Kategorie: Politik

Einigkeit immer nur scheibchenweise: Quo Vadis Europa ?

Eine europäische Armee, eine europäische Staatsanwaltschaft, stärkere Zusammenarbeit in der Migrationspolitik, eine europaweite Einführung der Finanztransaktionssteuer, eine europäische Asylbehörde, ein gemeinsamer europäischer Grenzsschutz und einiges mehr: Der französische Präsident Macron präsentiert sich seit seiner Wahl als Visionär der vereinigten Staaten von Europa.

Um die gemeinsame Währung zu sichern und den Wirtschaftsblock Europa im Zeitalter der Globalisierung zu stärken, liegt die Notwendigkeit der Vergemeinschaftung von Aufgaben auf der Hand. Das Problem dabei ist jedoch die enorme Ungleichheit in Europa, die Schere zwischen Arm und Reich, die einfach zu weit auseinander klafft. So entsteht mit jeder weiteren Maßnahme auch ein größeres Risiko für die Netto-Einzahler – und das sind in letzter Konsequenz die einfachen Leute. 

Entsprechend vielstimmig und streitbar agieren die einzelnen Mitgliedsstaaten, entsprechend schwierig ist es, Kompromisse zu erreichen.  In 16stündigen Verhandlungen einigten sich heute die europäischen Finanzminister auf einen Minimal-Kompromiss bei der  Reform der Währungsunion. Die Entwicklung geht kontinuierlich weiter Richtung Schuldenunion. 

Wesentliche Pfeiler der europäischen Währung sind die Zentralbank EZB und der ESM. Die Europäische Zentralbank EZB überwacht das Bankensystem und reguliert die Geldmenge in Europa. Sie soll ein stabiles Preisniveau und eine Inflation von weniger als zwei Prozent sicherstellen. Seit 2015 schleust die EZB  durch den Erwerb von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren Monat für Monat 60 Milliarden in das Finanzsystem. Banken sollen dadurch dazu bewegt wegen, weniger in diese Titel zu investieren und statt  dessen mehr Kredite zu vergeben. 80 Prozent des Risikos tragen die Nationalbanken. Seit Juni 2016 kauft die EZB auch Unternehmensanleihen. Insgesamt 2,6 Billionen Euro hat sie bisher in dieses sogenannte Quantitative Easing (QE) investiert. Seit Oktober 2018 beträgt das monatliche Volumen noch 15 Milliarden.

Das Guthaben der Deutschen Bundesbank im Euro-Zahlungssystem Target; sprich: das Risiko hat inzwischen die  Marke von 1 Billion Euro überschritten – das ist eine 1 mit neun (!) Nullen. Ein Thema, das tunlichst öffentlich kaum diskutiert wird. Sonst dürften die Fragen an die Bundesregierung noch eindringlicher werden, warum Deutschland anderen Euroländern in diesem Zahlungssystem gleichsam unbegrenzt und unverzinst Kredit gewährt – und das ohne echte Sicherheiten. 

Mit ihrem Zinssatz von 0 Prozent und einem Einlagezins von minus 0,4 Prozent ermöglicht die EZB preiswerte Kredite und stützt damit die schwächeren Staaten der EU – ermutigt sie aber auch, immer mehr Schulden zu machen und damit noch unsicherer zu werden. Die negativen Folgen für Sparer, Lebensversicherungen oder Rentenpläne sind  offensichtlich: De facto erfolgt eine Enteignung der einfachen Leute. In Deutschland ist das mittlerweile bei jedem angekommen, der einen langfristigen Sparvertrag egal welcher Art hält.

Erwartet wird, dass die EZB frühestens in  der Sitzung am 24. Oktober 2019 einen vollen Zinsschritt um 25 Basispunkte (0,25 Prozentpunkte) nach oben gehen wird. Es wäre die erste Zinserhöhung seit acht Jahren – und, wenn es so käme, die erste und gleichzeitig letzte für Mario Draghi, dessen Amtszeit am 31. Oktober 2019 endet.

Der Europäische Stabilitäts-Mechanismus ESM  soll einspringen, wenn Staaten keine anderen Kreditgeber mehr finden.

Der ESM funktioniert wie eine Bank. Er kann Er kann: Euro-Ländern Überziehungskreditlinien einräumen, Banken finanzieren,  Euroländern Kredite geben, von Euro-Ländern direkt oder indirekt Staatsanleihen ankaufen,  Zinspolitik betreiben,  Eurobonds herausgeben.  Summasummarum kann die ESM-Bank Finanzgeschäfte jeder Art und Höhe betreiben. Eine Grafik des Finanzministeriums listet auf, wie die Entscheidungen des ESM gefällt werden.

Damit hat der Stabilitätsmechnismus eine ungeheure Macht, die stark in die nationale Souveränität der einzelnen Eurostaaten einschneidet: Er kann unbegrenzt (Refinanzierungs-)Kredit/Geld aufnehmen, um damit die Schulden schwacher Euro-Länder/Banken zu finanzieren. Diese neuen ESM-Schulden werden durch das Aktienkapital der ESM-Bank (mindestens  700 Milliarden) gedeckt, für dessen Einzahlung die Länder/Bürger haften. Deutschland ist der größte Einzahler und haftet mit 27 Prozent der Gesamtsumme, das sind zurzeit 198,3 Milliarden Euro – nach oben offen.

Das gefährlich Unübersichtliche an diesem Pakt ist, dass die indirekten Aktionäre der ESM-Bank, die zahlenden und haftenden Bürger der Euro-Länder  keine Möglichkeit haben, die Geschäfte der ESM-Bank durch Bestellung unabhängiger externer Prüfer zu kontrollieren. Die ESM-Bank und ihr Vermögen  genießen absolute Immunität und können nie und nirgendwo vor Gericht belangt werden. Gerichtliche oder gesetzgeberische Maßnahmen gelten für sie nicht. Die ESM-Bank ihrerseits hat Klagerecht gegen jedermann.  Alle 23 Gouverneure, Direktoren etc. der ESM-Bank samt Schriftwerk genießen jedoch Immunität von jeglicher Gerichtsbarkeit hinsichtlich ihrer geschäftlichen (nicht amtlichen!) Tätigkeit für die ESM-Bank, egal ob sie hunderte Milliarden Euro verschleudern, vernichten, oder veruntreuen. Mehr dazu hier.

Die Nagelprobe des ESM wäre eine Staatspleite, wie sie etwa bei Italien drohen könnte. In diesem Fall könnten die Ausgaben ins Unermessliche steigen – während andererseits die EU-Kommission außer im härtesten Fall der Verhängung von Strafzahlungen im Rahmen eines Defizitverfahrens keine Möglichkeit hat, gegen Misswirtschaft der jeweiligen Landespolitik vorzugehen.

Einigen konnten sich die Finanzminister in ihrem Bemühen um Sicherheit  auf ein Banken-Sicherungskonzept über 60 Milliarden Euro, angesiedelt beim ESM. Der könnte dem dem aus Bankenabgaben finanzierten Abwicklungsfonds (SRF) der Bankenunion einen Kredit gewähren, sollten in einem „großen Fall“ weder der Beitrag der Aktionäre und Gläubiger (Bail-in) noch die SRF-Mittel zur Deckung der Kosten einer Bankenabwicklung ausreichen. Der Kredit wäre in drei bis fünf Jahren zurückzuzahlen. Der SRF soll bis zum Jahr 2024 von den Banken mit insgesamt 55 Milliarden Euro befüllt werden.  Entfallen soll für das Sicherungskonzept die Möglichkeit des ESM, Banken direkt zu rekapitalisieren.

Insgesamt ist der Plan, den ESM zu einem europäischen Währungsfonds, ähnlich dem IWF auszubauen. Bisher darf der ESM nur Kredite an Länder vergeben, die von einer schweren Krise erfasst wurden – und auch nur, wenn diese Länder im Gegenzug harte Reformauflagen umsetzen (siehe Griechenland). Nun soll der Fonds eine neue Kreditlinie erhalten, die auch wirtschaftlich solide Länder in Anspruch nehmen können, ohne Reformen umsetzen zu müssen. Die Logik: In anderen Weltregionen würde ein solches Land,wenn es von einer Krise erfasst wird, von seiner Zentralbank unterstützt werden. Diese Aufgabe übernimmt für die Euro-Länder der ESM.

Das bedeutet allerdings noch höhere Garantieleistungen der beteiligten Einzahler, besonders Deutschlands, das den höchsten Anteil stemmen muss.

Im Gegenzug wurde zwar eine Sicherung eingebaut, die aber jederzeit verwässert werden kann.

Die Zeit listet auf, wie das im Detail aussehen soll: Das Etatdefizit muss weniger als drei Prozent der Wirtschaftsleistung betragen, und die Staatsschuldenquote darf nicht mehr als 60 Prozent der Wirtschaftsleistung entsprechen.  Wenn die Quote diese Schwelle übersteigt, muss das Land nachweisen, dass es diese in den drei Jahren vor Beantragung des Kredits um mindestens 0,5 Prozentpunkte jährlich gesenkt hat. Italien könnte mit seinem aktuellen Haushaltsplan damit derzeit kein Darlehen bekommen.

Für überschuldete Staaten soll eine Art Insolvenzverfahren eingeführt werden. Allerdings – und hier wird die Strenge gleich wieder aufgeweicht- ist nicht vorgesehen, dass diese Länder „automatisch“ in die Insolvenz geschickt werden, wenn sie einen Kredit beantragen. Begründung: Das würde Krisen verschärfen.

Siehe auch: 

EZB wird Bad Bank

ESM soll ohne Limit arbeiten

ESM verstößt gegen Gesetz und EU-Verträge  und die dortigen Links

Update: EZB stellt 2019 weiteren Zukauf von Staatsanleihen ein 

Mr. Dax alias Dirk Müller: „Gezielter Versuch eines Rufmordes“

Am Mittwoch, 21. November, erschien in der angesehenen Süddeutschen Zeitung auf Seite drei ein Artikel des Wirtschaftsredakteurs Jan Schmidbauer mit der Überschrift: „Mr.Dax“ und das Geschäft mit der Angst…“

Dirk Müller, besagter Mr. Dax, hat sich am heutigen Samstag in einem langen Artikel dagegen zur Wehr gesetzt.  Der ehemalige amtlich vereidigte Kursmakler ist heute einer der bekanntesten deutschen Finanzexperten. Der Gründer des Finanzinformationsdienstleisters Finanzethos GmbH mit dem Markenkern „Cashkurs.com“, Autor mehrerer Bücher und Herausgeber eines viel gelesenen Newsletters hat ein ungewöhnlich großes Talent, auch Laien zu zeigen, in welch unglaublicher Weise die Märkte das Leben spiegeln. Ich beobachte seit Jahren, was er schreibt und halte ihn für einen Mann, der die Welt viel zu global betrachtet, um sich selbst in einer politischen Richtung festzulegen – schon gar nicht nach rechts. 

Weil die Verdrehung von Tatsachen in dem Artikel so offensichtlich erscheint und weil Dirk Müller selbst alles nötige dazu sagt, was es zu sagen gibt, möchte ich ihn hier wörtlich übernehmen. Möge er ernsthaften Journalisten und ihren Medien als Beispiel dafür dienen, wie man es nicht machen darf. 

„Dem Artikel ging ein zweistündiges Interview mit dem 28-jährigen Journalisten Jan Schmidbauer in einem Kölner Hotel im Vorfeld eines Vortrages anlässlich des Anlegertages von Professor Max Otte voraus, während dem ich dem Interviewer ausführliche und sachliche Informationen zu seinen Fragen geben wollte. Schon kurz nach Beginn wurde mir klar, dass er daran nicht interessiert war, sondern ein vorgefertigtes Konzept für seinen Artikel zu haben schien, für den er jetzt noch auf ein paar „Fleischbrocken“ hoffte. Ich war ob der Dreistigkeit und der für mich offensichtlichen Klarheit seiner Pläne mehrfach versucht das Interview abzubrechen, habe mich aber entschieden wenigsten zu versuchen an seine journalistische Ehre zu appellieren einen halbwegs fairen Bericht zu verfassen, auch wenn die Zielvorgabe für mich klar war. Es war ein vergeblicher Versuch.

Das Ergebnis war ein Rufmord in Reinkultur, wie ihn derzeit viele kritische Personen in Deutschland erleben. Da ich im Gegensatz zu den meisten – noch – die Möglichkeit habe eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, habe ich mich entschlossen den Verlauf und die Details hier stellvertretend für all jene, die sich nicht wehren können, öffentlich zu machen. Ich möchte zeigen, mit welchen perfiden Methoden hier sehr gezielt unliebsame Kritiker mundtot gemacht werden sollen.

Ich habe den Artikel abschnittweise kommentiert. Den ganzen Artikel finden Sie hinter der Bezahlschranke der Süddeutschen Zeitung.

Der Text beginnt bereits mit der ersten kleinen Lüge. Ich habe in der Bühnenshow gesagt – und den Filmausschnitt gezeigt – dass ich die Hosenträger von „Bud Fox“, dem jungen Mann in dem Film Wall-Street, bewundert habe und mich mit ihm, der am Ende auch gegen die Sauereien der Börse einsteht, identifiziert habe. Der Journalist verdreht das in die unsympathische und kriminelle Figur „Gordon Gekko“.

Aus einer 2-stündigen Abendshow als einziges Zitat den Satzteil „der einzige Idiot“ zu extrahieren, spricht für sich selbst – es ist aber auch erst die Aufwärmphase, um beim Leser die richtige Grundstimmung zu erzeugen.

Mit dem negativ besetzen Begriff „johlen“ und den Begrifflichkeiten „Typ BWL“, „Typ Kleinaktionär“, vor allem aber mit dem völlig deplatzierten und willkürlichen „Ein Duft von Aftershave und Flaschenbier“ werden 800 ganz normale Zuschauer aus der Mitte der Gesellschaft pauschal herabgesetzt – mit dem Ziel, die Veranstaltung und den Redner verächtlich zu machen.

Einen besonderen Geschmack bekommt dieser Abschnitt vor folgendem Hintergrund: Im Interview hat er mich auf die Besucher der Show angesprochen mit dem Satz „Mir ist aufgefallen, dass unter Ihren Zuschauern viele AfD-Anhänger waren!“. Als ich fragte, woran er diesen Unsinn festgemacht habe, ob diese bedruckte T-Shirts trugen oder Fahnen geschwenkt hätten, meinte er „Das war so mein Eindruck“ …aha… der Eindruck hat ihm (vielleicht auf Anraten der Rechtsabteilung) nicht gereicht, um es dann auch so zu schreiben, also hat er sich offenkundig einer anderen Methode bedient, um das Ziel zu erreichen, das Publikum verächtlich zu machen.

Wieder bedient der Autor sich der Lüge. Ich würde den Anlegern nicht empfehlen, ein breites Portfolio aufzubauen, um Risiken zu streuen. Das genaue Gegenteil ist richtig. Selbstverständlich empfehle ich genau das. Verschiedene Aktien (mindestens 11, eher 20), Edelmetall, Immobilien und Tagesgeld/Geldmarktpapiere zur Liquiditätshaltung. „Nicht elf Manuel Neuer aufstellen“ bedeutet genau das! Eben nicht nur alles auf einen Spieler zu setzen. Der Autor lügt hier dreist, um meine Kompetenz in Abrede zu stellen.

Eine unterschwellige und unfundierte Herabsetzung. „Müller gab einfache“ (und somit flache, oberflächliche) Antworten auf komplizierte Themen. Eine frei erfundene Aussage ohne jedes Sachargument. Wäre das so gewesen, hätte der Bundestag mich kaum als Experten geladen.

Jetzt wird es aggressiver. Ich würde Angst verbreiten und verkaufen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich beschreibe nüchtern die Zusammenhänge und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Daraus ergeben sich Chancen und Risiken. Beides beschreibe ich gleichermaßen und nur so ist es verantwortungsbewusste Berichterstattung. Wer nur die Chancen beschreibt, gefährdet das Geld der Anleger. Genauso könnte man einen Bericht über einen Seismologen, der Erdbebenwahrscheinlichkeiten berechnet, überschreiben mit den Worten „Sein Geschäft mit der Angst und wie er damit Geld verdient“. Seine Anschuldigung würde stimmen, wenn ich falsche Behauptungen aufstellen würde und Risiken benennen würde, die nicht existieren. Das ist aber nicht der Fall, hier hat mir auch noch niemand Fehler vorgeworfen und hier bringt auch der Autor kein überzeugendes Argument diesbezüglich vor.

Dass jeder Fonds der Welt Gebühren kostet, sollte auch einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung bekannt sein. „Stattliche Gebühren“ sind ein Begriff für besonders hohe Gebühren. Tatsächlich liegen die Verwaltungsgebühren des Fonds mit jährlich 1,55% im unteren Bereich für vergleichbare Fonds, zumal wir vollständig auf zusätzliche Performancegebühren verzichten. Eine bewusste, den Leser irreführende Falschaussage, oder fachliche Unkenntnis des Journalisten – aber nichts im Vergleich mit dem, was noch folgen sollte.

Doch, ich bemühe mich – aber Journalisten wie dieser sorgen dafür, dass es vergeblich bleibt.

Er spricht von „steilen Thesen“, was man mit „unglaubwürdigen Thesen“ übersetzen kann. Schauen wir uns diese „steilen Thesen“ an, die er anführt.

Die Gefahr eines Bürgerkrieges in Europa sei eine solche „steile These“. Nun, da bin ich in guter Gesellschaft, sie stammt nämlich vom französischen Präsidenten Macron

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/eu/id_83621208/frankreichs-staatschef-macron-warnt-vor-buergerkrieg-in-europa.html

Dass der Dieselskandal in den USA, der sich dort ausschließlich gegen die deutschen Autohersteller richtete, eine politische Komponente gegen die deutsche Autoindustrie beinhaltet, sei eine steile These. Interessant, dass der amerikanische Präsident Trump diese These mit einem „Frontalangriff auf die Deutsche Autoindustrie“ bestätigt, wie ausgerechnet die Süddeutsche Zeitung selbst berichtet

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/autohersteller-trumps-irrationaler-frontalangriff-auf-die-deutsche-autoindustrie-1.3334781

Dass Macron von Rothschild gefördert wurde, hält der junge Journalist gleichfalls für eine „steile These“. Ein wenig Recherche hätte ihn eines Besseren belehrt.

Der Spiegel schreibt unter anderem:

Dennoch stieg der damals 30-Jährige in der Bank atemberaubend schnell auf. „Er wusste nichts, aber er verstand alles“, zitiert die „FT“ einen ehemaligen Kollegen. Und er hatte offenbar einen mächtigen Förderer: François Henrot, wichtigster Vertrauter von Bankchef David de Rothschild, soll ihn persönlich empfohlen haben.2010 wurde Macron mit 32 Jahren zum Partner bei Rothschild, so jung wie er hatte noch niemand zuvor diese höchste Hierarchiestufe erreicht.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/emmanuel-macron-schadet-ihm-seine-bankerkarriere-bei-der-wahl-a-1146089.html

Das vom Journalisten zitierte Wort „herangezüchtet“ kommt im gesamten Buch Machtbeben im Übrigen nicht vor. Eine glatte Lüge, seine eigene Wortschöpfung – die ich nie verwendet hätte – als  angebliches Zitat von mir zu kennzeichnen.

Hier handelte es sich um den Anlegertag, den Professor Max Otte jährlich für seine Fondsinvestoren veranstaltet, bei dem es um Anlegerthemen und auch gesellschaftliche Fragestellungen geht. Er hatte mich gebeten, als Redner meine Sicht auf die Wirtschaftslage zu geben, was ich sehr gerne und ohne Honorar für meinen geschätzten Kollegen und Freund Max Otte getan habe. Ich spreche mit jedem, aber für niemanden und bin stets ausschließlich für mich und nicht für andere Redner verantwortlich, denen ich hier im Laufe der Veranstaltung teilweise sehr deutlich widersprochen habe, wie die Anwesenden (der Journalist gehörte meines Wissens nicht dazu) bestätigen können.

Der Versuch des Journalisten, mich mit dieser Auflistung in die Nähe der AfD zu rücken, ist allzu offensichtlich und wird von mir in aller Klarheit zurückgewiesen. Ich habe in den vergangenen Jahren bei allen im Bundestag vertretenen Parteien gesprochen. Mit einer einzigen Ausnahmen: Der AfD. Ich habe für die linke Gruppierung „Attac“ die 10-Jahres-Festrede gehalten, ich habe auf Einladung der SPD und der Grünen in verschiedenen Bundestagsausschüssen als Experte ausgesagt. Ich habe viele Jahre in der Landesfachkommission Finanzen des CDU-Wirtschaftsrates mitgewirkt. Ich habe bei den Freien Wählern in Bayern gesprochen und bei der IG Metall. Nur mit der AfD hatte ich bis heute keine einzige Veranstaltung, Rede oder sonstige Kontakte. Und ausgerechnet mir versucht dieser Journalist und einige seiner Kollegen immer wieder -ohne jeden Beweis- eine Nähe zur AfD zu unterstellen. Da es jeder Grundlage nachweislich entbehrt, ist das kein Journalismus mehr, sondern gezielter Rufmord bösartigster Natur.

Hier wird es geradezu abenteuerlich. Ich habe mich weder im „leeren Frühstückssaal“ umgesehen, was auch gar nicht möglich gewesen wäre, da wir in der Bar saßen, noch bin ich ihm näher gerückt – und ich hatte ganz sicher auch keinen Grund zu flüstern. Reine Prosa. Ich habe ihm gesagt, dass ich über dieses Thema nicht bereit bin mit ihm zu sprechen, dass ich es bei dem Begriff „Netzwerke“ belassen möchte. Diese sehr heterogenen und keineswegs geheimnisvollen Netzwerke – man fasst sie gemeinhin unter den Begriff „Eliten“ – mit oft gegensätzlichen Interessenslagen, bestehen aus tausenden Personen, Institutionen und Firmen, so dass es lächerlich und in der Tat zu recht  angreifbar wäre, hier wenige Namen herauszupicken. Dass er mich auf dieses „Eis“ gerne geholt hätte, war mir klar. Er hatte gehofft, ich würde irgendeine Bank oder noch besser irgendeine Person – idealerweise jüdischen Glaubens – benennen, um dann die Antisemitismus-Keule schwingen zu können, wie er es im weiteren Verlauf des Textes dann ohne meine Vorlage erfinden musste.

Ich „bezeichne“ mich nicht als Journalist und Publizist, ich bin es. Ich bin seit vielen Jahren beim Deutschen Presse Verband DPV – Verband für Journalisten akkreditiert, habe in den vergangenen 10 Jahren hunderte von Artikeln in zahllosen Medien veröffentlicht, habe mit Finanzethos und der Marke „Cashkurs“  ein eigenes Medienhaus und inzwischen vier Spiegel-Besteller publiziert. Die vergleichbaren journalistischen und publizistischen Aktivitäten des Herrn Schmidbauer stehen diesbezüglich noch aus.

„Er hätte über Lobbyismus schreiben können“ impliziert, ich hätte es nicht getan. Eine glatte Lüge. Das Buch „Machtbeben“ handelt seitenweise vom Lobbyismus, das Wort kommt mehr als ein dutzend Mal vor und ich beschreibe mehrere Beispiele ausgiebig mit Namen und Firmen, zum Beispiel wie der Amerikaner Aji Pai zu Gunsten seines ehemaligen Arbeitgebers Verizon die Netzwerkneutralität in den USA gekippt hat und zahlreiches mehr. Mein letztes Buch „Showdown“ beinhaltet sogar ein eigenes Kapitel „Europa und die Lobbyisten“, wo das Thema seitenweise mit Ross und Reiter beschrieben wird. Der Satz „Aber sachliche Analysen findet man bei ihm selten“ ist nicht nur deswegen nichts weiter als eine freche Lüge ohne Substanz.

Aus den 113 Rezensionen auf Amazon, die das Buch zu 84% mit 5 Sternen bewerten, sucht er sich den Autor „Schlori“ heraus, dessen Aussage er auch hier wieder aus dem Zusammenhang reißt. Aber „Schlori“ wirkt eben alberner als „Daniel Schilke“, „Ernst Hamman“ oder „Patrick“. Eines muss man dem Autor zugestehen. Er geht ausgesprochen geschickt und gut geschult vor.

Der deplatzierte Satz „Müllers Argumentation ist dabei ein großes Raunen“…entbehrt zwar jeden Inhalts, verfehlt seine suggestive Wirkung beim Leser aber nicht.

Einen der Gründungsväter der Europäischen Union und ersten Karlspreisträger (höchster politischer Orden Europas) zum Philosophen zu reduzieren, um eine unliebsame Quelle zu marginalisieren, ist ein fast schon langweiliger Standard-Trick. Die zahlreichen anderen im Buch zitierten Politiker und Quellen lässt er folgerichtig gleich ganz unter den Tisch fallen.

Dann wiederholt er seine Zeilen zu Macron vom Anfang seines Textes. Ich möchte diesen Fehler hier nicht auch noch machen und verweise auf die obigen Ausführungen.

„Woher er seine Kenntnisse nimmt, ist unklar“… wohl nur dem oberflächlichen Betrachter. Das Buch ist mit mehr als 300 Quellenverweisen ausgestattet, die zu jedem einzelnen Punkt – für den ernsthaft  Interessierten – nachprüfbare und belastbare Quellen angeben. Ich hätte vermutlich auch 500 Quellen angeben können, es wäre dem Herrn Schmidbauer, der sich für Fakten offenkundig nicht sonderlich interessiert, noch immer „unklar“, woher die Informationen denn stammten.

Nun holt sich der Autor vermeintlich wissenschaftliche Unterstützung zu Hilfe. Michael Butter ist stellvertretender Vorsitzender einer Organisation der Europäischen Union gegen Verschwörungstheorien, die auch von eben jener EU finanziert wird. Das ist vergleichbar, als würde Bayer einen Chemiker von Monsanto befragen, ob an den Gerüchten über eine Gefährdung durch Glyphosat etwas dran sei.

https://conspiracytheories.eu/

Butter schreibt ein einem seiner Bücher höchstselbst, dass es außer Zweifel stehe, dass der Begriff „Verschwörungstheorie“ üblicherweise dazu dient, missliebige Alternativversionen zu diskreditieren. Das hindert ihn aber nicht, dies mit Begeisterung selbst einzusetzen, er weiß ja wie es funktioniert und greift auch gleich zur stärksten Keule mit der jeder unliebsame Zeitgenosse endgültig erschlagen werden kann, dem „Antisemitismus“. Ob es stimmt, spielt überhaupt keine Rolle – die bloße Behauptung genügt.

Hier werde ich in wenigen Sätzen, ohne Beleg als „nationalistisch, antiamerikanisch und antisemitisch“ diffamiert. Den einzigen und zugleich unumstößlichen Beweis scheint man in einem einzigen Punkt zu finden: Ich wage es im Zusammenhang mit Macron das Bankhaus Rothschild zu erwähnen (hat der Spiegel auch getan… ist der Spiegel etwa antisemitisch!?). Wie genau hätte ich das Bankhaus Rothschild seiner Meinung nach benennen sollen, ohne das Wort „Rothschild“ zu verwenden? Etwa: „Macron war für das Bankhaus tätig, dessen Name nicht genannt werden darf“!?…

Weiter schreibt er: „An anderer Stelle taucht, wie aus dem Nichts, der Investor George Soros auf, dessen jüdische Familie die Besetzung Ungarns durch die Nazis überlebt hat… da haben sie, platt gesagt, den nächsten Juden, der ins Spiel kommt.“

Ja! Sehr platt gesagt. Aber der Reihe nach. Was schätzen Sie, wie oft im Buch Machtbeben das Wort „Jude“ oder „jüdisch“ vorkommt? Kein einziges Mal. Warum? Weil es mir vollkommen egal ist, wessen religiösen Glaubens jemand ist. Ich beurteile jeden Menschen einzig nach seinen Worten und Taten. Die Aussage der Herren Butter und Schmidbauer bedeuten, dass nach ihrer Vorstellung jeder Mensch jüdischen Glaubens und jede Institution, die von Menschen jüdischen Glaubens geleitet wird, automatisch unfehlbar sind und egal was sie tun, nicht kritisiert und noch nicht einmal erwähnt werden dürfen, weil sie jüdischen Glaubens sind. Das halte ich wiederum für diskriminierende Ausgrenzung und für geradezu absurd.

Was genau die Tatsache, dass die Familie Soros die Besetzung Ungarns überlebt hat, hier zu suchen hat, erschließt sich vermutlich nur dem Autor selbst. Im Buch ist das auf jeden Fall nicht erwähnt.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal unmissverständlich klarstellen, dass ich nicht in den zartesten Ansätzen antisemitische, rassistische oder nationalistische Gedanken hege. Ganz im Gegenteil. Ich bin ein bekennender Europäer, ich liebe es, mich mit Menschen anderer Kulturen, Lebens- Geistes- Religions- und Denkwelten auszutauschen. Ich empfinde das als ungemein bereichernd. Ich schätze jeden Menschen auf Erden hoch und begegne ihm mit größter Sympathie. Wo immer ich die Möglichkeit habe – auch im Buch Machtbeben – setze ich mich für das Verständnis und den Respekt zwischen den Völkern und den Menschen ein. Gerade und besonders mit denen, mit denen man anderer Meinung ist. Das wird Ihnen jeder Mensch, der in den vergangenen Jahren mit mir zu tun hatte, bestätigen. Wer böswillig etwas anderes behauptet, ist ein unverantwortlicher Brandstifter und Rufmörder. Ich werde mich – wo immer nötig – dagegen zur Wehr setzen. Aber genau hierin steckt auch die perfide Strategie dieser Leute. Wenn man jemanden nur oft genug mit Dreck bewirft, wird schon etwas hängenbleiben. Man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen, dann wird sie geglaubt. Sie sehen, wie sehr ich mich hier gegen eine klar falsche Anschuldigung verteidigen muss. Doch wie viele Leser des Artikels der Süddeutschen werden in der Zukunft im Hinterkopf haben „Müller!? Da war doch irgendwas mit Antisemitismus!?“. So funktioniert Rufmord. Böse, intrigant und wirkungsvoll. So macht man unbequeme Personen tot, wenn die Argumente fehlen.

Weil die Börse der Schmelztiegel aller Ereignisse auf der Welt ist. Weil man die Börse nicht verstehen kann, ohne möglichst viel von der Welt und vor allem der Weltpolitik zu verstehen. Weil die Macht- und Politikinteressen immer über den Wirtschaftsinteressen stehen. Wer das bezweifelt, der denke an die Deutschen Wirtschaftssanktionen gegen Russland, die unsere Wirtschaft Milliarden kosten, was aber hinter politischen Interessen (berechtigt oder unberechtigt spielt hier keine Rolle) zurückstehen muss.

Man kann die Börse und die künftige Entwicklung von Unternehmen nicht verstehen, wenn man die politischen Hintergründe und Absichten nicht versteht. Die Volkswirte des Bankhaus M. M. Warburg sagen dazu: „Mehr denn je ist also die Politik der Schlüsselfaktor, von dem die Entwicklung der Weltwirtschaft maßgeblich beeinflusst wird.“ Deshalb kümmere ich mich auch um Fragen der Weltpolitik. Es ist befremdlich, dass einem Autor, dem diese Zusammenhänge fremd sind, dennoch die Seite 3 einer der größten deutschen Tageszeitungen eingeräumt wird.

Und wieder bemüht der Autor eine Lüge, um seine Geschichte aufzubauen. Ich habe an keiner Stelle behauptet, dass die Fotos an der Börse „NIE“ inszeniert waren. Ganz im Gegenteil habe ich diesem Journalisten genau erklärt, wie ich auch ab und zu für die oft ein oder zwei Stunden wartenden Fotoreporter den Telefonhörer in die Hand genommen habe, damit die ihr Foto noch vor Redaktionsschluss hatten. Aber das waren eben Ausnahmen. Warum muss er aus einer solchen banalen Selbstverständlichkeit eine Lüge machen? Weil sonst seine Geschichte nicht passt.

Er hat sich ja sehr viel Mühe gegeben, mich in die Pfanne zu hauen. Wie er an die Telefonnummer meines alten Chefs Hans Dittmar gekommen ist, weiß ich nicht. Es war vor 26 Jahren, dass ich für neun Monate bei Hans Dittmar gearbeitet habe. Soweit musste er zurücksuchen, um am Ende -trotz aller Mühe- nicht mehr Vorwürfe gegen mich zu finden, als dass ich sehr selbstbewusst gewesen sei. Das ist schon ein Skandal, da muss ich ihm Recht geben. Wer weiß, was rausgekommen wäre, wenn er meine Grundschullehrerin erreicht hätte… ich mag es mir nicht ausmalen.

Dann hat er einen alten Kollegen von mir ans Telefon bekommen, der zuletzt vor 10 Jahren in der gleichen Firma, aber in einer anderen Abteilung gearbeitet hat. 

Ich habe Arthur am Tag nach der Veröffentlichung des Artikels angerufen und habe ihn gefragt, ob er das wirkich so gesagt habe. Es hat mich nicht verwundert, dass er überrascht geantwortet hat: „Nein, das hab ich so absolut nicht gesagt“. Wir sind dann die Zitate durchgegangen, so wurde dann beispielsweise laut Arthur aus der Aussage „Es ist schwierig einen Fonds zu managen“ die freie Interpretation „Wenn er selber liefern muss kommt ja auch nichts dabei rum“. Alles andere wäre ja auch schlicht die Unwahrheit. Mein Fonds ist auf Platz 2 der erfolgreichsten Fonds des Jahres – wie selbst die mir gegenüber sonst ausgesprochen kritische „Welt am Sonntag“ vor wenigen Tagen einräumen musste.

Aber dann erzählte mir Arthur Brunner etwas Ungeheurliches: Der Typ wollte Dich die ganze Zeit in die rechte Ecke stellen und mich ständig dazu bewegen, ihm das irgendwie zu bestätigen. Ich hab dem gesagt, dass das völliger Blödsinn ist.

Wenn dies zutrifft, entlarvt sich spätestens hier der gesamte Artikel, der „Journalist“ und die Süddeutsche Zeitung als das, was es von Anfang an war: Ein abgekartetes Spiel. Ein von vorne herein konzeptionierter Versuch des Rufmordes an einem unbequemen Kritiker der Medien und der Politik, wie wir es sonst nur aus totalitären Staaten kennen. Es ging nie darum, ein ausgewogenes Bild zu gewinnen. Es war von Beginn an klar, was der Artikel bewirken muss, und welche Anschuldigungen da rein müssen, um ihre Wirkung zu erzielen. „Stellt ihn in die rechte Ecke, egal wie“. Und so wurde gegraben und gesucht bis in die tiefste Vergangenheit von vor fast 30 Jahren. Und es war zu dumm, dass nichts Belastbares zu finden war. Also blieb nur eine schwammige Diffamierung mit unterschwelligen Anschuldigungen und der konstruierten Lächerlichkeit, dass jemand, der etwas Negatives über  Banken oder George Soros sagt, von vorneherein ein übler Antisemit sein muss.

Ich habe an dieser Stelle jeden Respekt vor der Süddeutschen Zeitung verloren, die einst ein honoriges Schwergewicht der Deutschen Medienlandschaft war. Aber wer einem solchen offensichtlichen Rufmordartikel schwächster journalistischer Ausprägung die wichtigste Seite 3 der ganzen Zeitung einräumt, weiß genau, was er tut – und das entscheidet bei der Süddeutschen nicht der Praktikant, davon kann man ausgehen.

Leider bestätigt das in vollstem Umfang meine im Buch dargestellten Erläuterungen zur Veränderung der Medienlandschaft.

Die Medien haben als „vierte Gewalt“ die Aufgabe, die Eliten und die Politik zu kontrollieren und zu kritisieren. Sie sollen die Bevölkerung gegen Missstände mobilisieren, um so Machtmissbrauch der Eliten verhindern. Wenn ein Teil dieser Medien aber vom Kontrolleur der Macht zum Sprachrohr der Macht wird, dann brechen dunkle Zeiten an, denn von nun an ist dem Machtmissbrauch Tür und Tor geöffnet. Wenn einige dieser Medien aber sogar zur Schlägertruppe der Macht werden und jene Kritiker, die die eigentliche Aufgabe der Medien noch wahrnehmen, verbal niederknüppeln, dann haben wir wahrlich dunkle Zeiten. Alle aufrechten Journalisten und Medien, die es noch immer in großer Zahl gibt, sollten alles in ihrer Macht stehende tun, um sich gegen solche Entwicklungen ihrer Zunft zur Wehr zu setzen, die die ganze Branche in pauschalen Misskredit bringen. Die Leser sollten ihrerseits Ihre Konsequenzen ziehen und aufbegehren gegen solche immer häufiger zu beobachtenden infamen Versuche der Lesermanipulation zum Schaden der Gesellschaft, wo immer sie Ihnen begegnen.

Dirk Müller im November 2018″

Siehe dazu auch: Ehrenkodex des Deutschen Presserates

Nahe-Skywalk im Video – Drohnenflug über Hochstetten-Dhaun und das Tal

2015, kurz nach der Eröffnung, habe ich schon einmal über den Nahe-Skywalk geschrieben. Die Plattform über dem alten Steinbruch St. Johannisberg, einem Ortsteil von Hochstetten-Dhaun bei Kirn an der Nahe, erfreut sich konstanter Beliebtheit und wird mittlerweile auch bei tripadvisor bewertet. Der Skywalk liegt an der Hunsrück- Schiefer- und Burgenstraße, sowie am Wildgrafenweg, die zahlreiche weitere Sehenswürdigkeiten bieten. Die Besichtigung kostet nichts.

Hier nun ein kleines Video, aufgenommen mit der DJI Phantom 4 Pro Plus.

Rangliste der Pressefreiheit 2018: Deutschland liegt auf Platz 15 von 180

In keiner anderen Weltregion hat sich die Lage der Pressefreiheit im vergangenen Jahr so stark verschlechtert wie in Europa. Journalistinnen und Journalisten sind dort zunehmend medienfeindlicher Hetze durch Regierungen oder führende Politiker ausgesetzt. Das schafft ein feindseliges, vergiftetes Klima, das oft den Boden für Gewalt gegen Medienschaffende oder für staatliche Repression bereitet. Dies zeigt die Rangliste der Pressefreiheit 2018, die Reporter ohne Grenzen (ROG) am Mittwoch veröffentlicht hat.

„Demokratien leben von öffentlicher Debatte und Kritik. Wer gegen unbequeme Journalistinnen und Journalisten polemisiert oder gar hetzt und die Glaubwürdigkeit der Medien pauschal in Zweifel zieht, zerstört bewusst die Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft“, sagte ROG-Vorstandssprecherin Katja Gloger. „Hass und Verachtung gegen Journalistinnen und Journalisten zu schüren, ist in Zeiten des Vormarschs populistischer Kräfte ein Spiel mit dem Feuer. Leider erleben wir das zunehmend auch in Mitgliedsstaaten der Europäischen Union.“

Medienfeindliche Hetze als staatliches Programm ist längst nicht mehr auf repressive Regime wie in der Türkei oder Ägypten beschränkt, wo Regierungen kritische Journalisten routinemäßig als „Verräter“ und „Terroristen“ diffamieren und verfolgen, sagt ROG. Auch immer mehr demokratisch gewählte Staats- und Regierungschefs stellen die Medienfreiheit und damit eine der Grundfesten jeder pluralistischen Gesellschaft in Frage und behandeln kritische Medien unverhohlen als Feinde, zum Beispiel in Ungarn und Polen.

Vier der fünf Länder, deren Platzierung sich in der neuen Rangliste der Pressefreiheit am stärksten verschlechtert hat, liegen in Europa: die EU-Mitglieder Malta, Tschechien und Slowakei sowie das Balkanland Serbien. In diesen Ländern sind Spitzenpolitiker durch verbale Anfeindungen, Beschimpfungen und juristische Schritte gegen Journalistinnen und Journalisten aufgefallen. Zum Teil engen dort auch die Besitzverhältnisse der Medien die Freiräume für kritische Berichterstattung ein. Auch in so unterschiedlichen Ländern wie den USA, Indien und den Philippinen verunglimpfen hochrangige Politiker – darunter auch Staatschefs – kritische Journalisten gezielt als Verräter.

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Wie die oben stehende Grafik von Statista zeigt, ging es für Deutschland einen Rang bergauf, in Spanien und Polen verschlechterten sich die Werte. Besonders deutlich stiegen auch Tschechien und die Slowakei ab. Beim Ranking der Pressefreiheit wird unter anderem die Unabhängigkeit der journalistischen Arbeit vor Ort bewertet. Auch gewaltsames Vorgehen gegen Medienschaffende sowie ungerechtfertigte Haftstrafen von Reportern zählen in das Ranking hinein.

Deutschland hat sich mit Platz 15 von 180 um einen Rang verbessert. Insgesamt, so die Reporter ohne Grenzen,  ist das Arbeitsumfeld für Journalisten in Deutschland gut. Aber auch hier wurden in den vergangenen Jahren Journalisten staatlich überwacht, etwa, wenn sie in der rechtsextremen Szene recherchierten. Während der öffentlich-rechtliche Rundfunk gebührenfinanziert wird, müssen immer mehr Zeitungen ums Überleben kämpfen. Die Anzahl der Zeitungen mit eigener Vollredaktion geht zurück. Der Zugang zu Behördeninformationen ist je nach Bundesland unterschiedlich geregelt und mit Zeit und Kosten verbunden. Journalisten werden von Rechtsextremen und Salafisten angegriffen.

Rund 90 Prozent der Bundesbürger bewerten das Informationsangebot von Radio, Fernsehen, Internet, Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland als gut oder sehr gut. Nur jeder zehnte Deutsche hält die Qualität des Informationsangebots deutscher Medien dagegen für schlecht. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Glaubwürdigkeit der Medien, die infratest dimap im Auftrag des WDR durchgeführt hat und für die im Februar 2018 insgesamt 1.000 Wahlberechtigte in Deutschland befragt wurden.

Die untenstehende Statistik zeigt die Entwicklung der verkauften Auflage der Tageszeitungen in Deutschland in den Jahren von 1991 bis 2017. Im Jahr 1991 hatten die Tageszeitungen eine tägliche Auflage von rund 27,3 Millionen Exemplaren. 26 Jahre später lag die verkaufte Auflage bei rund 14,7 Millionen Exemplaren. Im Jahr 1954 wurden insgesamt 225 Tageszeitungen (publizistische Einheiten) in Deutschland herausgegeben. 60 Jahre später wurden laut BDZV nur noch 129 Tageszeitungen veröffentlicht.

Deutschlands grösste Zeitung ist die BILD. Die Entwicklung der Auflage – seit dem 4. Quartal 2009 ab, seit dem 2. Quartal 2013 inklusive B.Z.-Auflagen und seit dem 1. Quartal 2017 inklusive der Fussballbild – ist ebenfalls stark rückläufig. Die Druckauflage der BILD lag im 1. Quartal 2018 bei rund 2,25 Millionen Exemplaren. Davon wurden mehr als 1,62 Millionen Exemplare verkauft. Die Webseite der Zeitung ist laut IVW zudem das Nachrichtenportal mit den meisten Besuchern.

Rund 44,6 Millionen Deutsche lesen laut VuMa mehrmals wöchentlich in einer Zeitung. Die Verkaufszahlen in Deutschland sind rückläufig. Wurden 2006 im Durchschnitt jeden Tag rund 21 Millionen Zeitungen verkauft, lag die verkaufte Auflage der Tageszeitungen im Jahr 2017 nur noch bei 14,7 Millionen Exemplaren. Mit den Auflagen sinken auch die Gesamteinnahmen der Zeitungen, im Jahr 2016 lagen sie bei knapp 7,56 Milliarden Euro; gegenüber dem Vorjahr war das ein Rückgang von 1,1 Prozent. Vor allem die Werbeumsätze der Zeitungen sind in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen.

Hoffnung machen den Zeitungsverlegern die wachsenden Auflagen der E-Paper-Ausgaben und die zunehmende Verbreitung von Paid-Content-Modellen bei den Zeitungsportalen in Deutschland. Die auflagenstärksten Zeitungen hierzulande sind die Bild-Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ): siehe Tageszeitungen in Deutschland nach Auflage.

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Auf Platz 1 der Rangliste liegt Norwegen: In Norwegen gibt es so viele Zeitungsleser wie fast nirgendwo sonst. Das Land zählt rund 200 Zeitungen, allerdings gehören sie fast alle einigen wenigen Besitzern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk dominiert die Radio- und Fernsehlandschaft, doch in den vergangenen Jahren hat die Konkurrenz durch die Privatmedien stark zugenommen. Fast alle Haushalte haben einen Internetanschluss, Onlinemedien und Webseiten werden nicht zensiert.

Schweden auf Platz 2 der Liste war das erste Land weltweit, das Pressefreiheit garantierte – und zwar schon 1766. Die Pressefreiheit wird durch ein 1991 in der Verfassung verankertes „Grundrecht auf Meinungsäußerung“ zusätzlich gestärkt. Schwedische Journalisten genießen Quellenschutz, jeder Bürger hat zudem einen auch rechtlich einklagbaren Zugang zu Behördeninformationen. Allerdings sind hasserfüllte Äußerungen und rassistische Hetze verboten. Seit Juni 2013 ist die Polizei befugt, im Falle rassistischer Äußerungen im Internet mittels der IP-Adresse von Computern gezielt nach den Verfassern zu forschen. Verleumdung kann mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden

In einer interaktiven Weltkarte lässt sich die Rangliste samt Erklärungen abrufen. Hier einige Auszüge:

Fernsehen ist das dominierende Medium in den Niederlanden (Platz 3 von 180), gleichzeitig hat jeder zweite Haushalt eine Zeitung abonniert. Die Printmedien spiegeln vielfältige Meinungen wider, obwohl sie nur einigen wenigen Unternehmen gehören. Jeder Bürger hat weitgehende Rechte auf Behördeninformationen. Seit der Filmemacher Theo van Gogh im Jahr 2004 von einem muslimischen Extremisten ermordet wurde, zensieren sich viele Journalisten bei religiösen Themen selbst.

In der Schweiz (Platz 5) werden die in der Verfassung garantierten Rechte auf Pressefreiheit und Unabhängigkeit des Rundfunks geachtet. Besonders die Weitergabe von Bankgeheimnissen wird jedoch geahndet, selbst wenn es sich um Informationen zu Geldern aus Steuerhinterziehungen in anderen Ländern handelt. Die meisten Printmedien sind im Besitz weniger Medienhäuser, mehrere kleine Verlage mussten wegen dieser Übermacht in den vergangenen Jahren ihre Arbeit einstellen oder sich mit anderen zusammenschließen. Aufgrund der Viersprachigkeit der Schweiz erscheinen sowohl Printmedien wie auch Radio- und Fernsehprogramme in der in ihrem Verbreitungsgebiet vorherrschenden Sprache.

Eine Besonderheit der Medienlandschaft in Belgien (Platz 7) ist ihre klare Trennung in zwei große Sprachgruppen. Flamen und Wallonen haben jeweils eigene öffentlich-rechtliche Rundfunkkanäle, die auf Flämisch und Französisch senden. Zeitungen und Zeitschriften sind in den Händen von ein paar großen Unternehmen zentriert, die ebenfalls jeweils eine der Bevölkerungsgruppen bedienen. Die Presse kann weitgehend frei berichten. Im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise nach 2008 haben in manchen Medienhäusern bis zu einem Drittel der Mitarbeiter ihre Arbeit verloren.

In Österreich (Platz 11) ist es um die Pressefreiheit weitgehend gut bestellt. Die Regierung versucht jedoch immer wieder, über gezielte Besetzung von Führungspositionen Einfluss auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk (ORF) auszuüben. Die überregionalen Tageszeitungen sind harte Konkurrenten, doch vor allem in den ländlichen Regionen gibt es meist nur noch eine Regionalzeitung. Kritiker werfen der Regierung vor, die in den vergangenen Jahren erlassenen Antiterrorgesetze zur Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit zu missbrauchen. Anstachelung zum Hass auf eine Bevölkerungsgruppe kann mit zwei Jahren Haft bestraft werden.

In Frankreich (Platz 33) sind die öffentlich-rechtlichen Medien weitgehend unabhängig von politischer Einflussnahme und frei von Zensur. Allerdings kann der Staatschef über die Medienaufsichtsbehörde CSA die Intendanten mehrerer öffentlich-rechtlicher Rundfunkanstalten benennen. Strenge Gesetze zum Schutz der Privatsphäre schränken die Arbeit von Journalisten ein. Die Verleumdung von Beamten wird härter bestraft als die von Privatpersonen. Ein Gesetz aus dem Jahr 2013 stellt die Veröffentlichung der Vermögensverhältnisse bestimmter Parlamentsabgeordneter unter Strafe. Der Informantenschutz wird von Kritikern immer wieder als unzureichend bezeichnet.

Großbritannien (Platz 40) galt lange Zeit als Musterland der Pressefreiheit. Durch die Enthüllungen des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Edward Snowden wurde jedoch bekannt, dass der britische Geheimdienst GCHQ jahrelang Journalisten ausgespäht hat. Im August 2013 wurden Mitarbeiter der Tageszeitung The Guardian gezwungen, Festplatten mit brisantem Material der Snowden-Enthüllungen zu zerstören. Die Printmedien liefern sich einen harten Konkurrenzkampf.

Die Pressefreiheit ist in den USA (Platz 45) im ersten Verfassungszusatz festgeschrieben, wird aber allzu oft mit Verweis auf die nationale Sicherheit eingeschränkt. Mit abschreckenden Gerichtsurteilen und der Ausforschung von Telefonanschlüssen, mit willkürlichen Verhören an Flughäfen und Abstrichen am Informantenschutz gehen die Behörden gegen investigative Journalisten und deren Hinweisgeber vor. Der Geheimdienst NSA hat an Knotenpunkten des Internets die Kommunikation von Millionen unbescholtener Bürger abgefangen sowie vorsätzlich Sicherheitslücken in Software und IT-Infrastruktur eingeschleust. Überdies verfolgt die Regierung von Präsident Barack Obama Whistleblower so streng wie keine Regierung zuvor.

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Italien (Platz 46): Seit Silvio Berlusconi von der politischen Bühne verschwunden ist, schwindet auch sein Einfluss auf den Staatssender RAI und auf das Unternehmen Mediaset. Italienische Journalisten können zunehmend kritisch über Politik berichten. Viele Journalisten sehen sich jedoch nach wie vor im Dienste mächtiger Interessensgruppen aus Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Berufsanfänger und freie Journalisten arbeiten oft für sehr geringes Honorar, was aufwändig recherchierte Berichte so gut wie unmöglich macht. Die Mafia übt Druck auf Medienvertreter aus. Der Journalist und Buchautor Roberto Saviano lebt seit Jahren mit Polizeischutz.

Russland (Platz 148) Seit der Wahl Wladimir Putins im Jahr 2000 zum russischen Präsidenten hat der Kreml die landesweiten Fernsehsender weitgehend unter seine Kontrolle gebracht. Kritische Medien wie Radio Moskwy oder TV Doschd geraten regelmäßig unter Druck, Journalisten müssen mit Gewalt oder gezielten Anschlägen rechnen, die meist straffrei bleiben. Strenge Internetgesetze ermöglichen das schnelle und unbürokratische Sperren unliebsamer Webseiten. Kurz vor Beginn der Olympischen Spiele in Sotschi weitete Russland die Internetüberwachung weiter aus. Blogs von Regierungskritikern werden zum Teil ganz gelöscht.

Die Türkei Platz 157 von 180) gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten weltweit. Nach dem Putschversuch im Juli 2016 wurden weit über 100 Journalisten verhaftet, rund 150 Medien geschlossen und mehr als 700 Presseausweise annulliert. Kritische Journalisten stehen unter Generalverdacht. Die wenigen noch verbliebenen unabhängigen Medien arbeiten in ständiger Angst. Wiederholt wurde ausländischen Journalisten die Akkreditierung verweigert oder die Einreise verwehrt. Daneben ersticken die politischen und wirtschaftlichen Verflechtungen vieler wichtiger Medienbesitzer eine kritische Berichterstattung im Keim.

Die Medien in China (Platz 176)  unterliegen einer strengen Zensur. Das Propagandaministerium verschickt täglich Direktiven, mit denen die Berichterstattung gesteuert wird. Über die Selbstverbrennungen von Tibetern, das Massaker am Platz des Himmlischen Friedens vom 4. Juni 1989 und andere heikle Themen darf nicht berichtet werden. Die chinesische Firewall blockiert viele Webseiten, auch Facebook, Youtube und Twitter. Die chinesische Twitter-Version „Weibo“ wird zensiert. China gehört zu den Ländern mit den meisten inhaftierten Journalisten und Bloggern weltweit.

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Nahaufnahme der Lage in Deutschland

2017 registrierte Reporter ohne Grenzen wieder eine hohe Zahl an tätlichen Übergriffen, Drohungen und Einschüchterungsversuchen gegen Journalisten vor allem während der Proteste gegen den G20-Gipfel im Juli in Hamburg.

Als Steilvorlage für Diktatoren kritisierte Reporter ohne Grenzen außerdem das Anfang 2017 in Kraft getretene neue BND-Gesetz. Der BND darf dadurch völlig legal die gesamte Kommunikation von Journalisten im außereuropäischen Ausland überwachen, wenn dies im politischen Interesse Deutschlands liegt. Gemeinsam mit anderen Organisationen hat ROG Verfassungsbeschwerde gegen das Gesetz eingereicht. Auch das Netzwerkdurchsetzungsgesetz gegen Hassbotschaften im Internet sieht ROG als Gefahr für die Pressefreiheit. Hinzu kommt, dass Whistleblower in Deutschland immer noch nicht ausreichend geschützt sind.

Immer wieder geraten Journalisten ins Visier von Geheimdiensten und Strafverfolgungsbehörden. Gleichzeitig werden Institutionen wie die Behörde Zitis geschaffen, um verschlüsselte Kommunikation anzugreifen. Das gefährdet die vertrauliche Kommunikation insbesondere zwischen Investigativjournalisten und ihren Informanten. Nach einer erfolgreichen Klage von Reporter ohne Grenzen wurde dem Bundesnachrichtendienst in einem wegweisenden Urteil erstmals seit Jahrzehnten bei der Metadatensammlung Schranken gesetzt. So darf der BND keine Verbindungsdaten aus Telefongesprächen von Reporter ohne Grenzen in seinem MetadatenAnalysesystem
„VerAS“ speichern.

Immer wieder haben Politiker insbesondere der Partei Alternative für Deutschland (AfD) Journalisten von Veranstaltungen ausgeschlossen. Vereinzelt haben Bürgermeister Lokalzeitungen die Auskunft verweigert.

Beim Recht auf Informationsfreiheit, also dem Recht auf Zugang zu Behördeninformationen, gibt es immer noch Defizite. So haben vier Bundesländer nach wie vor kein Informationsfreiheitsgesetz. Dennoch erstritten Journalisten auf Basis der Informationsfreiheitsgesetze und Landespressegesetze Auskunftsansprüche vor Gericht.
Immer wieder haben Politiker insbesondere der Partei Alternative für Deutschland (AfD) Journalisten von Veranstaltungen ausgeschlossen. Vereinzelt haben Bürgermeister Lokalzeitungen die Auskunft verweigert.

Auch die schrumpfende Pressevielfalt bleibt eine latente Bedrohung. Vor dem Hintergrund sinkender Auflagezahlen und Anzeigenumsätze werden Redaktionen zusammengelegt und Lokalredaktionen geschlossen, gleichzeitig entstehen Zentralredaktionen, die identische Inhalte an diverse Abnehmer liefern. Einige Redaktionen weichen die Trennung von redaktionellen und kommerziellen Inhalten auf.

Der mehrseitige Bericht zur Nahaufnahme Deutschlands belegt diese Aussagen mit zahlreichen detaillierten Beispielen.

Update: Lange Haftstrafen für CR und Redakteure der Cumhuriyet ausgesprochen

Update: Wenn Menschen (im Bild) zum Problem werden

Update: Innenministerium Österreichs warnt Polizei vor Umgang mit bestimmten Medien

Update: Claus Kleber warnt vor wachsender Einschränkung der Pressefreiheit

Flucht von Königsberg nach Bayern: „Hauts ab, ihr dreckigen Saupreußen“…

Die Puppe. Es war eine große, wunderschöne Puppe mit Porzellangesicht, genau so groß wie die siebenjährige Inge S. Und sie musste in Königsberg zurückbleiben, als es auf die Flucht vor den Russen ging. Inge hat sie nie vergessen. Auch jetzt nicht, wo sie 80 Jahre alt ist. Genau wie ihre Mutter Ilse, die bis zu ihrem letzten Tag nie ihre Kristall-Gläser vergessen konnte, die zu Schutt und Asche zerbombt wurden. In der Nacht zum 30. 8. 1944 ging das stolze Königsberg in Ostpreußen endgültig in Flammen auf.

1944 und 1945 kamen laut Wikipedia 12 bis 14 Millionen Ost- und Sudetendeutsche nach Westdeutschland. Heute ist der größte Teil Ostpreußens polnisch. Königsberg gehört zu Russland und heißt Kaliningrad.

Deutschland ist heute Einwanderungsland für Menschen aus fernen Ländern. Die Abneigung der Einheimischen gegen die Menschen, die so anders sind als wir, steigt. Die Alten erinnern sich aber auch noch an die Zeit, als auch Deutsche Flüchtlinge waren – und fremd im eigenen Land. So auch Inge S., die ihre Lebenserinnerungen für ihre Kinder aufgeschrieben hat. Ihre frühe Kindheit vollzog sich in einem merkwürdigen Zwiespalt: Vater Kurt war Berufssoldat und gehörte damit zu einer Gruppe, die im Dritten Reich mit Lob und Anerkennung öffentlich überhäuft wurde. Während das Dritte Reich in Konzentrationslagern Millionen von Menschen zu Tode folterte (siehe Beiträge Dachau und Hinzert), mussten die Soldaten die arische Abstammung ihrer gesamten Familie nachweisen, um dann im totalen Krieg zu sterben.

Inges Vater Kurt war an der Ostfront. Er überlebte den Kessel von Minsk und landete 1944 mit 158 000 anderen Soldaten in russischer Gefangenschaft, aus der er erst 1948, mehr tot als lebendig heimkehrte. In der Zwischenzeit hatte seine Familie Haus und Hof verloren, die Heimat verlassen müssen, in der die Ahnen nachweislich mehr als 300 Jahre gelebt hatten und war über mehrere Stationen bis Bayern geflüchtet, wo sie in großer Armut lebte.

Die Dörfer, in denen die Vorväter der Familie gelebt und über Generationen immer die gleichen Berufe ausgeübt haben, gibt es zum Teil heute nicht mehr, weil sie nach dem Krieg nicht mehr besiedelt wurden. Andere wurden umbenannt und die deutsche Restbevölkerung von den einst von Hitler als „Untermenschen“ bezeichneten Siegern des Krieges verjagt. Der Weg zurück verschlossen – Inge S., ihre Eltern und Großeltern haben ihre Heimat nicht wiedergesehen.

Hier die Original-Geschichte, bei deren Niederschreiben Inge S. noch einmal in die Haut des siebenjährigen Mädchens geschlüpft ist und sich auch in dessen Sprache ausdrückt:

„1943 wurde ich in Königsberg eingeschult mit fünfeinviertel Jahren. Es wurde zu Ostern eingeschult und zwar der ganze Jahrgang 37. Da ich im Dezember geboren war, hatte ich das Pech, so früh gehen zu müssen. Die Fahrt mit der Straßenbahn war immer beängstigend, weil sie so voll war und die Leute mich nicht rausließen. Einmal musste ich zwei Stationen zurück gehen und kam natürlich zu spät in die Schule. Ich war schrecklich verheult und habe mich sehr geschämt. In der Pause war dann immer mein Freund da und hat auf mich auf gepasst und mit mir zusammen das Pausenbrot gegessen. Der Freund wohnte bei uns im Haus, wir haben immer zusammen gespielt. Er war ein Jahr älter als ich und hieß Reinhold Frenzel. Wir gingen auch immer Pferdeäpfel sammeln. Der Opa machte das auch so, das war guter Dünger für den Garten. Bei uns am Haus hatten einige Leute sich einige Gartenbeete gemacht, und für die hatten wir die Pferdeäpfel gesammelt. Als die Mutti diese „Schweinerei“ bemerkte, hat sie das schnell verboten.

Mittlerweile kam der Krieg immer näher. Fast jede Nacht hatten wir Bombenangriffe. Wir wohnten am Flughafen, da war das besonders schlimm. Wir gingen mit mehrerlei Kleidern übereinander ins Bett. Ich hatte die Aufgabe, mich und den Klaus fertig anzuziehen, die Mutti hat sich und den Kurt angezogen. Dann nahm sie den Kurt und einen Koffer und ich den Klaus und ein Köfferchen mit Kleidern, und wir gingen in den Keller. Auf dem Nachbargrundstück war ein großes Lager mit Ukrainern. Die kamen alle in die Häuser und verstopften die Treppen und Eingänge. Wären wir getroffen worden, wir wären nie da herausgekommen. In der Zeit fing ich an ganz schlimm zu stottern. Die Mutti hatte dafür kein Verständnis. Immer, wenn ich ein Wort nicht heraus bekam, gab es Ohrfeigen. Schließlich wurde es der Mutti zu viel mit den Bombenangriffen,  wir gingen aufs Land zu Oma und Opa Schütz nach Trempen. Das war Anfang August 1944. Kurze Zeit später wurde Königsberg mit Phosphorbomben beworfen und ziemlich zerstört. Wir haben gesehen, wie sie die Tannenbäume abwarfen. Phosphor ist besonders schlimm, weil man ihn nicht löschen kann. Die Leute  sind brennend in den Schlossteich gesprungen und wieder brennend herausgekommen.

Trempen, Ännchen von Tharau-Haus

Ich hatte keine Schule mehr. In der Schule waren Soldaten einquartiert. Nach einer Weile kam auch die Tante Grete mit ihren fünf Kindern aus Insterburg nach Trempen.  Mutti hatte eine Schulfreundin in Trempen, deren Mann der Bürgermeister war. Er kam so ca. Ende September oder Anfang Oktober 1944 immer wieder und hat uns bedrängt, wir sollen Ostpreußen verlassen. Jetzt könnten wir noch mit dem Zug fahren. Einmal kam, kurz bevor wir weg sind – der Papa für ein eineinhalb Tage zu Besuch. Er hatte unseren Kurt noch nicht gesehen, der war schon ein eineinhalb Jahre alt. Stundenlang hat er versucht, den Kurt einmal auf den Arm zu nehmen, aber der hatte solche Angst und schrie, es ging einfach nicht. Danach ging Papa nach Russland und kam ziemlich schnell in russische Gefangenschaft.

Oma und Opa, Tante Grete mit ihren fünf Kindern, Mutti und wir drei Kinder gingen am 20. 10. 1944 auf die Flucht mit dem Zug. Nach einiger Zeit kamen wir nach Zeithain/Sachsen. Wir wurden außerhalb des Ortes in einem Lagerkomplex bei Privatleuten untergebracht.  Unser Kurt hatte von der langen Reise und dem unzureichenden Essen Hungerruhr bekommen. Er war schwer krank. Frau L. war sehr ärgerlich wenn der Kurt immer erbrechen musste und Durchfall hatte. Aber irgendwie hat der kleine Kerl gewusst, was seinem Körper gut tut. Der Kohlenkasten übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus. Sobald man nicht aufpasste krabbelte er dahin, und fing an Briketts zu essen. Dann war er natürlich von oben bis unten rabenschwarz, und die Mutti musste wieder waschen, was wiederum die Frau L. sehr ärgerte. Wenn die Mutti kochen oder waschen ging, sollte ich immer auf ihn aufpassen. Es gelang mir aber nicht immer, ihn davon abzuhalten, und dann gab es Schläge mit dem Siebenzagel. Das war ein Peitschenknauf mit sieben Lederriemen dran. Ich kroch dann immer schnell unters Bett, da traf sie mich nicht.

In diesem Lagerkomplex befand sich ein Gefangenenlager mit Russen. Innerhalb des Lagerkomplexes durften sie sich  frei bewegen. Für die Mutti hat einer Holz gehackt. Heute, sagte er zu ihr, ich für dich arbeiten, morgen du für mich arbeiten! Wir bekamen immer mehr Angst. Einmal spielte ich mit einem Löffel in der Nähe von Bahnschienen. Da waren Waggons, und es wurden Russen ein- oder ausgeladen, ich weiß es nicht mehr so genau. Plötzlich kam ein Russe und nahm mir den Löffel weg. Ich fing an zu weinen, denn Spielzeug hatte man ja keines. Da kam ein SS – Mann und fragte mich, was mir fehlt. Ich sagte ihm, der Russe hat mir den Löffel weggenommen. Im gleichen Augenblick tat es mir schon leid, ihm das gesagt zu haben, denn er ging auf den Russen zu und schlug ihn sehr. Der Russe musste zu mir kommen und mir den Löffel wiedergeben. Er schaute mich dabei so hasserfüllt an, dass ich mir sehr schuldbewusst vorkam. Der Löffel interessierte mich nicht mehr, und ich hätte was gegeben, wenn ich ihn dem Russen hätte wiedergeben können. Dieses Erlebnis geht mir bis heute nach. Wegen mir ist ein Mensch geschlagen worden, und wer weiß, was sie noch alles mit ihm gemacht haben.

Zelthain 1943-44

In Sachsen ging ich auch wieder in die Schule nach Zeithain. Vom Lager aus war das ein ganzes Stück zu laufen. Wenn dann Fliegeralarm war, sagte der Lehrer immer: Ihr Kinder, lauft schnell nach Hause. An uns Kinder aus dem Lager dachte er nicht. Einmal war wieder Fliegeralarm, und ich war auf dem Heimweg. Es ging mittlerweile auf das Frühjahr 1945 zu.  Plötzlich kam ein Tiefflieger und nahm mich aufs Korn. Er kam ganz tief runter, und aus einem Maschinengewehr wurde auf mich geschossen. Ich lief zick, zack, warf mich auf den Boden und legte den Ranzen über mich, doch er kam immer wieder zurück und schoss aufs Neue. Schließlich stellte ich mich tot und blieb liegen. Zweimal kam er zurück, und dann verschwand er. Ich war wie versteinert. Doch dann brach das heulende Elend aus mir heraus, und ich ging weiter nach Hause. Der Wachmann am Lagertor hatte schon unruhig auf mich gewartet. Als er mich endlich sah, kam er mir entgegengelaufen und trug mich ins Wachhäuschen. „Kind, Kind wo warst du nur so lange“. Ich war so verstört, und sagte immer wieder: „Er hat auf mich geschossen, er hat auf mich geschossen.“ Von da an ging ich nicht mehr in die Schule. Eines Tages, es war der 13. Februar 1945,  ist die Mutti nach Dresden gefahren, um dem Klaus ein Paar Schuhe zu besorgen. Sie hat auch welche bekommen und  war froh darüber. Am selben Abend gab es einen schlimmen Fliegeralarm. Wir gingen alle aus dem Haus. Da sahen wir wieder die Tannenbäume am Himmel über Dresden, und es ging ein fürchterlicher Bombenangriff auf die Stadt runter. Unter den Menschen um mich drum herum fing ein schlimmes Wehklagen an. Zu diesem Zeitpunkt war die ganze Stadt voller Flüchtlinge, tausende Frauen, Kinder und Alte. Ich war starr vor Entsetzen und fühlte große Angst. Mit der Zeit wurde ich immer ernster und stiller. So lebten wir bis etwa Anfang April 1945 im Lager Zeithain.

Dresden

Als die Russen immer näher kamen, machten wir uns erneut auf die Flucht. Zuerst kamen wir nach Riesa. Dort verbrachten wir ein paar Tage in einem Lager, und dann ging es per Bahn weiter in Richtung Bayern. Es war ein endlos langer Zug mit Lokomotiven in der Mitte am Anfang und am Ende. Immer wieder wurde der Zug von Flugzeugen angegriffen, und dann mussten alle im Zug bleiben, damit es so aussah, als ob der Zug schon zerstört sei. Der Opa wurde immer ganz wild, wenn einer versuchte die Tür aufzumachen. Für mein Empfinden waren wir tagelang unterwegs. Der Kurt wurde wieder krank, es starben Leute, Alte wurden verrückt. Immer, wenn wir in einem Bahnhof ankamen, wo das Rote Kreuz warme Milch und Essen anbot, gab es Fliegeralarm, und wir fuhren aus dem Bahnhof raus. Endlich kamen wir bei Nacht in Steinburg, Kreis Bogen/Niederbayern an. Dort erwarteten uns Bauern aus den umliegenden Dörfern mit Ochsenwagen. Das Gepäck wurde aufgeladen, die Alten und die Kinder oben drauf, und ab ging es im Ochsentrott weiter. Der Himmel war sternenklar, und über mir thronte meine trotz Hungers immer noch mächtige Oma Schütz. Sie jammerte in einem fort: „Achott, achott Hanschen, wo bringen die uns bloß mit diesen Ochsen hin“. Trotz allem Elend war mir nach einer Weile zum Lachen zu Mut.

Im Dorf angekommen wurden wir in einen Saal verfrachtet, ein finsteres Loch. Auf dem Boden waren Strohschütten, die von Soldaten benutzt worden waren. Für uns wurden sie nicht gewechselt. Darin war einiges Ungeziefer, und auf dem Boden waren große Rattenlöcher. Die Ratten und Mäuse liefen nachts zwischen uns rum. Anfangs bekamen wir Essen gekocht. Es wurde in großen Kesseln zu uns heraufgebracht. Später wurde ein Herd gemauert, auf dem dann sieben bis acht Familien ihr Essen selber kochen sollten. Jeder wollte zwischen zwölf und halb eins gekocht haben, und so gab es viel Streit.

Es war kurz vor Kriegsende. Am Tage ging ich etwas vor die Tür und schaute mir die Menschen an. Sie kamen mir äußerst seltsam vor. Sie sprachen eine Sprache, die konnte man überhaupt nicht verstehen konnte, und was noch schlimmer war , sie verstanden unser Hochdeutsch auch nicht. Wir kamen uns vor wie im Ausland. Ihre Wohnungen waren sehr einfach eingerichtet, die Kleider waren mit bunten Flicken geflickt, besonders am Hintern. Später wussten wir, dass sie die Hosen auf den Holzbänken sich durchscheuerten. Es war schon so, Fuchs und Hase sagten sich hier gute Nacht. Ich entdeckte auch einmal eine Elster. So einen schönen Vogel hatte ich noch nie gesehen. Bisher war mein schönster Vogel immer der Storch gewesen. Störche liebe ich heute noch sehr. Wenn ich sie sehe, bekomme ich immer ein unbestimmtes Heimweh.

Schließlich war der Krieg zuende, am 8. 5. 1945. Wir sahen auf der Straße, die oberhalb des Dorfes vorbeiführte, Tag und Nacht Panzer, Lastwagen und Militär vorbeiziehen. Bange schauten wir dahin und dachten, wann kommen die zu uns. Und eines Abends waren sie da. Es rumpelte, und es wurde geschrieen unten in der Gastwirtschaft. Dann trampelte es nach oben, wir saßen dicht gedrängt beisammen und fürchteten uns sehr. Die Tür ging auf. Es kamen Menschen herein, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie hatten eine rabenschwarze Haut, man sah das Weiße in den Augen überdeutlich, sie hatten eine ganz rosa Zunge – also es war zum Fortlaufen. Sie fragten, ob wir Soldaten versteckt hätten, wir hatten aber nicht. Dann sahen sie uns Kinder an und fingen an zu lachen, lockten uns mit dem Finger. Wir sollten zu ihnen kommen. Sie wühlten in ihren Taschen herum, und zum Vorschein kamen Plätzchen, Kaugummis und Schokolade. Wir hatten aber solche Angst, wir konnten uns das nicht holen. Dann legten sie alles mitten in den Saal auf einen Haufen und zogen sich zur Tür zurück. Da haben wir uns schnell etwas von dem Haufen geholt und sind wieder zu unseren Müttern zurück gelaufen. Zufrieden gingen sie weg.

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Es kamen im Laufe der Zeit noch mehr Soldaten, Weiße, aber sie haben uns nichts getan. So langsam fingen wir an uns im Saal einzurichten. Die Bauern schauten auf ihren Speichern nach und brachten uns alte Bettgestelle und Strohsäcke, die mit Stroh gefüllt waren. So brauchten wir doch nicht mehr auf dem Boden zu schlafen. Das Ungeziefer nahmen wir natürlich in die Betten mit, und wenn ich abends meine Bettdecke aufschlug, sprang eine Wolke von Flöhen in die Höhe. Mir machten sie nicht viel aus. Aber andere waren sehr verstochen morgens. Wir bekamen auch lange Tische und Bänke, so konnten wir wenigstens am Tisch sitzen und essen oder andere Arbeiten verrichten. Einige von uns bekamen ziemlich schnell im Dorf Zimmer zugeteilt, wo sie wieder für sich wohnen konnten, wenn auch sehr armselig. Die Tante Grete war auch dabei, sie war nämlich schwanger. Der Onkel Fritz, ihr Ehemann, war kurz nach Kriegsende auch wieder da. Ich weiß nicht, wo der so schnell herkam. Auch der Mann von Frau L. war schnell wieder da. Tante Grete bekam mit ihrer Familie zwei Zimmer in der Schule zugeteilt. So nach und nach gingen fast alle weg, nur wir und die Losereits blieben übrig.

Wir haben ein ganzes Jahr auf dem Saal verbracht, Familie L. noch länger. Wir Kinder gewöhnten uns schneller an die neue Situation als die Erwachsenen. Die Mutti musste weite Wege zurücklegen, um Haushaltungsgegenstände wie Kochtopf, Pfanne, Teller und Tassen zu besorgen. Auch Essen war schwierig zu besorgen. Einmal hatte sie Öl ergattert und uns Bratkartoffeln gemacht. Darauf bekam ich die ganzen Beine voll Furunkel. Die Strümpfe klebten an den  Beinen, und ich hatte sie einmal zwei Tage nicht ausgezogen. Ich hatte mir die Furunkel alle selbst ausgedrückt und so gut es ging verbunden. Die Mutti konnte so etwas nicht. Ganz schlimm war es mir, daß ich nachts immer einnässte. Die Mutti war dann immer sehr zornig und hat mich morgens verhauen. Aber ich konnte einfach nichts dafür, ich konnte es einfach nicht verhindern.

Mit der Zeit hörte dieses Übel auf.  Ich fing an im Dorf herumzustromern, entdeckte einen Dorfteich, der voller Frösche war und den Mühlbach. Die Frösche hatten es mir angetan. Ich habe sie immer wieder beobachtet und auch den Laich. Am Bach gab es auch viele Tiere zu beobachten. Dann war ich auch immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Ich hatte ständig Hunger und versuchte die verschiedensten Pflanzen zu essen: Sauerampfer, Sauergras und auch Knospen. Mittlerweile war es Sommer geworden und wir badeten mit mehreren Kindern unten am Bach. Wir hatten uns ganz ausgezogen und badeten nackend. Plötzlich standen auf der anderen Bachseite drei Buben und schauten uns finster zu. Sie riefen auf einmal: „Ihr Hitlerschweine, ihr dreckigen Saupreußen, machts, daß ihr abhauts.“ Wir kamen uns auf einmal sehr nackend vor, ähnlich wie Adam und Eva im Paradies. Schnell zogen wir uns an und liefen nach Hause. So was hat  mich immer sehr verletzt: Man gehörte nicht dazu. Ich verlor immer mehr meine kindliche Unschuld und wurde sehr vorsichtig.

Die Schule fing wieder an. Ich kam gleich ins dritte Schuljahr, obwohl ich das Zweite nur etwa halb besucht hatte. Wir mussten den Stoff vom zweiten Schuljahr erst einmal nachholen ehe wir im Dritten weitermachen konnten. Das Rechnen fiel mir immer sehr schwer. Wir bekamen viele Hausaufgaben auf. So war auch das Einmaleins ganz schnell zu lernen. Das klappte bei mir aber nicht so schnell, und so bekam ich von der Mutti viel Schläge. Der Bubi L. konnte das nicht mehr ansehen und sagte zur Mutti, lass sie in Ruhe, ich werde mit ihr üben. So hat der Bubi mit unendlicher Geduld mit mir das Einmaleins geübt. Der Bubi war damals 16 Jahre alt. Vom Bubi habe ich auch stricken gelernt. Sein Bruder Arno hat mir später Fahrrad fahren beigebracht, der war auch ein ganz Geduldiger.

Wir verbrachten den Herbst und den Winter 1945 auf dem Saal. Es war ungemütlich und kalt. Im Frühjahr 1946 bekamen wir dann auch ein Zimmer im Dorf zugeteilt. Das hatte schräge Wände und einen Herd, und wir waren glücklich, endlich unter uns zu sein. Wir hatten ein Doppelbett, einen Tisch und eine Bank. Hinter dem Tisch wurde ein Feldbett mit Strohsack aufgestellt, das war die Couch und nachts mein Bett. Die Buben bekamen vom Schreiner zwei Betten übereinander geschreinert und so war unser Zimmer komplett. Wasseranschluss und Abfluss hatten wir keinen. Wir mussten alles Wasser aus einem Brunnen vor dem Haus holen und auch raustragen. Es war auch keine Toilette im Haus, die befand sich hinter dem Haus. Aber wir hatten es wenigstens warm. Zu essen gab es immer noch nicht genug, und so versuchte ich, mich beim Bauern E. etwas nützlich zu machen. Dafür gab es immer eine Scheibe ums runde Brot mit Butter. Ach, war das köstlich!

So nach und nach haben die Bauern unter den Flüchtlingen sortiert und fanden einige unsympatisch oder sympatisch. Zu Letzteren gehörten wir. Bei Edenhofers durfte ich immer ein bisschen mehr helfen und dafür gab es jedes Mal etwas zu essen. Ich hatte doch einfach immer Hunger. Die Bauern kamen gleich gar nicht darauf, daß wir Hunger haben könnten. Sie hatten ja, wenn sie auch arm waren, immer satt zu essen. Später haben sie es gemerkt und haben mir immer mal zu essen zugesteckt. Auch durfte ich abends von der sauernen Suppen, in die Brot hinein gebrockt wurde, und die in einem großen Topf auf dem Tisch stand, aus dem alle gelöffelt haben, mitessen. Mir schmeckte sie köstlich. Ich hätte mir lieber die Zunge abgebissen, als einmal zu sagen: Ich habe Hunger.

Getreideernte,Blick zum Kager

Die Mutti ist mit dem Opa in den Wald gegangen und hat Holz geschlagen, so etwa armdicke Bäumchen. Der Opa ärgerte sich nur immer fürchterlich, dass die Mutti die Bäumchen einen Meter über der Erde abschlug. Er ging dann schimpfend hinterher, und schlug die Stümpfe am Boden ab. Später wurde das Holz gebündelt und nach Hause gezogen und zerkleinert.  Als dann der Herbst 1946 kam, durfte ich die Kühe hüten. Die sollten das letzte Gras abweiden. Ich musste immer aufpassen, dass sie nicht in die angrenzenden Felder gingen. Da bekam ich dann immer eine große Scheibe Brot, ein oder zwei Äpfel und ein Säckchen Walnüsse mit zum Essen. Der Bauer Edenhofer hatte mehrere große Walnussbäume. Etwas zu essen zu bekommen war lange Zeit ein großes Problem für mich.

In dem Haus, in dem wir wohnten, war noch ein Zimmer, da zogen Oma und Opa ein. Das Zimmer war sehr dunkel, es hatte nur ein kleines Fenster unter dem Dach. Als wieder so etwas wie eine kleine Normalität eintrat, bekam die Mutti immer öfter verzweifelte Weinkrämpfe und jammerte um den Papa. Wir wussten ja gar nichts von ihm und konnten uns auch gar nicht vorstellen, wie er uns hier finden sollte. Sie war dann mit nichts zu beruhigen. Ich lief dann immer zum Opa, der war der Einzige, der sie wieder beruhigen konnte. So verging die Zeit. Im Sommer waren wir zur Blaubeerzeit jeden Tag im Wald und haben Blaubeeren gesammelt. Mittags gab es dann immer kalten Griesbrei mit Blaubeeren, oder Blaubeer-Klunker-Suppe. Ich habe später nie mehr wieder Griesbrei essen können. In der Pilzzeit waren wir auch jeden Tag im Wald und haben Pilze gesammelt. Nie mehr wieder habe ich so viele Pfifferlinge im Wald gefunden wie damals im Bayrischen Wald. Da gab es dann eben jeden Tag Pfifferlinge zu essen. Und die hat die Mutti köstlich zubereitet.

Die Zeit verging, und wir schrieben das Jahr 1947, Sommer. Da erhielten wir ein Telegramm aus Berlin von der Tante Trude, einer Schwester von der Oma.  „Der Kurt lebt, Brief folgt!“ Die Tante Trude war in ihrer Wohnung geblieben trotz Bombenangriffen, und die Wohnung gehörte später auch noch zum Westteil Berlins. Papa war seit Ende 1944 in russischer Gefangenschaft. Als aus seinem Lager  einer nach Berlin entlassen wurde, gab er ihm die Adresse von Tante Trude, mit der Bitte seine Adresse zu hinterlassen, mit. Er hoffte sehr, die konservative Tante Trude wäre in ihrer Wohnung geblieben. Er hatte Glück! Tante Trude wusste schon lange, wo wir waren und hat uns gleich benachrichtigt. So haben wir erfahren, dass der Papa lebt und wo er sich aufhält. Die Mutti hat ihm gleich geschrieben, wo wir gelandet sind im Krieg.

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Nach einiger Zeit kam auch ein Brief von ihm zurück. Er durfte nur 25 Worte schreiben, doch wir waren sehr glücklich, etwas von ihm zu hören. Beim nächsten Mal schickte er ein Passbild von sich mit. Ich war so erschüttert über sein Aussehen, ich hatte ihn doch noch aus guten Zeiten in Erinnerung. Auch der Opa war sehr glücklich. Er sagte nämlich immer, mit 66 Jahren stirbt er, wollte aber unbedingt noch erleben, dass der Papa nach Hause kommt. So verging der Sommer und der Herbst 1947 mit Blaubeeren sammeln und Pilze sammeln. Ich durfte bei Edenhofers wieder Kühe hüten, und  mit dem Hunger war es auch nicht so schlimm, denn das Obst war reif, und ich konnte essen so viel wie ich wollte. Ich ging später, als es kein Obst mehr gab, auch auf die Felder und habe Wasserrüben gerupft und gegessen.

Im Winter gab es damals sehr viel Schnee, Ich bin oft bis an die Brust im Schnee versunken. Wir fuhren stundenlang Schlitten und waren abends sehr durchgefroren. Wir hatten nur Trainingshosen und Strümpfe, die an Leibchen mit Strapsen befestigt waren. Da war immer ein Stück Oberschenkel nackend. Das war mir immer wund und brannte. Die Mutti sagte dann, ich solle mit Urin einreiben das würde heilen, und das stimmte. Ich hatte auch nur ein Paar Schuhe. Die waren auf der Sohle mit Nägeln bestückt ,damit sie nicht so schnell durchgelaufen waren. Im Sommer habe ich dann die Schuhe geschont und bin barfuß gelaufen, sobald es keinen Frost mehr gab. Damals hatte ich eine große Sehnsucht nach einer Strickjacke. Die Mädchen in der Schule hatten so schöne selbstgestrickte Jacken. Morgens fror ich immer sehr in meinem dünnen Sommerfähnchen bis die Sonne die Luft erwärmte. Im Winter bat ich die Oma mir zu zeigen, wie man Socken strickt.  Und als ich einmal Wolle ergatterte, gab die Oma mir Nadeln, und ich versuchte mich im Sockenstricken.

Es kam Weihnachten, Familie E. schickte eine Schüssel mit Plätzchen und die Mutti gab von ihrem Pfefferkuchen zu probieren. Die Bauern waren alle gut katholisch und betrachteten uns als arme Heidenkinder. So nahmen mich die E. mit zur Christmette nach Neukirchen. Ich habe zu Weihnachten immer ein Gedicht gelernt, das musste ich zuerst aufsagen, ehe ich das Weihnachtsgeschenk öffnen durfte. Wir haben auch viele Weihnachtslieder gesungen, Opa und Oma kamen rüber, und es war recht gemütlich. Zu diesen Weihnachten bekam ich von der Oma zum Geburtstag ein Paar Skier geschenkt. Ich war sehr stolz und übte nun viel das Skilaufen. In den Nachkriegsjahren gab es in Bayern sehr viel Schnee.

Das Jahr 1948 begann, und langsam wurde es Frühling. In der Schule hatte ich mich mit einem Mädchen angefreundet, die hieß Franziska S. Die S. hatten einen Hof gepachtet und bewirtschafteten ihn mit ihren 8 Kindern. Alle Kinder mussten viel arbeiten. Aber auch fast alle Kinder konnten wunderbar singen, Zither spielen und jodeln. Ich war jetzt auch viel mit der Franzerl zusammen. Sie war so zierlich und tat mir immer so leid, weil sie so viel arbeiten musste. So haben wir nachmittags alle Arbeiten zusammen verrichtet. Dabei haben wir viel gesungen. Die Franzerl konnte  jodeln und hat es mir auch beigebracht. Ich stellte überhaupt fest, dass Singen und Musik mir sehr viel Freude machten. Ich habe meine Traurigkeit und meine Freude immer mit Musik herausgelassen. Und Jodeln war was Wunderbares, um überschäumende Freude in die Welt zu schreien.

Im März 1948 starb ganz plötzlich der Opa. Ich glaube, es war ein Herzinfarkt. Sie waren zu diesem Zeitpunkt in Bimölen in Schleswig-Holstein. Dort waren alle Tremper, die die Flucht überlebt hatten. Der Opa wollte sie alle unbedingt noch einmal sehen. Er war so ausgelassen und froh am Tag vorher. Er hat sogar getanzt. Am anderen Morgen bekam er Herzschmerzen, fiel um und war tot. So hat er nicht mehr erlebt, wie der Papa nach Hause kam. Er ist in Bad Bramstett begraben worden. Es war Sommer und die Währungsreform rückte immer näher. So etwa um den 15.06.1948 schrieb der Papa, er sei im Lager Friedland und er komme in den nächsten Tagen nach Hause. Von da an ist die Mutti jeden Tag nach Steinburg an den Bahnhof gelaufen, morgens und abends. Jedes Mal 6 Kilometer hin und zurück. Am 18.06.1948 wurde die Reichsmark eingesammelt und die Deutsche Mark ausgegeben.

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Am 20.06.1948 kam der Papa aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause. Ausgerechnet an diesem Tag war die Mutti mal nicht an den Bahnhof gegangen. Ich war zu diesem Zeitpunkt im Wald und sollte eine Milchkanne voll Blaubeeren sammeln. Plötzlich höre ich meinen Cousin Heinz-Günter rufen, Inge, wo bist du, dein Vater ist Nach Hause gekommen. Ich sagte zu ihm, ich glaube dir nicht. Er hat mich nämlich immer veräppelt. Jedoch er sagte, ich pflücke deine Kanne voll, wenn das nicht stimmt. Wenn so ein Faulpelz das sagt, könnte es ja doch stimmen, dachte ich mir und ging nach Hause. Ich kam nach Hause und sah meinen armseligen Vater da sitzen. Ich kannte ihn doch noch aus guten Tagen, einen stolzen schönen Papa. Da überkam mich ein so unendliches Weh, und ich musste ganz jammervoll weinen, das erste Mal seit wir von Ostpreußen weggegangen sind. Ich konnte mich gar nicht beruhigen. Da riss mich meine Mutter von ihm weg, es wäre jetzt genug, ich solle in den Wald gehen und meine Kanne vollpflücken.

So ging ich halt wieder in den Wald zurück und weinte mich da aus. In den folgenden Tagen sah ich mir meinen Papa genauer an. Er war nur Haut und Knochen. Überall hingen die Hautlappen herunter, der Po bestand nur aus zwei Hautlappen. Nach einiger Zeit hat sich das ganze Gewebe mit Wasser gefüllt, und unser Papa kämpfte ums Überleben. Er lag da wochenlang und stank ganz fürchterlich. Die Mutti musste ihn wie ein Baby aufpäppeln und langsam ans Essen gewöhnen. Das hat sie ganz vorbildlich gemacht. Es war gut ,dass es Sommer war. Wir gingen viel nach draußen, und so hatte der Papa seine Ruhe. Es dauerte ein Jahr lang bis der Papa wieder arbeiten konnte.“

Am 2. 1. 1952 hat Vater Kurt eine Stelle an der Mosel angetreten. Knapp zwei Jahre später war die ganze Familie dort wieder vereint. Inge S. begann eine Lehre als zahnärztliche Helferin und trat in die Winzertanzgruppe ein. Am 1.4.1956 antwortete sie auf eine Anzeige ihres späteren Ehemanns. 13 Jahre später ging ein großer Traum in Erfüllung: Die inzwischen sechsköpfige Familie des Paares zog auf dem Hunsrück ins eigene Haus. Das ist inzwischen lange bezahlt. Im Herbst ihres Lebens kann Inge S. auf die Erfüllung zweier großer Wünsche zurückblicken: Sie hat einen Menschen gefunden, auf den sie sich verlassen kann, mit dem sie kürzlich Diamantene Hochzeit gefeiert hat. Und: Die beiden leben im eigenen Haus an einem Ort, von dem sie niemand mehr vertreiben kann.

 

Siehe auch: Die amerikanische Leimrute

 

 

 

 

Konzentrationslager im Deutschen Reich: Auch in Hinzert im Hunsrück

Manche Ortsnamen sind aus der Zeit des Dritten Reiches sind auf Jahrhunderte als Stätten von Folter, Tod und Vernichtung ins weltweite Gedächtnis eingebrannt: Auschwitz, Birkenau, Buchenau, Sachsenhausen, Dachau… Aber es gab noch viel mehr Lager dieser Art. Sie waren über das gesamte Deutsche Reich,  Polen und Österreich verteilt und lagen teilweise in ganz kleinen Orten: Zum Beispiel in Hinzert im Hunsrück.

Erst im Jahr 2005 wurde hier die bisherige Information über Tafeln durch eine überdachte Erinnerungsstätte an Zwangsarbeit, Sadismus und Tod ersetzt.  Das extravagante Gebäude liegt in unmittelbarer Nähe des Ehrenfriedhofes, den die französische Militärverwaltung 1946 für 217 exhumierte KZ-Tote eingerichtet hat.

1948 wurde auf dem Gelände des neu angelegten Friedhofes auf Initiative eines deutschen Pfarrers eine Sühnekapelle errichtet.  Ende der 1950er Jahre wurde der Friedhof umgestaltet, so wurden u.a. die Holzkreuze durch Steinkreuze ersetzt. 1986 errichtete der Bildhauer und Hinzert-Deportierte Lucien Wercollier vor dem Gräberfeld ein Denkmal.

Karte Hinzert

„Es ist ein recht mühsamer Weg, den Besucher heute zurücklegen müssen, wenn sie die Gedenkstätte an der Stelle des ehemaligen SS-Sonderlagers/KZ Hinzert besichtigen wollen“, schreibt Dr. Susanne Urban-Fahr in einer Publikation des Fördervereins Dokumentations- und Begegnungsstätte ehemaliges KZ Hinzert.  „Hinzert war eines der vielen kleinen Lager im nationalsozialistischen Deutschland, die in der Forschung nach 1945 Jahrzehnte lang nicht wahrgenommen und in den betroffenen Orten gerne verschwiegen wurden.

Das SS-Sonderlager/KZ Hinzert war zunächst ein „Arbeitserziehungslager“, in dem Menschen als „Arbeitsscheue“ zwecks „Disziplinierung“ eingesperrt und per Zwangsarbeit ausgebeutet wurden. Von 1941 an wurden Menschen in Hinzert auch in „politische Schutzhaft“ genommen. Zudem gab es dokumentierte Fälle systematisch organisierter und ausgeführter Morde an Häftlingen. Auch wurde in Hinzert eine „Überprüfung“ der „Eindeutschungsfähigkeit“ mancher Häftlinge vorgenommen, ein Auftrag, der so in keinem anderen Lager vorhanden war. Hinzert, das von 1939 bis 1945 bestand, war neben Osthofen bei Worms das zweite große Lager in Rheinland-Pfalz. Das KZ befand sich zwischen Wald und Wiesen, so dass es zumindest vor der breiten Öffentlichkeit versteckt lag. Doch sichtbar waren die Arbeitskommandos in der näheren Umgebung ebenso wie der „Lageralltag“, wenn Anwohner die Straße, zwischen Lagergelände und dem Bereich, auf dem die Wachmannschaft wohnte, befuhren oder beschritten.

Das Stammlager Hinzert wurde 1939 eingerichtet. Zuerst war dort eine kasernierte Unterkunft für Bauarbeiter (1938/39) gewesen, die für den Bau des „Westwalls“ eingesetzt wurden. Der Westwall wurde ab Juni 1938 an der deutschen Westgrenze errichtet und verlief von der niederländischen bis zur schweizer Grenze. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen sollte an der Westgrenze des „Dritten Reiches“ ein Bollwerk gegen Frankreich und die Benelux-Staaten entstehen. Weil der Westwall im Kriegsverlauf instand gesetzt wurde, mussten bis Mai 1945 insgesamt etwa eine Million Menschen an diesem Bau schuften, unter ihnen so genannte „Fremdarbeiter“, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Auch hier profitierte der Staat ebenso wie Privatunternehmen von der Ausbeutung durch Zwangsarbeit.

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Bereits im Frühsommer 1939 wurden in den Baracken von Hinzert auch so genannte „Arbeitsscheue“ und „Arbeitsverweigerer“ zur etwa dreiwöchigen „Umerziehung“ eingeliefert. Nach einem Brand, der einen Großteil der Baracken zerstörte, wurde ab dem 16. August 1939 rasch wieder aufgebaut. Die neuen Baracken waren im Vergleich mit den üblichen KZ-Unterkünften für Häftlinge noch relativ gut ausgestattet, weil es dort sogar Waschgelegenheiten und Heizöfen gab. Hermann Pister war bis Januar 1942 Kommandant dieses Lagers, in das bis Sommer 1940 vor allem „Arbeitsunwillige“ und „Volksschädlinge“ eingeliefert wurden, d. h. Menschen, die gegen ihre Arbeitsbedingungen protestierten oder jene, die als „Asoziale“ eingestuft wurden.

Am 23. November 1939 wurde für das Lager das erste Mal die Bezeichnung „SS-Sonderlager Hinzert“ verwendet. Spätestens seit 1942 war Hinzert ein „offizielles“ KZ und damit fester Bestandteil des umfassenden Lagersystems. Dazu gehörte auch ein von 1940 bis 1944 eingerichtetes umfangreiches Netz von 30 Nebenlagern und mehr als 60 Außenkommandos. Die Ausdehnung eines einzigen KZ war demnach weitaus großflächiger und betraf viel mehr Orte als nur die des Stammlagers. Für das KZ Hinzert erstreckte es sich von Mainz bis Frankfurt am Main, es schloss Wittlich ebenso wie Zweibrücken, den Flugplatz bei Mannheim und Fulda ein.

Nach der Angliederung an das KZ Buchenwald dauerte es nicht mehr lange, bis das KZ nicht mehr gehalten werden konnte. Es wurde am 3. März 1945 quasi aufgelöst, indem die verbliebenen Häftlinge in Richtung Oberhessen „evakuiert“ wurden. Dies bedeutete, dass sie auf einen der „Todesmärsche“ geschickt wurden, in dessen Verlauf viele Häftlinge starben. Sie wurden schließlich von der US-Armee befreit.

Die höchste ständige Zahl von Wachleuten allein im Stammlager Hinzert belief sich auf etwa 200 Mann. Zum Personal gehörten auch die Kapos, die als Werkzeug der SS dienten und dieser in Grausamkeit häufig in nichts nachstanden. Oberkapo Eugen Wipf soll sich an gezielten Tötungen beteiligt haben, unter anderem durch das sogenannte „Ersäufen“ in der Waschbaracke. Eine weitere wichtige Person für das SS-Sonderlager Hinzert war Gustav Simon, Gauleiter des „Moselgaus“ und Chef der Zivilverwaltung des 1940 überfallenen Luxemburg – daher auch zuständig für mehrere Verhaftungswellen im besetzten Großherzogtum.“

Tom Segev hat in seinem Buch „Die Soldaten des Bösen“ die Persönlichkeit von KZ-Kommandanten systematisch untersucht und kam zu dem Schluss: „Sie
waren mittelmäßige Menschen ohne Phantasie, ohne Courage und ohne Initiative. … „Nicht die Banalität des Bösen ist es, die sie kennzeichnet, sondern vielmehr ihre innere Identifikation mit diesem Bösen. Beim Studium ihrer SS-Personalakten läßt sich keinesfalls ein psychologisches Modell herausarbeiten.   Sie hatten sich aus freien Stücken für ihre Tätigkeit entschieden — so auch Paul Sporrenberg“.

Die Ermittlung aller Todesopfer des SS-Sonderlagers/KZ Hinzert war bislang nicht möglich. Gesichert sind auf Grund der Forschungen des Luxemburger Conseil National de la Résistance 321 Todesfälle. Es ist davon auszugehen, dass nach Kriegsende nicht alle Opfer gefunden werden konnten.

Die Gedenkstätte KZ Hinzert kann kostenfrei besichtigt werden. Es gibt öffentliche kostenfreie Führungen, sowie Führungen für größere Gruppen nach Voranmeldung. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage.

Siehe auch: KZ Dachau: Weltbekanntes Mahnmal der Grausamkeiten des Tieres Mensch

KZ Dachau: Weltbekanntes Mahnmal der Grausamkeit des Tieres Mensch

Eine Bushaltestelle am Rande eines Wohngebietes rund 20 Kilometer nordwestlich von München. Eine große, dunkle Tafel zeigt an: Hier ist keine gewöhnliche Haltestelle. Hier geht es zum Eingang der KZ-Gedenkstätte Dachau.

Dachau ist ein schöner Ort: Mit einem Schloss, einen Stadtpark und einer historischen Altstadt. Mit einem regen Kulturleben und einen ausgedehnten Gewerbegebiet. Aber Dachau ist eben auch Konzentrationslager. DAS Konzentrationslager, das die gesamte Zeit des Dritten Reiches überdauert hat. In dem insgesamt 200 000 Menschen inhaftiert waren und nachweislich 41 500 starben – vermutlich mehr, denn es wurden kurz vor Kriegsende sehr viele Papiere vernichtet. Dachau, das Vorbild für zahlreiche andere Konzentrationslager im Deutschen Reich, ein Hort sadistischer Quälereien, Menschenversuchen und Zwangsarbeit. Ein Ort mit insgesamt sechs Verbrennungsöfen für Menschen, die rege in Betrieb waren.

Rund 800 000 Besucher zählt die Gedenkstätte jährlich; das sind rund 2200 am Tag. Ständig wandern größere und kleinere Gruppen durch die riesige Anlage, die dennoch immer menschenleer erscheint. Manche haben einen Führer, manche haben sich im Informationszentrum einen digitalen Führer in ihrer Sprache ausgeliehen, manchen genügt es, die zahlreichen, gut bebilderten Informationstafeln auf dem Gelände und im Museum zu studieren. Mindestens drei, besser vier Stunden sollte man für einen Besuch veranschlagen. Die Gedenkstätte ist täglich von 9 bis 17 Uhr geöffnet, der Eintritt ist frei.

„Arbeit macht frei“ – der weltberühmte sadistische Spruch ist in der eisernen Tür am Eingang verewigt. Es ist nicht die Original-Tür; die steht, seit sie gestohlen und wiedergefunden wurde, hinter Glas. Das nimmt ihr aber nicht den Schrecken. Obwohl außer dem Jourhaus beim Eingang und dem Krematorium ganz im hinteren Bereich des riesigen Areals hauptsächlich rekonstruierte Gebäude begangen werden können, atmet das gesamte Gelände Angst, Tod und Sterben. Von den einstigen Häftlingsbaracken stehen nur noch die Fundamente. Die Pappeln, die damals vor den Gebäuden gepflanzt wurden, sind groß und alt geworden. Sie haben viel gesehen.

Eine ausgedehnte Dokumentation mit vielen Schautafeln und Zeitdokumenten arbeitet die Geschichte des Konzentrationslagers zusammen mit der des Dritten Reiches und der Menschen, die in Dachau inhaftiert waren, auf. Heinrich Luitpold Himmler, 1900 in München geboren und dort zunächst auch Polizeipräsident, war Gründer des KZ, das schon vier Wochen nach der Machtergreifung eröffnete. Himmler hatte später den gesamten Sicherheitsapparat des Dritten Reiches unter Kontrolle, zu dem auch die Konzentrationslager gehörten. In Dachau tat sich der erste Leiter Theodor Eicke durch besonderen Erfindungsgeist in Sachen Grausamkeit hervor. Ab 1934 wurde er Inspekteur aller Konzentrationslager und Führer der SS-Wachverbände (ab 1936 Totenkopfverbände). Diese wurden zeitweise in Dachau ausgebildet. 1939 wurde Eicke Kommandeur der Waffen-SS und der Todenkopfverbände, die an verschiedenen Fronten in Frankreich und Russland schwere Kriegsverbrechen verübten.

Zeitungs-Seiten, Wahlplakate, Informationen mit historischen Hintergründen wie dem Ende des ersten Weltkrieges, der Weimarer Republik und dem zunehmenden Judenhass machen die Dokumentation so lebendig, dass man meint, den Hauch der Zeit atmen zu können. Man sieht Fotos von Häftlingen, Dokumente ihres heimlichen Widerstandes, Zeichnungen von Bestrafungsarten und Fotos von den Menschenversuchen.

Wer dann, recht betäubt von der Grausamkeit des Tiers namens Mensch, die Ausstellung verlässt und gegenüber eine rekonstruierte Wohnbaracke besucht, findet übereinander gebaute Betten mit Brettern als Raumteilern, die Kaninchenställen recht ähnlich sehen,  sieht zwei Waschbrunnen im Gemeinschaftswaschraum für je 200 Häftlinge und enge Aufenthaltsräume mit ebenso engen Spinden aus Holz.

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Dann geht es hinaus auf das riesige, leere Feld mit der breiten, von den Pappeln gesäumten Lagerstraße zwischen den Fundamenten der Baracken. Hier, wo alles leer und kalt ist, ergreift der Schrecken das Herz besonders. Man meint, die Not der vielen Tausend Menschen, die hier leben mussten, am eigenen Leib zu spüren.

Versteckt, durch Hecken und Bäume sichtgeschützt, liegen die beiden Krematorien. Das alte mit zwei Öfen war aufgrund der vielen Todesfälle schnell zu klein. Das neue, komfortabler mit vier Öfen und Büros für die Henker ausgestattet, enthielt auch Räume zum Stapeln der toten Körper und kleine Gaskammern, in denen nach Bedarf Gruppen vernichtet werden konnten. Man munkelt, dass hier Versuche mit verschiedenen Kampfgasen durchgeführt wurden. Drei bis vier ausgemergelte Körper konnte ein Ofen fassen. Wenn es eilig war, wurden entkräftete Häftlinge auch einfach an Haken vor den Öfen erhängt…

Dem Krematoriumsbereich entkommen, drängt sich der Wunsch auf, zu beten – oder wenigstens zu meditieren, um in menschenmöglicher Form gute Energie in diese Stätte der Entmenschlichung und Grausamkeit zu senden. Die Gedenkstätte bietet verschieden Möglichkeiten dazu: Es gibt orthodoxe, christliche und jüdische Gedenkplätze und Kirchen, in denen Besucher verweilen, ihre Gedanken sammeln und Wertmaßstäbe noch genauer ausrichten können, als zuvor. „Nie wieder“ heißt es an verschiedenen  Stellen der Gedenkstätte. Eine Mahnung, die in neuerer Zeit mit der Einwanderung zahlreicher Muslime eine besondere Bedeutung bekommt.

Mancher wird noch lange über die Gratwanderung nachdenken, die es für eine freie Gesellschaft bedeutet, ihre Freiheit und Offenheit zu schützen und zu bewahren, ohne bestimmte Gruppierungen zu verteufeln.

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Geschichte des KZ Dachau

Bereits in der Nacht des Reichstagsbrandes vom 27. Februar 1933 begannen die Nationalsozialisten mit der Inhaftierung ihrer politischen Widersacher. Viele Reichstagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Konservative, Liberale und Monarchisten wurden verhaftet.

Die Häftlinge wurden an verschiedenen Orten mit unterschiedlicher Zuständigkeit – Sturmabteilung (SA), SS, Innenministerien etc. – untergebracht. Die Orte werden inzwischen als „wilde“ oder frühe Konzentrationslager bezeichnet; es waren meist improvisierte Haftstätten. Dachau war das einzige der frühen KZ, das nicht bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs wieder aufgelöst wurde: Heinrich Himmler ließ es systematisch ausbauen und nahm es als Vorbild für später errichtete KZs.

Das Lager Dachau war von Beginn an mit einer Kapazität von 5000 Personen geplant, was das Ausmaß der geplanten politischen Verfolgung verdeutlichte; eine Methode, die später auf andere Gruppen übertragen und radikalisiert wurde. Im Jahre 1933 kamen 4821 Personen in Haft, etwa die Hälfte wurde wieder entlassen, so dass am Jahresende noch 2425 inhaftiert waren. Die entlassenen Häftlinge berichteten über das KZ. Langsam entwickelte sich das Lager zu einem Begriff, der Schrecken unter der Bevölkerung verbreitete und viele Andersdenkende von öffentlichen Äußerungen abhielt. Lange vor Kriegsausbruch kam das geflügelte Wort: „Lieber Gott, mach‘ mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm‘!“ auf.

Die Lokalpresse Münchens berichtete bis Kriegsbeginn mehrfach über das KZ, meist mit höhnischem Unterton über politische Insassen und mit Warnung vor den „gefährlichen Bolschewiken“. Ende des Jahres veröffentlichte der Illustrierte Beobachter einen Propagandabericht über das Lager Dachau.

Zu Jahresbeginn 1941 wurde in der Krankenabteilung eine Versuchsstation eingerichtet, in der 114 registrierte Tuberkulosekranke „homöopathisch“ behandelt wurden. Leitender Arzt war von Weyherns. Er erprobte im Februar biochemische Mittel an Häftlingen. Zur Registrierung der Todesfälle wurde ab 1. Juni ein lagereigenes Sonderstandesamt (Dachau II) eingerichtet. Bis dahin belief sich die Zahl der Todesfälle laut Standesamt der Stadt Dachau auf 3486 Personen.

Ab Oktober 1941 wurden tausende sowjetische Kriegsgefangene ins Lager deportiert. Die SS erschoss im Hof des Bunkers bzw. später auf dem SS-Übungsschießplatz in Hebertshausen insgesamt mehr als 4000 sowjetische Kriegsgefangene.

Im Januar 1942 fand die Wannseekonferenz statt, auf der Massentötungen koordiniert wurden. Am 2. Januar startete der erste Transport, in der NS-Tarnsprache „Invalidentransport“ genannt, zur NS-Tötungsanstalt Hartheim. Dort wurden die Dachau-Häftlinge im Rahmen der Aktion 14f13 durch Gas getötet. Innerhalb eines Jahres brachte die SS in 32 Transporten als geisteskrank oder arbeitsunfähig betitelte sowie unliebsame KZ-Häftlinge dorthin, insgesamt etwa 3000 Häftlinge. Diese Tötungsaktionen im Schloss Hartheim waren eine Ausweitung des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten.

Am 22. Februar begann im KZ die Versuchsreihe Unterdruck, an der die Luftfahrtmediziner Georg Weltz, Siegfried Ruff, Hans-Wolfgang Romberg und der SS-Hauptsturmführer Sigmund Rascher beteiligt waren. Die Ärzte waren beauftragt, Reaktions- und Lebensfähigkeit des Menschen in großen Höhen, bei raschem Aufstieg (in Höhen bis 20 Kilometer und mehr) sowie beim plötzlichen Fall aus großer Höhe festzustellen. Eine Unterdruckkammer der Luftwaffe wurde angeliefert und zwischen Block 5 und den anliegenden Baracken aufgestellt. Die Versuchsreihe endete in der zweiten Maihälfte und kostete 70 bis 80 von etwa 200 Häftlingen das Leben.

Am 23. Februar 1942 begann Claus Schilling seine ersten Experimente zur Erforschung von Medikamenten gegen die Tropenkrankheit Malaria. 1100 Häftlinge wurden infiziert und als Versuchspersonen missbraucht. Ihm konnten in den Dachauer Prozessen zehn Todesopfer eindeutig nachgewiesen werden. Diese Versuche führte Schilling bis zum 5. April 1945 durch. Während die medizinischen Experimente zu Druckauswirkungen den Piloten nützen sollten, zielten diese Forschungen auf die beim Afrikafeldzug eingesetzten Soldaten der Wehrmacht ab.

Das Krankenrevier bestand in den ersten Kriegsjahren aus sechs Baracken. Kapo im Krankenrevier war Josef Heiden. Im Juni wurde in Block 1 eine biochemische Versuchsstation eingerichtet. Leiter war Heinrich Schütz. Es lief die Versuchsreihe Phlegmone (Entzündungen) an, durchgeführt in Block 1, Stube 3. Diese kostete bis zu ihrem Abschluss im Frühjahr 1943 mindestens 17 Häftlinge das Leben.

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Am 15. August begannen Unterkühlungsversuche unter der Leitung der Ärzte Holzlöhner, Finke und Rascher. Sie dienten dem Zweck, in Seenot geratenen Fliegern besser helfen zu können. Offizieller Abschluss der Versuche war im Oktober 1942. Rascher verlängerte die Versuchsreihe auf eigene Faust bis zum Mai 1943. Die Zahl der Versuchspersonen lag zwischen 220 und 240 Personen, wovon etwa 65 bis 70 Häftlinge umkamen.

Nach dem Befehl Himmlers vom 5. Oktober 1942, die in Deutschland liegenden Konzentrationslager judenfrei zu machen, deportierte die SS alle jüdischen Häftlinge Dachaus in das KZ Auschwitz.

Am 29. April 1945, marschierte die US-Armee zur Befreiung des Hauptlagers ein. Sie traf völlig unvorbereitet auf den Todeszug aus Buchenwald, der neben dem Häftlingslager auf dem SS-Gelände stand und in dessen Waggons etwa 2300 Leichen lagen. Nach diesem schockierenden Eindruck kam es zu spontaner Selbstjustiz. Die US-Soldaten exekutierten SS-Männer. Das Kriegsverbrechen, das zur Befreiung des Lagers nicht notwendig war – die Männer der Waffen-SS hatten kaum Widerstand geleistet – wurde später als Dachau-Massaker bekannt.   (Quelle: Wikipedia)

Von den insgesamt mindestens 200.000 Dachauer Haftinsassen starben etwa 41.500, viele davon auch an Epidemien von Typhus, Fleckfieber Zusätzlich deportierte die SS häufig Häftlinge in Vernichtungslager. „Relativ wenige“ Menschen starben in Gaskammern, da Dachau kein Vernichtungslager war. Es gab jedoch ausgekügelt sadistische Tötungsmethoden; etwa durch „Pfahlhängen“ oder indem man die Mützen der  Häftlinge  wegwarf und die Männer dann aufforderte,  sie zu holen. Dabei wurden sie „auf der Flucht“ erschossen. Auch wurden häufig nicht mehr arbeitsfähige Menschen direkt vor den Verbrennungsöfen an Haken erhängt.

Die KZ-Gedenkstätte Dachau umfasst heute das Areal des ehemaligen Häftlingslagers sowie den ehemaligen Krematoriumsbereich, der in der Zeit des KZ Dachau zum Kommandanturbereich gehörte. Die Gedenkstätte entstand 1965 auf Grund der Initiative Überlebender des Konzentrationslagers und wurde als Gedenkort gestaltet: Einige der originalen Gebäude aus der Zeit des KZ (Jourhaus, Wirtschaftsgebäude, Bunker, Krematorium und Wachtürme) wurden erhalten, zwei Baracken hingegen wurden rekonstruiert und um Barackenfundamente an den ursprünglichen Standorten der anderen Baracken ergänzt. Darüber hinaus wurde ein zentrales Mahnmal am ehemaligen Appellplatz sowie verschiedene religiöse Gedenkorte geschaffen.

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Zeitleiste: 1933 – 1945

Quelle: Stiftung Bayrische Gedenkstätten

Deutsches Reich Konzentrationslager Dachau
1933
Adolf Hitler wird deutscher Reichskanzler:
Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur
Eröffnung eines Konzentrationslagers für politische Gefangene bei Dachau (22. März 1933)
1934
„Röhm-Putsch“ – Aufstieg der SS Ermordung von 21 NSDAP-Funktionären und politischen Gegnern, die während des „Röhm-Putsches“ verhaftet wurden
1935
Nürnberger Gesetze zur Rassendiskriminierung Einlieferung neuer Häftlingsgruppen wie z.B. Zeugen Jehovas, Homosexueller, Emigranten
1936
Heinrich Himmler wird Chef der deutschen Polizei: Beginn des Aufbaus eines Systems von Konzentrationslagern Verschärfung des Terrors im Lager
1937
Bei Massenverhaftungen werden Tausende in „Vorbeugehaft“ genommen und in Konzentrationslager eingeliefert Beginn des Baus eines neuen Lagers mit einer Kapazität von 6.000 Häftlingen
1938
„Anschluss“ Österreichs und des Sudetenlands
Novemberpogrom („Reichskristallnacht“)
Einlieferung von politischen Gegnern aus den „angeschlossenen“ Gebieten sowie von über 11.000 deutschen und österreichischen Juden im November
1939
Überfall auf Polen: Beginn des Zweiten Weltkriegs Deportation Hunderter Sinti und Roma ins KZ Dachau
1940
Nach der Kapitulation Frankreichs wird französisches, niederländisches, belgisches Territorium besetzt und Luxemburg annektiert Einlieferung von über 13.000 Häftlingen aus Polen
1941
Überfall auf die Sowjetunion Beginn der Massenerschießungen von mehr als 4.000 sowjetischen Kriegsgefangenen
1942
„Wannseekonferenz“ zur „Endlösung der Judenfrage“ „Invalidentransporte“ – mehr als 2.500 Häftlinge werden in Schloss Hartheim bei Linz durch Giftgas ermordet
Beginn der medizinischen Versuche an Häftlingen
1943
„Totaler Krieg“: Radikalisierung der Zwangsarbeit zur Sicherung des „Endsiegs“ Beginn des Baus von über 150 Außenlagern, in denen Häftlinge Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten müssen
1944
West-Alliierte landen in der Normandie, russische Truppen erreichen die deutsche Ostgrenze 10.000 jüdische Häftlinge werden in Außenlagern „durch Arbeit“ getötet
Ende 1944 sind über 63000 Häftlinge im KZ Dachau und seinen Außenlagern: Die katastrophalen Lebensbedingungen führen zum Ausbruch einer Typhusepidemie
1945
Bedingungslose Kapitulation (8. Mai 1945), Besetzung und Teilung Deutschlands in Besatzungszonen Tausende sterben an Typhus, bei Evakuierungsmärschen oder an den Folgen der Unterernährung
Gründung eines internationalen Häftlings-Komitees (CID)
Befreiung des Lagers durch Truppen der US-Armee (29. April 1945)

Siehe auch: Konzentrationslager im Deutschen Reich: Auch in Hinzert im Hunsrück