Weltwasserbericht 2019: Wir brauchen schnell Gerechtigkeit für alle!

Drei von zehn Menschen haben keinen Zugang zu sicherem (also sauberem und dauerhaft leicht verfügbarem) Trinkwasser. Fast die Hälfte der Menschen, die Wasser aus ungeschützten Quellen trinken, lebt in Afrika südlich der Sahara. Sechs von zehn Menschen haben keinen Zugang zu sicheren Sanitäranlagen und jeder Neunte verrichtet seine Notdurft im Freien. Über zwei Milliarden Menschen leben in Ländern mit hohem Trockenstress bzw. Wassermangel, etwa vier Milliarden Menschen erleben schwere Wasserknappheit mindestens einen Monat pro Jahr.

Krasse Zahlen im Weltwasserbericht 2019 der UNESCO, der heute veröffentlicht wurde. Wasser ist das Gold der Menschheit. Jetzt schon, in Zukunft aber noch viel stärker, wird es Kriege um das wertvolle Nass geben, denn Wasser bedeutet Leben.

Die Forderungen, die die UNESCO aus zurückgehenden Ressourcen und ungerechter Verteilung zieht, sind in steifer, korrekter Sprache formuliert, aber von enormer Brisanz: Verantwortlich dafür, dass jeder Bewohner dieses Planeten sein Menschenrecht auf frei zugängliches, sauberes Wasser, sowie effizienten Sanitäreinrichtungen nutzen kann, tragen die Staaten, aber auch die weltweit agierenden großen Konzerne, wie etwa Nestlé. Da die Einen wie die Anderen oft ihrer Pflicht nicht genügen, müssen sie sowohl von internationalen Organisationen wie etwa den Vereinten Nationen überwacht, als auch gegebenenfalls zur Rechenschaft gezogen werden. Neben enormen Investitionen für Förderung, Speicherung und Aufbereitung von Wasser, sowie einer geregelten Sanitärversorgung, braucht es nach Meinung der Organisation außerdem neue Formen der Zuweisung von Wasserresourcen. Eine Jahrhundertaufgabe, die entscheidend für das Fortbestehen der Menschheit werden wird.

Hier nun Auszüge aus dem Weltwasserbericht:

Der Wasserverbrauch steigt seit den 1980er Jahren aufgrund von Bevölkerungswachstum, sozioökonomischer Entwicklung und sich änderndem Konsum weltweit um etwa ein Prozent pro Jahr. Schätzungen zufolge wird das bis 2050 so weiter gehen. Für diesen kumulierten Anstieg von 20 bis 30 Prozent im Vergleich zum heutigen Wasserverbrauch ist vor allem die steigende Nachfrage von Industrie und Haushalten verantwortlich.

Die Menschenrechte verpflichten alle Staaten, sich für universellen Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen für alle ohne Diskriminierung einzusetzen und gleichzeitig den Bedürftigsten Vorrang einzuräumen. Die Verwirklichung der Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung erfordert, dass die Dienstleistungen verfügbar, physisch zugänglich, gerecht bezahlbar, sicher und kulturell akzeptabel sind.

„Niemanden zurücklassen” steht denn auch im Mittelpunkt der Verpflichtungen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Ihr Ziel ist es, dass alle Menschen in allen Ländern von sozioökonomischer Entwicklung profitieren können und dass Menschenrechte vollumfänglich verwirklicht werden. Dabei muss zwischen “Wasserrechten” und den Menschenrechten auf Wasser und Sanitärversorgung klar unterschieden werden. Wasserrechte werden normalerweise nach nationalem Recht geregelt und werden einer Person oder einer Organisation aufgrund von Eigentums- oder Landrechten oder aufgrund von Vereinbarungen zwischen Staat und Grundeigentümer übertragen. Diese Rechte sind oft nur befristet verliehen und können auch entzogen werden. Die Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung sind weder befristet noch staatlich genehmigungspflichtig, noch können sie entzogen werden.

Zurückgelassen werden viele Menschen: Dazu gehören Frauen und Mädchen, ethnische, religiöse, sprachliche und andere Minderheiten; behinderte, alte und vor allem arme Menschen haben oft weder Zugang zu sicherem Wasser, noch zu sanitären Einrichtungen. Dabei unterscheidet die UNESCO zwischen verfügbarem Wasser und den Bedingungen unter denen dieses zugänglich gemacht wird. Zur Sanitärversorgung wird ebenso der Umgang mit Abfällen und deren Endprodukten gezählt wie die Sammlung dieser, wozu auch Toilettensysteme gehören.
Direkte Diskriminierung liegt vor, wenn Menschen durch Gesetze, Verordnungen, Richtlinien oder Praktiken bewusst der Zugang zu Dienstleistungen oder Gleichbehandlung verwehrt wird. Indirekte Diskriminierung liegt vor, wenn Gesetze, Verordnungen, Richtlinien oder Praktiken zwar neutral erscheinen, in ihrer Wirkung aber Menschen faktisch vom Zugang zu Dienstleistungen ausschließen.

Wie weit eine Grundversorgung mit Wasser sich auf einen Staat und seine Menschen auswirkt, ist extrem: Gesundheit und Produktivität verbessern sich. In Schulen steigen die Bildungsergebnisse, da Fehlzeiten, vor allem von Mädchen sinken. Die Anerkennung der Verantwortung der indigenen Völker für ihr Land und Wasser fördert sowohl deren Inklusion, die Verwirklichung ihrer Menschenrechte als auch die Wertschätzung ihres traditionellen Wissens.

Beim Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen bestehen in Städten erhebliche Ungleichheiten zwischen Haushalten in Slums und außerhalb davon. Wohlhabende Haushalte haben oft hohe Servicequalität zu relativ niedrigen Kosten; arme Haushalte zahlen für einen Service von ähnlicher oder geringerer Qualität einen deutlich höheren Preis. Randgebiete von Städten werden oft gar nicht erst an die Versorgung angeschlossen. Dort lebende Menschen zahlen keine Steuern, werden nicht gezählt und gelten gar nicht als anerkannter Teil des Systems. In vielen Städten wird zudem deutlich weniger Infrastruktur zur Abwasserentsorgung als für die Wasserversorgung bereit gestellt. Dies trifft die ärmsten Bewohnerinnen und Bewohner von Slumgebieten am stärksten. Deshalb muss eine deutliche Verbesserung der Wasserversorgung mit entsprechenden Investitionen in die Sanitärversorgung einhergehen.

Von allen landwirtschaftlichen Betrieben weltweit sind mehr als 80 Prozent Familienbetriebe mit einer Anbaufläche kleiner als zwei Hektar. Kleinbauern bilden in vielen Ländern das Rückgrat der Lebensmittelversorgung. Sie tragen dort zu mehr als der Hälfte der landwirtschaftlichen Produktion bei. Doch gerade auf dem Land sind Armut, Hunger und Ernährungsunsicherheit am größten. In armen ländlichen Gebieten ist Wasserinfrastruktur nach wie vor kaum vorhanden. Millionen von Frauen und Männern auf dem Land sind daher mit Wasser und sanitären Einrichtungen unzureichend versorgt. Die Wasserbedürfnisse kleinbäuerlicher Bewässerungssysteme müssen stärker anerkannt werden, um sicheren und gleichberechtigten Zugang zu Wasser zu gewährleisten und zugleich künftige Wasserinvestitionen zu ermöglichen, fordert die UNESCO. Die Wasserzuteilung an Großverbraucher, sei es für die Bewässerung oder andere Zwecke, dürfe nicht auf Kosten der legitimen kleinbäuerlichen Bedürfnisse erfolgen, unabhängig davon, ob formale Wassernutzungsrechte nachweisbar sind oder nicht – ein klarer Hinweis auf missbräuchliche Nutzung durch Großkonzerne.

Die Zahl vertriebener Menschen weltweit steht aktuell auf einem Höchststand. Geflüchtete und Binnenvertriebene sind oft von grundlegender Wasser- und Sanitärversorgung ausgeschlossen. Fast ein Viertel dieser Vertriebenen lebt zwar in Lagern, die überwiegende Mehrheit jedoch in Städten und Dörfern. Sie werden von der jeweiligen lokalen oder nationalen Regierung oft nicht offiziell anerkannt und daher von Entwicklungsbemühungen ausgeschlossen.

Massenvertreibungen belasten an Durchgangs- und Zielorten die Wasserressourcen und die damit verbundenen Leistungen, einschließlich sanitärer Grundversorgung und Hygiene. Oft entstehen Ungleichgewichte zwischen der bereits ansässigen Bevölkerung und den neu Angekommenen. Da sich Regierungen der Zielländer oft gegen die Erkenntnis sperren, dass Vertreibungen langwierig sein können, bestehen sie auf Verbleib der Geflüchteten/Binnenvertriebenen in Lagern mit “temporären” oder “gemeinschaftlichen” Einrichtungen mit niedrigerem Leistungsniveau. Auch die umgekehrte Situation kann eintreten, so dass Geflüchtete qualitativ hochwertigere WASH-Dienste erhalten. Hier weist die UNESCO daraufhin, dass alle Menschen, auch Geflüchtete und Vertriebene, ein Anrecht auf angemessene Versorgung mit sicherem Wasser und Sanitäreinrichtungen haben und fordert die Staaten der Welt auf, eine „Lager-Politik“ zu vermeiden.

Im arabischen Raum wird die Pro-Kopf-Wasserknappheit aufgrund von Bevölkerungswachstum und Klimawandel weiter steigen. Allen Menschen trotz Wasserknappheit Zugang zur Wasserversorgung zu gewährleisten, ist gerade in Konfliktgebieten, wo Infrastruktur beschädigt, zerstört bzw. als Zerstörungsziel vorgesehen wurde, eine sich verschärfende Herausforderung, heißt es im Bericht. Humanitäre Hilfe ist hier immer stärker auch Entwicklungsarbeit, mit dem Ziel eine dauerhaftere Wasser- und Sanitärversorgung in Flüchtlingslagern und informellen Siedlungen auzubauen. Dies führt zuweilen zu Konflikten und Spannungen mit den aufnehmenden Gemeinschaften, besonders falls die beiden Gruppen keinen gleichberechtigten Zugang zur Wasserversorgung haben.

Im asiatisch-pazifischen Raum wurden 2016 29 von 48 Ländern aufgrund geringer Wasserverfügbarkeit und nicht nachhaltiger Grundwasserentnahme als wasserunsicher eingestuft. Die Wasserknappheit wird durch die Auswirkungen des Klimawandels noch verstärkt. Naturkatastrophen treten häufiger und intensiver auf, das Katastrophenrisiko steigt schneller als die gesellschaftliche Widerstandskraft. Katastrophen haben Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), Einschulungsraten und Pro-Kopf-Ausgaben für das Gesundheitswesen. Sie können dazu führen, dass Menschen an der Armutsgrenze – mit Einkommen zwischen 1,90 und 3,10 US-Dollar pro Tag – in extreme Armut geraten.

Auch in Europa und Nordamerika ist der Zugang zu sicherer Sanitärversorgung vielerorts, vor allem auf dem Land, weiter eine Herausforderung. Besonders ernst ist für einen Großteil der Bevölkerung die Situation in Osteuropa, im Kaukasus und in Zentralasien. Aber auch viele Bürger in West- und Mitteleuropa sowie in Nordamerika haben keinen oder nur ungerechten Zugang zu Wasser- und Sanitärdienstleistungen.

In Lateinamerika und der Karibik müssen noch immer Millionen ohne angemessenes Trinkwasser auskommen. Noch mehr sind vom Mangel an sicherer und angemessener Entsorgung von Ausscheidungen betroffen. Menschen ohne Zugang zu Versorgungsleistungen leben vor allem in den Vorstädten, insbesondere in den Armutsgürteln.

Ganz schlimm ist die Lage im südlichen Afrika. Das Fortbestehen von Armut südlich der Sahara ist auch eine direkte Folge des Mangels an wasserwirtschaftlicher Infrastruktur sowohl in Bezug auf die Speicherung und Versorgung als auch auf die Verbesserung der Trinkwasser- und Sanitärversorgung. Dies wird wirtschaftliche Wasserknappheit genannt. Etwa 60 Prozent der Gesamtbevölkerung Subsahara-Afrikas leben auf dem Land. 2015 hatten nur drei von fünf Landbewohnern Zugang zu mindestens grundlegender Wasserversorgung; nur jeder fünfte hatte Zugang zu mindestens grundlegender sanitärer Versorgung. Etwa jeder zehnte trinkt bis heute unbehandeltes Oberflächenwasser, und viele arme Menschen auf dem Land, besonders Frauen und Mädchen, verbringen viel Zeit mit der Beschaffung von Wasser.

Mehr als die Hälfte des bis 2050 erwarteten Bevölkerungswachstums, nämlich 1,3 Milliarden von 2,2 Milliarden weltweit wird in Afrika stattfinden. Das Bevölkerungswachstum findet vor allem in Städten statt, was ohne angemessene Planung zu einem dramatischen Wachstum der Slums führen kann. Auch wenn sich die Lebensbedingungen in Slums zwischen 2000 und 2015 stetig verbessert haben: In Afrika bleibt die Rate des Wohnungsneubaus weit hinter der Rate des städtischen Bevölkerungswachstums zurück.

Maßnahmen in lokalen Gemeinschaften sind entscheidend für die Bekämpfung der eigentlichen Ursachen für das “Zurückbleiben von Menschen” in Bezug auf Wasser und sanitäre Einrichtungen, sagt die UNESCO. Verantwortungsvolle staatliche Steuerung würde hierarchische Machtstrukturen überwinden und gleichzeitig Rechenschaftspflicht, Transparenz, Legitimität, Bürgerbeteiligung, Gerechtigkeit und Effizienz – also einen menschenrechtsbasierten Ansatz – stärken. Neue Formen der Zuweisung von Wasserressourcen könnten verschiedene sozioökonomische Ziele erreichen – wie die Wahrung der Nahrungsmittel- und/oder Energiesicherheit oder industrielles Wachstum; garantierte Priorität müsse aber eine ausreichende Wasserverfügbarkeit in angemessener Qualität für alle sein.

Alle Akteure, die an der gleichberechtigten Verwirklichung der Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung beteiligt sind, haben ihre spezifische Verpflichtung und Verantwortung. Die Menschenrechte definieren den Einzelnen als Rechteinhaber und die Staaten als Pflichtenträger. Nichtstaatliche Akteure tragen ebenfalls Verantwortung für die Menschenrechte und können für deren Verletzung zur Verantwortung gezogen werden. Nichtregierungsorganisationen und internationale Organisationen spielen mitunter eine wichtige Rolle bei der Leistungserbringung und müssen Gleichberechtigung und Rechenschaftspflicht gewährleisten. Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, internationale Handels- und Finanzinstitutionen und Partner der Entwicklungszusammenarbeit sind aufgerufen, dafür Sorge zu tragen, dass ihre Unterstützung in jene Länder oder Regionen fließt, die am wenigsten in der Lage sind, das Recht auf Wasser und Abwasser zu verwirklichen.

Siehe auch:

Bottled Life: Nestlés einträgliche Geschäfte mit Wasser

Geliebtes Wasser, unbekanntes Wesen

Trinkwasser ist ein Menschenrecht und darf nicht privatisiert werden!

Update: Süßwasserseen unter der Antarktis entdeckt

 

Gold-Nachfrage der Zentralbanken 2018 ist die „höchste seit Bretton Woods“

651,5 Tonnen Gold haben die Zentralbanken 2018 zu ihren Beständen zugefügt. Das ist die höchste Nachfrage seit 1971, berichtet der World Gold Council (WGC) in seinem Rückblick auf das abgelaufene Kalenderjahr. Die gesamte Nachfrage stieg 2018 um vier Prozent auf 4.345,1 Tonnen. Indien blieb dabei mit minus 4 bei 598 Tonnen nahezu konstant.

Die Gold-Schmuck-Nachfrage blieb dagegen bei einer Tonne Unterschied nahezu unverändert bei 2.200 Tonnen. Die Nachfrage bei Goldmünzen stieg 2018 um 4 Prozent auf 236,4 Tonnen, das bedeutet ein Fünf-Jahres-Hoch. Bereits im fünften Jahr etwa gleichbleibend blieb mit 781,6 Tonnen die Nachfrage nach Goldbarren.

Die Zuflüsse in goldgedeckte ETFs nahmen 2018 ab auf nur noch 68,9 Tonnen. Das stellt einen Rückgang von 67 Prozent dar. Einzig in Europa habe es einen Nettozuwachs gegeben, heißt es im Bericht. Die Minen-Produktion stieg 2018 mit 3347 Tonnen auf ein Rekordniveau. Beim Technologie-Gold blieb die Nachfrage bei 334,6 Tonnen etwa gleich. Ganz allgemein war festzustellen, dass sich im vierten Quartal die Markt-Aktivitäten eintrübten.

Die Konsumenten in Indien seien aufgrund des volatilen Goldpreises vorsichtiger geworden, präzisiert der Bericht des World Gold Coucil. Auch habe es 2018 weniger besonders geeignete Hochzeitstermine gegeben, und man habe verstärkten Tausch Gold gegen Gold festgestellt. So sank die Nachfrage auf 180,1 Tonnen. Für das Jahr 2019 sei der Ausblick wieder positiver. Die Nachfrage in China wurde zuletzt durch die Streitereien mit den USA eingetrübt. Hier versucht sich der Handel in neuen Angeboten, wie etwa dem „Spiegelgold“: Ein 999s Produkt mit einer weichen, spiegelähnlichen Oberfläche zielt besonders auf die jüngere Generation. Dennoch sank die Nachfrage um drei auf 174,8 Tonnen. Im Mittleren Osten blieb die Nachfrage schwach, während sie in den USA im zweiten Jahr in Folge stieg. Einen scharfen Einbruch um 21 Prozent auf nur noch 9,1 Tonnen gab es bei der türkischen Nachfrage. Auch im Iran sank die Nachfrage um 29 Prozent auf noch 29,5 Tonnen.

Die 651 Tonnen Neukäufe der Zentralbänke seien die Höchsten seit dem Wegfall von Bretton Woods, heißt es im WGC-Bericht. Russland, die Türkei und Kasachstan seien hier Schlüssel-Einkäufer, bei weitem aber nicht allein. Verstärkte wirtschaftliche und geopolitische Unsicherheiten bewegten die Zentralbanken, ihre Sicherheiten zu diversifizieren und mehr in sichere, sowie liquide Anlagen zu investieren. 76 Prozent der Zentralbanken, zu eine Umfrage des World Gold Councils, sehen Gold als sicheren Hafen in schwierigen Zeiten, während 59 Prozent das Edelmetall als wichtigen Bestandteil diversifizierter Portfolios sehen. Jede fünfte Zentralbank habe angekündigt, ihre Goldreserven auch im laufenden Jahr weiter aufzustocken.

Russland, das seine Reserven gezielt „entdollarisiert“, hat 2018 allein 274,3 Tonnen Gold gekauft und damit seine Reserven auf 2113 Tonnen zum Jahresende aufgestockt. Die Türkei kaufte mit 51,5 Tonnen zwar 40 Prozent weniger als im Vorjahr, steigerte ihre Reserven aber doch seit Mai 2017 um 137,4 Tonnen. 2017 war das Land nach 25jähriger Enthaltsamkeit wieder in den Goldhandel eingestiegen. China äußerte sich erstmals seit 2016 wieder und gab an, seine Reserve um gerade einmal 10 auf 1852,2 Tonnen gesteigert zu haben. Auch europäische Zentralbanken kauften kräftig ein, hier besonders Polen und Ungarn. Deutschland liegt mit 3369,7 Tonnen inzwischen nach den USA auf Platz zwei der weltweit höchsten Goldreserven.

Im Technologiesektor gab es eine Nachfrage von 334,6 Tonnen. Hier sank der Verbrauch von Zahngold, während der Bedarf im Elektronikbereich stieg. Auch hier gab es allerdings im vierten Quartal mit der Gewinnwarnung von Apple einen Einbruch. Ähnlich verhielt es sich im LED- und Speicherbereich.

Die Minen-Produktion stieg 2018 mit 3347 Tonnen auf ein Rekordniveau. Die Menge recycelten Goldes belief sich auf 1173 Tonnen. In China sorgten verschärfte Umweltauflagen für eine um 9 Prozent geringere Goldproduktion. Einige Produktionsstätten wurden ganz geschlossen. In Indonesien sank die Produktion um 24 Prozent, was zu einem großen Teil auf den Wegfall ertragreicherer Felder zurückgeführt wird. In Süfafrika fiel die Produktion um 18 Prozent aufgrund eines 45tägigen Streiks im vierten Quartal. Auch in Peru sank die Produktion um 9 Prozent. Um vier Prozent gestiegen ist dagegen der Output in Australien, um zehn Prozent in Russland. Im Papua Neu Guinea stieg die Goldproduktion sogar um 23 Prozent, auch Burkina Faso und Ghana meldeten gestiegene Mengen.

Die Türkei und der Iran bleiben die Nationen, die das meiste recycelte Gold auf den Markt bringen. In Q4 sorgte die Türkei damit dafür, dass sich der Goldpreis wieder etwas mäßigte. Der Goldpreis unterlag im Verlauf des Jahres heftigen Schwankungen und geht tendenziell weiter nach oben. Nachdem sowohl die FED, als auch die europäische Zentralbank signalisiert haben, dass die Zinsen in absehbarer Zeit wieder steigen, wird dies voraussichtlich auch so bleiben. Im Januar 2019 überstieg der Preis kurzfristig die Markt von 1300 $ pro Feinunze.

Siehe auch: Gold-Förderländer und noch nicht abgebaute Reserven

Update: Maduro Sold 40% of Venezuela’s Gold Last Year

Update: 2019 gute Chancen für Gold und Silber

Update: US-Streitkräfte transportieren 50 Tonnen Gold aus Syrien ab

Update: Russland setzt Diversifikations-Strategie fort

Update: Exclusive: Gold worth billions smuggled out of Africa

Tageszeitungen kämpfen ums Überleben: Zahlen 2018 und Zukunftspläne

Unverändert schwierig war die Lage der Printmedien, hier besonders der Tageszeitungen, auch im Jahr 2018. Laut Meedia, einem Unternehmen der Handelsblatt Media Group, gab es bei den großen Tageszeitungen eine einzige, der es gelang, ihren Verkauf im Vergleich zu 2017 zu steigern: Den Tagesspiegel Berlin. Eine Liste der Veränderungen der 82 größten Regionalzeitungen hat Meedia hier veröffentlicht. Betrachtet werden die Ergebnisse von Abo- plus Einzelverkauf. Alle Verlage erlitten deutliche Umsatzeinbrüche. Entsprechend viel Vernebelungstaktik gibt es bei den Verlegern, wenn es darum geht, die Reichweite ihrer Medien darzustellen: Man spricht möglichst nur von Lesern – gemeint sind 2,7 mal die verkaufte Gesamtauflage. Dabei rechnen sich die Verleger ihre Gesamtauflage wesentlich höher als andere Unternehmen, die statistische Grundlagen der Mediennutzung zusammenstellen.

Bisher keinen frei zugänglichen Überblick gibt es über den Erfolg der Versuche, einzelne Artikel nur hinter einer Bezahlschranke zur Verfügung zu stellen, den sogenannten Paid Content. Statista vermeldet, dass laut Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger 214 Zeitungen  aktuell eine Paywall im Einsatz haben. Davon setzen 150 auf ein Freemium Modell. Dabei bleibt ein Teil der Artikel kostenfrei, während der Rest des Online-Angebotes nur nach Erwerb eines Tagespasses oder Abos zugänglich wird. 37 Blätter setzen auf das so genannte Metered Model. Ein Beispiel hierfür ist die Welt, bei der Leser monatlich freien Zugang zu maximal 20 Artikel haben. Ist dieses Kontingent erschöpft, müssen sie bis zum nächsten Monat warten oder ein Abo abschließen. Schließlich gibt es noch die harte Bezahlschranke, bei der das komplette Online-Angebot kostenpflichtig wird. Für dieses Modell haben sich 19 Zeitungen entschieden. Diese Liste zeigt auf, welche Modelle die jeweiligen Zeitungen nutzen.

Der Bund Deutscher Zeitungsverleger BDZV zieht es vor, den öffentlichen Schwerpunkt bei der digitalen Nutzung seiner Angebote in Form von E-Papern zu setzen. Hier verzeichnen die Verlage deutliche Erfolge.

Im 4. Quartal 2018 meldeten insgesamt 247 Zeitungen (3/2017: 246 Zeitungen) ihre E-Paper-Auflagen an die IVW. Den weitaus größten Anteil an der E-Paper-Auflage verbuchen die Tageszeitungen mit täglich 1,21 Millionen Verkäufen. Davon entfallen 916.338 Exemplare auf die lokalen und regionalen Abonnementzeitungen, ein Anstieg um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal. 206.852 digitale Zeitungsexemplare verkaufen die überregionalen Zeitungen täglich; knapp 89.000 die Kaufzeitungen. Mit rund 180.000 Verkäufen folgen die Sonntagszeitungen und Wochenzeitungen (142.073). Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat mit 104.869 verkauften E-Paper pro Ausgabe laut BDZV die höchste digitale Auflage aller Zeitungen.

Von den 1.533.995 pro Erscheinungstag verkauften E-Paper-Exemplaren werden mehr als 800.000 im regelmäßigen Abonnement bezogen. Damit wächst die abonnierte Auflage um 19,4 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und liegt bei 52 Prozent.

„Bereits 12,6 Millionen Internetnutzer lesen die digitale Zeitung sogar täglich. Nimmt man die durchschnittlichen Monatswerte, verzeichnen die Zeitungen 44,4 Millionen Nutzer ihrer digitalen Angebote im Web. Das sind 64 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung ab 16 Jahren. Fast zwei Dritttel nutzen also regelmäßig Websites und Apps der Zeitungen,“ rechnet der Verlegerverband seinen digitalen Erfolg groß. Diese Zahlen dokumentiere eine aktuelle Auswertung der ZMG Zeitungsmarktforschung Gesellschaft; ein Unternehmen, das dem BDZV gehört. Die Studie basiere auf den Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Online Forschung (AGOF digital facts 2018-4).

Die verkaufte Auflage aller Tageszeitungen in Deutschland lag Ende 2018 bei 17.277.687, vermeldet der BDZV. 12.672.998 davon wurden im Abonnement verkauft. Aus der verkauften Auflage von rund 17,3 Millionen Stück errechnet der Verband eine Reichweite von 89 Prozent in der bundesdeutschen Bevölkerung über 14 Jahre. (62,7 von 70,5 Millionen Menschen). Eine Tageszeitung soll also im Durchschnitt von 2,7 Menschen gelesen werden. 75 Prozent der Leser teilen ihre Zeitung, davon wieder 52 Prozent innerhalb des eigenen Haushaltes.

Nicht weiter aufgeschlüsselt wird in der Statistik der Verlage der Unterschied zwischen Einzel- und sonstigem Verkauf.

Die IVW ist die Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern e. V. in Berlin. Sie ist eine staatlich unabhängige, nicht kommerzielle und neutrale Prüfinstitution für den deutschen Werbeträgermarkt und gibt detaillierte Aufstellungen der Entwicklung aller Printmedien in Deutschland heraus, die hier abgerufen werden können.

„Das Internet ist ihre erste Informationsquelle: 73 Prozent der 18- bis 29-Jährigen bzw. 68 Prozent der 30- bis 49-jährigen beziehen Nachrichten am ehesten über Online-Medien. Trotz dieser hohen Affinität zu Internet-Angeboten ist es jungen Zielgruppen nicht gleichgültig, aus welchen Quellen die Nachrichten stammen. Mediennutzer unter 30 steuern nicht etwa Social Media-Dienste wie Twitter oder Facebook als bevorzugte Nachrichtenquelle an, sondern die Online-Angebote von etablierten Printmarken,“ erklärt der BDZV. Das zeige eine Studie des amerikanischen Marktforschungs-instituts Pew Research Center, für die 16.114 Erwachsene in acht westeuropäischen Ländern befragt wurden.

Der Zugewinn durch die digitale Zeitungsnutzung sei bei den jungen Lesern unter 30 Jahren am größten.  88,7 Prozent der 14- bis 29-Jährigen nutzen regelmäßig die gedruckten und digitalen Zeitungsangebote. Das sind 7,9 Millionen Nutzer mehr gegenüber der reinen Printreichweite. Bei den 30- bis 49-Jährigen liegt die Zeitungsnutzung auf ähnlich hohem Niveau (91,5 Prozent). Auch wer 50 Jahre und älter sei, greife regelmäßig zur Zeitung. Die Netto-Reichweite aus Print und Digital liege bei dieser Altersgruppe bei 87,6 Prozent.

Unterschiede gebe es nur im bevorzugten Kanal: Während die Jüngeren am liebsten über Rechner oder Smartphone auf die Zeitungsangebote zugreifen, sei die gedruckte Ausgabe nach wie vor der Favorit bei den über 50-Jährigen. 33,9 Prozent der 14- bis 29-Jährigen und 53,8 Prozent der 30- bis 49-Jährigen lesen laut BDZV regelmäßig eine gedruckte Zeitung. Ausgewiesene Print-Liebhaber seien die reiferen Leser ab 50 Jahren. In dieser Altersgruppe erziele die gedruckte Zeitung eine Reichweite von 74,8 Prozent (ma 2018 Presse II).  

Niedriger als beim Verband der Zeitungsverleger BDZV sieht Statista die verkaufte Auflage der Tageszeitungen in 2018:

Rund 44,6 Millionen Deutsche lesen laut VuMa mehrmals wöchentlich in einer Zeitung. Die Verkaufszahlen in Deutschland sind rückläufig. Wurden 2006 im Durchschnitt jeden Tag rund 21 Millionen Zeitungen verkauft, lag die verkaufte Auflage der Tageszeitungen im Jahr 2018 nur noch bei 14,1 Millionen Exemplaren. Mit den Auflagen sinken auch die Gesamteinnahmen der Zeitungen, im Jahr 2017 lagen sie bei rund 7,41 Milliarden Euro. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Rückgang von zwei Prozent. Vor allem die Werbeumsätze der Zeitungen sind demnach in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen. Hoffnung mache den Zeitungsverlegern hingegen die wachsenden Auflagen der E-Paper-Ausgaben und die zunehmende Verbreitung von Paid-Content-Modellen bei den Zeitungsportalen in Deutschland. 145 Zeitungen mit Paid-Content-Modell bieten das sogenannte Freemium-Modell an, bei dem die Redaktion darüber entscheide, welche Artikel kostenlos bzw. kostenpflichtig online gelesen werden können.

Die auflagenstärksten Zeitungen hierzulande sind laut Statista die Bild-Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). Die verkaufte Auflage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung lag in diesem Zeitraum demnach bei mehr als 235.000 Exemplaren. Am höchsten war mit deutlichem Abstand die verkaufte Auflage der Bild-Zeitung (inkl. B.Z. und Fußball Bild).

1954 so Statista, wurden insgesamt 225 Tageszeitungen (publizistische Einheiten) in Deutschland herausgegeben. 64 Jahre später wurden laut BDZV nur noch 114 Tageszeitungen veröffentlicht. Im Jahr 1991 hatten die Tageszeitungen eine tägliche Auflage von rund 27,3 Millionen Exemplaren. 27 Jahre später lag die verkaufte Auflage bei rund 14,1 Millionen Exemplaren. Die E-Paper-Auflage der Süddeutschen Zeitung lag laut Statista im 4. Quartal 2018 bei mehr als 69.000 Exemplaren. Auf dem zweiten Platz folgt laut IVW-Auflagenliste die Bild/ B.Z. Deutschland (inkl. Fussballbild). Das Handelsblatt lag mit mehr als 56.500 E-Papers auf Rang drei.

Künstliche Intelligenz (KI) ist für die deutschen Zeitungsverlage von wachsender Bedeutung. 74 Prozent der Unternehmen halten den Einsatz entsprechender Verfahren für „relevant bis sehr relevant“, bei den großen Verlagshäusern sind es sogar 96 Prozent. Insbesondere in marktnahen Bereichen wie etwa dem Einsatz von Roboterjournalismus in der Sport-, Wetter- und Börsenberichterstattung oder dem vorbeugenden Kündiger-Management sollen entsprechende Anwendungen stark ausgebaut werden. Dies ist eines der wesentlichen Ergebnisse der repräsentativen Studie „Trends der Zeitungsbranche 2019“, die der BDZV am 30. Januar 2019 in Berlin vorstellte. 72 Verleger und Geschäftsführer hatten daran teilgenommen.  Die Studie identifizierte drei TOP-Trends:

  1. Künstliche Intelligenz: Viele Verlage nutzen bereits die KI-Potenziale.
  2. Innovative Angebots- und Preismodelle: Eine flexible Angebots- und Preisgestaltung wird in den Verlagen als Chance genutzt.
  3. Logistik als Wachstumstreiber: Die Verlage setzen mit neuen Technologien auf neue Geschäftsmodelle

Aktuell genutzt werden KI-Anwendungen im Werbemarkt (16 Prozent) und der Redaktion (19 Prozent). Doch zeigten die Planungen für die nächsten drei Jahre, dass nicht nur hier Zuwächse auf 69 Prozent beziehungsweise 64 Prozent erwartet werden,  sondern dass auch der Lesermarkt (64 Prozent), Logistik (43 Prozent) und Controlling (33 Prozent) mit Hilfe von KI optimiert werden sollen. Die Verlage rechnen weiterhin mit einem starken Wachstum der E-Paper-Auflagen und auch mit zunehmenden Werbeerlösen aus dem digitalen Geschäft, zugleich aber mit Verlusten am Vertriebs- und Werbemarkt bei den gedruckten Zeitungen.  Im „Wachtumstreiber Logistik“
plant man den Einsatz innovativer Technologien mit digitalen Zusteller-Infosystemen und  elektrisch betriebenen Zustell-Fahrzeugen ebenso wie neue Arbeitsmodelle jenseits der auf wenige Stunden befristeten Zeitungszustellung am frühen Morgen.

79 Prozent der Verlage geben außerdem an, eine Angebots- und Preisdifferenzierung bereits einzusetzen oder zu planen. „Im Fokus stehen besonders Bundle-Angebote aus Print und Digital sowie neue digitale Angebotsformen.

Ein Dauerproblem und eine existenzielle Belastung bleibt für alle Verlage, besonders aber die Tageszeitungen, das Problem der Kosten von Druck und Zustellung, sowie der zeitliche Nachteil gegenüber den digitalen Medien. Ein besonderer Dorn im Auge sind den Verlagen ARD und ZDF. Die öffentlichen Rundfunkanstalten finanzieren sich komplett aus Zwangsbeiträgen und tragen nicht die Last teurer Druckhäuser und Vertriebsnetze. Zudem drängen die digitalen Medien immer mehr in die eigentliche Domäne der Verlage: Ausführliche Hintergrund-Informationen und das Lokale. Suchmaschinen wie Google verlinken die redaktionellen Inhalte der Verlage, haben dadurch ein hoch kompetentes Angebot, beteiligen die Verlage aber nicht an den Erlösen, die sie damit erwirtschaften. Versuche, Google zu zwingen, Lizenzgebüren für das Verwenden der Links zu zahlen, hatten bisher nicht den gewünschten Erfolg. Inzwischen fordert BDZV-Präsident Dr. Mathias Döpfner ein europäisches Leistungsschutzrecht, das den Verlagen einen dauerhaften Zugang zu den Geld-Töpfen gewährleisten soll.

Siehe auch: Niedergang der Printmedien und die dortigen Links

Der Medien-Supergau heißt Claas Relotius

Ehrenkodex des Deutschen Presserates

Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, das wird immer so sein

Ehrenkodex des Deutschen Presserates

Rangliste der Pressefreiheit 2018

Der Abend: Konzept einer digitalen Tageszeitung

FDT: Macht es nochmal, Leute, aber macht es nicht genauso

Update: Funke-Gruppe will bei Tageszeitungen kräftig sparen

Update: Reform des Urheberrechts: EU einigt sich auf Leistungsschutzrecht

Update: Plattform für Nachrichten: Apple schreckt die Zeitungsverlage auf

Update: Digital Natives zahlen am häufigsten für journalistischen Content

Update: Mediengruppe DuMont will all ihre Tageszeitungen verkaufen

Update: RHEINPFALZ: Der größte Umbruch seit über 40 Jahren

Update: „DuMont hat den Trend verschlafen“

Update: Studie: Vertrauen in die Medien hängt von Thema ab

Update: „Wenn Zeitungen eingehen, sinkt die Wahlbeteiligung“

Update: Hoch verschuldete Funke-Mediengruppe will DuMont-Zeitungen kaufen

Update: Warren Buffet: Zeitungs- und Printmedien werden größtenteils aussterben

Update: Wir brauchen gue Manager an der Spitze von Redaktionen

Abschied von einem Narzissten: Sei frei mein Herz – und lebe wohl …

Jahre nach dem Überleben eines narzisstischen Missbrauchs, nach einer Therapie und der Unterstützung von Selbsthilfegruppen hat eine Frau erkannt, dass es ihre eigenen Verletzungen aus der Kindheit sind, die sie einen narzisstischen Mann mehr lieben ließen als sich selbst. Verletzungen, die sie mit der Hilfe geschulter Menschen zwar versorgen, aber nicht heilen kann. Sie hat deshalb eine Entscheidung getroffen. Sie wird nicht weiter versuchen, diese Liebe in sich zu töten. Sie kann es nicht. Aber sie kann IHN in Liebe gehen lassen. So schreibt sie ihm einen letzten Brief.

Mein Kopf weiß genau, was für ein Glück es für mich ist, dass du dich nicht mehr meldest.  Dass ich für dich tot bin.

„Eigentlich“, so hatte ich gesagt, „müsste ich dich bekämpfen. Aber ich kann nicht, denn ich liebe dich zu sehr.“ Beim Wort „bekämpfen“ setzte deine Wahrnehmung aus und dein „Raketenprogramm“ schaltete sich ein: “Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, heißt es. „Und wer gegen mich ist, ist tot“.

Frauen gehören nicht in die Wirtschaft, sagtest du, sondern ins Haus. Weil die Natur die Rollen so vorgibt: Wäre eine Beziehung ein Körper, so wäre der Mann der Kopf, die Arme, die Beine und die Haut; die Frau dagegen das Herz, das alles mit Leben erfüllt. Ein Mann wirkt nach außen: kämpft, verteidigt, versorgt, beschützt. Eine Frau wirkt nach innen: behütet, nährt, wärmt und fühlt mit. Bricht eine Frau mit dieser Regel und will Karriere machen, muss sie scheitern, sagtest du. Das ist dann ihre eigene Schuld. Weil eine Frau das Herz ist und der Mann der Verstand, so sagtest du, muss es der Mann sein, der in einer Beziehung das letzte Wort hat. Er entscheidet im Zweifelsfall auch gegen die Frau, denn, so sagtest du, er hat eine Fürsorgepflicht.

Wie schön das klingt beim ersten Hören. Wie verlockend, von einem Mann beschützt, verteidigt und versorgt zu sein – wie einladend, Frau sein zu dürfen in einem kuscheligen Nest, in das der Herr des Hauses heimkehrt zu seinem Herzen… Und wie tückisch es in Wahrheit doch ist: Diese Einstellung legt die Rollen klar fest. Die Frau ist dem Manne untertan – steht auch so in der Bibel, wie du nicht ohne Feixen feststelltest. Das bedeutet: Der Mann erwartet nicht nur uneingeschränkte Loyalität, sondern auch Gehorsam. Bekommt er den nicht, hat er  jedes Recht, nach Gusto zu strafen oder gleich kommentarlos zu gehen.

Wie oft habe ich versucht, dir zu zeigen, dass Frauen genauso klug sind wie Männer – nicht selten klüger. Dass sie aus eigener Kraft leben können – und dass nicht jede kinderlose Frau dies aus freien Stücken ist. Natürlich schätzt du kluge Frauen. Nur sie können, findest du, dein Denken nachvollziehen und dich deinem Wert entsprechend würdigen. Auch gegen Augenhöhe hast du nichts einzuwenden – solange klar ist, wer die letzte Entscheidung trifft. Gleichwertig ja – sagtest du. Gleichberechtigt nicht.

Über die Konsequenzen dieses Denkens musste ich auch manchmal lachen. Wie an dem Tag, an dem du von einem Meeting im Konferenzsaal eines großen Hotels zurück kamst. Du hattest den Raum gemietet. Als du ihn vor dem Treffen besichtigen wolltest, so deine zutiefst empörte Schilderung, fandest du doch tatsäch zwei EMANZEN vor, die den Saal für sich beanspruchten! Ich war amüsiert, wollte wissen, wie diese Emanzen denn ausgesehen und sich verhalten hätten. „Wie EMANZEN eben,“ war deine karge, wütende Antwort.  „Und was hast du dann unternommen?“ fragte ich. „Ich bin SOFORT gegangen und habe den Hotelmanager rufen lassen. Der hat die Lage geklärt. Ich setze mich doch nicht mit EMANZEN auseinander!“

Noch oft habe ich über diesen kleinen Vorfall nachgedacht. Dein komplettes Arbeitsumfeld besteht aus Männern; Frauen kommen nicht vor. Und das, obwohl dich die Männer, denen du wirklich Vertrauen schenktest, immer wieder bitterlich enttäuschten. Wie oft habe ich darüber gestaunt, dass ein so kluger Mann wie du so wenig Menschenkenntnis hat…  Liegt es an deiner Eitelkeit? Oder an mangelnder Empathiefähigkeit? Du liebst Komplimente und Männer, die sich deinen Zielen anschließen. Selbstverständlich erwartest du auch hier Unterordnung. Und fällst dann aus allen Wolken, wenn deine Weggefährten ihren Anteil wollen – am Ertrag und an den Entscheidungen.

Wortgewaltig kannst du sein. Mitreißend ist deine Kreativität, faszinierend deine Fähigkeit, vernetzt zu denken. Wenn du einen Erfolg erzielst, bist du wie berauscht von dir, freust dich wie ein Kind. Dann erfasste mich Zärtlichkeit, heiße Zuneigung und der Wunsch, dich in die Arme zu schließen. Ich liebe es, wenn sich Distelfinken in die Brust werfen und aus voller Kehle singen… Wenn ich dir das sagte, reagiertest du jedesmal irritiert. Die Anerkennung konntest du genießen. Aber meine Zärtlichkeit machte dir Angst.

Ja, die Sache mit der Angst. Nie im Leben hättest du zugegeben, wie sehr sie dein Verhalten steuert.  Aber es gab diese Tage, an denen dich Zweifel packten. Zu den  wenigen ehrlichen Einblicken in dein Herz gehörte, dass du von deiner Angst vor dem Teufel sprachst und davor, dass er sich deiner bemächtigen könnte. Dann beeiltest du dich, Pläne zu machen zum Vorteil aller und zugunsten einer besseren Welt.

Ehrlich warst auch, als du mich beraten hast, wie man Kante zeigt gegenüber Menschen, die man verlassen will. Wie man so ein Ende herbei führt und es dann durchhält. Wie man den Anderen ignoriert, wie man all diese kleinen Hässlichkeiten zusammenstellt, die das Gegenüber demütigen, verletzen, im Regen stehen lassen. Als ich das schließlich nicht konnte, fiel dein Urteil vernichtend aus: „Du verfranst dich in einer Welt von sinnlosen Gefühlen. Du lässt zu, dass Andere von dir zehren und dich mit sich in den Abgrund ziehen. Du bist schwach und deshalb wirst du scheitern – deine eigene Schuld“.

Ja, die Sache mit der Schuld. Wenn etwas schiefgeht, muss jemand schuld sein. Und das bist jedenfalls nicht du. So war das auch, wenn wir stritten und du danach immer wieder für lange Zeit abgetaucht bist. Schuld daran war ich, weil ich Dinge ansprach, über die du nicht reden wolltest. Meine Versuche, auch gegensätzliche Meinungen zu diskutieren ohne dabei gleich die ganze Beziehung in Frage zu stellen, prallten ergebnislos an dir ab.

Alles habe ich dir geglaubt in den ersten Jahren. Aber irgendwann war es beim besten Willen nicht mehr zu übersehen. Deine Versprechen, gegeben, um Ruhe zu haben, aber ohne Absicht, sie jemals einzuhalten, haben Ströme von Tränen bei mir ausgelöst. Wie gewandt du mir das Wort im Wunde umdrehtest! Nicht doch; alles habe ich falsch verstanden, so hattest du es nie gesagt. Das war manchmal, als würde jemand  behaupten, der Himmel sei rot – und darauf bestehen, auch wenn der Rest der Menschheit eine andere Farbe sieht. Sogar vor dem platonschen Höhlengleichnis machtest du nicht halt, um zu untermauern, dass du als Einziger Recht hast. Niemals hat ein Mensch derart versucht, meine Wahrnehmung zu manipulieren. Ich bemerkte es, staunte über die Unverfrorenheit, dachte monatelang darüber nach, warum du sowas machst und kam doch nicht auf den einfachsten aller Gründe.

„Wenn es etwas gibt, wonach ich süchtig bin, so ist es Macht“, hast du mir gesagt. Ich hörte es und verstand doch nicht, wie sehr sich das auch auf mich bezog. Macht über mich zu haben war deine Motivation, sich mit mir auseinander zu setzen. Ich träumte von Liebe, von der perfekten Beziehung, vom Einssein mit einem Menschen, der mir näher schien als alle Menschen jemals zuvor. Du spieltest mit der Macht – hast unsere gemeinsame Zeit willkürlich mit frei erfundenen Gründen eingeschränkt, schließlich gegen Null geführt. Je mehr mir das klar wurde, und je mehr du sahst, dass ich  die Zusammenhänge erkannte, desto  weniger hatten  wir eine Chance auf Nähe.

Überhaupt Nähe: „Ich habe so viele Deckel auf schwarze Löcher zementiert. Würde ich diese Nähe zulassen, würden die Löcher aufbrechen und mich verschlucken“ sagtest du in einem der seltenen offenen Gespräche. „Das werde ich niemals zulassen.“ Ich hörte es und wollte es nicht glauben. Ein so kluger Mann, der so stolz ist auf seine Stärke, seinen analytischen Geist und seinen Erfolg läuft weg vor den Verletzungen seiner Vergangenheit? „Und wenn es niemand auf der Welt fertig brächte: Dir traue ich zu, dass du es schaffst. Du kannst das“, antwortete ich – und erntete Schweigen.

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So kam, was kommen musste. Ich erkannte das ganze Gebäude von Manipulation und Lüge. Und doch sah mein Herz hinter dem ganzen Ballast ein Leuchten in dir. Ich kämpfte um dich, wollte das Leuchten befreien aus den Klauen der Angst, wollte dich, und damit UNS retten. Wenn wir es schaffen, die Abgründe zu überwinden, das wusste ich, wären wir fähig, DIE Beziehung zu führen, diese einzige Beziehung, die man nur einmal in vielen hundert Leben findet. Alles war ich bereit, dafür aufzugeben – sogar meine Autarkie. Nur mein freies Denken nicht – das kann keine Macht der Erde stoppen.

Es war zu wenig für dich. Oder anders gesagt: Deine Angst war zu groß. Fast wäre ich gestorben an dir, so sehr schmerzte es und schmerzt noch immer. Bis heute ist meine Seele nicht bereit, aufzuhören, dich zu lieben. So musste ich mir schliesslich eine bittere Wahrheit eingestehen: Das narzisstische System funktioniert; jedenfalls für den Narzissten. Indem er verdrängt, was ihn verletzt hat und sich selbst auf den höchsten erreichbaren Sockel stellt, kann er sich erfolgreich vormachen, stark zu sein und alle Probleme völlig aus eigener Kraft zu lösen.

„Mach es wie ich: Der wichtigste Mensch in meinem Leben bin ich selbst“ hast du mir oft geraten. Tja, leider kann ich das nicht. Der wichtigste Mensch in meinem Leben warst und bist du.

So musste mein Kopf die Entscheidung treffen. Er hat beschlossen, dir das größte Geschenk zu machen, das ich dir machen kann: Ich schaffe es nicht, völlig von dir heil zu werden. Meine Liebe bleibt. Aber sie wird nicht mehr versuchen, um deine Nähe zu kämpfen. Ich lasse dich los.

Sei frei mein Herz. Lebe wohl.

Siehe auch: 

Herz ich verlasse dich

Der Mann meines Lebens ist Narzisst

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Wenn ein Herz bricht

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symtpome

Heimat hat einen ganz besonderen Duft – Von einer Kindheit im Dorf

„Edgar Reitz mag selbstverliebt sein, aber zumindest hat er etwas Großartiges geschaffen und dem Hunsrück mit der Trilogie ‚Heimat‘ ein folkloristisches Denkmal gesetzt, aber auch Heimat & Idylle einen wundervollen intellektuellen Rahmen gegeben. Die Leichtigkeit im Umgang mit der Dramatik und die unmittelbare Nähe, d. h. die Zeichnung der Figuren, das Drehbuch, die langen Kameraeinstellungen und das Verweben der Zeitläufe mit dem Mikrokosmos des Dorfes hat er fantastisch realisiert.“

So schwärmte dieser Tage einer, der sich im Filmgeschäft auskennt, über den Morbacher Filmemacher, der die Geschichte des Hunsrücks unnachahmlich in Szene und sich selbst damit ein Denkmal gesetzt hat.

Natürlich habe auch ich „Heimat“ gesehen – wie alle Hunsrücker meiner Generation und der darüber; zumal die Geschichte ganz nah bei meinem Geburtsort spielt. Aber es ist schon lange her. Heute ist mein Leben von ganz anderen Menschen und Umständen geprägt. Da kommt plötzlich dieser ‚Heimat‘-Fan daher und löst in mir ein Feuerwerk der Erinnerungen aus … an eine Heimat, die ich im Alter von elf Jahren verlor.

Den Geruch des Dorfes kann ich noch heute unter tausenden erkennen; obwohl sich dort in den letzten 50 Jahren viel verändert hat, ist er gleich geblieben. Und jedes Mal wieder wird mein Herz ganz weit.

Unser Haus war für damalige Verhältnisse modern. Wir hatten eine Ofen-Zentralheizung, ein Bad mit Badewanne, braune Holz-Läden und an der Außenwand wuchsen prächtige, duftende Kletterrosen und ein Weinstock. In unserem großen Garten wuchsen Erdbeeren der Sorte Senga Sengana, Himbeeren und viele Johannisbeeren.  Sie zu pflücken war immer ein Wagnis, denn die Bienen im hinteren Teil waren im Sommer meist sehr nervös. Aber die Beeren schmeckten grandios und waren Grundlage für jede Menge Saft, Marmelade und Gelee.

Wenn im Dorf geschlachtet wurde, bekamen wir immer je einen Ringel Blut- und Leberwurst, sowie ein Eimerchen Wurstsuppe. Die hätte ich geliebt – wenn obendrauf nicht zentimeterdick das  Fett gestanden hätte… Geschlachtet wurde bei den Bauern auf dem Hof. Einmal war ich blass vor Entsetzen, als das Schwein dem Bolzenschläger entkam und schreiend zu flüchten versuchte. Kaum hatte man es eingefangen und der Metzger es schließlich getötet, lag der zuckende Körper auch schon in der Wanne heißen Wassers und wurde abgeschabt. Es roch nach gekochter Haut und verbrühten Haaren, und ich fragte mich schaudernd, ob das Tier wirklich nichts mehr fühlen konnte.  Danach hieß es Blut rühren für die Wurst – auch diesen Geruch werde ich nie vergessen.

Solange er lebte, musste ich abends Milch holen bei „Paule Philipp“. Der große, schwere, schweigsame Mann war der ehemalige Dorfhirte. Man raunte sich zu, er habe nach dem Krieg sechs marodierende Polen erschossen, um die Herde zu schützen. Paule Philipp hütete auch den Zuchtbullen des Dorfes. Staunend saß ich in unserer Einfahrt, wenn das massige Tier hinter brünstigen Kühen im Kreis herumgeführt wurde, bis es sie dann besprang. Philipps Frau Paula bereitete jeden Abend das selbe Essen zu: warme Fleischwurst mit Kartoffelpüree. Auch dieser Geruch, der immer die Küche erfüllte, wenn ich ihr das Geld für die Milch gab, gehört untrennbar zu meiner Kindheit.

Heute steht das alte Fachwerkhaus der beiden nicht mehr, auch die Stallungen wurden abgerissen. Später holte ich die Milch ein paar Meter weiter beim Hof der Herbers. Dort wurde ich sowas wie das vierte Kind: Ich war immer und überall dabei. Ich liebte es, abends im Kuhstall zu sein, den Tieren zuzusehen, wie sie gemächlich mahlend kauten, dem Saugen und Klopfen der Melkmaschine zu lauschen, den ruhigen gleichmäßigen Bewegungen von Onkel Gustav und den Kindern zu folgen, wenn die den Mist herausgabelten und frisches Stroh aufschütteten.

Währenddessen wurde in der Küche das Abendessen bereitet. Es gab Berge von Bratkartoffeln, heiße Brühe, geräucherte Wurst und selbstgebackenes Bauernbrot. Das klemmte Onkel Gustav an die linke Schulter. Dann schnitt er mit einem großen Brotmesser perfekte dünne, riesengroße Scheiben ab.

Alle Essensreste kammen in der Kammer in den „Saueimer“. Jeden Tag sammelte sich da eine fürchterliche Brühe: Milchreste, Brot, Fleischreste, Kartoffeln, Brühe, Gemüse – alles durcheinander. Die Schweine quiekten vor Begeisterung und prügelten sich um den Inhalt, wenn der Eimer abends ausgegossen wurde. Von der Kammer ging es durch die Futterküche, wo die Rüben geraspelt wurden, in den Schweinestall. Da waren die winzigen Ferkelchen unter einer wärmenden Rotlichtlampe sicher davor, dass ihre Mutter sie versehentlich erdrückte. Regelmäßig mussten die Kleinen zum Trinken angelegt werden. Ich durfte helfen und weinte vor Freude über das Wunder des Lebens. Manche Schweine haben blaue, andere braune Augen. Und diese langen Wimpern, und der kluge Blick…

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Ein anderes Mal, Jahre später, durfte ich bei der Geburt eines Kälbchens helfen, das falsch herum im Mutterleib lag. Wir musste die Beinchen im Körper der Kuh zusammenbinden, damit die Geburt ohne Verletzungen von Mutter und Kind stattfinden konnte. Auch da war ich von Tränen überströmt, als das Kleine endlich draußen und mit Heu trocken gerieben war.

Alles, einfach alles fand ich toll auf dem Bauernhof. Wann immer ich weg durfte, stand ich an und fragte, was ich helfen könne. So durfte ich das frische Heu mit der Gabel ins Gebläse schieben, das es auf den „Heustock“ blies. Ich war staubbedeckt, berauscht vom Duft der Gräser  und glücklich. Wenn die Kartoffeln geerntet wurden, ging ich mit den anderen durch die Furchen und sammelte sie in Körbe. Als die Rüben dran waren, durfte ich den Traktor im ersten Gang schrittweise nach vorn bewegen, während die Anderen die Rüben auf den Wagen warfen. Ich platzte fast vor Stolz und trank den Duft der frischen Erde wie das schönste Parfüm der Welt.

Einmal, als die Ernte vorbei war, belohnte uns Onkel Gustav. Ich durfte mit ihm und den Kindern des Hauses auf dem Traktor in die Kreisstadt fahren. Es war fast eine Weltreise – aber es war fantastisch, im Schneckentempo auf dem unbedachten Gefährt durch die Landschaft zu tuckern und sie in sich aufzunehmen. In Der Kreisstadt gab es einen Eisbecher für jeden von uns – es war der erste meines Lebens.

Wenn die Kartoffeln eingebracht waren, war es Zeit, sie ins Silo zu schaffen, von wo aus sie später als Schweinefutter dienen sollten. Immer im Herbst kam dazu „die Dämp“ für zwei Wochen ins Dorf. In großen Druckkesseln wurden die Kartoffeln gegart, bevor man sie mit Holzschuhen in gemauerte Becken einstampfte. Für uns Kinder war das ein Fest. Wir belagerten die großen Dampfgarer, und immer wenn eine Ladung fertig war, gab es glühend heiße Pellkartoffeln für alle.  Nachbarskinder kamen mit Schüsseln, die sie sich mit Kartoffeln füllen ließen. Zuhause gab es bei ihnen als Mittagessen Pellkartoffeln mit Salz und Butter oder mit Quark. Im Freilichtmuseum Bad Sobernheim kann man beim Herbstmarkt die „Dämp“ noch immer bewundern und dabei für sich selbst feststellen: Nirgendwo schmecken frische Pellkartoffeln besser!

Als letztes kam immer der Weißkohl dran. Auch zu uns nach Hause kam ein Mann mit dem Kohlhobel und hobelte jede Menge Weißkohl in feine Schnitze. Die wurden dann lagenweise in einen schweren Steingut-Topf geschichtet und gesalzen. Ein Tuch drüber, dann ein Holzstück, und darauf einen schweren Stein. Einige Wochen später war das Sauerkraut fertig. Aber es war eine Herausforderung, es aus diesem Topf zu holen: Über dem Tuch hatte sich eine schmierige weiße Salzlake gebildet, die ich furchtbar eklig fand. Das Festessen mit Sauerkraut liebte ich dafür: Es gab Tafelspitz mit Sauerkraut, dicken weißen Bohnen und Meerettichsoße. In der Kochbrühe vom Rindfleisch garten köstliche Markklößchen, natürlich selbst gemacht. Und zum Nachtisch gab es feinen Vanillepudding mit Schokosoße und Schokoladenpudding mit Vanillesoße.

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Zu dieser Zeit hatten wir noch kein Auto. Erst später, als wir zuhause schon drei Kinder waren, bekamen wir einen DKW. An dem Tag, an dem das Auto unser wurde, zog meine  Mutter ihr schönstes Sommerkleid an – es war weiß mit schwarzen Punkten drauf – und wir fuhren spazieren.

Festtage für mich waren die Tage, an denen im Backes Brot gebacken wurde. Es gab einen Plan, nach dem die Familien der Reihe nach dran waren. Dann standen die stämmigen Frauen an den breiten Holz-Tischen bis zu den Ellenbogen im Mehl, kneteten Teig, formten Brote und Kranzkuchen, schwatzten und lachten. Und ich bettelte um Teig – so lange, bis mein Bauch schmerzte. Was für ein herrlicher Duft nach Hefe, frischem Brot und den Wellen (Äste), die in den Öfen verbrannt wurden, um sie anzuheizen! Ich habe nie wieder so gutes Brot gegessen.

In der Nähe unseres Hauses gab es einen niedrigen Apfelbaum. Er war jedes Jahr brechend voll von kleinen, rot-gelb-gestreiften, zuckersüßen Äpfelchen, die niemand erntete. Ich aß davon, bis ich fast platzte. Heute hat sein Stamm einen respektablen Umfang, der Baum ist noch immer kerngesund. Ein Stück weiter steht ebenfalls heute noch der riesige Birnbaum mit den besten grünen Birnen der Welt. Ich durfte davon essen, so viel ich wollte, und ich tat es. Und unten im Dorf, am Gemeindehaus, wuchs ein Nussbaum. Wir holten die Nüsse immer schon runter, wenn sie noch grün waren, häuteten und verzehrten das weiche, noch bittere Fleisch. Heute besitze ich selbst einen  großen alten und zwei junge Nussbäume – aber Nüsse gibt es kaum zu ernten, weil die Raben und Eichhörnchen sie alle frühzeitig abtransportieren.

Im Winter fuhren fuhren wir Kinder Schlitten: durch das ganze Dorf und noch weiter nach unten ins Tal. Eisig war es, und ein Riesenspaß. Man musste nur aufpassen, auf dem unteren Teil der Strecke nicht nach links vom Weg abzukommen. Da lief ein Abwasser vorbei, das die reine Gülle war… Wenn wir dann völlig verkühlt ins Dorf zurück kamen, durfte ich manchmal bei den Eltern meiner Freundin Petra Kaffee trinken. Ich liebte es, dort frisches Brot mit „guter Butter“, dick mit Zucker bestreut zu essen. Wenn der Kaffee zu warm war, goss die Mutter immer etwas davon in die Untertasse und schlürfte genüsslich. Und der Kranzkuchen wurde in den heißen Milchkaffee getunkt. Beides versuchte ich zuhause genau einmal…

1965 nahmen wir am Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teil. Im Dorf herrschte helle Aufregung: Die wichtigsten Straßen wurden geteert, viele Häuser wurden herausgeputzt und frisch gestrichen, in den Bauerngärten blühte es in paradiesischen Farben. Die Kommission stolzierte durch den Ort, bewunderte alles – und dann hatten wir tatsächlich den ersten Preis gewonnen. Das war ein Fest! Es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich all diese schwer arbeitenden Menschen in Sonntagskleidern vor ihren Häusern sitzen und Wein trinken sah.

Immer am 1. Mai und dem zugehörigen Wochenende ist die Kirmes im Dorf. Da kamen  dann die Schiffschaukel, eine Schießbude und ein Stand mit Süßigkeiten. Wir Kinder verfolgten jeden Schritt des Aufbaus. Wenn die Schiffschaukel dann stand, durften wir meist lange gratis schaukeln – weil die Kirmes ja noch nicht begonnen hatte. Es war die Zeit des Twist, und ich hatte ein Erlebnis, das mich geprägt hat. Im Festzelt spielte eine Band zum Tanz auf. Als sie „come on, let’s twist again“ anstimmte, bildete sich ein Kreis um ein tanzendes Paar. Die beiden Fremden twisteten in herrlicher Perfektion – besonders die Frau, die ein leuchtend blaues Kleid trug, war eine Augenweide. Die Menschen standen um die beiden herum und klatschten begeistert. Ich nahm mir vor, später einmal genauso gut zu tanzen und dabei genauso schön auszusehen…

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Nach der Kirmes, wenn das Festzelt abgebaut war, suchten wir Kinder im Boden nach verlorenen Münzen und atmeten dabei den Resthauch von Bier, Brettern und Bratwurst. Danach begann für mich der Sommer. Es waren heiße Sommer – zumindest in meiner Erinnerung. Das ganze Dorf ging an den Bach zum Baden. Dort war ein kleines natürliches Wehr, vor dem sich ein Becken gebildet hatte, in dem auch kleine Kinder spielen konnten. Ich liebte es. Aber irgendwann kam ein totes Schwein den Bach herab getrieben und verfing sich im Wehr. Danach durfte ich nicht mehr hin.

Abends mussten die Kühe von der Weide zum Melken geholt werden. Ein schönes Stück Arbeit, und manchmal ein ziemlich langer Weg war das. Aber ich liebte die Kühe. Schwere, aber sanfte und unglaublich freundliche Tiere waren sie. Oft, wenn ich mich im Winter einsam fühlte, schlich ich mich in den Stall und schmuste mit ihnen. Einmal hatte das allerdings böse Folgen: Eine Kuh hatte mir den halben Ärmel abgekaut…

So etwa um die Zeit, als ich schulpflichtig wurde, bekamen wir einen Fernseher. Zu ausgewählten Zeiten durfte ich Kindersendungen schauen. Ich liebte Flipper und Daktari wegen der Tiere. Etwa um die selbe Zeit bekamen wir auch einen Kühlschrank und wenig später eine Kühltruhe. Die Truhe stand in der Küche hinter dem Esstisch, mit einem Deckchen drauf und bedeutete unglaublichen Fortschritt. Vorher hatte es im Dorf eine Gefrieranlage gegeben mit abschließbaren Kühltruhen, von denen man Anteile mieten konnte. Aber man musste für jedes Stück Fleisch durchs ganze Dorf laufen. Und alle anderen Dinge mussten im Keller gekühlt werden, wo auch das Holz, die Brikett, das Eingemachte, die Kartoffeln und Winteräpfel lagerten – das funktionierte mal mehr, mal weniger gut. Ich erinnere mich mit Schrecken daran, als ich einen neuen Laib Brot  heraufholen sollte, der aber von lauter kleinen schwarzen Käferchen bedeckt war. Iiiihhhhh!

In der Waschküche im Keller schlachtete mein Vater unsere Kaninchen und manchmal ein Huhn, das er im Dorf gekauft hatte. Einmal flog so ein Huhn, bereits ohne Kopf, in der Waschküche herum und machte überall an Wänden und Decke blutige Flecken. Ich war entsetzt. Ein anderes Mal staunte ich Bauklötze, als meine Mutter das Huhn ausnahm, und sich im Bauch eine ganze Reihe von Eiern in verschiedenen Entwicklungszuständen fanden. Boah…

Ganz schlimm war das mit den Kaninchen. Da hatten wir sie das ganze Jahr mit ausgesuchtem Löwenzahn gefüttert, und dann sollten wir sie essen. Das überstieg definitiv meine Möglichkeiten, den Tod all dieser Haustiere zu verdauen.

Wir hatten im Dorf eine einklassige Volksschule. Alle Jahrgänge vom ersten bis zum achten Schuljahr wurden gleichzeitig von einem Lehrer unterrichtet – meinem Vater. Das war eine Herausforderung, nicht nur für den Lehrer. Ich erinnere mich, eine Rechenarbeit völlig verhauen zu haben, weil ich, statt die Aufgaben zu lösen, fasziniert dem Geschichtsunterricht der dritten und vierten Schuljahre zugehört hatte. Es ging um die Völkerwanderung, und ich sah die Goten durch die Lande ziehen, statt zu rechnen.

Das Schuljahr begann immer zu Ostern. Dann musste der Lehrer in den drei zur Verfügung stehenden Räumen Ostereier suchen, versteckt von den Schülern. Die bekamen dafür von ihm Süßigkeiten. Die Tafeln waren mit tollen Bildern vom Osterhasen bemalt. Am Ende eines Schuljahres wurden die scheidenden Achtklässer stilvoll verabschiedet: Wir wanderten an den Bach und sie durften sich Lieder aussuchen, die der Schulchor für sie sang. In der Schule wurde auch Puppentheater gespielt. Immer nach dem Weihnachtsgottesdienst führten die älteren Schüler das Stück im Gemeindehaus auf. Die Puppen wurden mit Pappmaché im Unterricht hergestellt und bemalt.

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Später wurde auf den Schuljahresbeginn nach den Sommerferien umgestellt, was ein Kurzschuljahr erforderte. So absolvierte ich das dritte und vierte Schuljahr in etwas mehr als einem Jahr und kam mit neun Jahren in die Kreisstadt aufs Gymnasium. Ein schlimmer Bruch mit der Heimeligkeit unseres Dorfes war das – ich brauchte zwei Jahre, um mich an diese Schule, den langen Weg früh morgens dorthin, die vielen wechselnden Lehrer und all die fremden Mitschüler zu gewöhnen.

Ja, und dann kam der Tag, an dem wir wegziehen mussten. Die Dorfschule war geschlossen worden, und wir hatten ein Haus gebaut, in einem anderen Dorf. Es war nur etwa 35 Kilometer weit entfernt. Aber für mich bedeutete das einen Abschied auf Nimmerwiedersehen. Die Abendsonne spiegelte sich in den Fenstern unseres Hauses, als wir dem Möbelwagen folgten zu unserem neuen Heim. Und ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.

 

 

 

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symptome

Schon mal jemanden getroffen, der Ihnen Stückchen von Sicherheitsglas unter die Nase hält und steif und fest behauptet, das seien wertvolle Edelsteine? Oder jemanden, der behauptet, Krebs mit Hilfe von Kraftplätzen heilen zu können, die er im Universum über Google Earth findet? Oder jemanden, der ein Nahtoderlebnis nach einem Unfall hatte, danach ein Jahr im Wachkoma lag, anschließend ausgewandert ist und da einem nächtlichen Mordanschlag gerade so entronnen ist? Oder jemanden, der einen Quantanamo-Häftling kennt und eine lange Geschichte über dessen Lebensumstände schreiben konnte? Wobei Sie wohlgemerkt, weder Beweise bekommen, worum es sich bei den Edelsteinen handelt, noch, ob die Krebskranken geheilt sind, ob der Unfall, das Wachkoma oder der Mordanschlag jemals stattgefunden haben, ob es den Qantanamo-Häftling überhaupt gibt?

Wahrheit oder Lüge?

Frei erfunden oder psychotische Wahrnehmung?

Narzissmus, Psychopathie und/oder krankhaftes Lügen?

Psychomeda.de stellt Kriterien bereit, an denen man krankhafte Lügner erkennt:

Krankhaftes Lügen (Pseudologia Phantastica) bezeichnet eine extreme Form des Lügens, bei der es den Betroffenen vor allem darum geht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Der Begriff wurde von dem Schweizer Psychiater Anton Delbrück im Jahr 1891 geprägt. Umgangssprachlich werden auch die Begriffe „Münchhausen-Syndrom“ und „Hochstapler“ verwendet.

Im Vordergrund der Pseudologia Phantastica steht die dramatische Selbstdarstellung gepaart mit einem gesteigerten Geltungsbedürfnis. Es werden Geschichten erzählt, die manchmal unwahrscheinlich klingen – jedoch häufig einen wahren Kern enthalten. Diese Geschichten werden immer weiter ausgestaltet und entwickeln dabei eine starke Eigendynamik. Die Pseudologen steigern sich oft so sehr in ihr Lügengebäude hinein, dass sie selbst anfangen, an die erfundenen Ereignisse zu glauben. Anders als bei Notlügen finden sich keine aktuellen äußeren Anlässe, die das Verhalten erklären.

Charakteristisch für krankhafte Lügner sind ein gutes Gedächtnis, ausgeprägte schauspielerische Fertigkeiten und überdurchschnittliche verbale Fähigkeiten sowie ein sympathisches, gewinnendes Auftreten. Den Pseudologen geht es darum, sich dramatisch vor Publikum in Szene zu setzen und große Aufmerksamkeit zu erzielen. Nicht selten wird dafür bewusst ein besonders gutgläubiges „Publikum“ ausgewählt. Heute gilt die Pseudologia Phantastica daher als Symptom der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Typisch sind komplett erfundene Lebensläufe und Schicksale mit folgenden Inhalten:

  • Es wird behauptet unter einer schweren Krankheit (Krebs) zu leiden oder diese überstanden zu haben
  • Krankhafte Lügner stellen sich gerne als Opfer oder als Angehörige von Opfern von Naturkatastrophen, Terroranschlägen oder ähnlichem dar
  • Es wird von Verfolgung und anderen schrecklichen Erlebnissen berichtet, die aber nie selbst erlebt wurden
  • Es wird behauptet, das uneheliche Kind einer berühmten Persönlichkeit zu sein
  • Es wird von Doktoren- und Adelstiteln fantasiert

Die Lügengeschichten der Pseudologia Phantastica sind recht einfach von Wahnvorstellungen und Halluzinationen abzugrenzen. Sie sind weder bizarr wie z.B. schizophrene Wahnvorstellungen, noch basieren sie auf falschen Wahrnehmungen (Stimmenhören). Werden krankhafte Lügner mit den Fakten konfrontiert, gestehen sie entweder schnell ein, dass ihre Aussagen falsch waren oder brechen den Kontakt ab.

Erkennungszeichen für krankhaftes Lügen

  • im Vordergrund steht die dramatische Inszenierung vor Publikum oder die Inszenierung als Opfer
  • die Aussagen widersprechen den Fakten
  • es gibt keine Zeugen
  • Ausweichen bei konkreten Nachfragen
  • die Geschichte kann nicht mit chronologischen Sprüngen erzählt werden
  • Inhaltliche und chronologische Widersprüche zwischen den Versionen

Hinweise, die für die generelle Glaubwürdigkeit einer Person sprechen:

  • psychisch stabil / keine psychischen Störungen
  • hohe Werte für Gewissenhaftigkeit (siehe Big-Five-Persönlichkeitstest)
  • keine früheren Falschaussagen
  • Religiosität, die z.B. das Lügen verbietet
  • kein Drogenmissbrauch

Realkennzeichen beziehen sich auf die Glaubhaftigkeit einer konkreten Aussage. Hinweise für die Glaubhaftigkeit einer konkreten Aussage (positive Realkennzeichen):

  • Geschehen wird detailreich und sprunghaft erzählt (nicht auswendig gelernt)
  • Ungewöhnliche Details, z.B. eine Schlafzimmertür lässt sich nur von außen abschließen, nicht von innen.
  • Der Person fehlen für bestimmte Handlungen die Worte, z.B. wenn ein Kind den Geschlechtsverkehr nicht benennen sondern nur umschreiben kann.
  • Geschehen kann konsistent in unterschiedlicher Struktur und mit anderen Wörtern wiederholt werden.
  • Typische Erinnerungslücken, typische Verfälschungen (die es bei auswendig gelernten Geschichten nicht gibt), Erinnerungsfetzen fallen erst später ein
  • Schilderung mit unbewussten Reflexen, z.B. wenn sich ein Kind bei der Schilderung des schmerzhaften Analverkehrs unbewusst an den Po fasst
  • Schilderung belastet das Opfer – entlastet den Täter
  • Schilderung von eigenen Emotionen, Zweifeln und Unsicherheit
  • Anschauliche Schilderung von Körperempfindungen (z.B. Und dann ist mir der Fuß eingeschlafen)
  • Schilderung enthält wörtliche Zitate bzw. direkte Rede

Wer sich mal selbst überprüfen möchte, kann hier einen kostenlosen Persönlichkeitstest machen.

Das Stangl-Lexikon erläutert: Schuldgefühle sind beim Pseudologen aber eher selten, denn sein Verhalten zielt auf narzisstischen Gewinn. Pseudologen schlüpfen dabei häufig in verschiedene Rollen, von denen sie sich Anerkennung und Zuwendung ihrer Mitmenschen erhoffen. Werden Pseudologen als Lügner entlarvt, brechen sie einfach den Kontakt zu diesen Menschen ab und wenden sich anderen zu.

Pseudologen kommt dabei zugute, dass viele Menschen bereit sind, ihnen ihre oft phantastischen Geschichten zu glauben, denn es schmeichelt vielen, solche Menschen zu kennen, die Ungewöhnliches, Aufregendes oder auch Schlimmes erlebt haben. Die Anerkennung, die Pseudologen genießen, strahlt dabei nicht selten auf das Umfeld aus, das daher die aufgetischten Lügengeschichten gar nicht hinterfragen möchte. Schließlich setzt die Pseudologia fantastica immer zwei Menschen voraus: Den Lügner und den, der, der sich belügen lässt. Man findet daher nicht selten im Umfeld von Pseudologen Formen einer Co-Abhängigkeit.

Im Übrigen zeigen fast alle Pseudologen eine ausgeprägte Fantasiebegabung, in manchen Fällen auch verbunden mit überdurchschnittlicher Intelligenz. Die Ursachen der Pseudologie liegen oft in kindlichen Entbehrungen, die die Betroffenen mit Hilfe ihrer Lügengeschichten kompensieren wollen, wobei das Lügen oft einer seelischen Entlastung in Situationen dient, die der Pseudologe nicht anders bewältigen kann.

Kurioses: Bei dem Vergleich der Gehirnscans von drei Gruppen, 1. Erwachsenen, die wiederholt gelogen hatten, 2. Personen, die an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung litten, aber nicht besonders häufig logen, und 3. Menschen, die weder antisoziales Verhalten zeigten noch gewohnheitsmäßige Lügner waren, zeigte sich, dass die Lügner ein mindestens zwanzig Prozent größeres Volumen an Nervenfasern im präfrontalen Cortex hatten. Das lässt darauf schließen, dass die Gehirne notorischer Lügner stärker vernetzt sind, bzw. es ist möglich, dass sie zum Lügen prädestiniert sind, weil sie sich leichter Lügen ausdenken können. Eine Kausalität lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Auch Menschen mit einer Psychose können wie chronische Lügner wirken. Psychosen haben jedoch grundsätzlich andere Ursachen und Symptome. So können sie ausgelöst werden etwa durch Hirntumore, Demenz, MS, Stoffwechselstörungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Psychotische Menschen fühlen sich häufig verfolgt, manche hören Stimmen, andere leiden unter Größenwahn, halten sich für bedeutende Persönlichkeiten, Menschen, die Zugang zu geheimem Wissen haben, oder Gedanken lesen können. Viele fühlen ständig zu Unrecht angegriffen und haben veränderte Körperwahrnehmungen.

Im Unterschied zu „einfachen“ notorischen Lügnern, die eloquent sind und ein gutes Gedächtnis haben, ist bei Psychotikern jedoch das Denken häufig verlangsamt oder zerfahren, sie grübeln immer wieder über bestimmte Themen nach, sind sehr nachtragend, springen in ihren Gedanken hin und her, konstruieren eigene Wortschöpfungen.

Antrieb und Konzentrationsfähigkeit von Psychotikern können eingeschränkt sein. Auch psychomotorische Symptome wie starke Unruhezustände oder vorübergehende körperliche Bewegungslosigkeit sind möglich. Viele Psychotiker ziehen sich mehr und mehr von der Außenwelt zurück. Oft treten zudem Stimmungsschwankungen auf. Manche Betroffene leiden unter Ängsten oder Depressionen. Häufig können sie ihren Alltag ohne fremde Hilfe nicht mehr bewältigen.

Zu möglichen Frühsymptomen zählen beispielsweise:

  • sozialer Rückzug
  • Probleme bei der Bewältigung des Alltags
  • Unruhe, Angstzustände, Depressionen
  • mangelnde Lebensfreude
  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • Verlust des Antriebs und der Leistungsfähigkeit