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„Disloyal“: Was muss passieren, damit ein Süchtiger geht?

Was muss passieren, damit ein Co-Narzisst einen Narzissten verlässt? Diese spannende Frage beantwortet der langjährige Anwalt von Präsident Donald Trump: NICHTS lässt einen Süchtigen wirklich Abschied nehmen. „Disloyal“ – abtrünnig – heißt das Buch, das Michael Cohen im Gefängnis geschrieben hat. Es zeigt auf, wie grenzenlos dieser Mann bereit war, für Donald Trump einzustehen, und warum er schließlich „abtrünnig“ wurde: Weil ihm außer seiner Geschichte nichts geblieben ist. Nichts plus etwas unglaubliches: Die Zuneigung zu dem Mann, dem er erlaubte, sein Leben zu zerstören.

Michael Cohen und Donald Trump haben einiges gemeinsam: Beide suchen nach größtmöglicher Macht, nach Ansehen in der Gesellschaft; nach Reichtum und Statussymbolen. Beide sind bereit, dafür zu tun, was immer nötig ist – egal, ob im Rahmen der Gesetze, oder nicht. Wäre das nicht so, hätten sie sich vielleicht nicht so einfach gefunden. Der Eine, Donald Trump, verfügt über ein unglaublich manipulatives Charisma und einen schlafwandlerischen Sinn für Opfer. Der Andere, Michael Cohen, ist getrieben von der unstillbaren Sehnsucht, einem reichen, mächtigen, charismatischen Menschen wie Trump dienen zu dürfen, damit eine geheime Macht über ihn zu erlangen und ihn an sich zu binden. Auf diese Weise, im Schatten des bewunderten Menschen, sieht er sich wachsen als Mann im Hintergrund, der die Strippen zieht und die wahre Macht übernimmt, auch wenn nur er selbst es weiß.

Cohen stürzt genau in dem Moment, als er sich auf dem Gipfel wähnt. Er stürzt und wird von Donald Trump wortlos fallen gelassen, so wie alle vor ihm, die den gleichen Wunsch hatten. Halb aus Rache, halb als Versuch der Selbsttherapie entscheidet er sich, der ganzen Welt in einem Buch die Wahrheit zu sagen. Zu dieser Wahrheit gehört aber auch: Michael Cohens Zuneigung zu Donald Trump ist ungebrochen.

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Gaspipe Casso
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Roy DeMeo

Michael Cohen wird am 25. August 1966 in eine wohlhabende jüdische Familie als zweites von drei Kindern geboren. Sein Vater, ein polnischer Jude, hat den Holocaust überlebt und praktiziert in New York als Arzt. Der junge Michael hat schon als Kind einen starken Sinn für Loyalität – und zwei Seelen in der Brust. Vordergründig lebt er, wie man es von ihm erwartet: Er geht zur Schule, später zur Uni, studiert mit möglichst geringem Kraftaufwand, um den von den Eltern gewünschten bürgerlichen Beruf zu ergreifen, heiratet die Liebe seines Lebens. Seine zweite Seite ist dunkler. Groß ist die Bewunderung des Teenagers für die Gangster, die in den 80er Jahren die Stadt beherrschen und sich in stattlicher Zahl im „Club“ seines Onkels Morty Levine einfinden, dem El Caribe. Dort hilft der geschäftstüchtige junge Mann bis zum Ende seines Studiums immer wieder aus und betreibt auch einen eigenen Eisstand. Er lernt die harten Jungs seiner Zeit kennen, die teilweise Dutzende von Morden auf dem Konto haben, so etwa „Gaspipe“ Antony Salvatore Casso, Roy DeMeo, Anthony Senter, Joey Testa oder Frank Lastorina. Als er eines Tages Zeuge eines Mordes wird, zeigt er sich loyal und verrät der Polizei nichts. Dafür belohnt ihn der Mörder mit 500 Dollar.

In seiner Kanzlei ist Anwalt Michael Cohen schnell erfolgreich und verdient gutes Geld, das er in Taxi-Lizenzen und Immobilien investiert. Für seine junge Familie, Ehefrau Laura und die beiden Kinder, kauft er drei Appartements in einem Trump-Gebäude, die er zu einer einzigen Wohnung umbauen lässt. Bei dieser Gelegenheit freundet er sich mit Donald Trump junior an. So kommt es, dass er eines Tages im Jahr 2006 einen Anruf von dessen Vater erhält, der ihn um ein Treffen bittet. Der analytische Verstand Cohens begreift bei diesem Treffen innerhalb kürzester Zeit, worauf er sich einlässt: Auf einen Menschen, der stets gelobt werden muss, der so lange lügt, bis er selbst an seine eigene Geschichte glaubt, und der absolute persönliche Loyalität verlangt, völlig egal, ob er innerhalb des Rechts agiert, oder nicht.

Nach einigen Testaufträgen erwirbt er sich Trumps Vertrauen und bezieht gegen den Rat seiner Familie ein Büro im Trump Tower. Von diesem Moment an lebt Michael in einem aufreibenden Chaos, in dem sich Drama an Drama reiht. Innerhalb kurzer Zeit lernt er, ohne dass man es im wörtlich sagt, was seine Aufgabe hier sein wird: Er ist der Mann für die schmutzigen Aufgaben, der Auskehrer hinter einem Menschen, der nach seinen eigenen Gesetzen lebt. Donald Trump ist wegen seiner lautstarken Wutausbrüche gefürchtet, ebenso wie wegen seiner ständigen Wortbrüche. Dazu gehört auch, dass er Rechnungen nicht bezahlt, wenn das Ergebnis der Leistung nicht seinen Vorstellungen entspricht. Privat ist er Raubtier in Sachen Sex. Immer wieder tauchen Frauen auf, die behaupten, sexuell bedrängt worden zu sein oder Affairen mit Donald Trump gehabt zu haben, die sie nun zu Geld machen wollen. Die Porno-Darstellerin Stormy Daniels ist wiederholt darunter. Das Geld, das sie schließlich bekommt, als Trump bereits Präsident ist, wird einer der Brocken sein, die Cohen das Genick brechen.

„Da wusste ich, dass dieser Mann einmal Präsident sein würde,“ schreibt er, nachdem er erlebt hat, wie Donald Trump sich im Beisammensein mit führenden Evangelikalen in einer bühnenreifen Darstellung als Mann Gottes präsentiert. Auch diesen Kontakt hat ihm sein persönlicher Anwalt vermittelt: Dessen Nachbarin ist nämlich Paula-Michelle White-Cain, eine Führungsfigur unter den Evangelisten, die das Zusammentreffen organisiert. Diese Wandlungsfähigkeit in der Selbstdarstellung, verbunden mit einem großen Geschäftssinn und dem Instinkt Trumps bei der Auswahl „nützlicher“ Menschen bewundert sein „Fixer“ rückhaltlos. In großer Detailgenauigkeit erfährt der Leser, wie und mit wem „der Boss“ Geschäfte macht (immer wieder mit Hilfe der persönlichen Kontakte Cohens), wie er dabei Menschen über den Tisch zieht, kleine Unternehmen einfach nicht bezahlt, wohl wissend, dass diese sich langjährige Gerichtsverfahren nicht leisten können. Der Anwalt spart nicht aus, wie oft er sich persönlich demütigen lassen muss, wenn Trump mal wieder einen Schuldigen braucht oder einfach seine Laune heben will. Er lässt es geschehen, so wie das ganze Umfeld Trumps, einschließlich seiner drei Kinder. Gelegentliches Lob und vor allem sein Gefühl, für den „Boss“ unersetzlich zu sein und zu dessen innerstem Kreis zu gehören, honorieren ihn nach eigener Wahrnehmung reichlich. Dafür lässt er sich das Gehalt halbieren, setzt persönliche Freundschaften und sogar seine Familie auf’s Spiel.

Über seine persönliche Entwicklung schreibt Michel Cohen: „In den Tagen, als ich auf die kommende Kandidatur zu schwebte, begann ich zu fühlen, wie ich mich veränderte: Ich schien eine härtere und entschlossenere Version meiner selbst zu werden – bereit, willens und fähig, Trump zu gefallen – egal womit. Da entstand eine neue Version von Schamlosigkeit, eine Persönlichkeit, körperlos und im Äther fließend, wie ein Cartoon von bully boy. Kurz: Ich wurde zu Trump.“

Die Weise wie sich der spätere Präsident Aufmerksamkeit verschafft, ist oft tief unter der Gürtellinie. So ist der Hass auf seinen Vorgänger Barack Obama „grenzenlos“. Nach dessen Amtseinführung 2008 geht Trump so weit, ein Video mit einem Obama-Double drehen zu lassen, in dem er diesen rituell feuert. Er versucht, Obama zu diskreditieren, indem er öffentlich anzweifelt, ob dieser in den USA geboren ist. Ähnlich ergeht es anderen seiner Feinde: Einem unterstellt der die Nähe seines Vaters zum Killer von Präsident Kennedy, Lee Harvey Oswald. Ob sich seine Anschuldigungen beweisen lassen, ist ihm egal: Durch das Streuen des Verdachts sichert er sich selbst Medienpräsenz und etwas bleibt immer hängen. Trump – und in seinem Namen Michael Cohen – droht, wütet, erpresst, pokert und lügt, um Recht zu haben und zu gewinnen. „Er war rücksichtslos. Er beschuldigte immer wieder Andere dessen, was er selber tat. Das war Teil seines Modus operandi.“

Immer wieder nimmt der Anwalt das Chaos und Drama um Donald Trump als völlig andere Realität wahr. Eine Lüge wird erfunden und so lange wiederholt, bis Trump selbst und alle um ihn herum glauben, es handele sich um die Wahrheit. „Niemand sagt Trump je die Wahrheit über sein Benehmen, seine Überzeugungen oder darüber, welche Konsequenzen sein Verhalten, seine Ignoranz und Arroganz haben. Er lebt in einer Blase, die nichts mit dem realen Leben zu tun hat. Alle lügen für ihn und loben ihn, aus Angst davor, für immer verbannt zu werden, wenn sie es nicht tun.“

Der Tag, an dem Donald Trump seine Kandidatur öffentlich macht, wird zu einem Albtraum für seine ganze Mannschaft und seine Kinder. Statt sich als integrative Führungsperson zu zeigen, hält er eine Hassrede. Mexikaner seien Vergewaltiger, bringen Drogen und Gewalt ins Land, der amerikanische Traum sei vorbei und er werde seine Kampagne aus eigenen Mitteln finanzieren. Nachdem sich das erste Entsetzen gelegt hat, erkennt Michael Cohen das System dahinter: „Trump hat die Gefühle derer aufgenommen, die in den Obama-Jahren Rassisten genannt wurden: Weiße, Konservative, Christen; Menschen, die die Nase voll haben von politischer Korrektheit, davon, illegale Immigration zu tolerieren und vorgeben zu müssen, an Dinge zu glauben, von denen sie einfach nicht überzeugt sind. Für all diese Leute ist Trump der Champion. Der wenig Gebildete, der Reaktionär, die Leute, die glauben, dass Abtreibung Mord ist – sie alle sehen einen furchtlosen Geschäftsmann vor sich, der die politische Ordnung Amerikas Bullshit nennt. Die Globalisierung, der Klimawandel, die gleichgeschlechtliche Ehe, der Verlust amerikanischer Arbeitsplätze an die Dritte Welt, Immigration, die zentrale Rolle Gottes – all die trauernden Menschen, die Menschen mit starken Ressentiments, haben in ihm ihren Anwalt gefunden.“

Eine große Verantwortung dafür, dass Donald Trump Präsident werden konnte, so der Anwalt, tragen die Medien. „Trump ist ein Produkt der freien Medien. Frei wie kostenfrei. Die freie Presse gab Trump Live-Shows, Tweets, Pressekonferenzen, idiotische Interviews, rechte, linke und moderate Präsenz im Fernsehen, im Radio im Internet, in Facebook. Sie hat Trump gewählt und könnte ihn sehr gut auch wiederwählen. Der Boss weiß, wie man die Gier und Käuflichkeit der Journalisten ausnutzt; darin war und ist er Experte. Trump war immer eine gute Story mit den ständigen Chaos und Drama um ihn herum. CNN, die Times und Fox News fraßen ihm pflichtschuldig aus der Hand.“

Ähnlich sieht Michael Cohen die Situation vor der neuen Wahl. „Trump witzelt über eine zweite und weitere Präsidentschaften. Aber Donald Trump macht niemals Witze.“

Das Sex-Raubtier Trump ist sehr angetan von russischen Geschäftspartnern, die ihre Freude an besonders vulgärem Sex haben. Michael Cohen erlebt, wie begeistert sein Boss eine Darstellung von goldenen Duschen erlebt (urinieren auf eine Person). Er weiß nicht, ob es wirklich ein Video gibt, in dem der Präsident sich in einem russischen Bett, in dem bereits das Ehepaar Obama geschlafen hat, von Prostituierten goldene Duschen geben ließ. Aber er wäre, wie er schreibt, nicht erstaunt darüber. Er hört Donald Trump immer wieder auf vulgärste Weise über Frauen, Titten und Ärsche reden. Obwohl es ihn anekelt, nimmt er sogar hin, dass Trump seine eigene Tochter mit entsprechenden Vokabeln bedenkt.

Als der „Boss“ schließlich Präsident wird, macht Stormy Daniels einen weiteren Vorstoß, an Geld zu kommen. Sie hat Trump in der Hand, so dass dieser sich bereiterklärt, 130 000 Dollar zu zahlen. Aber die Spuren müssen verwischt werden. Donald Trump hat jedoch seinen Mann für solche Fälle, den CEO der American Media, David Pecker, vergrätzt.

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Dieser hat 150 000 Dollar an das Playmate Model Playboy-Model Karen McDougal gezahlt, um sie 2016 mit ihren Sex-Vorwürfen mundtot zu machen. Trump erstattet ihm das Geld jedoch nicht. Nun findet sich niemand mehr, der bereit ist, seinen Namen und sein Geld für die Überweisung herzugeben. Schließlich nimmt Michael Cohen, ohne seiner Frau etwas davon zu sagen, einen Kredit über 130 000 Dollar auf und gründet eigens eine Firma, um dieses Geld möglichst ohne Spuren an Daniels zu leiten. Trump macht auch hier keine Anstalten, ihm die Summe zu erstatten, kürzt vielmehr am Jahresende auch noch seinen Bonus auf geradezu lächerliche 50 000 Dollar.

Viel später, als Trump lange Präsident ist und sein Schwiegersohn Jared Kuschner zum neuen Stern an seiner Seite geworden ist, gibt es schließlich ein Agreement: Cohen arbeitet wieder in seiner Kanzlei, will den „Boss“ aber weiter in speziellen Angelegenheiten beraten und bekommt dafür monatliche Schecks bis zur Höhe der Summe. So macht Trump erneut ein Geschäft: Er kann mit Hilfe der Rechnungen auch noch Steuern sparen.

Wenig später, Cohen hat gerade ein Gespräch Donald Trumps mit dem Sheikh Hamad bin Jassim bin Jaber bin Mohammed bin Thani Al Thani aus Katar, einem der reichsten Menschen der Welt arrangiert, taucht plötzlich das FBI in seiner Privatwohnung auf, durchsucht alles und konfisziert seine Handies und Laptops.

Mit ungläubigem Staunen verfolgt der treu ergebene Anwalt in den Medien, wie sein „Boss“ ihn nicht nur fallen lässt, sondern auch seine für ihn so wichtige exklusive Rolle herunterspielt und schließlich aufhört, seine Anwälte zu zahlen. Gebunden an eine Schweigeverpflichtung erlebt Michael Cohen, wie der Staat Anschuldigungen gegen ihn erhebt, die er nicht zu verantworten hat, wie man öffentlich über ihn lacht, dass er aus eigenem Vermögen Trumps Sexgeschichten bezahlt. Er beschließt, mit den Behörden zu kooperieren. Das löst aktive Gegenwehr des Präsidenten aus, der nun alles tut, seinen einstigen Ausputzer und „Fixer“ unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Wie in einem schlechten Film erlebt dieser nun am eigenen Leib, was er selbst mehr als zehn Jahre lang zugunsten Trumps so vielen angetan hat. Über das Justizministerium versucht sein „Boss“, ihn unterschreiben zu lassen, dass er niemals über seine Geschichte sprechen wird und auch alle anderen, die etwas davon wissen, davon abhalten wird. Er unterschreibt nicht. Schließlich stellt man Cohen vor die Wahl: Entweder erklärt er sich schuldig in acht Punkten, von denen er einige gar nicht begangen hat, und wird verurteilt, oder man wird sein Vermögen von über 50 Millionen Dollar einfrieren und sowohl ihm, als auch seiner völlig unbeteiligten Ehefrau Laura den Prozess machen. Daraufhin verlangt sein Anwalt sofort ein Millionen-Honorar und droht damit, die Verteidigung abzugeben. Der Gefallene hat keine Wahl: Er bekennt sich schuldig und wird zu drei Jahren Gefängnis verurteilt.

Nachdem er zunächst relativ komfortabel untergebracht ist, gerät der Anwalt später an Wärter, die zu den Trump-Anhängern zählen und ihn schikanieren. Er verbringt mehr als einen Monat in Einzelhaft und grübelt die ganze Zeit darüber nach, wie es geschehen konnte, dass er für Donald Trump alle seine rechtlichen Pflichten als Anwalt über Bord werden konnte. Ganz langsam erkennt er, wie und warum er in immer tiefere Abhängigkeit von einem charismatischen, aber selbstsüchtigen, empathiefreien Menschen geraten konnte – und wird dennoch nicht frei von ihm. Seine Existenz ist zerstört, sein Vermögen zum größten Teil aufgebraucht. So entscheidet er schließlich, ein Buch zu schreiben, das rückhaltlos ehrlich ist. Er wird abtrünnig, verlässt den Kreis des Schweigens und analysiert dabei gnadenlos sein eigenes Verhalten. Er wird zum Büßer und zum Rächer: Untreue gegen Untreue.

Und doch brennt und weint sein Herz: Noch immer will es Donald Trump nicht loslassen.

Siehe auch:

Warum landen manche Menschen immer wieder bei „den Falschen“?

„Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Ein tragisches doppeltes Trauma

„Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst“ und die dortigen Links

Disloyal: Was muss passieren, damit ein Süchtiger geht?

„Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

Ein tragisches doppeltes Trauma

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig?

Siehe ausserdem: „Make America great again“: Mit Donald Trump kommt ein Lügner und Betrüger ins Amt und

„Donald Trump zu unterschätzen, wäre ein tödlicher Fehler“

Update: Donald Trump hat mindestens eine Milliarde Schulden

Update: Trump hat insgesamt 1,1 Milliarden Dollar Schulden – eine Auflistung

Empath versus Narzisst: ein tragisches doppeltes Trauma

Schmerzliche Überlegungen über die Verbindung von Empathen und Narzissten hat Kaen Kim auf Quora verfasst, wo sie frei übersetzt wurden. Die Frage war: „Wann wird der Empath einen Narzissten verlassen?“ Dies ist der dritte Teil einer kleinen Serie zu Empathen und Narzissten.

„Viele Empathen sind auch HSP (hoch sensible Persönlichkeiten). Ihre Fähigkeit, wahres Mitgefühl zu spüren, geht über das hinaus, was die meisten Menschen verstehen können.

Die meisten Menschen verstehen extremes Einfühlungsvermögen nicht (manche nennen es bösartiges Einfühlungsvermögen, wenn das empathische Verlangen nach Heilung das der betroffenen  Person selbst übersteigt). Besonders wenn Menschen, die uns nahe stehen, leiden, fühlen Empathen so tief mit ihnen mit, als seien sie selbst betroffen. Durch Projektion nehmen wir die Agonie der Narzissten und die gestörte Ordnung an.  

Man sagt, Empathen seien der Spiegel der Narzissten und umgekehrt. Leider sind viele von beiden verwundete Kinder. Sowohl der Empath, als auch der Narzisst suchen Bestätigung und bedingungslose Liebe von außen.

Der Narzisst bringt den Empathen mit sich selbst in Kontakt, indem er dessen Qualitäten, aber auch seinen Schmerz spiegelt. Er hält ihm einen Spiegel vor, damit er sein wahres Gesicht sehen kann. Für den Empathen kann das ein Weckruf sein. Mancher mag vorher gar nicht erkannt haben, dass er/sie eine hoch sensible Persönlichkeit ist,  oder dass es eigene Wunden sind, die ihn zum Narzissten hingezogen haben.

Das selbst verletzte  empathische „Opfer“ verliebt sich tief in die Maske des verwundeten Narzissten, weil diese eine tiefe unbewusste Sehnsucht nach etwas sehr vertrautem auslöst.  Während es sich glücklich verliebt fühlt, löst gleichzeitig  der Narzisst eine schmerzhafte, ferne Erinnerung an eine Zeit aus, in der das „Opfer“ schon einmal  Liebe erhalten wollte, sie aber nicht bekam. Obwohl es eine Form tiefer Liebe zwischen Empathen und Narzissten ist, ist sie auch das Ergebnis eines schweren Traumas und nicht verheilter Wunden. Dieses Trauma  öffnet dem Narzissten ein Tor, um mit dem „Fressen seiner Nahrung“ zu beginnen. Narzissten können keine echte Liebe bieten, wissen aber sehr gut, wie sie eine solche für sich selbst nutzen können. Dabei zerstören sie das verwundete Opfer langsam von innen heraus, bis nichts mehr übrig ist.

Die Tragödie dabei ist, dass der Narzisst das Opfer verlässt, weil der Spiegel sich jetzt umkehrt. Diesmal sieht sich der Narzisst selbst als Opfer im Spiegel des Empathen: Die hohle, elende Kreatur, die er aus dem Empathen gemacht hat, weil der Narzisst nicht die Kraft hatte, seine eigene Wirklichkeit zu ertragen. Obwohl der Empath immer noch tief verliebt und hingebungsvoll ist, kann sich der Narzisst nicht mehr um ihn kümmern, denn alles, was er  jetzt in seinem Gegenüber sieht, ist nicht mehr seine eigene Grandiosität, sondern (ebenfalls seine eigene) Enttäuschung, seinen Misserfolg und seine zerbrochenen Träume.

Das ist das tragische Ergebnis des gegenseitigen Spiegelung von Narzisst und Empath.

Viele Empathen und Narzissten bleiben beieinander, lassen sich gegenseitig nicht gehen. Die  Schwingung des Universums in unseren Atomen weiß, dass wir das perfekt gestörte, tragische Match sind, das in der Hölle gemacht wurde. Ich wage zu behaupten, dass viele von uns machtlos sind und keine andere Wahl haben, als durch dieses Elend zu gehen, bis einer von uns stirbt oder endlich aufwacht. Es ist ein Krieg zweier Seiten der selben Münze. Ein Empath, der sich an einen bösartigen Narzissten bindet, wird von innen nach außen verändert. Für mich fühlte sich das Verlassen des Narzissten an, als würde ich mich selbst, das verwundete Kind aus meiner Vergangenheit, verlassen. Ich glaube, aus diesem Grund ist es für einen Empathen unglaublich schwer, zu gehen, wenn Wunden nicht geheilt sind. Wir verlieren einen Teil von uns selbst, wenn wir gehen. Wir sind für immer verwandelt.

Nicht jeder kann von so einer Beziehung betroffen werden. Ein Narzisst wirkt wie ein Virus. Empathen neigen am ehesten dazu, sich damit zu infizieren. Dies ist keine normale Anziehungskraft, es ist fast wie eine Hypnose. In der Verbindung gleicht sich die  Schwingung an. Der Empath muss die Kernwunde und Leere, die der Narzisst in sich trägt, automatisch spüren, zumal er sie von sich selbst kennt.

Einer der schmerzlichsten, lebhaftesten Träume, die ich von „meinem“ Narzissten hatte, war, dass er mit einer anderen Geliebten erschien. Während er mit verzweifelten Augen meine Hand hielt, sagte er: „Sie wird mich nie besitzen. Ich will  nicht, dass du mich verlässt.“

Den erstaunlichsten Traum hatte ich, bevor ich wusste, dass er ein Narzisst ist. Er war wie eine Vorahnung: Überall gab es Spiegel, und ich konnte darin sehen, wie seine leeren, toten Augen mich anstarrten. Jedes Mal, wenn ich versuchte näher zu kommen, verschwand das Spiegelbild und ich jagte ihm verzweifelt nach.  So hatte mich mein Unterbewusstsein von Anfang an gewarnt.

Es ist traurig, dass der Empath trotz des Missbrauchs und Traumas immer die Trauer und den Schmerz der fragmentierten Teile des verbleibenden Narzissten fühlen kann, da ihn diese an ihn selbst erinnern. So lehrt der Narzisst den Empathen eine mächtige Lektion: Wir müssen erkennen, dass wir unseren Spiegel zerstören müssen, den wir im Narzissten gesehen haben, den Spiegel, der unser eigenes, verletztes inneres Kind darstellt. Wir müssen den gleichen Seelentod wie der Narzisst durchmachen, um heilen zu können.

Der Empath hat keine andere Wahl, als die Stücke seines gebrochenen Herzens aufzusammeln. Wenn wir uns vom Narzissten unterscheiden wollen, müssen wir unseren Selbstwert erkennen und uns gegen den Teil unseres Wesens stellen, der bleiben will. Wir müssen lernen, wann wir loslassen müssen. Alles kann geheilt werden. Nicht jeder wird unser Mitgefühl zu schätzen wissen, und obwohl es ein wunderschönes Geschenk ist, ist es auch eine Fähigkeit, die auf verheerende Weise benutzt und missbraucht werden kann.

Ich glaube, dass, wenn ein Empath einen Narzissten verlässt, mehr geheilt wird, als in der Verbindung heilen könnte. Wir müssen den Wunsch aufgeben, eine Persönlichkeitsstörung zu heilen, die nicht geheilt werden kann. Ich kann nicht sagen, dass ich dieses Niveau schon  erreicht habe, da meine Sucht so extrem ist, aber ich hoffe, dass ich es eines Tages schaffen werde. „

Siehe auch: „Mein wahres Ich wirst du nie erreichen“

„Warum heilen wir uns nicht gegenseitig? sowie

„Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst“ und die dortigen Links

Abschied von einem Narzissten: Sei frei mein Herz – und lebe wohl …

Jahre nach dem Überleben eines narzisstischen Missbrauchs, nach einer Therapie und der Unterstützung von Selbsthilfegruppen hat eine Frau erkannt, dass es ihre eigenen Verletzungen aus der Kindheit sind, die sie einen narzisstischen Mann mehr lieben ließen als sich selbst. Verletzungen, die sie mit der Hilfe geschulter Menschen zwar versorgen, aber nicht heilen kann. Sie hat deshalb eine Entscheidung getroffen. Sie wird nicht weiter versuchen, diese Liebe in sich zu töten. Sie kann es nicht. Aber sie kann IHN in Liebe gehen lassen. So schreibt sie ihm einen letzten Brief.

Mein Kopf weiß genau, was für ein Glück es für mich ist, dass du dich nicht mehr meldest.  Dass ich für dich tot bin.

„Eigentlich“, so hatte ich gesagt, „müsste ich dich bekämpfen. Aber ich kann nicht, denn ich liebe dich zu sehr.“ Beim Wort „bekämpfen“ setzte deine Wahrnehmung aus und dein „Raketenprogramm“ schaltete sich ein: “Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, heißt es. „Und wer gegen mich ist, ist tot“.

Frauen gehören nicht in die Wirtschaft, sagtest du, sondern ins Haus. Weil die Natur die Rollen so vorgibt: Wäre eine Beziehung ein Körper, so wäre der Mann der Kopf, die Arme, die Beine und die Haut; die Frau dagegen das Herz, das alles mit Leben erfüllt. Ein Mann wirkt nach außen: kämpft, verteidigt, versorgt, beschützt. Eine Frau wirkt nach innen: behütet, nährt, wärmt und fühlt mit. Bricht eine Frau mit dieser Regel und will Karriere machen, muss sie scheitern, sagtest du. Das ist dann ihre eigene Schuld. Weil eine Frau das Herz ist und der Mann der Verstand, so sagtest du, muss es der Mann sein, der in einer Beziehung das letzte Wort hat. Er entscheidet im Zweifelsfall auch gegen die Frau, denn, so sagtest du, er hat eine Fürsorgepflicht.

Wie schön das klingt beim ersten Hören. Wie verlockend, von einem Mann beschützt, verteidigt und versorgt zu sein – wie einladend, Frau sein zu dürfen in einem kuscheligen Nest, in das der Herr des Hauses heimkehrt zu seinem Herzen… Und wie tückisch es in Wahrheit doch ist: Diese Einstellung legt die Rollen klar fest. Die Frau ist dem Manne untertan – steht auch so in der Bibel, wie du nicht ohne Feixen feststelltest. Das bedeutet: Der Mann erwartet nicht nur uneingeschränkte Loyalität, sondern auch Gehorsam. Bekommt er den nicht, hat er  jedes Recht, nach Gusto zu strafen oder gleich kommentarlos zu gehen.

Wie oft habe ich versucht, dir zu zeigen, dass Frauen genauso klug sind wie Männer – nicht selten klüger. Dass sie aus eigener Kraft leben können – und dass nicht jede kinderlose Frau dies aus freien Stücken ist. Natürlich schätzt du kluge Frauen. Nur sie können, findest du, dein Denken nachvollziehen und dich deinem Wert entsprechend würdigen. Auch gegen Augenhöhe hast du nichts einzuwenden – solange klar ist, wer die letzte Entscheidung trifft. Gleichwertig ja – sagtest du. Gleichberechtigt nicht.

Über die Konsequenzen dieses Denkens musste ich auch manchmal lachen. Wie an dem Tag, an dem du von einem Meeting im Konferenzsaal eines großen Hotels zurück kamst. Du hattest den Raum gemietet. Als du ihn vor dem Treffen besichtigen wolltest, so deine zutiefst empörte Schilderung, fandest du doch tatsäch zwei EMANZEN vor, die den Saal für sich beanspruchten! Ich war amüsiert, wollte wissen, wie diese Emanzen denn ausgesehen und sich verhalten hätten. „Wie EMANZEN eben,“ war deine karge, wütende Antwort.  „Und was hast du dann unternommen?“ fragte ich. „Ich bin SOFORT gegangen und habe den Hotelmanager rufen lassen. Der hat die Lage geklärt. Ich setze mich doch nicht mit EMANZEN auseinander!“

Noch oft habe ich über diesen kleinen Vorfall nachgedacht. Dein komplettes Arbeitsumfeld besteht aus Männern; Frauen kommen nicht vor. Und das, obwohl dich die Männer, denen du wirklich Vertrauen schenktest, immer wieder bitterlich enttäuschten. Wie oft habe ich darüber gestaunt, dass ein so kluger Mann wie du so wenig Menschenkenntnis hat…  Liegt es an deiner Eitelkeit? Oder an mangelnder Empathiefähigkeit? Du liebst Komplimente und Männer, die sich deinen Zielen anschließen. Selbstverständlich erwartest du auch hier Unterordnung. Und fällst dann aus allen Wolken, wenn deine Weggefährten ihren Anteil wollen – am Ertrag und an den Entscheidungen.

Wortgewaltig kannst du sein. Mitreißend ist deine Kreativität, faszinierend deine Fähigkeit, vernetzt zu denken. Wenn du einen Erfolg erzielst, bist du wie berauscht von dir, freust dich wie ein Kind. Dann erfasste mich Zärtlichkeit, heiße Zuneigung und der Wunsch, dich in die Arme zu schließen. Ich liebe es, wenn sich Distelfinken in die Brust werfen und aus voller Kehle singen… Wenn ich dir das sagte, reagiertest du jedesmal irritiert. Die Anerkennung konntest du genießen. Aber meine Zärtlichkeit machte dir Angst.

Ja, die Sache mit der Angst. Nie im Leben hättest du zugegeben, wie sehr sie dein Verhalten steuert.  Aber es gab diese Tage, an denen dich Zweifel packten. Zu den  wenigen ehrlichen Einblicken in dein Herz gehörte, dass du von deiner Angst vor dem Teufel sprachst und davor, dass er sich deiner bemächtigen könnte. Dann beeiltest du dich, Pläne zu machen zum Vorteil aller und zugunsten einer besseren Welt.

Ehrlich warst auch, als du mich beraten hast, wie man Kante zeigt gegenüber Menschen, die man verlassen will. Wie man so ein Ende herbei führt und es dann durchhält. Wie man den Anderen ignoriert, wie man all diese kleinen Hässlichkeiten zusammenstellt, die das Gegenüber demütigen, verletzen, im Regen stehen lassen. Als ich das schließlich nicht konnte, fiel dein Urteil vernichtend aus: „Du verfranst dich in einer Welt von sinnlosen Gefühlen. Du lässt zu, dass Andere von dir zehren und dich mit sich in den Abgrund ziehen. Du bist schwach und deshalb wirst du scheitern – deine eigene Schuld“.

Ja, die Sache mit der Schuld. Wenn etwas schiefgeht, muss jemand schuld sein. Und das bist jedenfalls nicht du. So war das auch, wenn wir stritten und du danach immer wieder für lange Zeit abgetaucht bist. Schuld daran war ich, weil ich Dinge ansprach, über die du nicht reden wolltest. Meine Versuche, auch gegensätzliche Meinungen zu diskutieren ohne dabei gleich die ganze Beziehung in Frage zu stellen, prallten ergebnislos an dir ab.

Alles habe ich dir geglaubt in den ersten Jahren. Aber irgendwann war es beim besten Willen nicht mehr zu übersehen. Deine Versprechen, gegeben, um Ruhe zu haben, aber ohne Absicht, sie jemals einzuhalten, haben Ströme von Tränen bei mir ausgelöst. Wie gewandt du mir das Wort im Wunde umdrehtest! Nicht doch; alles habe ich falsch verstanden, so hattest du es nie gesagt. Das war manchmal, als würde jemand  behaupten, der Himmel sei rot – und darauf bestehen, auch wenn der Rest der Menschheit eine andere Farbe sieht. Sogar vor dem platonschen Höhlengleichnis machtest du nicht halt, um zu untermauern, dass du als Einziger Recht hast. Niemals hat ein Mensch derart versucht, meine Wahrnehmung zu manipulieren. Ich bemerkte es, staunte über die Unverfrorenheit, dachte monatelang darüber nach, warum du sowas machst und kam doch nicht auf den einfachsten aller Gründe.

„Wenn es etwas gibt, wonach ich süchtig bin, so ist es Macht“, hast du mir gesagt. Ich hörte es und verstand doch nicht, wie sehr sich das auch auf mich bezog. Macht über mich zu haben war deine Motivation, sich mit mir auseinander zu setzen. Ich träumte von Liebe, von der perfekten Beziehung, vom Einssein mit einem Menschen, der mir näher schien als alle Menschen jemals zuvor. Du spieltest mit der Macht – hast unsere gemeinsame Zeit willkürlich mit frei erfundenen Gründen eingeschränkt, schließlich gegen Null geführt. Je mehr mir das klar wurde, und je mehr du sahst, dass ich  die Zusammenhänge erkannte, desto  weniger hatten  wir eine Chance auf Nähe.

Überhaupt Nähe: „Ich habe so viele Deckel auf schwarze Löcher zementiert. Würde ich diese Nähe zulassen, würden die Löcher aufbrechen und mich verschlucken“ sagtest du in einem der seltenen offenen Gespräche. „Das werde ich niemals zulassen.“ Ich hörte es und wollte es nicht glauben. Ein so kluger Mann, der so stolz ist auf seine Stärke, seinen analytischen Geist und seinen Erfolg läuft weg vor den Verletzungen seiner Vergangenheit? „Und wenn es niemand auf der Welt fertig brächte: Dir traue ich zu, dass du es schaffst. Du kannst das“, antwortete ich – und erntete Schweigen.

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So kam, was kommen musste. Ich erkannte das ganze Gebäude von Manipulation und Lüge. Und doch sah mein Herz hinter dem ganzen Ballast ein Leuchten in dir. Ich kämpfte um dich, wollte das Leuchten befreien aus den Klauen der Angst, wollte dich, und damit UNS retten. Wenn wir es schaffen, die Abgründe zu überwinden, das wusste ich, wären wir fähig, DIE Beziehung zu führen, diese einzige Beziehung, die man nur einmal in vielen hundert Leben findet. Alles war ich bereit, dafür aufzugeben – sogar meine Autarkie. Nur mein freies Denken nicht – das kann keine Macht der Erde stoppen.

Es war zu wenig für dich. Oder anders gesagt: Deine Angst war zu groß. Fast wäre ich gestorben an dir, so sehr schmerzte es und schmerzt noch immer. Bis heute ist meine Seele nicht bereit, aufzuhören, dich zu lieben. So musste ich mir schliesslich eine bittere Wahrheit eingestehen: Das narzisstische System funktioniert; jedenfalls für den Narzissten. Indem er verdrängt, was ihn verletzt hat und sich selbst auf den höchsten erreichbaren Sockel stellt, kann er sich erfolgreich vormachen, stark zu sein und alle Probleme völlig aus eigener Kraft zu lösen.

„Mach es wie ich: Der wichtigste Mensch in meinem Leben bin ich selbst“ hast du mir oft geraten. Tja, leider kann ich das nicht. Der wichtigste Mensch in meinem Leben warst und bist du.

So musste mein Kopf die Entscheidung treffen. Er hat beschlossen, dir das größte Geschenk zu machen, das ich dir machen kann: Ich schaffe es nicht, völlig von dir heil zu werden. Meine Liebe bleibt. Aber sie wird nicht mehr versuchen, um deine Nähe zu kämpfen. Ich lasse dich los.

Sei frei mein Herz. Lebe wohl.

Siehe auch: 

Herz ich verlasse dich

Der Mann meines Lebens ist Narzisst

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Wenn ein Herz bricht

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symtpome

„Kaltes Herz“: Narzisstischer Missbrauch und wie man wieder auf die Beine kommt

Es ist eine ganz große Liebe.  Eine, die rasend schnell intensiv wird. So intensiv, dass Kopf und Herz in einem einzigen Rausch schwelgen und das leise innere Warnen bereitwillig überhören. Der Traum von Glück scheint wahr zu werden:  Geliebt zu sein, mit Haut und Haaren. Begehrt zu werden, voll und ganz. Ein kongeniales Gegenüber zu haben,  mit dem man sich tief verbunden fühlt: Das könnte die lebenslang vermisste Dualseele sein. Das Herz tanzt.

Schnell wird die Bindung eng. Beide  werden unzertrennlich. So unzertrennlich, dass  Freunde und Familie völlig außen vor bleiben. Aber so bleibt es nicht. Manchmal schleichend, manchmal sehr schnell, aber immer nach dem selben Muster geht der  geliebte Partner auf Distanz. Mal mehr körperlich, mal vor allem seelisch, immer verbal. Aus Liebesbekunden werden Abwertungen, aus langen, liebevollen Gesprächen werden Vorhaltungen, Schuldzuweisungen. Der Gefährte spricht plötzlich nicht mehr – manchmal über Tage, manchmal über Wochen – er verdreht Erinnerungen, lügt, betrügt. erinnert sich nicht an Versprechen, weicht jedem klärenden Gespräch aus.  Und es kann noch viel, viel schlimmer werden – wenn man an einen Narzissten geraten ist.

Ehemalige Partner von Narzissten berichten von Monaten, Jahren, Jahrzehnten in Beziehungen, in denen sie sich gedemütigt, entwertet, alleingelassen fühlten, in denen sie alle Freunde und nicht selten ihr ganzes Geld verloren und es dennoch über lange Zeit nicht schafften, sich zu trennen. Warum? Weil es doch eine so große Liebe war. Weil gleich am Anfang der Beziehung der Grundstein gelegt wurde für eine Sucht: Den verzweifelten Wunsch, (wieder) vollständig geliebt zu werden – und zwar so, wie man eben ist. Damit wird eine Trennung emotional schwerer als jeder Drogenentzug.

„Kaltes Herz“  – Narzisstischen Missbrauch überwinden“ heißt ein Buch von Monika Celik, das sich als Ratgeber an Betroffene wendet.  Veröffentlicht wurde das Buch im Self-Publishing Verlag Twentysix. Im dortigen Shop belegt es zurzeit Platz 1 unter den Ratgebern.

Die Lektüre ist schwere Kost – besonders, wenn man sich selbst im Buch wiederfindet. Die zahlreichen Beispiele reflektieren lange Gesprächen der Autorin mit Betroffenen sowie  ihre eigenen Geschichte. Auch Monika Celik war mehrfach in narzisstischen Beziehungen gefangen, hat Höllenqualen gelitten, bevor sie es geschafft hat, sich aus dem Kreislauf der Sucht zu befreien. Auf 435 Seiten geht es jetzt um Lovebombing, Crazymaking und Gaslighting, um Lügen, emotionale Erpressung, Abwertung und Isolierung des Opfers, um Silent Treatment, wütende Monologe und Gewalt, um Victim-Blaming, Stalking, Hoovering und Flying Monkeys – alles Begriffe, die typische Muster in Beziehungen mit Narzissten spiegeln.

Die Autorin definiert genau: Nicht nur die Diagnose Narzissmus, sondern auch die der dependenten Persönlichkeit oder des Co-Narzissten. Alles wird über wahre Geschichten   verdeutlicht. Das macht das Buch so schwer zu lesen: Schwer wiegt die Last des Erlebens der Frauen und Männer, die narzisstischen Missbrauch mit tiefen Blessuren überlebt haben. Und dann, im letzten Fünftel, kommt konkrete Hilfestellung – die noch schwerer zu verdauen ist. Erlösung aus dem Muster gibt es nämlich nur, wenn die Betroffenen bereit sind, nicht nur den Partner anzuklagen, sondern sich selbst genau zu betrachten.

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Welche sind meine eigenen Anteile an meiner destruktiven Beziehung? Welche schädigenden Glaubenssätze habe ich verinnerlicht? Wie ist das mit meinem Wunsch, gebraucht zu werden –  mit meiner eigenen Bedürftigkeit? Wie ist mein Selbstwertgefühl entwickelt – nicht zu verwechseln mit Selbstbewusstsein? Im Hinterfragen dieser Punkte  liegt der Schlüssel dazu, die furchtbare Sehnsucht nach einer Trennung zu überwinden und einen Weg echter Veränderung zu betreten. Kaum jemand schafft es, diesen Weg allein zu gehen. Betroffene brauchen, das stellt die Autorin unmissverständlich klar, die Hilfe von fachlich qualifizierten Therapeuten. Selbsthilfegruppen können wertvolle Foren sein, in denen man sich austauschen kann und in akuter Not Ansprechpartner findet. Ergänzend dazu gibt es Tipps, wie man sich im Alltag helfen kann, wenn die (Sehn-)Sucht nach dem Partner allzu zerstörerisch wütet.

Die Autorin sprich von „Narz“ und „Narzisse“; übliche Ausdrucksweise in Selbsthilfegruppen. Sie duzt ihre Leser, bleibt immer in einer relativ lockeren Umgangssprache und hält mit ihrer eigenen Meinung  nicht hinter den Berg – das mag man, oder man mag es nicht. Auf jeden Fall ist das Buch ein starker Ratgeber:  Man kann wahllos ein Kapitel aufschlagen und ist immer direkt an einer wichtigen Stelle. Und die Gedanken zur Selbstbetrachtung kann man nicht oft genug lesen, getreu dem Motto: „Wer sich nicht selbst helfen will, dem kann niemand helfen“ (Pestalozzi).

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In diesem Blog gibt es verschiedene Geschichten über erlebte narzisstische Beziehungen. Sie finden sie unter dem Stichwort „Männer – Frauen“

Ein Narzisst erklärt:“Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen“

Folgende Geschichte hat ein Mann in einer Selbsthilfegruppe für Opfer von Narzissten erzählt. Ich habe seine Erlaubnis, den Text zu veröffentlichen und tue das hiermit in leicht gekürzter Form.

„Hier geht es rein um meine Meinung, meine Sichtweise, meine Erfahrung. Ich erhebe nicht den Anspruch darauf, dass ich für andere Narzissten sprechen kann. Meine Störung ist diagnostiziert und von verschiedenen Stellen abgesichert, und trotzdem passe ich nicht in jeden Schublade, die bei solchen Diagnosen gerne zur Einstufung dienen.

Zunächst möchte ich mal eine Verallgemeinerung relativieren, denn Narzissmus hat wenig mit Selbstverliebtheit zu tun, vielmehr mit einem dauerhaften Selbsthass,  ausgelöst durch dauerhafte Selbstzweifel. Nur die regelmäßige Fütterung mit Anerkennung schafft es, die Zweifel und den Hass auf sich selbst so sehr zu senken, dass man nicht elendig zu Grunde geht. Die Jagd nach Anerkennung raubt dabei beinahe jegliche Kraft und Zeit und lässt Dinge tun, die weit jenseits jeglicher Achtsamkeit und Selbstfürsorge liegen.  Leider hinterlässt ein Narzisst dabei oft eine emotionale Spur der Verwüstung; bei sich selbst, wie auch in seinem Umfeld.

Wie viele andere auch, habe ich natürlich auch mal geschaut, was Wikipedia zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung sagt und ich war entsetzt. Einem Narzissten die Fähigkeit zur Empathie abzusprechen, ist nämlich schlicht totaler Unsinn. Es gibt Narzissten die durch gesteigerte Empathie nur noch mehr Baustellen zu bewältigen haben, denn auch der Druck helfen zu wollen und Anerkennung als guter Mensch zu erhalten,  kann  an die Grenzen der Lebensfähigkeit treiben. Ich strebte mein bisheriges Leben lang danach, „gut genug zu sein“. Gut genug für Andere, gut genug für etwas Anerkennung. Und da ich teilweise tiefen fast schon lähmenden Schmerz empfinde, wenn ich das Leid anderer wahrnehme, wehre ich mich massiv gegen die Aussage, es gehe mir nur um die Anerkennung.  Nein, meine Empathie ist echt.

Obwohl sich meine narzisstische Persönlichkeitsstörung, sowie meine bipolare Störung (macht es noch etwas komplizierter und erklärt vielleicht manche Abweichung vom landläufigen Bild) schon früh in der Kindheit manifestiert haben, waren die Auswirkungen und negativen Konsequenzen für mich erst recht spät spürbar, und es brauchte einige Schicksalsschläge und eine tiefe Depression, bis meine Überlebensstrategien  ihre Wirksamkeit verloren.

Der Verlust meines eigenen Unternehmens und der damit traurig verknüpfte Verlust meiner langjährigen Partnerin (ja ohne Geld, Macht und Status war ich nicht mehr gut genug) und später dann ein Déjà-vu, als ich einen guten Job und die nächste Partnerin verlor (sie war wenigstens so ehrlich und sagte mir, „was will ich denn dann noch mit dir“), führten zu einer kompletten Abschneidung von jeglicher Anerkennung. Meine Hobbies konnte ich mir nicht mehr leisten, ein Arbeitsumfeld gab es nicht mehr, Familie und Partnerin waren weg, einige Freunde distanzierten sich von mir, und von anderen zog ich mich aus Scham zurück, denn ich fühlte mich nicht wertvoll genug, noch Freunde zu haben. Todesfälle in der Familie verstärkten die Isolation.  Entwertet und vom Selbsthass getrieben, nahm ich einen Suizidversuch vor. Ich erhängte mich in einer Kurzschlussaktion irgendwo im Wald, an einem planlos gewählten Ort, mit einem ungeeigneten Abschleppseil, an einem zu schwachen Ast…  Dieser brach, und ich erwachte nach einer längeren Phase der Ohnmacht auf nassem, schlammigen Waldboden.

Dies brachte noch nicht die Wende. Obwohl ich mich vor mir selbst erschrocken hatte, bedurfte es eines „kleinen“ Wunders, bis ich mir Hilfe holte. Meine kleine Tochter wurde geboren, außerhalb einer Beziehung und ein wahres „One Hit Wonder“, denn sie war das Resultat eines kurzen Versuchs eine Beziehung aufzubauen, der leider scheiterte. Trotzdem führte dieses neue kleine Leben dazu, dass ich meines nicht mehr aufgeben konnte, denn in meiner Familie musste ich selbst erleben, was es bedeutet, wenn ein geliebter Mensch freiwillig viel zu jung geht und seine kleinen Kinder einfach zurücklässt. Das konnte ich mit meiner Moral nicht vereinbaren und meiner Tochter nicht antun und so lebte ich zunächst für meine kleine Tochter weiter, auch wenn ich selbst nicht mehr leben wollte und jeden Tag als Qual empfand.

Als sich in mir der Entschluss manifestierte, wieder leben zu wollen anstatt leben zu müssen, denn das war auf Dauer nicht aushaltbar, holte ich mir Hilfe und ließ mich behandeln. Umfassende Klinikaufenthalte, therapeutische Betreuung, Analyse und Reflektion halfen mir, meine Störungen zu verstehen. Ich habe den Kampf noch nicht gewonnen, aber genug Kraft um weiter zu machen.

Das ist alles vorher passiert:

Einfach nur an etwas teilzunehmen, mitzumachen oder mit dem Strom zu schwimmen, war mir  nie genug. Ich gab alles, um eine Sonderrolle zu spielen, oder die Führung zu übernehmen oder wenigstens um einen gesonderten Ruf zu genießen. Gut war nie gut genug, entweder ich war in etwas sehr gut bis überragend oder ich hab es gemieden.  Alles musste extrem und exzessiv sein.  Das kostete Kraft und nahm mir irgendwann jede Freude an jeglicher Sache oder Handlung. Es ging nur noch um das Streben nach Anerkennung, Sieg, Ruhm und darum etwas besonderes zu sein.

Schul-/Ausbildung:

Da ich vor nichts mehr Angst habe, als zu scheitern oder nicht anerkannt zu werden, denn als Narzisst bezieht man die fehlende Anerkennung nicht etwa auf  ein spezielles Scheitern, sondern immer auf sich als Person, wählte ich nie die Ausbildungswege, die mich gereizt oder gefordert hätten, sondern immer die Wege, in denen die Chancen am besten waren, wirklich herausragend abzuschneiden. Nie hätte ich eine Schule besucht, in der ich nicht hätte Klassenbester sein können und niemals hätte ich eine Ausbildung angefangen, in der ich durch meine Leistungen nicht für Aufsehen hätte sorgen können.

Fahrzeugwahl oder Gebrauchsgegenstände:

Wenn alle ein I-Phone oder alle einen Golf fahren wollten, dann wollte ich, nein MUSSTE ich mich abheben. Ich musste besser sein oder zumindest auf extreme Weise anders. Zu Zeiten, als mein Unternehmen sehr gut lief und ich mir eigentlich fast jedes halbwegs bezahlbare Fahrzeug leisten konnte, hätte  ich mir  einen dicken Audi oder einen sehr gut motorisierten BMW oder Mercedes kaufen können. Aber  ich musste anders sein, ich musste einen Mini mit annähernd 300 PS fahren, denn da war mir mehr Anerkennung sicher.

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Arbeit:

Es reichte mir nicht, einfach nur einen guten Job zu machen, ich wollte besser sein, ich wollte Anerkennung, ich brauchte Anerkennung, in der Selbstständigkeit von den Kunden oder in Form von Zahlen und im Angestellten-Verhältnis dann von Vorgesetzten. Nur das erfolgreiche Unterordnen als Narzisst ist schon wieder fast hoffnungslos. Daran scheiterte ich zuletzt. Als ehemaliger Unternehmer kannte ich Wege und hatte sowieso schon sehr sehr hohe Ansprüche an mich und meine Mitarbeiter.  Später dann konnte ich meine Vorstellungen nicht umsetzen, was dazu führte, dass ich meinem Arbeitgeber schlicht zu anstrengend wurde.  Ja da hab ich, durch Narzissmus getrieben, schrecklich versagt. Ich wollte mehr Überstunden machen, ich wollte bei den Mitarbeitern beliebt sein und sie entlasten. Für die Anerkennung meiner Auszubildenden stritt ich mich mit dem Eigentümer des Unternehmens und so weiter.

In meiner Selbstständigkeit war ich erst zufrieden, wenn ich so verdammt nah an der Perfektion war, dass mein Laden immer aussah wie bei einer Neueröffnung. Dafür arbeitete ich 80 bis 120 Stunden, 6 meist 7 Tage die Woche, 11 Jahre ohne einen Tag Urlaub. In einer kurzen Phase als Angestellter bei einem großen Warenhaus häufte ich in nur 9 Monaten 970 Überstunden an, um alle Ziele zu erreichen. Wenn ein nicht gestörter Mensch eine Aufgabe eine Zielvorgabe bekommt, die er nicht erreichen kann, dann findet er Wege damit klar zu kommen. Ich als Narzisst hätte mit einem Scheitern nicht leben können, also gab ich alles:  Ich verzichtete auf Schlaf, ich ging weit über jede normale Grenze und wenn ich die Ziele dann doch irgendwie erreichte, legte ich selbst die Messlatte noch etwas höher, damit die Anerkennung nicht abriss.

Ausbildertätigkeit:

Ich suchte nie Auszubildende, die wirklich gut geeignet waren, sondern ich versuchte, fast hoffnungslosen Fällen die Ausbildung doch zu ermöglichen. Ich wollte die Anerkennung dafür, dass ich diesen Menschen helfen konnte. Damit lud ich mir mehr emotionalen Druck und so viel zusätzliche Arbeit auf, dass es mich fast innerlich zerriss.  Ich brachte Auszubildende durch die Verkäuferausbildung, mit denen ich in meinen Mittagspausen (die ich immer mit irgendwas füllte, nur nicht mit Ruhe) lesen übte, in Grundschullesebüchern der 2. und 3. Klasse. Ich war so stolz, wenn sie es irgendwie schafften, nur was ich dafür alles vernachlässigte sah ich nicht. Ich war dauergestresst, kaum für Familie da und an mich und mein Wohlbefinden dachte ich nie, nur an den nächsten Anerkennungsschub.

Beziehungen:

Fakt ist, ich hatte sehr viele Beziehungen, und an jedem Verlust, an jedem Scheitern litt ich sehr. Vielleicht bin ich beziehungsunfähig, weil mir das Schicksal die ein große Liebe versagte, da ihre Familie (sie war Türkin) mich nicht akzeptierte und ich sie dann aufgeben musste, nachdem ihr Leib und Leben auf schlimmste Art und Weise bedroht wurde. Vielleicht bin ich danach auch gescheitert, weil ich falsche Prioritäten gesetzt hatte und weil mein Tag auch nur 24 Stunden hat. Jedenfalls konnte ich oft nicht meinen Perfektionismus im Job und in der Beziehung unter einen Hut bringen und spätestens  wenn das Genörgel los ging, die Kritik und Unzufriedenheit immer größer wurden, gab ich auf und entzog mich. Entweder ich war gut genug und bekam Anerkennung oder zumindest Verständnis, oder ich wurde immer kälter. Ja in dieser Phase war ich manchmal kalt und ein Arschloch und manches, worum ich hätte kämpfen sollen, warf ich achtlos weg. Ich bereue das sehr, doch damals wusste ich keine anderen Wege damit umzugehen.

Als ich erkannte, dass ich in meiner Situation mit der Belastung der Selbstständigkeit eh kaum eine echte Beziehung führen konnte, ich aber trotzdem hungrig nach Anerkennung durch Partnerschaft war, sprang ich von einem Abenteuer und Versuch zum nächsten. Hier wählte ich meine Partnerinnen irgendwann gar nicht mehr danach, ob sie mir gefielen oder gut taten, ich wählte danach wie viel Aufsehen sie erregten an meiner Seite, was mir ja auch wieder Anerkennung verschaffte. Ja, kranker Mist, für den ich mich echt schäme. Zum Beispiel gab es eine wundervolle Frau, die selbst 192 cm groß ist und damit meine 170 cm bei weitem überragte. Ich liebte es, wenn die Leute sich daran ergötzten, denn ich stand im Mittelpunkt.  Ich habe wundervolle Menschen ausgenutzt, statt mich ihren wirklichen Werten zu widmen, sie anzuerkennen und zu lieben.

Irgendwann verliebte ich mich wirklich, was ich später sehr bereute, denn sie war mindestens so narzisstisch wie ich und dazu noch kälter, berechnender und manipulativer. Vielleicht hab ich es auch nicht anders verdient, denn auch hier waren meine Motive wohl zunächst andere, denn jetzt suchte ich mir ausnahmslos Frauen, die irgendwie in Not schienen. Alleine mit Kindern, selbst geplagt von psychischen Störungen und Erkrankungen, Drogenprobleme etc. Ich wollte helfen und erhoffte mir etwas Anerkennung und Dankbarkeit. Dumm nur, dass ich mich wirklich verliebte und an Beziehungen festhielt, die mir nicht gut taten, da ich zum Beispiel auch die mitgebrachten Kinder zu sehr ins Herz geschlossen hatte.  Da gab ich gab alles was ich hatte und noch mehr, ich ging über jede Belastungsgrenze, die Grenze meiner finanziellen Mittel eingeschlossen, nur um gut genug zu sein. Doch als meine Kraft am Ende und mein Konto leer war, wurde ich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Ein normaler gesunder Mensch hätte den Stecker vorher gezogen. Ich habe aus Angst nicht mehr anerkannt zu werden alles laufen lassen… viel zu lange. Und glaubt mir, ich schäme mich für meine Fehler.

Narzissmus bedeutet aber nicht, dass man innerhalb von Beziehungen nur an sich selbst denkt, im Gegenteil, oft übertreibt man beim Versuch, besonders gut für den anderen zu sein. Das Streben ein perfekter Partner zu sein, kann einen dabei auch komplett auffressen. Geschenke müssen immer wahnsinnig toll und übertrieben sein, damit die Anerkennung groß genug ist, Gemeinsame verbrachte Zeit, unterliegt immer Erfolgsdruck. Ich war ständig auf der Suche, neue Vorlieben zu entdecken, Wünsche zu erahnen oder irgendetwas zu finden, womit ich glänzen konnte.

Sexualität:

Eventuell gehe ich damit zu weit oder mache mich zur Zielscheibe von Spott und Verurteilung. Aber ich will ehrlich sein und es ist nun mal ein wichtiger Bestandteil von Beziehungen und Leben.  Anerkennung meiner Leistungen waren mein Treibstoff, ohne extremen Zuspruch fühlte ich mich leer und als Versager. Ich bin nicht gesegnet mit dem Aussehen eines männlichen Supermodels, ich bin einfach ein eher kleiner, kräftiger Typ, der sich Anerkennung nicht über oberflächliche Komplimente sichern konnte. So wurde Sex für mich zum Job, ich wurde zum Callboy innerhalb von Beziehungen; meine Bezahlung war Anerkennung. Meine eigene Lust und Befriedigung verlor ich komplett aus den Augen, denn ich stand unter extremen Erfolgsdruck. Sex wurde zu einem professionell durchgezogenen Akt, Gefühle starben in mir und ich wurde zu einem Schauspieler. Bevor die Frage aufkommt: Nein keine der Damen wurde stutzig – und nur weil ein Mann einen Erguss hat, hatte er noch lange keinen Orgasmus. Trotzdem steht natürlich außer Frage, dass es mich und später dann auch die Partnerin belastete, wenn ich den Druck nicht mehr aushielt, immer kälter und irgendwann distanzierter wurde.

Ich habe mich immer wieder gefangen, immer wieder meine Rolle gespielt und wirklich übermäßig viel Sex gehabt, aber es war dann selbst in der Beziehung nur Sex, von Lieben konnte keine Rede sein. Ich habe den Sex studiert, in Theorie (Bücher etc. und Praxis), die Anatomie, die Praktiken, Stellungen, die Frauen gelesen und analysiert, ich arbeitete immerzu an mir und so wurde es zum Job. Wenn ich es nicht schaffte, sie zu befriedigen ging meine Welt unter. Viele Männer leiden unter so etwas, aber ich als hatte solch große Versagensangst, dass ich, als ich jünger war, wirklich Angst vorm Sex hatte. Später wuchs die Selbstsicherheit.  So wurde Sex für mich immer mehr zum Werkzeug,  um mir Anerkennung zu verschaffen, doch meine eigene Lust blieb auf der Strecke und ich litt darunter.

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Umgang mit meiner Gesundheit und meinem Körper:

Hier hab ich alles durch, was Aufmerksamkeit und Anerkennung bringt: So war ich ein 130 kg schweres Muskelmonster, und als das niemanden mehr juckte und ich nur einer von vielen Hobbit-Hulkmischlingen war, nahm ich innerhalb von 7 Monaten von 130 auf 63 Kilo ab, nur um dafür Anerkennung zu bekommen. Alles was extrem war und Aufsehen erregte nutze ich, ich fraß bei Wettessen wie ein Schwein, ich machte die schlimmsten ungesündesten extremsten Diäten und mein Körper wurde allerhand Schandtaten  unterzogen, nur um irgendwas an Anerkennung zu bekommen.

Sport:

Wenn ich nicht sehr gut war, machte ich es nicht. Als ich merkte, ich werde nie ein großer Fußballer, wurde ich wenigstens der härteste, um mir damit einen Ruf zu sichern. Als ich merkte, dass ich damit natürlich nicht weit kam, wechselte ich zum Rugby, Hauptsache anders – und ich hab es geliebt. Ich boxte und war extrem, erst als ich jemanden bei einem Amateurkampf schwer verletzte (ist fast 18 Jahre her) und meine Familie mich bat aufzuhören und mich daran erinnerte, dass ich nicht damit leben könnte, wenn ich da bei jemandem schweren Schaden anrichte, ließ ich es sein.

Alltägliches:

Kochen für Anerkennung, nicht für gesunde Ernährung, extreme Gartenprojekte, Feste die etwas besonderes sein mussten. So baute ich einmal einen Spezialgrill, nur um an meinem 30. Geburtstag einen ganzen 180 kg schweren Vogel Strauß am Stück zu grillen und ich badete in der Anerkennung der 150 Gäste, die mich für die abgefahrene Aktion lobten. Doch Freunde waren keine oder kaum welche da, denn echte Freunde hatte ich nicht. Echte Freunde sagen einem offen und ehrlich die Wahrheit. Meine Kritikfähigkeit ging gegen 0, auf Kritik reagierte ich mit sofortigem Rückzug oder scharfen Gegenangriffen. Ich konnte nie differenzieren, ob eine Kritik einer Tat oder Sache galt oder mir als Person. Jede Form von Kritik hat mich getroffen, wie eine Panzerabwehrgranate, und so verbannte ich die besten und ehrlichsten Menschen aus meinem Leben und umgab mich mit  Speichelleckern.

Ja es gibt keinen einzigen Lebensbereich, in dem Narzissmus einen nicht zu selbstzerstörerischen Handlungen treibt.

Ich werde dieses Störungsbild für immer in mir tragen, wie ein Alkoholiker seine Sucht. Aber so wie ein Alkoholiker jahrelang trocken sein kann vom Alkohol, so kann ich mich so gut es geht von der Sucht nach Anerkennung distanzieren. Das bedeutet jeden Tag harte Arbeit, jeden Tag gegen sich selbst zu gehen, dem Alltag mit viel Struktur und Disziplin zu begegnen. Es bedeutet, Muster zu durchbrechen,  sich Kritik zu stellen, Dinge zu tun, in denen man schlecht ist und mit denen es einem erstmal schlecht geht, sich mit Leuten umgeben die ehrlich sind und es aushalten. Es geht darum, die Belastungsgrenze durch Selbstzweifel zu steigern und die Entzugserscheinungen bei fehlender Anerkennung zu ertragen. Der Kopf begreift manches lange bevor es sich in der Gefühlswelt etabliert hat. So muss ich Tag für Tag damit leben, dass ich Dinge tue, die mein Kopf mir erlaubt, die mein Herz aber nicht will. Wenn ich meinem Herzen folge,  renne ich grinsend in mein Verderben und reiße andere Menschen mit. Erst wenn ich meinem Herzen wieder trauen kann, ob es wirklich fühlt, dass etwas gut ist oder ob es doch nur wieder den narzisstischen Trieben folgt, kann mein Kopf etwas entspannen und ich meinem Herzen wieder folgen.

Familiärer Hintergrund

Als Kind von zwei Alkoholikern wurde in mir Urvertrauen nie ausgebildet. Gewalt und Gleichgültigkeit standen an der Tagesordnung. In der Scheidungsphase musste ich mit 8 Jahren viel zu jung Verantwortung für meine kleinen Schwestern übernehmen und so reifte ich wie ein holländische Tomate, sehr schnell zu einem offensichtlich sehr früh reifen Ergebnis, aber die wichtigsten Inhalte fehlten. Kritik an mir wurde nie geübt, denn meine Mutter war mehr mit sich und ihrer Suchtbekämpfung beschäftigt oder bei der Arbeit. Anerkennung musste ich mir immer irgendwo suchen.

Ich hoffe, ich konnte Euch einen kleinen Einblick in die Sichtweise eines Narzissten geben. Bitte vergesst nicht: Es ist eine ernste Störung die viel zu oft im (Frei-)Tode endet, weil der Narzisst darunter mindestens so sehr leidet wie sein Umfeld. Im Gegensatz zu diesem muss er eingesperrt mit seinem kranken Geist in seinem Körper leben.

Jedem von Euch, der unter einem narzisstischen Partner leidet, kann ich nur den Rat geben: Wenn er oder sie sich nicht helfen lässt, dann geht, seid es Euch selbst wert. Seid hart, ehrlich und offen, wenn sie oder er Euch schaden. Seid aber auch verständnisvoll und geduldig, wenn es eure Kraft und Liebe zulässt und Besserung in Sicht ist – aber NUR dann…“

Siehe auch:

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst

Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Herz, ich verlasse dich…