, die User, nehmen, was wir bekommen können – und das, wenn möglich gratis. Wir haben im Auto das Radio, unzählige TV-Sender im Wohnzimmer, immer aktuell und samt Mediatheken auf Samrtphone, Tablet und PC. Wenn wir schnell über das aktuelle Thema informiert werden wollen, das uns gerade interessiert, nutzen wir twitter – in den sozialen Netzwerken können wir jederzeit kommentieren und interagieren, statt zu warten, ob unser Leserbrief gnädig veröffentlicht wird oder nicht – uns geht es doch besser als jemals zuvor – oder?

Sogar die Bundeskanzlerin sah sich angesichts des jüngsten Kongresses der Zeitungsverleger (BDZV) genötigt, den Erhalt des „Qualitätsjournalismus“ zu fordern.

In Deutschland gibt es laut BDZV  329 Tageszeitungen, 20 Wochenzeitungen und 6 Sonntagszeitungen. Zusammen haben sie eine Auflage von rund 22,2 Millionen Exemplaren. Diese vereinen unter ihrem Dach 1.528 redaktionelle Ausgaben. Neben den Printtiteln unterhalten die deutschen Zeitungen 661 redaktionelle Online-Angebote, die von mehr als die Hälfte der deutschen Internetnutzer regelmäßig besucht werden. Darüber hinaus gibt es mittlerweile 450 Apps für Smartphones und Tablet-PCs von Zeitungsverlagen, von denen zwei Drittel kostenpflichtig sind. Mit 248 Exemplaren pro 1.000 Einwohner über 14 Jahren hat Deutschland eine der höchsten Zeitungsdichten Europas.

Pro Erscheinungstag werden die gedruckten Zeitungen von 67,4 Prozent der Bürger über 14 Jahren gelesen (Tageszeitungen: 63,2 Prozent). Fast 44 Prozent der über 14-Jährigen (30,9 Millionen Unique User) sind auf den Websites der Verlage unterwegs. 9,6 Millionen Nutzer steuern mindestens einmal pro Monat die Website einer regionalen Zeitung mobil an. Und: Bei der mit gedruckter Lektüre nur schwer zu erreichenden Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen ist die Reichweite der Verlage im Netz seit Ende 2011 um 14 Prozentpunkte auf 66,9 Prozent gestiegen. Die gedruckte Tageszeitung lesen zwei von drei Deutschen über 14 Jahren regelmäßig, das sind knapp 45 Millionen Männer und Frauen. Bei den lokalen und regionalen Abonnementzeitungen liegen die Leserinnen mit 52 Prozent sogar ganz leicht vor den Lesern (gut 50 Prozent). Dagegen werden Kaufzeitungen und überregionale Abonnementzeitungen stärker von Männern (23 Prozent beziehungsweise knapp 6 Prozent) als von Frauen (13 Prozent beziehungsweise knapp 4 Prozent) genutzt.

Die Zeitungen in Deutschland, so der BDZV weiter, haben eine Gesamtauflage von gut 21,5 Millionen verkauften Exemplaren pro Erscheinungstag (IVW: II. Quartal 2014). Im Vergleich zu dem entsprechenden Vorjahresquartal bedeutet dies ein durchschnittliches Auflagenminus von 3,7 Prozent. Zu der Gesamtauflage zählen 590.000 verkaufte E-Paper-Ausgaben von 178 verschiedenen Titeln (+47,9 Prozent). Insgesamt belaufen sich die Verluste per saldo bei den lokalen/regionalen Zeitungen auf -2,6 Prozent, bei den überregionalen Titeln auf -6,1 Prozent, bei den Kaufzeitungen auf -8,1 Prozent, bei den Sonntagszeitungen auf -4,7 Prozent. Die Wochenzeitungen erzielten ein Plus von 0,4 Prozent.

Mit Journalismus im Netz Geld verdienen, um die Print-Ausgabe zu retten. Das ist das erklärte Ziel der Verleger, die horrende Vermögen in teuren Druckhäusern, Maschinen und Papier gebunden haben, die viel Geld für „analoge“ Vertriebswege verbrauchen, und die in ihren Blättern eine Vielzahl von Themen bündeln, die eine Vielzahl ganz verschiedener Interessenten ansprechen. Der Leser einer Tageszeitung wird einmal am Tag informiert, und zwar im Paket: Er bekommt von der Außenpolitik über die Kultur und den Sport bis hin zu Informationen aus seinem Heimatort alles im Paket. Wobei die Informationen aus dem Heimatort immer weniger, die Neuigkeiten, die über Nachrichtenagenturen und Lobbyisten beziehbar sind, immer mehr werden. Besonders ärgerlich dabei: Man bekommt zumeist alles oder nichts.

Um wenigstens die Bezugspreise einigermaßen stabil zu halten, sparen die Verlage, was das Zeug hält – und zwar da, wo es sich quer durch die ganze Wirtschaft am schnellsten sparen lässt: Bei den Menschen. Angestellte Redakteure sind teure Mitarbeiter. Sie haben im Vergleich zu anderen Berufen ausgesprochen gute Tarifverträge. Für die gute Bezahlung gibt es auch gute Gründe:  Den sogenannten Qualitätsjournalismus. Die Ausbildung von Redakteuren umfasst ein breites Spektrum von Verantwortlichkeiten rund um das Thema Information: Im besten Fall verinnerlichen sie nicht nur den genauen Unterschied zwischen den Stilrichtungen, mit deren Hilfe sie informieren, sondern auch die dahinter stehende Ethik: Ein Journalist hat zuerst nüchtern die Fakten zu präsentieren, bevor er irgend etwas wertet. Entschließt er sich zu einer Wertung, hat er sie als solche kenntlich zu machen, zu begründen und in Zusammenhang zu stellen. Medien stehen im Dienst ihrer Leser – nicht im Dienst von Interessengruppen, sei es nun aus der Wirtschaft oder der Politik. Damit tragen sie eine hohe gesellschaftspolitische Verantwortung.

Nun hat die technische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten für eine stattliche Veränderung des Berufsbildes gesorgt. Heutige Tageszeitungsredakteure verbringen bestenfalls einen Bruchteil ihrer Zeit mit eigener Recherche. Statt dessen verarbeiten sie Material von Presseagenturen, freien Mitarbeitern, Korrespondenten. Sie ordnen es ein, gestalten damit optisch, inhaltlich und technisch das Blatt des nächsten Tages – reichern es vielleicht an mit einem Kommentar oder gar Leitartikel – sind ansonsten aber Informations-Verarbeiter, denen von ihren Arbeitgebern täglich neu klar gemacht wird, dass ihr eigenes Überleben vom Umsatz abhängt, und dass sie gefälligst etwas dafür zu leisten haben.

Hier beginnt ein Konflikt, der nur ganz selten aus den Medienhäusern in die Öffentlichkeit gelangt, denn es gibt außer den Medien ja niemanden, der über die Situation von Medienmachern berichten würde oder könnte…

Jeder Journalist – sei es beim kleinen Anzeigenblatt oder beim größten Medienhaus der Republik – möchte „gute Geschichten“ schreiben. Ehrliche Geschichten, die die Dinge aufzeigen wie sie sind, ungeschönt, tief  recherchiert, versehen mit guten Fotos, Anregungen zur Veränderung, einem fundierten Kommentar. Jeder Journalist weiß, wieviel Zeit so etwas braucht: Tagelanges Telefonieren, lange abendliche Treffen, Überzeugungsarbeit bei Informantern, das richtige Licht für das Foto – Freiraum im Kopf zum Überdenken des Kommentares. Zeit, die kein Mensch mehr hat, der in die tägliche Produktion eingebunden ist. Und schon gar nicht, wenn es wie in den Lokalausgaben, manchmal nur um wenige hundert oder wenige tausend Leser geht. Da kann die Story noch so gut sein – über den Verkauf wird sie sich nur im großen Rahmen refinanzieren – auf lokaler Ebene nicht.

Im überregionalen Bereich hat die Tageszeitung den Anspruch, die Informationen des Tages von Timbuktu bis Berlin widerzuspiegeln, zu wichten und zu werten – eine Auswahl im Sinne ihrer Leser zu treffen. Zwar ist sie damit hoffnungslos im zeitlichen Hintertreffen: Wenn sie endlich beim Leser auf dem Frühstückstisch liegt, ist die Nachricht im Zweifelsfall uralt. Aber: Es sind große Themen, mit denen sich die Journalisten beschäftigen – und das streichelt die Eitelkeit. Es ist schließlich ein Unterschied, Frau Merkel mal Bescheid zu sagen, als dem heimischen Ortsbürgermeister, der im Zweifelsfall dann schimpfend vor der Haustür steht. Über den digitalen Verkauf, so die Hoffnung,  könnte man das analoge Zeit-Defizit ausgleichen. Außerdem nimmt man für sich in Anspruch, die Leser vor „Überflutung“ mit Information zu schützen.

Nein, ich will Journalisten nicht Unrecht tun.  Ich möchte ein Dilemma aufzeigen: Im Digitalen herrscht ein mörderischer Wettbewerb zwischen allen Anbietern, wo Print erstmal seinen Umsatz erstreiten muss. Und der Umsatz ist es, der zählt; nicht die Klicks. Bisher gibt es keinerlei Notwendigkeit, digitale Allround-Zeitungs-Abos zu kaufen. Spätestens über twitter sind alle relevanten Informationen gratis erhältlich – und zwar als persönliches Nutzerprofil. Das Einzige, was das twitter-Mitglied nicht bekommen kann, sind regelmäßige kleinteilige, lokale Informationen.

Der  Markt, auf dem gedruckte Tageszeitungen auch in Zukunft am leichtesten Wachstum erzielen könnten, ist ihr einziges Hoheitsgebiet: das Lokale. Im lokalen Bereich lieben die Leser ihre Zeitung als täglichen Begleiter im Alltag, wie immer neue Erhebungen auch deutlich machen. Nicht einmal lokales Fernsehen kann der Tageszeitung hier das Wasser reichen: Nur sie kann wirklich immer am Ball sein. Hier, wo man höchst selten Preise gewinnen kann, spielt sich das Leben der Abonnenten ab, hier kann echte emotionale Bindung hergestellt werden, die auch Zeitschranken aushält.

Informationsquellen für lokales Geschehen

Gerade hier wird aber seit Jahrzehnten kontinuierlich gespart. Man bedient sich ungelernter freie Mitarbeiter, die oft sehr engagiert sind, aber manchmal bereits Probleme haben, die deutsche Sprache in ihrem ganzen Spektrum zu nutzen – dafür lassen sie sich mit lächerlichen Zeilen- und Bildhonoraren abspeisen. Im Zweifelsfall werden ganze Lokalteile eingestellt, um die Kosten einigermaßen im Griff zu behalten. Denn bisher ist für die Verlage ehernes Gesetz: Die Tageszeitung muss als Paket verkauft werden. Mit allem, was drin ist: Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Reise, der Anzeigenbeilage und der Werbung – vom Automarkt bis zur Partnervermittlung. Die Aufsplitterung in viele Lokalteile kostet Geld, bringt aber vergleichsweise wenig Umsatz.

Warum? Weil sich die Anzeigenpreise an der Auflage orientieren. Würde man die Werbeeinahmen nach Auflagenzahlen einzelner Lokalausgaben stückeln, würden die ohnehin sinkenden Umsätze in den freien Fall übergehen.

Die redaktionelle Stückelung bei digitalen Abos wird dennoch eine Frage der Zeit sein. Man wird in Zukunft wohl kaum noch einen Leser zwingen können, immer neue Pakete zu kaufen, von denen er nur Bruchteile nutzt. „Persönliches Leseprofil“ heißt das Stichwort.

Online kämpfen die Verlage an allen Fronten: Gegen öffentliche TV-Archive, gegen Auszüge aus den Zeitungstexten in der Google-Suche, sie twittern, sie versuchen sich in Bezahlschranken – alles bisher mit mäßigem Erfolg. Fernsehsender, finanziert durch Zwangs-GEZ, haben es nicht nötig, Bezahlschranken einzurichten. Google interessiert das Snippet-Thema nicht: Jüngst hat die Suchmaschine beschlossen, Kurzangaben zu den Suchergebnissen im Zweifelsfall einfach wegzulassen und sich auf die Überschriften zu beschränken. Und Bezahlschranken? Ja, da wird man wohl lieb gewordene Gewohnheiten loslassen müssen, wenn es dauerhaft klappen soll. Mit einem Jahres-Abo der Gesamtausgabe und einem geschenkten Tablet dazu wird auf Dauer niemand Leser halten.

ARTE, wie so oft führend in Sachen Dokumentationen, hat sich des Print-Themas angenommen und vor einigen Wochen gezeigt, was im digitalen Bereich noch auf Medienmacher und Konsumenten zukommen wird. Ein sehenswertes Video, in dem sich das ganze Print-Drama abbildet.

War das, was wir früher gemacht haben, wirklich so toll? Eine Frage, die im Online-Zeitalter Programme wie etwa Chart Beat, ganz genau beantworten. Hier wird nicht nur analysiert, was viele Klicks bringt, sondern auch, welche Leser zurückkommen – und warum. Die New York Times hat beispielsweise inzwischen mehr als 700 000 Online-Abonnenten – weil sie sich konsequent auf treue Leser ausgerichtet hat. Dazu muss man goldene Kälber vom Thron werfen – aber es sichert das Überleben.

„Information ist erstmal frei von Wertung – einfach da, wie Luft und Wasser. Dann gibt es Systeme, die nach einem bestimmten Schlüssel aus der Flut etwas herausfischen. Der Journalist als Urheber der Information hat ausgedient – wir sind alle zu Überbringern geworden“, hat man bei der renommierten französischen Tageszeitung Le Monde herausgefunden. Was das in der Praxis heißt, wird durchaus unterschiedlich interpretiert: Aus Frankreich kommt der Gedanke, digitalen Lesern auch digitale Nutzerprofile nach ihren persönlichen Interessen zu schneidern, in New York möchte man nicht auf das Bewusstsein verzichten, „für alle“ zu schreiben. „Auch viele kleine Einnahmequellen können ein Fundament sein,“ meint man beim Guardian in England – dem Blatt, das durch die Snowden-Berichterstattung international bekannt wurde. Dort, wie auch bei der deutschen BILD, wird aus Überzeugung getwittert: Als Gegenpol zu all den anderen Schreibern, die sich in höchst unterschiedlichen Qualitäten hier, wie überhaupt in den social Medien tummeln.

„Die Idee der Zeitung zu retten – wenn das gelingt, hat das Verlegertum, die digitale Tageszeitung, eine grandiose Zukunft. Qualitätsjournalismus ist mit Werbung schlicht nicht zu finanzieren,“ sagt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer. Springer arbeitet konsequent auf eine Verzahnung des Print-Bereichs mit dem Digitalen hin und ist dafür bereit, auch die goldenen Kälber zu schlachten.

In der Bilanz für das Jahr 2012 erwirtschafteten die digitalen Medien der Axel Springer AG mit 1,174 Mrd. Euro erstmals mehr Umsatz als die deutschen Zeitungen (1,126 Mrd.). Während Digital um 22 Prozent zulegte, schrumpfte das Geschäft mit Zeitungen um 3,3 Prozent. Beim operativen Gewinn legten die digitalen Medien bei Springer um satte 53,6 Prozent auf 242,9 Mio. Euro zu. Aber: Die Umsätze aus dem Digitalgeschäft kommen weniger von klassischen, journalistischen Medienangeboten, sondern aus der Vermarktung und von Anzeigen-Portalen. “Wir wollen den digitalen Umbau des gesamten Unternehmens deutlich forcieren“, sagte bei der Bilanzvorstellung Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner. Was er damit meinte, wurde auch der Öffentlichkeit bald klar: 2013 wurde in einer groß angelegten Studie „Der Abend„, das Konzept einer digitalen Tageszeitung entwickelt.

In der Spiegel-Redaktion, dem – wenn man so will – intellektuellen Kopf der Springer-Presse, geht es jetzt um das Schlachten der goldenen Kälber. Es wird ein hartnäckiger Kampf Print gegen Digital ausgetragen, der im Rauswurf beider Chefredakteure einen ersten Höhepunkt hatte. Vor wenigen Wochen wurde der Machtkampf entschieden: Ein Aufstand der Print-Ressortleiter gegen den neuen Chefredakteur Wolfgang Büchner endete in einer Niederlage. Die analog schreibende Zunft schaut immer noch herablassend auf die digitalen Kollegen hinab – die meist auch deutlich weniger verdienen. Warum Analog glaubt, sich Herablassung leisten zu können, ist genau genommen unklar…

Vor uns liegt nicht nur eine Zukunft, in der wir uns, wo wir gehen und stehen, digital informieren können – sei es durch google glass, einen sprechenden Badezimmer-Spiegel oder andere technische Allroundgeräte. Vor uns liegt auch eine Zeit, in der die affektive Bindung zu einem bestimmten Medium immer weniger vorhanden ist. Die Arte-Doku macht das sehr deutlich. „Von mir aus können die Zeitungen sterben. Mich interessieren Nachrichten,“ sagt der sogenannte Open Journalismus, und folgerichtig: „Mir ist egal, wer ein Journalist ist. Wichtig ist: Wer handelt journalistisch? Wer kann Informationen seriös prüfen, sie bewerten und Zusammenhänge herstellen?“

Denn:  „Das Einzige, was sich nicht verändert, ist: Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte – egal, wer sie erzählt“.

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100 Zeitungen, so berichtet Statista, haben laut Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger mittlerweile eine Bezahlschranke im Netz eingeführt. Davon setzen 60 Zeitungen auf ein Freemium Modell. Dabei bleibt ein Teil der Artikel kostenfrei, während der Rest des Online-Angebotes nur nach Erwerb eines Tagespasses oder Abos zugänglich wird. Ein Beispiel für dieses Modell ist BILDplus bei Bild.de. 35 weitere Blätter setzen auf das so genannte Metered Model. Ein Beispiel hierfür ist die Welt, bei der Leser monatlich freien Zugang zu maximal 20 Artikel haben. Ist dieses Kontingent erschöpft, müssen sie bis zum nächsten Monat warten oder ein Abo abschließen. Schließlich gibt es noch die harte Bezahlschranke, bei der das komplette Online-Angebot kostenpflichtig wird. Für dieses Modell haben sich vier Zeitungen entschieden. Einen Sonderweg hat die TAZ eingeschlagen, die es ihren Lesern freistellt, ob sie für einen Artikel etwas bezahlen wollen oder nicht.

Die vollständige Liste der deutschen Zeitungen mit Paid Content Angebot:

Aachener Nachrichten Freemium Tagespass und Abo
Aachener Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Aller Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Allgäuer Zeitung Freemium Tagespass
Allgemeine Zeitung Metered Model Tagespass und Abo
Augsburger Allgemeine Metered Model Tagespass und Abo
Badische Zeitung Metered Model Abo
Bayerische Rundschau Freemium Tagespass und Abo
Berliner Morgenpost Freemium Tagespass und Abo
Bild Freemium Tagespass und Abo
Bocholter-Borkener Volksblatt Harte Bezahlschranke Abo
Böhme Zeitung Harte Bezahlschranke Einzelverkauf
Borkener Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Braunschweiger Zeitung Harte Bezahlschranke Tagespass und Abo
Bürstädter Zeitung Metered Model Tagespass und Abo
Cellesche Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Coburger Tageblatt Freemium Tagespass und Abo
Cuxhavener Nachrichten Freemium Tagespass und Abo
Darmstädter Echo Metered Model Abo
Deister- und Weserzeitung Freemium Tagespass und Abo
Der Patriot Freemium Abo
Die Kitzinger Freemium Tagespass und Abo
Die Welt Metered Model Abo
Donaukurier Metered Model Tagespass und Abo
Dorstener Zeitung Metered Model Abo
Dresdner Neueste Nachrichten Freemium Abo
Emsdettener Volkszeitung Metered Model Abo
Eßlinger Zeitung Freemium Einzelverkauf und Abo
Frankenpost Freemium Tagespass und Abo
Frankfurter Neue Presse Freemium Tagespass und Abo
Fränkische Nachrichten Metered Model Tagespass und Abo
Fränkischer Tag Freemium Tagespass und Abo
Freemium Freemium Tagespass
Freies Wort Freemium Tagespass und Abo
Gäubote Freemium Abo
Gmünder Tagespost Freemium Einzelverkauf, Tagespass und Abo
Goslarsche Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Göttinger Tageblatt Freemium Tagespass und Abo
Grafschafter Nachrichten Metered Model Abo
Grevener Zeitung Metered Model Abo
Halterner Zeitung Metered Model Abo
Hamburger Abendblatt Freemium Tagespass und Abo
Handelsblatt Freemium Einzelverkauf und Abo
Hannoversche Allgemeine Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Haßfurter Tagblatt Metered Model Tagespass und Abo
Heilbronner Stimme Freemium Tagespass und Abo
Hildesheimer Allgemeine Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Ibbenbürener Volkszeitung Harte Bezahlschranke Abo
Kieler Nachrichten Freemium Tagespass und Abo
Kölner Stadtanzeiger Metered Model Abo
Kreiszeitung Böblinger Bote Freemium Abo
Lampertheimer Zeitung Metered Model Tagespass und Abo
Lausitzer Rundschau Freemium Tagespass und Abo
Leipziger Volkszeitung Freemium Abo
Lübecker Nachrichten Freemium Tagespass und Abo
Main-Post Metered Model Tagespass und Abo
Main-Spitze Metered Model Tagespass und Abo
Mannheimer Morgen Metered Model Tagespass und Abo
Märkische Allgemeine Freemium Tagespass und Abo
Mindener Tageblatt Freemium Tagespass und Abo
Mühlacker Tagblatt Freemium Abo
Münsterland Zeitung Metered Model Abo
Münstersche Zeitung Metered Model Abo
Neckar Chronik Freemium Einzelverkauf
Neue Deister-Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Neue Osnabrücker Zeitung Metered Model Abo
Neue Presse Freemium Tagespass und Abo
Neue Presse Freemium Tagespass und Abo
Neues Deutschland Freemium Abo
Niederelbe-Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Nordbayerischer Kurier Freemium Einzelverkauf, Tagespass und Abo
Nordkurier Freemium Abo
Nordsee-Zeitung Freemium Abo
Nordwest-Zeitung Metered Model Tagespass und Abo
Nürtinger Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Oberbayerisches Volksblatt Metered Model Abo
Oberhessische Presse Freemium Tagespass und Abo
Ostsee-Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Peiner Allgemeine Freemium Tagespass und Abo
Rhein-Zeitung Metered Model Tagespass und Abo
Rhön- und Saalepost Metered Model Tagespass und Abo
Ruhr Nachrichten Metered Model Abo
Saale-Zeitung Freemium Tagespass und Abo
Saarbrücker Zeitung Metered Modell Abo
Sächsische Zeitung Freemium Abo
Schaumburger Nachrichten Freemium Tagespass und Abo
Schwäbische Post Freemium Einzelverkauf, Tagespass und Abo
Schwäbische Zeitung Metered Model Abo
Schwäbisches Tagblatt Freemium Einzelverkauf und Abo für Printabonnenten
Stader Tageblatt Freemium Tagespass und Abo
Südkurier Freemium Abo
Südwest Presse Metered Model Abo
taz – die tageszeitung Freiwillige Bezahlung Einzelverkauf
Trierischer Volksfreund Metered Model Tagespass und Abo
Waldeckische Landeszeitung Freemium Tagespass und Abo
Weser Kurier Metered Model Abo
Wiesbadener Kurier Metered Model Tagespass und Abo
Wiesbadener Tagblatt Metered Model Tagespass und Abo
Wolfsburger Allgemeine Freemium Tagespass und Abo
Wormser Zeitung Metered Model Tagespass und Abo

Siehe auch:

Niedergang der Printmedien: Kreativität in ganz neuen Strukturen notwendig

Weiterführende Links:

BDZV: Die deutschen Zeitungen 2014

Konzentration bei Tageszeitungen auf historischem Höchststand

ARD/ZDF-Onlinestudie 2014

IVW-Analyse: Deutschlands erfolgreichste Heimatzeitungen

Mediendaten Südwest

Entwicklung der RZ seit verschärfter Bezahlschranke

Die Zukunft der Tageszeitung ist jetzt

Digitale Medien überfluten Zeitungen

Springer-Bilanz: Digital überholt Zeitungen

Warum Zeitungen plötzlich wieder Auflage machen

Der Abend: Konzept einer digitalen Tageszeitung

Machtkampf beim Spiegel geht weiter: Wirtschafts- und Kulturchef sollen gehen

Google schmeißt Snippets raus

Update: IVW Q3 2014: Alle Tageszeitungen verlieren

Update: Video: Wie wird die Zukunft des Journalismus aussehen?

Update: Verlage geben Google nach

Update: „Brigitte“ entlässt alle schreibenden Redakteure

Update: Journalismus unter Verdacht

Update: Der Spiegel: Klaus Brinkbäumer soll Nachfolger von Wolfgang Büchner werden

Update: Machtkampf beim Spiegel ist vorbei – Büchner muss gehe

Update: Anhörung im Bundestag: Experten zerpflücken Leistungsschutzrecht

Update: RZ-Zugriffsbilanz nach vier Monaten Paywall

Update: Wer gehört zu wem?

Update: Milliardäre machen Zeitung – die Magie der Macht

Update: The Last (or at Least Looniest) Newspaper in America

Update: Zeitungen verlieren dramatisch an Reichweite

Update: Mit Geld von Axel Springer: Deutscher Business Insider startet noch dieses Jahr

Update: Aus jeder Zeitung das herauspicken, was man lesen will: Geht doch!

„Der Abend“: Konzept einer digitalen Tageszeitung – und eine Vision …

Niedergang der Printmedien – Kreativität in ganz neuen Strukturen notwendig – unter diesem Titel habe ich seit der Insolvenz der Frankfurter Rundschau im Dezember 2012 zahlreiche Updates zur kritischen Lage der Zeitungsbranche in Deutschland in diesem Blog gesammelt.

Der Spiegel hat nun in den letzten vier Wochen etwas getan, wozu sich alle anderen Medien bisher nicht trauten: Er hat Chefredakteure von regionalen und überregionalen Tageszeitungen an einen Tisch geholt und zusätzlich über die sozialen Medien Tausende von Lesern befragt. Herausgekommen ist nicht nur eine nachahmenswerte Diskussion, sondern auch ein erstes Konzept einer Verlags-übergreifenden digitalen Tageszeitung mit frei gestaltbarem Lokalteil, das eine echte Zukunftschance zu bieten scheint – wenn die Verlage es nicht nur nutzen, um noch  mehr Personal als bisher zu sparen.

Den folgenden Artikel habe ich Spiegel Online  vom 10.9.2013 entnommen. Er ist lang. Aber er führt zu einer Vision, die sich aus meiner Sicht noch ausfeilen ließe…

Nehmen wir an, es gelänge nicht nur der Spiegel-Gruppe  oder den Verlagen die sie hier zusammen gerufen hat, den „Abend“  zu produzieren und zu vermarkten. Denken wir noch eine Schuhgröße weiter: Man nehme einen Pool aus beliebig vielen, auch kleinen (Fach-)Verlagen, deren beste Redakteure Hintergrund-Recherchen, Bewertungen und Kommentare zu Nachrichten einstellen, die von Agenturen aller Kontinente kommen – also breiter vorhanden sind, als es zurzeit irgendwo in Deutschland kaufbar ist. Das wäre eine Ebene, die GEZ-förderfähig sein könnte.

Nehmen wir nun an, alle beteiligten Verlage bieten im Rahmen dieses Konsortiums ihre eigenen Regional- und Lokalnachrichten an, ebenfalls gefächert nach Sparten.

Damit wäre meine Ideal-Zeitung auf dem Markt: Ich könnte einen nationalen und internationalen Teil, außerdem einen Lokalteil nach meinen Interessenlagen fest abonnieren und würde täglich gute drei Stunden Suche im Netz einsparen.

Den Anbietern stünde ein wesentlich breiter gefächerter Werbemarkt zur Verfügung, als sie jeweils mit ihren hauseigenen e-papers erreichen. In den Zentralredaktionen würden Posten frei, die ins Lokale verlagert werden und die „Hausmacht“ über Leser-Blatt-Bindung neu erstarken lassen könnten. Im Ergebnis könnte damit zumindest ein Teil der noch bestehenden Print-Ausgaben mittelfristig gerettet werden – und vor allem würden wir nicht verlieren, was wir an ausgebildeten Redakteuren zu schätzen wissen: Ihre Fachkompetenz in Sachthemen und ihre Fähigkeit, Ereignisse in größere Rahmen einzuordnen.

Geht nicht?

Vielleicht treibt die Not die Verlage ja zusammen.

*

Hier nun der Spiegel-Text:

Stirbt die Tageszeitung?

Wenn nicht – warum?

Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Fragten wir vor vier Wochen. Und über tausend Leser antworteten. Schimpften, lobten, argumentierten, pöbelten, schwärmten. Formulierten Gedanken, machten Vorschläge – die wichtigsten fassen wir in diesem Text zusammen. Und entwickeln daraus so etwas wie die Zeitung von morgen, im sechsten Kapitel stellen wir sie vor. In den fünf Kapiteln davor antworten Leser auf die großen Fragen der Zeitungsdebatte: Was ist der Sinn von Tageszeitungen? Warum verlieren sie so viele Leser? Frisst Online Print? Machen Bezahlmodelle für Online-Journalismus Sinn? Was können Redaktionen tun gegen die Leserflucht? Schließlich: Wie sollen Journalisten in Zukunft informieren? Am Beginn jedes Kapitels antworten Chefredakteure deutscher Zeitungen aus ihrer Sicht auf die Fragen. Viel Spaß!

Von Cordt Schnibben

Die letzten vier Wochen waren für mich eine seltsame Erfahrung: Einerseits war ich erfreut darüber, wie ernst viele Leute den Journalismus nehmen, sich hinsetzen, um lange Mails und Kommentare zu schreiben. Andererseits erstaunt darüber, wie hart sie mit Journalisten ins Gericht gehen, auch mit SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE übrigens. Schreiben voneinander ab, linke Zensoren, intellektueller Abwärtstrend, devote Hofberichterstattung, PR-Maschine, schlecht recherchiert, nur noch Agenturmeldungen kopiert, schlechtes Deutsch, solche Beschwerden ziehen sich durch viele Leserkommentare. Man kann das abtun als die Nörgelei von chronischen Nörglern, aber solche Urteile finden sich in den meisten Leseräußerungen. Nicht das Netz sei der wahre Grund für die Leserflucht, bilanzierte Kommunikationsforscher Michael Haller in seinem Debattenbeitrag, die Enttäuschung über die Tageszeitung sei noch wichtiger, der Auflagenrückgang habe schon vor der massenhaften Nutzung des Internets eingesetzt. Über die lokale Tageszeitung wird besonders hart geurteilt.

Leser- Kommentare

„Es ist schön festzustellen, dass die Kompetenz der LeserInnen gefragt ist.“
Kora Gouré Bi per E-Mail

Wenn man sich durch die Zuschriften der Leser wühlt, spürt man allerdings immer noch eine mystische Abhängigkeit von der Zeitung. „Es ist so schön im Morgenrock an den Briefkasten zu gehen“ (Anne-marie Arveuf-kayser). „Eine noch nicht aufgeschlagene Zeitung zwingt zur Lektüre“ (MTV). „Ein Familienmitglied  am Frühstückstisch“ (twaddi). Man könne sie überall lesen, die Zeitung; man zeige, dass man seine Ruhe will; man lese viel konzentrierter. Die Zeitung sei übersichtlich und abgeschlossen, „ein Fels in der Brandung“ (besim), sie trenne Unwichtiges von Wichtigem, liefere Hintergrund und Lesespaß und: „Das große Plus der Tageszeitung ist die Qualitätskontrolle und der Umstand, dass jemand für einen Beitrag mit seinem Namen haftet“ (mueller-thurau).

„Jetzt tauchen hier plötzlich irgendwelche Blogger aus der Versenkung auf, von denen kein Mensch je gehört hat.“
georgtrakl auf Spiegel Online

Viele Menschen sind verliebt in ihre Zeitungen, und ich muss zugeben, wenn ich an der Nordsee Urlaub mache, wie in den letzten zwei Wochen, dann kann ich Feinkost Meyer nicht verlassen, ohne den „Weser-Kurier“ mitzunehmen. Als Bremer bin ich mit dem „Weser-Kurier“ aufgewachsen, im Lokalteil waren die Bilder von unseren Schülerdemonstrationen und vom Beat-Club, im Sportteil las ich über die 1. Herrenmannschaft des ATSV Bremen 1860 und die erste Deutsche Meisterschaft von Werder Bremen. Und auf der Titelseite tobte der Vietnam-Krieg.

„Es ist schön festzustellen, dass die Kompetenz der LeserInnen gefragt ist.“
Kora Gouré Bi per E-Mail

Jeder ist mit einer Zeitung groß geworden, sie ist Teil seiner Biografie. Dieser Satz stimmt nicht mehr, viele, die heute groß werden, wachsen ohne Zeitung auf. Und bei vielen, die mit einer Zeitung groß geworden sind, verschwindet die Zeitung für immer aus ihrem Leben. Warum?

Wie schlimm ist es?

Wie schlimm ist es

(Quelle: IVW)

Mehr als 50 Zeitungen eingestellt in den vergangenen 20 Jahren, sechs Millionen weniger Auflage im Vergleich zu 2003, 1,3 Milliarden Euro weniger Werbeerlöse seit 2006 – das sind die Zahlen der Zeitungskrise.

Die Gründe: Zeitungen, die ihre Leser langweilen und ihnen zu teuer sind. Verleger, die Redaktionen zusammenschrumpfen, um ihre Rendite trotz sinkender Erlöse zu halten. Verleger, die zu spät und zu halbherzig auf die Digitalisierung reagiert haben. Blogger und soziale Medien, die im Netz bessere Alternativen zu den alten Medien bieten. Das sind die Ursachen für die Zeitungskrise, wenn man die Leserkommentare ernst nimmt.

„Weg von dieser verbeamteten Worthülsenstanzerei. Den ewig gleichen Phrasen und Wendungen, die keiner mehr ertragen kann.“
waldlergeist auf Spiegel Online

„Mir macht diese Entwicklung große Angst“, schreibt ohnebenutzername, „keiner ist mehr bereit für Qualitätsjournalismus zu zahlen.“ Um Tageszeitungen lesen zu können, „benötigt man Zeit und Geld, immer weniger Arbeitnehmer haben dies“ (naklar?).

Sich online besser informieren zu können gilt für immer mehr Leser als selbstverständlich. „Online habe ich die Möglichkeit, jeden Artikel, der mir suspekt vorkommt, in die Suche zu schmeißen“ (Galik). „Seit Jahren suche ich die lokalen (und überregionalen) Inhalte, die mich interessieren, in Blogs, über socialmedia und andere digitalen Medien zusammen“ (Gudrun Lahm).

Die Antwort der Verleger auf die Herausforderungen des Internets befriedigen Online-Leser nicht. „Die meisten Tageszeitungen, die auf digital umgesattelt sind, haben den Leser einfach vergessen und das Papierformat eins zu eins übernommen, der moderne Weg wäre, eine Onlinequelle, zu erschaffen, die sich dem Leseverhalten des Users anpasst.“ (spon-facebock-jerrykess). Und der Fehler vieler Tageszeitungen, die gesamten Inhalte der Printausgabe kostenlos auf die Website zu stellen, verstehen viele Leser noch weniger, obwohl sie gern davon profitieren. Die sinkenden Erlöse durch immer neue Sparrunden in den Redaktionen auszugleichen, habe die Qualität vieler Zeitungen deutlich reduziert. „Die Verleger schmeißen in kurzsichtigem Profitdenken Redakteure raus und wandeln Lokalredaktion in Profit-Center“ (FerrisBueller2).

„Am liebsten lese ich inzwischen die Nachrichten auf dem Online-Portal meiner Bank.“
Enzian auf Spiegel Online

Lokal und regional informiert zu werden, finden die einen sehr wichtig, aber so, wie es passiert, ist es den anderen zu provinziell: „Beiträge, die ich so fast auch aus dem amtlichen Mitteilungsblatt der Gemeinde kenne“ (Wunderläufer). „… sind die Verbandelungen zwischen Wirtschaft, Politik und Presse so tief gewachsen, dass die Zeitung auch kaum noch in der Lage sein wird, unabhängig zu berichten“ (franks meinung).

Auflage deutscher Tageszeitunge

„Die Tageszeitung“ ist nicht in der Krise, nicht alle trifft es gleich: Die kleine Regionalzeitung hat noch ein Informationsmonopol; die überregionale Zeitung hat den Einordnungsvorsprung; die Lokalzeitungen in den großen und mittelgroßen Städten leiden am stärksten unter der digitalen Konkurrenz.

Sie sind, wie es der Schweizer Journalist Constantin Seibt in seinem Debattenbeitrag geschrieben hat „riesige Routinemaschinen“, und „sie tun nichts dafür, dass ich sie mögen muss“ (Silke Burmester), sie wirken im 21. Jahrhundert wie „fremdartige Text- und Themenbündel“ (Mario Sixtus) für „imaginäre Durchschnittsleser“ (Thomas Knüwer).

„Leider scheint es auf diesem Planeten keinen Geschäftszweig zu geben, der beratungsresistenter ist als Verlage.“
Uli Stühlen per Email

Der „SZ“-Journalist Dirk von Gehlen hält den Zeitungskritikern in seinem Blog entgegen: Eine Tageszeitung ist mehr als das Papier, auf dem sie gedruckt ist; am Beispiel des „Guardian“ und seiner Rolle in der NSA-Affäre werde deutlich, dass die Redaktion einer Tageszeitung durch Geld, Kompetenz und Haltung so etwas wie ein „Ort der Freiheit“ und der Leser als Abonnent Unterstützer dieser Haltung sein könne.

Als Mittelpunkt einer Gemeinde, die an Informationen ebenso interessiert ist wie an Einordnung und Gemeinsinn, hat die Zeitung eine Zukunft, was nicht heißt, dass diese Zukunft aus Papier sein muss. Die neue Smartphone-App von SZ.de bietet einiges von dem, was eine digitale

Frisst Online Print?

Der Auflagenrückgang vieler Tageszeitungen setzte zwar schon ein, bevor die große Zeit des Internet begann, aber seit sich der kostenlose Journalismus im Netz breitgemacht hat, verschärft sich die Krise des Printjournalismus.

Da sind solche Stimmen: „Ich bin 23 Jahre alt und habe mir selten Zeitungen gekauft. Wozu auch? Gibt doch alles kostenlos im Internet“ (Lexx). „Im Tempowettbewerb mit dem Internet wird die Tageszeitung immer verlieren. Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, weshalb alle deutschen Tageszeitungen der Tagesaktualität hinterherhecheln“ (caroline-NL). „Die Papierzeitungen werden von zwei Seiten in die Zange genommen: den Kosten und der breiten Palette von Informationen im Netz“ (dieter.neef).

„Das Internet lässt dem Menschen einfach keine Zeit mehr zum Lesen von Papier. Die Freizeit ist schon aufgebraucht.“
Arzgebircher auf Spiegel Online

Besonders schädlich für Print, so meinen viele Leser, sind die Websites der Printmedien. Ursprünglich gedacht als Marketing für die Zeitung, als Lockmittel um Gedrucktes zu kaufen, entfalten sie eine zerstörerische Kraft: „Die Printmedien leiden unter dem schlechten Ruf ihrer Internetcousinen; der Kunde hat die Wahl zwischen minderwertig und kostenlos oder gut und teuer.“ (peter_30201). Für die Blogger, die sich an der Zeitungsdebatte beteiligten, sind Zeitungen dem Tode geweiht, weil sie nicht nur ökonomisch dem Netz unterlegen sind, sondern auch journalistisch. Für die Printverteidiger sind Zeitungen, trotz des Erfolgs der Online-Medien, (fast) unsterblich, weil sie als Kulturgut aus deutschen Küchen, Wohnzimmern und Büros nicht wegzudenken sind.

Klickzahlen deutscher News-Seiten

Während der Zeitungsdebatte gelang allerdings hier und da das Aufweichen der Fronten, zum Beispiel im „Digitalen Quartett“. Das ist eine Internet-Talkshow, bei der Leute vor ihrem Computer sitzen und via Videochatprogramm Google Hangout debattieren, aus Seattle moderiert von der Bloggerin Ulrike Langer. Als sich das Quartett mit der Zeitungskrise beschäftigte, redeten drei Blogger mit zwei Tageszeitungsjournalisten und einem Mediajournalisten, als Diskussionsteilnehmer stand ich in meinem Urlaubsort in einer Kneipe – die einzige Möglichkeit, eine stabile Internetverbindung zu nutzen.

„Sind wir nicht alle irgendwie Journalisten?“
Holger Rösler auf Facebook

Schnell lösten sich die starren Fronten auf, weil die beiden Printleute das Netz genauso selbstverständlich nutzen wie die Blogger. Der eine, Markus Schwarze, ist in der Chefredaktion der „Rhein-Zeitung“ zuständig für digitale Inhalte, der andere, der Schweizer Constantin Seibt, schreibt im „Tagesanzeiger“ und in seinem Blog „Deadline“, dort über die Zukunft des Journalismus. Die „Rhein-Zeitung“ hat (seit 1995) als erste deutsche Tageszeitung einen Onlinedienst mit eigener Redaktion und seit 2001 eine E-Paper-Ausgabe.

Die „Rhein-Zeitung“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Print-Redaktion das Netz nutzt, um User einzubeziehen und Print-Inhalte digital zu verbreiten, allerdings mit denselben Beschränkungen, die allen deutschen ePaper-Ausgaben anhaften: Sie kleben noch zu sehr am Gedruckten, enttäuschende 340 000 Exemplare der täglichen ePaper-Ausgaben verkaufen alle Tageszeitungen zusammen (bei einer Print-Auflage von 20 Millionen).
Nach dem ersten Glas Rotwein habe ich während des „Digitalen Quartetts“ neue Eindrücke nach einer Woche Zeitungsdebatte zusammengefasst als Streit zwischen digitalen Stalinisten und analogen Maoisten. Das ist umso lächerlicher, weil es „Print“ eigentlich gar nicht mehr gibt: Das, was eine Print-Redaktion produziert, findet seine Leser heutzutage zu immer größeren Teilen online: als ePaper, auf der Online-Seite, im Smartphone, auf dem Tablet. Jeder Journalist muss das, was er an den Leser bringen will, online und offline denken und erzählen können. Und jede Redaktion sollte beginnen, wenn sie an die Zukunft ihrer Zeitung denkt, sich diese digital vorzustellen.

„Wenn das Druckmedium nicht aussterben soll, muss der qualifizierte Journalismus das Netz meiden.“
Lars Höppner per Email

Nur so kann sie an die Erlöse kommen, die sie braucht, um ihren Papierlesern auch zukünftig das Rascheln zu erhalten. Das gilt nicht nur für Zeitungen, das gilt für die gesamte Printbranche. Auflagenverluste beklagen Wochenblätter, Programmzeitschriften und Magazine, auch der SPIEGEL blieb davon nicht verschont, bei den Abonnenten verlor er weniger als im Kioskverkauf.

Seit Edward Snowden enthüllte, dass das Internet von Geheimdiensten großräumig überwacht und besonders die sozialen Medien ausgeforscht werden, hoffen Printgläubige zwar, das neue Misstrauen gegen das Netz könne die Flucht aus den Papiermedien verlangsamen, aber der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist unumkehrbar.

Im Netz bezahlen – wenn ja: wie?

Die große Hoffnung der Verleger: Wenn wir für die bisher kostenlosen Websites unserer Zeitungen Geld nehmen, dann können wir den Auflagenrückgang bremsen und zusätzliche Erlöse erzielen. Und wenn wir dann noch die Zeitungen über Tablets und Smartphones an neue Käufer bringen, bekommen wir die Zeitungskrise in den Griff.

Wertet man die Lesermeinungen der Zeitungsdebatte aus, zeichnet sich eine deutliche Mehrheit dafür ab, zukünftig im Netz für Journalismus zu zahlen; mehr als bisher, muss man sagen, denn für ePaper wird ja schon gezahlt. Und bereits 46 von 332 deutschen Zeitungen nehmen auf ihren Websites Geld für bestimmte Artikel oder für alle Artikel. Es gibt natürlich die ablehnenden Stimmen. „Der Großteil der Leser will gar nicht zahlen.“ (KarlRad). „Ich denke nicht, dass ich für Nachrichten zahlen werde, solange ich diese auch an anderen Stellen konsumieren kann“ (balubaer). „Würde ich pro Tag z. B. 5 Euro für so eine Zeitung ausgeben?“ (Emmi)

„Führen Sie Micropayment ein! Meine Oma hat immer gesagt: Kleinvieh macht auch Mist.“
mii auf Spiegel Online

Wer schreibt, dass er zahlen will, hat genaue Vorstellungen davon, wofür und wie. Ja, ihr kriegt mein Geld, aber erstens nur dann, wenn die Qualität besser wird. „Eine valide Geschichte, die recherchiert, gegengeprüft, dessen Quellen validiert werden müssen und, und, und. So etwas kostet Geld“ (jan-bernd meyer). Zweitens sollen es auf den Leser zugeschnittene Informationen sein: „Ein Online-Service, der mir täglich „qualitätsverlesene“ aktuelle Meldungen und Beiträge zu meinen persönlichen Interessengebieten liefert“ (Ok-naja). Konrad Lischka brachte in seinem Debattenbeitrag das Beispiel von „Politico Pro“, die mit einer extrem detaillierten Berichterstattung über das politische Geschehen in Washington Geld verdienen.

Drittens zahlen wir, so die Leser, nur, wenn die Verlage schaffen, ein „Kombiabo“ zu etablieren: „20 Euro im Monat für alle gängigen Zeitungsseiten, ein login“ (lateralus). „Sämtliche Verlage sollen kooperieren, mit geballter Kraft eine Plattform wie iTunes lancieren“ (Sacha Ercolani). Alle gemeinsam und, viertens, ganz einfach: „Ich möchte online mit maximal zwei Klicks sicher bezahlen können“ (roland-jansen).

„Good journalism is expensive. Bad journalism isn‘t useful for anyone.“
@Burk68 auf Twitter

Die einen sind für Abo-Lösungen, die anderen, fünftens, für Micropayment, zahlen pro Artikel. Richard Gutjahr hat in seinem Debattenbeitrag beteuert, wie wichtig es nach Jahren der Gratiskultur wäre, wenn „der Leser behutsam, durch Kleinstbeträge, erlernt, welchen Gegenwert er durch das tägliche Querbeetlesen verkonsumiert.“ Spiegelator möchte sein Geld einzelnen, besonders guten Beiträgen einzelner Journalisten zukommen lassen. „Insofern finde ich die taz-Möglichkeit gut, für einen Artikel, den man als besonders wichtig empfindet, per unkomplizierter Abbuchung einen Wahlbetrag zu speichern“ (a.b. haddorp).

Vergleich Mediennutzung - Anteil am Werbemarkt

„Wie wär‘s mit einer Teilung der GEZ-Gebühren, 50:50, und schwupps hätten wir weniger Müll im Fernsehen, dafür bessere Konditionen für Journalisten.“ technikaffin auf Spiegel Online

Gegen das Micropayment spreche allerdings, so frognal, dass man den Text im Unterschied zu einem Song nicht kenne, bevor man ihn bezahlen soll: „Musik höre ich mir an, und wenn sie mir gefällt, kaufe ich sie.“

Vertriebserlöse im Netz sind auch deshalb für die Printmedien so wichtig, weil ihre Werbeerlöse schnell sinken. Die Werbeetats reagieren auf den Medienkonsum der Deutschen, sie wandern von den Printmedien zum Fernsehen und ins Netz, allerdings nur zum kleinen Teil auf die Websites der Printmedien – Google ist der große Profiteur.

Besser geht‘s nicht?

Durch die Zeitungsdebatte zieht sich der Disput zwischen Evolutionären und Revolutionären. Die Zeitung ist bald weg, sagen die einen, und das ist gut. Die Zeitung muss besser werden, sagen die anderen, dann wird sie noch lange leben.

Nicht über „SZ“, „FAZ“, „Welt“, „taz“ oder „Handelsblatt“ wird gestritten, sondern über Regional- und Lokalzeitungen. Lokaler sollen die Zeitungen werden, hintergründiger, kritischer und recherchierender, das ist so etwas wie die Mehrheitsmeinung unter den Zeitungsfreunden. „Wenn ich allein an die Fälle der letzten 6 Monate denke, in denen die Süddeutsche Zeitung Missstände aufgedeckt und kritisch berichtet hat, dann weiß ich: wir werden das auch künftig benötigen, und zwar dringend“ (vinophilus). Besonders aus dem „wenig prestige-prächtigen Bereich“ des Lokaljournalismus hätten sich Journalisten abgeseilt, findet oohpss. Meinungen sollten deutlich als Meinungen gekennzeichnet werden, „Nachrichten und Kommentar müssten strikt getrennt sein“ (StFreitag).

„Die App der Stuttgarter Zeitung. Die habens meiner Meinung nach geschafft.“
Baghervadi Amir auf Facebook

Die Rolle des Journalisten ändert sich durch die Zunahme des digitalen Nachrichtenangebots, „die Journalisten müssen uns, den Leser, helfen durchzublicken, sie müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projekts Verständnis“ (Amadeus Mannheim). Weil soziale Medien wie twitter und facebook immer mehr zur entscheidenden Drehscheibe der Öffentlichkeit werden, wird der Journalist wichtiger als Einordner. Der Job des Redakteurs werde durch das Netz „also demokratisiert, er muss vom Thron des Meinungsbildners herunter und wird zum intelligenten Vermittler“ (dieter.neef). Und er muss „den Leser als intelligenten und gebildeten Mitmenschen jenseits von Foren“ (vicbrother) einbeziehen.

Constantin Seibt hat in seinem Debattenbeitrag darauf hingewiesen, die Tageszeitung müsse „in ihrem Kerngeschäft ihre künftige Leserschaft organisieren, nicht durch Schmeichelei, sondern durch das, was sie kann: durch Neugier, Frechheit und harte Recherche.“

Der Markt der Tageszeitungen werde sich „noch stark bereinigen“, schreibt georg_doerner. „Survival of the fittest“ sei angesagt, das „sieht man derzeit in den USA“. Dort wollen inzwischen 450 der 1380 Zeitungen durch Bezahlmodelle auf Websites die Verluste der Tageszeitungen ausgleichen, aber nur zwei bis vier Prozent der User zahlen bisher für Online-Journalismus. Wer in die USA schaut, um in die News-Redakteure in den USA: Weniger als 1978 (Quelle: American Society of News Editors) News-Konsum über soziale Medien in den USA (Quelle: Pew Research Center) Zukunft zu blicken, schaut auf dramatisch wegkippende Kurven.

Journalisten der „FAZ“, „FAS“ und der „Zeit“ haben in Artikeln sehr ängstlich und polemisch auf die Zeitungsdebatte reagiert, als wolle ihnen jemand den Stuhl wegziehen und den Computer wegnehmen. Wenn Journalisten den Zeitungsjournalismus kritisieren, dann sei es so, als machten Autoverkäufer ihre Autos schlecht, so eines der Argumente. Autohersteller müssen nicht unbedingt kritische Artikel über Autos schreiben, aber reagiert die Automobilbranche mit Elektroautos, Car-Sharing etcetera nicht viel besser auf die Kritik an Autos als unsere Branche auf die Kritik an Zeitungen?

„Und eine Party für die Community, um Spaß zu … äh, die Leserbindung zu stärken.“
bettyboop2013 auf Spiegel Online

Wenn man eine Debatte lostritt, zudem noch über Journalismus, muss man einiges einstecken können. Bei einem Absatz eines Artikels in der FAS allerdings musste ich so laut lachen, dass meine Frau Kaffee verschüttete und den Artikel lesen wollte. In dem Absatz geht es darum, dass sich mein „Sanierungskonzept“ für Zeitungen lese wie eine interne Vorgabe der „Bild“-Chefredaktion. Der Autor meinte einen von elf Punkten: Print-Journalisten sollten vom Online-Journalismus lernen, „das Wort muss dem Foto, dem Video, der Grafik dort weichen, wo es unterlegen ist“. Die „Bild“-Keule macht sich immer gut, schlägt aber in diesem Fall vollkommen daneben. Gemeint habe ich damit, dass Neuerungen im Journalismus heutzutage vor allem online zu finden sind und dass es darauf ankommt, diesen Pioniergeist in Printredaktionen zu übertragen, was zum Beispiel bei der „Zeit“ (Wahlometer, Trikotwerbungsschaubild im Zeit-Magazin) und „SZ“ (Spezial zu NSU) schon passiert. Tour de France (auf „Zeit online“), Zugmonitor (auf SZ.de) und auch „Flut“ und „Solingen“ auf SPIEGEL ONLINE sind Beispiele dafür, wie in neuen Formen gedacht wird. Daran mangelt es im Print-Journalismus.

„Die richtigen Schlüsse hat das niederländische ,NRC Handelsblatt‘ gezogen: Alle Börsenkurse raus, den Umfang verkleinert, für jeden Tag ein Schwerpunktthema.“
caroline-NL auf Spiegel Online

Mich treibt bei der ganzen Debatte nicht der Wille, Tageszeitungen zu Grabe zu tragen, wie mir der Autor in der FAS unterstellt, sondern Lesern klarzumachen, dass da gerade etwas den Bach runtergeht, was sie vielleicht erst dann vermissen werden, wenn es nicht mehr da ist. Und Journalisten muss klar werden, dass sich die Tageszeitungen, dass sich alle Printmedien verändern müssen, wenn sie die Leserflucht stoppen wollen.

Sie stecken alle in der ePaper-Falle: Wir vertrauen darauf, unsere Printprodukte, so wie sie sind, in digitale Medien zu übertragen. Was wir brauchen, sind Konzepte dafür, unsere journalistischen Inhalte auf neue Art, in neuen Medien an den Leser zu bringen. Diese Suche will die Debatte anregen.

Früher war der Marktplatz der Marktplatz der Öffentlichkeit, dann die Zeitungen, dann das Fernsehen. Jetzt bestimmen zunehmend soziale Medien wie Facebook und Twitter, Aggregatoren wie Google und Youtube, welche Nachrichten ins öffentliche Bewusstsein dringen, was skandalisiert und debattiert wird. Die Lokalzeitung muss wieder zum Marktplatz einer Stadt werden.

Über tausend User haben ihre Gedanken aufgeschrieben und Vorschläge gemacht. Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Ja, wir brauchen Zeitungen, antworteten die meisten, aber die sollten anders sein als die, die wir heute kennen.

Für mich waren diese Wochen wie ein großes, vielstimmiges Gespräch. Wann kann ein Journalist schon so viele Experten, so viele Chefredakteure, so viele Blogger und vor allem so viele Leser einbeziehen in die Recherche und die Formulierung seiner Geschichte? Was habe ich gelernt?

Es gibt den Wunsch nach einer Zeitung, die ganz viele Dinge in sich vereint. Wenn es ein Auto wäre, dann wäre das „ein Modell mit 300 PS, das einen Liter Benzin verbraucht und zum Preis eines E-Bikes zu haben ist“ (ConstanzeM). Viele von den erwünschten Qualitäten sind schon realisierbar, andere noch nicht. Wir haben uns entschieden, keine utopische Zeitung zu entwerfen, sondern eine, die man schon heute realisieren kann. Sie wird hoffentlich – gerade von den Zeitungsredakteuren – nicht als Anmaßung verstanden sondern als Anregung, als der Versuch, Hunderte Leseranregungen zu einem Vorschlag zusammenzuführen.

„Die Zeitung von morgen sollte öfter den Lesern das Mikrofon ins Gesicht halten.“
Paul Kummetz per Email

Vier Millionen Deutsche lesen eine überregionale Abo-Zeitung, 36 Millionen eine regionale Zeitung. Darum haben wir die Vorschläge in einer Lokalzeitung gebündelt, in einer Zeitung für die Stadt, denn in den mittleren und großen Städten verlieren Tageszeitungen am schnellsten ihre Leser.

Die Zeitung von morgen sollte, erstens, all das an journalistischer Qualität bieten, was im vorherigen Kapitel an Anforderungen formuliert wurde.
„Vermutlich konsumieren wir künftig Text- und Bildinhalte überwiegend über Smartphones“ (diskussionsteilnehmer111), darum entwickeln wir, zweitens, eine Zeitungs-App fürs Smartphone.

„Die User machen ihre eigenen Nachrichten.“
Sascha Blättermann per Email

Wir wollen, drittens, „den seriösen und kompetenten Journalismus ins Twitter-, Facebook-, Blogger-, Online-Zeitalter“ (haeff-m) transformieren, „dabei darf jedoch nicht einfach ein Printprodukt digitalisiert werden“ (sboldt95).

„Geht weg davon, dass ihr zuerst die Zeitung entwickelt“, ruft uns dennis.sommer zu, darum haben wir, viertens, das Ressortdenken der Zeitung (Politik, Wirtschaft, Kultur etc.) abgeschafft, das bisher dazu führte, Ressortseiten zu füllen, auch wenn eigentlich nichts zu melden war.

Man müsse User „in die Produktion der Zeitung mit einbinden, Leserbriefe reichen nicht“ (herbert.kienker), darum haben wir das, fünftens, gemacht.
Jeff Jarvis hat in seinem Debattenbeitrag den Grundgedanken einer neuen Zeitung definiert: „Ich denke, unser neuer Wert wird sich ergeben, indem wir zu Menschen als Individuen eine Beziehung aufbauen – nicht mehr als eine Masse.“

„Interaktivität, Interaktion und Individualität scheinen mir die Stichworte für die Zukunft zu sein“ (marwin42), finden wir auch und geben, sechstens, dem User die Möglichkeit, seine Zeitung nach seinen Interessen mitzugestalten.

„2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben, angepasst an die immer dümmer werdende Bevölkerung, eine Art ,Leselektüre für den deutschen Bildungsstand“
espressoli auf Spiegel Online

„Kurioserweise finde ich oft in den Forenbeiträgen mehr Hintergrundinformation als in den Artikeln“ (qoderrat), darum können, siebtens, User jeden Artikel zum Chat mit dem Redakteur und anderen Usern nutzen. Und sie können Themen setzen, denen Redakteure nachgehen, wenn sich genügend Gleichgesinnte finden.

„Der User von morgen erwartet eine auf ihn zugeschnittene Tageszeitung“ (lars-breuer), deshalb sind Themen und Artikel, achtens, nach seinen Interessen ausgewählt und gewichtet.

Bloß keine personalisierte Artikelauswahl, schreiben andere User, ich will mich überraschen lassen durch das, was mich nicht interessiert, deshalb kann man, neuntens, diesen personalisierten Algorithmus auch unterdrücken.

„Auf meinem iPhone habe ich verschiedene Apps geladen, die mir eine Nachrichtenzusammenstellung brachten“, schreibt schlueter.hh, „so nach dem Motto: Stell dir selbst die Themen zusammen, die dich interessieren.“ Er habe diese Apps alle wieder gelöscht, es sei ihm zu anstrengend gewesen „aus dieser Fülle eine Synthese herzustellen, diese gedankliche Arbeit nimmt mir eine Profi-Redaktion ab, dafür brauche ich eine Zeitung.“ Genau deshalb glauben wir, zehntens, an eine Mischung aus Profi- und Leserauswahl.

„Mutig wäre die Tageszeitung, die den überregionalen Anteil eindampft und den Lokalteil hochfährt“ (G.Weiter). „Ich sehe das wie die Jahresringe eines Baumes: mich interessiert zuerst meine Straße, mein Stadtbezirk…“ Einerseits. Andererseits finden User ihre Zeitung zu provinziell, wenn sie vor allem mit dem Naheliegenden ins Haus fällt. Wir haben, elftens, versucht, die richtige Balance zu finden.

„Den Markt für Lokalnachrichten wird es natürlich auch weiterhin geben“, schreibt Dubbel, „doch ich stelle mir ein, zwei Lokalblogger pro Stadtteil vor, die diesen bedienen.“ Die werden, zwölftens, nicht nur bezahlt, der Leser hat auch die Möglichkeit, in sein Meinungsressort überregionale Blogger zu packen – die werden nach Klicks bezahlt.

„Ich wünsche mir von Journalisten schon länger, dass sie Begleiter von Themen sind“ (Norbert Rost), „die kurzen, hysterischen Medien-Hypes, die ständig durch alle Medien gehen und danach nie wieder auftauchen, sind das Gegenteil.“ Darum kann der Leser, dreizehntens, entscheiden, ob ihm ein Thema so wichtig ist, dass er über den Fortgang kontinuierlich informiert werden möchte.

Die Tageszeitung müsse all die lokalen Serviceinformationen, die im Netz herumgeistern und „die ich vor Ort in ganz bestimmten Situationen brauche“, verfügbar machen, schreibt Ulrike Langer in ihrem Blog. Finden wir, vierzehntens, auch, haben wir gemacht.

„Es wäre schön, wenn die Artikel wahlweise zum Lesen oder zum Anhören bereitgestellt würden“ (cristoph.lenzen), gute Idee, fünfzehntens, wird gemacht.

Eine digitale Tageszeitung habe, sechzehntens, den Vorteil, schreibt johannesmapro, dass „der Nachrichten- und Meldungsteil mehrmals täglich angepasst wird.“

Stimmt.

Wenn man all diese Leser ernst nimmt, dann ergibt sich daraus das

Konzept für eine Tageszeitung.

Hier ist es.

1000 Vorschläge, ein Konzept

Eine App auf dem Smartphone. Eine digitale Abendzeitung für die Stadt. Die den Menschen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, Orientierung gibt über die Nachrichten des Tages. Die eine Navigationshilfe für den Abend ist und ein Ausblick auf den nächsten Tag. Die wieder das werden soll, was die Lokalzeitung früher war: der Marktplatz einer Stadt

App: Der Abend

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Die Zeitung hat sechs Rubriken: Nachrichten, Stories, Meinung, Unterhaltung, Leser, Service

„Nachrichten“ unterteilt sich in „Top News“, “Lokal“, „Deutschland“, „Welt“, „Sport“. Zusätzlich wählbar „Politik“, „Wirtschaft“, „Kultur“ etc. Die Übersicht bietet drei Schlagzeilen für „Top News“, per Swipe können andere Nachrichten erreichet werden. Außerdem verlinkt ist eine Zusammenfassung des Tages im Video.

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„Stories“ bietet dem Leser Reports, Portraits und Reportagen. Der Müllskandal, das Portrait des Bundestagskandidaten oder hier: Reportage über Roma, die nach Berlin kommen.

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„Stories“ bietet dem Leser Reports, Portraits und Reportagen. Der Müllskandal, das Portrait des Bundestagskandidaten oder hier: Reportage über Roma, die nach Berlin kommen. Die Übersicht für „Stories“ zeigt drei Headlines, durch Swipen erreicht man zehn weitere Stories.

„Nachrichten“ und „Leser“ aktualisieren sich kontinuierlich, „Stories“ und „Meinung“ zweimal am Tag: abends um 17:00 Uhr, morgens um 7:00 Uhr. „Service“ und „Unterhaltung“ einmal am Tag 17:00 Uhr.

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Die Funktionen, auf jeder Seite aufrufbar:

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  • Thema im Netz suchen
  • Kommentieren
  • Thema verfolgen (Updates abonnieren)
  • Vorlesen lassen

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„Meinung“ versammelt Kommentare, Essays, Interviews, externe Blogs. Hier mischen sich Meinungsbeiträge aus der Redaktion mit der Möglichkeit, lokale und andere Blogs zu lesen, der Leser stellt sich sein individuelles Meinungsspektrum zusammen. Je nach Klickzahlen werden die Blogger an Erlösen beteiligt.

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„Meinung“ versammelt Kommentare, Essays, Interviews, externe Blogs. Hier mischen sich Meinungsbeiträge aus der Redaktion mit der Möglichkeit, lokale und andere Blogs zu lesen, der Leser stellt sich sein individuelles Meinungsspektrum zusammen. Je nach Klickzahlen werden die Blogger an Erlösen beteiligt.

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„Unterhaltung“ bietet dem Leser einen Überblick über alles, was für ihn am Abend wichtig ist: TV (mit Empfehlungen), Kino ( mit Trailern), Theater ( mit Rezensionen und Bilderstrecke), Konzert (mit Hörprobe und Verlinkung zum Ticketkauf), Bücher (mit Kurzkritik), Comics, Sudoku, Kreuzworträtsel , Spiele

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„Unterhaltung“ bietet dem Leser einen Überblick über alles, was für ihn am Abend wichtig ist: TV (mit Empfehlungen), Kino ( mit Trailern), Theater ( mit Rezensionen und Bilderstrecke), Konzert (mit Hörprobe und Verlinkung zum Ticketkauf), Bücher (mit Kurzkritik), Comics, Sudoku, Kreuzworträtsel , Spiele

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Die Servicefunktionen in diesem Teil:

  • Datum + Location
  • Ticket kaufen
  • Zum Kalender hinzufügen
  • Tonprobe anhören
  • Zusatzfunktionen (Teilen etc.)

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Die Servicefunktionen in diesem Teil:

  • Datum + Location
  • Ticket kaufen
  • Zum Kalender hinzufügen
  • Tonprobe anhören
  • Zusatzfunktionen (Teilen etc.)

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„Leser“: Hier soll sich der Dialog entwickeln zwischen der Redaktion und den Lesern, hier fließen Beiträge von Lesern ein. Leser schlagen Themen vor, benennen Missstände, die von Redakteuren weiter verfolgt werden.

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„Leser“: Hier soll sich der Dialog entwickeln zwischen der Redaktion und den Lesern, hier fließen Beiträge von Lesern ein, hier chatten, twittern, posten, bloggen sie im Dialog mit Redakteure. Leser schlagen Themen vor, benennen Missstände, die von Redakteuren weiter verfolgt werden. Zwei feste Rubriken: Familiengeschichten – Geburt, Hochzeit, Reisen,Tod, erzählt von Lesern, aufgeschrieben von Redakteuren. Mein Verein – kommentierte Bilderstrecken.

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Der Nutzer kann auswählen, welche seiner Kontakte er hier verfolgen möchte (ihr Einverständnis vorausgesetzt). Dabei kann auf das Adressbuch des Nutzers als auch auf Social Networks zugegriffen werden.

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Der Nutzer kann auswählen, welche seiner Kontakte er hier verfolgen möchte (ihr Einverständnis vorausgesetzt). Dabei kann auf das Adressbuch des Nutzers als auch auf Social Networks zugegriffen werden.

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„Service“ bedient den Leser mit allen Informationen, die das Leben in der Stadt erleichtern (Restaurants mit Bewertungen, Läden mit Preisvergleich, Verbraucherschutz, Handwerker mit Bewertungen, lokaler Wohnungsmarkt, alles für den Autofahrer (Tankstellen, Schlaglöcher, Blitzer)).

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„Service“ bedient den Leser mit allen Informationen, die das Leben in der Stadt erleichtern ( Restaurants mit Bewertungen, Läden mit Preisvergleich, Verbraucherschutz, Handwerker mit Bewertungen, lokaler Wohnungsmarkt, Hotels mit Bewertungen, Apotheken, Behörden, Krankenhäuser, alles für den Autofahrer (Tankstellen, Schlaglöcher, Blitzer), Mitfahrgelegenheiten, Fahrpläne, Babysitter-Service, Kontaktbörse

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Unter „Verkehr“ befindet sich ein kleines Tool, dass verschiedene Reisemöglichkeiten berechnet. Je nach Uhrzeit ist ein Ziel vorausgewählt. Der Nutzer kann anpassen oder aus dem Adressbuch übernehmen, wohin er möchte. Die aktuelle Uhrzeit ist vorausgewählt / kann angepasst werden. Anschließend kann der User per Tap die Optionen vergleichen.

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Unter „Verkehr“ befindet sich ein kleines Tool, dass verschiedene Reisemöglichkeiten berechnet. Je nach Uhrzeit ist ein Ziel vorausgewählt. Der Nutzer kann anpassen oder aus dem Adressbuch übernehmen, wohin er möchte. Die aktuelle Uhrzeit ist vorausgewählt / kann angepasst werden. Anschließend kann der User per Tap die Optionen vergleichen.

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Jeder Abonnent wird Mitglied im „Abend-Club“. In Kooperation mit einer Sparkasse / Bank verwandelt sich die App beim Bezahlen in eine Kreditkarte und bietet Preisnachlass sowie besonderen Service in Restaurants, Sportstudios, Läden etc. Die Partnerfirmen erhalten Preisnachlass bei Werbung im „Abend“. Bezahlt wird ganz einfach per Tap.

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Jeder Abonnent wird Mitglied im „Abend-Club“. In Kooperation mit einer Sparkasse / Bank verwandelt sich die App beim Bezahlen in eine Kreditkarte und bietet Preisnachlass sowie besonderen Service in Restaurants, Sportstudios, Läden etc. Die Partnerfirmen erhalten Preisnachlass bei Werbung im „Abend“, eine örtliche Werbeagentur unterstützt die Firmen bei der Entwicklung digitaler Werbeformen.

Beispiel Zoobesuch: Sobald der Nutzer in der Nähe eines Counters ist, erscheint automatisch ein Popup mit dem Club-Rabatt. Bezahlt wird ganz einfach per Tap.

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Die App ist personalisierbar.
Relevante Einstellungen, die bereits im Gerät hinterlegt sind, können von der App genutzt werden. Die Initialisierung läuft automatisch ab und geht direkt über in den Startscreen der App.

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Die App ist personalisierbar.
Relevante Einstellungen, die bereits im Gerät hinterlegt sind, können von der App genutzt werden. Die Initialisierung läuft automatisch ab und geht direkt über in den Startscreen der App.

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Re-Branding für die Münchener Abendzeitung. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für die Münchener Abendzeitung. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für das Hamburger Abendblatt. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für das Hamburger Abendblatt. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

Was Chefredakteure, Blogger und Medienexperten über den „Abend“ denken

Res Strehle, Chefredakteur des Schweizer „Tages-Anzeiger“

Es gibt keine Krise der Zeitungen – es gibt nur das Festhalten an der gewohnten Einwegkommunikation, den Tunnelröhrenblick aufs Papier, Ideenlosigkeit und allenfalls zu kleine Märkte. Diesen vier Gefahren widersteht „Der Abend“ fulminant: Der neue Marktplatz für die Stadt lebt von der Auseinandersetzung, findet dort statt, wo sich die Leute nach der Arbeit bewegen, verwebt harte Nachricht mit weichen Autorengeschichten, Kluges (Meinung) mit Witzigem und Verspieltem (Unterhaltung). Wenn dazu noch die nützliche Information über das Nachtleben kommt, was will der abendliche Stadtgänger mehr? Dieses Modell lässt sich auf jeden grösseren urbanen Raum multiplizieren. Von solch innovativen Ideen lebt unsere Branche seit ihrer Gründung, damals gebunden an die hauseigene Druckerei und ans Anzeigegeschäft – heute ans mobile Taschengerät und eine Leserschaft. Womöglich wird sie für diesen Komfort und das Ernstnehmen Ihrer Wünsche sogar bezahlen.

Ich wünsche „Dem Abend“ viel Erfolg und lobe den Tag, an dem er erscheint.

Ulrich Machold, Leiter Strategische Produktentwicklung der Axel Springer AG

„Der Abend“ ist eine schöne Fingerübung – vor allem, weil er gleichzeitig zeigt, was handwerklich besser gemacht werden kann, und was konzeptionell weiter ungelöst ist.

Erst einmal ist er inhaltlich gelungen. Alles sieht gut aus. Das Layout ist klug, die Trennung zwischen Nachrichten und „Long Form“ ist konsequent, die Inhalte sinnvoll spezifisch fürs Mobile konzipiert (es wäre sicher nicht einfach, die diversen Content-Plätze mit relevanten Regio-Inhalten zu füllen, aber das kann eine gute Redaktion vielleicht leisten).

Problematischer ist der Rahmen: die Entscheidung fürs Regionale und die Monetarisierung über das Service-Angebot. Die alte Regionalzeitung, das stimmt, war ein Bündel von Journalismus, Immobilienanzeigen, Jobs und vielem Anderen. Aber das Bündel hat sich aufgelöst. Eigentlich alle Rubriken leben heute auf eigenen Seiten, und eigentlich passen sie da auch besser hin. Dass man in Zeiten von Immoscout, Yelp und Monster solche Dinge zurück zu den News führen, dass man gleichsam den alten „One-Stop-Shop“ wieder herstellen kann, ist eine optimistische Annahme.

Vielleicht muss man News und Journalismus radikal zu Ende denken, um dann ein Angebot zu bauen, das nur das will – und das sein Geld wert ist. Oder eben den Service-Gedanken wählen und ebenso radikal überlegen, was sich dort besser machen lässt. Vielleicht hat „Der Abend“ den richtigen Ansatz, aber das falsche Ziel.

Constantin Seibt, Journalist und Blogger („Deadline“)

Ich finde die Skizze für die Abend-App eine bestechend schlanke Lösung für ein paar hartnäckige Probleme: das Papier und die enormen Vertriebskosten, den leisen, aber penetrante Geruch nach Altbackenheit fast aller Lokalzeitungen und den schwerfälligen Zwang zur Vollständigkeit. Chapeau, das Konzept hat Klasse. Wie auch das Anreissen der 2020-Debatte Klasse hatte – obwohl massenweise geschimpft wurde. Es zeigt Haltung, dass ein grosses Problem gross angegangen wurde. Das einzige, was in der Debatte fehlte, war die zweite Runde, also dass die einzelnen Leute nach dem Eröffnungszug miteinander reden – und ihre Thesen verteidigen müssen.

Ich glaube, die App wäre brauchbar: für den Abendausgang, die schnelle Information und zeitweise, um etwas Ärger in der Stadt zu machen. Was mir auch gefällt, dass das Unternehmen relativ klein begonnen werden kann und dann ausbaubar ist.
Natürlich fehlen noch ein paar Dinge: der Business-Plan etwa oder das publizistische Konzept.
Ausserdem, wie nach meinem Debatten-Beitrag auf Spiegel-Online nicht überraschend, würde ich dafür plädieren, redaktionsintern die Stadt nicht geographisch zu gliedern (ausser im Ausgeh-Teil), sondern nach Szenen: Und Korrespondenten in den verschieden Szenen aufzubauen: den Bankern, Werbern, Journalisten, Nachtclubs, Künstlern, etc. So dass es für alle Ehrgeizigen ein Karrierehindernis bedeuten würde, die App nicht zu halten.

Und noch etwas hielte ich für unverzichtbar: Satire. Die ist unter jüngeren Leuten eine der glaubwürdigsten Nachrichtenquellen. Und macht jedes Medium sexy: Sogar die „Welt“ ist das, so lang Zippert zappt. Klar, das Genre ist schwer zu machen, aber es gehört in jedes Nachrichtenprodukt.

Jedenfalls Dank und Respekt für den Mut, konstruktiv zu denken und sich gleichzeitig von Print- und Online-Aposteln (also so ziemlich allen) anpflaumen zu lassen.

Christiane Brandes-Visbeck, Beraterin für digitale Kommunikation

Die Logik der Anwendung ist bestechend, die Kurztexte prägnant – alles so, wie ich es von einem, der Menschen mit Texten begeistert, erwarte habe. Die Newspaper-App basiert auf sechzehn Thesen, die Schnibben aus den unzähligen Leser-Kommentaren herausgezogen hat: „Über 1000 Leser antworteten. Schimpften, lobten, argumentierten, pöbelten, schwärmten“, schreibt der Zeitungsretter in seinem Intro zu seinem modernen Zeitungsdings. Ach ja, auch ich geriet ins Schwärmen. Das Konzept wirkt schlüssig, der Kreator ist begeistert von seinem ungeborenen Baby und ich bin geblendet von der anwenderfreundlichen Lösung, die der Zeitschriftenmann den Zeitungsjungs präsentieren wird.

Sie heißt „Berliner/Hamburger/ Kölner/hmhmhm Abendzeitung“. Sie erscheint folglich am Abend, sozusagen als Roundup für den Tag, als Infoqulle für den interessierten Smartphone-User. Dieser erwartet, das sagen alle Leser, journalistische Qualität. Diese setzt natürlich auch der Spiegel- Redakteur voraus. Den zeitgemäßen Gedanken folgend, gliedert er die Nachrichten nicht nach Ressorts, sondern nach Relevanz. Wer will, kann seine eigenen Themenkanäle personalisieren, man muss das aber nicht. Leser gelten in der Welt der Zeitung von morgen als Sparringspartner. Sie mutieren vom lästigen Leserbriefeschreiber zu gern gesehene Informanden, die eigenen Content liefern, aber auch journalistische Beiträge mittels ihrer Expertise, ihres Weltwissens und exklusiver Hintergrundinformationen mitgestalten. Das Inhaltespektrum balanciert zwischen überregional und lokal, zwischen nachrichtlich und gebloggt. Und das, was die User richtig spannend finden, das wird von den Machern als journalistische Kampagne weiterverfolgt. Wow.

Überhaupt wird hier Service groß geschrieben. Nutzwert ist für Journalisten morgen kein Schimpfwort mehr. Mehrwert ist relevant, gehört dazu. Ebenso die Inhalte als Podcast zum Abhören bereit zu stellen.

Joachim Dreykluft, Online-Chefredakteur beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag

Die Debatte 2020, die hier auf Spon losgetreten wurde, ist gut und richtig. Die ganze Branche hat ein Thema. Alle reden darüber und haben eine Meinung. Interessant ist für mich die emotionale Volatilität, die die Diskussion aufzeigt. Vor nicht einmal einem Jahr herrschte vielerorts noch demonstrative Gelassenheit. “Lassen Sie mich zunächst festhalten: Wir werden noch viele Jahre mit gedruckten Produkten viel Geld verdienen”, hörte ich einen hochrangigen Verlagsmanager sagen auf die Frage, wie denn die digitale Strategie des Hauses aussehe. Inzwischen haben viele Schnappatmung.

Gut ist auch, dass Spiegel und Spon die Debatte nicht im Ungefähren enden lassen, sondern mit einem konkreten Vorschlag in Form einer Regionalzeitungs-App. Auf die durfte ich vor einigen Tagen einen Blick werfen. Wohlgemerkt einen Blick, deshalb folgt jetzt auch keine Detailanalyse, sondern eine grundsätzliche Einschätzung.
Der Vorschlag erfindet den Journalismus nicht neu, ist aber gut und hat Substanz. Ich würde so ein Produkt auch für Geld zumindest ausprobieren.

Richtig ist, dass die App den Spagat wagt zwischen Aktualität bei Nachrichten und Gelassenheit bei Geschichten und Analysen. Gut ist, dass sie versucht, die zeitliche Abgeschlossenheit einer Zeitung aufzugreifen, indem sie einen Erscheinungszeitpunkt hat. Zwar mag man einwenden, dass es in der digitalen Welt unlogisch ist, einen Artikel zurückzuhalten, obwohl er fertig geschrieben ist. Aber: jedes gute journalistische Produkt braucht eine Dramaturgie. Ein Produkt, das einen Verkaufserlös erzielen will, ist mehr als eine Ansammlung von Artikeln.

Einige Teile der App werden in der Praxis äußerst schwierig umzusetzen sein. Damit meine ich ausdrücklich nicht die Tatsache, dass die Redakteure gezwungen sein werden, mit ihren Lesern in einen ehrlichen Dialog zu treten. Ich habe beobachtet, wie Kollegen, die ich vor einigen Jahren als unheilbar Print bezeichnet hätte, heute ganz wild auf Leserkontakte sind, sich die Finger wundtwittern und Blogs betreiben mit lebendigen Rückkanälen. Kommunikation mit den eigenen Lesern kann süchtig machen.

Bei meinem Arbeitgeber, dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag sh:z, betreiben wir zehn journalistische Angebote auf Facebook, die pro Woche rund 100.000 Kontakte erzielen. Es funktioniert so gut, weil es sowohl in der Zentrale in Flensburg als auch in fast jeder Lokalredaktion Journalisten gibt, die Bock darauf haben.

Zwei Dinge machen mir bei der vorgeschlagenen App Sorgen. Ein technisches und ein redaktionelles. Zunächst zum technischen. Es schreibt sich leicht in ein Konzept und ist auch vollkommen logisch, dass die App einer regionalen Tageszeitung den üblichen Service bietet, vom Fernsehprogramm über das Kino, den Apotheken-Notplan bis zur Verkehrslage. Diese Informationen entstehen nicht in der Redaktion selbst, sondern müssen von externen Partnern zugeliefert werden. Und das ist ein Problem.
Denn Deutschland ist nicht maschinenlesbar. Öffentlich notwendige Informationen, gerade auch wenn sie aus öffentlichen Quellen stammen, sind in aller Regel nicht so verfügbar, dass man sie hinten an die App klemmt und sie vorne ausgespielt werden. Verschiedene Datenformate, Konvertierungsprobleme, mangelnde Verfügbarkeit und auch der Drang mancher, Banales wie Buspläne nicht herausrücken zu wollen, weil man sie ja „exklusiv“ selbst verbreiten wolle, machen den Serviceteil der App äußerst anspruchsvoll.
Die pragmatischste Lösung lautet meist: optomanuelle Schnittstelle, vulgo Abtippen, Daran wird sich aber finanziell und organisatorisch selbst eine größere Regionalzeitung auf Dauer die Zähne ausbeißen. Problematisch wird nach meiner Erfahrung auch, dass die App eine Abendzeitung sein soll – ein völlig richtiger Ansatz. Eine Abendzeitung aber ist ein Produkt, das Printjournalisten, die Morgenzeitung gewohnt sind, vor Schwierigkeiten stellt. Denn sie bedeutet einen frühen Redaktionsschluss. Ich habe Zeitungsjournalisten um wenige Dinge so leidenschaftlich kämpfen sehen wie um einen späten Redaktionsschluss. Die Macher eines unaktuellen Mediums kämpfen um Aktualität. Absurd. Das Ergebnis des Champions-League-Spiels, das am nächsten Morgen ohnehin jeder kennt, muss unbedingt in die Zeitung.

Ich ernte regelmäßig ungläubiges Staunen bei Kollegen im sh:z, dass ausgerechnet ich, der Onliner, dafür wirbt, das Rattenrennen um Aktualität nicht mitzumachen und stattdessen entspannt und lieber hintergründig zu berichten.

Bei meinem früheren Arbeitgeber, der FTD, hatten wir auf der Website FTD.de die größten Erfolge mit ausgeruhten und langen Stücken, die die Welt erklärten, während sich nebenan die Printkollegen beeilten, weil sie wenigstens die aktuelle Zahl noch abends in die Zeitung bringen wollten, wenn schon eine Analyse wegen des nahenden Redaktionsschlusses nicht mehr möglich war. Ein Redaktionsschluss gegen 17 Uhr, wie diese App ihn wohl erfordert, wird nur sehr schwer in die Köpfe von Tageszeitungsredakteuren zu bringen sein.

Eines fehlt mir am Vorschlag: ein Vertriebs- und Vermarktungskonzept. Es erscheint mir ganz wesentlich, dass wir uns nicht nur Gedanken darüber machen, wie unsere Produkte der Zukunft aussehen, sondern auch, wie wir sie verkaufen wollen.
Mit der iPad-App des sh:z sind wir Deutschlands erfolgreichster Regionalverlag mit digitalen Bezahlinhalten. Die besteht im wesentlichen aus einem leicht zu bedienende ePaper – und einem Vertriebskonzept mit einer Preisstruktur, die jeder auf Anhieb verseht (mehr dazu; http://www.shz.de/abo-service/digital/flensburger-tageblatt).

Digitale Produkte müssen mit klarer Botschaft in den Markt gebracht werden. Je simpler und selbstbewusster, desto besser. Das hat die Zeitungsbranche allerdings fast überall verlernt. Stattdessen versucht sie, auch ohne Konkurrenz aus dem Internet, Schnäppchen zu suggerieren, und verwässert damit die Wertigkeit ihrer Produkte. Es ist in Deutschland kaum möglich, eine Zeitung zu abonnieren, ohne ein “Geschenk” zu bekommen. Ich musste mich jüngst zwischen einem Stift und einer Uhr entscheiden, obwohl ich doch nur eine Zeitung wollte. Als ich nichts ankreuzte, kam trotzdem ein Stift.
Diesen Quatsch sollten wir bei digitalen Bezahlprodukten von vornherein lassen. Wenn wir der Meinung sind, dass sie etwas wert sind, sollten wir auch den Mut haben, sie erhobenen Hauptes zu verkaufen. Welcher Stifthersteller würde eine Zeitung als Geschenk oben drauf geben?

Thomas Koch, Mediaexperte, Unternehmensberater, Kolumnist für die „Wirtschaftswoche“ und „Werben und Verkaufen“

Ich habe die Zeitung der Zukunft gesehen. Sie heißt „Der Abend“.

Ich lese sehr gern Zeitung. Weil sie mich jeden Tag aufs Neue inspiriert und überrascht. Mit immer neuen Themen und Anregungen, mit denen ich nicht rechnete. Nach denen ich nicht einmal gesucht hätte. Damit bereichert mich meine Freundin, die Zeitung, mehr als jedes andere Medium. „Der Abend“ gefällt mir, weil er voller Überraschungen steckt.

Ich lese gern Zeitung. Weil ich mich gern an Meinungen reibe. Ich habe mir eben nicht zu allem und täglich jedem neuen Thema schon eine feste Meinung gebildet. Ich bin stets offen für Diskussionen. Deshalb liebe ich die Kommentare. Meine Freundin, die Zeitung, hilft mir, mich zu orientieren. „Der Abend“ geht ein Stück weiter und bietet mir auch die Interaktion, die mir so wichtig geworden ist.

Ich lese Zeitung. Weil mich meine Umgebung interessiert. Ich will wissen, was zur 825-Jahresfeier unseres stolzen Ortes alles passiert. Ob es Neues über den Brand in der Druckerei gibt. Ob der örtliche Baudezernent wieder die Hand aufgehalten hat. Ich will am Geschehen hier teilnehmen. Wenn meine Freundin, die Zeitung, das schafft, ist sie ein Teil von mir – ein unverzichtbarer Teil meines lokalen Bewusstseins. Ob „Der Abend“ das besser kann, werden wir sehen. Schwer ist es nicht.

An dem Tag, an dem meine Zeitung das alles nicht mehr liefert, werde ich mein Abonnement kündigen. Problem ist: Sie liefert das schon lange nicht mehr. Weil sie alles aufkündigt, was mir wichtig ist. Sie überrascht mich viel zu selten. Sie enthält zu viele alte Nachrichten und zu wenig Meinung. Und sie bietet mir immer weniger Lokales. Das alles und noch viel mehr will mir „Der Abend“ liefern. Ich werde ihm eine Chance geben.

Was wir derzeit erleben, ist der Übergang von der Papier- zur Digital-Zeitung. Da knirscht es an allen Ecken und Enden. Ich weiß warum:
Print ist wie Ehe: Liebe, Bindung, Zuverlässigkeit. Internet ist wie ein Seitensprung: Impulsiv, leidenschaftlich, aber ohne Nachhaltigkeit. Am Ende jedoch zerstört der Seitensprung die Ehe …

Was denken Sie über die Zeitungsdebatte und das Zeitungsprojekt „DER ABEND“?

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Impressum

Entwicklung: Jens Kuppi, Jens Radü, Cordt Schnibben, Friederike Schröter
Grafik: Kristian Heuer, Cornelia Pfauter, Michael Walter
Animation: Roman Höfner, Lorenz Kiefer
Illustration: Michael Meißner, Carsten Raffel (USOTA)
Videoschnitt: Bernhard Riedmann
Programmierung: Stefan Wallraven, Hannes Lau (X1 Cross One)
App-Entwicklung: Swipe GmbH
 
 

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