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Covid 19-Pandemie: Wird die Menschheit die Botschaft verstehen?

Viren (Singular: das Virus, außerhalb der Fachsprache auch der Virus, von lateinisch virus‚ natürliche zähe Feuchtigkeit, Schleim, Saft, Gift‘) sind infektiöse organische Strukturen, die sich als Virionen außerhalb von Zellen (extrazellulär) durch Übertragung verbreiten, aber als Viren nur innerhalb einer geeigneten Wirtszelle (intrazellulär) vermehren können. Sie selbst bestehen nicht aus einer oder mehreren Zellen. Alle Viren enthalten das Programm zu ihrer Vermehrung und Ausbreitung (einige Viren auch weitere Hilfskomponenten), besitzen aber weder eine eigenständige Replikation, noch einen eigenen Stoffwechsel und sind deshalb auf den Stoffwechsel einer Wirtszelle angewiesen. Daher sind sich Virologen weitgehend darüber einig, Viren nicht zu den Lebewesen zu rechnen – sagt Wikipedia.

Ein Virus ist also ein Etwas – eine Struktur – die etwas Lebendes benötigt, um sich zu vermehren. Ein Etwas, das so archaisch ist, wie der Staub, aus dem die Menschen entstanden. Wenn das archaische Etwas sich vermehrt, tut es das auf Kosten anderer, komplexerer Strukturen, zum Beispiel der Lungen von Menschen. Damit kann so ein Virus Tausende, vielleicht sogar Millionen von Menschen töten.

Unglaublich, oder?

Was will uns Mutter Erde wohl sagen, indem es uns so ein archaisches Etwas schickt, das uns in aller Deutlichkeit klar macht, wie verletzlich, wie leicht auszurotten wir sind?

Diese Frage treibt mich nun seit einigen Wochen um – seit das neue Coronavirus Covid 19 unser aller Leben, das wir bisher als so selbstverständlich betrachtet haben, völlig auf den Kopf gestellt hat.

Menschenrechte werden außer Kraft gesetzt, indem Ausgangssperren verhängt, Gruppen von mehr als zwei Personen verboten, Reisen auch nur in Nachbarländer unmöglich geworden sind. Offline einzukaufen ist auf den täglichen Bedarf an Nahrungsmitteln und Kosmetika begrenzt, die Weltwirtschaft bricht von oben nach unten in Windeseile ein. Erstes Warnzeichen war die Panik der Märkte – inzwischen bangen Einzelhändler, kleine Selbstständige und Arbeitnehmer mit unzureichendem Kurzarbeitergeld um ihre Existenz.

Und die Menschen sterben wie die Fliegen. Vor allem dort, wo nicht schnell genug Kontaktverbote eingehalten wurden und das Gesundheitssystem nicht im Top-Zustand ist. Covid 19 verbreitet sich über Tröpfchen. Und über Oberflächen. Vielleicht auch über die Luft. So genau hat man das alles noch nicht herausgefunden. Es wird drei Viertel der Menschheit befallen, mindestens. Wie schnell das geschieht, ist inzwischen zur Überlebensfrage geworden. Denn das Virus, dieses archaische Etwas, wandert in die Lunge, wo in der Folge eine Fibrose entsteht, an der überdurchschnittlich viele Menschen sterben werden – vor allem dann, wenn sie nicht rechtzeitig an ein Beatmungsgerät kommen. Genügend Beatmungsgeräte für die zu erwartende Vielzahl von Kranken gibt es nicht – und so sehen wir gerade eine Vielzahl von Toten. Zunächst in China, jetzt in Italien und Spanien, als nächstes vermutlich in den USA – und auch bei uns? Man wird sehen.

Eine kurze Chronik der bisherigen Ereignisse: Ende Dezember gab es die ersten Erkrankten in Wuhan/China. Man vermutet den Ursprung des Virus auf einem Tiermarkt, möglicherweise in Fledermäusen, vielleicht auch im seltenen Gürteltier Pangolin, beides Spezialitäten im Land der Mitte. Man vermutet es – aber man weiß es nicht.

Neun Tage vor der WHO warnte am 31. Dezember 2019 der Algorithmus des kanadischen Seuchenspezialisten Bluedot vor einem massiven Virus-Ausbruch in Wuhan. Im Verlauf der Januars stieg die Zahl der Erkrankten dort bedrohlich. Ein junger chinesischer Arzt, der den neuen Virus öffentlich machte, wurde verhaftet. Wenige Wochen später starb er daran – nun ist er plötzlich ein chinesischer Volksheld. Ein paar Tage später das Gleiche in Kurdistan: Ein Mann, der aus dem Iran zurück kam, berichtete von dem Virus. Man zwang ihn, seine Aussage öffentlich zurück zu nehmen und sperrte ihn ein. Inzwischen hat Iran öffentlich die Weltgemeinschaft um Hilfe im Kampf gegen Covid 19 gebeten.

In kürzester Zeit lernte die Welt, was eine exponentielle Kurve ist: Schon Mitte Februar zählte China über 70 000 Infektionen und 1900 Tote. Massive Auswirkungen auf die Wirtschaft zeichneten sich ab: Der chinesische Einkaufsmanager-Index des verarbeitenden Gewerbes für den Monat Februar 2020 sank um 14,3 Prozentpunkte im Vergleich zum Vormonat. Wuhan baute im Eiltempo Not-Krankenhäuser. Da war der Virus schon unterwegs um die Erde.

Im TV sieht man die ersten Fotos von leeren Supermarkt-Regalen. Trotzdem heißt es in einem Marktkommentar zum Februar noch: „Das Corona-Virus sehen wir als Auslöser einer Marktkorrektur, aber nicht mehr. Die Konjunktur läuft weiter rund und wir setzen auf eine Mischung aus Wachstums- und Value-Werten.“

Die nachfolgenden Meldungen haben teilweise nur noch eine Halbwertszeit von Tagen, ja Stunden.

Das Großmanöver „Defender Europe 20“ endet vorzeitig. Nach bisherigen Planungen sollten insgesamt 20.000 Soldaten über den Atlantik geschickt werden. Insgesamt waren 37.000 Teilnehmer vorgesehen, bis zu 5500 amerikanische Soldaten sind über Deutschland eingereist. Dann werden die Schiffe auf dem Weg nach Deutschland umgelenkt. Auch von deutscher Seite sind „alle aktiven Übungsanteile“ abgesagt. Abgesagt werden jetzt auch reihenweise Großveranstaltungen. Die Leipziger Buchmesse, der Autosalon in der Schweiz sollen nur Beispiele sein.

Am 26. Februar heißt es aus dem Corona-Krisenstab im Weißen Haus: „Let’s pray against the #coronavirus„. Da hat die WHO einen Test zur Erkennung bereit, den die USA aber nicht nutzen wollen. Dort soll ein eigener Test entwickelt werden. Fatalerweise schleicht sich ein Fehler ein, den zu korrigieren Wochen dauert. So beginnt die größte Volkswirtschaft der Welt um Wochen zu spät damit, ihre Einwohner zu testen. Viel beten hilft viel, denkt der Präsident – und ruft den 15. März zum nationalen Gebetstag aus. Das ist der Tag, an dem der französische Präsident Macron eine dramatische Rede an die Nation hält: „Wir sind im Krieg. Im Krieg gegen einen unsichtbaren Feind, der sich unter uns verbreitet.“

Am 16. März gibt es in Deutschland 4838 morgens bestätigte Corona-Fälle, abends sind es 6000. Bayern ruft den Notstand aus. In ganz Deutschland werden die Schulen für zwei Wochen bis zum Beginn der Osterferien geschlossen. Die Bevölkerung wird aufgerufen, zuhause zu bleiben. „Flatten the curve – die Kurve abflachen“ wird zum Schlachtruf. Spanien schottet das Land ab. Der Fußball muss einigen Geisterspielen, ganz pausieren. Die EM wird wenig später abgesagt, die olympischen Spiele, die im Sommer in Japan stattfinden sollen, geraten in Gefahr. Die Bundesregierung rät von Auslandsreisen ab, empfiehlt, Geschäfte, die nicht für den täglichen Bedarf benötigt werden, zu schließen und sagt der Wirtschaft unbegrenzte Hilfe zu. Das Epizentrum des Covid 19-Befalls etabliert sich in Europa. Die Pandemie ist da.

Und die Weltwirtschaft begibt sich in den Sturzflug. Nach Opel schließen BMW und Mercedes ihre Werke in Europa. Weil die Lieferketten nicht mehr funktionieren, weil der Absatz stagniert, weil die Zahl der Neuinfektionen gesenkt werden muss. Die Airlines sagen massenweise Flüge ab, Deutschland holt über 100 000 Reisende aus aller Herren Länder zurück. Im Tourismus regiert die schiere Panik, die Kreuzfahrtindustrie ist tot, Hotellerie und Gastronomie haben keine Gäste mehr. Schlecht besonders für die Mitarbeiter. Wer das Glück hat, statt gefeuert zu werden, Kurzarbeitergeld zu bekommen, bekommt zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Trinkgelder beispielsweise werden ja nicht in den Lohn eingerechnet, der in der Branche traditionell extrem niedrig ist.

Die Welt denkt an die letzte Pandemie: Die spanische Grippe vor rund 100 Jahren, die als schreckliches Ereignis in Erinnerung geblieben ist, konnte sich nur deshalb so stark verbreiten, weil nicht rechtzeitig Kontakte unterbunden wurden. Daraus will man jetzt lernen – wenn es noch nicht zu spät ist. Zwischenmenschliche Kontakte einschränken, um Leben zu retten: Flatten the curve…

Bloomberg titelt: „Wall Street gets blindsided by the coronavirus meltdown: “Most people were like me. They were like, ‘Yeah, whatever, it’s not that big a deal.’”… FED und EZB versuchen zu retten, was zu retten ist. Sie versprechen unbegrenzte Anleihekäufe und fluten die Märkte mit Milliarden. Und dann, mitten im Corona-Chaos, entspinnt sich ein Krieg zwischen der OPEC und Russland um die Öl-Fördermengen. Die OPEC will sie begrenzen, um die Preise hoch zu halten, Russland, das nur 29 Dollar/Barrel zur Rentabilität braucht (Saudi-Arabien: 80 $/B), will amerikanisches Fracking-Öl vom Markt drängen und flutet die Märkte mit Öl. Notgedrungen zieht Saudi-Arabien nach. Der Ölpreis sinkt dramatisch auf teilweise unter 30 $/B – der Diesel-Preis in Europa pendelt sich bei knapp über 1 €/Liter ein. Ein kleiner Lichtblick für die Verbraucher, der aber kaum bemerkt wird: Alle hamstern, was das Zeug hält. In Deutschland Klopapier und Nudeln, in Frankreich Rotwein und Kondome, in den USA Waffen – und mit Verzögerung ebenfalls Klopapier. Psychologen sagen: „Wer für Sauberkeit sorgen kann, hat das Gefühl, die Kontrolle zu behalten“.

Ich brauche auch Klopapier und erstehe mit viel Mühe eine der letzten Packungen. Küchenrolle ist schon mehr als eine Woche aus. Das ist doof, ich habe nur noch eine. Ich kaufe statt dessen billige Servietten – was für ein Luxus-Problem. Nudeln, Mehl, überhaupt Grundnahrungsmittel, habe ich immer gut bevorratet. Hamstern überflüssig. Gott sei Dank. Hoffentlich fällt der Strom nicht aus. Dann würden alle Vorräte in der Truhe vergammeln. Ich informiere mich über Stromerzeuger. Die benötigte Größe würde ca. 1800 € kosten. Zu teuer. Das Risiko muss ich eingehen. Aber ich habe ja auch eine Menge Konserven – es lebe die Eichhörnchen-Mentalität, die ich seit meiner Hungerzeit in der Ausbildung über 45 Jahre lang bewahrt habe. Desinfektionsmittel für Wasser muss ich noch besorgen – falls die Wasserversorgung ausfällt, reicht das Trinkwasser höchstens für zehn Tage. Im nahen Flüsschen ist genug Wasser. Ich bin milchallergisch – Milchprodukte werden mir nicht fehlen. Frisches Obst dafür sehr. Also noch schnell eine Ladung Obstkonserven heim holen – die teuren, weil die billigen ausverkauft sind. Möglichkeiten zum Kochen und Heizen sind mehrfach vorhanden – der Krieg kann kommen…

Das medizinische Material wird weltweit knapp. Die deutsche Regierung, die normalerweise mit sowas nichts zu tun hat, bestellt unter anderem 10 000 Beatmungsgeräte. Es gibt zu wenig Atemmasken. Die zahlreichen Gruppen von Hobbynäherinnen in Facebook haben nur ein Thema: Atemmasken nähen. Es gibt wilde Debatten darüber, was wie viel schützt. Ein leitender Oberarzt eines Görlitzer Klinikums stellt eine Anleitung ins Netz, wie man sich aus Laminierfolie mit Hilfe einer Schere, eines Tackers, etwas Gummi und Isolierschaum ein Klarsicht-Schutzschild bauen kann. „In den 80er Jahren hatten wir Baumwoll-Masken“ sagt mir ein Anästhesist, „die wurden dann immer ausgekocht.“ Und: „Wenig hilft mehr als gar nichts.“ Ich studiere Schnittmuster und beschließe, ebenfalls Masken zu nähen. Solche, die man auskochen kann und mit denen man noch atmen kann – ich kann auch ohne Corona nie gut atmen…

Die dritte Märzwoche wird sonnig und frühlingshaft warm. Europas Menschen – allen voran die Jugend – zieht es ins Freie. Menschenmassen picknicken in Parks, besonders in den Großstädten, und missachten den Aufruf, genügend Abstand voneinander zu halten. Schreckliche Meldungen aus Nord-Italien berichten von Militär-Transportkolonnen, die Särge in weiter entfernte Krematorien bringen und von Ärzten, die entscheiden müssen, wer eine lebensrettende Beatmung bekommt und wer nicht. 600 Tote an einem Tag. Ähnlich sieht es in Madrid aus. Einigen Regierungen wird es zu bunt. Am Ende der Woche sprechen Bayern und das Saarland eine Ausgangssperre aus. Am Wochenende telefonieren sich die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten zusammen. Jetzt gilt: Rausgehen darf nur noch, wer arbeiten will oder einkaufen muss. Spazieren gehen und Sport im Freien sind erlaubt, aber maximal in Zweiergruppen. Überall sonst ist ein Abstand von 1,5 Metern zwischen Menschen einzuhalten.

In den Supermärkten sind jetzt Plexiglasscheiben vor den Kassen und Abstandshalter für die Kunden. Das macht die Schlangen sehr lang. Jetzt endlich müssen auch Friseure, Tattoo- und Nagel-Studios schließen, ebenso Restaurants und Straßencafés – mit Ausnahme von Lieferservice. Nur in den verbleibenden Inlandsflügen sitzen noch zwei Menschen auf weniger als zwei Metern Breite und drängen sich in Zubringerbussen. Das öffentliche Bewusstsein für Abstand wächst: „Social distancing“ ist das neue Schlagwort. Immer diese Anglizismen.

Die Zahl der Kritiker wächst. Manche finden, die Regierung kann gar nichts – andere regen sich über die extreme Beeinträchtigung der Menschenrechte auf. Merkel hat sich gegen Pneumokokken impfen lassen und dann erfahren, dass der Arzt positiv auf Covid 19 getestet wurde. Jetzt regiert sie von zuhause aus. Im Radio kommen Vorschläge, wie man im Home-Office mit gehorteten Klopapierrollen Sport machen kann. Ich bin gefrustet: Kein Eiscafé, keine Sauna. Tanzen fällt aus, Wassergymnastik auch. Die schönen Mittelalterfeste, auf die ich gehen wollte, sind abgesagt. Jammern auf hohem Niveau: Ich kann jederzeit in meinen großen Garten gehen. Und eigentlich war ich auch vorher meistens zuhause. Aber wenn die Möglichkeiten von oben weggenommen werden, sorgt das für Frust. Am schlimmsten ist, keine Reise planen zu können. Ich habe solche Sehnsucht nach dem Meer.

29 000 Infizierte am Abend des 23. März in Deutschland. Die Zahl der Neuinfektionen scheint leicht zu sinken. Von den bestätigten Fällen sind mindestens 2809 genesen“, sagte RKI-Chef Lothar Wieler. Aber noch keine Entwarnung. In den USA steigen die Zahlen massiv an. Allein in New York sind es jetzt fast 10 000. Auch in Südamerika gibt es jetzt Ausgangssperren. In Spanien steigt bei rund 33 000 Infizierten die Zahl der Toten auf knapp 2200. Im Osten Frankreichs brauchen so viele Kranke Beatmung, dass sie in den Süden ausgeflogen werden. Und in die benachbarten deutschen Bundesländer. Noch haben unsere Krankenhäuser Kapazitäten. Die sind im Alarmzustand. Sie sollen die Hälfte ihrer Intensiv-Kapazitäten räumen für die zu erwartenden Patienten und schulen in Rekordzeit Mitarbeiter in der Bedienung der intensiv-medizinischen Geräte. Der Bund will ihnen für entgangene Einnahmen Tagespauschalen zahlen.

Nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts könnte die Corona-Krise mehr als eine halbe Billion Euro und mehr als eine Million Jobs kosten. Die Bundesregierung hat schon wieder ein „beispielloses Hilfspaket“ geschnürt, diesmal auch für die ganz Kleinen und die Familien. Der Nachtragshaushalt umfasst stattliche 156 Milliarden Euro. Die Helden der Nation sind die Mitarbeiter der Supermärkte. Sie verdienen sehr wenig, arbeiten im Akkord, schlagen sich mit meckernden Hamsterkäufern herum und bleiben überwiegend sehr freundlich. Supermärkte dürfen jetzt sonntags öffnen. Die meisten tun es nicht, um den Mitarbeitern Zeit zum Atmen zu geben. Hut ab. Sonntags einkaufen muss eigentlich auch kein Mensch.

China behauptet, seit einer Woche keine Neuinfektionen mehr zu verzeichnen und inszeniert sich zusammen mit Russland als rettender Helfer mit Ärzten und medizinischem Material für das arme Europa. Donald Trump, der sich seit Ausbruch der Krise als verwirrendster Präsident weltweit präsentiert, hat einen neuen tollen Plan: Nach einem Shutdown von zwei Wochen will er zu Ostern die US-Wirtschaft wieder hoch fahren. Und das, wo in den USA die Infektionszahlen steil in die Höhe schnellen und die Beschäftigten im Gesundheitswesen in voller Panik wegen fehlender Ausrüstung sind. Die gesamte Nachschubkette sei zusammengebrochen, heißt es. In zehn Tagen sei die Grundversorgung am Ende.

Der Dax hat erneut deutlich nachgegeben. Mit einem Verlust von 2,10 Prozent auf 8741,15 Punkte geht er am 23. März ins Ziel. Ebenso bergab geht es in den USA. Ein umfangreiches Notpaket der US-Notenbank Fed ist an den US-Börsen verpufft. Der Dow Jones Industrial verlor im frühen Handel 2,39 Prozent auf 18.715,03 Punkte. Er weitete die Verluste der schwachen Vorwoche aus und fiel auf den tiefsten Stand seit November 2016. Forscher arbeiten weltweit fieberhaft an einem Impfstoff. Die Hoffnung auf einen schnellen Erfolg ist nur bedingt realistisch: Es gibt Viren, die sich seit Jahrzehnten verbreiten, für die immer noch nichts gefunden wurde. Sie sind keine Lebenwesen, leben aber ausgesprochen hartnäckig weiter.

Es gibt Unmengen von Gerüchten: Biowaffe Covid 19, die Todeszahlen in Italien seien so hoch, weil vorher massenweise gegen Meningokokken geimpft worden sei, die Regierungen nutzen die Ausnahmelage, um die Kontrolle über die Menschen dauerhaft zu etablieren, und so fort. Es gibt auch Unmengen kleiner Initiativen der Menschlichkeit, die ungemein rühren: Die Tafeln in Deutschland, die bisher weitestgehend von älteren Ehrenamtlichen betreut wurden, sind geschlossen, weil diese Älteren Hochrisikogruppe sind. Zunehmend übernehmen junge Menschen ehrenamtlich diese Arbeit, damit die Ärmsten weiterhin Nahrungsmittel über die Tafel beziehen können. Es gibt zahlreiche Initiativen für Nachbarschaftshilfe beim Einkaufen. Musiker, die nicht mehr konzertieren können, streamen ihre Darbietungen online, und so fort. Spanier klatschen jeden Abend für ihre Gesundheitsdienste, Italiener singen gemeinsam auf ihren Balkonen. Es gibt Frauen, die im Abendkleid den Müll raustragen – in Quarantäne zu sein, ist nicht automatisch gleichsetzbar mit Jogginganzug und strähnigen Haaren. In den sozialen Netzwerken gibt es Verabredungen zu Massen-Meditationen, Schamanen stimmen sich weltweit ab, um zu bestimmten Uhrzeiten gemeinsam zu trommeln. Die Tagesschau gibt einen Termin heraus, an dem alle Deutschen gemeinsam die Ode an die Freude singen sollen.

In Deutschland ärgern sich viele, die sich gern testen lassen würden und nicht dürfen. Meine Schwester ist schon seit drei Wochen schwer erkältet und krank geschrieben. Einen Covid-Test lehnte der Hausarzt ab. Inzwischen wurde eine Covid 19-Hotline eingerichtet (08009900400), weil die Notrufnummer 112 wegen der vielen Anrufe ständig zusammenbricht. Wer sich in einem der „Abstrichzentren“ in Deutschland testen lassen will, muss zwingend vorher diese Nummer angerufen haben, um sich das ok dafür zu holen. Mit zwei weiteren Nummern kann man einen Arzt für einen Hausbesuch anfordern (116 und 117). Derweil zeigt Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin, der Welt im Video, wie man sich richtig die Hände wäscht.

Einen Tag später erneut schockierende Nachrichten. In Madrid hilft jetzt das Militär dem Gesundheitsdienst. Die Soldaten finden ältere Menschen verlassen in ihren Wohnungen, teilweise schon tot. Im Pentagon ist die Zahl der erkrankten Mitarbeiter seit gestern um 41 auf 174 gestiegen. New York City hat heute morgen schon 23 300 Erkrankte, der Gouverneur des Staates New York, Andrew Cuomo berichtet, dass sich die Zahl alle drei Tage verdoppelt. Im Staat New York zählt man insgesamt mehr als 25 000 Infektionen. Präsident Trump, der im Herbst wiedergewählt werden will, platzt dennoch der Geduldsfaden: „Unsere Menschen wollen wieder arbeiten gehen. Sie werden social distancing und alles andere praktizieren, die Älteren werden sorgfältig und liebevoll überwacht. Es kann nicht sein, dass eine Behandlung schlimmere Auswirkungen hat, als die Krankheit! Der Kongress muss handeln“, twittert er. Unglaublich, wie dieser Mann denkt und handelt.

Der indische Präsident Narendra Modi schlägt vor, die Wirtschaft des Landes für drei Wochen herunter zu fahren, um das Virus unter Kontrolle zu bekommen. Die olympischen Spiele in Japan werden endgültig abgesagt, die Bundesliga soll jetzt mindestens bis zum 30. April ruhen. Die Wall Street erholt sich angesichts der extremen Stabilisierungsbemühungen etwas und stürzt dann wieder ab. Erneut muss der Handel zeitweise ausgesetzt werden. Am Abend ist sie um 11,37 Prozent gestiegen. Die amerikanische Regierung hat ein massives Hilfspaket beschlossen. Ist das die Wende? Was für eine Zerreißprobe für die Trader. In Ischgl/Tirol, von wo aus sich ein Corona-Hotspot über Wochen ungehindert in alle Welt verteilen konnte, weil niemand einschritt, ermittelt jetzt der Staatsanwalt.

Die amerikanische John-Hopkins-Universität sammelt seit Januar in Echtzeit weltweit Zahlen und Daten zu Infektionen und Toten. Hier ist die Karte vom Abend des 24.3.2020:

25. März: Als ich den Baumarkt betrete, räumt gerade eine Mitarbeiterin die wenigen verbleibenden Pakete Klopapier irgendwohin, wo niemand mehr dran kommt. Sie tut, als sieht sie mich nicht. Befremdlich. So wie vieles in diesen Tagen. Dafür sehe ich plötzlich ein Päckchen mit zwei Atemschutzmasken incl. richtigem Luftfilter. Offenbar für Maler. Ich kaufe es: Es kostet stattliche 6,99: mein lieber Herr Gesangverein… Auf der Weiterfahrt Überraschung im Supermarkt: Heute ist eine Lieferung eingetroffen. Es gibt um 18 Uhr noch etwas Klopapier, Papiertaschentücher und sogar Küchenrollen. Der Einkauf ist auf zwei Pakete pro Person begrenzt. Mehr Küchenrolle brauche ich in den nächsten Monaten gewiss nicht – zumal sich bei mir inzwischen eine ganz neue Spar-Mentalität bei Papier breit gemacht hat.

Merkwürdig zu sehen, wie schon seit über einer Woche der riesige Parkplatz vor dem Gebäude fast leer ist. Ganz zu schweigen von diesen leeren, leblosen Innenstädten. Täglich hört man von Kleinunternehmen, die vor dem Ruin stehen. Schlimm. So gut es für die Umwelt ist, dass der Verkehr auf der Straße, den Meeren und der Luft teilweise richtig zum Erliegen gekommen ist: Für die Wirtschaft ist es eine Katastrophe. Ganz direkt betroffen ist der Tourismus.

Deutsche Mediziner sind schockiert von einem Besuch in Straßburg zurückgekehrt. Dort sind derart viele Schwerstkranke, dass entschieden wurde, über 80jährige nicht mehr zu beatmen, sondern ihnen „schnelle Sterbehilfe“ mit Opiaten und Schlafmitteln zu verschaffen. Deutschland müsse vorbereitet sein, wenn es bei uns so weit komme, sagen die Ärzte, und beschließen, ein möglichst gerechtes Konzept zu entwickeln, was zu tun ist, wenn die Beatmungsgeräte nicht ausreichen sollten. In den Medien werden die Fragen lauter, wann denn alles wieder hochgefahren werden kann. Bevor überhaupt irgendwas klar ist, gibt es schon Gemecker über mögliche Ungleichbehandlung. Ich staune: Erst so ein Riesen-Theater, dann, nach gerade mal einer Woche und keinerlei Besserung, wird das Hochfahren diskutiert? Ich habe heute erst von meinem derzeitigen Auftraggeber ein Papier erhalten, das mich legitimiert, in seiner Stadt umher zu fahren. Immer wieder macht sich dieses Gefühl breit, im falschen Film zu sein. Sicher wachen wir bald auf, und alles ist wieder wie vorher…

Schnappatmung bei den Spargelbauern. Das Innenministerium hat die Einreise aller osteuropäischen Erntehelfer verboten. Die schöne, ehrgeizige Julia Glöckner, ihres Zeichens Landwirtschaftsministerin, verweist auf ein neues Job-Portal. Die gerade arbeitslosen Mitarbeiter aus Hotellerie und Gastronomie, wie auch alle anderen, die Arbeit suchen, können sich dort als Erntehelfer verdingen. Sie findet, das sei auch eine gute Idee für die vielen Migranten. Die Landwirte schütteln verzweifelt den Kopf. Was für Träumer sitzen da in der Regierung… Tschechien und Polen schließen ihre Grenzen für deutsche Pendler. Man spricht von tiefer menschlicher Enttäuschung. Jetzt geht in Deutschland die bange Frage um, wer die vielen Pflegebedürftigen versorgen soll, wenn nicht die polnischen Kräfte. Vor lauter Beschäftigung mit uns selbst treten die in den Hintergrund, bei denen das Virus zur Hölle werden kann: Die schutzlosen Menschen in den vielen Flüchtlings- und Migrationslagern.

26.3. Den ganzen Tag über versuchen die G20-Staaten in einer Schalte, einen Kompromiss auszuhandeln, der solidarisch alle EU-Ländern finanziell unterstützen soll. Sehr tief sitzt bereits die Enttäuschung bei vielen Mitgliedsstaaten darüber, dass in den letzten Wochen jedes Land sich selbst der nächste war. Am Abend steht es beinahe fest: Vorsorgliche Kreditlinien des Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM sollen ausgehandelt werden. Die stünden Staaten zur Verfügung, die wegen der enormen Unterstützungspakete für die heimische Wirtschaft in Bedrängnis geraten könnten. Der ESM hat rund 410 Milliarden Euro für Darlehen frei. Dann stellen sich Italien und acht weitere Staaten quer: Sie wollen nicht die vielen Reglementierungen des Rettungsschirms, sondern Coronabonds. Europa steht da wie immer: Ein vielsprachiges Durcheinander vieler verschiedener Interessen. In Deutschland stürmt der Mittelstand die KFW, um die versprochenen Kredite in Anspruch zu nehmen. Die Zeit drängt, der nächste erste steht bevor. Aber ganz so einfach geht der Geldhahn nicht auf: Die Unternehmen müssen nachweisen, dass sie vor der Krise stabil waren – und die Hausbanken wollen das Rest-Haftungsrisiko nicht so einfach übernehmen. Das Geschrei ist groß.

Die Zahl der bestätigten Infektionen in den USA übersteigt jetzt die von China. Die Wall Street verzeichnet die drei besten Tage seit 1933 – dank massivem Hilfspaket der Regierung – und trotz massiv steigender Infektionen. Allein in New York City sind es jetzt 21 873 bestätigte Fälle, in den Vereinigten Staaten insgesamt 82.404. America first…

Weltweit wird inzwischen die Überwachung von Risikogruppen mittels Handytracking diskutiert. Die SPD erklärt sich ausdrücklich dafür. Gesundheitsminister Spahn ebenfalls. Schon jetzt stellen die Mobilfunkanbieter anonymisierte Daten von Handynutzern zur Verfügung, was nun auf die ganze EU ausgeweitet werden soll. Zu verlockend scheinen die Überwachungsmöglichkeiten, die China und Südkorea ermöglicht haben, sehr schnell sehr viele Cluster zu identifizieren. Aber ist das wirklich eine Frage von Gesundheit oder Freiheit? Nein, ist es nicht. Es ist ein Versuch, mehr Überwachung einzuführen, ohne von den verängstigten Bundesbürgern Widerstand fürchten zu müssen. Das werden wir nie wieder los – und lernen daher je schneller, desto besser, das Handy zuhause zu lassen.

Die Angst in Deutschland nimmt zu. Ich war heute bei einem vor Monaten vereinbarten Vorsorgecheck beim Hautarzt und weiß seitdem, wie sich Aussätzige fühlen. In der Praxis regierte die nackte Paranoia. An der Anmeldung wurden mir von der Arzthelferin zwangsweise die Hände desinfiziert. Ihr Blick sagte: „Du bist schmutzig, halte dich fern“… Im Wartezimmer Patienten mit Gummihandschuhen und Masken, so weit wie möglich auseinander sitzend, die jeden Neuankömmling musterten, als sei er die personifizierte Lebensgefahr. Als ich mich bei der Untersuchung umdrehe, streift mein Ellenbogen versehentlich die Hand des Arztes. Sofort rennt der zum Desinfektionsmittel, um seinen gesamten Unterarm abzureiben. Ich will eine Warze entfernen lassen und bekomme zur Antwort: „Kommen Sie wieder, wenn die Krise vorbei ist. Ich setze mich doch jetzt nicht einer solchen Gefahr aus“….

Weltweit gibt es jetzt über eine halbe Million bestätigter Infizierter. Die Dunkelziffer ist nach wie vor hoch. Bei uns sind es laut Johns Hopkins Universität um 23 Uhr 43.646  Infizierte. Deutschland nimmt 47 Patienten aus Italien auf. Dort scheint die Kurve im Norden etwas langsamer anzusteigen, dafür steigt sie jetzt im Süden schnell. Insgesamt sind in Italien jetzt 80.589 Menschen infiziert. Die dort anwesenden chinesischen Ärzte benennen als Hauptproblem, dass nicht genug getestet und infizierte Personen nicht genügend kontrolliert werden. In Spanien sind es zur selben Zeit 56.347 bestätigte Infektionen. Die höchste Sterblichkeitsrate verzeichnet Italien mit über zehn Prozent. In Deutschland sind es bisher 262 Verstorbene, bzw. 0,6 Prozent. Unsere Sterblichkeitsrate liegt so vergleichsweise niedrig, weil wir sehr viel mehr testen als andere Länder und daher wahrscheinlich eine kleinere Dunkelziffer haben, erklären diverse Wissenschaftler.

27.3. Widersprüchliche Nachrichten zum Thema Masken und Schutzausrüstung. In den Nachrichten werden gleich mehrfach leitende deutsche Mediziner gezeigt, die über eklatanten Mangel an Schutzkleidung und Masken klagen. Nachschub sei kaum noch aufzutreiben, der von der Regierung angekündigte Nachschub komme auch nicht herbei (kein Wunder: Eine Riesenlieferung ist bei der Zwischenlandung in Kenia auf dem Flughafen verloren gegangen). In den Facebook-Nähgruppen herrscht fast sowas wie Maskenhysterie. Alle nähen, was das Zeug hält – die meisten quietschbunt und aus Stoffen, die kaum bei 30 Grad waschbar sind. Es kommen immer mehr Bitten um Masken von Familien und Menschen, die im Kontakt mit vielen anderen arbeiten müssen. Die eifrigen Näherinnen bringen ihre Ergebnisse zu Krankenhäusern, Altenheimen, Pflegeeinrichtungen, obwohl die meisten Masken nicht gekocht und damit keimfrei gemacht werden können. Eine hat sogar 23 Stück an’s Robert-Koch-Institut nach Leipzig Geschickt… 😀 Ein Rechtsanwalt warnt vor den Folgen des Vertriebs von Mundschutz durch handwerklich Begabte. Ich stelle den Beitrag in die Gruppe „Mundschutz“. Er wird erst umgehend als Hassrede gelöscht, dann doch wieder freigegeben.

Nach langem Suchen habe ich selbst endlich kochfesten weißen Vlies gefunden, der mir zusagt – im Agrarhandel. Aus den vielen Schnittmusterangeboten habe ich eins ausgesucht und nähe jetzt aus weißer, kochfester Baumwolle Masken für Menschen, die mir nahe stehen, wahlweise mit Baumwollbändchen oder kochfestem Gummi. Ich selbst werde sie wohl nur tragen, wenn es gar nicht anders geht. Puh.

In Italien sind in den letzten 24 Stunden fast 1000 Menschen gestorben. Der Regierungschef ist stocksauer auf das hässliche Europa, das dem Land keine unbegrenzte Verschuldung erlauben will und Deutschland, das sich gegen die Vergemeinschaftung der europäischen Schulden sperrt. Der britische Thronfolger, Prinz Charles, und Regierungschef Boris Johnson sind infiziert. In Spanien werden deutlich weniger Menschen getestet als andernorts. Jetzt musste die Regierung auch noch zehntausende fehlerhafte Tests an einen chinesischem Hersteller zurückschicken. Man weiß also nicht wirklich, wie schlimm die Lage ist. In den USA sind jetzt über 100 000 Menschen krank. Trump beschließt, ein Gesetz aus dem Korea-Krieg anzuwenden (Defense Protection Act) General Motors zu zwingen, jetzt Beatmungsgeräte herzustellen. Deutschland hat noch freie Intensivbetten und will 127 schwer Kranke aus Italien und Frankreich aufnehmen.

Die Statusmeldung der Johns-Hopkins-Universität für Deutschland heute: 49 344 Infizierte und 304 Tote. Die Zahlen sind relativ: Der Tagesspiegel hat selbst gezählt und kam auf 52 806 Infizierte. Das Robert-Koch-Institut (RKI) vermeldet 42 288. Die Arbeit des Instituts wird zunehmend zum Ärgernis. Die Ergebnisse sind zeitverzögert, die Pressekonferenzen werden immer weiter reduziert, es gibt keine Antworten auf drängende Fragen. Die kommen vor allem aus den Bereichen der Wirtschaft, denen durch den Lockdown von einem Tag auf den anderen jedes Einkommen entzogen wurde. Man will wissen, wann die strengen Regelungen gelockert werden können. Aber es gibt schlicht noch keine Erkenntnisse dazu. Kanzleramtschef Helge Braun sagt, bis 20. April dürfe man keine Lockerung der Maßnahmen erwarten. Wenn man vergleicht, in welcher Geschwindigeit die Infektionszahlen steigen, ist weltweit keine Entspannung in Sicht:

Das bedingungslose Grundeinkommen wird wieder neu diskutiert. Inzwischen gibt es Missbrauch des neuen Hilfspaketes der Bundesregierung. Im Gesetz steht unter anderem, dass niemand, der wegen Corona keine Miete mehr zahlen kann, seine Wohnung verlieren darf. „Vorbeugend“ zahlt deshalb unter anderem der Adidas-Konzern für keine seiner Filialen mehr Miete. Wirklich in Not ist die Reisebranche. Die Kunden wollen das Geld für stornierten Urlaub zurück. Das bringt auch große Unternehmen in Insolvenz-Nähe.

In meinem Landkreis sind 77 Menschen infiziert, in meinem Städtchen keine. Es ist ein wahres Glück, auf dem Land zu leben. Mein Alltag ist im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit bis auf die geschlossenen Geschäfte praktisch unverändert. Ich verfüge nicht nur über einen großen Garten, sondern bin auch mit wenigen Schritten im Wald. Aber auch in meinem Landkreis ist der Mangel an medizinischen Hilfskräften offenbar. Hier wie in ganz Deutschland werden Menschen mit medizinischer Erfahrung gesucht, die sich einbringen wollen. Auch die Bundeswehr, die 15 000 Soldaten zur Unterstützung in der Krise mobilisiert, sucht unter ihren Reservisten nach solchen Fachkräften. Der Höhepunkt der Welle ist ja noch nicht da. Das gilt für ganz Europa und die meisten Länder der Welt. So spendet heute der Papst, mitten in der Fastenzeit, auf einem Podest vor einem menschenleeren Platz den Segen Urbi et Orbi. Das tut er sonst nur zu Weihnachten und Ostern.

29.3. Nach einer Woche mit mehrheitlich geschlossenen Geschäften wird die Frage immer lauter, wann man mit einer Rückkehr zur Normalität rechnen kann. Die Regierung legt sich fest: nicht vor dem 20. April. Genauer gesagt: Die Verdoppelungsrate der Infizierten muss auf über zehn Tage steigen. Das wird noch dauern. CNN sagt: „Amerika muss der unbequemen Wahrheit ins Auge sehen: Die USA sind auf dem Weg zur schlimmsten Corona-Epidemie unter den wohlhabenden Staaten – vor allem wegen der Ineffizienz ihrer Regierung“. Wenigstens ist der Präsident inzwischen von einer Rückkehr zur Normalität bis Ostern abgekommen; er verlängert die Schutzmaßnahmen bis zum 30. April. Am Abend sind es in den USA über 137 000 registrierte Erkrankungen. Italien verzeichnet jetzt knapp 98 000, Spanien 80 000, Deutschland 62 000 Infektionen. Es gibt auch Länder, die in der Statistik der Johns Hopkins-Universtität ganz unten auftauchen; etwa Madagaskar. Dort lebt ein ehemaliger Kollege, der hahnebüchenes zu berichten weiß: 43 Infizierte mit dem heutigen Tag (Johns Hopkins zählt 39). Als im Lande lebender Ausländer tue man gut daran, sich täglich in der Öffentlichkeit zu zeigen, damit jeder sehe, dass man bei guter Gesundheit sei, schreibt er. Anderenfalls riskiere man sein Leben: Ein infizierter Ausländer werde unter Umständen als Träger des Bösen von der Bevölkerung gelyncht.

In Deutschland werden jetzt insgesamt 525 Verstorbene gezählt, das ist weniger, als Spanien und Italien innerhalb der letzten 24 Stunden registrierten. Besonders Italien macht Deutschland bitterste Vorwürfe, weder mit Ausrüstung, noch mit Geld zu helfen. Das wird noch lange nachwirken und letztlich das ganze Gebilde Europa in Frage stellen. Es gibt kein Land mehr, das jetzt noch genügend Masken und Schutzanzüge zur Verfügung hat. „Was nützen uns Beatmungsgeräte, wenn es keinen Schutz für das medizinische Personal gibt“, sagt die Epidemiebeauftragte der Ärzteschaft im TV. Überall springen einheimische Unternehmen ein: Destillerien stellen medizinischen Alhohol für Desinfektionsmittel her, andere Unternehmen schneidern Masken. Deren Preise sind inzwischen ins Astronomische gestiegen: Gute Verkaufschancen für all die Hobbynäherinnen der quietschbunten Teile. Mangels erprobter Medikamente wird wild experimentiert: Malariamittel, Mittel gegen Ebola, gegen Aids – was hilft, hat Recht.

Die „Helden des Alltags“ in Krankenhäusern, Pflege und Supermärkten verdienen zu wenig. Dieses Bewusstsein beginnt, sich überall durchzusetzen. Die Regierung verspricht, dass Sonderzahlungen der Firmen an ihre Mitarbeiter bis zur Höhe von 1500 € steuerfrei bleiben. Auch die Soforthilfen für kleine Firmen, Solo-Selbständige und Freiberufler sollen jetzt umgehend anlaufen. Es wird auch Zeit, nur noch drei Tage bis zum Monatswechsel. Das Wildfreigehege Wildenburg, wo das Wolfsrudel beheimatet ist, das ich regelmäßig besuche, bittet dringend um Spenden. Ich bin traurig, nicht reich zu sein, um mehr zu geben, als ich nun überwiesen habe. Bayern führt die kommunalen Stichwahlen diesmal ausschließlich als Briefwahl durch.

In Moskau gilt ab Montag eine Ausgangssperre. Schweden zählt 3 700 Infizierte. Aber hier geht das Leben entspannt weiter. Ähnlich ist es in Brasilien: Dort fordert die Regierung die Menschen auf, arbeiten zu gehen. Präsident Bolsonaro sagt, er sei ein ehemaliger Athlet. Also könne das Virus ihm nichts anhaben. Auch in Paris, nicht nur im Osten Frankreichs, haben die Kapazitäten der Intensivstationen jetzt ihre Grenzen erreicht. In Indien hat der Lockdown zu einer Katastrophe geführt: Tausende von Wanderarbeitern können jetzt nicht mehr überleben und machen sich auf den Weg in ihre Heimatorte. Die Menschen fürchten den Hunger viel mehr als das Virus. Die Leiterin der Notaufnahme im Zentralkrankenhaus von Wuhan ist verschwunden. Vor zwei Wochen war sie an die Öffentlichkeit gegangen, um mitzuteilen, dass die Regierung verboten habe, weiterhin vor dem Virus zu warnen. Auch ein ZDF-Kameramann in China ist nicht mehr aufzufinden.

30.3. Unglaublich, was so ein paar Tage Lockdown ausmachen. Nicht nur kamen innerhalb einer Woche die Delphine zurück in Venedigs Kanäle, nein: In Indien wurde mitten in besiedeltem Gebiet eine seltene Malabar-Zibetkatze gesehen. Die Tiere galten schon fast als ausgestorben. Wie nah doch das Hässliche und das Schöne beieinander liegen können…. Im Garten blühen trotz immer noch eisiger Nächte die Tulpen, die Pflaumen, ja sogar der Weinbergspfirsich – und die Hunsrück-Fotografen in Facebook behaupten steif und fest, der Himmel unter der strahlenden Sonne habe durch weniger Flüge jetzt ein tieferes Blau. Deshalb heute die Corona-Zahlen nur als Bild:

Als neue Deadline für Entscheidungen über das Lockern der derzeitigen Beschränkungen kristallisiert sich weltweit der 19./20. April heraus. Die Tracking App zur Überprüfung von Risikogruppen wird weiter diskutiert. Im Schatten der Krise stimmt die Regierungsmehrheit im ungarischen Parlament dessen Entmachtung zu: Der rechte Regierungschef Victor Orban kann jetzt auf unbestimmte Zeit allein mit Hilfe von Erlassen regieren. Erste Zahlen über die Rezession, die uns je nach Länge des Shutdowns erwartet, kursieren. Die Aktienmärkte haben sich heute etwas erholt. Larry Fink, Chef des weltgrößten Investors Blackrock, ist zuversichtlich, dass sich die Wirtschaft stetig erholen wird. Die Sorgenfalten in den Gesichtern derer, die jetzt kein Einkommen haben, werden tiefer: Noch 24 Stunden bis zum nächsten 1. Alle, die jetzt zur Ruhe mahnen, verfügen selbst über ein sicheres Einkommen.

Der Gesichtsmaskenstreit verschärft sich. Zwar hat die Bundesregierung 20 Millionen davon beschafft, der Bedarf ist aber viel höher. Die freiwilligen Näherinnen sind erbost darüber, dass ihre Werke nicht nur in vielen Krankenhäusern, sondern auch in großen Kaufhäusern abgelehnt werden. Die Mitarbeiterinnen meiner Bäckerei tragen aber welche, in schwarz, passend zur gelb-schwarzen Berufskleidung. Meine eigene Produktion stockte wegen Schwierigkeiten beim Nachkauf von Schrägband. Morgen geht es weiter. Die Stoffverkäufer arbeiten auf Hochtouren: Kochfeste Baumwolle, kochfester Gummi und Schrägbänder sind kaum noch zu finden. Jena führt als erste deutsche Stadt die Maskenpflicht ein. Die Einwohner sollen ihre Masken selbst nähen.

31. 3. Wissenschaftler stehen in der Regel selten im Fokus der Öffentlichkeit. Aber jetzt gibt es neue Medienstars, zum Beispiel Christian Drosten, den Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. Kennzeichen: Verwuschelte Haare und sehr erschöpfter Gesichtsausdruck, aber auch große Sachlichkeit und gut verständliche Erklärungen. Nachdem er mehrere Wochen lang ständig in den Medien präsent war, lernt er die unangenehme Kehrseite der Medien kennen und ist sauer. Ein neuer Fachmann taucht auf: Virologe Prof. Hendrik Streeck lehrt an der Medizinischen Fakultät der Universität Bonn, leitet das Institut für Virologie und hat das für HIV-Forschung gegründet, beide ebenfalls in Bonn. Auch er ist ein ruhiger, sehr klar denkender Mann. Er leitet die beispielhafte Forschung im Kreis Heinsberg, dem ersten Corona-Cluster der Republik, der jetzt seit fünf Wochen im Ausnahmezustand ist und kritisiert immer wieder das Robert-Koch-Institut scharf. In der Tat wirkt die Behörde im Vergleich zu den beiden Virologen wenig engagiert.

In meinem Landkreis gibt es jetzt 108 Infizierte. Sieben davon sind im Krankenhaus, keiner wird beatmet. Und: Heute wurde der erste Erkrankte in meinem Städtchen registriert. Das fast 100 Jahre alte Caféhaus, in dem es einzigartig gute Torten und selbstgemachte Trüffel gibt, hat heute bekanntgegeben, nach der Krise nicht mehr zu öffnen. Es gibt noch zwei andere Cafés, mit 0/8/15-Kuchen, die viel besser besucht sind, weil die Gebäude große Glasfassaden haben und man das Leben auf der Straße beobachten kann. Ich bin traurig und hoffe, dass es wenigstens unser preisgekröntes Eiscafé schafft, die Notzeit zu überstehen. Ausgerechnet jetzt, wo es Frühling wird…. Eine schöne Nachricht kommt aus Indien: Da die Strände gesperrt sind, können Tausende Meeresschildkröten ungestört ihre Nester bauen.

Weltweit wurden zur Mittagszeit 855 0077 infizierte Menschen gezählt, davon 186 265 in den USA, 105 792 in Italien, 95 923 in Spanien, 74 690 in Deutschland, 52 827 in Frankreich, 44 605 im Iran. Schweden ist das einzige Land in Europa, das nur leichte Beschränkungen im Alltag verzeichnet: Ältere und Risikogruppen sollen zuhause bleiben, die Menschen sollen Abstand halten – das war’s. „Wir hatten so eine Situation bisher nicht. Wir wissen also nicht, welcher Weg letztlich der Richtige ist,“ sagt Professor Streeck dazu. Das wird die von der Insolvenz bedrohten Menschen im Land aber beruhigen….

„Wir brauchen endlich saubere Corona-Zahlen“ sagt Open Petition und sammelt Unterschriften für eine Baseline-Studie. In der Tat verleitet es zu irrtümlichen Schlussfolgerungen, wenn alle Verstorbenen, die auch Corona hatten, als Corona-Tote gezählt werden, ohne dass klar ist, woran sie nun wirklich verstorben sind. Bei einer Baseline-Studie wird eine demografisch repräsentative Gruppe wiederholt getestet, um die Ausbreitungsgeschwindigkeit und die Aggressivität des Virus sicher feststellen zu können. Die linke Wochenzeitung „Der Freitag“ führt aus, „Corona hat dieselbe strukturelle Ursache wie die ökologische und soziale Krise, zu der der Klimawandel, die Naturzerstörung wie die maroden Gesundheitssysteme gehören. Sie ist in der kapitalistischen Produktion und Ausbeutung der Natur zu suchen, in der imperialen Lebensweise der reichen Länder des Nordens, in der neoliberalen Ideologie.“ Dazu zeigt man nebeneinander eine Ultradünnschicht von Corona-Viren (rot) im Inneren einer Wirtszelle und ein Luftbild gerodeter Amazonas-Flächen. Das Thema Mundschutz beschäftigt inzwischen die ganze Republik: Mehrere Zeitungen und Zeitschriften veröffentlichen Nähanleitungen. Dazu gehört auch eine super-einfach-Maske aus einem Stück Küchenrolle, einem Papiertaschentuch, zwei Klebestreifen, und etwas Gummi. Die Bildzeitung meint, man könne die Masken doch einfach bei 80 Grad im Backofen desinfizieren und dann wiederverwenden. Die vielen Hobbynäherinnen in Facebook werden von Hilfeanfragen überschwemmt.

Meine Freundin berichtet von Videokonferenzen ihres Gurus mit seinen Followern. Es sei ein Kampf des Lichtes gegen das Dunkel, sage der Guru. Man dürfe sich nicht emotional hineinziehen lassen, müsse sich statt dessen konsequent für das Licht entscheiden. 5G ist ebenfalls immer wieder Thema bei den Spirituellen. Manche vermuten direkte Einflussnahme auf die Gehirne, bzw. Körper der Menschen. Einige behaupten, es gebe zwei Arten von 5G: Die auf der Erde mit jeweils geringer Reichweite, eine weitere, die aus dem All gesendet werde, mit Hilfe derer die ganze Menschheit kontrollierbar sei. Ich denke, dass die Bestrahlung jedenfalls das Immunsystem schwächen dürfte.

Ich lese, dass mein Lieblingshotel auf Yucatan mit dem Korallenriff und den Meeresschildkröten am Strand jetzt auch geschlossen wurde. Auch dort haben jetzt die Schildkröten den ganzen Strand für sich. Ich bin traurig. Ich möchte an ein warmes Meer fahren, am liebsten auf eine Insel. Ich möchte schorcheln und mit den Fischen spielen. Ich möchte Wärme und Nähe spüren, Zusammengehörigkeit wahrnehmen.

1.4. Schreckliche Bilder kursieren in den Medien. Es sind Ausschnitte aus einem Video der New York Post, das zeigt, wie Leichen per Gabelstapler in Kühllaster befördert werden. US-Präsident Trump benachteiligt offenbar seine politischen Gegner bei der Zuteilung von Schutzausrüstung und Beatmungsgeräten. Der Staat New York gehört dazu. Inzwischen hat der Populist erneut seine Haltung geändert und spricht nun von bis zu 240 000 zu erwartenden Toten in den USA. Man hört, dass er sich hinter den Kulissen darüber lustig macht, wie leicht er in seiner neuen Rolle das Gehör der Medien finde. Die Debatte um die unsicheren Corona-Zahlen nimmt Fahrt auf. Statistiker vermuten, dass es in Deutschland in Wahrheit 222 000 Infizierte gibt. Die selbstgenähten Masken haben es inzwischen auch in die Talkshows geschafft; ihr Für und Wider wird heftig debattiert. Die Näherinnen ärgern sich derweil über Abmahn-Anwälte, die ihnen das Leben zur Hölle machen. In ganz Deutschland sind Schrägbänder und Einziehgummis ausverkauft.

In einer Studie haben Forscher 100 000 Menschen in 15 Ländern dazu befragt, wie zufrieden sie mit den Maßnahmen ihrer Regierungen und dem Verhalten der eigenen Bevölkerung in der Krise sind. Die meisten ärgern sich mehr über uneinsichtige Mitbürger als über ihre Regierung. Nicht so in der Türkei, den USA, Russland, Weißrussland und Großbritannien: Hier ärgern sich die Menschen besonders massiv über ihre Regierung. Adidas hat sich nach einem Shitstorm und Boykottaufrufen in den sozialen Medien entschuldigt und zahlt jetzt doch Miete für seine Filialen. Galeria Kaufhof/Karstadt, schon vor der Krise stark angeschlagen, setzen alle Mietzahlungen aus und beantragen ein Schutzschirm-Insolvenzverfahren, um sich zu sanieren. Die Märkte rauschen nach einigen besseren Tagen wieder nach unten. In Deutschland gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer: Im Kreis Heinsberg, dem ersten festgestellten Cluster, ist die Verdoppelungsrate jetzt bei 16 Tagen. Die Infektionswelle war nach einer Karnevalssitzung losgegangen. Man bekommt langsam eine Idee davon, wie lange das alles noch dauern wird. Kanzlerin und Länderchefs haben sich darüber abgestimmt, dass alle Beschränkungen mindestens bis nach Ostern weiter gehen.

2.4. Man höre und staune: Das Robert-Koch-Institut ändert seine Meinung zu Schutzmasken. Nachdem 57 Prozent der Deutschen eine Maskenpflicht befürworten, sagt es nun, das vorsorgliche Tragen könne das Risiko, andere anzustecken, mindern, auch wenn sie dem Träger selbst keinen Schutz bieten. Siemens Healthineers, eine Tochter des Siemens-Konzerns, hat einen Schnelltest entwickelt, der innerhalb von drei Stunden Ergebnisse bringen soll. Es wurde eine sogenannte Notfall-Zulassung bei der Weltgesundheitsorganisation WHO sowie bei der US-Gesundheitsbehörde FDA für den klinischen Einsatz beantragt, damit der Test schnell zur Verfügung stehen kann. Schon jetzt wurde er zu Forschungszwecken ausgeliefert. Auch sonst profitiert das Unternehmen von der Krise: Seine medizintechnischen Produkte sind stark gefragt.

Das Bundesinnenministerium hat ein Einsehen: Asylsuchende können die Spargelernte nicht retten. Jetzt dürfen doch südosteuropäische Erntehelfer einreisen: Je 40 000 im April und im Mai. Den Bauern dürften Wagenladungen von Steinen vom Herzen fallen. Nicht so den vielen Reisenden, die wegen Corona nicht in Urlaub können: Sie sollen nun statt ihres Geldes Gutscheine zurück bekommen, deren Verwendung auch noch zeitlich befristet werden soll. Eine Unverschämtheit. Nach der Thomas Cook-Pleite und dem jetzigen Corona-Desaster sollte der Reisebranche dringend auf die Finger geschaut werden: Das Geld der Touristen muss besser abgesichert werden. Die EU wird das hoffentlich verhindern.

Es gibt neue Vorwürfe gegen die USA, sich ohne Rücksicht auf Andere Vorteile zu verschaffen. Diesmal sagen die Franzosen, dass von ihnen bestellte Schutzmasken nicht ankommen, weil auf dem Rollfeld Amerikaner auftauchen und die Bestellung für die dreifache Kaufsumme in ihr Land umleiten. Donald Trump hat letzte Woche mit großem Tamtam und der Hilfe eines Kriegsgesetzes angekündigt, dass er General Motors zwingen werde, Beatmungsgeräte zu bauen. Bis jetzt ist dort aber kein offizieller Auftrag eingegangen. Die Erstanträge auf Arbeitslosengeld in den USA erreichten mit 6,65 Millionen in der zurückliegenden Woche ein nie dagewesenes Niveau und schockieren das Land. Sie sind vielleicht jedoch erst der Beginn einer großen Rezession. Inzwischen sind im Land 242 000 Menschen infiziert; mehr als doppelt so viele wie in Italien und Spanien. Allein im Staat New York sind es 92 506. Trump ist stolz auf 100 000 Tests am Tag. Bei knapp 330 Millionen Einwohnern ist die Zahl jedoch viel zu niedrig. Sogar ein russisches Flugzeug mit Schutzausrüstung ist in den USA geliefert. Die überprüfen jetzt, ob die Ware ihren Standards entspricht 🙂 – kläglicher Versuch, das Gesicht zu retten. Deutschland zählt 84 788 Erkrankte.

Eine Aufsehen erregende Studie macht deutlich, wie unsicher all die Angaben über Sterbefälle infolge von Covid 19 sind. Besonders in Italien sind viele Menschen zuhause oder in Heimen gestorben, ohne getestet worden zu sein. Deshalb wurde die durchschnittliche Sterberate verschiedener Corona-Zentren mit der diesjährigen verglichen. Die Ergebnisse sind erschreckend: Die jetzige Sterberate ist teilweise doppelt so hoch wie der Durchschnitt. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass weitaus mehr Menschen infiziert sein müssen/mussten, als die Zahlen widerspiegelten. Am Beispiel von  Nembro, wo vermutlich alle 11.500 Bewohner den Virus in sich tragen, konnte aber auch etwas „positives“ festgestellt werden: Offenbar tötet das Virus maximal ein Prozent der Bevölkerung. Bisher wurden weltweit 52 863 Tote gezählt – wobei nicht klar ist, ob diese am Virus oder evtl. durch eine vorhandene Vorerkrankung gestorben sind (siehe weiter oben). 210 186 Menschen haben sich weltweit von der Infektion inzwischen erholt. Ein Prozent von 80 Millionen Menschen in Deutschland sind… ?

3.4. Der IWF hat einen interaktiven Tracker erstellt, mit dessen Hilfe man blitzschnell nachschauen kann, welche Maßnahmen gegen die Krise insgesamt 193 Staaten in Gang gesetzt haben.

Deutschland hatte bei einer US-Firma, die in China produziert, Atemschutzmasken der Schutzklassen FFP2 und FFP3 bestellt (links im Bild). Die USA haben die Lieferung abgefangen und in ihr Land umgeleitet.  Was sich hier abspielt, erinnert an Krieg. Der deutsche Automarkt bricht ein: Wie der Verband der Automobilindustrie mitteilte, sanken die Neuzulassungen im März gegenüber dem Vorjahresmonat um 38 Prozent auf 215.100 Pkw. Im ersten Quartal wurden 701.300 Pkw neu zugelassen, das war ein Minus von 20 Prozent. Die Pkw-Produktion sackte ebenfalls deutlich ab, im März brach sie um 37 Prozent auf 287.900 Pkw ein. Im ersten Quartal wurden von den deutschen Autobauern 1,0 Millionen Einheiten hergestellt und damit 20 Prozent weniger als vor Jahresfrist. Exportiert wurden im März 234.000 Autos, das war ein Rückgang um knapp ein Drittel.

Die Kanzlerin ist nach der Quarantäne zurück im Amtssitz. Sie wirkt erholt, bedankt sich beim Volk für die Disziplin und bittet um Verständnis dafür, dass die Ausgangsbeschränkungen über Ostern andauern werden. Die vielen Beschränkungen, die jetzt seit fast zwei Wochen gelten, zeigen Wirkung. Die Verdoppelung der Infektionszahlen ist schon bei nur noch zehn Tagen. Die Politik will jetzt aber mehr als 14 Tage erreichen, bevor die Maßnahmen gelockert werden können. Eine sympathische Infektiologie-Professorin erklärt im TV, dass ohnehin rund 10 Prozent der vermeintlichen Erkältungen einem der vielen Corona-Viren geschuldet sei, und dass mit der Zeit quasi über bewusst in Kauf genommene Infektion automatisch eine gewisse Immunisierung in der Bevölkerung eintreten werde. Spannend, wie wir nach und nach die deutschen Wissenschaftler kennen lernen.

Leise Warnsignale aus China: Mitten in den Feiern zum Sieg über das Virus werden in Wuhan wieder Absperrungen errichtet; es wurden Neuinfektionen festgestellt. Die Angst vor einer zweiten Infektionswelle wird klein gehalten, soweit es geht. Viele deutsche Mittelständler verzweifeln an ihren Hausbanken. Diese müssen bei der Weiterleitung von Kreditanfragen auf dem Förderpaket an die KWF zehn Prozent des Risikos übernehmen, lehnen daher viele Anträge ab mit dem Argument, man wisse ja nicht, ob das Unternehmen nach der Krise wieder auf die Füße komme. Wirtschaftsminister bekommt einen öffentlichen Wutanfall: Genau deshalb gebe es ja das Paket, damit die Unternehmen eben nicht untergehen. Die EU diskutiert, das letzte Restrisiko auch noch zu übernehmen. Ist auch schon egal bei all den Milliarden. Wer zum Schluss wohl die Rechnung bezahlt?

Die Brauerei „Corona“ in Mexico stellt vorübergehend ihre Produktion ein, hofft aber, sie wieder aufnehmen zu können. Furchtbar, war so ein Name anrichten kann. Während die Zustimmungsraten anderer Staatenlenker in der Krise steigen, fällt die von Donald Trump. Inzwischen sind 52 Prozent der US-Bevölkerung der Meinung, dass der Präsident die Krise nicht im Griff hat. Auch das Firmenimperium der Präsidenten leidet. Wie die Unternehmen anderer Politiker können auch die von Trump nicht vom staatlichen Unterstützungspaket profitieren. Jetzt hat die Deutsche Bank ein Problem. Das Geldhaus, das Trump zeitweilig bis zu zwei Milliarden Dollar geliehen hatte, sieht sich jetzt mit Fragen seines Konzerns konfrontiert, ob Mietzahlungen und Kreditraten ausgesetzt werden können. Egal was die Bankt nun unternimmt: Es wird ihr schaden. Einerseits kann sie dem Präsidenten keine Sonderkonditionen gewähren, andererseits ist der Mann bekannt dafür, dass er sich an Unternehmen rächt, die nicht tun, was er wünscht.

Nach TUI bekommt nun auch der Reisekonzern FTI, der schon vorher schwach auf der Brust war, staatliche Kreditbürgschaften aus dem Förderpaket. Riesige Probleme haben Deutschlands Verlage: Zwar verzeichnen sie ein Leserinteresse, das so stark ist, wie seit langem nicht mehr. Aber die Werbeeinnahmen brechen weg. Große Sparpakete sind in Arbeit, Kurzarbeit ist angemeldet. Axel Springer zieht sich am 6. April von der Börse zurück. Die quietschbunten Masken-Näherinnen erleben eine hässliche Kehrseite ihres Einsatzes: Es gibt Kritik an ihrer bunten Stoffauswahl, es gibt Sonderwünsche, wie etwa Masken in den Farben des Fußballvereins, und immer wieder wollen Privatleute, denen Masken gespendet werden, das Porto für den Versand nicht überweisen. Stoffe und Gummi müssen aber bezahlt werden, Porto ebenfalls. Viele Näherinnen haben selbst wenig Geld und verarbeiten deshalb einfach ihre Reste. Die engagierten Frauen vermissen Anerkennung für ihre Leistung. Ich habe endlich wieder dezent farbiges Schrägband und nähe weiter meine kochfesten weißen Masken mit Filter.

5.4. Was für ein schönes Wetter! Endlich warm genug, sich draußen länger aufzuhalten, auch wenn der Wind noch keine leichte Kleidung zulässt. Deutschland zieht es ins Freie, Menschenmassen sind unterwegs. Aber diszipliniert: in kleinen Gruppen und mit Abstand. Die meisten jedenfalls. Die Polizei ist zufrieden. Zwei Wochen Shutdown sind heute zuende. Die Bevölkerung erwartet Antworten. Nicht auf die Frage, wann der Shutdown endet – es herrscht allgemeines Einsehen, dass das schwer vorhersehbar ist. Aber die Regierung vermeidet auch quer durch alle Parteien eine Diskussion zur Frage, WIE denn die Beschränkungen gelockert werden sollen, wenn es soweit ist. Das ist nicht gut. Im ZDF heute erstmals ein kritisches Extra, Tenor: Wenn die Regierung nicht sagt, wo es lang geht, werden andere die Deutungshoheit übernehmen. Man verzeichne zum Beispiel erhebliche Versuche der Einflussnahme über die russischen und chinesischen Staatsmedien mit Hilfe von Fakes News, die Angst und Unsicherheit schüren sollen. Gar nicht beruhigend wirkt da ein geleaktes Papier aus dem Innenministerium vom Anfang der Krise. Darin heißt es, man müsse die Bevölkerung mit Hilfe eines maximalen Angstszenarios zu Ruhe und Disziplin zwingen. Dies sei ein Geheimpapier, das man nicht kommentiere, heißt es dazu von der Regierung.

Nicht gut. Gar nicht gut… Dazu diese Diskussionen mit der Kontrolle der Menschen über Handy-App. Das hier ist ein riesiger Reality-Test zur Frage, wie lange und mit welchen Mitteln sich die Bevölkerung am besten kontrollieren lässt.

Die EU-Kommisson twittert: „We called on the industry to ramp up production of protective equipment. They answered: Textile companies – masks & gloves cosmetics, sanitizers engineering – ventilators These will soon reach hospitals across Europe. This is #EUsolidarity #StrongerTogether#coronavirus„. Na, das sind wir mal gespannt, wann der Notstand bei der Schutzausrüstung endet. „Wir brauchen einen Marshall-Plan für Europa“ sagt Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in der Welt.  „Europe has to establish a wartime economy and put in place measures for the defense, the reconstruction and the economic recovery of Europe,“ sagt der spanische Premier Pedro Sánchez. Immer diese Kriegsrhetorik!

Deutschland hat jetzt fast 200 000 Urlauber heim geflogen. Einige Tausend sitzen aber noch fest, vorwiegend in Peru, Neuseeland und Südafrika. „Es ruckelt“ bei der Rückführung, sagt der Außenminister. Es ruckelt noch viel mehr in den total überfüllten Migrantenlagern auf den östlichen Ägäisinseln. Die Stadt Berlin will jetzt in Eigenregie 1 500 aus dem Camp Moria auf Lesbos nach Deutschland holen, eine Unterbringung in Hotels wird diskutiert. Es gibt kuriose Sehnsuchtsgeschichten, wie die von dem Ehepaar, das im Anschluss an seine Hochzeitsreise jetzt in einem Luxus-Ressort auf den Malediven fest steckt. Die beiden sind die einzigen verbleibenden Gäste – zusammen mit dem gesamten Personal. Im Bild sieht man eine schöne Frau, gebräunt, mit langen schwarzen Haaren, die einem kristallklaren Meer entsteigt…

Zum erst fünften Mal in ihrer 68jährigen Regierungszeit richtet sich die Queen aus der Quarantäne an ihr Volk. Die Botschaft: „Das ist nicht die erste Krise in unserer Geschichte. Wir werden auch diese überstehen: Mit Disziplin und dem selben Kampfgeist wie im Zweiten Weltkrieg.“ Premier Boris Johnson, seit zehn Tagen infiziert und mit hartnäckigem Fieber zuhause, wird ins Krankenhaus gebracht. Die USA sehen sich rasant steigenden Infektionszahlen gegenüber. Nach New York, wo die Zahl der Verstorbenen mit 594 gestern zum ersten Mal ein wenig gesunken ist, entwickelt sich Lousiana zum nächsten Hotspot. Sogar „Flotus“ Melania Trump twittert jetzt Apelle zu social distancing. Der Kapitän eines Kriegsschiffes vor Guan, Brett Crozier wurde gefeuert, weil er öffentlich um Hilfe für seine 5000 Beatzungsmitglieder gebeten hat. Nun ist der Kommandeur, der beim Abschied von seinen Männern als Held gefeiert wurde, selbst infiziert, 155 seiner Crewmitglieder sind es ebenfalls. Börsenguru Mr. Dax warnt angesichts einer hochgradig bewaffneten Bevölkerung vor bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den USA, wenn ein Shutdown zu lange dauert.

Der deutsche Klopapier-Kuchen findet reißenden Absatz und Eingang in ein Video der Nachrichtenagentur Reuters. Der Ölkrieg zwischen Russland und Saudi-Arabien verschärft sich weiter. In den Altenheimen rund um die Erde hat das Besuchsverbot für Angehörige schlimme Folgen. In Texas kam man auf die Idee, dass Senioren sich ja per Bild mitteilen könnten (siehe unten). Netter Versuch, gegen die große Traurigkeit anzukämpfen.

Die Diskussion um die Art der Ermittlung von Infizierten und Corona-Toten nimmt an Intensität zu: Nicht nur wird in jedem Land unterschiedlich viel getestet – unter anderem mangels genügender Mengen an Test-Kits – vor allem wird falsch getestet. Wir haben doch gelernt, dass für repräsentative Zahlen auch eine repräsentative Menge scheinbar gesunder Einwohner getestet werden muss, um einen Überblick über den Grad der Durchseuchung, sowie bereits vorhandener Immunität zu bekommen. Mit Hilfe von Antikörpern bereits Gesundeter verspricht man sich gute Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankte: Zumindest könne der Verlauf der Infektion stark abgemildert werden, habe man in China gesehen. Ich bemerke bei mir selbst aufkeimende Aggression, wenn ich Nachrichtensprecher mit dramatischen Gesichtern über hohe Infektionszahlen reden sehe. Es wurde so unglaublich viel im Vorfeld versäumt, und jetzt wird so unglaublich viel falsch gemacht… Wieso zum Beispiel wurde nicht genügend Vorrat an Schutzkleidung für ein Katastrophenszenario angelegt, obwohl es detaillierte Pandemiepläne gab, die jetzt 1:1 wahr werden? Was für ein Durcheinander veranstaltet das zuvor hoch renommierte Robert-Koch-Institut mit seinen wechselnden Einschätzungen? Jetzt hat es mitten in der Krise die Zahl seiner Pressekonferenzen von einer täglich auf zwei wöchentlich reduziert. Warum wird die Corona-Sterberate nicht mit dem Durchschnitt an Sterblichkeit der Vorjahre in Vergleich gesetzt? In Schweden darf die Bevölkerung weiterhin in Biergärten sitzen und den Frühling genießen. Ich ärgere mich.

Eurobonds und damit die Vergemeinschaftung der Schulden aller EU-Mitgliedsländer – das ist seit Jahren das Schreckgespenst der Netto-Einzahler. Jetzt wird der Ruf danach immer lauter: Nicht nur Italien und Spanien; insgesamt neun EU-Länder fordern diese Anleiheform als solidarische Maßnahme aller Staaten. Deutschland ist strikt dagegen, man habe schließlich den ESM. Aber wird es sich auf Dauer entziehen können? Nach dem Corona-Desaster steht das ganze Konstrukt Europa nicht nur in Italien auf der Kippe. Strenge ESM-Auflagen sind bei den hoch verschuldeten Ländern nach dem Beispiel Griechenland gefürchtet.

„Kauft Blumen, nicht Toilettenpapier“ ruft eine verzweifelte Blumenindustrie in den Niederlanden und in Afrika. Die Tulpen sind jetzt schnittreif und können nicht abgesetzt werden. Mit Schaufelbaggern werden die Pflanzen in den Schredder befördert. Aber in Deutschland sind alle Blumenläden geschlossen. Es gibt nur wenige Pflanzen in Super- und Baumärkten. Vor diesem Hintergrund nervt das Geschrei der Berufsfußballer nur noch. Mich ärgert schon lange, dass es in diesem Sport nur um Geld und nochmal Geld geht.

In Afrika könne es durch das Virus zu einer Katastrophe kommen, dann zur Bürgerkriegen, dann zu riesigen Flüchtlingskolonnen via Europa, warnt Entwicklungsminister Müller. Eine Studie der afrikanischen Union warnt vor dem Verlust von 20 Millionen Jobs. Wie wäre es dann, wenn man mal etwas tut, damit dort genügend Menschen getestet werden können? Wir brauchen einen Plan, wie wir medizinisches Gerät und Schutzkleidung dorthin bringen, wenn die Infektionswelle kommt, denn sie wird kommen. Der Minister will die Region durch internationale Hilfe stabilisieren. Mit Geld – wie immer? Das dann in irgendwelchen dunklen Kanälen versinkt? Afrika hat jedenfalls mal Einreisesperren für den Westen verfügt. Zu Recht.

6.4. Zwischen Kreuzlingen und Konstanz an der deutsch-schweizerischen Grenze gibt es einen Zaun. Dort können sich durch Corona voneinander getrennte Familien oder Paare treffen. Seit einigen Tagen können sie sich dort nicht einmal mehr berühren: Die Schweiz stellte einen zweiten Zaun auf, der zwei Meter Abstand garantiert. Es spielen sich herzzerreißende Szenen ab. Paare berichten von Hochzeiten, die abgesagt wurden, zum Geburtstag kann nicht mehr angestoßen werden. Sowas von surreal…

356.942 Infizierte in den USA heute. 135.032 in Spanien, 132.547 in Italien, 101.806 in Deutschland, 98.957  in Frankreich, 52.274 in Großbritannien, 60.500 im Iran, 30.217 in der Türkei. Der britische Premier Boris Johnson, der seit gestern wegen Covid 19 im Krankenhaus ist, wurde auf die Intensivstation verlegt. Donald Trump sagt, ganz Amerika bete für ihn. Irans Führung fordert globale Solidarität und denkt dabei an Europa. Japan ( 3654 Infizierte) will den nationalen Notstand ausrufen. In den USA werden allein 130.689  Infizierte im Staat New York registriert. Die US-Botschaft in Deutschland attackiert die Bundesregierung: Niemand habe eine Maskenlieferung umgeleitet. Aber heute kommen die Vorwürfe aus Kanada (16 500 Infizierte): Die USA haben verhindert, dass knapp drei Millionen Masken nach Kanada exportiert werden. Die Alliierten Amerikas beklagen Wildwest-Methoden. China twittert: „Wir sind bei euch, bleib stark Kandada…“ China hat auch 2000 Beatmungsgeräte, 170 000 Mundschutz-Masken, je 1.3 Millionen KN95 und OP-Masken in die USA geschickt. Der US-Regierung scheint das Wasser bis zum Hals zu stehen. Die französische Regierung beschlagnahmt in Basel zwei Millionen Masken, die für die Region Bourgogne-Franche-Comté bestimmt waren, um sie „gerechter“ zu verteilen. Auch bei uns besteht der Notstand an Schutzausrüstung weiter. Weil es zu wenig davon gibt, so erfährt man in den Nachrichten, könne keine Maskenpflicht beim Einkauf vorgeschrieben werden. Weil es nicht genug Masken gibt, spielt sich in Altenheimen und Hospizeinrichtungen ein stilles Drama ab: Angehörige und ehrenamtliche Hospitzmitarbeiter dürfen nicht hinein, viele alte Menschen müssen ganz alleine sterben.

Die Bundesregierung reagiert auf die scharfe Kritik von gestern: Natürlich denke man über eine Strategie zum Hochfahren der Wirtschaft hoch. Zu gegebener Zeit werde man über die Schritte informieren. „Selbstverständlich kehren wir wieder zu den gewohnten Freiheiten zurück“, beruhigt die Bundeskanzlerin. Finanzminister Scholz erklärt erneut, dass Deutschland keine Notwendigkeit für Eurobonds sehe. In den ESM seien inzwischen 80 Milliarden Euro eingezahlt, damit können 400 Milliarden ausgeliehen werden, sagt er in den Nachrichten. Außerdem habe die EZB für 12 Milliarden italienische Staatsanleihen aufgekauft, um dem Land liquide Mittel zu verschaffen. Auch der ESM befreit Deutschland nicht wirklich vor einer riesigen Haftung. Aber man kann die Länder, die unter den Schirm kommen, zu strengen Auflagen verpflichten. Beim Beispiel Griechenland hat Deutschland satt davon profitiert. Von den gewährten Hilfen konnte der Staat seine Kreditzinsen an Deutschland weiter bedienen. Der Verkauf des staatlichen „Tafelsilbers“ sorgte zum Beispiel dafür, dass der Hafen Thessalonikis nun einem deutschen Konsortium gehört. ESM oder Corona-Bonds? wird auch morgen bei der Videokonferenz der europäischen Finanzminister Thema sein. Bei diesem Streit geht es letztlich um die Frage, ob die EU in Zukunft weiter so bestehen kann wie bisher – und damit auch um das Überleben des Euro. Zwischenzeitlich hat sich der DAX etwas beruhigt und ist wieder über 10 000 Punkte gestiegen. Die Bundesregierung will bei den KfW-Krediten für den leidenden Mittelstand jetzt die komplette Resthaftung übernehmen, damit die Hausbanken schnell handeln. Es gibt eine Lücke bei den Finanzhilfen: Unternehmen mit zwischen 10 und 50 Mitarbeitern können bisher nicht darauf zugreifen, sagt die KFW zum wiederholten Mal.

Ich habe heute keine Masken genäht, sondern mich als private Friseurin betätigt. Bin ganz zufrieden mit dem Ergebnis. Ich wollte schon als Kind Friseurin werden ;). Draußen wird es immer wärmer, man kann endlich wieder in der Sonne sitzen. Nachbarn grillen. Ich träume von einer einsamen Inseln in einem warmen Meer, freue mich an den blühenden Obstbäumen und versuche, meine elende Pollenallergie einfach zu ignorieren. Ich bin so dankbar, auf dem Land wohnen zu dürfen. Hier gibt es keine Enge. In den Städten steigt die Zahl häuslicher Gewalt deutlich an. Die WHO hat heute mitgeteilt, dass sich in manchen Ländern die Zahl Schutz suchender Frauen verdoppelt habe.

Immer mehr Normalbürger stellen sich inzwischen die besorgte Frage: Was passiert mit unserer Gesellschaft, wenn diese Pandemie überstanden ist? Wird sie wieder so werden wie sie war? Wäre das überhaupt gut?

Wie wird der Umgang mit den Grund- und Menschenrechten sein, wenn keine Notmaßnahmen mehr erforderlich sind? Wie wird es sein, wenn man wieder reisen kann? Wird diese Krise unseren künftigen Umgang mit der Natur, mit Tieren, mit dem Klima zum Positiven verändern? Wie werden die Menschen miteinander umgehen? Werden wir es wagen, uns wieder unbefangen zu umarmen? Werden wir vielleicht sogar etwas achtsamer als bisher miteinander umgehen? Immerhin zwingt uns die körperliche Distanz jetzt dazu, mehr auf Zwischentöne, auf Mimik und Gestik zu achten.

Wird uns der schmerzhaften Kopfstoß von Mutter Erde endlich zur Besinnung bringen? So, dass wir wirklich etwas verändern? Die Natur kommt so viel besser zurecht, wenn wir sie nicht ständig missbrauchen. Ich schätze, sie wäre glücklich vom „Virus Mensch“ befreit zu werden …

To be continued….

Weltwasserbericht 2019: Wir brauchen schnell Gerechtigkeit für alle!

Drei von zehn Menschen haben keinen Zugang zu sicherem (also sauberem und dauerhaft leicht verfügbarem) Trinkwasser. Fast die Hälfte der Menschen, die Wasser aus ungeschützten Quellen trinken, lebt in Afrika südlich der Sahara. Sechs von zehn Menschen haben keinen Zugang zu sicheren Sanitäranlagen und jeder Neunte verrichtet seine Notdurft im Freien. Über zwei Milliarden Menschen leben in Ländern mit hohem Trockenstress bzw. Wassermangel, etwa vier Milliarden Menschen erleben schwere Wasserknappheit mindestens einen Monat pro Jahr.

Krasse Zahlen im Weltwasserbericht 2019 der UNESCO, der heute veröffentlicht wurde. Wasser ist das Gold der Menschheit. Jetzt schon, in Zukunft aber noch viel stärker, wird es Kriege um das wertvolle Nass geben, denn Wasser bedeutet Leben.

Die Forderungen, die die UNESCO aus zurückgehenden Ressourcen und ungerechter Verteilung zieht, sind in steifer, korrekter Sprache formuliert, aber von enormer Brisanz: Verantwortlich dafür, dass jeder Bewohner dieses Planeten sein Menschenrecht auf frei zugängliches, sauberes Wasser, sowie effizienten Sanitäreinrichtungen nutzen kann, tragen die Staaten, aber auch die weltweit agierenden großen Konzerne, wie etwa Nestlé. Da die Einen wie die Anderen oft ihrer Pflicht nicht genügen, müssen sie sowohl von internationalen Organisationen wie etwa den Vereinten Nationen überwacht, als auch gegebenenfalls zur Rechenschaft gezogen werden. Neben enormen Investitionen für Förderung, Speicherung und Aufbereitung von Wasser, sowie einer geregelten Sanitärversorgung, braucht es nach Meinung der Organisation außerdem neue Formen der Zuweisung von Wasserresourcen. Eine Jahrhundertaufgabe, die entscheidend für das Fortbestehen der Menschheit werden wird.

Hier nun Auszüge aus dem Weltwasserbericht:

Der Wasserverbrauch steigt seit den 1980er Jahren aufgrund von Bevölkerungswachstum, sozioökonomischer Entwicklung und sich änderndem Konsum weltweit um etwa ein Prozent pro Jahr. Schätzungen zufolge wird das bis 2050 so weiter gehen. Für diesen kumulierten Anstieg von 20 bis 30 Prozent im Vergleich zum heutigen Wasserverbrauch ist vor allem die steigende Nachfrage von Industrie und Haushalten verantwortlich.

Die Menschenrechte verpflichten alle Staaten, sich für universellen Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen für alle ohne Diskriminierung einzusetzen und gleichzeitig den Bedürftigsten Vorrang einzuräumen. Die Verwirklichung der Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung erfordert, dass die Dienstleistungen verfügbar, physisch zugänglich, gerecht bezahlbar, sicher und kulturell akzeptabel sind.

„Niemanden zurücklassen” steht denn auch im Mittelpunkt der Verpflichtungen der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung. Ihr Ziel ist es, dass alle Menschen in allen Ländern von sozioökonomischer Entwicklung profitieren können und dass Menschenrechte vollumfänglich verwirklicht werden. Dabei muss zwischen “Wasserrechten” und den Menschenrechten auf Wasser und Sanitärversorgung klar unterschieden werden. Wasserrechte werden normalerweise nach nationalem Recht geregelt und werden einer Person oder einer Organisation aufgrund von Eigentums- oder Landrechten oder aufgrund von Vereinbarungen zwischen Staat und Grundeigentümer übertragen. Diese Rechte sind oft nur befristet verliehen und können auch entzogen werden. Die Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung sind weder befristet noch staatlich genehmigungspflichtig, noch können sie entzogen werden.

Zurückgelassen werden viele Menschen: Dazu gehören Frauen und Mädchen, ethnische, religiöse, sprachliche und andere Minderheiten; behinderte, alte und vor allem arme Menschen haben oft weder Zugang zu sicherem Wasser, noch zu sanitären Einrichtungen. Dabei unterscheidet die UNESCO zwischen verfügbarem Wasser und den Bedingungen unter denen dieses zugänglich gemacht wird. Zur Sanitärversorgung wird ebenso der Umgang mit Abfällen und deren Endprodukten gezählt wie die Sammlung dieser, wozu auch Toilettensysteme gehören.
Direkte Diskriminierung liegt vor, wenn Menschen durch Gesetze, Verordnungen, Richtlinien oder Praktiken bewusst der Zugang zu Dienstleistungen oder Gleichbehandlung verwehrt wird. Indirekte Diskriminierung liegt vor, wenn Gesetze, Verordnungen, Richtlinien oder Praktiken zwar neutral erscheinen, in ihrer Wirkung aber Menschen faktisch vom Zugang zu Dienstleistungen ausschließen.

Wie weit eine Grundversorgung mit Wasser sich auf einen Staat und seine Menschen auswirkt, ist extrem: Gesundheit und Produktivität verbessern sich. In Schulen steigen die Bildungsergebnisse, da Fehlzeiten, vor allem von Mädchen sinken. Die Anerkennung der Verantwortung der indigenen Völker für ihr Land und Wasser fördert sowohl deren Inklusion, die Verwirklichung ihrer Menschenrechte als auch die Wertschätzung ihres traditionellen Wissens.

Beim Zugang zu Wasser und sanitären Einrichtungen bestehen in Städten erhebliche Ungleichheiten zwischen Haushalten in Slums und außerhalb davon. Wohlhabende Haushalte haben oft hohe Servicequalität zu relativ niedrigen Kosten; arme Haushalte zahlen für einen Service von ähnlicher oder geringerer Qualität einen deutlich höheren Preis. Randgebiete von Städten werden oft gar nicht erst an die Versorgung angeschlossen. Dort lebende Menschen zahlen keine Steuern, werden nicht gezählt und gelten gar nicht als anerkannter Teil des Systems. In vielen Städten wird zudem deutlich weniger Infrastruktur zur Abwasserentsorgung als für die Wasserversorgung bereit gestellt. Dies trifft die ärmsten Bewohnerinnen und Bewohner von Slumgebieten am stärksten. Deshalb muss eine deutliche Verbesserung der Wasserversorgung mit entsprechenden Investitionen in die Sanitärversorgung einhergehen.

Von allen landwirtschaftlichen Betrieben weltweit sind mehr als 80 Prozent Familienbetriebe mit einer Anbaufläche kleiner als zwei Hektar. Kleinbauern bilden in vielen Ländern das Rückgrat der Lebensmittelversorgung. Sie tragen dort zu mehr als der Hälfte der landwirtschaftlichen Produktion bei. Doch gerade auf dem Land sind Armut, Hunger und Ernährungsunsicherheit am größten. In armen ländlichen Gebieten ist Wasserinfrastruktur nach wie vor kaum vorhanden. Millionen von Frauen und Männern auf dem Land sind daher mit Wasser und sanitären Einrichtungen unzureichend versorgt. Die Wasserbedürfnisse kleinbäuerlicher Bewässerungssysteme müssen stärker anerkannt werden, um sicheren und gleichberechtigten Zugang zu Wasser zu gewährleisten und zugleich künftige Wasserinvestitionen zu ermöglichen, fordert die UNESCO. Die Wasserzuteilung an Großverbraucher, sei es für die Bewässerung oder andere Zwecke, dürfe nicht auf Kosten der legitimen kleinbäuerlichen Bedürfnisse erfolgen, unabhängig davon, ob formale Wassernutzungsrechte nachweisbar sind oder nicht – ein klarer Hinweis auf missbräuchliche Nutzung durch Großkonzerne.

Die Zahl vertriebener Menschen weltweit steht aktuell auf einem Höchststand. Geflüchtete und Binnenvertriebene sind oft von grundlegender Wasser- und Sanitärversorgung ausgeschlossen. Fast ein Viertel dieser Vertriebenen lebt zwar in Lagern, die überwiegende Mehrheit jedoch in Städten und Dörfern. Sie werden von der jeweiligen lokalen oder nationalen Regierung oft nicht offiziell anerkannt und daher von Entwicklungsbemühungen ausgeschlossen.

Massenvertreibungen belasten an Durchgangs- und Zielorten die Wasserressourcen und die damit verbundenen Leistungen, einschließlich sanitärer Grundversorgung und Hygiene. Oft entstehen Ungleichgewichte zwischen der bereits ansässigen Bevölkerung und den neu Angekommenen. Da sich Regierungen der Zielländer oft gegen die Erkenntnis sperren, dass Vertreibungen langwierig sein können, bestehen sie auf Verbleib der Geflüchteten/Binnenvertriebenen in Lagern mit “temporären” oder “gemeinschaftlichen” Einrichtungen mit niedrigerem Leistungsniveau. Auch die umgekehrte Situation kann eintreten, so dass Geflüchtete qualitativ hochwertigere WASH-Dienste erhalten. Hier weist die UNESCO daraufhin, dass alle Menschen, auch Geflüchtete und Vertriebene, ein Anrecht auf angemessene Versorgung mit sicherem Wasser und Sanitäreinrichtungen haben und fordert die Staaten der Welt auf, eine „Lager-Politik“ zu vermeiden.

Im arabischen Raum wird die Pro-Kopf-Wasserknappheit aufgrund von Bevölkerungswachstum und Klimawandel weiter steigen. Allen Menschen trotz Wasserknappheit Zugang zur Wasserversorgung zu gewährleisten, ist gerade in Konfliktgebieten, wo Infrastruktur beschädigt, zerstört bzw. als Zerstörungsziel vorgesehen wurde, eine sich verschärfende Herausforderung, heißt es im Bericht. Humanitäre Hilfe ist hier immer stärker auch Entwicklungsarbeit, mit dem Ziel eine dauerhaftere Wasser- und Sanitärversorgung in Flüchtlingslagern und informellen Siedlungen auzubauen. Dies führt zuweilen zu Konflikten und Spannungen mit den aufnehmenden Gemeinschaften, besonders falls die beiden Gruppen keinen gleichberechtigten Zugang zur Wasserversorgung haben.

Im asiatisch-pazifischen Raum wurden 2016 29 von 48 Ländern aufgrund geringer Wasserverfügbarkeit und nicht nachhaltiger Grundwasserentnahme als wasserunsicher eingestuft. Die Wasserknappheit wird durch die Auswirkungen des Klimawandels noch verstärkt. Naturkatastrophen treten häufiger und intensiver auf, das Katastrophenrisiko steigt schneller als die gesellschaftliche Widerstandskraft. Katastrophen haben Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP), Einschulungsraten und Pro-Kopf-Ausgaben für das Gesundheitswesen. Sie können dazu führen, dass Menschen an der Armutsgrenze – mit Einkommen zwischen 1,90 und 3,10 US-Dollar pro Tag – in extreme Armut geraten.

Auch in Europa und Nordamerika ist der Zugang zu sicherer Sanitärversorgung vielerorts, vor allem auf dem Land, weiter eine Herausforderung. Besonders ernst ist für einen Großteil der Bevölkerung die Situation in Osteuropa, im Kaukasus und in Zentralasien. Aber auch viele Bürger in West- und Mitteleuropa sowie in Nordamerika haben keinen oder nur ungerechten Zugang zu Wasser- und Sanitärdienstleistungen.

In Lateinamerika und der Karibik müssen noch immer Millionen ohne angemessenes Trinkwasser auskommen. Noch mehr sind vom Mangel an sicherer und angemessener Entsorgung von Ausscheidungen betroffen. Menschen ohne Zugang zu Versorgungsleistungen leben vor allem in den Vorstädten, insbesondere in den Armutsgürteln.

Ganz schlimm ist die Lage im südlichen Afrika. Das Fortbestehen von Armut südlich der Sahara ist auch eine direkte Folge des Mangels an wasserwirtschaftlicher Infrastruktur sowohl in Bezug auf die Speicherung und Versorgung als auch auf die Verbesserung der Trinkwasser- und Sanitärversorgung. Dies wird wirtschaftliche Wasserknappheit genannt. Etwa 60 Prozent der Gesamtbevölkerung Subsahara-Afrikas leben auf dem Land. 2015 hatten nur drei von fünf Landbewohnern Zugang zu mindestens grundlegender Wasserversorgung; nur jeder fünfte hatte Zugang zu mindestens grundlegender sanitärer Versorgung. Etwa jeder zehnte trinkt bis heute unbehandeltes Oberflächenwasser, und viele arme Menschen auf dem Land, besonders Frauen und Mädchen, verbringen viel Zeit mit der Beschaffung von Wasser.

Mehr als die Hälfte des bis 2050 erwarteten Bevölkerungswachstums, nämlich 1,3 Milliarden von 2,2 Milliarden weltweit wird in Afrika stattfinden. Das Bevölkerungswachstum findet vor allem in Städten statt, was ohne angemessene Planung zu einem dramatischen Wachstum der Slums führen kann. Auch wenn sich die Lebensbedingungen in Slums zwischen 2000 und 2015 stetig verbessert haben: In Afrika bleibt die Rate des Wohnungsneubaus weit hinter der Rate des städtischen Bevölkerungswachstums zurück.

Maßnahmen in lokalen Gemeinschaften sind entscheidend für die Bekämpfung der eigentlichen Ursachen für das “Zurückbleiben von Menschen” in Bezug auf Wasser und sanitäre Einrichtungen, sagt die UNESCO. Verantwortungsvolle staatliche Steuerung würde hierarchische Machtstrukturen überwinden und gleichzeitig Rechenschaftspflicht, Transparenz, Legitimität, Bürgerbeteiligung, Gerechtigkeit und Effizienz – also einen menschenrechtsbasierten Ansatz – stärken. Neue Formen der Zuweisung von Wasserressourcen könnten verschiedene sozioökonomische Ziele erreichen – wie die Wahrung der Nahrungsmittel- und/oder Energiesicherheit oder industrielles Wachstum; garantierte Priorität müsse aber eine ausreichende Wasserverfügbarkeit in angemessener Qualität für alle sein.

Alle Akteure, die an der gleichberechtigten Verwirklichung der Menschenrechte auf Wasser und Sanitärversorgung beteiligt sind, haben ihre spezifische Verpflichtung und Verantwortung. Die Menschenrechte definieren den Einzelnen als Rechteinhaber und die Staaten als Pflichtenträger. Nichtstaatliche Akteure tragen ebenfalls Verantwortung für die Menschenrechte und können für deren Verletzung zur Verantwortung gezogen werden. Nichtregierungsorganisationen und internationale Organisationen spielen mitunter eine wichtige Rolle bei der Leistungserbringung und müssen Gleichberechtigung und Rechenschaftspflicht gewährleisten. Internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen, internationale Handels- und Finanzinstitutionen und Partner der Entwicklungszusammenarbeit sind aufgerufen, dafür Sorge zu tragen, dass ihre Unterstützung in jene Länder oder Regionen fließt, die am wenigsten in der Lage sind, das Recht auf Wasser und Abwasser zu verwirklichen.

Siehe auch:

Bottled Life: Nestlés einträgliche Geschäfte mit Wasser

Geliebtes Wasser, unbekanntes Wesen

Trinkwasser ist ein Menschenrecht und darf nicht privatisiert werden!

Update: Süßwasserseen unter der Antarktis entdeckt

 

Leben mit einem Narzissten: So sieht er sie – so erlebt sie die Beziehung

Diese beiden Beiträge sind emLife entnommen, einem Forum, in dem sich Frauen mit emotionaler Gewalt auseinander setzen. Ich übernehme sie hier in Ergänzung zu den weiteren Beiträgen in diesem Blog, die sich mit disfunktionalen Partnerschaften auseinandersetzen (Links am Ende des Beitrags).

Die Beziehung aus seiner Sicht

Dieser Beitrag wurde aufgrund eigener Feststellungen und Erfahrungswerten betroffener Frauen geschrieben. Dieser Artikel ist nur der Versuch einer Darstellung. Er bezieht sich nicht auf wissenschaftliche Untersuchungen oder andere Tatsachen.

Körperliche Beschwerden und seelische Beeinträchtigungen sind weitreichende Folgen von „emotionaler“ Gewalt. Diese wird sehr häufig von Menschen eingesetzt, die an Persönlichkeitsstörungen leiden. Mit Hilfe dieser Gewaltform, versuchen sie Einfluss auf andere zu nehmen. Der Gedanke, dass der eigene Partner nicht zu dieser Gruppe gehört, herrscht meist vor. Narzissten und Energiesauger zeigen sich aber erst von ihrer guten Seite und tarnen sehr genau ihr destruktives Verhalten, ehe die Verletzungen beginnen und schleichend ihre Wirkung zeigen.

Die erste Phase – Honeymoon
In der ersten Phase der Verliebtheitgibt die Partnerin viel von sich preis. Sie fühlt sich verstanden und geliebt, weil der Partner soviel Interesse an ihr zeigt. Ihre positiven Eigenschaften und kleine Schwächen werden genau festgestellt und gedanklich festgehalten.

Überlegungen, Hintergründe?
Würde er sich gleich destruktiv benehmen, wäre keine Frau der Welt bereit bei ihm zu bleiben. Das weiß er. Aus anderen Erfahrungen hat er gelernt sich anzupassen und alles ganz vorsichtig in Gang zu setzen.
Dieser Anpassung liegt aber keine Kompromissbereitschaft zugrunde, sondern pure Berechnung. Wo er keinen direkten Nutzen für sich sieht, passt er sich ohne Probleme an und ordnet sich unter. Im anderen Fall versucht er nicht zu direkt aufzutreten.
Er sieht sich um. Wenn es noch andere Personen in seinem Leben gibt, reagiert er dort seine destruktives Seite ab. Die Ex, andere Ex-Partnerinnen und andere Frauen sind willkommene Anwärterinnen. Seine aktuelle Liebesbeziehung lässt er erst einmal wachsen und gedeihen. Es ist der Himmel auf Erden für die Frau, die jetzt  lernt, wie das Leben mit ihm sein könnte.
In dieser Phase genießt er ungemein, dass sich diese „starke“ Frau für ihn interessiert. Wendet die Partnerin sich mit eigenen Bedürfnissen an ihn, wird es schwierig für ihn und sie wird zu einer tendenziell steigenden Belastung. Zu diesem Zeitpunkt lässt er die Partnerin dieses jedoch noch nicht spüren. Noch nicht!
Da sie ihn in der ersten Zeit nicht übermäßig kritisiert und ihm oft den Vorzug gibt, findet er diese Zeit trotz allem sehr anregend und belohnend. Sie stellt wenig Forderungen und er nutzt die Zeit, um ihre Schwächen genau zu studieren.

Man collecting the stars and putting them in a wheelbarrow.

Mit ihrer Kritik löscht sie ihn aus und setzt sich von ihm ab. Davon weiß sie aber noch nichts und es fällt ihm schwer, das zu verstecken. Genauso ist es mit ihren Erfolgen. Diese gefallen ihm auch nicht. Schön, dass sie erfolgreich ist, aber damit ist sie unabhängig von ihm und das stört ihn ungemein.

Liebenswürdig teilt er seiner Partnerin mit, dass er sich ihre Vorschläge zu Herzen nimmt und freut sich, dass diese ihm glaubt. Ihre Erfolgserlebnisse werden jedoch weiter ignoriert und auch in Zukunft nicht zur Kenntnis genommen. Herzlichen Glückwunsch!

Er bestimmt die Regeln

Im Alltag versucht er sie nach und nach langsam, aber beständig, verschiedenen Irritationen auszusetzen. Er verlangt Kleinigkeiten: Dass sie manche Türen zumacht und andere bitte nur angelehnt lässt. Er fordert, dass sie ihre Küche in Ordnung hält, obwohl er genau weiß, das nur ein ungespülter Teller der Grund für seine beißende Kritik ist. Die Frau möchte sich nicht mit solchen Kleinigkeiten belasten und geht darauf ein. So beginnt sie unmerklich, sich nach seinen Wünschen auszurichten.
Er wertet dies als Erfolgserlebnis und fährt fort mit seinem Tun. Wenn sie weiteres Fehlverhalten zeigt, reagiert er übertrieben und bauscht selbst Kleinigkeiten als Unvermögen ihrerseits auf.
Sie wird noch einsehen müssen, dass ihr Leben sich nur um ihn und seine Sicht der Dinge zu drehen hat.
Er legt weiteres irritierendes Verhalten an den Tag, und da er an Klärung und Struktur nicht interessiert ist, bleibt sie mit ihren ungelösten Problemen fragend zurück.
Sie wird fahrig und nervös und macht allein schon deshalb weitere Fehler. Diese werden jetzt sichtbar angeklagt, und so tauchen scheinbar immer mehr Probleme auf. Sind keine Probleme in Sicht, zettelt er Streit an oder geht auf Liebesentzug. Das beschäftigt die nervös gewordene Partnerin garantiert tagelang.
Wenn dies nicht klappt, ist er ist übermäßig kontrollierend und bringt sich so in Erinnerung. Kleine Schwächen von ihr gehen jetzt nicht mehr als liebenswerte Eigenschaft durch. Wenn er sie deswegen kritisiert, merkt er sich wo sie Grenzen setzt, und wo sie ihn gewähren lässt.
Sein Wert ist ihr Maßstab und dieses muss sie begreifen lernen. Kritik an ihm empfindet er als Vernichtung, die nicht hingenommen werden kann. Diese wird jetzt auch nicht mehr geduldet. Wenn sie ihn kritisiert, nimmt er an, dass sich „seine“ Partnerin gegen ihn stellt. Er geht sogar soweit, aus diesem Grund die Beziehung zu beenden. Natürlich nur, um am nächsten Tag wiederzukommen, aber das weiß seine Partnerin noch nicht.
Er spielt mit ihrer Verlustangst. Dort setzt er an, um sie zu verunsichern. Was ist sie bereit für ihn zu tun? Kritisiert sie ihn weiterhin? Wann ist sie überfordert und zieht sich zurück?
Er beginnt zu testen. Wenn du nicht …., dann werde ich ….
Das ist jetzt eindeutig emotionale Erpressung, aber er tarnt das sehr geschickt, damit sie nicht merkt was vor sich geht.
Er führt immer gute Gründe an, um etwas von ihr zu verlangen. So kann er mit geeigneten Mitteln ihrer Wahrnehmung „Ich werde kontrolliert und getestet“ entgegen treten und weiter auf seinen vermeintlichen kleinen Forderungen bestehen.
Diese Forderungen sind niemals überzogen oder aus der Luft gegriffen. Immer gibt es einen Anlass oder eine vergessene Tatsache, um die Partnerin daran zu erinnern, dass sie sich im Grunde für ihr mangelhaftes Wesen schämen muss.

Der Andere wird geschwächt
Mit diesem provozierenden Verhalten deckt er immer neues Fehlverhalten,  persönliche und charakterliche Schwächen auf. Diese stellt er in einen ungesunden Fokus. Dann dreht er es so, dass er damit nicht leben kann und er alles nur toleriert, weil er sie liebt. Ist er nicht ein toller Mann?
Ja, er liebt sie. Und das teilt er ihr auch immer wieder mit. Sie stellt sich noch etwas quer und empfindet vieles ganz anders, aber ihre gesamte Wahrnehmung ist sowieso ein Problem. Sie hat ja durchaus manchmal recht, aber das gefällt ihm nicht.
Sie spielt sich manchmal in den Vordergrund, und das gefällt ihm auch nicht. Es gibt jetzt viele Dinge, die ihn stören. Sie telefoniert zuviel mit den Kindern und kümmert sich um die falschen Leute. Wenn sie versucht über ihn zu bestimmen, wird es ganz blöd.
Er beginnt zu lügen und stellt sie als vergesslich hin, wenn sie seine Lügereien aufdeckt. Schließlich hat er ihr doch gesagt, dass er abends weggeht.
Er lügt. Sogar wenn er mit der Wahrheit besser weg kommt. Selbst bei unbedeutenden Kleinigkeiten bleibt er nicht bei der Wahrheit. Warum auch, die Dinge sollen schließlich so laufen, wie er sich das vorstellt und nicht so, wie die Tatsachen es vorgeben. Er verspricht Dinge, die er nicht tun will und vergisst sie dann leider. Was bildet sich diese Frau auch ein. Dass er ihr „Spielball“ ist?
Notfalls werden auch ganze Lebensabschnitte umgeschrieben und umgedichtet. Und was für ein Unsinn, dass sie ihn etwas fragt. An seine Antwort könnte er sich doch Wochen später gar nicht mehr erinnern.
Sie würde sich die Antwort merken und noch mehr Lügen aufdecken. Oder schlimmer noch, sie könnte von ihm verlangen, dass er sich an seine Worte hält. Also bekommt sie auf keine Frage eine Antwort. Und wenn, dann keine, die zur Frage passt.
Gespräche, die auf dieser Basis geführt werden, führen bei seiner Partnerin zu Erklärungsnöten, und der Gesprächsbedarf in der Beziehung wird immer größer. Je mehr die Frau versucht, eine Lösung für ein Problem zu finden, desto mehr Probleme tun sich auf. Das Gespräch selbst wird jetzt zum Problem.
Dass sein Verhalten zur völligen Verwirrung der Frau führt, gefällt ihm. Er bestimmt ja schließlich, wann ein Gespräch begonnen wird und über welches Thema gesprochen werden soll. Er bestimmt auch, wann das Gespräch endet und ob es überhaupt stattfindet. Im Zweifel hat sie alles falsch verstanden oder hat eine verdrehte Wahrnehmung. Da sie feststellt, dass mit der Kommunikation etwas nicht stimmt, wird sie ihm lästig. Je mehr sie reden möchte, je mehr verweigert er nun gemeinsame Gespräche.

Kampf – nur keiner weiß warum
In „seinen“ Augen feindliches Verhalten wird jetzt richtig abgestraft. Sehr dezent, aber mit klaren Worten macht er ihr nach und nach klar, wo es tatsächlich lang geht. Da er bestimmt, was feindliches Verhalten ist, wird es immer schwerer für sie, etwas richtig zu machen. Normales und alltägliches Verhalten ist eine feindliche Gesinnung in seinen Augen. Die Strafe folgt auf dem Fuße, ohne dass sie überhaupt weiß, worum es geht.
Er legt Spielregeln fest, ohne bekannt zu geben, welches Spiel gespielt wird. Er bestimmt jetzt, wie sie auf etwas reagiert. Ist sie zu fröhlich, weiß er genau, was er tun muss, damit diese Fröhlichkeit ganz unauffällig aus ihrem Gesicht verschwindet. Möchte er mehr Bestätigung, macht er sie ganz unauffällig eifersüchtig. Will er seine Ruhe, ist es ihr Unvermögen, den Feierabend gemütlich zu gestalten, und er geht alleine aus. Möchte er der Langeweile entfliehen, fängt er Streit an oder bringt sie zum Weinen.
Kritik in seine Richtung ist jetzt ganz außer Kraft gesetzt. Schon aus dem einfachen Grund, dass er mit der Zeit alles abgegeben hat, wo Kritikpunkte auftauchen könnten.
Sie ist es jetzt, die für alles im Haushalt zuständig ist. Für sein Wohlergehen, sein Leben, die Verabredungen. Wenn es Kritik gibt, kommt sie jetzt von ihm. Wenn etwas falsch läuft, sucht und findet er die Schuld bei ihr. Das Leben wird immer schöner und besser für ihn.
Lehnt Sie sich gegen dieses Verhalten auf, macht er ihr ganz unauffällig klar, dass sie ohne ihn ein „Nichts“ ist, weil sie nichts richtig machen kann. Ihre Fehler der Vergangenheit bestätigen das schließlich.
Auch die Personen mit denen sie sich umgibt, sind fehlerhaft. Dass er nicht bereit ist, sie mit diesen Personen zu teilen, hat er ihr unauffällig schon vorher klar gemacht. Auch mit den Kindern wird er sie nicht teilen. Mit seinen eigenen Kindern schon gar nicht.
Wie sie das Leben mit diesen Personen in Zukunft führt, ist ganz alleine ihre Sache.
Wenn sie nicht will, was er möchte, braucht er eine Auszeit. Ganz einfach. Dass dieses Verhalten jedesmal in einem Eifersuchtsdrama ausartet, ist auch nicht seine Schuld. Er war nur kurz ein Bier trinken und dies mit der anderen Frau hat er nicht zu verantworten.
Obwohl ihm ihre Eifersuchtsdramen seit geraumer Zeit auf die Nerven gehen, bleibt er in diesem Punkt gelassen. So oft klingelt sein Handy doch jetzt wirklich nicht. Manchmal macht er sich sogar den Spaß und lässt seinen E-Mail-Abruf wie SMS klingen. Sie fragt dauernd, wer geschrieben hat. Toll.
Ihre Wünsche und Vorstellungen sind zwar manchmal auch seine, gehandelt wird aber nur, wenn es für ihn definitiv keinen Nachteil bringt. Forderungen darf sie auch jederzeit an ihn stellen, aber wenn er etwas für sie tut, dann nur zu seinen Bedingungen.
Wenn er ihre Meinung braucht, wird er sie fragen, aber ungefragt will er ihre Meinung nicht. Mit Liebesentzug und Ignoranz wird deutlich gemacht, was er ihr selbst nicht sagen möchte.

Angriff – erlebte Partnerschaftsgewalt
Dem Opfer wird langsam bewusst, dass etwas vorgeht, das überhaupt nicht in Ordnung ist. Wenn sie sich widersetzt, erfolgt jetzt auch der direkte Angriff. Als ob er sich sowas gefallen lassen würde.
„Doch nicht von so einer „Schlampe“. Was denkt die sich denn eigentlich,  was bildet sie sich ein? „Die“ soll froh sein, das er sich überhaupt noch mit „der“ abgibt“.
In dieser Situation sieht er sich nach anderen Frauen um und testet, ob er noch auf dem Markt ist. Ganz unauffällig natürlich. Er braucht halt diese Bestätigung. Umgesehen hatte er sich vorher zwar auch schon, aber da ging es ihm mehr darum, Eifersuchtsdramen zu provozieren.
Die SMS von anderen Frauen braucht er bald auch nicht mehr zu fingieren, die landen jetzt tatsächlich auf seinem Handy.
Um das alles elegant zu tarnen und die Partnerin weiter zu verunsichern, erinnert er sich nur mit Mühe an seine Versprechen. Die Frau muss ihm stundenlang erklären, welche gemeinsamen Vereinbarungen getroffen wurden. In seiner Erinnerung hat immer etwas anderes stattgefunden.
Es findet grundsätzlich immer das statt, was im Moment am besten passt.
Die Frau ist sich schon lange nicht mehr sicher, ob das, was sie denkt, auch das ist, was sie gehört hat.

Eingang zur inneren Pyramide-0395

Trennung als Mittel zum Zweck
In diesem ganzen Durcheinander weiß er trotz allem sehr gut, was seine Partnerin (Opfer) gerade noch so gewillt ist, hinzunehmen. Ist er zu weit gegangen, rudert er zurück. Wenn sie sich trennen will, spürt er das ganz genau und lenkt wieder ein. Ihm geht es mehr darum Verlustängste bei ihr auszulösen, als sich wirklich zu trennen.

Die andere Frau in seinem Leben ist ja auch nicht übel. Mal sehen, wie er da vorgehen kann und wie viel ihm diese geben kann.
Nur dumm, dass jetzt beide anfangen, ihn zu kontrollieren. Wenn beide auf den Gedanken kämen in sein Handy zu schauen, würden sie sich wundern. Zuhause trägt er seine Frau auf Händen, falls eine Trennung ansteht und seiner Nebenbeziehung erklärt er, dass er sich trennen wird.
Er merkt, dass der Widerstand zuhause langsam zusammenbricht und seine Frau sich seinen Wünschen anpasst, um diese Beziehung weiterführen zu können. Schon lange fragt sie nicht mehr nach, wo er seine Zeit verbringt. Bestätigung gibt es jetzt auch von anderer Seite und er ist nicht mehr auf sie angewiesen. Dass seine Frau immer unglücklicher wird, stört ihn nicht sonderlich.

Die Vernichtung
Dass sie jetzt aber oft krank ist, macht keinen Spaß. Im Grunde hat er schon lange kein richtiges Interesse mehr an ihr. Wer soll ihn jetzt noch bewundern? Diese völlig gebrochene Persönlichkeit? Diese hysterische Ziege, die ihm erzählen will, wo es lang geht und immer unausstehlicher wird? Das Häufchen Elend, das so oft heulend vor ihm sitzt? Ist ja schon toll, diese ehemalige starke Frau jetzt weinen zu sehen, aber wer will das schon jeden Tag. Da sucht er sich doch lieber was Neues.
Ach nein, das hat er ja schon gefunden.
Er überlegt, dass er die Neue ja auch zugrunde richten wird und dann wieder von vorne anfangen muss. So richtig hat er dazu keine Lust. Sollte er jetzt gehen, wäre es das Beste für die aktuelle Partnerin, die längst nicht mehr weiß, was sie von dem Ganzen halten soll, aber gewiss nicht für ihn. Und wie er sich fühlt, sollte doch doppelt so wichtig sein. Er muss auf seine Seele achten, sonst tut das ja keiner (Sarkasmus).

Honeymoon
Also wird sie wieder in den „siebten Himmel“ der Liebe gehoben und zurückerobert, damit sie sich etwas erholen kann. Wenn das gelingt, ist er das Tollste unter der Sonne. Mehr Aufwertung geht nicht mehr.
Das ist doch der Gipfel seiner Macht. Beziehungsarbeit und Erhalt der Partnerschaft durch Geben, Nehmen und Liebe sind ihm fremd. Warum sich damit belasten und über vergangene Fehler und Versäumnisse diskutieren? Die Meinung seiner Partnerin zählt für ihn sowieso nicht.
Kommt „seine“ Partnerin wieder zu ihm zurück, beginnt das gleiche Spiel von vorne. Sein destruktives Verhalten wird er nicht ablegen. Er wird sich nur andere Mittel und Wege überlegen, um sein Ziel zu erreichen.
Ob er seine Geliebte dann wirklich aufgeben wird, steht auch noch in den Sternen.

Fazit

Er braucht keine Partnerin mit eigenen Gedanken oder Ansichten. Er braucht eine Person, die ihn bestätigt und die ihm emotionalen Input bietet. Jemanden, in dem er Gefühle auslösen kann, und das bitte auf Knopfdruck. Er braucht eine Partnerin, die seine Frustration, Angst, Unsicherheit und Aggression übernimmt und an sich selbst und über andere wieder abreagiert. Sein destruktives Verhalten wird sehr schwere Spuren in ihrer Psyche hinterlassen.
Sie ist zwar nicht geschlagen worden,
aber …

@by Evelina Blum
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Beziehungsverlauf aus ihrer Sicht

Ein seltsames Verhalten dort; eine respektlose Bemerkung da. Manche Situationen lassen mehr vermuten, aber dies wird schnell verdrängt. Die „Partnerschaftsgewalt“ wird gut getarnt. Erfahrungswerte und geliehene Blickwinkel geben diesem Vorgang ein sehr unschönes Gesicht.

Dieser Mann ist eine charismatische Persönlichkeit. Keine Frage!
Er hat ein charmantes Lächeln, drückt sich gut aus, ist erfolgreich, gestriegelt und gestylt, strahlt nach außen hin manchmal völlige Makellosigkeit aus. Andere sehen eher unscheinbar aus und haben doch den Glanz und die Macht, selbst die schönsten Frauen an sich zu binden.
Ist er tatsächlich diese Art Mann, der die Beziehung und seine eigene Partnerin aufgrund seiner Persönlichkeitsstörung zugrunde richten wird?
Was ist nur gestresstes Verhalten in der Beziehung und wo beginnt die „emotionale Gewalt“?

Seelenverwandt und verliebt

Träume, Zukunftsvorstellungen, alles passt perfekt. Sie fühlt sich toll, wird geachtet und in den Himmel gehoben. Sie fragt sich selbst, warum „sie“ so geliebt und geachtet wird, aber das gerät bald in den Hintergrund. Sie fühlt sich endlich mal mit einem Mann so „richtig“ und „gut“ , und nur das zählt.
Die Frau bekommt eine Art von Bestätigung, wie sie es selten erlebt hat. Sie steht ganz im Fokus des Mannes. Alles geht relativ schnell, und auch wenn der Mann äußerlich nicht dem entspricht worauf sie sonst geachtet hat, wird jetzt ihre Liebe bis in den Himmel wachsen. Noch nie ist sie von einem anderen Menschen so bewundert und scheinbar geliebt worden.

Erste Störungen – Ausreden werden gesucht
Kleinere verbale Aussetzer in ihre Richtung, tut sie als Überarbeitung oder anderweitigen Stress ab. Für sein manchmal seltsames Verhalten liegt immer ein nachvollziehbarer Grund vor.
Sie denkt sich: „Vielleicht kommt er aus einer schwierigen Beziehung“, oder findet andere Gründe.
Den damit verbundenen Stress nimmt die Frau gerne in Kauf, besonders wenn er ihr erzählt, das die Ex nicht wirklich gut mit ihm umgegangen ist. Sie schiebt das Unwohlsein von sich und konzentriert sich darauf, ihrem Partner zu helfen, der sich noch gefühlsmäßig damit auseinandersetzt,  unfair behandelt worden sein.
Er erzählt ihr, wie schlecht diese Beziehung war und dass er froh ist, dieser Verbindung entkommen zu sein. Natürlich wird sie versuchen, die schlechten Verhaltensmuster seiner Ex aus ihrer Beziehung zu verbannen und will ihm beweisen, dass es auch anders geht. Sehr taktvoll nicht wahr?
Haben beide noch Kinder mit anderen Partnern, ist ja alles auch nicht so einfach für diesen Mann.
Vielleicht denkt sie in einem anderen Fall, er sei lange keine gute und harmonische Beziehung mehr gewohnt und dass er sich erst wieder an verschiedene Dinge gewöhnen muss.
Vielleicht ist Sie auch einfach froh, diesen Mann für sich gewonnen zu haben.
Seltsames Verhalten nimmt sie nicht so ernst, weil dieses ganz harmlos daherkommt. Sie stutzt zwar manches Mal, verdrängt dies aber schnell. Sie erklärt ihre Sichtweise und macht Verbesserungsvorschläge.

Unwohlsein – Ausreden werden gefunden
Unmerklich beginnt sie, sich ungewohnt schlecht zu fühlen und ist etwas zerstreut. Ihre Gedanken hören nicht mehr auf zu kreiseln, die innere Ruhe kehrt nicht mehr ein. Eigentlich kennt sie das so nicht von sich. Es wird der allgemeine Stress sein. Denkt sie.
Sie weiß, dass es in dieser Beziehung Probleme gibt, die noch gelöst werden müssen. Er ist oft ungeduldig und kritisiert auch mehr als in der ersten Zeit der Verliebtheit. Aber das macht er ja nur, weil er Probleme hat und sie sich in vielen Fällen auch nicht richtig verhält. Der Stress verstärkt das ganze noch. Sie muss nur ruhiger werden, dann ist wieder alles in Ordnung.
Einiges an ihrem Verhalten hat sie schon zu seinem Gunsten eingestellt, damit dieses Kritisieren und sein Verhalten, welches Enttäuschung seinerseits signalisiert – endlich einmal aufhört. Und es hat auch schon etwas aufgehört. Diverse Diskussionspunkte hat Sie mit ihrem veränderten Verhalten schon ausgeschaltet. Sie weiß nicht, warum sie sich noch Sorgen macht. Er sagt und zeigt ihr das er sie liebt, also muss doch auch alles in Ordnung sein.

Verzicht – Ausreden werden umgesetzt
In einigen Situationen stellt sie staunend fest, dass der Mann jetzt ganz anderen Interessen und Verhaltensmustern nachgeht als zuvor behauptet. Da hat sie damals wohl etwas falsch verstanden. Jetzt findet er es langweilig, sie bei ihren Unternehmungen zu begleiten oder sie zu bitten, bei seinen Aktivitäten dabei zu sein.
Auch lästige Gewohnheiten stellen sich ein. Er schaut gerne Pornos und ist hin und wieder ganz aufreizend an anderen Frauen interessiert. Gespräche laufen jetzt auch etwas anders. Er sieht zwar ein was falsch läuft, unterstellt ihr aber Absichten: Sie sei nicht an seinem Wohl interessiert. Sie sei eifersüchtig. Sie sei kleinkariert und zänkisch.
Mit der Zeit lässt sie ihn lieber machen, was er möchte. Das Geplänkel mit den anderen Frauen stuft sie als harmlos ein, und dass er sie jetzt manchmal als faul und dumm beschimpft, sagt er ja nur, weil es gerade Streit gibt, und das ist alles nicht so schlimm. Gerade eben hat er noch gesagt, dass er sie liebt und verlangt, dass sie ihm dies auch sagt.

Haushalt und Unfrieden

Ein diffuses Gefühl der Verunsicherung und der Verlorenheit bleibt jedoch zurück. Auch wenn sie nicht mit ihm zusammen ist, stellt sie fest, dass ihr Körper auf einer Art Alarmstufe läuft. Es werden verbale Botschaften verteilt, mit denen sie nicht umgehen kann.
In ihrer freien Zeit versucht sie dem auf die Spur zu kommen und Lösungswege für die verschiedenen Arten der Probleme zu finden. Erklärungen von ihm helfen ihr dabei. Sie muss einsehen, dass vieles so ist, weil sie den Haushalt nicht im Griff hat oder andere Konflikte magisch anzieht.
Je mehr Probleme es gibt, desto mehr Gespräche finden jetzt statt. Am Anfang der Beziehung hat er ihre Sätze zuende gesprochen, jetzt reden beide irgendwie aneinander vorbei.
Sie versucht die Missverständnisse, die sich daraus ergeben aus dem Weg zu räumen. Manchmal hat er keine Lust auf solche Gespräche und geht dem aus dem Weg. Sie schreibt Mails und versucht so, ihm ihre Denkweise näher zu bringen und eine Lösung zu finden. Zuerst reagiert er noch auf ihre Mitteilungen, mit der Zeit aber nicht mehr.

Die Kinder
Wenn Kinder da sind, werden diese mit der Zeit jetzt auch zum Problem. Sie tun seiner Meinung nach das Übrige, um die Beziehung zu „gefährden“!!!
Seine Kinder, falls vorhanden, bleiben eher außen vor. Immer sind es ihre Kinder, mit denen es Probleme gibt und mit denen sie, seiner Meinung nach, nicht zurecht kommt.
Mit versteckten Andeutungen wird sie darauf aufmerksam gemacht, denn selten wird etwas offen gegen ihre Kinder vorgebracht. Trotzdem schmerzt es sie, weil sie eigentlich auf der Seite ihrer Kinder stehen möchte und sich jetzt entscheiden muss.
Sie hat immer mehr Streit mit den Kindern und stellt fest, dass er recht hat. Die Kinder verstehen nicht, dass sie sich nur anders verhalten müssten. Würden sie das tun, wäre ja auch alles in Ordnung. Sie grübelt und grübelt, wie sie das Problem lösen soll.

Sogar wenn es sich um die eigenen Kinder handelt, werden diese immer mehr zum Problem. In der ersten Zeit freut es sie, dass er viel Zeit mit ihr verbringen will, aber unmerklich bringt sie dies unter erheblichen Druck. Sie kann sich nicht so um die Kinder kümmern, wie sie es gerne tun würde. Zusätzlich fördert er Situationen, in denen ihr Ansehen bei den Kindern  erheblichen Schaden nimmt und verhält sich selten partnerschaftlich. Wenn sie ihn darauf anspricht, weiß er nicht, was sie von ihm möchte. Sie sieht vieles zu überzogen und regt sich umsonst auf.

Lügen und Verbiegen

Er lügt jetzt auch mehr, stellt sie fest. Waren es vorher immer nur kleine Notlügen, vermutet sie jetzt, dass er mit seinem Verhalten einem direktem Streit lieber aus dem Weg geht. Verständlich, wie sie meint. Sie überdenkt noch einmal ihr Verhalten und stellt fest, dass sie sich einfach mehr bemühen muss. Sie muss ihm mehr Freiheit geben, damit er sich nicht Unwahrheiten und Notlügen verliert. Schließlich möchte er ihr ja nicht weh tun, sondern nur erzählen, wie etwas wirklich war. Er ist ja so ein netter Mann.
Und am Anfang hat er sie so toll gefunden und sie hat sich so gut gefühlt. Es wäre doch gelacht, wenn sie dies nicht wieder erreichen kann.
Sie kauft sich andere Kleidung, schminkt sich etwas mehr und gibt sich frei und unbeschwert. Das mag er nämlich sehr. Sie setzt alles konsequent um und sieht endlich den Erfolg. Sie wird wieder richtig gelobt und in den Himmel gehoben.
Und sie lernt mehr auszuhalten. Sie lernt grobes Verhalten zu ignorieren und auch gemeine Beleidigungen als Spaß zu sehen, weil er es doch nicht so gemeint hat. Sie muss eben vieles ändern und ist auf einem guten Weg.

Vernachlässigung und Isolation
Mit der Zeit fühlt sie sich jedoch wie gelähmt, und wenn er in der Nähe ist, kann sie sich nicht richtig konzentrieren. Die familiäre Situation mit den Kindern zerren ebenfalls an ihren Nerven. Deshalb hat sie, bevor er nach Hause kommt, schon alles nach seinen Wünschen ausgerichtet. Schließlich soll es ein schöner Tag werden und nicht im Stress oder Streit enden.
Und tatsächlich, die Zeit vergeht und es scheint immer besser zu werden, nur dass sie sich oft müde fühlt. Die Beziehung ist anstrengend und sie stellt fest, dass sie keine Lust mehr hat, etwas zu unternehmen oder sich mit ihren Freundinnen zu verabreden.
Da ihr die Motivation dazu fehlt, hat sie dieses Problem schnell gelöst. Er findet ihre Freizeitaktivitäten ohnehin nicht besonders toll,  das ist ihr längst bewusst. Er selbst würde zwar nie etwas in der Richtung verlauten lassen, aber sie merkt es auch so. Auch auf ihre Familie und ihr direktes Umfeld ist er nicht gut zu sprechen.
Immer deutlicher begreift sie, dass, wenn sie alles im Griff hat und sie bestimmte Leute fern hält, alles harmonisch abläuft. „Sie“ muss halt dafür sorgen, dass diese Beziehung funktioniert und die Kinder und der Rest der Familie nicht allzu viel Raum einnehmen und sich störend auswirken.
Für die Beziehung selbst, tut „er“ nicht viel. Obwohl: Er lässt auch manches Verhalten weg, das ihr nicht passt. Sie muss dafür zwar auch liebgewonnene Tätigkeiten aufgeben, aber das macht sie gerne für diesen Mann.
Die eine Freundin war ja schon immer was komisch, warum also noch mit ihr befreundet bleiben, zumal auch er meint „die“ sei nicht gut für sie. Er macht sich halt Sorgen um sie. Und es ist wie früher.

Sein Verhalten – Wortbruch
Und schlechte Tage gibt es in jeder Partnerschaft. Mit der Zeit nimmt er sich jedoch immer mehr das Recht heraus, getroffene Absprachen zu brechen. Dieses Recht hat sie scheinbar nicht.
Das kann sie zwar nicht ganz einsehen, aber für ihn gibt es immer nachvollziehbare Gründe und sie hat eine zu engstirnige Haltung, um dafür Verständnis zu haben. Das muss sie akzeptieren und nach Möglichkeit ändern. Überhaupt ist vieles ihr Verschulden. Das sie ihn jetzt bei richtigen Lügereien ertappt, ist auch ihre Schuld. Sie ist einfach zu penetrant, reagiert völlig überzogen und fordert zuviel Rechenschaft von ihm. Sie mutet ihm schon eine Menge zu.
Dass er ihr Handy kontrolliert findet sie ganz in Ordnung, weil seine Ex früher wie wild mit anderen Männern geschrieben hat. Da darf er heute gerne sehen, das sie „so“ nicht ist. Umgekehrt käme das natürlich nicht in Frage. In Zukunft wird vieles besser werden, da ist sie sich sicher.

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Ihre Reaktion – Krankheit
Stattdessen wird sie jedoch öfter krank oder hat Migräne. Ihre Wahrnehmung ist verzerrt und alles ist wie im Nebel. Sie ist froh, sich mit Krankheit etwas Zeit zum Ausruhen nehmen zu können. Manchmal stellen sich Herzrhythmusstörungen, Regelschmerzen und ungewöhnlich lange Regelblutungen ein. Der Arzt fragt sie nach nervlichen Belastungen und ob sich in der letzten Zeit etwas verändert hat. Die Frau sitzt zuhause und grübelt. Was hat sich verändert?
Nichts, außer dass sie jetzt eine Beziehung hat.
Und so schön, wie es am Anfang war, konnte es ja auch nicht bleiben, dies ist in jeder Beziehung so. Dass er sie manchmal nach außen hin als „faul und engstirnig“ darstellt, muss auch etwas zu bedeuten haben. Vielleicht ist sie ja wirklich krank. Ist das alles normal ?
Aber da gibt es auch die sehr schönen Zeiten, wo alles wieder wie früher ist. In denen er erzählt, wie viel schöner alles noch werden wird, wenn sie nur endlich …

Hilfe suchen
Sie geht auf die Suche. Was könnte sie noch besser machen? Brigitte-Ratgeber, Freundin-Ratgeber, aber ihr Problem steht dort eigentlich nicht. Sie schaut ins Internet und findet etwas über „emotionale Gewalt“. Dort taucht ein erstes Mal der Gedanke auf, dass es nicht an ihr liegt.
Sie muss soviel hinnehmen in dieser Beziehung. Sie verbringt viel Zeit mit Lesen und findet ähnliche Fälle. Richtig identifizieren kann sie sich mit diesen Schilderungen aber nicht. „Emotionale Gewalt“ kann es auch nicht sein, „Partnerschaftsgewalt“ schon gar nicht. Er schlägt sie nicht und ist auch sonst kein gewalttätiger Mensch.
Mit der Zeit geht er eben nur ungeniert seinen Vorlieben nach, ohne sich um ihre Gefühle zu kümmern. Er denkt zu wenig nach und achtet sich nicht richtig auf sein Verhalten.
Immer mehr Angst machende und verletzende Situationen tauchen auf. Immer schmerzvoller wird die Beziehung. Er wird immer eifersüchtiger auf die Kinder und auf alles, was ihre Aufmerksamkeit von ihm ablenkt.
Und sie beginnt zu sehen, kristallklar zu sehen, wie sie sich selbst verändert hat. Sich verdreht und verbogen hat. Sie versucht, neue Gespräche zu führen. Gespräche in denen sie beginnt, nun ihrerseits Forderung nach Veränderung zu stellen. Aber leider führen diese nur zu mehr Ablehnung, Abwertung, Ignoranz und Spott ihr gegenüber.
Ihre Wahrnehmungen seien übertrieben und unberechtigt. Sie versucht,  vorangehende Verletzungen aufzuzählen, um klar zu machen, dass sie nicht übertreibt.
Sie merkt jedoch schnell, dass sie Beispiele von früher nicht vorbringen kann. Seine Erinnerungen an für sie schmerzhafte Begebenheiten stellen sich für ihn ganz anders dar oder haben gar nicht stattgefunden.
Sie zweifelt an ihrer Wahrnehmung.
Solche Gespräche kennt sie. Früher dachte sie, dass es Missverständnisse seien. Jetzt merkt sie, dass er vieles ganz bewusst einsetzt, um abzulenken.
Wenn ihr etwas nicht passt  kann sie ja gehen. Auch das hat sie früher schon oft gehört, aber das wollte sie doch nie. Das möchte sie auch heute nicht und lenkt ein.

Offene Erpressung
Sie hätte ja gern ein grünes Sofa, aber ein rotes Sofa ist ja auch schön und er wollte doch schon immer eines in dieser Farbe. In seiner vorherigen Beziehung hat die Ex immer alles bestimmt, also muss sie einlenken, um besser und toleranter zu wirken. Trotzdem wird sie mit dem roten Sofa nicht froh. Sie versucht bei der nächsten Anschaffung einen Kompromiss auszuhandeln, aber auch hier dass Gleiche. Wenn sie etwas nicht möchte, kann sie ja gehen. Er braucht diese Beziehung nicht.
Sie versteht die Welt nicht mehr. Wegen so einer Kleinigkeit setzt er tatsächlich die ganze Beziehung aufs Spiel? Sie ist verletzt und entsetzt! Nach solchen ernsten Auseinandersetzung folgen zwar wieder diese wundervollen verliebten Zeiten, aber sie versteht nicht mehr, wie er einfach so zum Alltag übergehen kann.
Wegen banaler Situationen werden jetzt Trennungsgespräche geführt, die sie verzweifelt und traurig zurück lassen. Ihm scheinen diese Gespräche kaum etwas auszumachen.
Kinder, Sofas, alles was nicht stimmt, wird dafür hergenommen. Sie möchte die Beziehung unbedingt halten. Sie beginnt sich aufzureiben und nachzugeben. Zuviel hat sie bereits in diese Beziehung investiert.
Er beginnt zu taktieren. Wenn du nicht…. , dann ich…
„Emotionale Erpressung“ in der Reinform, die von ihr nicht mehr ignoriert werden kann. Sie muss sich eingestehen, dass seine Taten schon längst nicht mehr zu seinen Aussagen passen.
Er sagt, er liebt sie und ist dann bereit, wegen einer Kleinigkeit die ganze Beziehung aufzugeben?
Er lügt sie an!
Verletzt, ohne sich selbst zu hinterfragen!
Hält sich nicht an Absprachen!
Längst hat sie sich weitere Informationen aus dem Netz gezogen; hat wieder etwas über „emotionale Gewalt“ gelesen. Aber das darf doch nicht sein. Das sind Gewalttäter; und Gewalt tut er ihr doch nicht an. Sie glaubt es nicht. Aber diesen Zustand hält sie auch nicht mehr lange aus.
Kleine körperliche Beschwerden wachsen sich jetzt richtig aus. Beim nächsten Streit, als er nach den Schlüsseln greift, sagt sie ihm, dass er einfach gehen soll, wenn er möchte. Sie will nicht mehr.

Honeymoon
Er erkennt, das er zu weit gegangen ist und rudert zurück. Er möchte seine Partnerin, die mittlerweile schon längst zum Opfer geworden ist, nicht verlieren.
Die Beziehung macht ihm Spaß. Er drückt Knöpfe, und sie reagiert wie er es  für richtig hält. Aus Neid und Missgunst bringt er sie dazu, sich selbst, ihre Familie und die Kinder zu vernachlässigen.
So etwas findet er nicht an jeder Ecke. Wenn er sich vorher nie entschuldigt hat, tut er es jetzt.
Er erklärt ihr, was für ein Idiot er ist, und sie schmilzt dahin.
Er packt die erste Liebe wieder aus und sie machen einen neuen Anfang. Alles soll anders werden. Sie ist jetzt nicht mehr so leicht zu beeindrucken, aber wenigstens möchte er sich ändern und ist nicht jemand, der „emotionale Gewalt“ anwendet. Also versucht sie, sich einfach mehr durchzusetzen und ihre „starke“ Seite zu zeigen. Aber ihr Nervenkostüm hat gelitten.

Offene Gewalt
Das ganze Ausmaß der „emotionalen Ausnutzung“ macht sich dann doch bemerkbar. Die schönen Phasen nach einem Streit, als Wiedergutmachung, helfen ihr nicht mehr. Alles wird mehr und mehr zur psychischen, seelischen und körperlichen Belastung.
An seinem perfiden Verhalten sieht sie, dass auch er zunehmend aggressiver reagiert. Heimlichtuerei und versteckte Unwahrheiten sind weiter an der Tagesordnung, aber dies wird jetzt mehr und mehr offen gezeigt, damit sie merken soll: Hier stimmt etwas nicht.
Wenn sie sich wegen immer neuer Vorkommnisse von ihm trennen will, weiß er ganz genau, wie er sie wieder zurückholen kann. Und jedesmal beginnt eine neue Verliebtheitsphase, und sie hofft, dass er begreift, was er mit ihr verlieren würde.

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Honeymoon
Sie versucht jetzt, im Gespräch gravierende Veränderungen herbeizuführen. Versucht, ihm aufzuzeigen, dass er verletzt, wenn er sie auf diese Weise behandelt. Sie fordert mehr Beachtung und Aufmerksamkeit.
Er versteht nicht. Und er versteht wirklich nicht. Er kann keine Gefühle lesen. Sie erklärt, und er versteht zwar nichts, weiß aber, dass er etwas ändern muss. Schon bei der nächsten neuen Verletzung merkt sie, dass alles wieder neu erklärt werden muss. Sie hat Geduld. Er wird, ja er muss es einfach einsehen.

Honeymoon und Seitensprung
Die Ignoranz nimmt  mit jedem neuen Tag zu. Er beginnt sie mit Liebesentzug zu provozieren. Das hat er vorher auch schon getan, um Gesprächen aus dem Weg zu gehen, oder um sie zu strafen. Jetzt kommt in ihr aber ein Gefühl hoch, dass er ihr richtig aus dem Weg geht und sich schon nach einer neuen Beziehung umsieht.
Sie versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber ihre Wahrnehmung ist und bleibt weiterhin ein nicht zu lösendes Problem. Wenn sie Fragen, Kritik und Vorwürfe an ihn richtet, ist es immer nur sie, die manche Dinge falsch sieht und völlig unzulänglich interpretiert. Alles ist nicht so wie sie meint und sie wird aufgefordert, doch endlich einmal Ruhe zu geben.
Jetzt fragt sie sich wirklich, ob ihre Wahrnehmung noch in Ordnung ist. Wenn sie nach außen über ihre Probleme in der Beziehung spricht und ihre Bedenken äußert, wird sie beruhigt. „Er sei doch ein ganz lieber Mensch, was sie denn noch wolle. Sie soll nicht zuviel nachdenken.“
Sie möchte eigentlich gar nichts mehr denken und gehen, aber wenn sie nur daran denkt bekommt sie Panik.

Das Resultat von allem – Panik
Das Gefühl, verlassen zu werden oder selbst gehen zu wollen, greift immer mehr um sich. Sie redet nicht mehr über ihre Beziehung und ihre Sorgen. Schon längst schämt sie sich vor sich selbst, wie schwach sie doch ist und keinen Ausweg aus der Situation findet.
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie erkennen muss, dass es so nicht mehr weitergeht.
Ihre Wahrnehmung lässt sich nicht mehr betrügen.
Die Tatsachen, die er schafft, tun weh.
Seine Worte tun weh.
Seine Ignoranz ist das allerschlimmste.
Die Verletzungen nehmen weiter zu.
Irgendwann müssen Konsequenzen gezogen werden.
Aber nicht heute !!!!

….. Nur:
das ist der falsche Weg, dieses Problem zu lösen.
@by Evelina Blum

Siehe auch:

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst

Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Herz, ich verlasse dich…

Ein Narzisst erklärt: „Nur Anerkennung kann den Selbthass dämpfen

und dort zahlreich weiterführende Links

Update: Die größten Ängste eines Narzissten

Recep Tayyip Erdogan: „Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind“ …

Eines hat sich der Rumpelstilz-Präsident der Türkei mit seinen internationalen Aktivitäten der letzten Zeit nun gesichert: Die Welt schaut genauer hin, mit welchem  Menschen sie es da eigentlich zu tun hat. Zum Vorschein kommt so manche gar nicht schmeichelhafte Angelegenheit. Zum Vorschein kommt auch: Wer Gedichte vorträgt – und seien sie auch nur zititert – identifiziert sich zumeist mit den Inhalten. Auch Recep Tayyip Erdogan.

Mehmed Ziya Gökalp (1875 – 1924) ab 1911 unter dem Schriftstellernamen  Ziya Gökalp bekannt, war ein türkischer Denker, politischer Publizist, Essayist, Intellektueller und Mitbegründer der Soziologie  im Osmanischen Reich wie auch in der modernen Türkei. Gökalp war in erster Linie der nationalistische Ideologe der Türken des osmanischen Reichs. Er trat für eine säkulare türkische Nation ein, in der die Elemente des Islam, die integraler Teil der türkischen Kultur geworden waren, als geistige Kraft erhalten bleiben sollten. Es war eine Zeit, in der das osmanische Reich endgültig zerfiel und die Türkei sich als Nation zu begreifen verstand, als Ziya Gökalp das Gedicht  „Göttliche Armee“ schrieb. Darin heißt es: „Die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme, die Moscheen unsere Kasernen, die Gläubigen unsere Soldaten. Diese göttliche Armee ist bereit […]
Gott ist groß, Gott ist groß.“

Kaiser Wilhelm II. wusste sich übrigens die Lage auf dem Balkan zunutze zu machen und forderte im Ersten Weltkrieg die Muslime auf, sich in den Heiligen Kampf gegen England und Frankreich zu stürzen.

Am 29. Oktober 1923 wurde unter Mustafa Kemal Atatürk die Republik Türkei ausgerufen, er selbst wurde zum Präsidenten. Atatürk verbot den Männern orientalische Kopfbedeckungen unter Strafandrohung und ersetzte diese durch den Hut. Er führte die Schulpflicht für alle ein, stärkte die Rechte der Frauen und sorgte dafür, dass sie ab 1930 an Wahlen teilnehmen konnten. Um seinem Anspruch, einen säkularen Staat zu schaffen,  gerecht werden zu können, musste mit dem Sultanat des osmanischen Reiches und dem Kalifat des Islam gebrochen werden. In den tief gläubigen Bevölkerungsteilen schuf Atatürk sich erbitterte Feinde. Volksaufstände ließ er gnadenlos niederschlagen, so dass man am Ende von einer Diktatur-ähnlichen Regierung sprach.

Zum Islam hatte Atatürk ein distanziertes Verhältnis. Dieses historisch nicht gesicherte Zitat wurde 1954 von Jacques Benoist-Méchin in einem Buch über ihn veröffentlicht: „Seit mehr als 500 Jahren haben die Regeln und Theorien eines alten Araberscheiches und die abstrusen Auslegungen von Generationen von schmutzigen und unwissenden Pfaffen in der Türkei sämtliche Zivil- und Strafgesetze festgelegt. Sie haben die Form der Verfassung, selbst die kleinsten Handlungen und Gesten eines Bürgers festgelegt, seine Nahrung, die Stunden für Wachen und Schlafen, den Schnitt der Kleider, den Lehrstoff in der Schule, Sitten und Gewohnheiten und selbst die intimsten Gedanken. Der Islam, diese absurde Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen, ist ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet.“ 

Vor diesem Hintergrund nun wollte der gläubige Muslim Recep Tayyip Erdogan, damals Bürgermeister von Istanbul, politisch hoch hinaus. In einer Wahlveranstaltung 1997 kombinierte er das Zitat von Ziya Gölkalp mit eigenen Worten und sagte in der südostanatolischen Stadt Siirt:

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Dafür wurde der bekennende politische Islamist zu zehn Monaten Haft und einem lebenslangen Politikverbot verurteilt. Die Anklage lautete:„Anstachelung zu Hass auf der Grundlage der Religion“. Die türkische Justiz wertete das Zitat aus dem Munde Erdogans als Offenlegung seiner politischen Absicht, die Türkei zu islamisieren. Als er 1999 seine Haftstafe (von der er nur vier Monate absaß) antrat, sagte Erdogan:

„Früher sind die Dichter im Gefängnis gelandet. Heute landen diejenigen dort, die ihre
Gedichte vortragen. Ich kann nur hoffen, dass künftig nicht diejenigen ins Gefängnis
gesteckt werden, die die Gedichte anhören.“

Es kostete den späteren Staatschef viel Geduld und die Hilfe treuer Parteifreunde, um in die Politik zurückkehren zu können. Bei den Parlamentswahlen 2002 durfte Erdogan wegen des verhängten Politikverbots zwar nicht antreten, seine Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung gewann die Wahl aber trotzdem. Zunächst wurde Erdogans Vertrauter Abdullah Gül Ministerpräsident, der heutige Staatspräsident der Türkei. Erst 2003 nach einer Verfassungsänderung konnte Erdogan dann das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen.

„Recep Tayyip Erdogan: Reformer oder Wolf im Schafspelz?“ fragte 2004 die „Welt„. „Die Zukunft scheint Leuten wie Erdogan zu gehören, Hoffnungsträger der jungen, moderaten und proeuropäischen Fraktion, die in ihren politischen Vorstellungen eher den Christdemokraten nahe stehen als dem iranischen Gottesstaat. Zugleich ist der 50-jährige frühere Profifußballer, der aus armen Verhältnissen stammt und als Teenager Saft und Süßigkeiten in den Istanbuler Straßen verkauft hat, so etwas wie ein Held der Arbeiterklasse,“ hieß es da.
Widersprüchlichkeiten im Handeln des Staatschef waren dem Autor durchaus bewusst: „Längst nicht alle Mitglieder seiner Partei goutieren die Art und Weise, wie er sich an die EU heranwirft, einem Schüler gleich, der um bessere Zensuren bei den Brüsseler Oberlehrern buhlt. (…) Vertreter der westlich orientierten Wirtschaftselite, der Justiz und des Militärs sehen in ihm den Wolf im Schafspelz: einen gefährlichen religiösen Eiferer, der sich als moderner, gemäßigter Politiker ausgibt, um das säkulare Erbe des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk abzuschaffen. Sie vermuten eine „hidden agenda“, einen geheimen konspirativen Plan, der erst zur Entfaltung komme, wenn die Türkei mit einem Fuß fest in der europäischen Tür steht.“
2004 wollte der Autor diesen warnenden Kräften aber nicht glauben und schrieb: „Doch solche Verschwörungstheorien lassen sich angesichts der bahnbrechenden, irreversiblen Entwicklung der letzten beiden Jahre nicht halten. Erdogan scheint verstanden zu haben, dass sein Land nicht mehr Islam, sondern mehr Freiheit braucht. Insofern schickt er sich an, Atatürks 1923 begonnenes Projekt weiterzuführen.“

Ähnliche Widersprüche entdeckte 2008 die FAZ. „Der Realo aus dem Hafenviertel“ heißt ein langer Text, der sich mit Lebenslauf und politische Entwicklung Erdogans beschäftigt und auflistet:  „Im Jahr 1992 sagte er, man könne nicht gleichzeitig säkular und Muslim sein, noch 1996 bezeichnete er die Demokratie nicht als einen Zweck, sondern als ein Mittel. Enge Freunde wie Özals Bruder Korkut Özal und der Unternehmer Cüneyd Zapsu machten ihn indes mit westlichen Werten vertraut. Als er im August 2001 die AK Partei gründete, sagte er: „Mein persönlicher Referenzrahmen ist der Islam, mein politischer Referenzrahmen hingegen sind die Verfassung und die demokratischen Prinzipien.“

Eigentlich konnte jeder sehen, wohin Erdogans Reise geht, doch war in Europa wohl der Wunsch, dass die Türkei sich dauerhaft westlich orientiere, Vater der Gedankens, wenn immer wieder die Hinweise ignoriert oder umgedeutet wurden. So schreibt die „Welt“ schon 2004: „Den dritten Punkt, Potentatenprunk (bei den Hochzeiten seiner Kinder), wollen wir vorsichtshalber nicht als normativ betrachten. Statt dessen gilt es festzuhalten, dass Erdogan seine Popularität ganz wesentlich der Tatsache verdankt, dass  er einer der wenigen türkischen Politiker ist, die nicht korrupt sind. „

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Heute residiert der Potentat in einem 1000-Zimmer-Palast, erstellt ohne Baugenehmigung für eine halbe Milliarde Euro ausgerechnet in einem Wald, den Staatsgründer Kemal Atatürk der Stadt Ankara als Naherholungsgebiet gestiftet hat und der unter besonderem staatlichen Schutz stand. „Die Türkei ist nicht mehr die alte Türkei. Architektonisch gesehen war es notwendig, die Botschaft Ankaras als ‚seldschukische Hauptstadt‘ zu vermitteln. Wir haben in der Innenarchitektur auf osmanische Motive geachtet,“ sagte Erdogan selbst zu seinem neuen Amtssitz. Wie viel Symbolik ist noch nötig um zu sehen, wohin dieser Mann strebt?

Gegen Kritik jedenfalls reagierte der türkische Staatsmann schon immer sehr empfindlich. Das mag aus dem Wunsch geboren sein, einst als heldenhafte Vaterfigur verehrt zu werden, kann aber durchaus auch andere Gründe haben: Hat die Familie Edogan möglicherweise einiges zu verstecken? Einige Beispiele:

Gegen Sohn Bilal Erdogan ermittelt zurzeit die italienische Justiz. Er soll große Geldsummen nach Italien geschmuggelt haben. Russland behauptet, Familie Erdogan sei persönlich in Ölkäufe der Türkei von der IS verwickelt.  Immer wieder tauchen Telefonmitschnitte von Gesprächen auf, in denen Erdogan Amtsträger auffordert, in seinem Sinn zu handeln, etwa Medienvertreter zu verurteilen. Der Präsident gab diese sogar zu.

Ein großer Korruptionsskandal wurde 2013 bekannt: Die türkische Polizei verhaftete am 17. Dezember 2013 unter anderem die Söhne des Innenministers Muammer Güler, des Wirtschaftsministers Zafer Caglayan und des Umweltministers Erdoğan Bayraktar im Zuge der Ermittlungen zu einem Korruptionsskandal. Den Betroffenen wurde vorgeworfen, groß angelegte Umgehungsgeschäfte mit dem Iran abzuwickeln, bei denen die Türkei iranisches Erdöl mit Gold bezahlt, um Sanktionen gegen den Iran im elektronischen Geldverkehr zu vermeiden. Für die politische Unterstützung des Geschäfts bezogen Mittelsmänner in der Türkei, im Iran und in den Vereinigten Arabischen Emiraten Provisionen von rund 15 %, die als Schmiergelder an Politiker und Sicherheitskräfte gingen.

In diesem Zusammenhang wurde Erdogan abgehört. Brisante Gespräche wurden öffentlich: „Ein Zusammenschnitt von fünf Telefonaten, die der Ministerpräsident frühmorgens am 17. Dezember mit seinem Sohn Bilal führte, gegen den wegen Bestechung in Millionenhöhe und unsauberer Immobiliengeschäfte ermittelt wird: „Bring alles weg, was in Deinem Haus ist“, sagt die ältere der beiden Stimmen in dem Mitschnitt. „Dein Geld ist im Tresor“, antwortet die jüngere Stimme. Angeblich kurz vor Mitternacht sagt der jüngere Mann in einem weiteren Telefonat, 30 Millionen Euro hätten noch nicht „aufgelöst“ werden können. Er fragt dann: „Soll etwas Geld bei Dir verbleiben?“ In einem fünften und letzten Anruf warnt der Ältere: „Sohn, Du wirst abgehört.

Erdogan, so berichtet die Frankfurter Rundschau weiter, ließ nach der Veröffentlichung der Mitschnitte Tausende leitende Polizeibeamte und über 150 Staatsanwälte strafversetzen, außerdem drei umstrittene Notstandsgesetze zur Kontrolle des Internets und der Justiz sowie zur Erweiterung der Geheimdienstbefugnisse im Parlament verabschieden.

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Diese Dinge und einige mehr haben auch die NPR-News zusammengefasst, garniert mit Erdogan-Karrikaturen. Die hier veröffentlichten Karrikaturen habe ich dort entnommen.

Mit den Jahren seiner Regentschaft hat Recep Tayyip Erdogan seine verbindliche Maske inzwischen völlig abgelegt. Entschlossen, Geschichte zu schreiben so wie er es sich vorstellt, klagt er gegen alles und jeden, das sich ihm auch nur scheinbar entgegenstellt und wird dabei immer despotischer: „Allahu akbar“, „Allah ist groß“, schallte es durch den Gerichtssaal, als der Richter das Urteil verkündete: Zwei Jahre Haft für die Journalisten Ceyda Karan und Hikmet Cetinkaya von der Tageszeitung „Cumhuriyet“, weil sie auf ihren Kolumnenplätzen eine Karikatur aus der französischen Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ übernommen hatten. Erdogan hatte wegen der Karrikaturen getobt.  Rund 2000 Klagen, teils sogar gegen Jugendliche, laufen in der Türkei wegen Majestätsbeleidigung des Präsidenten.

Nun, da Europa in der Migrantenkrise sein Land als Pufferzone nutzen will, sieht sich der „Sultan“ endgültig im Oberwasser: Der Fall Jan Böhmermann ist nur einer unter vielen, in denen Erdogan das Bild Europas zu seiner Person und zu seinem Land manipulieren möchte.

Auf dem Platz vor dem Genfer UN-Komplex könnten sich traditionell Minderheiten durch Demonstrationen artikulieren. Zurzeit ist dort auf dem Bild des Fotografen Demir Sönmez, der kurdisch-armenische Wurzeln hat und seit 1980 in der Schweiz lebt, ein Transparent zu sehen, das Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Tod eines Jugendlichen bei einer Protestaktion in Istanbul verantwortlich macht. Neben dem Porträtfoto steht in französischer Sprache: „Ich heiße Berkin Elvan, die Polizei hat mich auf Anordnung des türkischen Ministerpräsidenten getötet“. Elvan war im Sommer 2013 am Rande der Gezi-Proteste in Istanbul von einer Tränengaskartusche am Kopf verletzt worden. Er starb nach monatelangem Koma im Alter von 15 Jahren. Das türkische Konsulat forderte die Entfernung des Bildes. Der Genfer Stadtrat lehnte ab.

Erfolgreicher waren die Türken da bei der EU-Kommission: Die Dresdner Sinfoniker setzen sich in einem armenisch-türkische Konzertprojekt „Aghet“ , mit 200 000 Euro von der  EU gefördert, mit dem Genozid der Türkei an den Armeniern auseinander. Nach Erscheinen der Ankündigung soll die Türkei nahezu täglich bei der EU-Kommission interveniert und immer mehr Druck aufgebaut haben. Ziel war, die finanzielle Förderung für das Projekt zu revidieren und das Wort Genozid zu streichen. Intendant Markus Rindt: „Es wurde wohl gedroht, die Zahlungen an den EU-Kulturfonds einzustellen. Letztlich sei sogar die Rede davon gewesen, die Beitrittsverhandlungen auf Eis zu legen.“ Immerhin, sagte Rindt mit einem Anflug von Sarkasmus in der Süddeutschen, hätte der türkische EU-Botschafter nicht verlangt, „Aghet“ ganz abzublasen. „Es würde ihm wohl genügen, wenn die EU uns nicht mehr unterstützt und nicht mehr über das Projekt informiert.“

Während die Politiker noch eher ratlos mit dem ausgerasteten Diktator umgehen, formiert sich in den Medien langsam Protest. Beim NDR, wo Jan Böhmermann sein „Gedicht“ verlesen hatte, gab es diesmal einen Merkel-Song.

Unter Hausarrest steht zurzeit die türkischstämmige Niederländerin Ebro Umar, nachdem sie kritisch über den türkischen Ministerpräsidenten berichtet hatte. Ihre holländische Zeitung schlug mit einer Karrikatur zurück: Gorilla Erdogan zerquetscht die weibliche Pressefreiheit (siehe oben). Die niederländische Regierung hat bei der Türkei offiziell gegen Einflussnahme auf die Meinungsfreiheit protestiert. Anlass war ein Aufruf des türkischen Konsulats an Türken in den Niederlanden, Beleidigungen des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan zu melden.

Nicht Jan Böhmermann selbst, aber seine Kollegen widmen sich im deutschen Fernsehen immer wieder ausführlich der Reizfigur – achten dabei allerdings ein wenig besser auf die bestehende Gesetzeslage. Nach Washington Post und New York Times setzte sich jetzt auch die US-Satire-Show „Last Week tonight“ mit großer Freude  mit den „Taten“ des Staatschefs auseinander. In den USA gibt es kein Gesetz, das Satire oder Schmähkritik verbietet. Beim „Correspondent’s Dinner“ diese Woche blieb man allerdings bei den Politikern im eigenen Land.

In Deutschland scheint es dagegen sogar unmöglich, Erdogan zu verklagen: 2011 haben vier deutsche Menschenrechtsanwälte den türkischen Präsidenten wegen Hinrichtungen, Tötung von Gefangenen, Folter und Chemiewaffeneinsatz verklagt. Es ging um Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und den Einsatz verbotener Mittel der Kriegsführung. Die Hamburger Anwälte Britta Eder und Heinz Jürgen Schneider vertraten in der Anzeige Angehörige von Opfern. Auf insgesamt 109 Seiten listeten sie zehn exemplarische Fälle von Kriegsverbrechen gegen kurdische Rebellen auf. Erdogan genieße als Premierminister uneingeschränkte politische Immunität, deshalb sei die Strafanzeige nicht weiter geprüft worden, antwortete sechs Wochen später die Generalbundesstaatsanwaltschaft Karlsruhe als höchste deutsche politische Instanz.

Deutschland und seine Nachbarn bestehen übrigens auch nicht ausschließlich aus Karrikatur- und Satire-freundlichen Menschen: Die letzte heute-show am Freitag beispielsweise brachte in gezielter Parallele zu Jan Böhmermann ein Schmähgedicht gegen die FPÖ, die in Österreich zuletzt enorme Wahlerfolge erzielte:  „Palatschinken, Apfelstrudel –  Birne hohl und weich die Nudel. Du machst dir selbst dein Bundesheer, durch Inzest beim Geschlechtsverkehr. Egal ob Hühner oder Gemsen, mit beiden tust du gerne wemsen. Und ist die Gemse einmal schneller, dann geht’s zur Schwester in den Keller,“ reimte Gernot Hassknecht  und hieb damit in die Kerbe, die der heute-show der Vorwoche bereits zwei Anzeigen eingebracht hat: Da hatte die Redaktion auf ihrer Facebook-Seite  als Reaktion auf das gute Abstimmungsergebnis des FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer in Richtung Österreich gefragt: „Was ist verkehrt mit euch, liebe Nachbarn?“. Bebildert war die Frage mit einem Foto von einem Schnitzel in Hakenkreuzform. Weiter texteten die Mainzer dazu: „Österreicher wählen eben so, wie sie es vom Schnitzel kennen, möglichst flach und schön braun“.

Wegen weit weniger ging in der letzten heute-show FDP-Mann Klaus Kinkel in die Luft: Er wollte sich nicht filmen lassen und drohte dem Team damit, dass er „ganz schön pampig“ werden könne, wenn es sich nicht an das Verbot halte. „Er hat uns aber nicht verboten, das Verbot zu senden,“ kommentierte Oliver Welke – und der Beitrag wurde gebracht.

Richtig sauer auf Erdogan ist die Satire-Partei „Die Partei“ im Europaparlament. Deren Vorsitzender Martin Sonneborn hat in einer sehr spitz formulierten Rede im Europaparlament den türkischen Präsidenten scharf kritisiert und damit der Rolle der Satire in der Politik eine ganz neue Bedeutung gegeben. Sonneborn ist nicht irgendwer: Der Europa-Abgeordnete war lange ZDF-Reporter, Ressortleiter beim Spiegel und wurde nach einigen Jahren als Redakteur im Jahr 2000 Chefredakteuer beim Satiremagazin Titanic, bei dem er auch heute noch als ständiger Mitarbeiter firmiert. Titeltext derzeit dort: „Merkel muss sterben“…

All diese Dinge tragen nicht dazu bei, Recep Tayyip Erdogan versöhnlicher zu stimmen – und sind auch nicht dazu gedacht. Im Alltag kann die Diskussion darüber dem ganz normalen deutschen Türkei-Urlauber aber ziemlichen Ärger einbringen: „Es wird dringend davon abgeraten, in der Öffentlichkeit politische Äußerungen gegen den türkischen Staat zu machen bzw. Sympathie mit terroristischen Organisationen zu bekunden,“ warnt das deutsche Auswärtige Amt Türkei-Urlauber. In Holland geht man noch einen Schritt weiter: Auch der niederländische Außenminister Bert Koenders hat seine Landsleute zur Vorsicht gemahnt. Es gebe „keine Garantien“ für Niederländer, die sich etwa in sozialen Netzwerken kritisch zur türkischen Führung geäußert hätten und dann in die Türkei reisten, sagte Koenders laut AFP bei einer Parlamentsdebatte am Dienstag.

Ab Juni sollen die Visabschränkungen für Türken nach Europa fallen. Können wir vor dem Hintergrund des Kurdenkrieges und der Persönlichkeit eines Recep Tayyip Erdogan dafür sein, mit diesem Land so freie Beziehungen zu pflegen? Hier zur Erinnerung noch einmal das Zitat des Präsidenten aus seiner Wahlkampfrede 1997:

„Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Siehe auch: Jan Böhmermann: Große Klappe, schlechter Text, politische Prinzipfrage und die dortigen Links 

Update: Erdogan in Deutschland – warnt Türken vor Assimilation

Update: Erdogan torpediert den Flüchtlingspakt mit der EU

Update: Erdogan setzt gemäßigten Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu ab 

Update: Erdogan beharrt auf Anti-Terror-Gesetzen

Update: Fünf Jahre Haft für Cumhuriyet-Journalisten

Update: Erdogan droht, den Flüchtligsdeal mit der EU platzen zu lassen

Update: Jetzt braucht Merkel einen Schutzengel

Update: Türkei droht, die Flüchtlinge „wieder los zu schicken“

Update: 44 Ehrendoktortitel und kein Diplom?

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Das Abschlussdiplom Erdogans kommt nicht von einer Universität

Update: Der eigentliche Putsch beginnt erst jetzt

Update: Erdogan muss bereits eine schwarze Liste gehabt haben

Update: Wer Erdogan kennt, darf nichts Gutes erwarten

Update: Seit Freitag 29 000 Suspendierungen

Update: Türkei ruft Ausnahmezustand aus

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Update: Pläne des türkischen Geheimdienstes gegen Kurden in Ägypten aufgetaucht

Update: Erdogan will türkeikritische Urlauber verhaften lassen

Update: Erdogan bei Kommunalwahlen abgestraft

Update: Die ohnmächtige Wut der Kurden

Update: Erdogan schafft die Demokratie ab: In Instanbul wird neu gewählt

Update: Istanbul erneut verloren, und diesmal richtig

Update: Politiker Mehmet Kilic in der Türkei zur Fahndung ausgeschrieben

Update: Das Volk zahlt, was der Palast verschwendet

Nein, das ist kein Film, das ist echtes Leben: Wir werden wirklich überwacht!

„Alle wissen es, doch niemand spricht es aus – Deutschland ist nicht souverän„. Unter dieser Überschrift habe ich im Juli letzten Jahres, als langsam klar wurde, welche Dimension die Enthüllungen von Edward Snowden haben, zusammengefasst,  dass Deutschland noch immer an den Folgen des Zweiten Weltkrieges trägt. Da gibt es unter anderem das G10-Gesetz, das unsere Geheimdienste bis heute verpflichtet, mit denen der Siegermächte zusammen zu arbeiten.  Dieses Thema ist heute aktueller denn je.

„Was ist der Bundesregierung über eine Vorausschreibung zur Überwachung Sozialer Netze durch das Oberkommando der US-Army in Europa bekannt?“ „Die Bundesregierung beobachtet derartige Vorausschreibungen nicht aktiv und hat daher über die Medienberichterstattung hinaus keine Kenntnis von dem Vorgang,“ antwortet am 18. März 2014 das Bundes-Innenministrium auf eine kleine Anfrage der Fraktion Die Linke. Nur zwei Monate später berichtete dpa, der BND wolle 300 Millionen Euro haben, um das Internet sicherer zu machen. netzpolitik.org zitiert in Auszügen und kommentiert: „Geplant ist nach dpa-Informationen der Aufbau eines Informationsringes mit internationalen Partnerdiensten des deutschen Auslandsnachrichtendienstes. So sollen Spionageangriffe über das Internet erkannt werden, bevor sie die Infrastruktur in Deutschland erreichen. Abwehrmechanismen könnten so rechtzeitig in Kraft gesetzt werden. […]

Bei den BND-Plänen geht es aber nicht nur um die Abwehr von Wirtschaftsspionage, sondern auch um Rezepte gegen Cyber-Attacken auf kritische Infrastruktur wie etwa die Elektrizitäts- oder Wasserversorgung. Für den BND sind unter anderem Glasfaserkabel im Ausland interessant, deren Datenströme sich nach Schadsoftware durchsuchen lassen. Das Besondere an der Strategie: Durch enge Zusammenarbeit vor allem mit europäischen Geheimdiensten, aber auch mit US-Partnern soll Schadsoftware erkannt werden, bevor sie Computer in Deutschland angegreift. Entscheidende Voraussetzung für den Erfolg dieser Strategie ist laut Schindler, dass man eine große Datenbasis hat – zu möglichen Angreifern, zu Angriffswegen, zu technischen Details.“

„Wie muss man sich das vorstellen?“ fragt Autor Markus Beckedahl. „Ein Ringtauschsystem mit NSA und GCHQ, damit diese unseren Diensten berichten, wenn sie uns angreifen um unsere Wirtschaft, Politik und die Gesellschaft zu überwachen? Gefallen hat man offenbar auch am Tempora-Programm der Briten gefunden, wobei immer noch ungeklärt ist, wie die Netzüberwachung des BND in deutschen Netzen funktioniert.“

Am 30 Mai 2014 schafft es die Nachricht sogar in die Tagesschau:  „Insgesamt benennt der BND fünf Bereiche, in denen umfangreich modernisiert werden soll. Sonst, so heißt es gegenüber Parlamentariern, drohe man, hinter Spanien und Italien zurückzufallen. Im Bereich der traditionellen Internet- und Fernmeldeüberwachung, so interne Strategieüberlegungen, müsse man angesichts der riesigen Datenmengen vermehrt auf die Analyse sogenannter Metadaten setzen, also der Frage, wer wann mit wem kommuniziert habe. Dies sei zeitgemäßer als die Inhaltserfassung. Die gespeicherten Metadaten sollen dann gefiltert werden, um bei Bedarf und Verdacht Zugriff auf Telefonate und E-Mails zu haben.“

„Der Bundesnachrichtendienst (BND) will künftig die sozialen Netze in “Echtzeit” ausforschen können und digital aufrüsten,“ schreibt netzpolitik.org. […] Das Projekt läuft intern unter dem Titel “Echtzeitanalyse von Streaming-Daten” und ist Teil einer sogenannten “Strategischen Initiative Technik” (SIT). […]Bereits in diesem Jahr will der Auslandsgeheimdienst seine Technik verbessern, um Weblogs, Foren und Portale wie Flickr, Facebook und Twitter systematisch auswerten zu können. Neben der Internetüberwachung sollen mobile Geräte zum Abfangen von Messdaten von Raketentests angeschafft werden, außerdem will der Dienst künftig verstärkt Verbindungsdaten, sogenannte Metadaten, ausspähen. […] Außerdem will der Dienst offenbar Software-Sicherheitslücken für gezielte Spähattacken nutzen können.“

„Ausdrücklich wird in den Dokumenten darauf verwiesen, dass NSA & GCHQ das schließlich auch können,“ kommentiert wieder Markus Beckedahl. „Gleichzeitig will man eine eigene Vorratsdatenspeicherung, weil die ja so schön grundrechtsfreundlich sei. Und man möchte vermehrt selbst als cyberkrimineller Geheimdienst auftreten und selbst Unsicherheit im Namen von Sicherheit schaffen, indem Sicherheitslücken nicht gestopft sondern zum Angriff verwendet werden.“

Was lernen wir aus diesem Beispiel?

  • Alle Geheimdienste der Welt sind gleich. Der einzige Unterschied: Die in den USA haben mehr Geld.
  • Alle Regierungen der Welt sind gleich. Sie sagen uns erst die Wahrheit, wenn diese schon auf dem Tisch liegt.

No Spy-Abkommen mit den USA oder rein europäische Datennetze, um eine Ausforschung von Übersee zu verhindern, sind lächerlich. Das Netz hat seine Mitte (jedenfalls für uns Deutsche) im eigenen Land. Will man etwas dagegen unternehmen, muss man auch genau hier anfangen. Siehe dazu: Was tun gegen totale Datenkontrolle?

1,7 Milliarden Dollar, so die Süddeutsche Zeitung, stehen den amerikanischen Geheimdiensten jährlich zur Verfügung. Der „Generaldirektor“ James Clapper lügt bei Berichten über die Verwendung des Geldes auch den zuständigen US-Ausschüssen, ohne mit der Wimper zu zucken,s ins Gesicht. Dies, so berichtete Edward Snowden dieser Tage, sei für ihn das Schlüsselerlebnis gewesen, nach dem er sich entschieden habe, zum Whistleblower zu werden.

Ein passendes Handbuch zum Ausspähen der sozialen Netze liegt übrigens in den USA schon bereit. Analog zum Handbuch „The Art of Deception„, über das ich bereits ausführlich berichtet habe, gibt es alle nötigen Informationen in einer Power Point Präsentation. 30-05-2014 22-31-18 Im Jahr 2010 hat der BND 37 Millionen Mails auf terroristische Inhalte hin gefiltert. Genau 12 davon erwiesen sich als relevant – was den Berliner Anwalt Niko Härting dazu veranlasste, Beschwerde gegen den BND wegen unverhältnismäßiger Massenüberwachung einzureichen.  1999 gab es einen ähnlichen Fall, in dem es um Telefonüberwachung durch den BND ging.

„Diese Liste muss sowohl dem Bundeskanzleramt als auf der G10-Kommission bekannt gewesen sein, die solche Überwachungsmaßnahmen beaufsichtigen und autorisieren. Das zeigt, dass auch deutsche Stellen in der Herausgabe von Quasi-Vollmachten Institutionen wie dem US-FISA-Gericht, der die NSA-Maßnahmen genehmigt, in nichts nachstehen,“ kommentiert netzpolitik.org.

„Die vom BND auf der Grundlage des G-10-Gesetzes erhobenen Daten mit Deutschlandbezug werden dem Parlamentarischen Kontrollgremium (PKG) regelmäßig berichtet und in einer offenen Bundestagsdrucksache veröffentlicht“, heißt es in einer Stellungnahme des Nachrichtendienstes dagegen im Juli 2013. Für das gesamte Jahr 2012 seien dies rund 850 000 Datensätze gewesen. „Eine millionenfache monatliche Weitergabe von Daten aus Deutschland an die NSA durch den BND findet nicht statt.“ Im gesamten Jahr 2012 seien lediglich zwei personenbezogene Datensätze deutscher Bürger an die NSA übermittelt worden. In einem Spiegel-Interview hatte Tage zuvor Edward Snowden von einer sehr engen Zusammenarbeit des BND mit der NSA berichtet…

Zurzeit beginnen das BKA und das FBI damit, ihre Dateien für Fingerabdrücke „auszutauschen“: Das BKA hat 2,3 Millionen, das FBI soll 70 Millionen Datensätze haben, sowie die kostenträchtige, zugehörige Technik bieten. „Der automatische Abgleich von Fingerabdrücken zwischen BKA und FBI ist Teil eines noch weitaumfassenderen Abkommens zwischen Deutschland und den USA. Dieses hatten die damaligen Bundesminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Brigitte Zypries (SPD) als Vertreter Deutschlands bereits im Jahr 2008 ausgehandelt“, berichtet winfuture dazu.

„Wenn Staaten mit Daten bezahlen“ titelt zum selben Thema diese Woche die ZEIT. In dem Beitrag geht es darum, wie die USA andere Staaten zur Mitarbeit bewegen: „Die Geschichte von PISCES beginnt ein Jahr nach dem 11. September 2011. Damals bot das US-amerikanische Verteidigungsministerium einer Hand voll „Risikoländern“ einen Deal an: Pakistan, Afghanistan, der Jemen, Irak und andere sollten das Grenzkontrollsystem Personal Identification Secure Comparison and Evaluation System (PISCES) geschenkt bekommen. Mit dieser Software können Reisende an Flughäfen und anderen Kontrollpunkten überprüft werden. In Echtzeit werden Gesicht, Ausweisnummer, Fingerabdruck und andere biografische Informationen mit den Daten von Terror-Fahndungslisten abgeglichen,“ schreibt die Zeitung. Bei Wikipedia steht allerdings zu lesen, dass es das Programm bereits seit 1997 gibt und dass es im Jahr 2001 eben genau dieses definierte Ziel verfehlte, die 9/11-Terroristen abzufangen. nachrichtendienste104~_v-videowebl Keine Ahnung – wissen wir nicht, sind wir nicht beteiligt – wir handeln nach festgelegten Abkommen… so viel, aber kaum mehr erfährt, wer die Bundesregierung um Auskunft darüber bittet, welche Überwachungsmaßnehmen in Deutschland stattfinden, welche Kooperationen bestehen und wer was darf. Nicht selten enthält die Frage bereits mehr Information, als die Antwort.

Die Bundestagsfraktion „Die Linke“ stellt immer wieder kleine Anfragen an die Bundesregierung und erweist sich dabei als recht treffsicher. „Bereits heute sind die Personenerkennungssysteme der US-amerikanischen Bundespolizei FBI die größten biometrischen Polizeidatenbanken der Welt: Das „Integrated Automated Fingerprint Identification System“ (IAFIS) greift auf Daten von mehr als 90 Millionen Personen zurück, und im „National DNA Index System“ (NDIS) sind DNA-Profile von knapp neun Millionen Menschen gespeichert.

Zusätzlich baut das FBI im Rahmen seiner Programme „Next Generation Identification“ (NGI) und „Combined DNA Index System“ (CODIS) massiv die Fähigkeiten zur Speicherung und Weiterverarbeitung biometrischer Merkmale aus“, heißt es beispielsweise in einer Anfrage vom August 2011. Den passenden Vertrag dazu, datiert aus dem Jahr 2008 gibt es zu diesem Zeitpunkt schon lange. Man findet ihn hier. Ein Durchführungshandbuch hängt gleich dran.

Solche Beispiele lassen sich beliebig weiter führen. Von der Bundesregierung wird man nie auch nur ein Wort mehr erfahren, als unvermeidlich. Vor diesem Hintergrund gewinnen die beiden Themenabende des ZDF in der diesjährigen Himmelfahrtswoche ganz neue Bedeutung. Im Film über die Zusammenarbeit deutscher Dienste mit den USA geben amerikanische Gesprächspartner in großer Ehrlichkeit Auskunft darüber, dass sie sich nach 9/11 bewusst sowohl über Rechtslage, als auch Rechtsempfinden der eigenen Bevölkerung hinweg gesetzt haben. Wer immer sich den treibenden Kräften in den Weg stellte, wurde platt gemacht. Auch der zweite, kürzere Film zum politischen Gezerre um die Zukunft Edward Snowdens ist ausgesprochen aussagekräftig: Wer immer sich den USA entgegen stellt, hat mit deutlichen Konsequenzen zu rechnen.

Wenn alle Seiten kungeln, scheuen auch alle Seiten die Öffentlichkeit. Wem das als Begründung noch nicht genügt, der möge sich an das geflügelte Wort erinnern, in dem es heißt: „Es gibt nichts, was man nicht kaufen kann“…

Seit Edward Snowden sich entschlossen hat zu reden, wird die internationale Öffentlichkeit über die Aktivitäten westlicher Geheimdienste so genau informiert wie niemals zuvor. Niemand kann mehr behaupten, es handele sich dabei um Verschwörungstheorien – alles ist belegt.

Und was passiert? Die Öffentlichkeit, auch die deutsche, verhält sich, als gehe sie das alles nichts an. Als sehe sie einen Krimi im Fernsehen. Die Linken, deren Mitglieder sich teilweise noch bestens aus eigener Erfahrung an den Überwachungsstaat DDR erinnern, haben da schon eine andere Sensibilität. Insofern sollte sich ein mündiger Bürger durchaus einmal zumuten, ihnen zuzuhören, auch wenn sie von den anderen Parteien gern kalt gestellt werden. In Lateinamerika und im karibischen Raum gibt es ganze Regierungen, die angeblich unter „Paranoia“ leiden und überall Infiltrationen der US-Geheimdienste vermuten. Seit Snowden wissen wir: Paranoia geht anders…

Wenn nicht ein Knalleffekt eintritt, der jedem Einzelnen klar macht, was totale Überwachung bedeuten kann – vor allem, wenn man nicht mehr, wie wir heute, auf der Gewinnerseite steht – wird das wohl auch so bleiben.

So lange, bis es zu spät ist.

Siehe auch:

Alle wissen es, doch niemand spricht es aus: Deutschland ist nicht souverän

Wie manipuliert man Menschen?  

Manipulation: Einfach, wenn man weiß, wie’s geht – und sehr wirkungsvoll…

Warum wir nicht schweigen dürfen

Update: XML-„Bomben“ kommen über Outlook 

Update: Millionen Fotos aus den sozialen Netzen

Update: Antiterrordateigesetz soll novelliert werden

Update: Kleine Anfrage zum türkischen Geheimdienst in Deutschland

Update: Warnung aus UK: Massive Cyberattacken aus den USA erwartet

Update: Thomas de Maizière spricht sich für die Überwachung sozialer Netze in Echtzeit aus

Update: Grundrechtereport 2014: Geheimdienste im Informationskrieg gegen alle

Update: Ein Jahr Snowden: Was bisher geschah

Update: USA verstimmt über deutsche Ermittlungen

Update: Ausspähen sozialer Netzwerke vorerst gebremst

Update: CIA folgt dir jetzt auf twitter

Update: 200 US-Agenten in Deutschland als Diplomaten akreditiert und: BND mauert

Update: Reverse engeneering: Hacker bauen NSA-Programme nach

Update: BND schöpft internationalen Datenverkehr ab

Update: So unwissend war Deutschland wirklich – Snowden-Dokumente als PdF

Update: Kolumne: „Macht Amerika endlich platt“

Update: Staatstrojaner für Smartphones entdeckt

Update: So ehrlich sind BND und deutsche Politiker

Update: NSA: Anonym = Extremist,    Tor-Netzwerk im Visier

Update: NSA darf 192 Länder und Zop-Organisationen ausspähen

Update: Ex-NSA-Mitarbeiter vor dem Untersuchungsausschuss: NSA ist totalitär, BND arbeitet aktiv mit

Update: Ex-NSA-Direktor Binney: „Wir haben einen falschen Weg eingeschlagen“

Update: NSA-Untersuchungsausschuss greift zur Schreibmaschine

Update: Zur Ausreise aufgeforderter CIA-Mann bleibt einfach da

Update: So arbeiten Chinas Spione

Update: 007 mitten in Berlin…   Video dazu     Weitere Reaktionen

Update: Britische Spione können Meinung manipulieren

Update: Browser-Fingerabdruck macht Verstecken unmöglich

Update: CIA und BND über Jahrzehnte eng verbunden

Update: Frevel gegen den Rechtsstaat

Update: DARPA und die Fortschritte der totalen technischen Überwachung

Update: DARPA, Google und der kleine Totalüberwachungschip als Pille

Update: Zweiter Whistleblower enthüllt Details über US-Terrorverdachtsliste

Update: MonsterMind: NSA will mit eigenem Netz im Caberkrieg vollautomatisch zurückschlagen

Update: Neue Bundestrojaner im Einsatz

Update: Google für Geheimdienste heißt ICREACH

Update: In Bad Aibling spionieren NSA und BND gemeinsam und geheim

Update: Neue Handy-Verschlüsselung alarmiert das FBI

Update: Codename Eikonal: BND leitete geschützte Daten Deutscher an NSA weiter

Update: Trojaner „Regin“ entdeckt: so aufwendig wie Stuxnet

Update: Regin, die komplexe, versteckte Plattform

Update: Eikonal im Untersuchungsausschuss: Der Apotheker vom BND

Update: NSA-Untersuchungsausschuss ist eine Farce

Update: Regin steht im Dienst der „Five Eyes“

Update: FBI hat drei russische Spione enttarnt (englisch) und hier in deutsch

Update: Obama will mehr Datenaustausch, Silicon Valley nicht

Update: Tim Cook: „We risk our way of life“

Update: Facebook sees massive institutional buying

Update: „Todesstern der Malware-Galaxie“

Update: BND hat für NSA Unternehmen und Politiker ausgehorcht

Update: BND: Mit der Lizenz zum Lügen

Update: USA haben Freigabe der Selektorenliste gar nicht verboten…

Update: Datendeal mit der NSA

Update: U.S. court hands win to NSA over metadata collection

Update: EU-Bürger erhalten Klagerecht in den USA

Update: Grenzenlose Überwachung schreitet voran

Update: Wikileaks: Weinender Engel macht Fernseher zur Wanze

Update: How CIA hacks smartphones and TVs all over the world

Update: Wikileaks veröffentlicht tausende Dokumente

Update: Journalisten werden offenbar seit zehn Jahren beobachtet

Update: Statistik mit Hilfe von Handy-Apps

Update: Staatstrojaner greift jetzt auf Handys zu

Update: Investigativer Journalismus: Der BND hat ein Auge drauf

Update: Wir ahnungslosen Insassen der Funkzelle…

Update: eu-LISA: EU baut neue Super-Behörde zur Überwachung

Update: (CSU-)Innenministerium will Überwachung der Medien erlauben

Update: Justizministerium besteht aus Passwort-Herausgabepflicht

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst – wer oder was bin jetzt bitte ICH?

Vier Wochen ist es nun her. Vier lange Wochen. Bis jetzt hat sie es geschafft. Sie hat nicht versucht, ihn anzurufen, nicht versucht, ihn irgendwo abzupassen, ihm keine Mail geschrieben und auch keine SMS. Sie hat auch nicht versucht herauszufinden, was er tut, was er denkt, womit er sich beschäftigt, wen er vielleicht trifft.  Sie war stark. Und sie wird stark bleiben. Auch wenn der sengende Schmerz ihr Herz im Zeitlupentempo in Scherben friert.

Sie hat keine Tränen mehr – es ist, als seien ihre Augen leer geweint. Brennend liegen sie in den Höhlen, giftig stechende Bälle mit Greifarmen bis ins Gehirn, wo sie  langsam und genüsslich jede Windung einzeln lähmen.

Oder nein. Eine Lähmung ist es nicht. Es ist ein glühendes Vereisen – eine eisige Erkenntnis: Diesen Kampf konnte sie nicht gewinnen. So wenig wie ein Ball eine Gummiwand überwinden kann – so wenig wie eine zärtliche Berührung Panzerglas durchdringen kann – so wenig hat sie in all den Jahren sein Herz erreicht.

Je lauter sie nach ihm gerufen hat, desto mehr hat er sich versteckt im Nebel tausender Ausreden, die ganz glatt und leicht von seinen Lippen glitten. In immer seltenerer persönlicher Anwesenheit. Schließlich sogar in den letzten Worten, die er – wie immer, wenn sie Gefahr liefen zu streiten – lieber schriftlich verfasste, um anschließend gar nicht mehr erreichbar zu sein.

Ich bin zum Sterben traurig – enttäuscht von dir und all den leeren Worten“ hatte sie gesagt und dabei gedacht: ‚Wenn er mich doch einfach in die Arme nähme – ein einziges Mal ganz ohne Vorbehalt – ich wäre Wachs in seinen Händen…

Wir leben beide in völlig unterschiedlichen Welten, die schlicht und einfach nicht alltagstauglich miteinander vereinbar sind„, hatte er, wie schon so oft zuvor unterkühlt geantwortet und sich auf unbestimmte Zeit verabschiedet.  Wie immer hatte er sie aber auch diesmal nicht freigegeben – nur die Distanz zwischen ihnen größtmöglich erweitert: „Lass uns nach einer Zeit des Nachdenkens korrespondieren und sehen, was daraus wird.“ Dann war er weg – wie jedes Mal ohne ein Wort zu den konkreten Fragen, die sie ihm gestellt, zu der konkreten Bitte, die sie an ihn gerichtet hatte.

Sie versucht nicht, den Schmerz zu betäuben. Sie weiß, dass sie dann keine Chance mehr hat. Nur ein kleines Glas Wein und sie würde weinend zu betteln beginnen, einmal mehr all seine Bedingungen akzeptieren und dann am ausgestreckten Arm verhungern. Verhungern an ihrer eigenen Sehnsucht, lieben zu dürfen und geliebt zu werden. Einen Mann lieben zu dürfen, der nicht lieben kann.

So, jetzt ist es heraus.

Zum 100. Mal liest sie ihren letzten Brief an ihn: „Ich bin nicht mehr bereit, immer weiter ohne Aussicht auf Änderung zu warten. Wie du zwar weißt, aber nicht realisiert hast, will ich alles oder gar nichts.

Liebe duldet keine Lügen. Liebe ist absolutes Vertrauen.Liebe kann man nicht töten.

Es gibt eine Chance, wie wir zueinander finden können: Du wirst mir gegenüber treten als der Mensch, der du wirklich bist. Ohne jede Maske. Was immer du vor mir versteckt hast, wirst du mir sagen. Nichts ist so schlimm, dass ich es nicht aushalten könnte. Keine Lügen mehr, kein Weglaufen. Ein anderer Weg steht nicht mehr offen.“

Ihre Chance ist etwa so groß wie die, im Lotto zu gewinnen, das weiß sie. Sein herrisches Wesen duldet keinen Widerspruch. Er erwartet bedingungslose Gefolgschaft. Sein Dank dafür ist nicht seine Liebe – aus seiner Sicht aber etwas ganz Großes. Die Person, der er gestattet, vor ihm zu knien, darf nur vom gleichen Holz sein, wie er selbst: elitär. Diese beiden Voraussetzungen – die komplette Unterwerfung, sowie die gleiche, elitäre Sicht der Welt – erlauben es ihm, das maximal Mögliche von sich selbst preis zu geben: seine Gedanken. Seine Gedanken etwa über die Frage, wie er es anstellen kann, aus dieser Welt eine bessere zu machen.

Wie sie die vertrauten Gespräche mit ihm vermisst!

… Waren sie überhaupt jemals vertraut?

Sie greift zu dem Papier, das ihr klar gemacht hat, worin sie nun so viele Jahre verstrickt war – nein, verstrickt IST – denn frei von ihm ist sie so wenig wie eine Süchtige vom „Stoff“. ‚Ich warne dich: Noch bist du frei. Aber du wirst süchtig werden nach mir. So süchtig, dass du nie mehr loslassen kannst…‘ Wie viele Jahre ist das nun her, dass er das sagte? Sie hatten sich gerade eine Woche gekannt. Eine Woche, in der sie mit Begeisterung die Nächte durch debattiert hatten.

Sie hatte befremdet reagiert – wie oft auf seine Übertreibungen. Aber sie hatte die Übertreibung, wie später auch oft, auf das Adrenalin in seinen Adern zurückgeführt. Er lebte in einer Welt ohne Pastelltöne, sah sich selbst als Kämpfer. Als erfolgreicher Kämpfer. Als einer, der nach jeder Niederlage wieder aufstand, um noch besser zu werden. Noch immer bewundert sie ihn für seine eiserne Disziplin und seine Konsequenz im Handeln. Obwohl jedes Mal eine eisige Hand ihr Herz zusammenpresste, wenn er einmal mehr drohend erklärte: „Ich habe keine Feinde. Du bist entweder für mich oder gegen mich. Das kannst du ganz frei entscheiden. Aber nur einmal. Wer gegen mich ist, ist für mich gestorben.“

Sie war und ist für ihn. Und zwar genau so, wie er ist.

Aber heute weiß sie: Der Mann ihres Lebens leidet unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Er ist ein ausgeprägter Narzisst.

Narzissmus in der Partnerschaft

„Der männliche Narzisst sucht permanent die Konkurrenz und den Vergleich, ist ansatzweise glücklich in Ausnahmesituationen, wo man(n) glänzen kann, ist in der Tat häufig auf mehreren Ebenen überbegabt bis manchmal fast manisch angetrieben und genial, steckt aber unglaublich enge Verhaltensgrenzen, über die auch die liebevollste Partnerin nur selten und wenn, dann mit vielen Tricks, gehen kann.

Andererseits kann dieser Mann oft sehr erfolgreich an seiner Karriere bauen, ist häufig visionär und verführerisch und mitreißend, kann durchaus sehr charmant und überzeugend wirken, wenn ihm eine Sache oder ein Mensch für eine bestimmte Phase und Zeit wichtig ist.

Ebenso kann er aber auch diesen umworbenen Menschen oder das Projekt „wie eine heiße Kartoffel“ aus dem Nichts heraus fallen lassen. Diese gestörte, da überproportionale Selbstliebe und das damit verbundene verzerrte unrealistische Selbstbild, kann bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung egozentrische bis asoziale Ausmaße annehmen und bis zur völligen Gefühlsabwehr gehen.

(…) Ein progressiv narzisstischer Mann betont immer erst seine eigenen Qualitäten, die anderer interessieren ihn in Wahrheit wenig, höchstens als der niedrigere Vergleichsmaßstab.  Ein Narzisst befindet sich daher in einer Endlosschleife ständiger Überkompensation seiner tiefliegenden Minderwertigkeitskomplexe, geht ständig in Konkurrenz und Vergleich, will dabei immer der Beste und Überlegenste sein.

(…)Interessanterweise ziehen progressive Narzissten den regressiven narzisstischen Menschen magisch an. Dieser ist immer in der Rolle des Bewunderers, fühlt sich kleiner, unwichtiger, unbedeutender oder gar weniger klug als sein progressiv narzisstisches, immer sicher wirkendes Gegenüber, steht in dessen Schlagschatten und wertet das eigene Image über diesen „Superstar“ auf. Der regressive Narzisst kann sich manchmal lebenslang unterordnen, was jedoch immer auch eine große Abhängigkeit produziert.

So ein narzisstisches Grundmuster beider Partner kann beispielsweise sein, dass beide sich, also der eine über den anderen in gewisser Weise aufwerten müssen, um sich selbst zu verwirklichen. Anfänglich sprühen oft die „Funken“ in einer solchen narzisstischen Beziehung, alles scheint zu passen, später gleichen die Streitszenen eher einem ganzen Feuerwerk. In der ersten Beziehungsphase gibt es grundsätzlich die (regressive) „Bewunderin“ und den omnipotent Bewunderten (progressiv), der dies narzisstisch absolut benötigt wie umgekehrt.

Zum Konflikt bzw. der Kollusion kommt es genau dann, wenn sich plötzlich die unbewussten Muster und Erwartungen nicht mehr automatisch einlösen und es nun eher störend wird, dass der eine Partner eher zu selbstherrlich auftritt und der andere „ seinen Ohrfeigen“ trotzdem weiter nachläuft und um Liebe bettelt, oder zur Schonung oder Fürsorge auffordert, oder sich nur noch depressiv unterwürfig bis nörglerisch – anklagend äußert. (…)

(….)Die narzisstische neurotische Lebensdramaturgie orientiert sich ausschließlich am eigenen überproportionalen Autonomie- und Überlegenheitsstreben. Echte Nähe passt da nicht hinein. Tiefe Gefühle und Nähe und echte Intimität sind irritierend und zu vermeiden. Genau dies kann eine Partnerin in eine extreme Gefühlsabhängigkeit treiben, da sie ständig etwas bei ihm sucht, was er nicht zu geben vermag. Ein narzisstischer Mann erwartet die Kompromisse immer von der anderen Seite und selten von sich selbst.

(…)Neurotisch narzisstische und damit bindungsgestörte, beziehungsschwache Menschen benötigen für sich immer alle Zeit der Welt zum möglichen JA zu einer Beziehung, machen dem Anderen dabei einerseits Hoffnung und entziehen sich gleichzeitig beim kleinsten Wink einer Festlegung, also wenn der Andere es etwas verbindlicher haben möchte. Hier entsteht immer eine narzisstische Gefühlsachterbahn.“ (Quelle: stark gekürzter Blog der Psychotherapeutin Monika Koch in der Aachener Zeitung).

Hm.

Bin ich ein armes, um Zuneigung bettelndes Häschen?

IMG_0093Sie geht zum Spiegel und betrachtet sich lange. Sie ist sportlich, wenn auch nicht mehr so schlank wie früher – ihre weiblichen Formen bringt das deutlicher zur Geltung. Ihre dunklen langen Haare zeigen noch kein Grau, in den seelenvollen, dunklen Augen liegt oft ein Lächeln – sie können jedoch auch angriffslustig funkeln. Sie hat eine Führungsposition in einem kreativen Beruf. Dort gehört Klappern zum Handwerk – unter den Mitarbeitern, wie auch den Kunden sind wirkungsvolles Eigenmarketing ebenso wie eine Portion Übertreibung Alltag. Sie empfindet es oft als anstrengend, von solchen Menschen umgeben zu sein: Zeigt sie nicht genügend Autorität, wird man sie gnadenlos absägen – ist sie nicht kreativ genug, wird man sie umgehend links überholen. Manchmal ertappt sie sich dabei, sich müde zu fühlen. Dann wünscht sie sich starke Arme, in die sie sich flüchten könnte – einen Partner, der ihr erlaubt, auch einmal schwach zu sein.

Aber macht sie das zur regressiven Narzisstin?

Wenn das Herz doch nicht so weh täte. Seit einigen Jahren bemerkt sie an sich, besonders abends, beunruhigende Herzrhythmusstörungen, die laut Arzt keine organische Ursache haben. Seitdem übt sie sich in meditativen Techniken und hat so auch zum Malen gefunden. Das städtische Symposium der Landschaftsmaler vom letzten Sommer kommt ihr in den Sinn. Zwei Tage lang hat sie da Seite an Seite mit einem Maler aus Süddeutschland gesessen und sich angeregt mit ihm unterhalten. So lange, bis er sich outete, in einem BDSM-Forum als „Dom“ aktiv zu sein. „Du bist reif„, hatte er ihr unvermittelt eröffnet. „Du bist eine Sub – schau dich ehrlich an und erkenne es.

Das Thema Dominanz und Submission hat sie danach noch Monate beschäftigt. Dann war es für sie geklärt: Nein. So wie sie selbst Demütigung und Kränkungen ihres Partners ablehnt, braucht sie auch keine solche Behandlung, um sich sexuell angeregt oder glücklich zu fühlen. Etwas länger dauerte die Auseinandersetzung mit der Frage: „Willst du führen oder geführt werden?“

Sie weiß, dass sie sich selbst führen kann – sie hat es seit vielen Jahren bewiesen. Aber war sie in dieser Zeit glücklich? Warum hatte dann der Mann ihres Lebens solch ein leichtes Spiel mit ihr?

86cvdsug1[2]Tränen steigen in ihr auf, als sie an den Vater denkt. Als kleines Mädchen war er der Größte für sie gewesen, der klügste Mann der Welt, der sein Wissen gern mit ihr teilte. Ein Mann mit machtvollen grünen Augen, der mit ihr spielte, mit ihr sprach wie mit einer Erwachsenen, der ihr sagte, sie werde später einmal „zur Elite“ gehören, der seine Gedanken und seine Sehnsüchte mit ihr teilte … So lange, bis sie in die Pubertät kam. Da begann ihr Bild vom tollen Vater zu bröckeln. Sie war klug, vielseitig begabt, lernte schnell und dachte vernetzt. So stellte sie den Vater sehr früh in Frage.

Das wiederum hatte aus dem begeistert liebenden einen immer wieder prügelnden Vater gemacht, der sich mit aller Kraft anstrengte, ihre innere Freiheit zu brechen. Sie war gegangen, sofort nach dem Abitur. Und hatte nie aufgehört, nach der Liebe ihrer Kindheit zu hungern…

Aber halt: War das wirklich so einfach gewesen? Längst vergessen geglaubte Bilder steigen in ihr auf: Das kleine Mädchen, das zum Vater rennt, um ihn zu umarmen und ihm zu sagen, dass es ihn lieb hat. Der Vater, der sich grade mit anderen Eltern unterhält, dem Mädchen rüde mit dem Handrücken ins Gesicht schlägt und kalt sagt: „Wenn Erwachsene reden, haben Kinder zu schweigen„… Die eisige Hand um das Herz des Mädchens – die Angst, seine Liebe zu verlieren, war immer präsent.

Und dann die Jahre danach, als sie versuchte, sich vom übermächtigen Vater zu lösen. Typische Szene, vorzugsweise am Mittagstisch: Er: „Du wirst das jetzt tun.“ Sie: „Warum?“ Er: „Weil ich es sage.“ Sie: „Das reicht mir als Begründung aber nicht.“ Wie dann beide aufspringen. Sie flüchtet in den Flur, lässt sich zu Boden fallen, schützt ihr Gesicht. Er schlägt blindlings zu, wo immer er hin trifft. Sie gibt keinen Laut von sich. Merkwürdigerweise fühlt sie auch keinen Schmerz. Irgendwann lässt er von ihr ab, geht ins Schlafzimmer, um Mittagsschlaf zu halten.

Schließlich der Tag, als er sie zum letzten Mal prügelt. Da ist sie 17. Sie liegt wie immer am Boden und schützt ihr Gesicht, fühlt die Fäuste auf sich niederdreschen, als plötzlich eine heiße Welle der Wut in ihr aufsteigt. Nein, es ist mehr als Wut. Mordlust ist es, die ihr aus den Augen schießt, als sie sich unter den Schlägen aufrichtet und seine grellen grünen Augen fixiert: „Na, hast du dich bald ausreichend an mir befriedigt?“

Sein Arm friert mitten im Schlag ein. Die Mutter, die wie so oft das Geschehen reglos sitzend mit verfolgt, bricht in Tränen aus und ruft: „Du Hexe – du bist eine Hexe!“ Die Hexe, die aufsteht, den Vater noch einmal mit einem vernichtenden Blick von oben bis unten misst und dann ruhig ins Mädchenzimmer geht, um Hausaufgaben zu machen. Ein Metzgermesser. Sie hat die ganze Zeit an ein langes, schweres Metzgermesser gedacht, das sie in seine Brust stoßen würde.

Im selben Jahr der vorerst letzte Akt des Vater-Tochter-Dramas. Sie kommt zum ersten Mal eine ganze Nacht lang nicht nach Hause, taucht am Sonntag zur Frühstückszeit im Garten auf. Auf der Wiese der Vater, auf und ab patrouillierend wie ein wütender Grizzly. Auf der Terrasse die Mutter, schweigend, mit vorwurfsvollem Gesicht. „WO warst du?“ Sie antwortet nicht, lächelt nur – auch, als der Vater einen Tobsuchtsanfall bekommt: „Ich will, dass du gehst“ Verschwinde von hier! Du bist nicht mehr meine Tochter!“

Viele Jahre später, in einer langen Nacht an den Weihnachtsfeiertagen, als sie allein mit dem Vater ein Glas Wein trinkt, wird sie es wagen, ihn zu fragen: „Warum hast du mich immer so furchtbar verprügelt?“ Da wird er in Tränen ausbrechen und mit der Stimme eines kleinen Jungen sagen: „Du warst es doch, die mich nie geliebt hat. DU hast mich so sehr gehasst„…

Wie entsteht eine narzisstische Persönlichkeit?

Der Narzisst ist ein Mensch, der zwar funktioniert, aber nicht wirklich „lebt”.
Was führt zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung? Ist das Milieu der Kindheit nicht „ausreichend gut”, schafft es also nicht, dem Kind das zu geben, was es braucht, dann ist ein solcher Mensch zu vergleichen mit einem Baum ohne Wurzeln. Er vertrocknet. Ein solcher Mensch muss nun viel zu früh selber für das sorgen, was ihm vorenthalten blieb, will er überleben. Er treibt – vertrocknet wie er ist – Blätter aus eigener Kraft. Er entwickelt ein grandioses Selbst.
Wer sich selbst als hochgenial, begabt und vollkommen erlebt, ist gegen Kränkungen scheinbar geschützt. Dieser Schutz kann aber auch von einem allmächtig gesprochenen Objekt ausgehen, das nicht unbedingt ein lebender Mensch sein muss, sondern genauso
gut auch eine Ideologie o.ä.“ schreibt Brigitte Fragner in einer Broschüre, herausgegeben vom HPE Österreich.

(…) „Auf Kränkung, Verletzung und Beschämung reagiert der narzisstisch gestörte Mensch mit destruktiver Wut. Narzisstische Menschen erscheinen auf den ersten Blick als unabhängig und über allem stehend, sie sind aber – ganz im Gegenteil – überaus abhängig von anderen Menschen: von deren Bewunderung und Beurteilung. Gekränkt werden aber kann man nur von jemandem, den man idealisiert oder mit Allmachtsaspekten ausgestattet hat. Geschieht Kränkung, dann muss der bis dahin idealisierte Mensch schnellstens abgewertet werden. Abwertung in diesem Kontext heißt aber nicht einfach Entidealisierung, sondern gleich Vernichtung. Narzisstische Wut ist immer Vernichtungswut und daher gefährlich.

Infolge einer frühkindlichen Störung kann es zur Ausbildung eines NOT-ICH kommen. Es ist dies ein infantiles und grandioses Ich, das mit Spannungen, Gegensätzen und Frustrationen nicht fertig wird. Also wird alles Unangenehme und Bedrohliche (oder bedrohlich Scheinende) radikal abgespalten, „weil nicht sein kann, was nicht sein darf”. Ich bin großartig, ich bin wichtig, ich bin gut. Alle anderen sind nichtig, dumm und böse.

Ein Mensch, der mit einem Not-Ich leben muss, wird unbeweglich und starr, er lebt gleichsam in seiner eigenen Festung. Er ist nicht mehr flexibel, kann sich an neue Situationen nicht anpassen, denn seine gesamte Energie geht in die Verteidigung. Er verliert die Neugier auf die Welt. Denn das einzige, worauf es ankommt ist, sich vor der bedrohlichen Welt zu schützen.

Das reife Ich hingegen ist ein integrales Ich, das heißt, es schließt Positives und Negatives, Gutes und Schlechtes in sich ein. Es hebt die Spaltungen auf und arrangiert sich mit der Tatsache, dass sowohl jedes Individuum für sich, als auch die Mitmenschen und die Welt sowohl gut wie auch böse sind. Ein Mensch mit einem reifen Ich kann von sich sagen: „Ich bin in manchen Dingen gut, in manchen aber schlecht. Die anderen ebenso. Ich bin manchmal ein guter Mensch, manchmal aber auch ein Versager. Die Welt ist manchmal wunderschön, dann aber wieder schlecht und angstmachend.

Mit dem allen kann ich leben, ja muss ich leben. Aber ich arbeite weiter an meiner eigenen Entwicklung und an der Entwicklung der Welt.”

Mit dieser Realität muss der persönlichkeitsgestörte Mensch immer wieder auf konsequente, aber behutsame Art konfrontiert werden, damit das mangelnde Urvertrauen und der Selbstwert nachreifen können.“

Narzissmus und Borderline ähneln sich in ihrem Erscheinungsbild oft sehr. Die zitierte Broschüre arbeitet die Unterschiede aus:

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Ist ein Narzisst auch ein Psychopath?

Sie kann Verallgemeinerungen nicht leiden. Zu groß ist die Gefahr, ungerecht zu werden, Andere zu verurteilen für etwas, das sie nicht sind. Zufall oder nicht – sie ist in den letzten Monaten immer wieder auf Blogs, Artikel in Zeitschriften und Videos gestoßen, in denen es um Psychopathen ging.  Alle haben sie nachdenklich gemacht. Gewiss sind die Grenzen fließend – aber wer ist nun der Mann, den sie als Mann ihres Lebens betrachtet?

Sie forscht nach.

„Das Bild, das sich die Öffentlichkeit anhand von Hollywood-Figuren wie Hannibal Lecter von Psychopathen macht, ist bestenfalls unvollständig: Brutale Mörder, Kinderschänder, echte Irre. Doch Psychopathen sind nicht verrückt. Ihr Verstand, sagt Robert Hare, ist völlig in Ordnung. Sie sind mitunter sehr intelligent, sie wissen, was richtig und was falsch ist. Sie können sich auch rein rational in ihr Gegenüber hineinversetzen und dessen Perspektive übernehmen.

Was ihnen fehlt, ist also nicht die sogenannte „Theory of Mind“. Was ihnen fehlt, ist Empathie. Weil sie selbst Gefühle wie Liebe oder Angst vermindert wahrzunehmen scheinen, ist ihre Fähigkeit, Mitgefühl, Schuldbewusstsein oder Reue zu empfinden, eingeschränkt, erklärt Hare. Sie wirken zunächst charmant, sind tatsächlich jedoch seltsam kalt. Laut Robert Hare sind sie „perfekt angepasste Raubtiere“. Geradezu instinktiv finden sie die Schwächen ihrer Mitmenschen und nutzen sie aus.“ (Quelle: dasgehirn.info)

„Es gibt erfolgreiche Psychopathen (die Kerngruppe antisozialer Persönlichkeiten), die z.B. als Investmentbanker oder Pokerspieler große Risiken eingehen und manchmal sogar für ihre Leistungen gefeiert werden. Sie sind wagemutige Draufgänger, die das Risiko suchen. Ob jemand seine antisoziale Persönlichkeit im Rahmen der Gesetze auslebt, ist eine Frage der Sozialisation. Mancher lernt, die Regeln einzuhalten, weil die Nachteile sonst zu groß werden.“ (Quelle: www.gehirn-und-geist.de)

Da ist sie wieder, die kalte Hand um ihr Herz. Ein Gespräch, erst vor wenigen Monaten mit ihm geführt, klingt in ihren Ohren nach:

Ich habe immer Angst, dass du eines Tages wortlos aus meinem Leben verschwinden wirst.

So ein Unsinn.“

„Nicht wahr, du wirst niemals einfach so gehen, ohne ein Wort, egal was passiert…“

„Nein, versprochen. Und das gilt.“

„Danke, das ist so wichtig für mich.“

„Gut.  Ich muss ja die Q. noch weiter ausbeuten – so bin ich eben.“

„??“

„Q – Quelle, Wissens-Quelle„…

Wie sehr sie doch gebettelt hat. Gebettelt um eine Nähe, die scheinbar da war und dann doch wieder nicht. Und wie sie immer wieder abgeprallt ist, an der Gummiwand seiner Eloquenz:

„Wir beide wollen besprechen, wenn es Probleme gibt, ja?“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich will niemals wieder eine wortlose Beziehung haben, wenn es eng wird. Ich möchte, dass wir aneinander wachsen und miteinander wachsen.“

„Eng?“

„Wenn die Ur-Ängste berührt werden.“

„Ich denke, wir können immer über alles reden – ganz sicher sogar. Keine Sorge also.“

Wie seltsam platt das auf einmal klingt – jetzt, wo sie wieder, und diesmal wohl endgültig, wortlos auseinander gegangen sind. War dieser Mann, der so tief in ihr verankert ist, dass sie meint, erst vollständig zu sein, wenn er bei ihr ist – war dieser Mann nur die Antwort auf einen kindischen Traum? Der Spiegel ihrer eigenen Leere, die von ihr selbst vorgegebene Formulierung zur Erlösung ihrer Sehnsucht? Spielte er einfach nur die Rolle, die sie selbst ihm auf den Leib geschrieben hat?

Nein, oh nein …

Ruhelos wandert sie hin und her. Ihr ist schwindlig. Der Schmerz hat wieder die ganze linke Körperhälfte erfasst, das Atmen fällt ihr schwer. Wie so oft, wünscht sie sich, das Elend möge endlich ein Ende haben. Sie will so gern nach Hause. Nach Hause. Dahin, wo kein Körper sie mehr quält. Dahin, wo sie ganz sie selbst sein darf. Dahin, wo sie wieder vollständig sein wird, so wie sie es schon einmal war, bevor ihre Seele beschlossen hatte, dieses Leben voller Prüfungen zu beginnen.

Sie öffnet das Fenster. Der Winter endet früh in diesem Jahr. Die Wiese ist voller Winterlinge, die Haselnüsse blühen, die Vögel singen, und gestern hat sie im Radio gehört, dass eine Straße wegen der Krötenwanderung voll gesperrt wurde. Krötenwanderung im Februar. Sie schüttelt den Kopf. Muss unwillkürlich lächeln, als ihr Lieblingsvogel direkt vor ihr auf dem Flieder landet und sich in die Brust wirft: Der Distelfink schmettert aus voller Kehle. Wie wunderschön es aussieht, wenn so ein kleiner Mann die ganze Pracht seines Gefieders und seines Gesangs verschenkt!

Was wäre die Welt ohne das männliche Element … Immer wieder erfreut sie sich auch an den männlichen Menschen. Wie berührend, wenn ein Mann einen Kampf ausgefochten hat – ganz allein und unter Einsatz aller Kraft, wie ein Bergsteiger auf einem Achttausender – wenn er sich dann spreizt voller Stolz, und strahlt wie die Sonne – wenn er sich dreht und zeigt: ‚Seht her, ich bin kraftvoll und erfolgreich…‘ Dann muss sie lächeln, an die Frauen des römischen Reiches denken und möchte ihm den Siegerkranz auf’s Haupt legen…

Bin ich lächerlich in meiner Frauenrolle? Oder besser: In dem, was ich für meine Frauenrolle halte?

Gute Frage – und nicht wirklich zu beantworten. Wie ist denn die „richtige“ Frauenrolle in einer Welt, in der frau ihren Mann stehen muss? Wieder hört sie einen oft wiederholten Satz ihres Herzmanns in den Ohren klingen: „Ich trage niemanden. Ich sage dir, wie es funktioniert. Aber gehen musst du allein.

Allein. Ja. Allein.

Ihr ist kalt.

Haben wir noch eine Chance?

Nicht, wenn er ein Psychopath ist. Dann kann er nicht fühlen und wird es auch niemals können. Was ist er denn nun?

„Das Verhalten von Narzissten kann dem Verhalten von Psychopathen stark ähneln, mit Blick auf die grobe Missachtung und den groben Missbrauch von anderen Menschen. Doch wenn man die Beweggründe für ihr Verhalten erforscht, werden Unterschiede sichtbar. Der Narzisst verlangt nach Anerkennung und Bestätigung. Er fordert von anderen, dass sie seine besonderen Qualitäten bemerken und würdigen; seine besonderen Qualitäten machen seine Bedürfnisse besonders.

Dies gibt ihm das Gefühl, dass er Anspruch darauf hat, dass diese befriedigt werden. All dies fordert er, als ob sein innerstes Selbst auf dem Spiel stünde, und genau das tut es auch. Enttäuschung/ausbleibende Befriedigung geben ihm das Gefühl, nicht beachtet und vernachlässigt zu werden. Wut und Zorn dringen dann an die Oberfläche und zeigen sich in aggressiven und passiv-aggressiven Verhaltensweisen – oft im proportionalen Verhältnis zum Schmerz und zur Verletzung, die er empfindet.

Der Psychopath ist weniger gequält vom Verlangen nach Bestätigung als der Narzisst. In der Tat scheint seiner inneren Welt alles zu fehlen, was Wertschätzung erfahren könnte: Sie ist karg und beherbergt nichts, was empfänglich wäre für Bestätigung. Die seelische Welt des Psychopathen ist wie mit einem Geheimcode verschlüsselt. Das Ausnutzen von anderen Menschen ist beim Psychopathen räuberischer als beim Narzissten. Für den Psychopathen, der paranoid sein kann, ist die Welt so etwas wie ein riesiges Jagdrevier, das mit „Personen-Objekten“ bevölkert ist, welche er zu seinem Vorteil ausnutzen kann.

(…) Aber wenn wir etwas tiefer gehen, so entdecken wir, dass der Narzisst in Wirklichkeit schrecklich unsicher und bedürftig ist. Der Narzisst rationalisiert sein Verhalten mit seinen besten Verteidigungsmechanismen – Beschuldigungen und Verachtung. Der Narzisst ist ein Experte im nahtlosen Fertigen von solchen Rationalisierungen. Der Psychopat hingegen hat keine Moral, und deshalb braucht er auch nichts zu rationalisieren. Das Leben ist für ihn ein Spiel. Das Spiel besteht darin, herauszufinden, wie er das bekommt, was er will, und zwar sofort (mit welchen Tricks auch immer). Und es ist ein Spiel ohne Regeln. Wo es keine Regeln gibt, da gibt es auch keine Regelverstösse und keine Ausnutzung. Der Psychopath macht sich nach und nach die Regeln selbst, betrügt diesen und jenen Menschen, lügt wie ein schamloses Kind, während er improvisiert und seine Pläne ausführt, manchmal ohne Schwierigkeiten, manchmal mit – aber immer ohne Rücksicht auf und total gleichgültig gegenüber dem Schaden, den er anrichtet.“ (Quelle, stark gekürzt: erkennepsychopathie.wordpress.com)

Und was ist mir mir selbst?

Bin ich überhaupt beziehungsfähig?

Immer wieder fragt sie sich das. Und hat sich deshalb entschlossen, auch selbst die ersten sieben Schritte zu gehen, die sie im Forum narzissmus.net gefunden hat.  Ihr Arzt hat ihr Hoffnung gemacht. „Sie leiden an einer tiefen Verunsicherung bezüglich ihrer eigenen Identität,“ hat er gesagt und sie freundlich angelächelt. „Aber wissen Sie: Was man sich nicht erlaufen kann, kann man sich immer noch erhumpeln. Sie sind ein sensibler, empathischer Mensch und beziehungsfähig. Sie können es schaffen. Und so lange werde ich eine sichere Konstante an Ihrer Seite sein. Ein großer Bruder, sozusagen.“

Das hat ihr Mut gemacht. Für sich und auch den Mann ihres Lebens.

Wenn es Liebe ist, werden sie sich finden. Wenn er fühlen kann, wird er fühlen. Wenn er der mutige, konsequente Mensch ist, den sie hinter all seiner Angst vor Nähe zu sehen glaubt, wird er den Mut haben, sich Hilfe zu suchen. Dann haben sie eine Chance, miteinander zu wachsen.

Und wenn nicht, hat er sie viel gelehrt.

Wann ist ein Mensch narzisstisch veranlagt?

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird im ICD 10 nur unter der Rubrik „Andere spezifische Persönlichkeitsstörungen

(F 60.8)“ aufgeführt. Im Anhang I der ICD-10-Ausgabe „Forschungskriterien“ wird sie allerdings weiter charakterisiert.

Mindestens fünf der folgenden Merkmale müssen vorhanden sein:

  • Größengefühl in Bezug auf die eigene Bedeutung (z.B.: die Betroffenen übertreiben ihre Leistungen und Talente, erwarten ohne entsprechende Leistungen als bedeutend angesehen zu werden)
  • Beschäftigung mit Phantasien über unbegrenzten Erfolg, über Macht, Scharfsinn, Schönheit oder die ideale Liebe
  • Innere Überzeugung, „besonders“ und einmalig zu sein und nur von anderen besonderen Menschen oder solchen mit einem hohen Status (oder von entsprechenden Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen zusammen sein zu können
  • Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung
  • Anspruchshaltung; unbegründete Erwartung besonders günstiger Behandlung oder automatische Erfüllung der Erwartungen
  • Ausnutzung von zwischenmenschlichen Beziehungen, Vorteilsnahme gegenüber anderen, um eigene Ziele zu erreichen
  • Mangel an Empathie; Ablehnung, Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
  • häufiger Neid auf andere oder Überzeugung, andere seien neidisch auf die Betroffenen
  • arrogante, hochmütige Verhaltensweisen und Attitüden.

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Anmerkung: Dieser Blog beruht auf der wahren Geschichte eines Paares in meinem erweiterten Umfeld, mit der ich kürzlich einige Tage lang sehr intensiv in Kontakt kam. Das Leid auf beiden Seiten hat mich so berührt, dass es mich bis heute nicht los lässt.

Siehe auch: Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Von allem getrennt, sogar von sich selbst: Depression ist ein Albtraum, der nie endet

Dualseele, Zwillingsflamme, Liebe: Die große Sehnsucht, nach Hause zu kommen

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Der Narzisst und die Frauenwelt

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Wenn ein Herz bricht

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symtpome

Auf den ersten Blick kein Zusammenhang, auf den zweiten umso mehr:

Wie manipuliert man Menschen?“ Das Handbuch der NSA und:

Manipulation: Einfach, wenn man weiß wie’s geht – und sehr wirkungsvoll…

My life in fur: BDSM-Blog einer Frau über ihre Beziehung mit einem dominanten Narzissten

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Hilfreiche Links:

http://www.narzissmus.net/

www.narzismus.org

Hilfe für Opfer von Narzissten

emlifeforum

http://www.narzissmus-info.com/

http://www.narzissmus.org/eigenschaften-narzisstischer-mutter.php

http://www.parfen-laszig.de/psychoanalytische-ressourcen/

http://www.hpe.at/upload/documentbox/Broschuere-Borderline.pdf

http://www.mensch-und-psyche.de/formen-der-liebe/narzissmus/narzissmus-in-der-partnerschaft/

http://antipsychopathen.blog.de/2012/12/20/widerpruechliche-welt-narzissmus-sozialverhalten-liebe-15339293/

Video mit ausführlichen, klaren Definitionen und Verteidigungsstrategien

Buch: Kaltes Herz: Narzistisscher Missbrauch und wie man wieder auf die Beine kommt 

Update: Studie: Jede dritte Frau in Europa ist Opfer von Gewalt 

Update: These: Die fehlende zweite Hälfte ist ein eigener, dissoziierter Persönlichkeitsanteil

Update: Illusion Dualseele?

Update: What are the twin-flames?

Update: Borderline – was ist das, wie fühlt sich das an?

Update: Checklisten zu dissozialen Persönlichkeiten

Update: Sieben Opfer eines kranken Hirns – Amoklauf in Kalifornien

Update: Sucht ist eine erworbene neurochemische Erkrankung des Gehirns

Update: Niemand überlebt die Liebe unbeschadet

Update: How to deal with a narcissist

Update: Magdalena Kopp, die Gefährtin des „Schakals“

Update: Donald Trump: Wie er wurde, was er ist

Update: Arme dämonisierte Narzissten

Update: 6 signs you were raised by a narcissist

Update: Liebe heilt Narzissten nicht

Update: Loslassen macht frei – Tipps wie man das macht

Update: Das silent Treatment

Update: Ex und Next im Feuer der Eifersucht

Update: Die schwere Trennung von einem Narzissten

Update: Narzissten leben von Bewunderung statt von Liebe

Update: Krankhaftes Lügen der Narzissten

Update: Unter’m Strich zähl‘ nur ich

Update: Video: Beziehung mit einem Narzissten

Wer hat 2013 wieviel Gold gekauft? World Gold Council analysiert das Jahr

Das Jahr 2013 war für den Goldmarkt mehr als turbulent. Investorenträume von einem Erreichen der 2000er Marke für die Feinunze zerplatzten zu Staub – große Spekulationskontingente wurden abgestoßen. Für Privatleute wurde der stark gesunkene Goldpreis zum Fest: Angeführt von der Nachfrage in China und Indien  war 2013 mit einer Steigerung von 21 Prozent ein Rekord-Einkaufsjahr für die privaten Konsumenten. China wurde zum Land der größten Goldnachfrage weltweit. Auch in den westlichen Märken blieb die private Goldnachfrage stark. Besonders in den USA gab es ein robustes Jahr sowohl im Bereich Schmuck, als auch bei Barren und Münzen.

Diese starke private Nachfrage von insgesamt 3 864 Tonnen, so der World Gold Council (WGT) in seinem Jahresbericht 2013, sorgte dafür, dass die Nachfrage nach dem Edelmetall insgesamt „nur“ um 15 Prozent fiel.

Um 38 Prozent stiegen 2013 die chinesischen, um 16 Prozent die indischen Investitionen in Goldbarren und –münzen. Weltweit stiegen die Investitionen in Barren und Münzen um 28 Prozent von 1 289 Tonnen 2012 auf nun 1 654. Dies war die höchste Steigerung seit 1992 die Aufzeichnungen des WGC begannen. Die Steigerung im US-Markt lag bei 26 Prozent (auf 68), in der Türkei sogar bei 113 Prozent auf 102 Tonnen.

Die Nachfrage nach Schmuck in China stieg um 29 Prozent von 519 auf 669 Tonnen. In Indien wurde trotz der Importrestriktionen der Regierung eine Steigerung um 11 Prozent von 552 auf 613 Tonnen.

Folgende Aufschlüsselung ergab sich weltweit nach Sparten:

Goldnachfrage 2012-2013

Schmuck: 2013 gab es den höchsten Anstieg seit 16 Jahren – die Endverbraucher rund um den Globus reagierten auf die gefallenen Preise. Die Jahresnachfrage lag bei 2 209,5 Tonnen, das waren 17 Prozent mehr als 2013 und die insgesamt höchste Nachfrage seit der Finanzkrise von 2008.

Investment: Es gab starke Unterschiede zwischen den verschiedenen Investitionsmöglichkeiten. Die Nachfrage nach Barren und Münzen stieg auf ein Allzeithoch von 1 654,1 Tonnen. Einzelinvestoren profitierten von den niedrigeren Preisen, während Großinvestoren im großen Stil taktische ETF verkauften. Westliche investoren generierten so einen Abfluss von 880,8 Tonnen.

Technologie: Die Jahresnachfrage stabilisierte sich bei 404,8 Tonnen (2012 waren es 407,5). Der gesunkene Preis und verbesserte globale Wirtschaftsaussichten wirkten unterstützend.

Zentralbanken: Nettokäufe durch die Zentralbanken erhöhten insgesamt die offiziellen Goldreserven um 368,8 Tonnen.  2013 war das vierte Jahr in Folge, wenn dieser sich auch aufgrund der höheren Volatilität des Goldes und geringerer Devisenreserven etwas verlangsamte.

Versorgung insgesamt: Der Stand sank um 2 Prozent auf 4 333,9 Tonnen, da die Recycling-Aktivitäten wegen des gesunkenen Goldpreises im Verhältnis zur Produktion in den Minen etwas zurück ging.

Die Zentralbanken kauften 2013 insgesamt 368,6 Tonnen Gold, davon 61 im vierten Quartal. Diese Verlangsamung ergab sich, so der WGC in seinem ausführlichen Jahresbericht, durch die erhöhte Volatilität des Goldes und die gesunkenen Devisenreserven der Staaten. Obwohl es sich um eine Verringerung von insgesamt 32 Prozent im Vergleich zu 2012 handele, sei dies doch insgesamt ein „gesunder Abschluss“, wenn man berücksichtige, dass die Jahresnachfrage 2012 die höchste der letzten 50 Jahre gewesen sei.

Nur Deutschland hat im letzten Jahr seine Goldreserven leicht reduziert (3,5 Tonnen) – dies habe jedoch, so der Bericht, mit dem deutschen Münz-Prägeprogramm zu tun. Betrachte man allerdings den stark gesunkenen Goldpreis, sei bei den Zentralbanken insgesamt wenig Appetit auf Zukäufe vorhanden, schreibt der World Gold Council. Details zu den Goldbeständen der Zentralbanken zeigen die beiden untenstehenden Tabellen. Die weltweite Liste der Goldbestände mit Stand Februar 2014 zeigt die Tabelle darunter.

Veränderungen Goldbestand Januar bis JUni 2013 weltweit

Chart Goldpreis 1970 bis 2014

Chart Goldpreis 2004 bis 2014

Chart Goldpreis 2013

Das Spannende an der Entwicklung war, dass praktisch keine Voraussagen mehr möglich waren, da die bekannten Faktoren keine der bisher bekannten Rückschlüsse mehr zuließen. Auch angesehene Analysten entwickelten daraufhin zunehmend die gleiche Meinung: Der Goldpreis wird gezielt manipuliert.

Wird der Goldpreis manipuliert?“ fragte auch dieser Blog bereits im März letzten Jahres. Die Geldpolitik der Fed ebenso wiedie innerhalb der EU hätte zusammen mit der  keineswegs entspannte Schuldensituation in den USA wie in Europa zu einer verstärkten Flucht in den „sicheren Hafen“ Gold führen müssen, tat es aber nicht. Sicherlich trugen dazu die weltweiten Anstrengungen vor allem der USA, Steuerflüchtlinge einzufangen, erheblich bei. Besonders die Schweiz, traditionell beliebter Lagerplatz möglicherweise nicht immer gesetzeskonform versteuerten Geldes in Form physischen Goldes, wird seit Jahren massiv unter Druck gesetzt. Vergleichbar sichere Bedingungen am „Ersatzplatz“ Singepur zu finden, scheint bereits aufgrund der dortigen politischen Verhältnisse nicht erfolgversprechend. Zum beschriebenen Druck aus den USA gesellte sich im Verlauf des Jahres weltweite Bemühungen, auch sogenannte Offshore-Paradise trockenzulegen.

Es darf jedoch bezweifelt werden, dass hier die wahren Gründe für die Volatilität des Goldpreises zu suchen sind. Betrachtet man die Währungskrisen rund um den Globus, erkennt auch der Laie, dass das Rezept „Wachstum“ in absehbarer Zeit ausgedient haben wird. Was also wäre eine zukunftsfähige Lösung aus Sicht der Banken, ebenso wie der Nationalstaaten, wenn nicht Gold? Ganz einfach: die bargeldlose Zahlung.

Bereits jetzt gibt es Beschränkungen der Barzahlung sogar innerhalb Europas. Nur wenig thematisiert in den Mainstreamnachrichten werden damit zunehmend unkontrollierte Geldströme eingeschränkt. Was mit einer Karte gezahlt wird, ist hingegen lückenlos nachvollziehbar. „Plastikgeld“ würde damit gleich mehrere lästige Schwierigkeiten aushebeln: Steuerflucht wäre kaum noch möglich und Geldmengenprobleme würden sich relativieren.

Um ein solches Projekt weltweit umzuzsetzen, bedarf es allerdings der absoluten Kontrolle über jede mögliche Ersatzwährung: Deshalb geraten beispielsweise Bitcoins zurzeit zunehmend unter Druck. Deshalb darf auch nicht unkontrolliert viel Gold in den Händen nicht staatlicher Investoren bleiben – oder gar größere Einzelmengen in den Händen von Privatleuten.  Aus dem gleichen Grund verkaufen Zentralbanken kein Gold, sondern halten ihre Bestände und kaufen möglichst günstig weiter zu: Der Staat, der die größte Menge einer nicht beliebig vermehrbaren potentiellen Ersatzwährung sein Eigen nennt, wird in einem weltweiten Plastiksystem die meiste Macht haben.

Klingt zu einfach?

Ist auch stark vereinfacht.

Aber Prinzipien sind grundsätzlich ganz einfach.

Goldpreis in den Schlüsselwährungen 2010-2013 Stand 17.2.2014
Der Goldpreis 2010-2013 je Feinunze in den Schlüsselwährungen.
Quelle aller Grafiken: World Gold Council

Siehe auch: Die Fed, die Zinsen, der Goldpreis und die Illusion eines freien Marktes sowie

Grafik des Untergangs prophezeit Börsencrash

Update: Bundesbank holt 2014 30 bis 50 Tonnen Gold aus den USA

Weitere Artikel über Gold finden Sie über die Stichwortsuche in diesem Blog.

Update: Das Steuerparadies Schweiz in Zahlen

Update: Diese Männer verdienten 2013 das meiste Geld an der Börse

Update: Goldpreis-Manipulationen schon seit zehn Jahren

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