Schlagwort: Buddhismus

Was ist Zeit? Gibt es sie überhaupt? Oder gibt es sie gleich mehrfach?

Die Zeit: Nach dem irdischen Element Wasser ist sie wohl das Faszinierendste, das uns vom Leben geschenkt wird. Immer wieder versuchen wir Menschen, sie zu messen, zu definieren, in irgendeine begreifbare Form zu bringen – nie gelingt es uns wirklich. Denn sie ist uns über, in jeder Hinsicht, die Zeit.

Da gibt es zum Beispiel die Newton’sche Definition: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich unwiederbringlich und besteht ihrer Natur nach gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.“  

Albert Einstein fand heraus, dass Newton nicht ganz Recht hatte: Dessen Definition erwies sich nämlich als unvereinbar mit der „Elektrodynamik bewegter Körper“. Einsteins  Relativitätstheorie befasst sich deshalb mit der Struktur von Raum und Zeit sowie mit dem Wesen der Gravitation. Kurz und unpräzise zusammengefasst: Zeit lässt sich dehnen, krümmen und komprimieren, Vorgänge, die sich mathematisch berechnen lassen. In seiner unnachahmlichen Art formulierte das Genie für uns Unwissende zwei Beispiele: „Zeit ist das, was man an der Uhr abliest“ – und „Fünf Minuten mit einem schönen Mädchen vergehen wie im Fluge, die selbe Zeit auf einer heissen Ofenplatte ist allerdings eine Ewigkeit!“

Damit wir praktisch mit ihr umgehen können, haben wir Menschen „unsere“ Zeit exakt definiert:  Eine Sekunde entspricht dem 86400. Teil einer Erdumdrehung oder genauer gesagt 9.192.631.770 Schlägen eines Cäsium-Atoms in einer Atomuhr. So wissen wir, wie lang eine Woche, ein Monat, ein Jahr sind und können am Ende unseres Lebens die im Körper verbrachte Zeit genau feststellen. Wir wissen, wie lange es von Sonnenaufgang bis -untergang dauert, können nach einem allgemein anerkannten Schlüssel Termine planen und was sonst noch so unseren Alltag bestimmt.

Prof. Dr. Gernot Münster ist Physiker. In seinem Referat Was ist Zeit?“ stellt er sich interessante Fragen: Hat die Zeit einen Anfang, ein Ende? Kann es „Zeitreisen“ geben? Kann sich die Zeit zyklisch zu einem Kreis schließen? Wie kommt es zu dem Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft? Er kommt zu ebenso interessanten Ergebnissen:

„Bei genauerem Hinsehen kann man mehrere Zeitpfeile unterscheiden
1. psychologisch: Erinnerung richtet sich in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft
2. thermodynamisch: Nach dem 2. Hauptsatz nimmt die Entropie stets zu
3. elektrodynamisch: Strahlung breitet sich von der Quelle mit fortschreitender Zeit aus
4. quantentheoretisch: die Zustandsänderungen im Messprozess sind unumkehrbar
5. kosmologisch: das Weltall dehnt sich aus.

Die Zeitpfeile 1-4 hängen zusammen. Die mit ihnen verbundenen irreversiblen Vorgänge laufen aufgrund von Wahrscheinlichkeitsgesetzen ab, die ein Fortschreiten von geordneten zu mehr ungeordneten Zuständen beschreiben. Dabei wächst insgesamt die Unordnung der betrachteten Systeme (Entropie).  Der Zeitpfeil lässt sich in diesem Fall darauf zurückführen, dass ein geordneter Anfangszustand (mit niedriger Entropie) vorliegt. Während die Gesetze zeitlich umkehrbar sind, führen die Anfangsbedingungen zu einer Unumkehrbarkeit von Vorgängen. Die Frage nach dem Zeitpfeil führt daher zu der Frage nach dem Ursprung des geordneten Anfangszustandes. Hierauf gibt es noch keine allgemein akzeptierte Antwort. Allerdings gibt es eine plausible Hypothese, wonach der Ursprung in der Kosmologie (Urknall) begründet ist, und die Expansion des Weltalls als eine Art „Master-Zeitpfeil“ wirkt.“

Eine weitere grundlegende Feststellung des Professors ist die Tatsache, dass auch die Zeit selbst relativ ist: „Die Relativität der Zeit wird gerne im so genannten Zwillingsparadoxon veranschaulicht: Ein Zwilling verlässt die Erde in einem Raumschiff, welches mit hoher Geschwindigkeit ins Weltall fährt und nach ein paar Jahren wieder zurückkehrt. Während der auf der Erde verbliebene Zwilling zum Greis gealtert ist, entsteigt dem Raumschiff seine deutlich weniger gealterte Schwester. Zwar liegt die Realisierung dieser Geschichte weit außerhalb der heutigen Möglichkeiten, der Effekt wurde jedoch mit Hilfe von Atomuhren in Flugzeugen experimentell bestätigt.“

Wer  bis hierher gelesen hat, wird gemeinsam mit mir festgestellt haben, dass all die klugen Köpfe wertvolle Definitionen zum Thema Zeit liefern – aber keine vollständigen – keine, die wirklich befriedigen.

Ganz anders gehen spirituelle Menschen mit der Frage um, was Zeit ist. Schamanische Heiler aller Erdteile vereint die Praxis des „Reisens“ in einem Trancezustand, der Zeit und Raum gleichermaßen überwindet. Auf solchen Reisen kann man ebenfalls die Zeit dehnen, krümmen und komprimieren – und im Erleben dieser Reisen sind die Prozesse auch umkehrbar.

MU

Der Buddhismus, ein großer philosphischer Erkenntnisweg, der fälschlich mit einer Religion verwechselt wird, hat sein eigenes Ziel im Umgang mit der Zeit definiert: Kurz und unpräzise zusammengefasst geht es darum, diese zum Stillstand zu bringen, um hinter sie zu schauen. So gibt es etwa im Zazen die Praxis des MU. MU bedeutet übersetzt „hat nicht“. Nach intensiver, meist langjähriger Übung, die daraus besteht, den Kopf zu leeren von allen Gedanken, das Gehirn daran zu hindern, ständig  zu plappern, und statt dessen dem Atem zu folgen, wie er ein und ausgeht ganz ohne unser Zutun – all dies unter ständiger Wiederholung des Mantras MU – erreicht der Übende einen Punkt, an dem eine glasklare Einsicht darin besteht, dass die Zeit nicht nur relativ ist: Vielmehr gibt es sie gar nicht.

Hinter all dem Werden und Vergehen gibt es ein unvergängliches Sein. Etwas, das es vor dem Beginn des Universums gab und danach weiter geben wird. Es ist ein Phänomen, das nicht Zeit, sondern Bewusstsein ist. Hier wohnt der „große Geist“, „Gott“, „der Schöpfer“ oder wie auch immer wir es nennen wollen. Wer hier ankommt, muss nicht zurück in das Rad des Samsara, den großen Kreislauf von Geburt und Tod, denn er hat erkannt, dass er, völlig unberührt von irgendwelchen physikalischen Prozessen, IST.

In einer ähnlichen Erkenntnis bewegen sich Menschen, die sich den verschiedenen Methoden des Remote Viewings verschrieben haben – hier allerdings aus sehr praktischen Gründen. Remote Viewer arbeiten heute an Fällen, wo normale Methoden nicht weiterführen, es geht dabei oft um sehr viel Geld. Sie suchen beispielsweise Tanker, die auf den Ozeanen der Welt verschwunden sind, und werden dazu von Versicherungen angeheuert.

Im Remote Viewing existiert der Begriff der Matrix – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film. Ein „Viewer“ muss in diese Matrix vordringen, um erfolgreich arbeiten zu können. Dort findet sich, wie in einem Hologramm, alles was jemals im Universum war und ist, und zwar gleichzeitig. Das besondere an dieser Matrix ist, dass man beliebig darin herumreisen kann – vorwärts, rückwärts oder quer durch Jahrhunderte oder Jahrtausende. Man erreicht sie, indem mit mechanischen Mitteln das Gehirn daran gehindert wird, seine gewohnten Blockaden aufzustellen. Dann folgt der befreite Geist seinem Hinweisgeber, etwa einem Foto, in die Situation, in der dieses  entstand und kann sich von dort aus beliebig bewegen.

Remote Viewing

Das, was die Matrix ausmacht, hat mit dem, was wir gewöhnlich unter Zeit verstehen, nichts mehr zu tun. Vielmehr ist es ein wabernder Ozean von Informationen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die gleichzeitig betrachtet werden können und  erst durch gezielte Nachforschungen in eine für uns nutzbare zeitliche Reihenfolge gebracht werden müssen.

Zeit gibt es nicht  – sie ist eine Illusion. Dieser These hängen immer mehr heutige Physiker an. Dr. med. Detlef B. Bartel, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, hat sich in einem Aufsatz mit der Frage auseinandergesetzt: „Die Physiker bezeichnen die vierdimensionale Welt als Block-Universum der Raumzeit. In dieser Welt fließt keine Zeit mehr. Alles ist auf einmal da. Der philosophische Begriff dafür lautet: Eternalismus.

Es bleibt nun noch die Frage, wieso wir trotzdem eine fließende Zeit erleben,“ schließt der Autor und beantwortet sie für sich so: „Das dürfte daran liegen, dass unser Gehirn durch seine physikalische Beschränktheit immer nur Momentaufnahmen herstellen kann, die wir dann zu einem Ganzen zusammensetzen. Diese Momentaufnahmen erscheinen uns wie vorbeifließende Bilder. Ähnlich wie bei einem Zelluloidfilm, auf dem schon alle Bilder da sind. Erst durch das Abspielen des Filmes entsteht der Eindruck von fließender Zeit, obwohl das Filmmaterial selbst zeitlos ist.“

Aber nicht nur theoretische Erwägungen unseres Gehirns sorgen für das Gefühl von fließender Zeit. Wir selbst und alles Leben auf dem Planeten sind geprägt von Werden und Vergehen. Nach der Phase von Wachstum und Entwicklung folgen eine relativ kurze Blütezeit und ein  unterschiedlich langes Vergehen. Je länger Menschen leben, desto länger ist auch diese Zeit des langsamen Abbaus,  in der das nicht mehr möglich ist, was Physiker als herausragende Eigenheit der Zeit beschreiben: Ihre Neigung, sich auszudehnen. Statt dessen beobachtet der Geist den alternden Körper, lebt zunehmend mehr in wehmütiger Erinnerung statt in Zukunftsplänen und muss irgendwann akzeptieren, dass sich der Körper niederlegt und seine Arbeit gänzlich einstellt. Dieser lineare Ablauf von Lebenszeit wirkt nicht nur fließend, er ist es auch.

Wurmloch

Mit einer Ausnahme: Kein feststellbares Altern gibt es bei den Gefühlen. Verliebtheit beispielsweise wird meist jungen Menschen zugeordnet. Man frage aber Menschen jeden Alters: Auch am Ende eines langen Lebens kann ein Mensch verliebt sein wie einst mit 16 Jahren. Ähnlich verhält es sich mit dem gegensätzlichen Gefühl, dem Hass. Oder mit der Sehnsucht. Es ist, als seien die Gefühle eine Art „Wurmloch“ im Universum, das die Verbindung zwischen linearen, endlichen Zeiträumen und der Unendlichkeit ermöglicht.  Gibt es also Liebe über den Tod hinaus? Treffen wir geliebte Menschen und Tiere wieder? Und wie könnte das dann sein? Im Zustand des grenzenlosen unsterblichen Seins oder in einem neuen, endlichen Leben?

Wobei das mit unserer derzeitigen Lebenswirklichkeit auch nicht sein muss, was es zu sein scheint. Ein Vermächtnis des unlängst verstorbenen Stephen Hawkings ist die Theorie, dass es parallel zu unserem noch andere Universen, vielleicht Multiversen gibt, in denen wir ebenfalls leben, aber andere Entscheidungen treffen, so dass Pech im aktuellen Universum Glück im parallelen sein könnte. Was für Perspektiven! Und wie schade, dass wir unsere parallelen Leben nicht bewusst wahrnehmen können!

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Endlich ist es Frühling. Der erste Zitronenfalter flattert durch den noch weitgehend kahlen Garten – ein neongelber Gruß von Licht und Wärme. Die Forsythien brauchen noch höchstens drei Tage dieses sonnigen, milden Wetters, dann werden sie ein sonnengelbes Blütenmeer entfalten – und über allem dieses leuchtend klare Himmelblau, das man nur nach oder vor der kalten Jahreszeit in dieser Intensitat erleben kann.

Sie hört den Vögeln zu, die bereits balzen – und dem melodischen Rattern des Spechts, der dabei ist, in einen alten Baum auf dem weitläufigen Grundstück eine neue Nisthöhle zu bauen.  Ihr Herz krampft sich schmerzhaft zusammen, als sie an die kommenden Monate denkt: In wenigen Wochen, wenn auch die Nächte mild geworden sein werden, wird sie dem sehnsuchtsvollen, einsamen Gesang der Nachtigall lauschen – allein  im samtweichen Dunkel – allein, wie jedes Jahr. Der Unterschied zu den Jahren davor: Sie hat es selbst entschieden.

Sie hat versucht, sich zu belohnen. Sie war im Eiscafé, hat in der Sonne gesessen, mit Freundinnen geplaudert, Erinnerungen ausgetauscht. Sie hat sich neue Anziehsachen gekauft – in hellen, freundlichen Farben und zwei Größen kleiner, denn die ständigen Magenschmerzen und die Appetitlosigkeit haben ihr beinahe ihre Idealfigur zurückgegeben.  Sie hat einen Urlaub am Meer gebucht – Südfrankreich, wie früher – nicht immer Malediven oder Karibik, wie in den letzten Jahren. Und sie hat mit Erstaunen festgestellt, dass sich zahlreiche Bekannte wieder bei ihr melden – obwohl die gar nicht wissen konnten, welche neuen Entscheidungen sie für ihr Leben getroffen hat.

Kurz und gut – eigentlich ist alles bestens.

Bis auf die Tatsache, dass sie nichts fühlen kann.

Und dass sie nur noch zwischen zwei Zuständen hin und her pendelt, von denen einer unerträglicher ist als der andere: Der erste ist eine quälende Unruhe, ein fast verzweifelter Bewegungsdrang, der dafür sorgt, dass sie sich ziemlich unkoordiniert in Arbeit stürzt, um nicht mit ihr konfrontiert zu werden.

Der zweite ist die Erschöpfung. Wenn sie nach schlaflosen Nächten und tagelanger Arbeit nicht mehr ausweichen kann und ihr Gespenst Anstalten macht, sie bei lebendigem Leib zu fressen: die Leere.

Wenn die Leere Gewalt über sie bekommt, ist das, als  verschwinde sie unter einer unsichtbaren Glasglocke. Alles sieht aus wie sonst – auch sie selbst. Und doch ist alles anders. Dann ist sie allein auf einem lebens-leeren Planeten, bestehend aus einer löchrigen, metallischen Scheibe, schwebend im schwarzen Loch. Sie steht am Rand der Scheibe und weiß: Es trennt sie ein einziger kleiner Schritt vom Fallen. Vom Fallen in einen unendlichen, leeren Raum. Einen dunklen Raum. Einen eiskalten. Einen, in dem Sterben unmöglich ist, Leben auch.

Sie weiß, welche Medikamente sie nehmen muss, um ihren Adrenalinspiegel zu erhöhen. Dann spürt sie wie sie auftaucht: Aus der Gefühllosigkeit durch einen schreienden, namenlosen Ozean des Schmerzes steigt ihr Kampfgeist auf, sie wird beweglich, entfaltet Charme und Überzeugungskraft. Dann überzeugt sie sogar sich selbst, dass sie zufrieden und erfolgreich im Leben steht.

Seit sie die Täuschung erkannt hat, verzichtet sie darauf.

Sie weiß, welche Worte sie hören muss, damit die Illusion erwacht. Die Illusion, dass sie vollständig ist. Dass die zweite Hälfte, die sie  ihr Leben lang  vergeblich gesucht hat, nun bei ihr ist, auf immer verbunden, wie Yin mit Yang.

Seit sie erkannt hat, dass Worte Taten nur kurzfristig ersetzen können, verzichtet sie darauf.

Und nun steht sie ihr gegenüber, der unerbittlichen Feindin ihres Lebens: Der Leere. Dem unendlichen Fallen in ein namenloses, schwarzes Nichts.

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Ein Mönch fragte Chao-chou (japanisch Joshu): „Hat ein Hund die Buddha-Natur?“ Chao-chou antwortete: „MU“.

MU bedeutet: ‚hat nicht‘. Dieser Zen-Koan entstammt einer kommentierten Sammlung aus dem 12. Jahrhundert, zusammengestellt von Wu-men Hui-k’ai. Heute ist er der erste Koan in der Sammlung Mumonkan.

Wu-mens (Mumons) Kommentar dazu: „Die Praxis des Zen verlangt gebieterisch, dass wir die von den alten Meistern errichteten Schranken überwinden. Solange wir sie nicht überwinden und die Straße des Denkens nicht verlassen, gleichen wir Geistern, die sich an Büsche und Grashalme klammern. Was ist nun diese ‚torlose Schranke des Zen‘? Diese einzige Schranke des Glaubens ist verkörpert in der einzigen Silbe MU.

Zum wohl hundersten Mal in den letzten Wochen liest sie die Passage, in der Zen-Meister Robert Aitken  Mumon zitiert:  „Wir sollten unseren ganzen Körper in eine Masse des Zweifels verwandeln und uns mit jedem unserer ‚360 Knochen und 84 000 Haarfolikeln‘ auf dieses eine Wort MU konzentrieren“. Dabei ist die wörtliche Übersetzung bedeutungslos – wichtig an der Silbe MU ist einzig, dass sie mit keinem greifbaren Bild verknüpft werden, den Verstand also nicht an einen Irrweg anhaften lassen kann. Durch niemals nachlassendes Üben wird MU zu einer glühenden Eisenkugel in unserem Mund, unserem Hals, unseren Eingeweiden – wir essen MU, atmen MU, verdauen MU werden selbst zu MU.

„Plötzlich bricht MU auf. Der Himmel ist starr vor Erstaunen, die Erde bebt. Es ist, als würden wir General Kuan sein großes Schwert entreißen. Wenn wir einem Buddha begegnen, töten wir ihn. Wenn wir Bodhidharma begegnen, töten wir ihn. Auf dem unendlich schmalen Grat zwischen Geburt und Tod entdecken wir die vollkommene innere Freiheit, erfreuen wir uns eines Samadhi der Fröhlichkeit und des Spiels.“

Wu-mens Original-Vers dazu: ‚Hund! Buddha-Natur! Der vollkommene Ausdruck des Ganzen. Nur ein wenig ‚hat‘ oder ‚hat nicht‘ genügt, und der Körper ist verloren, das Leben ist verloren.“

Sie ist überzeugte Buddhistin. Und doch hat sie nun seit Jahren kein Sesshin mehr besucht. Gute Gründe hat sie ihrem inneren Richter dafür genannt: So etwa die ständigen rheumatischen Schmerzen, die sie bei einem akuten Schub gnadenlos ins Bett zwingen. Sie weiß, dass diese Argumentation reiner Unsinn ist: MU kann man nicht nur sitzen, man kann es liegen, stehen, fahren… Es war die Angst vor der strengen Übung im Schweigen – vor dem Ringen mit der torlosen Schranke – die sie zurück gehalten hat.

Mit lautem Gezeter stürzen zwei Meisenhähnchen durch die Fliederbüsche – sie kämpfen schon Territorien aus. Ihr fällt der Vers des Matthäus-Evangeliums ein: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch…“ Wie wahr, denkt sie und bewundert die halsbrecherischen Verfolgungsflüge der beiden. Sie sind im Hier und Jetzt – sie selbst dagegen …

Sie schafft es einfach nicht. Es ist zu abstrakt, das MU. Zu nah an der Angst vor dem Fallen ins Nichts.

IMG_1939Der Traum.

Sehr ungewöhnlich war dieser Traum. So sehr, dass sie ihn nie vergessen hat: Umgeben von strahlendem Licht in allen Regenbogenfarben kniet sie da in einem leeren Raum. Eine tiefe, eindringliche Stimme hält ihr einen Vortrag über den Sinn allen Lebens und den der körperlichen Existenz. Sie jedoch ist entschlossen, nicht zuzuhören, ruft laut dazwischen, stört mit Klappern, Klopfen, Singen, kann auf diese Weise fast nichts verstehen.

Bis die dröhnende Stimme um sie herum die Oberhand gewinnt. Laut, tief und unüberhörbar doziert sie: „Betrachte der Gestalten Wesen – und du sollst und wirst genesen“.

Schlagartig ist sie erwacht, getroffen von der Erkenntnis, dass ihr störrischer Geist sich für den möglicherweise lebenslangen Umweg entschieden hat, statt für spontane Erleuchtung. Nun bedauert sie zutiefst, nicht besser zugehört zu haben und schreibt das erhaltene Fragment sorgfältig auf ein Blatt Papier, das sie neben dem Bett aufhängt.

„Betrachte der Gestalten Wesen…“ Auf einmal hört sie die dröhnende Stimme wieder, als habe sie eben erst davon geträumt.

Also nicht weglaufen, sondern Platz nehmen auf der Meditationsbank. Platz nehmen und den Blick fokussieren. Noch macht ihr die abstrakte Leere zuviel Angst. Aber: Da gibt es doch dieses Buch, das seit Jahren im Regal ein angestaubtes Dasein fristet: „The Journey„, geschrieben von Brandon Bays. Sie hat es gelesen, das mag so zehn Jahre her sein, zu einer Zeit, als „The Journey“ massiv en vogue war und alle irgendwelche Kurse besuchten, um mit ihrer inneren Quelle wieder in Kontakt zu kommen. Sie fand den Hype fast komisch, zumal sie bei ihren damals regelmäßig praktizierten schamanischen Reisen ihr Krafttier gefunden hatte, das entschlossen schien, sie durch die Klippen des Alltags beschützend zu begleiten.

Aber jetzt scheint die dröhnende Stimme aus dem Traum wieder ganz nah an ihrem Ohr zu sein: „Betrachte der Gestalten Wesen – und du sollst und wirst genesen“…

Diesmal wird ihr klar, dass sie alles Handwerkszeug zuhause hat, um sofort zu beginnen. Sie nimmt das Buch zur Hand, um die Anweisungen für die ‚emotional journey‘ noch einmal zu lesen. „Wenn Sie bei der emotional journey durch die einzelnen Schichten gehen, ist es wichtig, sich aus der äußeren Geschichte – den analytischen Gedanken – herauszuhalten und Ihre ganze Aufmerksamkeit und vollständige Bewusstheit darauf zu richten, die reine, nackte Emotion in Ihrem  Körper zu fühlen. Geben Sie sich einfach völlig dem Gefühl hin, heißen Sie es willkommen, benennen Sie es und sinken sie dann weiter herab zum nächsten Gefühl“.

Um an die Gefühle heranzukommen, wenden Sie sich nicht mehr an Ihren Kopf, sondern prüfen einfach innerlich Ihren Körper und stellen fest, wo das Gefühl am stärksten ist. Wenn sie es genau erfasst haben, lassen sie sich weiter zur nächsten Schicht und zum nächsten Gefühl hinabsinken. Irgendwann nehmen Sie vielleicht wahr, dass keine Gefühle mehr auftauchen. Diesen Zustand werden Sie möglicherweise als Taubheit oder Verwirrung beschreiben, als Nichtwissen oder schwarzes Loch, als Leere, als Nichts, oder als das Gefühl, festzustecken. Diese Erfahrung ist ein Teil des Prozesses. Jeder geht durch die Schicht des Unbekannten, durch die unbekannte Zone. Sie ist das Tor zur Quelle“.

Es ist ganz natürlich, sich vor dem Unbekannten zu fürchten. Daher beruhigen Sie sich – oder lassen sich beruhigen – dass alles ganz normal ist, damit sie entspannen, sich hingeben und fallen lassen können. Dass Sie an der Quelle angekommen sind, merken Sie daran, dass Ihre ganze Präsenz auf einmal sehr weit wird, nicht nur innerhalb des Körpers, sondern auch darüber hinaus.Wenn es sich anfühlt, als seien Sie mit allem Anderen eins – erst dann handelt es sich um eine echte Erfahrung der Quelle. Dieses Gefühl wird sehr weit, immer weiter, verwandelt sich von einer einfachen Emotion in einen Zustand reinen, klaren Bewusstseins.“

Da ist es doch wieder, das MU.

Das Wesen jeder Gestalt.

Die Leere, die eigentlich eine gewaltige Fülle darstellt – die Fülle der vollkommenen Summe allen Seins. Die Fülle des großen gestalterischen Geistes. Den Anfang, das Ende und alles, was dazwischen liegt.  Die Quelle.

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In einer Ansprache, die dem Mumonkan später hinzugefügt wurde, erklärt  Mumon: (…) „Wer weder vorwärts noch rückwärts geht, ist ein atmender Leichnam. (…) Bemüht euch mit letzter Kraft, in eurem Leben vollkommene Erleuchtung zu erlangen! Und bleibt nicht ewig in eurem Unglück hocken!“

Ohne Weg zum Weitergehen, ohne etwas zum Festhalten, ohne Möglichkeit, Hilfe zu suchen – wie soll man die Quelle finden?

Mumon hat dazu den Vers: ‚Die torlose Schranke‘ verfasst:

„Der große Weg ist ohne Tor.
Tausend verschiedene Straßen gibt es.
Wer einmal diese Schranke durchschritt,
spaziert in Freiheit im Weltall umher“.

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Siehe auch: „Der Mann meines Lebens ist Narzisst – wer oder was bin jetzt bitte ICH? 

und: Schrei des Herzens aus dunkler Nacht

Update: These: Die fehlende zweite Hälfte ist ein eigener, dissoziierter Persönlichkeitsanteil

Update: Thema Depression

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Forsythien

Tantra ist mehr als guter Sex: Es stellt das universelle Prinzip der Schöpfung dar

Die tantrische Praxis auf reine sexuelle Aktivität zu reduzieren, scheint ein unheiliger Trend zu sein, der sich wie ein Waldbrand ausbreitet. Nicht könnte aber schlimmer sein, als eine solche Entwicklung.  Vielleicht wird deshalb in Indien das Wissen um Tantra teilweise bis heute geheim gehalten: Seine Interpretation in den Händen eines Unwissenden wäre außerhalb jeder spirituellen Wahrheit. Kommerzielle tantrische Praktiken und öffentlicher Wettbewerb unter selbsternannten Tantra-Meistern scheint inzwischen die Bedeutung des Wortes in „freien Sex“ verwandelt zu haben.

Yogi Ananda Saraswathi formuliert in seinen englischsprachigen Lehrtexten viele Themen, mit denen sich westliche Spirituelle mehr oder weniger erfolgreich versuchen. Dazu gehören auch seine Ausführungen zum Thema Tantra, die ich im folgenden übersetze.

Jahrhundertelang war für Indiens spirituelle und rituelle tantrische Szene mit all den Theologien des Shivaismus, Shaktismus, Vishnuismus, Buddhismus, Jainismus und anderen mehr Tantra eine wissenschaftliche, technische und spirituelle Methode, Selbst-Wahrnehmung zu üben. Tantra war das absolute Wissen über Moksha; sprich, Erlösung aus dem Rad der Wiedergeburt. Heutzutage verbindet man Tantra direkt mit dem Körper, dessen Natur und Begierden. Man nimmt an, es gehe darum, den Körper des Partners als göttlich zu behandeln oder anzusehen.

Bedauerlicherweise  hat sich diese tantrische Praxis in einem Klima von Pseudo-Religiosität entwickelt, in dem man anstrebt, sexuelle Energie als Entspannungsweg oder zwecks  Erzielung zahlreicher Orgasmen zu feiern. Es scheint das Motto zu herrschen: Ich bin Shiva, du bist Shakti – jetzt drücken wir den Startknopf und tun es – sonntags am besten gleich zweimal! Man zündet eine Kerze an, verbrennt etwas Räucherwerk … und schon scheint alles richtig zu sein, denn so wird es gelehrt…

So wird Tantra zum rein körperlichen Ritual – weit entfernt vom eigentlichen Ziel, das ungetrennte Ganze zu realisieren. Im Grundsatz nimmt Tantra die gesamte Schöpfung als ungeteiltes Ganzes wahr: Kosmisch, metaphysisch und philosophisch teilt der Mensch den Kosmos mit allen Mit-Geschöpfen. Der menschliche Körper ist nichts anderes als ein mikrokosmisches Beispiel des gesamten Universums – und die gesamte Geschichte des Universums ist repräsentiert im menschlichen Körper. Tantra erforscht den Körper auf allen fünf Ebenen und deren Yantras, beziehungsweise Mitteln, Nirvana zu erreichen. Die beiden höchsten Ebenen heißen Manomaya – das ewige Element der Freude im Menschen und Anandamaya – das Bewusstsein des Glücks.

Einige Äußerlichkeiten der Praxis scheinen von der shivaistischen und buddhistischen Ikonografie, den Bildern und Skulpturen inspiriert zu sein. Sie sind Hilfsmittel, um die tiefere Ebene der Vereinigung von Shiva und Shakti zu erreichen. Die tantrische Achse, auf der Shiva und Shakti sich im Akt der Kopulation verbinden, ist als die Vereinigung der männlichen und weiblichen Prinzipien auf höchster metaphysischer Ebene zu sehen – als die Vereinigung von Pakriti und Purusha, von Verstand und Seele. Shakti, die Göttin des Tantra, ist die Quelle von Freude und Schöpfung. Sie arbeitet sich entlang Shivas Wirbelsäule nach oben, um auf dem Yogaweg der hohen Ebenen im Kronenchakra anzukommen. Methaphysisch gesehen, initiiert Shiva den Akt der Vereinigung, bei dem die Kundalini-Energie explodiert und Schöpfung stattfindet.

Tantra definiert sich nicht über weltliche Freuden oder intellektuelle Fragen – auch nicht über metaphysische Forschungen. Tantra akzeptiert die Dinge genau wie sie sind und verarbeitet sie in innere Wahrnehmung, in einen Weg, alle Energien in die endgültige Bedeutung von Mokhsa zu transzendieren. Es ist ein Aufstiegsprozess zur vollständigen Akzeptanz des im Menschen innewohnenden Potentials.

Männliche und weibliche Energie vereint - die Darstellung des großen kosmischen Prinzips im menschlichen Körper
Männliche und weibliche Energie vereint – die Darstellung des großen kosmischen Prinzips im menschlichen Körper

Was ist der tantrische Körper?

Das göttliche Königreich wohnt im menschlichen Körper und um ihn herum. Es ist in der Tat ein Gottesgeschenk, als Mensch geboren zu sein. Tantra fordert den Menschen auf, seinen Körper zu lieben – diesen Körper, der ironischerweise jedem Menschen am nächsten ist und dennoch oft vernachlässigt wird.  Man achtet auf den Körper nur aus Gründen der Vernunft – wobei der Begriff Vernunft sehr subjektiv ausgelegt wird: Man kümmert sich dann um den Körper, wenn man sich einen wie auch immer gearteten Vorteil davon verspricht.

In allen anderen Fällen wird der Körper entweder vernachlässigt oder auf bestimmte Funktionen reduziert, die gerade benötigt werden. Oft brauchen Menschen andere, um über ihren Körper sprechen zu können und werden von anderen Menschen gebeten, mit ihnen über deren Körper zu sprechen.

Das ist jedoch nicht die tantrische Sicht. Für den Tantriker ist sein Körper ein Haus Gottes, ein Tempel. Das verlangt, ihn als göttlich zu behandeln. Der unermüdliche,  auf wunder-volle Weise funktionierende Mechanismus verdient Respekt und Liebe. Dankbarkeit ist angebracht dafür, dass der Körper leise, automatisch und 24 Stunden am Tag seine Arbeit tut.  Die tantrische Sichtweise  führt automatisch zu einer veränderten Haltung gegenüber dem eigenen Körper: Den Körper zu lieben, bedeutet nämlich, das ganze Universum zu lieben – und nicht etwa, 24 Stunden am Tag orgasmusfähig zu sein.

Der Buddhismus summiert tantrische Praxis in vier reinen Werten: 1. Den eigenen Körper als den Körper Gottes anzusehen; 2. Die persönliche Umgebung als das reine Land Gottes wahrzunehmen; 3. Persönliche Freude als bedingungslosen Segen Gottes anzuerkennen und 4. eigene Aktivitäten nicht zum persönlichen Vorteil, sondern im Dienste der Gemeinschaft zu initiieren. Die zugehörigen Rituale umfassen ausgedehnte Visualisierungen und mentale Übungen.

Hier wirken zwei Faktoren zusammen: Stolz auf einen göttlichen Körper und lebendige Wahrnehmung dieser innewohnenden göttlichen Kraft. Wer seinen Körper derart behandelt, wird von Gott selbst davor bewahrt, gewöhnlich zu sein. Lebendige göttliche Präsenz schützt den Menschen vor gewöhnlichem Auftreten. Was immer die Sinne des Körpers wahrnehmen, sind göttliche Lehren. Jede Form, die unterschieden werden kann, wird als göttliche Manifestation  wahrgenommen, alle Töne und Klänge als göttliche Mantras.

Das Wort Mantra enthält das Grundwort man (Denken) und die Silbe tra (Werkzeug). Ein Mantra ist also ein Denkwerkzeug. Man spricht ein Mantra, während Körper, Sprache, Geist und Atem auf einen gemeinsamen Fokus konzentriert sind. In solch tiefer Konzentration erreicht man klarere Visionen. In diesem Sinne gelten tantrische Mantras als Beschützer des Geistes.

Der rituelle tantrische Aspekt im Behandeln des Körpers als göttlich führt zu einer Veränderung der Einstellung. Da entsteht Zustimmung und Stolz, göttlich zu sein, wenn das göttliche Bewusstsein erst im Geist angekommen ist. Das Ergebnis ist ein innerer Schutz vor gewöhnlichen Erscheinungen. Dieser Schutz des Geistes ist das Ziel der tantrischen Rituale und Mantras.

Im Kern ist ein Teil der trantrischen Praxis das Beherrschen und Transformieren körperlicher Energien. Die Sexualkraft ist eine der stärksten Formen körperlicher Energie. Die Natur nutzt sie, um den Fortbestand ihrer Arten zu sichern. Wenn der Mensch nicht lernt, diese Kraft zu transformieren, kann sie außer Kontrolle geraten. In der sexuellen tantrischen Praxis behandelt man nicht nur den Körper wie einen Gott – auch die gewöhnlichen Begierden und die Lust werden spirituell erhöht. Sex wird auf spirituelle Weise erlebt. Tantrische Rituale finden beispielsweise Wege, sexuelle Energie in eine(n) zu diesem Zweck visuslisierte(n) Partner(in) zu leiten. Konsequenterweise werden dann die Sexualorgane nicht mehr gewöhnlich wahrgenommen, sondern dienen dem göttlichen Körper als Werkzeug. Die spirituelle Vereinigung steht symbolisch für die Vereinigung von Seeligkeit  und Leere.

Es handelt sich um das gleiche tantrische Prinzip wie das der heiligen Vereinigung Shivas mit Parvati. Tantra ist eine sehr tiefgründige Form aktiver Meditation, die  das Bewusstsein erweitert, indem sie die körperlichen Sinne benutzt, um den Meditierenden in die darunter liegenden Ebenen zu führen. Tantra lehrt, dass heilige Sexualität ein Weg ist, die Intimität zu vertiefen und das Bewusstsein zu erweitern; ein Weg, mich frei von allen Anhaftungen mit dem Göttlichen zu verbinden.

In tantrischen Schriften ist Shakti ein Beispiel für die sexuellen und spirituellen weiblichen Energien. In der Hindu-Sicht stellt Shakti das weibliche Prinzip, die weibliche Energie dar. Auch wenn diese weibliche Kraft in den Körpern beider Geschlechter zu finden ist, wird die Frau als die Hüterin der Shakti-Energie angesehen. Ihre Kraft ist grenzenlos. Einmal erweckt, kann diese spirituelle sexuelle Kraft kreativ gelenkt werden.

Tantra, die Paarbildung eines Mannes und einer Frau, dient dazu, diesen großen, universellen kreativen Prozess darzustellen, der weit über den Körper hinaus geht : Den einzigartigen Schöpfungstanz von Shiva und Shakti.

Tibet: Ein Volk im Würgegriff protestiert mit immer mehr Selbstverbrennungen

Es war nur ein kurzer Beitrag im ZDF heute journal – aber er war ungewöhnlich offen: Es ging um die Selbstverbrennungen in Tibet, mit dem die verzweifelten Menschen auf ihre hilflose Situation aufmerksam machen wollen. Seit sich das Nachbarland China 1951 das Land auf dem Dach der Welt einverleibt hat – chinesisch heißt das „befreit“ – wird die tibetische Kultur systematisch verdrängt. Chinesen siedeln in der „Provinz“, Soldaten kontrollieren die einheimische Bevölkerung und behandeln sie mehr als grob.

Was sucht das Riesen-Reich China in Tibet? Die Antwort ist einfach Wasser. Weite Teile Chinas sind bereits jetzt viel zu trocken – es gibt Wissenschaftler, die behaupten, dass die Hauptstadt Pekings bereits jetzt nicht mehr vor dem Wüstensand zu retten ist.

In Tibet gibt es mehr als 20 Flüsse mit einem Einzugsgebiet von über 10 000  und über 100 Flüsse mit einem Einzugsgebiet von über 2000 Quadratkilometern. Sie führen in der Regel sehr viel Wasser von guter Qualität. Die größten Flüsse sind der Jinshajiang, der Nujiang, der Lancangjiang und der Yarlung Zangbo. Mehrere Flüsse Tibets fließen in Nachbarländer, wo sie dann Ganges, Indus, Brahmaputra, Mekong, Salween und Irawadi heißen. Der Yarlung Zangbo ist der größte Fluß Tibets. Innerhalb Chinas hat der Yarlung Zangbo eine Länge von 2057 Kilometern. In Indien heißt er Brahmaputra. China staut die Flüsse in riesigen Stauseen, um der Volksrepublik dauerhaft Trinkwasser-Reserven zu sichern.

Dazu kommt, dass das Hochplateau Tibets  die meisten Seen und die größten Seefläche der Welt aufweist Es gibt mehr Salzwasserseen als Süßwasserseen. 17 Seen, die alle eine Fläche von mehr als 50 Quadratkilometer haben, liegen über 5000 Meter hoch. Im Bild unten sieht man den Yamzhog Yumco, aufgenommen von der Freundschaftsstraße zwischen Lhasa und Gyangzê von Peter Vigier.

Seit Juni 2012 hat China Individualtourismus in Tibet verboten. Reisegruppen (ab fünf Personen) müssen einen chinesischen Führer dabei haben. Ausländische Medienvertreter dürfen nicht nach Tibet reisen. Und die chinesischen Behörden in den tibetischen Regionen sollen die zunehmenden Selbstverbrennungen (innerhalb der letzten beiden Jahren rund 100) unterbinden – was zu noch mehr Druck auf die Bevölkerung führt (siehe FAZ).

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Protest gegen die gewaltsame Unterdrückung durch China in Form von Selbstverbrennung – das ist in der westlichen Gedankenwelt nur schwer nachvollziehbar. Und wieso bedienen sich vor allem Mönche und Nonnen dieser radikalen Methode, wo doch der Buddhismus auf Gewaltlosigkeit gründet?

Man muss sich dazu klar machen, in welcher Lage das tibetische Volk ist. Kein Land der Welt wird sich mit der größten Volkswirtschaft der Erde China anlegen, um Tibet zu helfen. Bereits auf Treffen westlicher Politiker mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter, dem Dalai Lama, reagiert die Volksrepublik äußerst verschnupft, sagt Termine ab, verzögert Abkommen. So beschränken sich die Staaten darauf, Chinas Handeln in Tibet zu kritisieren und ab und an dem Dalai Lama die Hand zu geben.

Die Klöster des Landes sind traditionell auch die Zentren der Bildung. Während die einfache Bevölkerung zumeist eine Glaubensmischung aus Bön – dem alten tibetischen Schamanismus und der tibetischen Form des Buddhismus, des Lamaismus praktiziert, studiert man in den Klöstern eine ausgefeilte Denkweise, praktiziert unzählige, komplizierte Rituale und verfeinert den Geist in jeder nur denkbaren Weise. Hier erkannte man schnell das Ziel der chinesischen Politik: Die buddhistische Tradition sollte zu einer Art Folklore degradiert, Touristen farbenfroh und friedfertig präsentiert und ansonsten bedeutungslos werden. Hier setzte deshalb China von Beginn an auch den Schwerpunkt der Unterdrückung: Die Mönche und Nonnen sollten zum Schweigen gebracht werden (siehe dazu tibetfocus.com).

Der Buddhismus sieht den Tod nicht als Ende des Lebens. Er ist, vereinfacht gesagt, ein Ausstieg aus einem sterbenden Körper, dem Wiedergeburten so lange folgen werden, bis  das höchste Stadium der Erleuchtung erreicht ist. Negative Handlungen, zu denen der Selbstmord gehört, verlängern den Weg (vergl. faz.net) . Wenn man nun aber betrachtet, wie jung die meisten Menschen waren, die sich in den letzten Jahren selbst entzündet haben – und dass manchen nur noch dieser drastische Weg sinnvoll erscheint, um überhaupt Aufmerksamkeit in der übrigen Welt zu erregen, erscheint ihr Vorgehen in einem anderen Licht.

Die „Welt“ wird wohl auch weiterhin nicht aktiv werden, um Tibet zu befreien. So bleibt uns einfachen Menschen eins zu tun: Wir müssen aufmerksam machen auf die Dinge, die dort geschehen, damit das Licht der Öffentlichkeit auf sie fällt. Nur so kann verhindert werden, dass irgendwann die ursprüngliche tibetische Kultur wirklich nur noch im Museum zu besichtigen sein wird.

Siehe auch:

www.tibetfocus.com  und

http://tibet.net/

Update: Chinas latest restrictions for Tibetans: No passports

Update: 105. Selbstverbrennung

Update: Selbstverbrennungen: Chinas Tibet-Funktionäre ätzen gegen „Dalai Lama-Clique

Update: China erlaubt Bilder des Dalai Lama

Update: Internet für Tibeter ausschließlich mit gläserner Identität

Update: Liberalisiert China seine Tibet-Politik? Brisantes Buch im Köcher

Update: No one likes the Dalai Lama any more

Update: A new wave of torture hits Tibet

Update: Dalai Lama kündigt die Wiedergeburt auf

Update: The golden urn – Even China accepts that only the Dalai Lama can legitimise its rule in Tibet

Update: Tibeter verbrennt sich aus Protest in China

Die uralte Geschichte, wie „Svaha“ bei rituellen Anrufungen Pflicht wurde

Das Wort „Svaha“ ist vor allem praktizierenden Buddhisten ein Begriff – enden doch eine Vielzahl von Mantras damit – auch das wichtigste, die Herz-Sutra. Hier wird die Essenz des Buddhismus formuliert. Tatsächlich ist Svaha aber viel älter als der Buddhismus, der eine von vielen Reformen des Hinduismus darstellt. Der Hinduismus entstand etwa zwischen 2000 und 1000 vor Christus, der Buddhismus etwa 550 vor Christus.

Yogi Ananda Saraswathi hat es sich zur Aufgabe gemacht, Begriffe, Rituale, Götter, Mythen und Traditionen des Hinduismus in englischer Sprache niederzulegen. Den folgenden Text habe ich ins Deutsche übersetzt.

Svaha bedeutet übersetzt: So soll es sein. Es kann auch aufgeteilt werden in die Silben „su“ (gut) und „ah“ (gerufen). Die Rig-vedische Bedeutung ist Hingabe. Wann immer rituelle Handlungen im Namen Gottes durchgeführt werden, nutzt man das Wort „Svaha“ während des Opfers. Die Shatapatha Brahmana schreiben dem Wort „Svaha“ magische Bedeutung zu.

Die Göttin Svaha regiert im Hinduismus über alle Feueropfer. Man betrachtet sie, die Frau von Agni, als untergeordnete Göttin, die eigentlich eine Nymphe war. Durch ihre Ehe mit Agnis wurde sie unsterblich. Manchmal wird Svaha gleichgesetzt mit Uma und Parvathi. Ihre Söhne heißen Pavak, Pavaman und Suchi. Laut Vayu Purana steht Pavak für das elektrische Feuer, Pavaman für Feuer, das aus Reibung entsteht und Suchi für das Sonnenfeuer.

Svaha Devi wird während aller Homan, Yagas und Yainas (zeremonielle Anrufungsrituale) gerufen. Man glaubt, dass wenn das Wort „Svaha“ bei Feueropfern und Bittritualen nicht zitiert wird, die angerufenen Götter alle Opfergaben ablehnen. Zusammen mit Agni wird Svaha in einem Feuerritual von Ehegatten angerufen, um zwischen beiden Frieden und außerordentliche Nähe herzustellen.

Man sagt, dass der Körper der Göttin die vier Veden und ihre sechs Zweige verbindet. Man hält Svaha für eine der heiligen Mütter Skandas.  In ihrer extremen Erscheinungsform steht sie für die Frau Rudras. Verschiedenste Götter des hinduistischen Pantheons werden mit Svaha in Verbindung gebracht, darunter Shiva, Skanda, Krishna, Shri und Saraswathi.

Die BRAHMAVANTARA PURANA: Hier stellt Svaha Pakriti dar, die (weibliche) Shakti-Kraft, ohne die Agnis nicht brennen kann. Die drei Kinder sind die drei Feuer des Haushalts: Dakshina, Garhaptya und Ahavaniya. Die Opfer sind wirkungslos, wenn das Wort Svaha nicht benutzt wird.  In der Mahabaratha warden die drei Söhne beschrieben als Karma Agnis, die Verkörperung der Schönheit, Amogha Agni, das unsichtbare Feuer und Ukta, die Erlösung. Uktha zeugte Panchajanya, einen weiteren Gott des Feuers.

MAHABARATHA: Die Kritikas sind glücklich mit den sieben Sternen (Saptha Rishis) verheiratete Frauen. Sie heißen Kashyapa, Atri, Bharadhvaja, Vishvamitra, Gauthama, Jamadagni und Vashishta. Ihre Beziehung zueinander wird gestört, als Agnis die Schönheit der Kritikas entdeckt und jeder der sieben Frauen Offerten macht. Alle lehnen ab und verletzen ihn damit. Agni versteckt sich im Wald, um seine nächsten Schritte zu planen. Dort entdeckt ihn die Tochter von Brihaspati, Svaha, die in der Lage ist, die Form eines Sterns anzunehmen. Svaha ist auch als Manyauti, bzw. Manyanti bekannt und als solche präsent in allen Dingen. Sie verliebt sich in Agni, aber der weist sie zurück, so wie ihre Mutter ihn zurückgewiesen hat. Svaha ist nicht bereit aufzugeben, verkleidet sich als eine der Kritika und verführt Agni.  

Erfreut über ihren Erfolg nimmt sie nacheinander die Form der sechs anderen Kritika an. Als sie zur siebten und letzten wird, erkennt Agni die Täuschung, weil Svaha außer Acht gelassen hat, dass die siebte Kritika ihrem Ehemann äußerst ergeben ist. „Dank dir habe ich meinen Durst gestillt, ohne die heiligen Gesetze der Ehe zu brechen und ohne den Zorn der Sapta Risis hervorzurufen“, sagt er zu Svaha. Agni akzeptiert Svaha als seine Gefährtin und erklärt, er werde fortan keine Anrufung mehr entgegennehmen, ohne dass ihr Name beim Opfer genannt wird. Während der Yagna Zeremonie sagt deshalb der Priester jedes Mal, wenn er Milch oder Butter ins Feuer tropft „Svaha“.

Die Mythen berichten auch, dass die Göttin eine außergewöhnliche Methode der Geburtenkontrolle nutzte: Sie sammelte den Samen Agnis während der sechs intimen Begegnungen, verwandelte ihn in Vögel, die Suparni und hielt diese in einer Höhle gefangen. So wurde sie nicht schwanger. Die Höhle aber gebar einen Sohn, der Skanda genannt wurde. Das Kind, das aus der Liebe Agnis mit Svaha entstand, hieß Agneya. Er war ein heiliger Krieger mit der Kraft von sieben Männern.

Gerüchte besagen, dass die sechs Kritikas Skandas Mutter waren. Sie wurden deshalb von ihren Männern geschieden und zu einem anderen Teil des Nachthimmels gesandt. Es muss auch festgehalten werden, dass Skanda als Sohn Shivas gilt und dass Agni den feurigen Samen von Shiva zu Gangha trug. Die deponierte ihn in den Wäldern, wo Skanda als sechs Babies geboren wurde, die alle der Kritika Nakshatra ähnelten. Die Göttin Parvati führte die sechs Babies später zusammen.

BHAGAVATA PURANA: Ein vergleichbarer Moment ergab sich, als sich nach der Schöpfung aller weltlichen und himmlischen Wesen eine bestürzende Frage stellte: Zwar konnten die menschlichen Wesen essen und trinken, was die Erde ihnen bot – aber es gab nichts Vergleichbares für die Götter. Deshalb entschied Brahma, der Schöpfer, dass alle Opfergaben, die auf der Erde ins heilige Feuer gegeben wurden, den Göttern als Nahrung dienen sollten. So kam es, dass auch die Götter die große Göttin Svaha verehrten, die vor ihnen Gestalt angenommen hatte.

Die versammelten Götter sprachen also: „Oh Göttin, werde zur brennenden Macht des Feuers, das nichts verbrennen kann ohne dich. Am Ende eines jeden Mantras wird, wer immer dabei deinen Namen im Munde führt und Opfergaben ins Feuer wirft dafür sorgen, dass diese direkt zu den Göttern wandern. Mutter, werde zur Heimat allen Wohlstands und regiere ihn als Herrin im Haus des Feuers.“

Daraufhin näherte sich sogar Agni sich der Göttin des Feuers nur furchtsam und betete sie an als Mutter der Welt. Dann aber wurden beide beim Singen heiliger Mantras in den Knoten der  Ehe gezogen. Seitdem glaubt man, dass wer immer Trank-Opfer in die heilige Flamme gibt und das Wort „Svaha“ dazu spricht, all seine Wünsche sofort erfüllt bekommt.

Zu lesen in der Devi Bhagavata Purana: 9.43

In Memoriam: Hermann Hesse

Heute vor 50 Jahren ist der große Dichter Hermann Hesse gestorben. Sein Leben war ein großes Ringen um Erkenntnis – er kannte die Tiefen der Depression genauso wie den Rausch des Glücks. Zwei Bücher von ihm haben mich sehr geprägt: Der Steppenwolf – ich las ihn in einer entscheidenden Phase meines Lebens im Krankenhaus – und Siddharta – das mein erster Schritt in Richtung Buddhismus wurde. Erst sehr viel später wurde mir klar, dass Hesse – so klug und treffend er Menschen zu erfassen und zu schildern wusste, doch die ganze Tiefe der Erkenntnis im Rad des Samsara nicht gefunden hat. Möge er dort, wo er jetzt ist, glücklicher sein als es sein Leben war.

Tantra: Das Geheimnis der Vereinigung von Shiva und Shakti

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Tantraschulen, Tantrakurse, die Kunst des Tantra – darunter versteht man im Westen vor allem eines: Die Kunst der (körperlichen) Liebe zwischen Mann und Frau. Das ist allerdings die Reduzierung eines großen spirituellen Weges auf nur  eines seiner Details.

„Gewebe, Kontinuum, Zusammenhang“ – so wird das Sanskrit-Wort Tantra übersetzt. Es ist der Ausdruck einer Strömung innerhalb des Hinduismus, die auch ihren Weg in den Buddhismus fand. Frei übersetzt  könnte man sie in das bekannte Bild „wie oben, so unten“ zusammenfassen.  Die tantrische Philsosophie geht davon aus, dass der Mensch sowohl Teil des göttlichen Ganzen ist, als auch alle Teile dessen in sich enthält. Dies muss dem Einzelnen jedoch erst wieder bewusst werden.

Wie kann man sich vorstellen, eins mit dem Absoluten zu sein und gleichzeitig all dessen Teile zu enthalten?

Das Studium der in der Natur vorkommenden Fraktale hat uns in jüngster Zeit auf wundervolle Weise deutlich gemacht, wie das in der Praxis aussieht. Mittels abgeleiteter mathematischer Formeln lassen sich Wiederholungen immer gleicher Formen per Computer deutlich machen, und das Ergebnis ist reine Faszination: Die im Großen enthaltenen Schemata und Farben wiederholen sich im Kleinen (nach unten) immer wieder neu in der gleichen Ausprägung und Darstellung.

Ausgehend von der hinduistischen Denkweise enthält das gesamte Universum zwei wesentliche Strömungen: das männliche Prinzip, symbolisiert durch Shiva und das  weibliche, symbolisiert durch Shakti. Diese beiden durchdringen sich gegenseitig und brauchen ein Gleichgewicht. Deshalb wird Tantra oft durch das Symbol der sexuellen Vereinigung dargestellt.

Dem entsprechend  haben die Götter im hinduistischen Pantheon jeweils einen weiblichen Gegenpart, eine Shakti: Zu Brahma, dem Schöpfer, gehört beispielsweise Sarasvati, die Göttin der Künste und der Wissenschaft. Zu Vishnu, dem Erhalter, gehört Lakshmi, Göttin des Glücks, der Schönheit und des Reichtums. Shiva, der Erlöser und Zerstörer, wird begleitet von Parvati, der lebensspendenden Mutter.

Wie die männlichen Götter haben auch die Göttinnen sowohl eine Leben spendende, als auch eine dunkle, zerstörerische Seite, die immer dann erscheint, wenn es gilt, die Erde zu verteidigen und Dämonen zu besiegen. Dies sind jedoch nur scheinbar Gegensätze: In Wahrheit sind es Teile des selben Mosaiks.

Das Erkennen dieser Nicht-Dualität ist das wesentliche Ziel des Tantrismus. Um es zu erreichen, geht der Mensch einen langen spirituellen Weg, während dessen er sich jedoch nicht zurückzieht in die Einsamkeit einer Zelle, sondern lernt, alles Materielle als Ausdruck feinstofflicherer Energien zu begreifen und entsprechend zu meistern.

So erreicht er schließlich einen Zustand, in dem er frei von Täuschungen die höchste Wahrheit erkennen kann.

Um dort hin zu kommen,  bedient man sich diverser Mittel. Die Arbeit mit Mantras und Mudras stimmt Körper und Seele auf das Ziel ein. Symbole wie Yantras und Mandalas verdeutlichen das Prinzip „wie oben so unten“, also die Spiegelung des Makrokosmos im Mikrokosmos.  Das System der Chakren (Energiezentren) und Nadis (Energiekanäle) im Körper sowie deren Fortsetzung in den feinstofflichen Raum mittels meditativer Praxis wird ergänzt durch Visualisierung von Gottheiten, bzw. göttlicher Prinzipien und innerlicher Vereinigung mit diesen.

Hier treffen wir auch wieder die rituelle sexuellen Vereinigung, mittels derer die Dualität zwischen Mann und Frau überwurden werden kann.

Innerhalb des menschlichen Körpers ist die weibliche und mütterliche Energie als Kundalini im Unterleib gesammelt. Sie wird dargestellt als Bild einer zusammen gerollten Schlange. Wenn Kundalini erweckt wird, steigt sie entlang der Wirbelsäule über die Chakren auf, bis sie sich schließlich im obersten Chakra, dem Sahasrara, mit Shiva, dem männlichen Prinzip vereinigt. Dann wird aus aller Dualität eine vollkommene Einheit: beginnend von den Körperfunktionen bis hin zum seelischen Befinden.

Diese Erfahrung geht einher mit einem großen Glücksempfinden und höchster Einsicht in spirituelle Zusammenhänge. Deshalb streben viele Menschen an, die Kundalini in sich zu erwecken – ein nicht ungefährliches Ziel: Ohne vorherige Einsicht in notwendige Läuterung kann der durch Kundalini freigesetzte Energiestrom stärkste körperliche und seelische Nebenwirkungen hervorrufen.

Im Buddhismus wurde die tantrische Lehre des Hinduismus in großen Teilen übernommen. Ziel ist die Befreiung von allem Leid, das durch Gier, Neid und Hass entstanden ist, zum Wohle aller fühlenden Wesen. Die Idee dahinter ist, dass jeder Mensch das perfekte Ganze bereits enthält, sich dessen aber nicht bewusst ist. Durch Konzentration und Beherrschung körperlicher und geistiger Energien gilt es nun, den „Spiegel zu reinigen“ – also los zu lassen, was die Sicht auf die Erkenntnis verstellt. Ziel ist es, im ganz alltäglichen Leben immer mehr Freuden zu erfahren, ohne diesen jedoch wie in einem Hamsterrad ständig nachzulaufen.

Neben täglicher konsequenter Übung verlangt dies auch große Ehrlichkeit des tantrischen Schülers sich selbst gegenüber. Es gilt, grundsätzlich zwei Dinge zu unterscheiden:

Verlange ich sehr nach einem bestimmten Genuss, beherrsche ihn aber, indem ich ihn mir nur unter bestimmten Bedingungen gestatte? Dann muss ich noch viel lernen.

Oder brauche ich einen bestimmten Genuss eigentlich nicht mehr, kann ihn aber, wenn er mir zufällt, aus vollem Herzen genießen und dann wieder verabschieden? In diesem Fall bin ich auf dem richtigen Weg.

Quellen, bzw. weiterführende Informationen:

http://de.wikipedia.org/wiki/Tantra

http://de.wikipedia.org/wiki/Shakti

http://de.wikipedia.org/wiki/Shiva

Helmut Poller   http://www.tantra-tradition.de