Schlagwort: Depression

Unter Glas seh‘ ich die Ander’n durch ihr buntes Leben wandern…

 

nicht mehr jung, eher schon alt

nicht mehr warm – nein, bald schon kalt

nicht gehasst, auch nicht geliebt

nichts mehr da, was mich einst trieb

*

nur das herz, es brennt noch immer

ohne hoffnung – nein, noch schlimmer

voller sehnsucht, voller trauer

nichts im leben war von dauer

*

unter glas seh‘ ich die ander’n

durch ihr buntes leben wandern

nur der schmerz, der niemals ging

zeigt mir heute, dass ich bin

*

so erschöpft von all dem warten

auf den einlass in den garten

*

werde, herz, doch endlich leis‘

ich will heim zum großen geist

Wenn der Schmerz niemals aufhört: „Ich möchte ans Meer – das Meer werden…“

Dies ist der Bericht einer chronischen Schmerzpatientin, die von Depressionen geplagt ist. Ich lernte sie vor einiger Zeit in einem Wartezimmer kennen. Weil der Arzt zu einem Notfall gerufen wurde, mussten wir lange warten und lernten uns unerwartet gut kennen. Sie ist eine Frau in den besten Jahren, glücklich verheiratet, zufrieden im Beruf. Aber sie ist gezeichnet von einem ständigen Schmerz. Auf meine Bitte hin schrieb sie auf, wie sich der Schmerz für sie anfühlt:

„Ist er männlich oder weiblich? Manchmal frage ich mich das, um anschließend den Kopf zu schütteln. Wie egal ist das denn?

Er ist mächtig. Das steht fest. Und unstillbar ist er.

Manchmal ist er so quälend, dass nur noch ein Ausweg offen scheint: Sterben.

Wenn ich tot bin, hört er sicher auf, mich zu terrorisieren.

Oder muss ich ihn auch dahin mitnehmen, den Schmerz?

Im Moment gerade zeigt er sein gehässiges Gesicht: Es fehlt an Wertschätzung meiner Arbeit, ich muss mich  mit Gehässigkeit, Unehrlichkeit und nicht eingehaltenen Absprachen herumschlagen. Der Schmerz verursacht wütenden Schwindel in meinem Kopf. Ich muss mich beherrschen, nicht zu zeigen,  wie effizient ich mich wehren könnte, wenn ich wollte. Ich erinnere mich der Gründe, aus denen ich nicht zurückschlage. Dann sehe ich die Schwäche hinter dem Verhalten der Anderen und beruhige mich: Der Schmerz ist weg.

Schlimmer schon ist der körperliche Schmerz. Wie spitze Nägel, wie das Bearbeiten rohen Fleisches auf einer Kartoffelreibe – so können Knochenschmerzen sein. Mein von Arthrose zerfressenes Knie wurde zur Quelle stechender, ziehender Schmerzes für das ganze Bein, die Hüfte und die Lendenwirbelsäule. Erst als ich kaum noch gehen konnte, entschloss ich mich zur Knieprothese, ging dazu zehn Tage lang zitternd, verkrampft und weinend durch eine Schmerzhölle, um schließlich aufzuerstehen und wieder zu gehen. Der Schmerz ist nicht weg, aber gut erträglich, und ich kann wieder gehen.

Ganz weit oben auf der Erträglichkeitsskala: Der Schmerz, der sich hinter dem Namen Fibromyalgie versteckt. Tückisch ist er – kommt ohne Vorwarnung, setzt immer neue Schwerpunkte im Körper, ist nie wirklich zu fassen. Manchmal kann ich den Arm nicht mehr heben, manchmal den Rücken nicht mehr gerade machen. Manchmal liegen meine Augen in brennenden Höhlen, deren Rand voller  ausgefranster spitzer Zacken zu sein scheint. Sie werden trocken, ich kann nicht mehr scharf sehen. Dann wieder ist es die obere Brusthälfte. Das Herz rast, nicht genau definierbare Weichteile glühen, alles wird eng – so sehr, dass jeder Atemzug Angst macht.

Treppen gehen unmöglich: Keine Luft, das Herz ein glühender, hämmernder Klotz in der Brust, Nacken und Rücken krampfen. Überall spitze Nadeln im Fleisch, in einem Moment rollen mir  Schweißtropfen durch’s Gesicht, im nächsten zittere ich vor Kälte. Rückzug auf’s Sofa, nicht darauf achten, dass die Haut keine Berührung mehr erträgt. Warten. Manchmal dauert es Tage, manchmal Wochen, manchmal Monate. Dann sucht sich der Schmerz einen anderen Schwerpunkt. Manchmal versteckt er sich auch. Für einen halben, vielleicht sogar einen ganzen Tag scheint er verschwunden. Nur ein dunkles Lauern im Körper zeigt dann an: Er wird wiederkommen.

All dieses aber ist nichts gegen den grauenhaften Schmerz der Seele.

Er sticht, er brennt, er zieht, er saugt – er saugt das Leben aus dem Leib. Der Leib ist es, der ihm Ausdruck verleiht. Wie ein sich drehendes Messer im Herz, ein Kloß im Hals, an dem sich Ströme von Tränen stauen, ein trockenes Brennen in den Augen, verzweifelter Schwindel im Kopf, der hintere Teil des Schädels wird zum Wackerstein, der Nacken zieht und brennt, der ganze Körper wird zum Wackelpudding – der Schmerz des Verlassenseins. Hinausschreien möchte ich ihn, aber ich bleibe stumm. Der Schmerz bleibt im Magen stecken, wird zu einem qualvoll rotierenden, spitzen Eisenrad. Es krampft der Bauch, die Beine versagen den Dienst. Hinlegen. Wärme suchen. Solarium oder Badewanne. Eine Tablette nehmen. Schlafen dürfen…

Albträume: Menschen, die nicht sind, was sie zu sein scheinen, Wege, die im Nichts enden, Berge, die zu erklimmen mir die Kraft fehlt, versinken in schlammigem Untergrund. Weinen, weinen, weinen. Um Hilfe rufen – vergebens.

Wach werden und einen dumpfen Schlag in der Magengrube spüren: Der Schmerz ist noch da.

01-02-2011 13-17-04@2011-02-01T13;46;29

Er ist immer da. Nie verlässt er mich.

Auch nicht, wenn ich umgeben bin von Menschen, die mich mögen.

Ich lächele freundlich, solange ich es schaffe.  Ich spreche wenig. Ständig suche ich.

Ich suche nach den Augen, die mich ansehen und verstehen. Die ihn kennen, diesen Schmerz. Die wissen, dass es nur einen einzigen Weg der Heilung gibt: Bedingungsloses aufeinander Einlassen, liebevolles Vertrauen, Berührung.

Ich suche nach Armen, die sich einfach öffnen und mich halten. Damit ich sie loslassen kann, diese schreckliche, graue, erdrückende Last. Nur kurz mal loslassen dürfen. Dann geht es bestimmt wieder.

Ich suche vergebens.

Was ich finde, sind andere Menschen voller Schmerz. Mit allen möglichen Tricks verschaffen sie sich Aufmerksamkeit. Kaum bekommen sie welche, reden sie. Endlos. Anklagend. Kummervoll. Pessimistisch. Und immer von sich selbst.

Du bist so erstarrt, sagen mir Freunde. Fang an, dich zu bewegen. Tanze! Schau um dich. Sieh doch, die herrlichen Farben des Lebens!

Ich erinnere mich. Ja, ich kenne sie, diese herrlichen Farben.

Aus einer Zeit, in der ich gelebt habe. Wann das war?

Keine Ahnung. Ich weiß es nicht mehr.

Ich möchte ans Meer. Ins Meer. Das Meer werden.“

.
Siehe auch: 

Von allem getrennt, sogar von sich selbst   und die dortigen Hilfe-Links

Allein in der Hölle der Leere und die dortigen Links

Chronische Schmerzen: Symptom oder Krankheit?

Hilfe:

Deutsche Schmerzliga
Deutsche Schmerzhilfe
Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes
Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie
Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
Berufsverband Deutscher Nervenärzte
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
Deutsche Gesellschaft für Neurologie

 

Auch die Seelen der Tiere können krank sein – und therapiert werden

Tierhalter wissen es eigentlich alle – allerdings wird es oft verdrängt, weil dieses Wissen Verantwortung bedeutet:

Tiere sind Persönlichkeiten. Jede ist anders, jede fühlt absolut vergleichbar zu Menschen. Tiere können Neurosen haben oder Angstzustände, Depressionen und posttraumatische Belastungsstörungen. Diese Leiden können therapiert werden – genau wie bei Menschen.

Die Wissenschaftlerin Lorel Braitman, Autorin des Buches „Animal Madness„, wurde durch ihren eigenen Hund auf die Tatsache aufmerksam, auf welche Weise Tiere verhaltensgestört sein können. Daraufhin reiste sie drei Jahre lang rund um den Globus, um die verschiedenen Arten von Verhaltensstörungen zu studieren und mit den Menschen zu sprechen, die sich um die Tiere kümmern. Sie fand bemerkenswerte Lösungsmöglichkeiten, die sie feinfühlig und lebensnah aufzeigt.

Die Hilfestellung für leidende Tiere kann genauso unkonventionell sein wie für leidende Menschen: Gut ist, was heilt. In ihrem mitreißenden Vortrag in englischer Sprache zeigt die Autorin auf, dass sie heute Kuschelbilder von Affen mit Kaninchen, Kühen mit Schweinen oder Elefanten mit Hunden keineswegs mehr  für hoffnungslos kitschig hält. Mitgefühl (Empathie), körperliche Nähe und viel Geduld heilen kranke Seelen – bei allen Tieren, auch bei zweibeinigen. Analyse allein macht keinen von uns gesund.

Wer also meint, seinen (tierischen) Gefährten wegen „Fehlverhaltens“ entsorgen zu müssen, wird sich nach diesem Vortrag fragen müssen: Bin ich vielleicht einfach nur zu bequem, mich um eine Seele zu kümmern, die Hilfe braucht? Und: Was wäre, wenn man mich wegen „Fehlverhaltens“ einfach aufgäbe?  Welchen Stellenwert hat die Liebe in meinem Leben?

Update: Ein Wolfsrudel betrauert wochenlang die Leitwölfin

Von allem getrennt, sogar von sich selbst – Depression ist ein Albtraum, der nie endet

Selbstmorde von prominenten Schauspielern und Sportlern haben das Thema in den letzten Jahren mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt: Eine Depression ist eine ernst zu nehmende Krankheit. Sie hat nichts mit einem Burnout zu tun – auch wenn sie oft gemeinsam mit einem solchen auftritt. Es gibt verschiedene Formen der Depression – allen gemeinsam ist jedoch, dass sie ab einem bestimmten Stadium die Betroffenen in akute Suizidgefahr bringen. 

Im Gegensatz zur Meinung mancher Angehöriger geht es einem Menschen, der sich in einer solchen Lage selbst auslöscht, nicht um Rache, auch nicht um Schuldzuweisungen. Er ist einfach nur nach einem langen, einsamen und, wie ihm scheint, völlig aussichtslosen Kampf müde – so qualvoll erschöpft, dass ihm der Tod wie ein tröstlicher, letzter Ausweg erscheint.

Auch in meinem Umfeld gab es im Laufe der Jahre drei Selbstmorde nach vielen Jahren Depression. Bezeichnenderweise waren es auch hier Männer, die letztlich den Mut hatten, Hand an sich anzulegen. Statistisch gesehen leiden aber mehr Frauen als Männer unter schweren Depressionen. Ich will deshalb hier die Lebensgeschichte einer Frau erzählen – sie ist bestmöglich anonymisiert.

Sie kann sich genau an das Lebensgefühl erinnern, das sie hatte, als sie noch „rund“ war. Als sie die totale Lebenskraft in sich fühlte, gern und viel lachte, voller Tatendrang war und damit ihren Eltern gehörig auf die Nerven ging. Wie alt genau sie war, als das aufhörte, weiß sie nicht mehr. Aber es war lange vor der Einschulung.

Im Kindergarten blieb sie nicht lange. Der Vater fand, die Erziehung dort sei zu primitiv. Sie erinnert sich, dass sie an heißen Sommertagen allein durchs Dorf strich, auf der Suche nach Spielgefährten. Sie weiß noch, wie leer und bleischwer sie sich dabei fühlte und wie sie manchmal bei den Kühen im Stall Zuflucht suchte. Die waren so warm und weich.

Sie weiß auch noch, wie sehr sie das Dorf liebte. Das Dorf, seinen Geruch, und wenn sich beim Heimkommen die Abendsonne in den Fenstern ihres Hauses rot spiegelte. Dann war ihr Herz ganz heiß, und Tränen der Liebe stiegen ihr in die Augen. So ist das überhaupt mit ihren Gefühlen. Entweder sind sie völlig weg – oder so überwältigend, dass sie ihrer kaum Herr wird. Besonders das Mitgefühl machte ihr schon früh zu schaffen: Als das Schwein vor der Tötung mit dem Bolzenschussgerät über den Hof ausbüchste und herzzerreißend schrie, bettelte sie den Bauern an, das Tier nicht zu töten. Als es schließlich erwischt wurde und kurze Zeit später im heißen Siedebad lag, wo ihm die Haare abgeschabt wurden, fühlte sie rasenden Schmerz im eigenen Fleisch. Das war kurz bevor sie endlich auch eine Schultüte bekam und mit den anderen in die Klasse durfte.

Es folgten ein paar schöne Jahre, in denen sie nicht so allein war. Sie liebte den Unterricht, fand absolut alles interessant. Sie war gern in der Gruppe, spielte mit den anderen Völkerball, versuchte sich im Fußball, fuhr mit den Kindern des Dorfes Schlitten. Beinahe wäre sie gewesen wie sie.

Als sie neun ist, muss sie zum Gymnasium in die Kreisstadt. Der einzige Junge aus dem Dorf, der auch dorthin geht, ist sitzen geblieben und deshalb in ihrer Klasse. Er bespuckt sie den ganzen langen Weg vom Bahnhof zur Schule und zurück. Jeden Tag. Er ist groß und dick. Sein Vater auch. Deshalb kann ihr Vater nichts unternehmen. Gott sei Dank bleibt der Junge nochmal sitzen und verlässt am Jahresende die Schule.

Abgesehen davon hat sie von den ersten Jahren nur noch fragmentale Erinnerungen: Dass ihr die Hand fast abfriert im Winter, wenn sie bei eisigem Frost die schwere Schultasche durch die ganze Stadt schleppt.  Dass sie ihren im Durchschnitt gut zwei Jahre älteren Klassenkameradinnen auf die Nerven geht, weil sie noch so kindlich ist. Das ewige Warten auf den Bus. Und an das ständige Alleinsein – daran erinnert sie sich auch. „Das Kind ist still geworden“, pflegt ihre Mutter zu sagen, wenn man sie fragt, warum ihre Tochter nicht mehr lacht.

Als sie elf ist, zieht die Familie ins eigene Haus in einem anderen Dorf. Auch hier ist sie die Einzige, die zum Gymnasium geht. Das verbleibende Jahr Konfirmandenunterricht reicht nicht, um mit den gerade mal sechs Gleichaltrigen im Ort mehr als oberflächliche Kontakte zu knüpfen. Die Einsamkeit wird ihr ständiger Begleiter. An einen heißen Sommertag erinnert sie sich noch gut: Sie zieht allein mit dem Hund durch die Wälder der Umgebung. Bei einer Rast bewundert  sie die Schönheit der Natur um sie herum, wünscht sich nichts sehnlicher, als mit ihr zu verschmelzen und ist doch schmerzhaft unerreichbar von ihr getrennt.

Mit 12 freundet sie sich mit dem Sohn des Pfarrers an. Der ist 15, geht in die selbe Schule wie sie und ist genauso allein wie sie. Er rasiert sich schon. Bis heute kann sie den Duft des fürchterlichen Aftershaves nicht riechen, ohne dass sich ihr der Magen umdreht. Aber sie haben eine gute Zeit miteinander: Sie können sich gut unterhalten und sind eine Weile beide nicht allein.

Die Familie genießt es in diesen Jahren sonntags sehr lange zu frühstücken und viel zu erzählen. Dabei erfährt sie, dass ihr Großvater, den sie nur durch ein altes Bild im Flur kennt, sich erhängt hat. „Er konnte nicht mehr schlucken,“ sagt ungewohnt wortkarg der Vater – „da kam er in eine Klinik. Als Erntezeit war, holte Mutter ihn nach Hause. Als wir abends vom Acker kamen, hing er in der Scheune.“

„Er hatte Depressionen“, sagt die Mutter. „Dann wechseln sie das Thema.

Abgeschnitten vom fröhlich Lebenden

Einsamkeit, ein schreckliches Getrennsein von allem fröhlich Lebenden, wird zu ihrem ständigen Lebensgefühl. Verzweifelt wünscht sie sich eine Zwillingsschwester. Vergeblich bittet sie die Eltern, sie ins Internat zu schicken, damit sie Gleichgesinnte finden kann. In ihrem Dorf ist sie abgeschnitten von den Klassenkameraden. Im Sportverein kann sie nicht mehr mithalten, als ihre Tischtennismannschaft das Training auf 20 Uhr verlegt. Sie muss früh ins Bett, um 5.45 Uhr klingelt der Wecker.

In dieser Zeit hat sie die ersten Magengeschwüre. Sie ist dankbar, etwas zu haben, das behandelt werden kann.

In ihrer Klasse kommt sie menschlich besten klar, wo sie finanziell nicht mithalten kann: Mit den beiden Kindern des Möbelfabrikanten, der ältesten Tochter des Fahrschullehrers und der Tochter des Baustoffhändlers. Sie sind nett zu ihr und laden sie ab und zu über Nacht zu sich ein. Sie schämt sich oft wegen ihrer Unzulänglichkeiten, versucht, sich zu revanchieren, indem sie für die Freundinnen die Hausaufgaben macht. Mit Nachhilfeunterricht für jüngere Schüler und Rasenmähen verdient sie etwas Geld – es reicht nie. Besonders die Tochter des Fahrlehrers  ist ihre Traumvorstellung einer Frau: Die drei Jahre Ältere hat lange blonde Haare, ist ein Männerschwarm und tanzt einfach göttlich.

Mit 15 lernt sie das schwarze Loch zum ersten Mal richtig kennen. Nach wochenlangen Weinkrämpfen und drastischem Leistungsabfall in der Schule bricht sie ganz in sich zusammen, wird apathisch, denkt darüber nach, wie sie ihrem Leben ein Ende setzen könnte.

„Das Kind hat Depressionen“, konstatiert der Hausarzt, zu dem der Vater sie bringt; „Librium hilft“. Und in der Tat: Das Medikament, das sie fortan einnimmt, hält sie in einer gleichmäßigen Gleichgültigkeit bei freundlicher Grundstimmung. Bis sie sich beim Schüleraustausch in England wiederfindet und nicht genug davon dabei hat. Die massiven Entzugserscheinungen wirken wie ein Weckruf auf sie. Sie setzt das Librium ab, entschlossen, jetzt endlich zu leben. Sie sieht in den Spiegel, staunt, dass aus dem hässlichen Entlein ihrer Kindheit ein recht hübsches junges Mädchen geworden ist. Und: Sie stellt fest, wie gut sie tanzen kann.

Zwei Jahre später kommt der nächste tiefe Fall. Ihre erste große Liebe hat Schluss gemacht. Sie fühlt sich hässlicher und unzulänglicher als jemals vorher, fällt zurück zurück in tiefe Einsamkeit und ist untröstlich. Zerrissen von Schmerz und Grübeleien stolpert sie durch die Abiturprüfungen. Was sie mit ihrem Leben anfangen soll, weiß sie nicht. Wenn es doch nur endlich vorbei wäre…

Ein brüchiger Weg

Sie ist 18, als ihre Ausbildung beginnt. Es fühlt sich an wie damals der Start auf dem Gymnasium. Leere, nichts als Leere. Der Chef, ein Alkoholiker, ist ihr widerwärtig. Die Sekretärin, die sie Brötchen holen schickt, macht sie hilflos wütend. Und der Kollege, der sie anbaggert statt ihr zu zeigen, was Sache ist, bringt ihr einen Krieg ein. Der einzige Gleichaltrige in ihrem Bekanntenkreis ist ihr neuer Freund. Er ist arbeitslos, wenig motiviert, an sich zu arbeiten, und sie muss ihn ernähren, aber sie hält an ihm fest. Nur nicht in diesem schwarzen Loch versinken.

Es endet als Katastrophe: Zehn Jahre lang hat sie ihn durchgezogen, ist hoch verschuldet, als sie sich endlich trennt. Sie war am Ende gewesen, hatte geweint und gearbeitet, gearbeitet und geweint. Wegen ihrer ständigen Kopfschmerzen musste sie regelmäßig vom Hausarzt gequaddelt werden – massive Beschwerden im Oberbauch waren fast unerträglich.  Beides bessert sich schlagartig, als der Freund endgültig gegangen ist. Noch Jahre später findet sie hinter Bilderrahmen, in Schränken, an den unmöglichsten Stellen Zettel, die er hinterlassen hat: „Du bist schuld. Du hast mein Leben zerstört.“

Beruflich kommt sie voran. Nun hat sie auch mehr Geld. Sie kann reisen, sich etwas leisten. Sie gewöhnt sich daran, allein unterwegs zu sein. Mal trifft sie interessante Menschen, mal nicht – nicht so wichtig. Sie genießt den Duft fremder Länder, das Rauschen des Meeres, den Klang fremder Sprachen. Ganz langsam kann sie wieder etwas fühlen. Und verliebt sich in einen deutlich älteren Mann. Er schafft es, ihr wildes Wesen zu „kultivieren“, ohne es einzuengen. Mit ihm erlebt sie das Gefühl, vor Glück sterben zu wollen, die (fast) völlige Verschmelzung. Sie blüht auf, fühlt sich freudig lebendig, arbeitet mit Lust und Liebe.

Trotzdem kauft sie in den USA das Buch „The Final Exit“. In Deutschland ist es verboten. Es beschreibt detailliert, mit welchen Methoden dem Leben ein Ende gesetzt werden kann. Sie fühlt sich gerüstet für den Fall, dass sie wieder im Loch versinkt.

Fünf Jahre später die Trennung. Diesmal wird es lebensgefährlich. Sie sitzt in dem Reihenhaus, das sie allein bewohnt, Tag um Tag in dröhnender Stille schweigend im Sessel und starrt  den Boden an. Sie isst nicht, trinkt nicht und schafft es nicht, zu telefonieren, tagelang nichtmal, vom Sessel ins Bett zu gehen. Niemand vermisst sie – sie ist im Freizeitausgleich für hunderte von Überstunden. Die Einzige, die wahrnimmt, wie es ihr geht, ist die Putzfrau. Die macht sich Sorgen, kontaktiert ihre Sekretärin, die wiederum einen Therapeuten findet. Sie bekommt ein Antidepressivum und ein Mittel gegen die ständige Schlaflosigkeit. Sie beginnt eine Therapie.

Mit den Jahren wird der Arzt zur wichtigsten Konstante ihres Lebens. Sie hat ihm versprochen, sich dem Leben zu stellen, er hat ihr versprochen, sie nicht im Stich zu lassen. Beide halten sich an ihr Wort. Ganz, ganz langsam lernt sie, sich selbst zu betrachten und anzunehmen. Sie lernt, sich zu beobachten und die Anzeichen der schwarzen Löcher schneller zu erkennen. Manchmal kann sie sich nun fühlen. Aber einen Sinn in ihrem Leben erkennt sie nur, wenn sie sich im Dienst der Firma für Menschen engagiert.

Sobald das jeweilige Projekt endet, endet ihr Lebenssinn. Also arbeitet sie viel, auch in ihrer Freizeit. Sie verdient auch viel. Und sie kauft viel ein. Massenweise Schmuck und  teure Kleider. Sie stellt die Tüten in eines der leerstehenden Zimmer. Manche landen später noch mit Preisschild im Altkleidercontainer.

Dann die Wende: Sie lernt ihren späteren Mann kennen. Quasi vor der Haustür – ein Wunder.

Er ist gleichaltrig, ruhig, freundlich. Sie erlebt ihn als mutigen Menschen, der sich seinen Ängsten stellt, und ist beeindruckt. Schon nach wenigen Wochen wohnt er überwiegend bei ihr. Das geht ihr zu schnell, aber sie freut sich auch: Sie ist nicht mehr allein. Es gibt eine Struktur in ihrem Leben, einen Grund, abends nach Hause zu gehen.

Ein gutes Jahr später kaufen sie ein Haus und renovieren es gemeinsam. Es wird die ausgeglichenste Zeit in ihrem Leben. Endlich ist sie wie alle Anderen Teil der Gemeinschaft: Sie lebt mit einem Menschen zusammen, dem sie von Herzen zugetan ist, der sich um sie kümmert so wie sie sich um ihn, mit dem sie sich die Aufgaben des Alltags gerecht teilt. Das Elend scheint überwunden.

Sie arbeiten viel, verdienen gut, machen schöne Urlaubsreisen, sprechen miteinander, wenn auch zunehmend nur noch über die Arbeit. So merken sie zu spät, was sich in ihr Leben schleicht: Immer weniger gemeinsame Abende oder Wochenenden, immer weniger gemeinsame Interessen, gemeinsame Unternehmungen. Während sie selbst immer schlechter schläft und zunehmend unter Atemproblemen leidet, wird ihr Mann immer müder. Kaum haben sie das gemeinsame Abendessen eingenommen, schläft er auf dem Sofa ein. Sie sieht ihm beim Schnarchen zu und spürt bleierne Verzweiflung in sich aufsteigen. Nun ist sie einsam, obwohl sie zu zweit ist. Wofür arbeitet sie eigentlich so viel? Soll ihr Leben nun immer so weiter gehen? Wo ist der Sinn? Wann hat dieses Elend endlich ein Ende…

Ausbruchsversuch führt zum „Todestag“

Es ist im siebten Jahr ihrer Beziehung, als in der Mittagspause eines Meetings der Kollege auf sie zukommt: „Essen wir in der Kantine oder machen wir einen Spaziergang am Fluss?“  Sie gehen zum Fluss, wo er ihr berichtet, dass er nach tätlichen Angriffen seiner Frau die Familie verlassen und eine eigene Wohung bezogen hat. Er will ein neues Leben beginnen.

Sie kennen sich seit vielen Jahren und wissen sich beruflich zu schätzen. Er pflegt sein Image als kühler Stratege, sie ihres als emotional Kreative. Von nun an sprechen sie oft miteinander, tauschen sich aus, auch über die Einsamkeit.  Sie erkennt in ihm Anteile des früheren, deutlich  älteren Geliebten, findet in der körperlichen Nähe ein ähnliches Glück. Einmal sagt er: „Hey, willst du Kinder von mir?“

Ja, sie will. Später wird sie dankbar sein, die Frage nicht laut beantwortet zu haben.

Ihre Arbeitsplätze liegen weit auseinander, sie sehen sich nicht oft. In den Zwischenzeiten bringt sie seine Kühle oft zum Weinen – warum, versteht sie nicht. In der Firma findet währenddessen eine Neuordnung der Führungsebene statt. Sie fühlen sich beide berufen, mitzumischen.

Nach einem Jahr beichtet sie die Affaire, teilt ihrem Mann mit, dass sie sich trennen will. Nach einigen Wochen mit langen Gesprächen und vielen Tränen beschließt ihr Mann, auszuziehen.

Es kommt der Tag, den sie fortan „meinen Todestag“ nennen wird.

Am Vorabend zu ihrem 40. Geburtstag, einem Samstag, lädt ihr Mann sie zum Abschiedsessen ein. Er schenkt ihr 40 Rosen und ihre Freiheit, führt sie an den Ort, wo sie sich kennengelernt haben und fährt danach in seine neue Wohnung. Ihr Geburtstag bricht an. Sie geht durch das Haus, betrachtet die leeren Stellen, die er hinterlassen hat, fühlt sich hohl und grau, will den Geliebten sprechen. Nach mehrstündigen Versuchen erreicht sie ihn. Er ist kurz angebunden,  sagt, er werde zurückrufen.

Es dauert sieben Stunden, bis er sich meldet. Da kann sie ihren Körper kaum noch bewegen, das Sprechen fällt ihr unendlich schwer. Er hatte einen angenehmen Tag, berichtet wortreich davon und meint, nun müsse er eilig nach Hause. Ihren Geburtstag hat er vergessen. Sie schafft es nicht, ihm zu berichten, wie ihr Wochenende verlaufen ist, möchte um Hilfe rufen, bringt kein Wort heraus.  Bleierne Schwärze senkt sich in ihr Herz, umhüllt sie vollständig.

Als er sich an ihren Geburtstag erinnert, sind sechs Wochen vergangen. Sie hat ihn nach einem Meeting mit sarkastischem Unterton zum Edel-Essen eingeladen. Da ist es schon zu spät. Sie hat begonnen, seinen Worten zu misstrauen.

In den folgenden Monaten folgt Unheil auf Unheil. Sie gerät mit dem Geliebten in eine Konkurrenzsituation, erfährt von der Geschäftsführung, dass er den angestrebten Posten erhalten wird. Er selbst wird es ihr erst Wochen später sagen. Da ist sie von seinem fehlenden Vertrauen bereits so verletzt, dass sie ätzend reagiert, statt sich mit ihm zu freuen. Wenig später ruft er sie morgens um 7 Uhr an, um ihr zu sagen: „Ich habe mich verliebt. Sie ist nur eine kleine Halbtagssekretärin, aber sie ist mir jetzt schon um so viel näher als du.“

Es trifft sie unerwartet, und es fühlt sich an wie ein Fallbeil. Sie kann nur noch schweigen. Jedes Gefühl ist erloschen.

378969_296364543736723_100000895408234_898894_1503005140_n

Mechanisch arbeitet sie weiter. Mechanisch erwartet sie nun auch ihr berufliches Ende, ist der Geliebte doch zum Vorgesetzten geworden.

Seine neue Position vereinbart sich nicht mit ihrem Wissen um sein Innenleben. Deshalb soll sie verschwinden. Es ist ihr sofort klar. Und dennoch kann sie sich nicht vorstellen, das Unternehmen zu verlassen. Es ist doch ihre ganze Familie…

Zu ihrem Asthma gesellen sich nun zunehmend Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Sie nimmt ab und wieder zu – zehn Kilo innerhalb weniger Wochen geht es mit Leichtigkeit rauf und runter. Sie beginnt wieder zu reisen, fliegt nach Mexiko, nach China, in die Türkeit, nach Spanien – egal wohin, Hauptsache anders. Sie arbeitet wie eine Besessene, bringt sich aus den USA Ma Huang mit, um durchzuhalten, nimmt Schlafmittel, um wenigstens zwei oder drei Stunden pro Nacht zu schlafen. Der Arzt erreicht sie nicht mehr. Sie weiß nur: Wenn sie aufhört, stirbt sie. Die Zukunft ist schwarz wie die Nacht.

Ein subtiles Mobbing hat begonnen. Ihre Projekte sind überdurchschnittlich erfolgreich und daher nicht angreifbar. Deshalb greift man ihr Wesen an. Hysterisch sei sie, chronisch negativ und psychisch instabil. Von einem Tag auf den anderen soll sie nachweisen, dass ihre sieben Mitarbeiter sich nicht woanders  beworben haben – und zwar durch deren Unterschrift. Im Urlaub erwartet man von ihr eine Ausarbeitung über die Gesamt-Zukunft des Unternehmens. Diese wirft man dem Vorgesetzten im Rahmen einer Mitarbeiterversammlung an den Kopf und löst damit kalte Wut aus. Es folgen sinnlose Anordnungen, die in ihren direkten Zuständigkeitsbereich eingreifen, der Abzug der guten Mitarbeiter, man schickt ihr einen hoffnungslosen Alkoholiker. Immer mehr Situationen mit einem unlösbar großen Arbeitspensum entstehen.

Sie hält dagegen, wehrt sich mit Händen und Füßen.

Die Schlaflosigkeit fordert ihren Tribut. Immer öfter schließt sie stundenlang die Tür, sagt der Sekretärin, dass sie nicht gestört werden will und weint sich die Augen aus dem Kopf. Der Arzt will sie ins Krankenhaus einweisen. Sie lehnt ab.

Es ist ein Kampf, den sie nicht gewinnen kann. „Sie gehen aufs falsche Klo und pinkeln in die falsche Richtung“, teilt ihr nach zwei Jahren Mobbing unverblümt ein Geschäftsführer mit. „Die werden Sie niemals reinlassen, und ich kann Sie nicht schützen.“

Wenig später fordert der Ex-Geliebte sie auf, ihren Vertrag zurück zu geben und freiwillig eine deutlich niedrigere Position zu übernehmen. Sie lehnt ab.

Zwei Wochen danach gibt sie auf. Sie meldet sich krank und weiß, dass sie nicht mehr zurück kehren kann.

734868_122525287914458_631686395_n

Jetzt kann sie nachts ohne Versagensangst wach sein, tagsüber ein paar Stunden schlafen. Sie lernt den Duft ihres Gartens bei Sonnenaufgang kennen. Sie kann den Gesang der Vögel wieder hören und findet sie unsagbar schön, die Natur – von der sie selbst durch eine unüberwindbare Glaswand getrennt ist. Ihr Körper wiegt Tonnen. Sie kann die Arme kaum heben – nichtmal, um sich selbst auszulöschen. Ihre Zukunft ist schwarz.

Sie hat ständig Blutungen, lässt sich schließlich die Gebärmutter entfernen – registriert mit tiefer Befriedigung: Jetzt kann sie kein Mann mehr mit dem Versprechen gemeinsamer Kinder locken.

Sie entwickelt detaillierte Pläne, sich das Leben zu nehmen. Die tragen ihren Ängsten Rechnng: Sie kann nicht von einer hohen Brücke springen oder sich vor einen Zug werfen – zu feige. Aber sie kann auf einen entlegenen Turm steigen, eine Flasche Champagner trinken, einen Satz Schlaftabletten nehmen und sich vor dem Einschlafen die Pulsadern aufschneiden. Oder, falls es draußen zu kalt ist, statt des Turms die Badewanne wählen. Sich nur auf Chemikalien zu verlassen, erscheint ihr zu gewagt: Was, wenn sie als Pflegefall wieder wach wird? Sich Luft in die Adern zu spritzen, traut sie sich nicht, mit dem Auto gegen eine Wand zu fahren, auch nicht. Zu groß ist die Gefahr des Überlebens.

Jeden Tag gibt sie sich noch einen Tag lang eine Chance. Noch immer weigert sie sich, in eine Klinik zu gehen. Aber immerhin nimmt sie die nun starken Serotoninwiederaufnahmehemmer und hält die Termine beim Arzt ein.

Ein gutes halbes Jahr später findet der Gütlichkeitstermin vor Gericht statt. Der Vertreter der Firma – mit dem zusammen sie einst die Ausbildung gemacht hat – sagt: „Für diese Frau haben wir keine Verwendung mehr.“ Sie lehnt eine gütliche Einigung ab.

Nun fällt ihr der eigene Anwalt in den Rücken: Die Versicherung zahle zu wenig für ihre Verteidigung. Er erwarte eine Bar-Prämie von ihr. Vom Vertreter der Firma, den er übrigens vom Tennisplatz kennt, verlangt er in den Verhandlungen geldwerte Vorteile. Dass seine Mandantin das hört, stört ihn nicht.

Sie wundert sich über nichts mehr, sagt die Prämie zu, handelt mechanisch, schreibt sich vorher jeden Zug auf. Den Höllentrip, bis ihre Abfindung ausgehandelt ist, erlebt sie wie einen Horrorfilm auf einem weit entfernten Bildschirm. Erst als sie unterschreibt, beginnt sie zu weinen – bodenlos, rabenschwarz, nicht enden wollend. Sie hat ihre Heimat endgültig verloren.

Sie ist gut in ihrem Beruf, versucht also, schnell wieder Arbeit zu finden. Aber sie bekommt keinen Boden mehr unter die Füße. Ein ihr wohl gesonnener Personaler ruft sie eines Tages an: „Wissen Sie eigentlich, dass ihr ehemaliger Vorgesetzter überall durchblicken lässt, Sie seien psychisch instabil?“

Sie versteht.

Wie viele Male kann ein Mensch eigentlich sterben?

Sie weiß es nicht.

Chronische Schmerzen haben ihren ganzen Körper erfasst. Sie kann nur noch mit Hilfe starker Schmerzmittel den Tag überstehen. Weichteilrheuma, diagnostiziert der Arzt. Und ihre Nebennieren arbeiten nicht mehr – eine Folge des langjährigen Stresses. Sie weiß: Rheuma ist eine Autoimmunerkrankung. Ihr Körper hat den Auftrag ihrer Seele angenommen und will sich selbst erledigen.

Diesmal geht sie in die Klinik. Zweimal hintereinander in kurzen Abständen für jeweils acht Wochen. Sie lernt den Umgang mit den Schmerzen, lernt zu malen, wenn sie keine Worte mehr hat. Sie lernt, sich selbst wieder im Spiegel anzusehen und vom Urteil anderer abzugrenzen. Sie erkennt ihre Traumata, lernt, was  ein Flashback ist und welche Schlüssel-Situationen sie hineinfallen lassen. Sie weint Badewannen voll Tränen, schreibt bittere Texte in ein Tagebuch und fragt sich, was nun aus ihrem Leben werden soll. Wo sie wohl einen Sinn finden kann. Ob es echte Liebe zwischen Menschen überhaupt gibt. Ob es ihr jemals gelingen kann, sich selbst anzuschauen und selbst zu lieben.

Ob sie jemals wieder etwas fühlen wird außer Schmerzen?

Sie weiß es bis heute nicht.

Find my love… 

16-10-2012 17-18-03

≈ ≈≈≈≈≈ ≈

Definition einer Depression durch die WHO 
„Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann.

Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen. Milde Formen können ohne Medikamente behandelt werden, mittlere bis schwere Fälle müssen jedoch medikamentös bzw. durch professionelle Gesprächstherapie behandelt werden.

Für eine verlässliche Diagnose und Therapie im Rahmen der primären Gesundheitsversorgung sind keine Spezialisten erforderlich. Die spezialisierte Versorgung ist allerdings für eine kleine Gruppe der Menschen mit komplizierten Depressionen oder für diejenigen erforderlich, die nicht auf die Behandlungen der primären Gesundheitsversorgung ansprechen.

Depressionen setzen oft in einem jungen Alter ein. Sie betreffen häufiger Frauen als Männer,  und Arbeitslose sind ebenfalls stärker gefährdet.“

Klassifikation nach ICD-10

F32.0 Leichte depressive Episode (Der Patient fühlt sich krank und sucht ärztliche Hilfe, kann aber trotz Leistungseinbußen seinen beruflichen und privaten Pflichten noch gerecht werden, sofern es sich um Routine handelt.)
F32.1 Mittelgradige depressive Episode (Berufliche oder häusliche Anforderungen können nicht mehr oder – bei Tagesschwankungen – nur noch zeitweilig bewältigt werden).
F32.2 Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (Der Patient bedarf ständiger Betreuung. Eine Klinik-Behandlung wird notwendig, wenn das nicht gewährleistet ist).
F32.3 Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (Wie F.32.2, verbunden mit Wahngedanken, z. B. absurden Schuldgefühlen, Krankheitsbefürchtungen, Verarmungswahn u. a.).
F32.8 Sonstige depressive Episoden
F32.9 Depressive Episode, nicht näher bezeichnet

ICD-10 in der WHO-Version von 2013 online

Sehr ausführlich befasst sich Wikipedia mit den verschiedenen Ursachen und Symptomen der Depression.

Die Stiftung deutsche Depressionshilfe bietet viel Information, ein Forum und Telefonnummern zur Ersten Hilfe in der Krise

Gutes Forum mit vielen Hilfestellungen: http://www.depressionen-depression.net/

Ein Mensch mit Depressionen kann ohne Hilfe nicht gesunden. Aufgrund der Knappheit fachkundiger Ärzte gibt es jedoch sehr lange Wartelisten. Hier versucht das Deutsche Bündnis gegen Depression e.V. gegenzusteuern und Hilfe anzubieten.

Viel Information, Beratung bei der Suche nach der richtigen Klinik und auch persönliche Beratung zur Selbsthilfe gibt es bei der Deutschen DepressionsLiga e.V., die sich an der Mail- und Telefon-Selbsthilfeberatung des Bundesarbeitskreises der Angehörigen psychisch Kranker beteiligt.

Mail: seelefon@psychiatrie.de

Fon: 0180 5950951

Der Bundesarbeitskreis hat eine Liste wichtiger Anlaufstellen veröffentlicht, wo Betroffene und/oder Angehörige Hilfe finden können.

Siehe auch: 

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Dualseele: Die große Hoffnung, nach Hause zu kommen

Halb zu leben bin ich nicht gemacht

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Schäm dich nicht und hol dir Hilfe

Wie sich Depressionen anfühlen – Fotos

Zehn Fakten über Depression

Update: Es geht nicht nur um dich

Update: Niemand überlebt die Liebe unbeschadet

Update: The age of lonelyness is killing us

Update: Wir sind keine faulen Schweine

Update: Etwas sanfter im Urteil sein

Update: „Sie verstehen dich einfach nicht“

Update: Depression kostet oft den Job

Update: Wenn Männer depressiv werden

Update: „Ich wünschte, alle Menschen wüssten dies über Depression“

Update: Niemand hat Mitleid mit einem Gehirn

Update: Wenn der Schmerz nicht mehr aufhört

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Endlich ist es Frühling. Der erste Zitronenfalter flattert durch den noch weitgehend kahlen Garten – ein neongelber Gruß von Licht und Wärme. Die Forsythien brauchen noch höchstens drei Tage dieses sonnigen, milden Wetters, dann werden sie ein sonnengelbes Blütenmeer entfalten – und über allem dieses leuchtend klare Himmelblau, das man nur nach oder vor der kalten Jahreszeit in dieser Intensitat erleben kann.

Sie hört den Vögeln zu, die bereits balzen – und dem melodischen Rattern des Spechts, der dabei ist, in einen alten Baum auf dem weitläufigen Grundstück eine neue Nisthöhle zu bauen.  Ihr Herz krampft sich schmerzhaft zusammen, als sie an die kommenden Monate denkt: In wenigen Wochen, wenn auch die Nächte mild geworden sein werden, wird sie dem sehnsuchtsvollen, einsamen Gesang der Nachtigall lauschen – allein  im samtweichen Dunkel – allein, wie jedes Jahr. Der Unterschied zu den Jahren davor: Sie hat es selbst entschieden.

Sie hat versucht, sich zu belohnen. Sie war im Eiscafé, hat in der Sonne gesessen, mit Freundinnen geplaudert, Erinnerungen ausgetauscht. Sie hat sich neue Anziehsachen gekauft – in hellen, freundlichen Farben und zwei Größen kleiner, denn die ständigen Magenschmerzen und die Appetitlosigkeit haben ihr beinahe ihre Idealfigur zurückgegeben.  Sie hat einen Urlaub am Meer gebucht – Südfrankreich, wie früher – nicht immer Malediven oder Karibik, wie in den letzten Jahren. Und sie hat mit Erstaunen festgestellt, dass sich zahlreiche Bekannte wieder bei ihr melden – obwohl die gar nicht wissen konnten, welche neuen Entscheidungen sie für ihr Leben getroffen hat.

Kurz und gut – eigentlich ist alles bestens.

Bis auf die Tatsache, dass sie nichts fühlen kann.

Und dass sie nur noch zwischen zwei Zuständen hin und her pendelt, von denen einer unerträglicher ist als der andere: Der erste ist eine quälende Unruhe, ein fast verzweifelter Bewegungsdrang, der dafür sorgt, dass sie sich ziemlich unkoordiniert in Arbeit stürzt, um nicht mit ihr konfrontiert zu werden.

Der zweite ist die Erschöpfung. Wenn sie nach schlaflosen Nächten und tagelanger Arbeit nicht mehr ausweichen kann und ihr Gespenst Anstalten macht, sie bei lebendigem Leib zu fressen: die Leere.

Wenn die Leere Gewalt über sie bekommt, ist das, als  verschwinde sie unter einer unsichtbaren Glasglocke. Alles sieht aus wie sonst – auch sie selbst. Und doch ist alles anders. Dann ist sie allein auf einem lebens-leeren Planeten, bestehend aus einer löchrigen, metallischen Scheibe, schwebend im schwarzen Loch. Sie steht am Rand der Scheibe und weiß: Es trennt sie ein einziger kleiner Schritt vom Fallen. Vom Fallen in einen unendlichen, leeren Raum. Einen dunklen Raum. Einen eiskalten. Einen, in dem Sterben unmöglich ist, Leben auch.

Sie weiß, welche Medikamente sie nehmen muss, um ihren Adrenalinspiegel zu erhöhen. Dann spürt sie wie sie auftaucht: Aus der Gefühllosigkeit durch einen schreienden, namenlosen Ozean des Schmerzes steigt ihr Kampfgeist auf, sie wird beweglich, entfaltet Charme und Überzeugungskraft. Dann überzeugt sie sogar sich selbst, dass sie zufrieden und erfolgreich im Leben steht.

Seit sie die Täuschung erkannt hat, verzichtet sie darauf.

Sie weiß, welche Worte sie hören muss, damit die Illusion erwacht. Die Illusion, dass sie vollständig ist. Dass die zweite Hälfte, die sie  ihr Leben lang  vergeblich gesucht hat, nun bei ihr ist, auf immer verbunden, wie Yin mit Yang.

Seit sie erkannt hat, dass Worte Taten nur kurzfristig ersetzen können, verzichtet sie darauf.

Und nun steht sie ihr gegenüber, der unerbittlichen Feindin ihres Lebens: Der Leere. Dem unendlichen Fallen in ein namenloses, schwarzes Nichts.

298777_2567012101660_1444891900_32947866_914330895_n

Ein Mönch fragte Chao-chou (japanisch Joshu): „Hat ein Hund die Buddha-Natur?“ Chao-chou antwortete: „MU“.

MU bedeutet: ‚hat nicht‘. Dieser Zen-Koan entstammt einer kommentierten Sammlung aus dem 12. Jahrhundert, zusammengestellt von Wu-men Hui-k’ai. Heute ist er der erste Koan in der Sammlung Mumonkan.

Wu-mens (Mumons) Kommentar dazu: „Die Praxis des Zen verlangt gebieterisch, dass wir die von den alten Meistern errichteten Schranken überwinden. Solange wir sie nicht überwinden und die Straße des Denkens nicht verlassen, gleichen wir Geistern, die sich an Büsche und Grashalme klammern. Was ist nun diese ‚torlose Schranke des Zen‘? Diese einzige Schranke des Glaubens ist verkörpert in der einzigen Silbe MU.

Zum wohl hundersten Mal in den letzten Wochen liest sie die Passage, in der Zen-Meister Robert Aitken  Mumon zitiert:  „Wir sollten unseren ganzen Körper in eine Masse des Zweifels verwandeln und uns mit jedem unserer ‚360 Knochen und 84 000 Haarfolikeln‘ auf dieses eine Wort MU konzentrieren“. Dabei ist die wörtliche Übersetzung bedeutungslos – wichtig an der Silbe MU ist einzig, dass sie mit keinem greifbaren Bild verknüpft werden, den Verstand also nicht an einen Irrweg anhaften lassen kann. Durch niemals nachlassendes Üben wird MU zu einer glühenden Eisenkugel in unserem Mund, unserem Hals, unseren Eingeweiden – wir essen MU, atmen MU, verdauen MU werden selbst zu MU.

„Plötzlich bricht MU auf. Der Himmel ist starr vor Erstaunen, die Erde bebt. Es ist, als würden wir General Kuan sein großes Schwert entreißen. Wenn wir einem Buddha begegnen, töten wir ihn. Wenn wir Bodhidharma begegnen, töten wir ihn. Auf dem unendlich schmalen Grat zwischen Geburt und Tod entdecken wir die vollkommene innere Freiheit, erfreuen wir uns eines Samadhi der Fröhlichkeit und des Spiels.“

Wu-mens Original-Vers dazu: ‚Hund! Buddha-Natur! Der vollkommene Ausdruck des Ganzen. Nur ein wenig ‚hat‘ oder ‚hat nicht‘ genügt, und der Körper ist verloren, das Leben ist verloren.“

Sie ist überzeugte Buddhistin. Und doch hat sie nun seit Jahren kein Sesshin mehr besucht. Gute Gründe hat sie ihrem inneren Richter dafür genannt: So etwa die ständigen rheumatischen Schmerzen, die sie bei einem akuten Schub gnadenlos ins Bett zwingen. Sie weiß, dass diese Argumentation reiner Unsinn ist: MU kann man nicht nur sitzen, man kann es liegen, stehen, fahren… Es war die Angst vor der strengen Übung im Schweigen – vor dem Ringen mit der torlosen Schranke – die sie zurück gehalten hat.

Mit lautem Gezeter stürzen zwei Meisenhähnchen durch die Fliederbüsche – sie kämpfen schon Territorien aus. Ihr fällt der Vers des Matthäus-Evangeliums ein: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch…“ Wie wahr, denkt sie und bewundert die halsbrecherischen Verfolgungsflüge der beiden. Sie sind im Hier und Jetzt – sie selbst dagegen …

Sie schafft es einfach nicht. Es ist zu abstrakt, das MU. Zu nah an der Angst vor dem Fallen ins Nichts.

IMG_1939Der Traum.

Sehr ungewöhnlich war dieser Traum. So sehr, dass sie ihn nie vergessen hat: Umgeben von strahlendem Licht in allen Regenbogenfarben kniet sie da in einem leeren Raum. Eine tiefe, eindringliche Stimme hält ihr einen Vortrag über den Sinn allen Lebens und den der körperlichen Existenz. Sie jedoch ist entschlossen, nicht zuzuhören, ruft laut dazwischen, stört mit Klappern, Klopfen, Singen, kann auf diese Weise fast nichts verstehen.

Bis die dröhnende Stimme um sie herum die Oberhand gewinnt. Laut, tief und unüberhörbar doziert sie: „Betrachte der Gestalten Wesen – und du sollst und wirst genesen“.

Schlagartig ist sie erwacht, getroffen von der Erkenntnis, dass ihr störrischer Geist sich für den möglicherweise lebenslangen Umweg entschieden hat, statt für spontane Erleuchtung. Nun bedauert sie zutiefst, nicht besser zugehört zu haben und schreibt das erhaltene Fragment sorgfältig auf ein Blatt Papier, das sie neben dem Bett aufhängt.

„Betrachte der Gestalten Wesen…“ Auf einmal hört sie die dröhnende Stimme wieder, als habe sie eben erst davon geträumt.

Also nicht weglaufen, sondern Platz nehmen auf der Meditationsbank. Platz nehmen und den Blick fokussieren. Noch macht ihr die abstrakte Leere zuviel Angst. Aber: Da gibt es doch dieses Buch, das seit Jahren im Regal ein angestaubtes Dasein fristet: „The Journey„, geschrieben von Brandon Bays. Sie hat es gelesen, das mag so zehn Jahre her sein, zu einer Zeit, als „The Journey“ massiv en vogue war und alle irgendwelche Kurse besuchten, um mit ihrer inneren Quelle wieder in Kontakt zu kommen. Sie fand den Hype fast komisch, zumal sie bei ihren damals regelmäßig praktizierten schamanischen Reisen ihr Krafttier gefunden hatte, das entschlossen schien, sie durch die Klippen des Alltags beschützend zu begleiten.

Aber jetzt scheint die dröhnende Stimme aus dem Traum wieder ganz nah an ihrem Ohr zu sein: „Betrachte der Gestalten Wesen – und du sollst und wirst genesen“…

Diesmal wird ihr klar, dass sie alles Handwerkszeug zuhause hat, um sofort zu beginnen. Sie nimmt das Buch zur Hand, um die Anweisungen für die ‚emotional journey‘ noch einmal zu lesen. „Wenn Sie bei der emotional journey durch die einzelnen Schichten gehen, ist es wichtig, sich aus der äußeren Geschichte – den analytischen Gedanken – herauszuhalten und Ihre ganze Aufmerksamkeit und vollständige Bewusstheit darauf zu richten, die reine, nackte Emotion in Ihrem  Körper zu fühlen. Geben Sie sich einfach völlig dem Gefühl hin, heißen Sie es willkommen, benennen Sie es und sinken sie dann weiter herab zum nächsten Gefühl“.

Um an die Gefühle heranzukommen, wenden Sie sich nicht mehr an Ihren Kopf, sondern prüfen einfach innerlich Ihren Körper und stellen fest, wo das Gefühl am stärksten ist. Wenn sie es genau erfasst haben, lassen sie sich weiter zur nächsten Schicht und zum nächsten Gefühl hinabsinken. Irgendwann nehmen Sie vielleicht wahr, dass keine Gefühle mehr auftauchen. Diesen Zustand werden Sie möglicherweise als Taubheit oder Verwirrung beschreiben, als Nichtwissen oder schwarzes Loch, als Leere, als Nichts, oder als das Gefühl, festzustecken. Diese Erfahrung ist ein Teil des Prozesses. Jeder geht durch die Schicht des Unbekannten, durch die unbekannte Zone. Sie ist das Tor zur Quelle“.

Es ist ganz natürlich, sich vor dem Unbekannten zu fürchten. Daher beruhigen Sie sich – oder lassen sich beruhigen – dass alles ganz normal ist, damit sie entspannen, sich hingeben und fallen lassen können. Dass Sie an der Quelle angekommen sind, merken Sie daran, dass Ihre ganze Präsenz auf einmal sehr weit wird, nicht nur innerhalb des Körpers, sondern auch darüber hinaus.Wenn es sich anfühlt, als seien Sie mit allem Anderen eins – erst dann handelt es sich um eine echte Erfahrung der Quelle. Dieses Gefühl wird sehr weit, immer weiter, verwandelt sich von einer einfachen Emotion in einen Zustand reinen, klaren Bewusstseins.“

Da ist es doch wieder, das MU.

Das Wesen jeder Gestalt.

Die Leere, die eigentlich eine gewaltige Fülle darstellt – die Fülle der vollkommenen Summe allen Seins. Die Fülle des großen gestalterischen Geistes. Den Anfang, das Ende und alles, was dazwischen liegt.  Die Quelle.

996593_606411946048362_831937013_n

In einer Ansprache, die dem Mumonkan später hinzugefügt wurde, erklärt  Mumon: (…) „Wer weder vorwärts noch rückwärts geht, ist ein atmender Leichnam. (…) Bemüht euch mit letzter Kraft, in eurem Leben vollkommene Erleuchtung zu erlangen! Und bleibt nicht ewig in eurem Unglück hocken!“

Ohne Weg zum Weitergehen, ohne etwas zum Festhalten, ohne Möglichkeit, Hilfe zu suchen – wie soll man die Quelle finden?

Mumon hat dazu den Vers: ‚Die torlose Schranke‘ verfasst:

„Der große Weg ist ohne Tor.
Tausend verschiedene Straßen gibt es.
Wer einmal diese Schranke durchschritt,
spaziert in Freiheit im Weltall umher“.

.

Siehe auch: „Der Mann meines Lebens ist Narzisst – wer oder was bin jetzt bitte ICH? 

und: Schrei des Herzens aus dunkler Nacht

Update: These: Die fehlende zweite Hälfte ist ein eigener, dissoziierter Persönlichkeitsanteil

Update: Thema Depression

Update: Wenn der Schmerz nicht mehr aufhört

Update: Loslassen macht frei – Tipps wie man das macht

Forsythien

George Soros: Deutschland sollte als wohlwollender Hegemon die EU führen

Lesen Sie dazu auch den Artikel: „Deutschland muss aus dem Euro austreten“ – Interview mit Ökonom Dirk Meyer

Deutschland kann die Europäische Union und den Euro retten oder beides zerstören, es muss führen oder aussteigen. Was nicht geht, ist weiter abzuwarten. Das ist die These eines Essays des Starinvestors George Soros, den SPIEGEL ONLINE exklusiv veröffentlicht.

Das Schicksal des Euro entscheidet sich in Deutschland. Das schreibt der legendäre Investor George Soros in einem Essay, den SPIEGEL ONLINE exklusiv veröffentlicht. Deutschland muss aus Sicht des 82-Jährigen überzeugt oder dazu gedrängt werden zu handeln. Entweder das Land führt als „wohlwollender Hegemon“ – oder es muss den Euro verlassen.

Der in Ungarn geborene Soros ist in der Euro-Krise zu einem der größten Kritiker der Politik der Bundesregierung geworden. Angesichts der dramatischen Entwicklungen der vergangenen Wochen hat der Multimilliardär seine Argumente nochmals geschärft.

Seit Beginn der globalen Finanzkrise nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers habe Kanzlerin Angela Merkel (CDU) den Zerfall der EU maßgeblich zu verantworten, schreibt Soros. Merkels Forderung, dass jedes Land für seine eigenen Finanzinstitutionen garantieren solle, „war der erste Schritt in einem Zerfallsprozess, der nun die Europäische Union zu zerstören droht“.

Zu jedem Zeitpunkt in den vergangenen drei Jahren hätte die Krise verhältnismäßig einfach und billig gelöst werden können, schreibt Soros. Aber auch weil Deutschland nicht in der Lage gewesen sei, „über den Tellerrand zu blicken“, hätten sich die Probleme immer weiter verschärft. Europa habe immer nur „das notwendige Mindestmaß getan, um den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern“. Das räche sich jetzt. Die Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) vom vergangenen Donnerstag, unbegrenzt Staatsanleihen aufzukaufen, werde die dauerhafte Spaltung der Euro-Zone in Schuldner- und Gläubigerstaaten nicht verhindern.

Die Tragödie der Europäischen Union

Von George Soros

Ich bin ein glühender Anhänger der Europäischen Union als Inbegriff einer offenen Gesellschaft – eines freiwilligen Zusammenschlusses gleichrangiger Staaten, die einen Teil ihrer Souveränität für das Gemeinwohl aufgaben. Durch die Euro-Krise entwickelt sich die Europäische Union jedoch in eine grundlegend andere Richtung. Die Mitgliedsländer werden in zwei Klassen aufgeteilt – in Gläubiger und Schuldner – wobei die Gläubiger, allen voran Deutschland, die Richtung vorgeben. Unter den gegebenen politischen Umständen zahlen die Schuldnerländer beträchtliche Risikoprämien, um ihre Staatsschulden zu finanzieren, und das spiegelt sich in ihren Finanzierungskosten ganz allgemein wider. Das hat die Schuldnerländer in die Depression gestürzt und ihnen einen beträchtlichen Wettbewerbsnachteil eingebracht, der dauerhaft zu werden droht.

Dabei handelt es sich nicht um das Ergebnis eines vorsätzlichen Plans, sondern um die Folgen einer Reihe politischer Fehler, die bei der Einführung des Euro ihren Ausgang nahmen. Damals war allgemein bekannt, dass der Euro eine unvollständige Währung war – man verfügte zwar über eine Zentralbank, aber nicht über ein zentrales Finanzministerium. Die Mitgliedstaaten übersahen allerdings, dass sie dem Risiko eines Bankrotts ausgesetzt sein könnten, wenn sie ihr Recht, Geld zu drucken, aufgeben. Die Finanzmärkte erkannten das erst zu Beginn der griechischen Krise. Die Finanzbehörden verstanden das Problem überhaupt nicht, von einem Bemühen, eine Lösung auszuarbeiten, ganz zu schweigen. Daher versuchten sie, Zeit zu kaufen. Aber die Situation wurde nicht besser, sie verschlechterte sich sogar noch. Der Grund dafür lag gänzlich in diesem Mangel an Verständnis und der fehlenden Einigkeit.

Wären ein vereinbarter Plan und ausreichende finanzielle Mittel zu seiner Umsetzung vorhanden gewesen, hätte diese Entwicklung beinahe jederzeit gestoppt und umgekehrt werden können. Als größtes Gläubigerland lag die Verantwortung bei Deutschland, aber man wollte nur ungern zusätzliche Verbindlichkeiten auf sich nehmen. Infolgedessen verpasste man jede Chance zur Lösung der Krise. Die Krise breitete sich von Griechenland auf andere Defizitländer aus, und schließlich stellte sich sogar die Frage nach dem Überleben des Euro. Da ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone allen Mitgliedstaaten und vor allem Deutschland immensen Schaden zufügen würde, wird Deutschland weiterhin das notwendige Minimum tun, um die Euro-Zone zusammenzuhalten.

Wahrscheinlich ist, dass die Euro-Zone aufgrund der Politik unter deutscher Führung für unbestimmte Zeit zusammengehalten wird, ewig allerdings nicht. Die dauerhafte Spaltung der Europäischen Union in Gläubiger- und Schuldnerstaaten, wobei die Gläubiger die Bedingungen diktieren, ist politisch inakzeptabel. Falls und wenn der Euro letztendlich auseinanderbricht, wird dies den gemeinsamen Markt und die Europäische Union zerstören. Europa würde schlechter dastehen als vor Beginn der Einheitsbestrebungen, weil ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone ein Vermächtnis des gegenseitigen Misstrauens und der Feindseligkeit hinterlassen würde. Je später dies eintritt, umso schlimmer die Auswirkungen. Dabei handelt es sich um derartig trostlose Aussichten, dass es Zeit wird, über Alternativen nachzudenken, die bis vor kurzem noch unvorstellbar waren.

Meiner Ansicht nach ist die beste Vorgehensweise, Deutschland zu überzeugen, entweder zum wohlwollenden Hegemon zu werden oder den Euro zu verlassen. Anders gesagt: Deutschland muss führen oder austreten.

Es kommt darauf an, wer die Verantwortung übernimmt

Da alle angehäuften Schulden in Euro denominiert sind, kommt es in entscheidendem Maße darauf an, wer die Verantwortung für den Euro übernimmt. Verlässt Deutschland die Euro-Zone, würde der Euro abwerten. Die nominale Schuldenlast bliebe gleich, aber real würde sie sich verringern. Die Schuldnerländer würden aufgrund billigerer Exporte und teurerer Importe ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen. Der Wert ihrer Immobilien würde nominal ebenfalls steigen, also in abgewerteten Euro mehr wert sein. Im Gegensatz dazu würden die Gläubigerländer Verluste auf ihre Investitionen in der Euro-Zone und auch auf die angehäuften Forderungen innerhalb des Euro-Clearing-Systems erleiden. Das Ausmaß dieser Verluste hinge vom Ausmaß der Abwertung ab. Deshalb hätten die Gläubigerstaaten ein Interesse daran, diese Abwertung in Grenzen zu halten.

Das letztendlich erzielte Ergebnis wäre die Erfüllung von John Maynard Keynes‘ Traum eines internationalen Währungssystems, in dem sowohl Gläubiger als auch Schuldner die Verantwortung zur Aufrechterhaltung der Stabilität gemeinsam wahrnehmen. Und Europa würde der drohenden Depression entkommen. Das gleiche Resultat könnte mit weniger Kosten für Deutschland erzielt werden, würde sich Deutschland entscheiden, als wohlwollender Hegemon zu agieren. Das hieße:

  • Schuldner- und Gläubigerländer mehr oder weniger gleichzustellen und
  • ein nominales Wachstum von bis zu fünf Prozent anzustreben. Mit anderen Worten: Europa muss es ermöglicht werden, seine Überschuldung durch Wachstum abzubauen. Das würde ein höheres Maß an Inflation mit sich bringen, als die Bundesbank wahrscheinlich toleriert.

Ungeachtete dessen, ob sich Deutschland für die Führung oder den Austritt entschließt, wären beide Alternativen besser, als den aktuellen Kurs weiter zu verfolgen. Die Schwierigkeit besteht darin, Deutschland klarzumachen, dass seine aktuelle Politik in eine längere Depression, zu politischen und sozialen Konflikten und letztlich zum Zusammenbruch nicht nur des Euro, sondern der Europäischen Union führt.

Wie ist nun Deutschland davon zu überzeugen, entweder Verantwortung und Verbindlichkeiten als wohlwollender Hegemon zu übernehmen oder den Euro in die Hände der Schuldnerländer zu legen, die auf sich gestellt viel besser dran wären? Ich werde versuchen, diese Frage zu beantworten.

Der bisherige Weg

Als die Europäische Union noch ein Wunschtraum war, handelte es sich um ein von Psychologen so bezeichnetes „phantastisches Objekt“, ein erstrebenswertes Ziel, das die Vorstellungskraft vieler Menschen beflügelte, auch meine. Ich betrachtete dieses Ziel als den Inbegriff einer offenen Gesellschaft. Mit dabei waren fünf große und eine Reihe kleinerer Länder. Sie alle verschrieben sich den Prinzipien Demokratie, persönliche Freiheit, Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit. Kein Land und keine Nationalität war dominant. Obwohl man die Brüsseler Bürokratie oft eines „Demokratiedefizits“ bezichtigte, mussten die gewählten Parlamente zu größeren Schritten ihre Zustimmung geben.

Angeführt wurde der Integrationsprozess von einer kleinen Gruppe weitblickender Staatsmänner, die praktizierten, was Karl Popper als Stückwerk-Sozialtechnik bezeichnete. Sie erkannten, dass Perfektion unerreichbar ist. Daher setzten sie sich realistische Ziele und strikte Fristen, um anschließend den politischen Willen für einen kleinen Schritt nach vorne zu mobilisieren. Dabei waren sie sich voll und ganz bewusst, dass die Unzulänglichkeit eines Schritts nach seiner Vollendung offenkundig werden und weitere Schritte nötig machen würde. Ähnlich einer Finanzblase nährte sich dieser Prozess aus seinem eigenen Erfolg. So wurde aus der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl schrittweise die Europäische Union.

Frankreich und Deutschland standen dabei an der Spitze dieser Bemühungen. Als der Zerfall des Sowjetreichs begann, erkannten die deutschen Spitzenpolitiker, dass eine Wiedervereinigung nur im Kontext eines stärker vereinigten Europas möglich war, und dafür war man auch bereit, beträchtliche Opfer zu bringen. Als es zu Verhandlungen kam, war man gewillt, etwas mehr beizutragen und etwas weniger zu nehmen als die anderen und damit eine Einigung zu ermöglichen. Zu dieser Zeit erklärten deutsche Staatsmänner, dass Deutschland keine unabhängige, sondern eine europäische Außenpolitik verfolge. Das führte zu einer dramatischen Beschleunigung des Prozesses, der in der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht im Jahr 1992 und der Einführung des Euro im Jahr 2002 gipfelte.

Der Vertrag von Maastricht war mit grundlegenden Mängeln behaftet. Die Architekten des Euro erkannten, dass es sich um ein unvollständiges Konstrukt handelte: Man hatte zwar eine gemeinsame Zentralbank aber kein gemeinsames Finanzministerium, das Anleihen in Form von Schuldverschreibungen aller Mitgliedstaaten ausgeben konnte. Deutschland und die anderen Gläubigerländer widersetzen sich den Euro-Bonds nach wie vor. Dennoch waren die Architekten der Ansicht, dass der politische Wille bei Bedarf aufgebracht werden könnte, um die notwendigen Schritte in Richtung einer politischen Union einzuleiten. Schließlich verdankte die Europäische Union ihre Existenz dieser Vorgehensweise. Unglücklicherweise wies der Euro noch viele andere Mängel auf, derer sich weder seine Architekten noch die Mitgliedstaaten in vollem Umfang bewusst waren. Ans Tageslicht kamen sie durch die Finanzkrise der Jahre 2007 und 2008, die einen Auflösungsprozess in Gang setzte.

In der Woche nach der Pleite von Lehman Brothers brachen die globalen Finanzmärkte zusammen und mussten künstlich am Leben erhalten werden. Dazu gehörte auch, den auf den Märkten nicht mehr akzeptierten Kredit der Finanzinstitutionen durch staatlich garantierten Kredit (in Form von Zentralbankgarantien und Haushaltsdefiziten) zu ersetzen. Die zentrale Rolle, die diese staatlich garantierten Kredite nun spielen sollten, brachte einen bis dahin verborgen gebliebenen Mangel des Euro zutage, der auch heute noch nicht in vollem Umfang erkannt wird. Indem sie ihr ursprüngliches Recht, Geld zu drucken, an die Europäische Zentralbank abtraten, setzten die Mitgliedstaaten ihre staatlichen Kredite einem Ausfallrisiko aus.

Für hoch entwickelte Länder, die Kontrolle über ihre eigene Währung ausüben, besteht keine Veranlassung, bankrottzugehen, sie können immer Geld drucken. Ihre Währung verliert möglicherweise an Wert, aber die Pleitegefahr ist praktisch nicht existent. Im Gegensatz dazu müssen weniger entwickelte Länder, die in Fremdwährung Kredite aufnehmen, Aufschläge zahlen, in denen sich dieses Ausfallrisiko widerspiegelt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Finanzmärkte diese Länder sogar in Richtung Bankrott treiben können, und zwar durch Baisse-Manöver wie den Leerverkauf der Anleihen dieser Länder, wodurch deren Kreditkosten steigen und die Angst vor einem bevorstehenden Zahlungsausfall zunimmt. Bei der Einführung des Euro wurden Staatsanleihen als risikolos betrachtet. Die Regulierungsbehörden ermöglichten den Banken den unbegrenzten Ankauf von Anleihen, ohne dass diese in entsprechendem Maße über Eigenkapital verfügten, und die Europäische Zentralbank akzeptierte alle Staatsanleihen an ihrem Diskontfenster zu gleichen Bedingungen. Dadurch wurde es für Geschäftsbanken attraktiv, Anleihen der schwächeren, etwas höhere Zinsen zahlenden Mitgliedsländer anzuhäufen, um ein paar zusätzliche Basispunkte zu verdienen.

Nach der Lehman-Pleite begann der Zerfallsprozess

Im Gefolge der Krise um Lehman Brothers erklärte Angela Merkel, dass nicht die Europäische Union insgesamt, sondern jedes Land für sich garantieren sollte, keine systemisch wichtige Finanzinstitution pleitegehen zu lassen. Das war der erste Schritt in einem Zerfallsprozess, der nun die Europäische Union zu zerstören droht.

Die Finanzmärkte brauchten über ein Jahr, um die Auswirkungen der Erklärung von Kanzlerin Merkel zu erkennen. Daran zeigt sich, dass die Märkte mit einem Wissen operieren, das alles andere als perfekt ist. Erst Ende 2009, als die neugewählte griechische Regierung bekanntgab, dass die Vorgänger-Regierung geschwindelt hatte und das Defizit mehr als zwölf Prozent des BIP ausmachte, erkannten die Finanzmärkte, dass vormals als risikolos eingestufte Staatsanleihen sehr wohl beträchtliche Risiken in sich bargen und ein Zahlungsausfall möglich war. Als sich die Finanzmärkte dessen schlussendlich bewusst wurden, stiegen die Risikoaufschläge dramatisch an, was sich für die Staaten insofern bemerkbar machte, als sie höhere Erträge anbieten mussten, um ihre Anleihen verkaufen zu können. Geschäftsbanken, in deren Bilanzen es von diesen Anleihen wimmelte, wurden dadurch potentiell insolvent. Damit schuf man ein Staatsschuldenproblem und ein Bankenproblem, die in einer reflexiven Rückkopplungsschleife miteinander verbunden sind. Das sind die zwei Hauptfaktoren der Krise, vor der Europa heute steht.

Es besteht eine enge Parallele zwischen der Euro-Krise und der internationalen Bankenkrise des Jahres 1982. Damals retteten der IWF und die internationalen Bankbehörden das internationale Bankensystem, indem sie den schwer verschuldeten Ländern gerade so viel Kredit einräumten, dass sie nicht pleitegingen. Dies allerdings zu dem Preis, dass diese Länder in eine anhaltende Depression schlitterten. Lateinamerika litt unter einem verlorenen Jahrzehnt.

Heute spielt Deutschland die gleiche Rolle wie der IWF damals. Die Rahmenbedingungen sind etwas anders, aber der Effekt ist der gleiche. In Wirklichkeit schieben die Gläubiger nämlich die gesamte Last der Anpassung auf die Schuldnerländer und umgehen damit ihre eigene Verantwortung für die Ungleichgewichte. Interessanterweise haben sich die Ausdrücke „Zentrum“ und „Peripherie“ fast unbemerkt in den Sprachgebrauch eingeschlichen, obwohl es offenkundig unangebracht ist, Italien und Spanien als Peripherie-Länder zu beschreiben. Tatsächlich allerdings wurden Mitgliedsländer mit der Einführung des Euro zu weniger entwickelten Ländern degradiert, ohne dass die europäischen Behörden oder die Mitgliedsländer dies erkannt hätten. Rückblickend ist das die Hauptursache der Euro-Krise.

Ebenso wie in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wird alle Schuld und Last der „Peripherie“ aufgebürdet und die Verantwortung des „Zentrums“ nie wirklich anerkannt. In diesem Zusammenhang ist das deutsche Wort „Schuld“ aufschlussreich: Es bezeichnet nämlich sowohl die Geldschuld als auch die moralische Schuld. Die öffentliche Meinung in Deutschland schiebt den schwer verschuldeten Ländern die Schuld an ihrem Unglück zu. Doch Deutschland kann seinem Teil der Verantwortung nicht entkommen. Ich werde versuchen aufzuzeigen, dass die „Schuld“ oder Verantwortung des „Zentrums“ heute noch größer ist als während der Bankenkrise 1982.

Bei der Schaffung des Euro war das „Zentrum“ von denselben ökonomischen Irrlehren geleitet, die auch für die Finanzkrise der Jahre 2007-2008 verantwortlich waren. Im Vertrag von Maastricht wurde es als selbstverständlich angesehen, dass nur der öffentliche Sektor chronische Defizite produzieren kann. Man ging davon aus, dass Finanzmärkte ihre eigenen Exzesse stets korrigieren würden. Obwohl diese marktfundamentalistischen Annahmen durch die Finanzkrise 2007/2008 widerlegt wurden, halten die europäischen Behörden weiterhin daran fest. So behandelten sie die Euro-Krise beispielsweise wie ein rein fiskalisches, also haushaltspolitisches Problem. Allerdings geht nur Griechenland als rein fiskalische Krise durch. Der Rest Europas leidet unter Bankenproblemen und unterschiedlicher Wettbewerbsfähigkeit, wodurch Probleme mit der Zahlungsbilanz entstanden. Die Behörden haben die Komplexität der Krise nicht verstanden, geschweige denn eine Lösung gesehen. Daher versuchten sie, Zeit zu kaufen.

Normalerweise funktioniert das auch. Panik auf den Finanzmärkten flaut ab, und die Behörden realisieren einen Gewinn aus ihrer Intervention. Diesmal allerdings nicht, denn die Finanzprobleme waren mit einem Prozess der politischen Auflösung verbunden. Bei der Schaffung der Europäischen Union ergriffen die Spitzenpolitiker immer wieder die Initiative für weitere Schritte nach vorn, aber nach dem Ausbruch der Finanzkrise klammerten sie sich an den Status quo. Sie erkannten, dass die Öffentlichkeit hinsichtlich einer weiteren Integration skeptisch geworden war. Gezwungenermaßen war jedes Land mit dem Schutz seiner eigenen engen nationalen Interessen beschäftigt. Jede Regeländerung würde Machtbefugnisse von den europäischen Behörden in Brüssel wieder zu nationalen Behörden verschieben.

Folglich wurden die Bestimmungen der Verträge von Maastricht und Lissabon als in Stein gemeißelt betrachtet. So auch Artikel 123, der es der Europäischen Zentralbank verbietet, Kredite an Staaten zu vergeben. Damit wurden viele derjenigen, die den Status quo für untragbar oder unerträglich hielten, in antieuropäische Haltungen gedrängt. Durch diese politische Dynamik wird die Auflösung der Europäischen Union ebenso selbstverstärkend, wie es einst auch der Schaffungsprozess war.

Angela Merkel interpretierte die deutsche öffentliche Meinung richtig, als sie darauf bestand, dass sich jedes Land um sein eigenes Bankensystem kümmern sollte. Tatsächlich hat auch Deutschland seit der Wiedervereinigung einen Wandel hinter sich. Ebenso wie man damals bereit war, für die Wiedervereinigung beträchtliche Opfer auf sich zu nehmen, war man nun, da man die Kosten der Wiedervereinigung zu bezahlen hatte, damit beschäftigt, einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen. Man hatte sich weit davon entfernt, etwas mehr als die anderen beizutragen, denn Deutschland wollte nicht Zahlmeister für den Rest Europas werden. Statt zu erklären, dass Deutschland keine andere als die europäische Politik verfolge, begannen die deutschen Medien die Europäische Union als „Transferunion“ zu verunglimpfen, die Deutschland finanziell austrocknen würde.

Die Bundesbank hängt einer überholten Doktrin an

Erschwerend kommt hinzu, dass die Bundesbank weiterhin einer überholten geldpolitischen Doktrin anhängt, die tief in der deutschen Geschichte verwurzelt ist. Nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland mit der traumatischen Erfahrung der Inflation konfrontiert. Deshalb erkennt man auch nur die Inflation als Bedrohung der Stabilität, nicht aber die Deflation, die tatsächliche Bedrohung von heute.

Als Deutschlands Schulden nach der Wiedervereinigung ausuferten, setzte man weitreichende Arbeitsmarkt- und Strukturreformen um und verabschiedete eine Grundgesetzänderung, die vorsieht, dass der Bundeshaushalt bis 2016 ausgeglichen zu sein hat. Das funktionierte wie eine Zauberformel. Unterstützt von Immobilien- und Konsumbooms im Rest Europas erlebte Deutschland eine exportgetriebene Erholung.

Heute empfiehlt Deutschland Sparmaßnahmen und Strukturreformen als Allheilmittel für die Euro-Krise. Warum sollte in Europa heute nicht funktionieren, was damals in Deutschland zum Erfolg führte? Aus einem sehr guten Grund: Die wirtschaftlichen Bedingungen präsentieren sich heute ganz anders. Das globale Finanzsystem reduziert seine übermäßige Fremdfinanzierung, und die Exporte erleben weltweit einen Rückgang. Sparmaßnahmen in Europa verschärfen einen weltweiten Trend und treiben Europa in die deflationäre Schuldenfalle. Wenn zu viele schwer verschuldete Staaten ihre Haushaltsdefizite gleichzeitig senken, schrumpft auch ihre Wirtschaft, so dass die Schuldenlast als Prozentsatz des BIP in Wirklichkeit ansteigt. Währungsbehörden auf der ganzen Welt erkennen diese Gefahr. Deshalb haben der Präsident der amerikanischen Federal Reserve, Ben Bernanke, der Gouverneur der Bank of England, Mervyn King, und sogar der Gouverneur der Bank of Japan, Masaaki Shirakawa, zu unkonventionellen monetären Maßnahmen gegriffen, um eine deflationäre Schuldenfalle zu vermeiden.

Für die deutsche Öffentlichkeit ist es überaus schwer zu verstehen, dass Deutschland Europa die falsche Politik aufzwingt. Die deutsche Wirtschaft befindet sich nicht in der Krise. Tatsächlich hat Deutschland bisher von der Euro-Krise profitiert, die dazu beitrug, den Wechselkurs niedrig zu halten und Exporte zu erleichtern. In letzter Zeit erfreute sich Deutschland extrem niedriger Zinssätze. Aufgrund einer Kapitalflucht aus den Schuldnerländern wird Deutschland mit Kapital überschwemmt, während die „Peripherie“ gleichzeitig deftige Risikoprämien zahlen muss, um Zugang zu finanziellen Mitteln zu erhalten.

„Eine Tragödie wahrhaft historischen Ausmaßes“

Das ist nicht das Resultat eines heimtückischen Plans, sondern eine unbeabsichtigte Folge einer Entwicklung, in der ein Plan fehlte. Doch die deutschen Politiker sahen die Vorteile dieser Entwicklung für Deutschland, was wiederum ihre politischen Entscheidungen zu beeinflussen begann. Deutschland wurde in eine Position gebracht, in der seine Haltung die europäische Politik bestimmt. Daher liegt die primäre Verantwortung für eine Sparpolitik, die Europa in die Depression treibt, bei Deutschland. Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird die Zahl der Gründe, Deutschland für die Politik verantwortlich zu machen, die es Europa auferlegt, obwohl sich die deutsche Öffentlichkeit zu Unrecht beschuldigt fühlt. Das ist eine Tragödie wahrhaft historischen Ausmaßes. Wie in antiken griechischen Tragödien führen Missverständnisse und der schiere Mangel an Erkenntnis zu unbeabsichtigten, aber verhängnisvollen Folgewirkungen.

Wäre Deutschland zu Beginn der griechischen Krise bereit gewesen, den zu einem späteren Zeitpunkt angebotenen Kredit zu gewähren, hätte man Griechenland retten können. Aber Europa hat immer nur das notwendige Mindestmaß getan, um den Zusammenbruch des Finanzsystems zu verhindern, und das war zu wenig, um das Ruder herumzureißen. Diese Entwicklung hielt auch an, als sich die Krise auf andere Länder ausbreitete. Zu jedem Zeitpunkt hätte die Entwicklung gestoppt und umgekehrt werden können, wäre Deutschland in der Lage gewesen, über den Tellerrand zu blicken, und bereit gewesen, mehr als das Mindestmaß zu tun.

Zu Beginn der Krise war der Zusammenbruch des Euro undenkbar. Die in Euro denominierten Vermögenswerte und Verbindlichkeiten waren derart miteinander verwoben, dass ein Zusammenbruch zu einer unkontrollierbaren Kernschmelze geführt hätte. Aber mit dem Fortschreiten der Krise ordnet sich das Finanzsystem zunehmend entlang nationaler Grenzen. Die Regulierungsbehörden fördern tendenziell die inländische Kreditvergabe, Banken trennen sich von ausländischen Vermögenswerten, und die Risikomanager versuchen, Vermögenswerte und Verbindlichkeiten aus dem Bereich innerhalb ihrer nationaler Grenzen und nicht aus der gesamten Euro-Zone aufeinander abzustimmen. Hält diese Entwicklung an, wäre ein Zusammenbruch des Euro ohne Kernschmelze möglich, aber die Zentralbanken der Gläubigerländer blieben auf riesigen, schwer einbringlichen Forderungen gegenüber den Zentralbanken der Schuldnerländer sitzen.

Wenn sich eine Zentralbank rüstet, müssen die anderen nachziehen

Der Grund dafür liegt in einem dubiosen Problem des Euro-Clearingsystems namens Target 2. Im Gegensatz zu dem Clearingsystem der Federal Reserve, in dem jährlich abgerechnet wird, werden bei Target 2 die Ungleichgewichte zwischen den Banken der Euro-Zone angehäuft. Das war kein Problem, solange das Interbankensystem funktionierte, denn die Banken regelten die Ungleichgewichte auf dem Interbankenmarkt untereinander. Doch der Interbankenmarkt funktioniert seit 2007 nicht mehr ordnungsgemäß, und seit Sommer 2011 kommt es zu einer zunehmenden Kapitalflucht aus den schwächeren Ländern. Wenn ein griechischer oder spanischer Kunde von seinem Konto bei einer griechischen oder spanischen Bank einen Geldtransfer zu einer holländischen Bank veranlasst, verfügt die holländische Zentralbank über ein Target-2-Guthaben, dem eine Forderung an die griechische oder spanische Zentralbank gegenübersteht. Diese Forderungen wachsen exponentiell an. Ende Juli diesen Jahres hatte die Bundesbank Forderungen im Ausmaß von 727 Milliarden Euro gegenüber den Zentralbanken der Peripherie-Länder in ihren Büchern.

Die Bundesbank erkannte diese potentielle Gefahr, und die deutsche Öffentlichkeit wurde durch das leidenschaftliche, wenn auch fehlgeleitete Engagement des Ökonomen Hans-Werner Sinn alarmiert. Die Bundesbank ist zunehmend entschlossen, die im Falle eines Zusammenbruchs entstehenden Verluste zu begrenzen. Das wirkt wie eine selbsterfüllende Prophezeiung. Wenn eine Zentralbank beginnt, sich gegen einen Zusammenbruch zu rüsten, müssen alle anderen das auch tun.

Die Krise verschärft sich also weiter. Die Spannungen auf den Finanzmärkten haben einen neuen Höhepunkt erreicht, wie an den historisch niedrigen Renditen der deutschen Staatsanleihen zu erkennen ist. Noch bezeichnender ist, dass sich die Rendite für zehnjährige britische Anleihen auf dem niedrigsten Stand in ihrer 300-jährigen Geschichte befinden, während die Renditen auf spanische Staatsanleihen ein neues Rekordhoch erreicht haben.

Die Realwirtschaft in der Euro-Zone befindet sich im Sinkflug, während es Deutschland relativ gut geht. Das bedeutet, die Kluft wird größer. Die politische und soziale Dynamik arbeitet ebenfalls in Richtung Zerfall. Wie an den jüngsten Wahlergebnissen zu erkennen, wendet sich die öffentliche Meinung zunehmend gegen die Sparprogramme, und dieser Trend wird wahrscheinlich noch stärker werden, bis sich die Politik ändert. Es muss also etwas geschehen.

Wo stehen wir heute?

Der Gipfel im Juni schien die letzte Gelegenheit für eine politische Kehrtwende innerhalb des bestehenden rechtlichen Rahmens zu bieten. In der Vorbereitungsphase erkannten die europäischen Institutionen unter der Führung von Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates, dass der aktuelle Kurs in das Desaster führt, und sie waren entschlossen, die Alternativen auszuloten. Überdies gelangte man zu der Erkenntnis, dass die Bankenprobleme und die Staatsschuldenprobleme wie siamesische Zwillinge miteinander verbunden und daher auch nicht getrennt zu lösen sind. So wurde versucht, eine umfassende Überprüfung der Politik durchzuführen, aber natürlich hatte man sich über den gesamten Zeitraum immer wieder mit Deutschland zu beraten. Von deutscher Seite wurde man hinsichtlich eines Plans für eine Bankenunion bestärkt, weil Deutschlands Sorge den Risiken einer Kapitalflucht aus den „Peripherie-Ländern“ galt. Daher war auch dieser Teil des Programms viel besser entwickelt als die Lösung des Staatsschuldenproblems – trotz der reflexiven Rückkopplungsschleife zwischen den beiden.

Die Refinanzierungskosten der Staatsschulden waren für Italien von entscheidender Bedeutung. Zu Beginn des Gipfels im Juni erklärte Ministerpräsident Monti, dass Italien seine Zustimmung zu allen anderen Punkten verweigern würde, wenn nichts gegen diese hohen Refinanzierungskosten unternommen werde. Um ein Fiasko zu verhindern, versprach Kanzlerin Merkel, dass Deutschland jeden Vorschlag in Betracht ziehen werde, solange sich dieser innerhalb des bestehenden rechtlichen Rahmenwerks bewegt. Der Gipfel war gerettet. Man beschloss, die Pläne für eine Bankenunion fertigzustellen, wobei die europäischen Rettungsfonds, ESM und EFSF, die Banken direkt refinanzieren dürfen. Nach einer nächtlichen Marathonsitzung wurde der Gipfel vertagt. Mario Monti erklärte den Sieg.

In den nachfolgenden Verhandlungen allerdings stellte sich heraus, dass kein Vorschlag zur Reduzierung der Risikoprämien in den bestehenden rechtlichen Rahmen passte. Der Plan, wonach der ESM herangezogen werden würde, um die spanischen Banken zu rekapitalisieren, wurde ebenfalls bis zur Unkenntlichkeit abgeschwächt, als Kanzlerin Merkel dem Bundestag versichern musste, dass Spanien für jegliche Verluste haftbar bleiben würde. Die Finanzmärkte reagierten mit Rekord-Risikoaufschlägen für spanische Anleihen, und die italienischen Prämien stiegen gleich mit. Die Krise war mit voller Wucht zurück. Da Deutschland unbeweglich geworden war, weil der Bundesverfassungsgerichthof die Entscheidung über die Rechtmäßigkeit des ESM erst am 12. September verkünden wird, blieb es der Europäischen Zentralbank überlassen, in die Bresche zu springen.

Der Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, kündigte an, dass die EZB im Rahmen ihres Mandats alles Erforderliche tun werde, um den Euro zu erhalten. Seither betont Bundesbank-Präsident Jens Weidmann nachdrücklich die rechtlichen Grenzen der EZB, wohingegen der Vertreter der deutschen Regierung im EZB-Direktorium, Jörg Asmussen, unbegrenzte Interventionen mit der Begründung befürwortete, dass das Überleben des Euro auf dem Spiel stehe. Das war ein Wendepunkt. Kanzlerin Merkel unterstützte Mario Draghi, wodurch der Bundesbank-Präsident im EZB-Direktorium isoliert dastand. Präsident Draghi nützte diese Chance so gut wie möglich. Die Finanzmärkte fassten Mut und erholten sich unter Vorwegnahme der Entscheidung der EZB am 6. September.

Leider könnte aber nicht einmal eine unbegrenzte Intervention ausreichen, um zu verhindern, dass die Spaltung der Euro-Zone in Gläubiger- und Schuldnerstaaten dauerhaft wird. Die Risikoaufschläge werden damit nicht beseitigt, sondern lediglich eingegrenzt, und die den Schuldnerländern durch die EFSF auferlegte Konditionalität wird diese Länder wahrscheinlich in eine deflationäre Falle treiben. Infolgedessen werden sie nicht in der Lage sein, ihre Wettbewerbsfähigkeit wiederzuerlangen, bis man es aufgibt, die Schulden durch Sparprogramme abbauen zu wollen.

Der Weg des geringsten Widerstandes führt nicht zum unmittelbaren Zusammenbruch des Euro, sondern zu einer Verlängerung der Krise auf unbestimmte Zeit. Ein ungeordneter Zusammenbruch wäre eine Katastrophe für die Euro-Zone und indirekt für die ganze Welt. Da es Deutschland besser geht als anderen Mitgliedern der Euro-Zone, kann es auch tiefer fallen als die anderen – weshalb man auch weiterhin das nötige Mindestmaß tun wird, um diesen Zusammenbruch zu verhindern.

Deutschland wird als Hegemon hervorgehen

Die aus diesem Prozess hervorgehende Europäische Union wird sich diametral von der Europäischen Union als Inbegriff einer offenen Gesellschaft unterscheiden. Sie wird kein freiwilliger Zusammenschluss gleichrangiger Staaten mehr sein, sondern ein hierarchisches System auf Grundlage von Schuldverschreibungen. Sie wird aus zwei Klassen von Staaten bestehen – aus Gläubigern und Schuldnern, und die Gläubiger werden die Richtung vorgeben.

Als stärkstes Gläubigerland wird Deutschland als Hegemon hervorgehen. Die Klasseneinteilung wird dauerhaften Charakter annehmen, weil die Schuldnerländer beträchtliche Risikoaufschläge zahlen werden müssen, um an Kapital zu kommen, und es wird für sie unmöglich werden, zu den Gläubigerländern aufzuschließen. Statt zu einer Verringerung der Unterschiede hinsichtlich der wirtschaftlichen Leistung wird es zu einer Ausweitung kommen. Sowohl menschliche als auch finanzielle Ressourcen wird es in das Zentrum ziehen, und die Peripherie wird dauerhaft in der Depression verharren. Aufgrund der Zuwanderung gut ausgebildeter Menschen von der iberischen Halbinsel und Italien, statt der weniger qualifizierten Gastarbeiter aus der Türkei oder der Ukraine, wird Deutschland in seiner demografischen Entwicklung sogar bis zu einem gewissen Grad profitieren. Doch die Peripherie wird vor Ressentiments brodeln.

Imperiale Macht kann große Vorteile mit sich bringen, aber man muss sie sich verdienen, indem man sich um diejenigen kümmert, die unter ihrer Ägide leben. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelten sich die Vereinigten Staaten zur Führungsmacht der freien Welt. Durch das Bretton-Woods-System wurden sie zum Primus inter Pares, aber die Vereinigten Staaten waren ein wohlwollender Hegemon, der sich durch sein Engagement für den Marshall-Plan die dauerhafte Dankbarkeit Europas sicherte. Diese historische Chance versäumt Deutschland, indem es die schwer verschuldeten Länder in ihrer „Schuld“ hält.

Es sei daran erinnert, dass die von Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg geforderten Reparationszahlungen einer der Faktoren waren, die zum Aufstieg des Nationalsozialismus führten. Deutschland konnte seine eigenen Schulden im Rahmen dreier verschiedener Pläne senken: durch den Dawes-Plan des Jahres 1924, den Young-Plan von 1929 – der zu spät kam, um den Aufstieg Hitlers zu verhindern – und das Londoner Schuldenabkommen von 1953.

Heute hegt Deutschland keine imperialen Ambitionen. Paradoxerweise ist der Wunsch, Europa nicht zu beherrschen, ein Teil der Ursache, warum es Deutschland nicht gelang, der Situation gerecht zu werden und als wohlwollender Hegemon zu agieren. Die von der EZB am 6. September unternommenen Schritte werden das Mindestmaß dessen sein, was nötig ist, um den Euro zu erhalten, aber sie werden uns auch einem Europa der zwei Geschwindigkeiten näher bringen. Die Schuldnerländer werden sich einer europäischen Aufsicht unterwerfen müssen, die Gläubigerländer jedoch nicht; und die Unterschiede hinsichtlich der Wirtschaftsleistung werden noch verstärkt. Tatsächlich ist die Aussicht auf eine ausgedehnte Depression sowie eine dauerhafte Spaltung in Schuldner- und Gläubigerländer derart trostlos, dass man sie nicht einfach hinnehmen kann. Was aber sind die Alternativen?

Der Ausweg

Deutschland muss entscheiden, ob es ein wohlwollender Hegemon werden will oder den Euro verlassen möchte. Was würde das bedeuten? Einfach gesagt: Es bedürfte neuer Ziele, die von den aktuellen Strategien abweichen.

  • Die Herstellung mehr oder weniger gleicher Bedingungen zwischen Schuldner- und Gläubigerländern. Das würde bedeuten, dass diese Länder ihre Staatsschulden zu beinahe gleichen Bedingungen refinanzieren könnten.
  • Die Zielsetzung eines nominalen Wachstums von bis zu fünf Prozent, so dass Europa seine exzessive Schuldenlast durch Wachstum abbauen kann. Das wird eine höhere Inflation erfordern, als die Bundesbank wahrscheinlich zu tolerieren bereit ist. Darüber hinaus könnte es auch eine Vertragsänderung und eine Änderung der deutschen Verfassung nötig machen.

Diese beiden Ziele sind erreichbar, allerdings nur, wenn man beträchtliche Fortschritte in Richtung einer politischen Union erzielt. Die im nächsten Jahr zu treffenden politischen Entscheidungen werden die Zukunft der Europäischen Union bestimmen. Die von der EZB am 6. September unternommenen Schritte könnten ein Vorspiel zur Schaffung eines Europas der zwei Geschwindigkeiten sein. Alternativ könnten sie auch zur Bildung einer engeren politischen Union führen, in der Deutschland jene Verpflichtungen akzeptiert, die seine Führungsposition mit sich bringen.

Eine Euro-Zone der zwei Geschwindigkeiten würde die Europäische Union letztendlich zerstören, weil die Entrechteten früher oder später austreten würden. Ist eine politische Union nicht erreichbar, wäre die nächstbessere Alternative eine geordnete Trennung der Gläubiger- und Schuldnerländer. Wenn die Euro-Mitglieder nicht miteinander leben können, ohne ihre Union in eine dauerhafte Depression zu treiben, wäre eine Trennung in beiderseitigem Einverständnis die bessere Lösung.

Bei einer freundschaftlichen Trennung kommt es sehr darauf an, wer wen verlässt, denn die angehäuften Schulden sind in einer gemeinsamen Währung denominiert. Verlässt ein Schuldnerland die Euro-Zone, steigt der Wert seiner Schulden entsprechend der Abwertung seiner Währung. Das betreffende Land mag vielleicht wettbewerbsfähig werden, aber es könnte seine Schulden nicht mehr bedienen, und das würde unkalkulierbare Verwerfungen an den Finanzmärkten auslösen. Der gemeinsame Markt und die Europäische Union sind vielleicht in der Lage, einen Zahlungsausfall eines kleinen Landes wie Griechenland zu verkraften, vor allem wenn er weithin erwartet wird, aber die Trennung von einem größeren Land wie Spanien oder Italien könnte man nicht überleben. Doch selbst ein Bankrott Griechenlands könnte sich als fatal erweisen. Dies würde einer Kapitalflucht Vorschub leisten und die Finanzmärkte zu Baisse-Manövern gegen andere Länder ermutigen. Der Euro könnte daher ebenso auseinanderbrechen wie der Wechselkursmechanismus im Jahr 1992.

Würde, im Gegensatz dazu, Deutschland austreten und die Währungsunion in die Hände der Schuldnerländer legen, fiele der Euro, und die angehäuften Schulden würden mit der Währung abwerten. Praktisch alle momentan unlösbaren Probleme würden sich lösen. Die Schuldnerländer würden ihre Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen, ihre realen Schulden würden sich verringern und, da die EZB diese Schulden unter ihrer Kontrolle hätte, würde sich die Bedrohung des Zahlungsausfalls in Luft auflösen. Ohne Deutschland hätte die Euro-Zone kein Problem bei der Vollführung einer Kehrtwende, für die man andernfalls die Zustimmung von Kanzlerin Merkel benötigte.

Insbesondere könnte die geschrumpfte Euro-Zone ihre eigene Finanzbehörde und einen eigenen Entschuldungsfonds etablieren, wie ich es im Folgenden darlegen werde. Die geschrumpfte Euro-Zone könnte sogar noch viel weiter gehen und die gesamten Schulden der Mitgliedsländer in Euro-Bonds konvertieren – und nicht nur den Teil, der über 60 Prozent des BIP liegt. Nach der Stabilisierung des Wechselkurses des geschrumpften Euro würden die Risikoaufschläge der Euro-Bonds auf ein Niveau sinken, wie das bei Anleihen in anderen Währungen mit flexiblen Wechselkursen der Fall ist, wie etwa dem britischen Pfund oder dem japanischen Yen. Das hört sich vielleicht unglaublich an, aber nur deshalb, weil man so weithin an die Missverständnisse glaubt, die diese Krise ausgelöst haben. Es kommt möglicherweise überraschend, aber die Euro-Zone würde auch ohne Deutschland hinsichtlich der Standard-Indikatoren für die Zahlungsfähigkeit von Staaten besser abschneiden als Großbritannien, Japan oder die USA.

Ein Austritt Deutschlands wäre ein turbulentes, aber durchaus zu bewältigendes Ereignis, im Gegensatz zu dem chaotischen und langwierigen Dominoeffekt, im Zuge dessen ein Schuldnerland nach dem anderen durch Spekulation und Kapitalflucht aus dem Euro gezwungen würde. Es gäbe keine gültigen Klagen durch geschädigte Anleiheinhaber. Sogar die Immobilienprobleme ließen sich leichter in den Griff bekommen. Angesichts beträchtlicher Wechselkursunterschiede würden die Deutschen in Scharen spanische und irische Immobilien kaufen. Nach anfänglichen Turbulenzen würde sich die Euro-Zone aus der Depression in die Wachstumszone bewegen.

Der gemeinsame Markt würde überleben, aber die relative Position Deutschlands und anderer Gläubigerstaaten, die den Euro möglicherweise verlassen, würde sich von der Gewinner- auf die Verliererseite verschieben. Diese Länder bekämen es auf ihren Heimmärkten mit harter Konkurrenz aus der Euro-Zone zu tun und obwohl sie vielleicht ihre Exportmärkte nicht verlieren würden, wären diese weniger lukrativ. Außerdem würden diese Länder finanzielle Verluste aus ihren in Euro denominierten Vermögenswerten ebenso wie aus ihren Forderungen im Rahmen des Target-2-Clearingsystems erleiden. Das Ausmaß der Verluste hinge vom Ausmaß der Abwertung des Euro ab. Deshalb hätten sie ein entscheidendes Interesse, diese Abwertung in Grenzen zu halten. Natürlich gäbe es zahlreiche Probleme beim Übergang, aber das Endergebnis wäre die Erfüllung von Keynes‘ Traum eines Währungssystems, in dem Gläubiger und Schuldner ein vitales Interesse an der Aufrechterhaltung der Stabilität haben.

Nach einem anfänglichen Schock würde Europa aus der deflationären Schuldenfalle entkommen, in der es sich momentan befindet. Die Weltwirtschaft im Allgemeinen und Europa im Besonderen würden sich erholen, und Deutschland könnte, nachdem es seine Verluste verdaut hat, seine Position als führender Produzent und Exporteur von Produkten mit hoher Wertschöpfung wieder einnehmen. Deutschland würde von der allgemeinen Verbesserung profitieren. Dennoch wären die unmittelbaren finanziellen Verluste und die Veränderung seiner relativen Position innerhalb des gemeinsamen Marktes so groß, dass die Erwartung, Deutschland könnte den Euro freiwillig verlassen, unrealistisch ist. Der Anstoß müsste von außen kommen.

Im Gegensatz dazu erginge es Deutschland um vieles besser, wenn es sich entschließen würde, als wohlwollender Hegemon zu agieren, und Europa blieben die Turbulenzen erspart, die ein deutscher Austritt aus dem Euro mit sich brächte. Doch der Weg zu den zwei Zielen – der Herstellung mehr oder weniger gleicher Bedingungen sowie einer wirksamen Wachstumspolitik – wäre viel steiniger. Ich darf das erläutern.

Im Weg steht Deutschlands Angst, zum Zahlmeister zu werden

Der erste Schritt wäre die Schaffung einer Europäischen Finanzbehörde, die berechtigt ist, Entscheidungen im Namen der gemeinsam und solidarisch agierenden Mitgliedsländer zu treffen. Das ist die fehlende Zutat, die notwendig ist, um den Euro zu einer vollwertigen Währung mit einem echten Kreditgeber letzter Instanz zu machen. Diese Finanzbehörde könnte in Partnerschaft mit der Zentralbank tun, was die EZB alleine nicht kann. Das Mandat der EZB besteht darin, die Stabilität der Währung aufrechtzuerhalten. Es ist ihr explizit verboten, Haushaltsdefizite zu finanzieren. Aber nichts verbietet es den Mitgliedstaaten, eine Finanzbehörde zu schaffen.

Im Weg steht Deutschlands Angst, zum Zahlmeister Europas zu werden. Angesichts des Ausmaßes der europäischen Probleme ist das verständlich, rechtfertigt aber nicht die dauerhafte Spaltung der Euro-Zone in Schuldner- und Gläubigerländer. Die Interessen der Gläubiger sollen und können geschützt werden, indem man ihnen bei Entscheidungen, durch die sie überproportional betroffen wären, ein Vetorecht einräumt. Das ist im Abstimmungssystem des ESM bereits berücksichtigt, wo es für jede wichtige Entscheidung einer Mehrheit von 85 Prozent bedarf. Dieser Modus sollte auch in die Regelungen für die Finanzbehörde aufgenommen werden. Leisten die Mitglieder allerdings einen ihrem Anteil entsprechenden Beitrag – beispielsweise durch einen gewissen Prozentsatz ihrer Mehrwertsteuer – sollte eine einfache Mehrheit ausreichen.

Die europäische Finanzbehörde würde automatisch die Verantwortung für EFSF und ESM übernehmen. Der große Vorteil einer europäischen Finanzbehörde besteht darin, dass sie wie die EZB Entscheidungen tagesaktuell fällen kann. Ein weiterer Vorteil wäre, dass man damit die ordnungsgemäße Unterscheidung zwischen fiskalischer und geldpolitischer Verantwortung wiederherstellt. Beispielsweise sollte die Finanzbehörde das Solvenzrisiko für alle von der EZB gekauften Staatsanleihen übernehmen. In diesem Fall gäbe es keinen Grund für Einwände gegen unbegrenzte Offenmarktgeschäfte der EZB. (Die EZB hat sich am 6. September selbst dafür entschieden, aber nur unter beharrlichen Einwänden der Bundesbank.)

Ein wesentlicher Faktor ist auch, dass es für die Finanzbehörde viel leichter wäre als für die EZB, die Teilnahme des öffentlichen Sektors bei der Neuordnung der griechischen Schulden anzubieten. Die Finanzbehörde könnte ihrer Bereitschaft Ausdruck verleihen, alle vom öffentlichen Sektor gehaltenen griechischen Anleihen in Nullkuponanleihen mit zehnjähriger Laufzeit zu konvertieren, vorausgesetzt Griechenland würde einen primären Überschuss von beispielsweise zwei Prozent erreichen. Damit könnte man ein Licht am Ende des Tunnels schaffen, das Griechenland auch in diesem späten Stadium noch helfen würde.

Der zweite Schritt bestünde darin, die Finanzbehörde einzusetzen, um eine stärkere Gleichstellung zwischen Schuldner- und Gläubigerländern zu schaffen, als die EZB dies am 6. September anbieten kann. Ich habe vorgeschlagen, dass die Finanzbehörde einen Entschuldungsfonds einrichten sollte – eine abgeänderte Form des von Merkels Sachverständigenrat vorgeschlagenen und von den Sozialdemokraten und den Grünen in Deutschland unterstützten Europäischen Schuldentilgungspaktes. Der Entschuldungsfonds würde Schuldtitel, die über 60 Prozent des BIP hinausgehen, unter der Bedingung aufkaufen, dass die betroffenen Länder von der Finanzbehörde gebilligte Strukturreformen durchführen. Der Fonds würde die Schulden nicht streichen, sondern die Schuldtitel halten. Weicht ein Schuldnerland von den vereinbarten Bedingungen ab, würde ihm der Fonds eine angemessene Strafe auferlegen. Wie aufgrund des Fiskalpakts gefordert, müsste das Schuldnerland nach einem Moratorium von fünf Jahren seine Überschuldung um fünf Prozent jährlich senken. Aus diesem Grund muss Europa ein nominales Wachstum von bis zu fünf Prozent anstreben.

Der Entschuldungsfonds würde seine Anleihekäufe entweder durch die EZB oder durch die Ausgabe von Europäischen Schatzanweisungen – Schuldverschreibungen, für die die Mitgliedstaaten gesamtschuldnerisch haften – finanzieren und die Zinsvorteile an die betreffenden Länder weitergeben. In jedem Fall würden die Kosten für die Schuldnerländer auf ein Prozent oder weniger sinken. Den Schatzanweisungen würde von den Behörden ein Nullrisiko-Rating verliehen, und sie würden bei Repo-Geschäften mit der EZB als Sicherheiten höchster Gütestufe behandelt. Das Bankensystem bedarf dringend risikofreier liquider Vermögenswerte. Als ich dieses Programm vorschlug, parkten die Banken mehr als 700 Milliarden Euro an überschüssiger Liquidität bei der EZB und verdienten damit lediglich Zinsen von einem Viertelprozent. Dies gewährleistet einen großen, aufnahmebereiten Markt für diese Schatzanweisungen bei weniger als einem Prozent. Im Gegensatz dazu wird man mit dem von der EZB am 6. September präsentierten Plan die Finanzierungskosten wahrscheinlich nicht sehr weit unter drei Prozent senken.

Unglücklicherweise wurde dieser Vorschlag von den Deutschen kurzerhand abgelehnt, und zwar mit der Begründung, dieser entspreche nicht den Anforderungen des Bundesverfassungsgerichtshofs. Meiner Meinung nach war dieser Einwand unbegründet, denn der Gerichtshof urteilte gegen Verpflichtungen, die zeitlich und in ihrem Ausmaß unbegrenzt sind, während die Schatzanweisungen zur Entschuldung in beiden Richtungen limitiert wären. Hätte Deutschland vor, als wohlwollender Hegemon zu agieren, könnte es den Vorschlag leicht akzeptieren. Vertragsänderungen wären dazu nicht notwendig. Schließlich könnten die Schatzanweisungen eine Brücke zur Einführung der Euro-Bonds bilden. Damit hätte man auf Dauer gleiche Bedingungen geschaffen.

Womit wir bei dem zweiten Ziel einer wirksamen Wachstumspolitik wären, die auf ein nominales Wachstum bis zu fünf Prozent abzielt. Dieser Wert ist notwendig, damit die schwer verschuldeten Länder die Voraussetzungen des Fiskalpakts erfüllen können, ohne in eine deflationäre Schuldenfalle zu geraten. Dieses Ziel kann nicht erreicht werden, solange Deutschland an der asymmetrischen Interpretation monetärer Stabilität der Bundesbank festhält. Wenn es im Euro bleiben will, ohne die Europäische Union zu zerstören muss Deutschland für einen begrenzten Zeitraum eine Inflation von über zwei Prozent akzeptieren.

Der Weg dorthin

Wie kann Deutschland nun dazu gebracht werden, sich zu entscheiden, entweder im Euro zu bleiben, ohne die Europäische Union zu zerstören, oder den Schuldnerländern zu ermöglichen, ihre Probleme allein zu lösen, indem man aus dem Euro austritt? Druck von außen könnte dies bewerkstelligen. Mit François Hollande als neuen Präsidenten ist Frankreich offenkundiger Kandidat als Verfechter einer alternativen Politik für Europa. Durch die Bildung einer gemeinsamen Front mit Italien und Spanien könnte Frankreich ein wirtschaftlich glaubwürdiges und politisch ansprechendes Programm vorlegen, um damit den gemeinsamen Markt zu retten und die Europäische Union als idealistische Vision wieder erstehen zu lassen, die die Vorstellungskraft der Menschen beflügelt. Die gemeinsame Front könnte Deutschland vor die Wahl stellen: führen oder austreten. Das Ziel wäre nicht, Deutschland auszuschließen, sondern seine politische Haltung radikal zu ändern.

Unglücklicherweise ist Frankreich angesichts der entschlossenen Gegnerschaft aus Deutschland in einer nicht sehr starken Position, um mit Italien und Spanien eine einheitliche Front zu bilden. Kanzlerin Merkel ist nicht nur eine starke Führungspersönlichkeit, sondern auch eine geschickte Politikerin, die weiß, wie man Gegner auseinanderdividiert. Frankreich ist besonders verwundbar, weil es im Hinblick auf Haushaltskonsolidierung und Strukturreformen weniger getan hat als Italien oder Spanien. Der relativ geringe Risikoaufschlag, den französische Staatsanleihen gegenwärtig aufweisen, ist fast ausschließlich dem Umstand der engen Verbindung Frankreichs mit Deutschland zu verdanken. Asiatische Zentralbanken kaufen französische Anleihen, vor allem seit die deutschen Anleihen negative Erträge bringen. Sollte sich Frankreich zu eng mit Italien und Spanien verbünden, würde man das Land mit dem gleichen Maßstab beurteilen, und die Risikoaufschläge auf seine Anleihen würden auf ähnliche Niveaus ansteigen.

Die Vorteile, mit Deutschland in einem Boot zu sitzen, wenn sich in Europa eine ausgedehnte Depression breitmacht, dürften zugegebenermaßen trügerisch sein. Da die Bruchlinie zwischen Deutschland und Frankreich deutlicher hervortritt, dürften die Finanzmärkte Frankreich ungeachtet, ob es Deutschland treu bleibt oder nicht, einer Kategorie mit Italien und Spanien zuordnen. Die tatsächliche Wahl Frankreichs besteht also einerseits in einem Bruch mit Deutschland, um Europa zu retten und das Wachstum wiederherzustellen, oder, andererseits, vorzugeben, für eine begrenzte Zeit im Hartwährungsboot zu sitzen, nur um später über Bord geworfen zu werden. Sich auf die Seite der Schuldnerländer zu schlagen und sich der Sparpolitik entgegenzustellen, würde es Frankreich ermöglichen, seine Führungsrolle wieder einzunehmen, die es unter der Präsidentschaft Mitterands innehatte. Das wäre eine würdigere Position als die eines Beifahrers neben Deutschland. Dennoch würde es von Frankreich großen Mut erfordern, sich kurzfristig von Deutschland abzukoppeln.

Italien und Spanien haben andere Schwächen. Italien erwies sich als unfähig, alleine eine gute Regierungsführung aufrechtzuerhalten. Seine aktuellen Schuldenprobleme sammelten sich schon vor dem Euro-Beitritt an. Tatsächlich wies Italien als Euro-Mitglied hinsichtlich der primären Haushaltsüberschüsse bessere Werte auf als Deutschland – selbst über weite Strecken unter der Regierung Berlusconi. Allerdings scheint Italien eine Institution von außen zu brauchen, um sich von schlechter Regierungsführung zu befreien. Darum waren die Italiener so begeistert von der Europäischen Union. Spanien ist politisch gesehen viel gesünder, aber die aktuelle Regierung ist Deutschland gegenüber viel unterwürfiger, als es ihr guttut. Außerdem wäre die Verringerung der Risikoprämien aufgrund der Anleihenkäufe der EZB ausreichend, um den Anreiz für eine Rebellion gegen die deutsche Dominanz zu beseitigen.

Die Kampagne zur Veränderung der deutschen Haltung wird sich daher in der Form sehr von den zwischenstaatlichen Verhandlungen unterscheiden müssen, die momentan die Politik entscheiden. Die europäische Zivilgesellschaft, die Wirtschaft und die breitere Öffentlichkeit müssen mobilisieren und sich engagieren. Gegenwärtig ist die Öffentlichkeit in vielen Ländern der Euro-Zone beunruhigt, verwirrt und wütend. Das findet seinen Ausdruck in Fremdenfeindlichkeit, antieuropäischen Haltungen und extremistischen politischen Bewegungen. Die latent vorhandenen pro-europäischen Gefühle, die sich momentan nicht äußern können, müssen wieder entfacht werden, um die Europäische Union zu retten. In Deutschland träfe eine derartige Bewegung auf wohlwollende Reaktionen, denn die große Mehrheit im Land ist immer noch proeuropäisch eingestellt, steht aber unter dem Bann falscher fiskalischer und geldpolitischer Lehren.

Aktuell geht es der deutschen Wirtschaft relativ gut, und auch die politische Situation ist relativ stabil. Die Krise ist lediglich als entferntes Geräusch aus dem Ausland zu vernehmen. Nur ein Schock würde Deutschland aus seinen vorgefassten Meinungen reißen und es zwingen, sich mit den Folgen seiner aktuellen Politik auseinanderzusetzen. Das könnte eine Bewegung, die eine brauchbare Alternative zur deutschen Vorherrschaft bietet, erreichen. Kurzum, die aktuelle Situation präsentiert sich wie ein Alptraum, dem man nur entrinnen kann, indem man Deutschland wachrüttelt und ihm die Irrtümer seiner gegenwärtigen Politik bewusst macht. Wir können hoffen, dass sich Deutschland, vor die Wahl gestellt, dafür entscheidet, wohlwollend zu führen, anstatt andernfalls Verluste zu erleiden.

Soros im Video

Faktencheck: Löst Geld drucken Europas Probleme?

Erbitterter politischer Krieg vor dem Urteil in Karlsruhe

Dazu ein Artikel zum Nachdenken: Mitt Romney – überzeugter Vertreter des Kapitals – will Amerika retten

 

Update: Stefan Homburg empfiehlt Deutschland, aus dem Euro auszutreten