Schlagwort: Narzissmus

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symptome

Schon mal jemanden getroffen, der Ihnen Stückchen von Sicherheitsglas unter die Nase hält und steif und fest behauptet, das seien wertvolle Edelsteine? Oder jemanden, der behauptet, Krebs mit Hilfe von Kraftplätzen heilen zu können, die er im Universum über Google Earth findet? Oder jemanden, der ein Nahtoderlebnis nach einem Unfall hatte, danach ein Jahr im Wachkoma lag, anschließend ausgewandert ist und da einem nächtlichen Mordanschlag gerade so entronnen ist? Oder jemanden, der einen Quantanamo-Häftling kennt und eine lange Geschichte über dessen Lebensumstände schreiben konnte? Wobei Sie wohlgemerkt, weder Beweise bekommen, worum es sich bei den Edelsteinen handelt, noch, ob die Krebskranken geheilt sind, ob der Unfall, das Wachkoma oder der Mordanschlag jemals stattgefunden haben, ob es den Qantanamo-Häftling überhaupt gibt?

Wahrheit oder Lüge?

Frei erfunden oder psychotische Wahrnehmung?

Narzissmus, Psychopathie und/oder krankhaftes Lügen?

Psychomeda.de stellt Kriterien bereit, an denen man krankhafte Lügner erkennt:

Krankhaftes Lügen (Pseudologia Phantastica) bezeichnet eine extreme Form des Lügens, bei der es den Betroffenen vor allem darum geht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Der Begriff wurde von dem Schweizer Psychiater Anton Delbrück im Jahr 1891 geprägt. Umgangssprachlich werden auch die Begriffe „Münchhausen-Syndrom“ und „Hochstapler“ verwendet.

Im Vordergrund der Pseudologia Phantastica steht die dramatische Selbstdarstellung gepaart mit einem gesteigerten Geltungsbedürfnis. Es werden Geschichten erzählt, die manchmal unwahrscheinlich klingen – jedoch häufig einen wahren Kern enthalten. Diese Geschichten werden immer weiter ausgestaltet und entwickeln dabei eine starke Eigendynamik. Die Pseudologen steigern sich oft so sehr in ihr Lügengebäude hinein, dass sie selbst anfangen, an die erfundenen Ereignisse zu glauben. Anders als bei Notlügen finden sich keine aktuellen äußeren Anlässe, die das Verhalten erklären.

Charakteristisch für krankhafte Lügner sind ein gutes Gedächtnis, ausgeprägte schauspielerische Fertigkeiten und überdurchschnittliche verbale Fähigkeiten sowie ein sympathisches, gewinnendes Auftreten. Den Pseudologen geht es darum, sich dramatisch vor Publikum in Szene zu setzen und große Aufmerksamkeit zu erzielen. Nicht selten wird dafür bewusst ein besonders gutgläubiges „Publikum“ ausgewählt. Heute gilt die Pseudologia Phantastica daher als Symptom der narzisstischen Persönlichkeitsstörung.

Typisch sind komplett erfundene Lebensläufe und Schicksale mit folgenden Inhalten:

  • Es wird behauptet unter einer schweren Krankheit (Krebs) zu leiden oder diese überstanden zu haben
  • Krankhafte Lügner stellen sich gerne als Opfer oder als Angehörige von Opfern von Naturkatastrophen, Terroranschlägen oder ähnlichem dar
  • Es wird von Verfolgung und anderen schrecklichen Erlebnissen berichtet, die aber nie selbst erlebt wurden
  • Es wird behauptet, das uneheliche Kind einer berühmten Persönlichkeit zu sein
  • Es wird von Doktoren- und Adelstiteln fantasiert

Die Lügengeschichten der Pseudologia Phantastica sind recht einfach von Wahnvorstellungen und Halluzinationen abzugrenzen. Sie sind weder bizarr wie z.B. schizophrene Wahnvorstellungen, noch basieren sie auf falschen Wahrnehmungen (Stimmenhören). Werden krankhafte Lügner mit den Fakten konfrontiert, gestehen sie entweder schnell ein, dass ihre Aussagen falsch waren oder brechen den Kontakt ab.

Erkennungszeichen für krankhaftes Lügen

  • im Vordergrund steht die dramatische Inszenierung vor Publikum oder die Inszenierung als Opfer
  • die Aussagen widersprechen den Fakten
  • es gibt keine Zeugen
  • Ausweichen bei konkreten Nachfragen
  • die Geschichte kann nicht mit chronologischen Sprüngen erzählt werden
  • Inhaltliche und chronologische Widersprüche zwischen den Versionen

Hinweise, die für die generelle Glaubwürdigkeit einer Person sprechen:

  • psychisch stabil / keine psychischen Störungen
  • hohe Werte für Gewissenhaftigkeit (siehe Big-Five-Persönlichkeitstest)
  • keine früheren Falschaussagen
  • Religiosität, die z.B. das Lügen verbietet
  • kein Drogenmissbrauch

Realkennzeichen beziehen sich auf die Glaubhaftigkeit einer konkreten Aussage. Hinweise für die Glaubhaftigkeit einer konkreten Aussage (positive Realkennzeichen):

  • Geschehen wird detailreich und sprunghaft erzählt (nicht auswendig gelernt)
  • Ungewöhnliche Details, z.B. eine Schlafzimmertür lässt sich nur von außen abschließen, nicht von innen.
  • Der Person fehlen für bestimmte Handlungen die Worte, z.B. wenn ein Kind den Geschlechtsverkehr nicht benennen sondern nur umschreiben kann.
  • Geschehen kann konsistent in unterschiedlicher Struktur und mit anderen Wörtern wiederholt werden.
  • Typische Erinnerungslücken, typische Verfälschungen (die es bei auswendig gelernten Geschichten nicht gibt), Erinnerungsfetzen fallen erst später ein
  • Schilderung mit unbewussten Reflexen, z.B. wenn sich ein Kind bei der Schilderung des schmerzhaften Analverkehrs unbewusst an den Po fasst
  • Schilderung belastet das Opfer – entlastet den Täter
  • Schilderung von eigenen Emotionen, Zweifeln und Unsicherheit
  • Anschauliche Schilderung von Körperempfindungen (z.B. Und dann ist mir der Fuß eingeschlafen)
  • Schilderung enthält wörtliche Zitate bzw. direkte Rede

Wer sich mal selbst überprüfen möchte, kann hier einen kostenlosen Persönlichkeitstest machen.

Das Stangl-Lexikon erläutert: Schuldgefühle sind beim Pseudologen aber eher selten, denn sein Verhalten zielt auf narzisstischen Gewinn. Pseudologen schlüpfen dabei häufig in verschiedene Rollen, von denen sie sich Anerkennung und Zuwendung ihrer Mitmenschen erhoffen. Werden Pseudologen als Lügner entlarvt, brechen sie einfach den Kontakt zu diesen Menschen ab und wenden sich anderen zu.

Pseudologen kommt dabei zugute, dass viele Menschen bereit sind, ihnen ihre oft phantastischen Geschichten zu glauben, denn es schmeichelt vielen, solche Menschen zu kennen, die Ungewöhnliches, Aufregendes oder auch Schlimmes erlebt haben. Die Anerkennung, die Pseudologen genießen, strahlt dabei nicht selten auf das Umfeld aus, das daher die aufgetischten Lügengeschichten gar nicht hinterfragen möchte. Schließlich setzt die Pseudologia fantastica immer zwei Menschen voraus: Den Lügner und den, der, der sich belügen lässt. Man findet daher nicht selten im Umfeld von Pseudologen Formen einer Co-Abhängigkeit.

Im Übrigen zeigen fast alle Pseudologen eine ausgeprägte Fantasiebegabung, in manchen Fällen auch verbunden mit überdurchschnittlicher Intelligenz. Die Ursachen der Pseudologie liegen oft in kindlichen Entbehrungen, die die Betroffenen mit Hilfe ihrer Lügengeschichten kompensieren wollen, wobei das Lügen oft einer seelischen Entlastung in Situationen dient, die der Pseudologe nicht anders bewältigen kann.

Kurioses: Bei dem Vergleich der Gehirnscans von drei Gruppen, 1. Erwachsenen, die wiederholt gelogen hatten, 2. Personen, die an einer dissozialen Persönlichkeitsstörung litten, aber nicht besonders häufig logen, und 3. Menschen, die weder antisoziales Verhalten zeigten noch gewohnheitsmäßige Lügner waren, zeigte sich, dass die Lügner ein mindestens zwanzig Prozent größeres Volumen an Nervenfasern im präfrontalen Cortex hatten. Das lässt darauf schließen, dass die Gehirne notorischer Lügner stärker vernetzt sind, bzw. es ist möglich, dass sie zum Lügen prädestiniert sind, weil sie sich leichter Lügen ausdenken können. Eine Kausalität lässt sich daraus aber nicht ableiten.

Auch Menschen mit einer Psychose können wie chronische Lügner wirken. Psychosen haben jedoch grundsätzlich andere Ursachen und Symptome. So können sie ausgelöst werden etwa durch Hirntumore, Demenz, MS, Stoffwechselstörungen oder Nebenwirkungen von Medikamenten. Psychotische Menschen fühlen sich häufig verfolgt, manche hören Stimmen, andere leiden unter Größenwahn, halten sich für bedeutende Persönlichkeiten, Menschen, die Zugang zu geheimem Wissen haben, oder Gedanken lesen können. Viele fühlen ständig zu Unrecht angegriffen und haben veränderte Körperwahrnehmungen.

Im Unterschied zu „einfachen“ notorischen Lügnern, die eloquent sind und ein gutes Gedächtnis haben, ist bei Psychotikern jedoch das Denken häufig verlangsamt oder zerfahren, sie grübeln immer wieder über bestimmte Themen nach, sind sehr nachtragend, springen in ihren Gedanken hin und her, konstruieren eigene Wortschöpfungen.

Antrieb und Konzentrationsfähigkeit von Psychotikern können eingeschränkt sein. Auch psychomotorische Symptome wie starke Unruhezustände oder vorübergehende körperliche Bewegungslosigkeit sind möglich. Viele Psychotiker ziehen sich mehr und mehr von der Außenwelt zurück. Oft treten zudem Stimmungsschwankungen auf. Manche Betroffene leiden unter Ängsten oder Depressionen. Häufig können sie ihren Alltag ohne fremde Hilfe nicht mehr bewältigen.

Zu möglichen Frühsymptomen zählen beispielsweise:

  • sozialer Rückzug
  • Probleme bei der Bewältigung des Alltags
  • Unruhe, Angstzustände, Depressionen
  • mangelnde Lebensfreude
  • Schlafstörungen
  • Konzentrationsstörungen
  • Verlust des Antriebs und der Leistungsfähigkeit


„Kaltes Herz“: Narzisstischer Missbrauch und wie man wieder auf die Beine kommt

Es ist eine ganz große Liebe.  Eine, die rasend schnell intensiv wird. So intensiv, dass Kopf und Herz in einem einzigen Rausch schwelgen und das leise innere Warnen bereitwillig überhören. Der Traum von Glück scheint wahr zu werden:  Geliebt zu sein, mit Haut und Haaren. Begehrt zu werden, voll und ganz. Ein kongeniales Gegenüber zu haben,  mit dem man sich tief verbunden fühlt: Das könnte die lebenslang vermisste Dualseele sein. Das Herz tanzt.

Schnell wird die Bindung eng. Beide  werden unzertrennlich. So unzertrennlich, dass  Freunde und Familie völlig außen vor bleiben. Aber so bleibt es nicht. Manchmal schleichend, manchmal sehr schnell, aber immer nach dem selben Muster geht der  geliebte Partner auf Distanz. Mal mehr körperlich, mal vor allem seelisch, immer verbal. Aus Liebesbekunden werden Abwertungen, aus langen, liebevollen Gesprächen werden Vorhaltungen, Schuldzuweisungen. Der Gefährte spricht plötzlich nicht mehr – manchmal über Tage, manchmal über Wochen – er verdreht Erinnerungen, lügt, betrügt. erinnert sich nicht an Versprechen, weicht jedem klärenden Gespräch aus.  Und es kann noch viel, viel schlimmer werden – wenn man an einen Narzissten geraten ist.

Ehemalige Partner von Narzissten berichten von Monaten, Jahren, Jahrzehnten in Beziehungen, in denen sie sich gedemütigt, entwertet, alleingelassen fühlten, in denen sie alle Freunde und nicht selten ihr ganzes Geld verloren und es dennoch über lange Zeit nicht schafften, sich zu trennen. Warum? Weil es doch eine so große Liebe war. Weil gleich am Anfang der Beziehung der Grundstein gelegt wurde für eine Sucht: Den verzweifelten Wunsch, (wieder) vollständig geliebt zu werden – und zwar so, wie man eben ist. Damit wird eine Trennung emotional schwerer als jeder Drogenentzug.

„Kaltes Herz“  – Narzisstischen Missbrauch überwinden“ heißt ein Buch von Monika Celik, das sich als Ratgeber an Betroffene wendet.  Veröffentlicht wurde das Buch im Self-Publishing Verlag Twentysix. Im dortigen Shop belegt es zurzeit Platz 1 unter den Ratgebern.

Die Lektüre ist schwere Kost – besonders, wenn man sich selbst im Buch wiederfindet. Die zahlreichen Beispiele reflektieren lange Gesprächen der Autorin mit Betroffenen sowie  ihre eigenen Geschichte. Auch Monika Celik war mehrfach in narzisstischen Beziehungen gefangen, hat Höllenqualen gelitten, bevor sie es geschafft hat, sich aus dem Kreislauf der Sucht zu befreien. Auf 435 Seiten geht es jetzt um Lovebombing, Crazymaking und Gaslighting, um Lügen, emotionale Erpressung, Abwertung und Isolierung des Opfers, um Silent Treatment, wütende Monologe und Gewalt, um Victim-Blaming, Stalking, Hoovering und Flying Monkeys – alles Begriffe, die typische Muster in Beziehungen mit Narzissten spiegeln.

Die Autorin definiert genau: Nicht nur die Diagnose Narzissmus, sondern auch die der dependenten Persönlichkeit oder des Co-Narzissten. Alles wird über wahre Geschichten   verdeutlicht. Das macht das Buch so schwer zu lesen: Schwer wiegt die Last des Erlebens der Frauen und Männer, die narzisstischen Missbrauch mit tiefen Blessuren überlebt haben. Und dann, im letzten Fünftel, kommt konkrete Hilfestellung – die noch schwerer zu verdauen ist. Erlösung aus dem Muster gibt es nämlich nur, wenn die Betroffenen bereit sind, nicht nur den Partner anzuklagen, sondern sich selbst genau zu betrachten.

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Welche sind meine eigenen Anteile an meiner destruktiven Beziehung? Welche schädigenden Glaubenssätze habe ich verinnerlicht? Wie ist das mit meinem Wunsch, gebraucht zu werden –  mit meiner eigenen Bedürftigkeit? Wie ist mein Selbstwertgefühl entwickelt – nicht zu verwechseln mit Selbstbewusstsein? Im Hinterfragen dieser Punkte  liegt der Schlüssel dazu, die furchtbare Sehnsucht nach einer Trennung zu überwinden und einen Weg echter Veränderung zu betreten. Kaum jemand schafft es, diesen Weg allein zu gehen. Betroffene brauchen, das stellt die Autorin unmissverständlich klar, die Hilfe von fachlich qualifizierten Therapeuten. Selbsthilfegruppen können wertvolle Foren sein, in denen man sich austauschen kann und in akuter Not Ansprechpartner findet. Ergänzend dazu gibt es Tipps, wie man sich im Alltag helfen kann, wenn die (Sehn-)Sucht nach dem Partner allzu zerstörerisch wütet.

Die Autorin sprich von „Narz“ und „Narzisse“; übliche Ausdrucksweise in Selbsthilfegruppen. Sie duzt ihre Leser, bleibt immer in einer relativ lockeren Umgangssprache und hält mit ihrer eigenen Meinung  nicht hinter den Berg – das mag man, oder man mag es nicht. Auf jeden Fall ist das Buch ein starker Ratgeber:  Man kann wahllos ein Kapitel aufschlagen und ist immer direkt an einer wichtigen Stelle. Und die Gedanken zur Selbstbetrachtung kann man nicht oft genug lesen, getreu dem Motto: „Wer sich nicht selbst helfen will, dem kann niemand helfen“ (Pestalozzi).

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In diesem Blog gibt es verschiedene Geschichten über erlebte narzisstische Beziehungen. Sie finden sie unter dem Stichwort „Männer – Frauen“

Ein Narzisst erklärt:“Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen“

Folgende Geschichte hat ein Mann in einer Selbsthilfegruppe für Opfer von Narzissten erzählt. Ich habe seine Erlaubnis, den Text zu veröffentlichen und tue das hiermit in leicht gekürzter Form.

„Hier geht es rein um meine Meinung, meine Sichtweise, meine Erfahrung. Ich erhebe nicht den Anspruch darauf, dass ich für andere Narzissten sprechen kann. Meine Störung ist diagnostiziert und von verschiedenen Stellen abgesichert, und trotzdem passe ich nicht in jeden Schublade, die bei solchen Diagnosen gerne zur Einstufung dienen.

Zunächst möchte ich mal eine Verallgemeinerung relativieren, denn Narzissmus hat wenig mit Selbstverliebtheit zu tun, vielmehr mit einem dauerhaften Selbsthass,  ausgelöst durch dauerhafte Selbstzweifel. Nur die regelmäßige Fütterung mit Anerkennung schafft es, die Zweifel und den Hass auf sich selbst so sehr zu senken, dass man nicht elendig zu Grunde geht. Die Jagd nach Anerkennung raubt dabei beinahe jegliche Kraft und Zeit und lässt Dinge tun, die weit jenseits jeglicher Achtsamkeit und Selbstfürsorge liegen.  Leider hinterlässt ein Narzisst dabei oft eine emotionale Spur der Verwüstung; bei sich selbst, wie auch in seinem Umfeld.

Wie viele andere auch, habe ich natürlich auch mal geschaut, was Wikipedia zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung sagt und ich war entsetzt. Einem Narzissten die Fähigkeit zur Empathie abzusprechen, ist nämlich schlicht totaler Unsinn. Es gibt Narzissten die durch gesteigerte Empathie nur noch mehr Baustellen zu bewältigen haben, denn auch der Druck helfen zu wollen und Anerkennung als guter Mensch zu erhalten,  kann  an die Grenzen der Lebensfähigkeit treiben. Ich strebte mein bisheriges Leben lang danach, „gut genug zu sein“. Gut genug für Andere, gut genug für etwas Anerkennung. Und da ich teilweise tiefen fast schon lähmenden Schmerz empfinde, wenn ich das Leid anderer wahrnehme, wehre ich mich massiv gegen die Aussage, es gehe mir nur um die Anerkennung.  Nein, meine Empathie ist echt.

Obwohl sich meine narzisstische Persönlichkeitsstörung, sowie meine bipolare Störung (macht es noch etwas komplizierter und erklärt vielleicht manche Abweichung vom landläufigen Bild) schon früh in der Kindheit manifestiert haben, waren die Auswirkungen und negativen Konsequenzen für mich erst recht spät spürbar, und es brauchte einige Schicksalsschläge und eine tiefe Depression, bis meine Überlebensstrategien  ihre Wirksamkeit verloren.

Der Verlust meines eigenen Unternehmens und der damit traurig verknüpfte Verlust meiner langjährigen Partnerin (ja ohne Geld, Macht und Status war ich nicht mehr gut genug) und später dann ein Déjà-vu, als ich einen guten Job und die nächste Partnerin verlor (sie war wenigstens so ehrlich und sagte mir, „was will ich denn dann noch mit dir“), führten zu einer kompletten Abschneidung von jeglicher Anerkennung. Meine Hobbies konnte ich mir nicht mehr leisten, ein Arbeitsumfeld gab es nicht mehr, Familie und Partnerin waren weg, einige Freunde distanzierten sich von mir, und von anderen zog ich mich aus Scham zurück, denn ich fühlte mich nicht wertvoll genug, noch Freunde zu haben. Todesfälle in der Familie verstärkten die Isolation.  Entwertet und vom Selbsthass getrieben, nahm ich einen Suizidversuch vor. Ich erhängte mich in einer Kurzschlussaktion irgendwo im Wald, an einem planlos gewählten Ort, mit einem ungeeigneten Abschleppseil, an einem zu schwachen Ast…  Dieser brach, und ich erwachte nach einer längeren Phase der Ohnmacht auf nassem, schlammigen Waldboden.

Dies brachte noch nicht die Wende. Obwohl ich mich vor mir selbst erschrocken hatte, bedurfte es eines „kleinen“ Wunders, bis ich mir Hilfe holte. Meine kleine Tochter wurde geboren, außerhalb einer Beziehung und ein wahres „One Hit Wonder“, denn sie war das Resultat eines kurzen Versuchs eine Beziehung aufzubauen, der leider scheiterte. Trotzdem führte dieses neue kleine Leben dazu, dass ich meines nicht mehr aufgeben konnte, denn in meiner Familie musste ich selbst erleben, was es bedeutet, wenn ein geliebter Mensch freiwillig viel zu jung geht und seine kleinen Kinder einfach zurücklässt. Das konnte ich mit meiner Moral nicht vereinbaren und meiner Tochter nicht antun und so lebte ich zunächst für meine kleine Tochter weiter, auch wenn ich selbst nicht mehr leben wollte und jeden Tag als Qual empfand.

Als sich in mir der Entschluss manifestierte, wieder leben zu wollen anstatt leben zu müssen, denn das war auf Dauer nicht aushaltbar, holte ich mir Hilfe und ließ mich behandeln. Umfassende Klinikaufenthalte, therapeutische Betreuung, Analyse und Reflektion halfen mir, meine Störungen zu verstehen. Ich habe den Kampf noch nicht gewonnen, aber genug Kraft um weiter zu machen.

Das ist alles vorher passiert:

Einfach nur an etwas teilzunehmen, mitzumachen oder mit dem Strom zu schwimmen, war mir  nie genug. Ich gab alles, um eine Sonderrolle zu spielen, oder die Führung zu übernehmen oder wenigstens um einen gesonderten Ruf zu genießen. Gut war nie gut genug, entweder ich war in etwas sehr gut bis überragend oder ich hab es gemieden.  Alles musste extrem und exzessiv sein.  Das kostete Kraft und nahm mir irgendwann jede Freude an jeglicher Sache oder Handlung. Es ging nur noch um das Streben nach Anerkennung, Sieg, Ruhm und darum etwas besonderes zu sein.

Schul-/Ausbildung:

Da ich vor nichts mehr Angst habe, als zu scheitern oder nicht anerkannt zu werden, denn als Narzisst bezieht man die fehlende Anerkennung nicht etwa auf  ein spezielles Scheitern, sondern immer auf sich als Person, wählte ich nie die Ausbildungswege, die mich gereizt oder gefordert hätten, sondern immer die Wege, in denen die Chancen am besten waren, wirklich herausragend abzuschneiden. Nie hätte ich eine Schule besucht, in der ich nicht hätte Klassenbester sein können und niemals hätte ich eine Ausbildung angefangen, in der ich durch meine Leistungen nicht für Aufsehen hätte sorgen können.

Fahrzeugwahl oder Gebrauchsgegenstände:

Wenn alle ein I-Phone oder alle einen Golf fahren wollten, dann wollte ich, nein MUSSTE ich mich abheben. Ich musste besser sein oder zumindest auf extreme Weise anders. Zu Zeiten, als mein Unternehmen sehr gut lief und ich mir eigentlich fast jedes halbwegs bezahlbare Fahrzeug leisten konnte, hätte  ich mir  einen dicken Audi oder einen sehr gut motorisierten BMW oder Mercedes kaufen können. Aber  ich musste anders sein, ich musste einen Mini mit annähernd 300 PS fahren, denn da war mir mehr Anerkennung sicher.

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Arbeit:

Es reichte mir nicht, einfach nur einen guten Job zu machen, ich wollte besser sein, ich wollte Anerkennung, ich brauchte Anerkennung, in der Selbstständigkeit von den Kunden oder in Form von Zahlen und im Angestellten-Verhältnis dann von Vorgesetzten. Nur das erfolgreiche Unterordnen als Narzisst ist schon wieder fast hoffnungslos. Daran scheiterte ich zuletzt. Als ehemaliger Unternehmer kannte ich Wege und hatte sowieso schon sehr sehr hohe Ansprüche an mich und meine Mitarbeiter.  Später dann konnte ich meine Vorstellungen nicht umsetzen, was dazu führte, dass ich meinem Arbeitgeber schlicht zu anstrengend wurde.  Ja da hab ich, durch Narzissmus getrieben, schrecklich versagt. Ich wollte mehr Überstunden machen, ich wollte bei den Mitarbeitern beliebt sein und sie entlasten. Für die Anerkennung meiner Auszubildenden stritt ich mich mit dem Eigentümer des Unternehmens und so weiter.

In meiner Selbstständigkeit war ich erst zufrieden, wenn ich so verdammt nah an der Perfektion war, dass mein Laden immer aussah wie bei einer Neueröffnung. Dafür arbeitete ich 80 bis 120 Stunden, 6 meist 7 Tage die Woche, 11 Jahre ohne einen Tag Urlaub. In einer kurzen Phase als Angestellter bei einem großen Warenhaus häufte ich in nur 9 Monaten 970 Überstunden an, um alle Ziele zu erreichen. Wenn ein nicht gestörter Mensch eine Aufgabe eine Zielvorgabe bekommt, die er nicht erreichen kann, dann findet er Wege damit klar zu kommen. Ich als Narzisst hätte mit einem Scheitern nicht leben können, also gab ich alles:  Ich verzichtete auf Schlaf, ich ging weit über jede normale Grenze und wenn ich die Ziele dann doch irgendwie erreichte, legte ich selbst die Messlatte noch etwas höher, damit die Anerkennung nicht abriss.

Ausbildertätigkeit:

Ich suchte nie Auszubildende, die wirklich gut geeignet waren, sondern ich versuchte, fast hoffnungslosen Fällen die Ausbildung doch zu ermöglichen. Ich wollte die Anerkennung dafür, dass ich diesen Menschen helfen konnte. Damit lud ich mir mehr emotionalen Druck und so viel zusätzliche Arbeit auf, dass es mich fast innerlich zerriss.  Ich brachte Auszubildende durch die Verkäuferausbildung, mit denen ich in meinen Mittagspausen (die ich immer mit irgendwas füllte, nur nicht mit Ruhe) lesen übte, in Grundschullesebüchern der 2. und 3. Klasse. Ich war so stolz, wenn sie es irgendwie schafften, nur was ich dafür alles vernachlässigte sah ich nicht. Ich war dauergestresst, kaum für Familie da und an mich und mein Wohlbefinden dachte ich nie, nur an den nächsten Anerkennungsschub.

Beziehungen:

Fakt ist, ich hatte sehr viele Beziehungen, und an jedem Verlust, an jedem Scheitern litt ich sehr. Vielleicht bin ich beziehungsunfähig, weil mir das Schicksal die ein große Liebe versagte, da ihre Familie (sie war Türkin) mich nicht akzeptierte und ich sie dann aufgeben musste, nachdem ihr Leib und Leben auf schlimmste Art und Weise bedroht wurde. Vielleicht bin ich danach auch gescheitert, weil ich falsche Prioritäten gesetzt hatte und weil mein Tag auch nur 24 Stunden hat. Jedenfalls konnte ich oft nicht meinen Perfektionismus im Job und in der Beziehung unter einen Hut bringen und spätestens  wenn das Genörgel los ging, die Kritik und Unzufriedenheit immer größer wurden, gab ich auf und entzog mich. Entweder ich war gut genug und bekam Anerkennung oder zumindest Verständnis, oder ich wurde immer kälter. Ja in dieser Phase war ich manchmal kalt und ein Arschloch und manches, worum ich hätte kämpfen sollen, warf ich achtlos weg. Ich bereue das sehr, doch damals wusste ich keine anderen Wege damit umzugehen.

Als ich erkannte, dass ich in meiner Situation mit der Belastung der Selbstständigkeit eh kaum eine echte Beziehung führen konnte, ich aber trotzdem hungrig nach Anerkennung durch Partnerschaft war, sprang ich von einem Abenteuer und Versuch zum nächsten. Hier wählte ich meine Partnerinnen irgendwann gar nicht mehr danach, ob sie mir gefielen oder gut taten, ich wählte danach wie viel Aufsehen sie erregten an meiner Seite, was mir ja auch wieder Anerkennung verschaffte. Ja, kranker Mist, für den ich mich echt schäme. Zum Beispiel gab es eine wundervolle Frau, die selbst 192 cm groß ist und damit meine 170 cm bei weitem überragte. Ich liebte es, wenn die Leute sich daran ergötzten, denn ich stand im Mittelpunkt.  Ich habe wundervolle Menschen ausgenutzt, statt mich ihren wirklichen Werten zu widmen, sie anzuerkennen und zu lieben.

Irgendwann verliebte ich mich wirklich, was ich später sehr bereute, denn sie war mindestens so narzisstisch wie ich und dazu noch kälter, berechnender und manipulativer. Vielleicht hab ich es auch nicht anders verdient, denn auch hier waren meine Motive wohl zunächst andere, denn jetzt suchte ich mir ausnahmslos Frauen, die irgendwie in Not schienen. Alleine mit Kindern, selbst geplagt von psychischen Störungen und Erkrankungen, Drogenprobleme etc. Ich wollte helfen und erhoffte mir etwas Anerkennung und Dankbarkeit. Dumm nur, dass ich mich wirklich verliebte und an Beziehungen festhielt, die mir nicht gut taten, da ich zum Beispiel auch die mitgebrachten Kinder zu sehr ins Herz geschlossen hatte.  Da gab ich gab alles was ich hatte und noch mehr, ich ging über jede Belastungsgrenze, die Grenze meiner finanziellen Mittel eingeschlossen, nur um gut genug zu sein. Doch als meine Kraft am Ende und mein Konto leer war, wurde ich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Ein normaler gesunder Mensch hätte den Stecker vorher gezogen. Ich habe aus Angst nicht mehr anerkannt zu werden alles laufen lassen… viel zu lange. Und glaubt mir, ich schäme mich für meine Fehler.

Narzissmus bedeutet aber nicht, dass man innerhalb von Beziehungen nur an sich selbst denkt, im Gegenteil, oft übertreibt man beim Versuch, besonders gut für den anderen zu sein. Das Streben ein perfekter Partner zu sein, kann einen dabei auch komplett auffressen. Geschenke müssen immer wahnsinnig toll und übertrieben sein, damit die Anerkennung groß genug ist, Gemeinsame verbrachte Zeit, unterliegt immer Erfolgsdruck. Ich war ständig auf der Suche, neue Vorlieben zu entdecken, Wünsche zu erahnen oder irgendetwas zu finden, womit ich glänzen konnte.

Sexualität:

Eventuell gehe ich damit zu weit oder mache mich zur Zielscheibe von Spott und Verurteilung. Aber ich will ehrlich sein und es ist nun mal ein wichtiger Bestandteil von Beziehungen und Leben.  Anerkennung meiner Leistungen waren mein Treibstoff, ohne extremen Zuspruch fühlte ich mich leer und als Versager. Ich bin nicht gesegnet mit dem Aussehen eines männlichen Supermodels, ich bin einfach ein eher kleiner, kräftiger Typ, der sich Anerkennung nicht über oberflächliche Komplimente sichern konnte. So wurde Sex für mich zum Job, ich wurde zum Callboy innerhalb von Beziehungen; meine Bezahlung war Anerkennung. Meine eigene Lust und Befriedigung verlor ich komplett aus den Augen, denn ich stand unter extremen Erfolgsdruck. Sex wurde zu einem professionell durchgezogenen Akt, Gefühle starben in mir und ich wurde zu einem Schauspieler. Bevor die Frage aufkommt: Nein keine der Damen wurde stutzig – und nur weil ein Mann einen Erguss hat, hatte er noch lange keinen Orgasmus. Trotzdem steht natürlich außer Frage, dass es mich und später dann auch die Partnerin belastete, wenn ich den Druck nicht mehr aushielt, immer kälter und irgendwann distanzierter wurde.

Ich habe mich immer wieder gefangen, immer wieder meine Rolle gespielt und wirklich übermäßig viel Sex gehabt, aber es war dann selbst in der Beziehung nur Sex, von Lieben konnte keine Rede sein. Ich habe den Sex studiert, in Theorie (Bücher etc. und Praxis), die Anatomie, die Praktiken, Stellungen, die Frauen gelesen und analysiert, ich arbeitete immerzu an mir und so wurde es zum Job. Wenn ich es nicht schaffte, sie zu befriedigen ging meine Welt unter. Viele Männer leiden unter so etwas, aber ich als hatte solch große Versagensangst, dass ich, als ich jünger war, wirklich Angst vorm Sex hatte. Später wuchs die Selbstsicherheit.  So wurde Sex für mich immer mehr zum Werkzeug,  um mir Anerkennung zu verschaffen, doch meine eigene Lust blieb auf der Strecke und ich litt darunter.

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Umgang mit meiner Gesundheit und meinem Körper:

Hier hab ich alles durch, was Aufmerksamkeit und Anerkennung bringt: So war ich ein 130 kg schweres Muskelmonster, und als das niemanden mehr juckte und ich nur einer von vielen Hobbit-Hulkmischlingen war, nahm ich innerhalb von 7 Monaten von 130 auf 63 Kilo ab, nur um dafür Anerkennung zu bekommen. Alles was extrem war und Aufsehen erregte nutze ich, ich fraß bei Wettessen wie ein Schwein, ich machte die schlimmsten ungesündesten extremsten Diäten und mein Körper wurde allerhand Schandtaten  unterzogen, nur um irgendwas an Anerkennung zu bekommen.

Sport:

Wenn ich nicht sehr gut war, machte ich es nicht. Als ich merkte, ich werde nie ein großer Fußballer, wurde ich wenigstens der härteste, um mir damit einen Ruf zu sichern. Als ich merkte, dass ich damit natürlich nicht weit kam, wechselte ich zum Rugby, Hauptsache anders – und ich hab es geliebt. Ich boxte und war extrem, erst als ich jemanden bei einem Amateurkampf schwer verletzte (ist fast 18 Jahre her) und meine Familie mich bat aufzuhören und mich daran erinnerte, dass ich nicht damit leben könnte, wenn ich da bei jemandem schweren Schaden anrichte, ließ ich es sein.

Alltägliches:

Kochen für Anerkennung, nicht für gesunde Ernährung, extreme Gartenprojekte, Feste die etwas besonderes sein mussten. So baute ich einmal einen Spezialgrill, nur um an meinem 30. Geburtstag einen ganzen 180 kg schweren Vogel Strauß am Stück zu grillen und ich badete in der Anerkennung der 150 Gäste, die mich für die abgefahrene Aktion lobten. Doch Freunde waren keine oder kaum welche da, denn echte Freunde hatte ich nicht. Echte Freunde sagen einem offen und ehrlich die Wahrheit. Meine Kritikfähigkeit ging gegen 0, auf Kritik reagierte ich mit sofortigem Rückzug oder scharfen Gegenangriffen. Ich konnte nie differenzieren, ob eine Kritik einer Tat oder Sache galt oder mir als Person. Jede Form von Kritik hat mich getroffen, wie eine Panzerabwehrgranate, und so verbannte ich die besten und ehrlichsten Menschen aus meinem Leben und umgab mich mit  Speichelleckern.

Ja es gibt keinen einzigen Lebensbereich, in dem Narzissmus einen nicht zu selbstzerstörerischen Handlungen treibt.

Ich werde dieses Störungsbild für immer in mir tragen, wie ein Alkoholiker seine Sucht. Aber so wie ein Alkoholiker jahrelang trocken sein kann vom Alkohol, so kann ich mich so gut es geht von der Sucht nach Anerkennung distanzieren. Das bedeutet jeden Tag harte Arbeit, jeden Tag gegen sich selbst zu gehen, dem Alltag mit viel Struktur und Disziplin zu begegnen. Es bedeutet, Muster zu durchbrechen,  sich Kritik zu stellen, Dinge zu tun, in denen man schlecht ist und mit denen es einem erstmal schlecht geht, sich mit Leuten umgeben die ehrlich sind und es aushalten. Es geht darum, die Belastungsgrenze durch Selbstzweifel zu steigern und die Entzugserscheinungen bei fehlender Anerkennung zu ertragen. Der Kopf begreift manches lange bevor es sich in der Gefühlswelt etabliert hat. So muss ich Tag für Tag damit leben, dass ich Dinge tue, die mein Kopf mir erlaubt, die mein Herz aber nicht will. Wenn ich meinem Herzen folge,  renne ich grinsend in mein Verderben und reiße andere Menschen mit. Erst wenn ich meinem Herzen wieder trauen kann, ob es wirklich fühlt, dass etwas gut ist oder ob es doch nur wieder den narzisstischen Trieben folgt, kann mein Kopf etwas entspannen und ich meinem Herzen wieder folgen.

Familiärer Hintergrund

Als Kind von zwei Alkoholikern wurde in mir Urvertrauen nie ausgebildet. Gewalt und Gleichgültigkeit standen an der Tagesordnung. In der Scheidungsphase musste ich mit 8 Jahren viel zu jung Verantwortung für meine kleinen Schwestern übernehmen und so reifte ich wie ein holländische Tomate, sehr schnell zu einem offensichtlich sehr früh reifen Ergebnis, aber die wichtigsten Inhalte fehlten. Kritik an mir wurde nie geübt, denn meine Mutter war mehr mit sich und ihrer Suchtbekämpfung beschäftigt oder bei der Arbeit. Anerkennung musste ich mir immer irgendwo suchen.

Ich hoffe, ich konnte Euch einen kleinen Einblick in die Sichtweise eines Narzissten geben. Bitte vergesst nicht: Es ist eine ernste Störung die viel zu oft im (Frei-)Tode endet, weil der Narzisst darunter mindestens so sehr leidet wie sein Umfeld. Im Gegensatz zu diesem muss er eingesperrt mit seinem kranken Geist in seinem Körper leben.

Jedem von Euch, der unter einem narzisstischen Partner leidet, kann ich nur den Rat geben: Wenn er oder sie sich nicht helfen lässt, dann geht, seid es Euch selbst wert. Seid hart, ehrlich und offen, wenn sie oder er Euch schaden. Seid aber auch verständnisvoll und geduldig, wenn es eure Kraft und Liebe zulässt und Besserung in Sicht ist – aber NUR dann…“

Siehe auch:

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst

Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Herz, ich verlasse dich…

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Dies ist der Beginn einer kleinen Reihe von Geschichten über Männer. Über Männer, die eines gemeinsam haben: Sie ziehen eine Spur gebrochener Frauenherzen hinter sich her – und sehen sich doch selbst als Opfer. Sie alle erlebten narzisstische Kränkungen, die sie so sehr verletzten, dass sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr bereit sind, Nähe zuzulassen. Dieser erste, erschütternde Fall ist auch gleichzeitig der mit den stärksten persönlichen Dramen. Er könnte glatt für ein Drehbuch Pate stehen.

Es ist ein kalter, sonniger Dezembertag. Die Sonne glitzert auf dem Rauhreif an den Pflanzen. Er knöpft das Jacket seines Armani-Anzuges zu und erfreut sich am leisen Klappern seiner neuen, handgefertigten italienischen Schuhe, während er auf das Auto zugeht. Sein Geschäftspartner holt ihn persönlich ab, sie wollen den Deal von gestern nochmal unter vier Augen durchgehen. Kaum hörbar gleitet der teure Wagen die Auffahrt hinab, leise knirscht der helle Kies unter den breiten Reifen. Dann schließt sich das schmiedeeiserne Tor, sie biegen auf die mit alten Bäumen bestandene Landstraße ein. Nichts deutet darauf hin, dass dies der letzte Tag seines Lebens sein wird.

Am Vortag haben sie das Geschäft des Jahrhunderts gemacht: Modernste Sicherheitstechnik in satt siebenstelligem Wert hat einen Global Player überzeugt. Folgegeschäfte winken. Was für ein Coup! Seine dunklen Augen blitzen. Er ist stolz auf sich.

Das letzte, was er sieht, ist ein dunkler Mercedes, der mit hoher Geschwindigkeit den ihnen entgegenkommenden Kleinwagen überholt. Dann wird es dunkel.

Bizarr seine nächsten Wahrnehmungen: Ein Team von Notärzten und Schwestern, kümmert sich hektisch um einen reglosen Körper, den er als den Seinen identifiziert. Er springt herzu, redet auf die Ärzte ein – und staunt, als er feststellt, dass die ihn gar nicht bemerken. Er schaut sich den Körper an und ist entsetzt: Kein Knochen mehr heil, Blut überall, die Atmung setzt aus, das Herz steht still…

Klinisch tot – und sehr lebendig

Er findet sich am Eingang eines Tunnels wieder, will schon hineingehen, als ihn ein prächtig gekleideter Mann anspricht. „Du musst nicht gehen“, sagt der, und hebt an, wortreich einen Plan dazulegen. Dummerweise ist sein Pferdefuß gut zu erkennen – nö nö.

Der Tunnel endet in einer Drehtür. Dahinter wartet warmes, helles Licht und ein unglaubliches, nie gekanntes Gefühl,  geliebt und angenommen zu sein. So hat er sich immer das Glück vorgestellt… das gibt es also wirklich. Er entspannt sich, sein Herz wird weit. Ätherische Gestalten sind in dem Licht unterwegs – irgendwie androgyn und in Pastelltönen schimmernd. Er kann nonverbal mit ihnen kommunizieren, aber so weit ist er noch nicht: Er will erst diese wunderbare neue Welt in allen Farben in sich aufnehmen.

Was ist das? Eine der Gestalten kommt mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Er erkennt seinen verstorbenen Vater. Brüsk wendet er sich ab. Nein. Er wird diesem Mann niemals verzeihen.

Schnell will er weiter gehen in dieses Licht, die Schatten für immer hinter sich lassen,  blühen im Wissen, geliebt zu werden. Aber eine machtvolle Stimme bremst ihn aus: „Du kannst hier noch nicht bleiben, du hast noch eine Aufgabe. Geh zurück. Ich gebe dir genau 21 Jahre Zeit.“

Er erwacht in eisiger Panik. Er ist eingesperrt in seinem zerschmetterten Körper, unfähig, sich zu bewegen, unfähig, sich zu fühlen, unfähig, sich mitzuteilen, aber voll und ganz bei Bewusstsein. Ja mehr noch: Er hat im Vergleich zu vorher eine gesteigerte Wahrnehmung. Als der Arzt an sein Bett tritt, hört er ihn denken. „Wachkoma. Ob der wohl jemals wieder zu sich kommen wird?“

Einige wenige Male bekommt er in den kommenden Wochen Besuch. Seine Mutter sitzt an seinem Bett, mustert ihn von Kopf bis Fuß mit kalten Augen. Er hört sie darüber nachdenken, wie sie wohl Zugriff auf sein Vermögen nehmen kann.

Sie wird nicht wieder kommen. Seine Schwester lässt sich gar nicht erst blicken.

Auch seine Frau ist einige Male da. Seine Frau, mit der er nicht nur fast 20 Jahre seines Lebens geteilt hat, sondern auch die Firma und alles Geld. Die Frau, deren Loyalität er  nie infrage gestellt hat: Sie gehört zu ihm und hält ihm den Rücken frei, damit er den Luxus erwirtschaften kann, in dem sie lebt, das ist der Deal.  „Das hast du jetzt davon,“ hört er sie denken. „Immer warst du der Schönste, der Beste, der Erfolgreichste. Dein ganzes Leben war wie eine Windmühle: Immer hast du dich nur um dich selbst gedreht. Nichts, aber auch nichts hast du gemerkt. Nicht, wie ich geweint habe, weil wir keine Kinder bekamen, nicht, wie ich mich immer mehr von dir entfernt habe – und nicht, wie ich dir entglitten bin in die Arme eines Mannes, der mich wirklich sieht…“

In seinem toten Körper gefriert das Blut. Er denkt an ihre Hochzeit, hört Elvis singen. Seine Augen schauen scheinbar blicklos nach vorn, aber in ihm schreit es und weint. „Du hast es geschworen: In guten, wie in schlechten Tagen. Ich war dir treu – vor lauter Arbeit hatte ich gar keine Zeit für Affairen. Und du, was machst du? Du wirst mich hier  verrecken lassen!“

Sie berührt ihn nicht nicht, sieht ihn kaum an. Sie sitzt ruhig an seinem Bett und denkt an IHN, an den ANDEREN.

Bald hört sie auf, ihn zu besuchen.

Er ist allein.

Mutterseelenallein.

Von allen verraten.

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Seine Gedanken gehen zurück zu dem schmächtigen, leisen Jungen, der er einst war. Gehänselt und gequält von den Klassenkameraden, immer wieder verprügelt vom Vater. Er war hoch intelligent, stellte schon im Vorschulalter die „falschen“ Fragen, wollte nur gehorchen, wenn er die Gründe verstand. Früh entwickelte er einen Sinn für Geschäfte, handelte auf dem Schulhof mit allerlei Nützlichkeiten. Freunde hatte er nicht.

Zuhause war er ein Außenseiter. Wenn die jüngere Schwester wieder einmal auf den Knien des Vaters schaukelnd Geschenke erbettelte, bestrich er die Klinke ihres Zimmers von unten mit Farbe, legte tote Mäuse unter ihr Bett. Wenn die Schwester Besuch bekam, musste er deshalb immer aus dem Haus – man schob ihn ab zu den Großeltern. Begehrte er auf, schlug ihn der Vater zusammen: „Du Bastard! Woher hast du eigentlich diese schwarzen Augen? Du bist doch gar nicht mein Sohn!“ … Wie er ihn hasste, diesen schmerbäuchigen Mann mit dem schütteren Haar – und wie verraten er sich fühlte von der Mutter, die dem Geschehen mit kalten, grauen Augen beizuwohnen pflegte…

Wäre Oma nicht gewesen, hätte er diese Jahre nicht überlebt, da ist er sich sicher. Sie war ein uneheliches Kind gewesen, erst durch die Heirat mit dem Großvater „ehrbar“ geworden, und sie zahlte lebenslang teuer dafür: Ihr Mann behandelte sie wie eine Dienstbotin. Sie verstand das Außenseiter-Lebensgefühl ihres Enkels, fütterte ihn mit Liebe, Kuchen und klugen Gesprächen, wärmte sein kaltes Herz und hielt ihn manchmal in ihren Armen.

Als er in die Pubertät kam, verschlimmerte sich die Lage weiter. In der Schule unterfordert, begann er, den Unterricht zu stören. Nach Strafmaßnahmen einer Lehrerin sorgte er dafür, dass deren Auto nach wenigen Fahrtkilometern in Brand geriet. Die Prügeleien seines Vaters weckten Mordlust in ihm.

Das Plakat an der Bushaltestelle rettete ihn. Unter einem großen Foto stand: „Lerne Jeet Kune Do – den großen Weg der abfangenden Faust“.

Das Dojo wurde seine zweite Heimat. Er trainierte konsequent, mit großer Disziplin, nahm die Lehre in sich auf wie ein trockener Schwamm. Nun endlich fühlte er sich unter Gleichen, ohne sich gleich mit ihnen verbrüdern zu müssen. Sein nun hoch aufgeschossener, hagerer Körper streckte sich, er versuchte nicht mehr, den lodernden Blick seiner dunklen Augen zu verstecken.

Mit 16 auf eigenen Füßen

Er war 16, als er endlich seinem Vater die Stirn bot. Das Szenario war nichtmal spektakulär: „Wenn du noch einmal Hand an mich legst, töte ich dich,“ sagte er mit flacher Stimme und kaltem Blick. „Raus!“ Die Antwort des Vaters, dessen flackernder Blick und das leise Verschwinden der Mutter befriedigten ihn tief. Erhobenen Kopfes verließ er das Haus, um es nie wieder zu betreten.

Mit dem Zug kam er in Hamburg an – die Reeperbahn war sein Ziel. Sein billiges möbliertes Zimmer bewohnte er nicht lange: Er verstand es, sich bei den Huren nützlich zu machen, und die nahmen ihn in ihre Obhut. Sie besorgten ihm auch die Arbeit, die ihn endgültig frei machen sollte: In einer Gaststätte avancierte der kluge Junge, der genau wusste, wann er reden sollte oder zu schweigen hatte, schnell zur rechten Hand des Chefs. In dem Jahr Auszeit von der Schule schaffte er es, 100 000 Mark für sich selbst zu erwirtschaften – genug für den Schulabschluss und als Grundstock für seine neue Leidenschaft: Wetten auf dem Forex-Markt.

Seine Karriere war schnell und steil: Zum Informatik-Studium fuhr er im BMW vor. Die Trainée-Phase danach wusste er geschickt abzukürzen: Er bot an, sechs Monate gratis zu arbeiten – wenn man ihn anschließend zu seinem reellen Wert bezahlen würde. Er konnte es sich leisten – der gute Schnitt im Devisenhandel machte es möglich. Da kannte er seine spätere Frau schon, wusste, dass er sie und keine andere an seiner Seite haben wollte. Zur Hochzeit spielte Elvis – und er führte sie ins eigene große Haus. Es war klar, was ihre Rolle sein würde: Sie würde dieses Haus, die Angestellten, seine Garderobe, die geselligen Veranstaltungen managen, er würde das Geld herbei schaffen.

Sie leistete ihren Part zu seiner vollsten Zufriedenheit. Auch wenn er sich zum fünften Mal am Tag umkleidete, war die Reihe seiner Maßanzüge, Hemden und Krawatten perfekt geordnet, auch wenn er kurzfristig ein Abendessen für ein Dutzend Geschäftspartner im Wintergarten geben wollte, war eine perfekte Menüfolge mit passenden Weinen und Spirituosen bereit. Daneben spielte sie Tennis, nahm Reitunterricht, ging begeistert mit ihren Freundinnen shoppen und plapperte gern beim Frühstück davon, so dass er dazu überging, die Börsenzeitung im Büro zu studieren. Natürlich waren sie jedes Jahr zum Skifahren in St. Moritz. Im Sommer liebte er es, mit ihr und seiner schwarzen Wolfshündin am weiten Strand von Dänemark zu joggen.

Es war doch ein perfektes Leben gewesen. Was war eigentlich so schrecklich schief gelaufen?

Auf den Tag genau 13 Monate nach dem furchtbaren Unfall und wenige Tage vor seinem 42. Geburtstag passiert es. Das Taubheitsgefühl in seinem Körper weicht schlagartig. Der einsetzende Schmerz ist so grausam, dass er schreit. Die herbei eilende Schwester glaubt ihren Augen kaum: Er ist von einem Moment auf den anderen aus dem Koma zurück in der Wirklichkeit. Und die ist wahrhaft grausam. Er braucht Morphium, um die Schmerzen überhaupt auszuhalten. Er muss mehrfach nachoperiert werden. Es folgt eine unendlich langsame, mühsame Rehabilitation. Sein Gesicht ist kaum noch wiederzuerkennen: Große und kleinere Narben haben es völlig entstellt.

Wütend kämpft er sich zurück ins Leben. Und zieht Erkundigungen ein. Die Ergebnisse sind niederschnetternd. Seine Frau hat die Firma verkauft und lebt mit dem ANDEREN in der ehelichen Villa. Sein Freund, der am Steuer des Wagens gesessen hatte, ist bei dem Unfall gestorben, die Witwe an einen unbekannten Ort verzogen. Was Mutter und Schwester tun, interessiert ihn nicht. Er ist nicht nur allein, er hat auch alles verloren. Alles.

Sein erster Weg nach dem Verlassen der Klinik  führt ihn auf den Friedhof. Lange nimmt er Abschied von dem toten Freund.

Der zweite Weg führt ihn zum Anwalt. Er beantragt die Scheidung.

Der dritte Weg führt ihn zu seinem Bankschließfach. Gott sei Dank hat er niemals jemand von diesem Traum erzählt: Etwa ein Jahr vor dem Unfall hatte er geträumt, dass er unbedingt seinen Wagen – eine 360 PS-Sonderanfertigung – verkaufen müsse. Gewöhnt, auf Träume und Vorahnungen zu hören, hatte er das auch getan – und den Erlös in Form von Goldbarren in einem Schließfach gelagert. Diese Reserve ermöglicht ihm jetzt den Neustart.

Nein, er besucht seine Frau nicht. Wozu? Damit ihm der ANDERE die Tür öffnet? Seine Befriedigung wird eine andere sein: Wie Phoenix aus der Asche wird er gesunden und reicher werden als jemals vorher. Reich und absolut unverletzlich.

„Ich werde reich und unverletzlich sein“

Er geht nach China, in ein Shaolin-Kloster. Die Mönche entwöhnen ihn von den Schmerzmitteln. Es tut ihm gut, sich harter Disziplin zu unterwerfen. Begeistert nimmt er Stück für Stück am Training teil. Es macht ihn stark für den Kampf, der ihm bevorsteht.

Tokio ist sein nächstes Ziel. Er leiht sich Geld bei Wucherern, um sich an der Börse Handlungsspielraum zu verschaffen. Zweifel plagen ihn nicht.  Binnen kürzester Zeit hat er die Summe herausgespielt und hohe Gewinne verbucht. Seine geschäftliche Intuition ist noch ausgeprägter als früher. Mit schlafwandlerischer Sicherheit erkennt er die roten Linien. Dem Gold bleibt er treu.

Sein Misstrauen ist beinahe grenzenlos. Er lebt im Haus seines japanischen Tutors, der ihn in die Gesellschaft einführt. Aber er fühlt sich ständig bedroht. Also macht er eine Ausbildung als Scharfschütze und sorgt für die nötigen Waffen. Mit seinem Bodyguard übt er sich täglich in Kampfkunst und Messerwerfen. Im Gürtel trägt er zwei Wurfsterne. Niemals betritt er einen Aufzug. Muss er verreisen, wohnt er grundsätzlich im ersten Stock des Hotels, von wo er mit Hilfe des mitgeführten Seils im Notfall entkommen könnte.

Nach vier Jahren verbissenen Arbeitens fühlt er sich finanziell stabil. Er ist nun an den Börsen Tokio und New York aktiv, hat einen ermutigenden kleinen Berg von Gold gesammelt und strebt zu neuen Ufern. Tief dankbar verabschiedet er sich von seiner japanischen Familie und reist nach Mexiko. Am Strand von Yukatan übergibt er das letzte Stück seines alten Lebens dem Meer: Er zerreißt die Scheidungspapiere in tausend Schnipsel. Er investiert ein Vermögen in ein neues Gesicht und unterzieht sich unzähligen Operationen. Nichts, aber auch nichts von der Vergangenheit soll übrig bleiben.

Er kauft einen Katamaran und lässt ihn für seine beruflichen Zwecke umbauen. Währenddessen unternimmt er Ausflüge. Am Fuß der Pyramide, kurz vor Sonnenuntergang, hört er ein Wimmern und sucht nach dem Urheber. Er findet einen Wurf Welpen, in einem Sack unter einem Stein. Alle sind tot, bis auf einen kleinen Rüden. Er nimmt ihn mit und zieht ihn eigenhändig auf.

Der Rüde entwickelt sich zu einem stattlichen Kampfhund. Ebenso wie seine jetzt vier Bodyguards weicht ihm der Hund nicht von den Fersen. Nur er darf seine Schlaf- und Arbeitskajüten betreten. Nachts, wenn er schweißgebadet aus Albträumen aufschreckt, ist der warme Körper des Tiers direkt neben seinem Bett. Der Hund darf sogar sein Gesicht lecken. Seine unverbrüchliche Liebe rettet ihn. Sie rettet ihn vor dem völligen inneren Versteinern.

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Sein Leben stabilisiert sich. Er beschließt, in Belize heimisch zu werden und kauft ein Stück Land – auf einer schmalen Landzunge, von drei Seiten von Meer umgeben. Seit seinem Unfall ist er Vegetarier, der Hund ist es auch. Nun lässt er sein eigenes Gemüse anbauen, experimentiert mit Energieversorgung aus Sonne und Wasser, mit natürlichen Baustoffen. Zum Katamaran, der immer startbereit ist, gesellt sich ein Wasserflugzeug. Den Pilotenschein macht er mit links. Nun ist der Weg nach Cayman ein Kinderspiel. Sein Misstrauen jedoch bleibt omnipräsent. Boot und Flugzeug rüstet er mit potenten Waffen aus, er selbst trägt im Gürtel stets die Wurfsterne und zeigt sein neues Gesicht nur im Notfall. Er verschafft sich mehrere Identitäten und zugehörige „Geschichten“, die sich auch googeln lassen.

Aber er beginnt auch wieder Gefallen am Leben zu finden. Er wird Arbeitgeber für die umliegenden Bauern, testet neue Wege zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ist begeistert von der traditionellen Bambus- und Lehmbauweise, lässt Backöfen bauen, in denen er sein geliebtes Sauerteigbrot herstellen lässt. Tagsüber sieht man ihn jetzt oft im Dorf. Immer trägt er Jeans, ein weißes T-Shirt und Badeschlappen. Er hat die Existenzangt des Einzelnen als eins der größten Übel der Welt erkannt. Also entwickelt er immer neue Modelle für eine gerechtere Verteilung des weltweiten Vermögens, gründet ein Kinderheim, fördert mittellose Studenten und Projekte zu Wasserversorgung in Wüsten.

Seine Nächte verbringt er in einem fensterlosen Büro vor einer Front von Bildschirmen und kämpft gegen die Zocker der Welt und ihre Maschinen. Hier, im Haifischbecken des „echten Lebens“ agiert er hart und unbamherzig. Unter’m Schnitt macht er fast bestürzend hohe Gewinne und sieht sich mit ernsthaften Problemen konfrontiert: Wohin mit dem ganzen physischen Gold, wenn es sicher vor den sich abzeichnenden politischen Krisen geschützt sein soll? Er braucht dieses Gold, denn es sichert ihm Macht.

Je mehr Gewinne er macht, desto mehr Geld investiert er in politische Arbeit, unterstützt mal Regierungen, mal die Opposition. Er erkennt ein weltumfassendes Spinnenetz von fast unbegrenzter Macht, das die Erde beherrscht, bestehend aus wenigen Dutzend Einzelner. Er erklärt alle zu seinen Feinden.

So aktiv und lebendig fühlt er sich wieder, dass er Heimweh bekommt. Heimweh nach seiner Muttersprache, Heimweh nach dem Austausch mit weiblichen Wesen. Also meldet er sich mit extra dafür konstruierten Identitäten in Singleforen, in Facebook, in google+ und diversen anderen Foren an. Er entwickelt ein magnetisch anziehendes Erscheinungsbild, ohne jemals sein Gesicht zu zeigen. Seine hoch manipulativen Postings handeln von der Sehnsucht nach dem Meer, von Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen. Manchmal postet er Elvis – besonders rund um seinen Hochzeitstag, wenn er die tiefe Trauer um das Ende seiner Ehe nicht mehr verdrängen kann.

Frauen nur auf großen Abstand

Binnen kurzer Zeit hat er eine ganze Fangemeinde von Frauen, die sofort mit ihm gehen würden, lüde er sie denn dazu ein. Aber davon ist er weit entfernt. Er will sich austauschen, ohne jedes Risiko persönlicher Nähe. Er löst das Problem denkbar einfach, indem er jeder seiner Gesprächsparterinnen eine Rolle zuweist. Mit der Einen träumt er Sexspiele, mit der anderen verbessert er die Welt, mit der Dritten spricht er von Zeit zu Zeit über seine Ängste vor dem Fegefeuer, seine Befürchtung, dass seine Sucht nach mehr Geld und Macht ihn zu weit von Gott entfernt. Besteht eine der Frauen darauf, ihn persönlich kennenzulernen, beendet er gnadenlos den Kontakt: Dem Risiko, noch einmal verlassen zu werden, wird er sich nie wieder aussetzen.

Sein politisches Engagement bleibt nicht ohne Folgen. In der Nacht vor seinem 50. Geburtstag schlafen alle. Nur der Hund bemerkt das Boot, das am Strand anlegt und zwei schwarz gekleidete Scharfschützen ausspuckt.  So rettet der Rüde seinen Menschen, der seinerseits die Angreifer mit den Wurfsternen schwer  verletzt. Sie können flüchten, werden aber wenig später aufgegriffen. Ungerührt sieht er zu, wie sie zu Tode gefoltert werden, um ihre Auftraggeber zu verraten – und wie die Körper den Haien zum Fraß vorgeworfen werden.

Wenige Wochen später kehrt er von einem Geschäftsessen zurück und findet den Hund vergiftet vor. Den Täter kann er nicht ermitteln.

Der Schmerz ist grenzenlos – der Hass auch. Seine neue Welt und sein neues Leben sind wieder zerbrochen.

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Bei Nacht und Nebel verlässt er Belize, lebt fortan auf dem Katamaran, der nun von einem zweiten begleitet wird. Mehrfach werden sie auf hoher See angegriffen. Er ist gerüstet. Mit Granaten zerschießt er das Radar der Schnellboote, einmal tötet er auch einen der Angreifer. Sein Frustpegel steigt derart, dass er daran denkt, zurück in die Schweiz zu gehen. Seinen Pass hat er sich in all den Jahren seiner Abwesenheit durch großzügiges Sponsoring der lokalen Behördern sichern können. Aber nun wartet ein neues Problem auf ihn: Die Mutter ist gestorben. Seine Schwester will das Erbe antreten, muss dazu  wissen, ob ihr Bruder noch lebt. Die Behörden beginnen, nach ihm zu suchen und tun das höchst effizient: Mit Steuerforderungen in Millionenhöhe.

Seine ausgeklügelten Sicherheitssysteme werden immer öfter gehackt – egal, wo auf der Welt er sich aufhält, wird er innerhalb von Tagen entdeckt. Er vermutet erst die Chinesen, dann die Amerikaner hinter den Angriffen, findet trotz aller Anstrengungen keinen effizienten Weg, sich zu schützen – außer dem, sich aus dem Internet weitestgehend zurückzuziehen. Das wiederum kostet ihn die verbleibenden Gespräche mit den Frauen. Nach und nach legt er sie alle ab, ist einfach nicht mehr erreichbar. Es schmerzt nicht wirklich: Frauen wollen ohnehin nur sein Geld – das braucht er nicht nochmal.

Er wird zum Gejagten zwischen den Kontinenten dieser Erde. Nur ein Ziel ist geblieben, als er endgültig unsichtbar wird: Das Gold. Jeden einzelnen Barren will er behalten, denn Gold ist die Grundlage für Macht nach dem weltweiten Währungscrash, den er erwartet. Dann wird er mitmischen und eine neue, eine gerechtere Welt bauen. Das, so ist er nun überzeugt, ist die Aufgabe, die er lösen muss, bevor er zum letzten Mal und für immer durch die Drehtür gehen darf. Dann wird er belohnt werden mit dem Glück der unendlichen Liebe.

Gott wird ihn nicht verraten, ihn nicht dem Höllenfeuer überlassen, das weiß er genau. Jenseits des Tunnels, im Licht wird er zuhause sein.

Und er wird sich der Liebe Gottes würdig erweisen.

Ehrensache.

*

Siehe auch: Der Mann meines Lebens ist Narzisst und die dortigen, weiterführenden Links

Partnerschaft mit einem Narzissten: WIe er und wie sie die Beziehung erleben

Video mit ausführlichen, klaren Definitionen und Verteidigungsstrategien

Von allem getrennt, sogar von sich selbst

Dualseele: Die große Sehnsucht, nach Hause zu kommen

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Wenn ein Herz bricht

Buch: Kaltes Herz: Narzistisscher Missbrauch und wie man wieder auf die Beine kommt 

Priscilla Presley talks about her life with Elvis

Update: Niemand überlebt die Liebe unbeschadet

Update: Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Update: Donald Trump: Wie er wurde, was er ist

Update: Frederic von Anwalt, der Hollywood-Prinz

Update: Loslassen macht frei – Tipps wie man das macht

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst – wer oder was bin jetzt bitte ICH?

Vier Wochen ist es nun her. Vier lange Wochen. Bis jetzt hat sie es geschafft. Sie hat nicht versucht, ihn anzurufen, nicht versucht, ihn irgendwo abzupassen, ihm keine Mail geschrieben und auch keine SMS. Sie hat auch nicht versucht herauszufinden, was er tut, was er denkt, womit er sich beschäftigt, wen er vielleicht trifft.  Sie war stark. Und sie wird stark bleiben. Auch wenn der sengende Schmerz ihr Herz im Zeitlupentempo in Scherben friert.

Sie hat keine Tränen mehr – es ist, als seien ihre Augen leer geweint. Brennend liegen sie in den Höhlen, giftig stechende Bälle mit Greifarmen bis ins Gehirn, wo sie  langsam und genüsslich jede Windung einzeln lähmen.

Oder nein. Eine Lähmung ist es nicht. Es ist ein glühendes Vereisen – eine eisige Erkenntnis: Diesen Kampf konnte sie nicht gewinnen. So wenig wie ein Ball eine Gummiwand überwinden kann – so wenig wie eine zärtliche Berührung Panzerglas durchdringen kann – so wenig hat sie in all den Jahren sein Herz erreicht.

Je lauter sie nach ihm gerufen hat, desto mehr hat er sich versteckt im Nebel tausender Ausreden, die ganz glatt und leicht von seinen Lippen glitten. In immer seltenerer persönlicher Anwesenheit. Schließlich sogar in den letzten Worten, die er – wie immer, wenn sie Gefahr liefen zu streiten – lieber schriftlich verfasste, um anschließend gar nicht mehr erreichbar zu sein.

Ich bin zum Sterben traurig – enttäuscht von dir und all den leeren Worten“ hatte sie gesagt und dabei gedacht: ‚Wenn er mich doch einfach in die Arme nähme – ein einziges Mal ganz ohne Vorbehalt – ich wäre Wachs in seinen Händen…

Wir leben beide in völlig unterschiedlichen Welten, die schlicht und einfach nicht alltagstauglich miteinander vereinbar sind„, hatte er, wie schon so oft zuvor unterkühlt geantwortet und sich auf unbestimmte Zeit verabschiedet.  Wie immer hatte er sie aber auch diesmal nicht freigegeben – nur die Distanz zwischen ihnen größtmöglich erweitert: „Lass uns nach einer Zeit des Nachdenkens korrespondieren und sehen, was daraus wird.“ Dann war er weg – wie jedes Mal ohne ein Wort zu den konkreten Fragen, die sie ihm gestellt, zu der konkreten Bitte, die sie an ihn gerichtet hatte.

Sie versucht nicht, den Schmerz zu betäuben. Sie weiß, dass sie dann keine Chance mehr hat. Nur ein kleines Glas Wein und sie würde weinend zu betteln beginnen, einmal mehr all seine Bedingungen akzeptieren und dann am ausgestreckten Arm verhungern. Verhungern an ihrer eigenen Sehnsucht, lieben zu dürfen und geliebt zu werden. Einen Mann lieben zu dürfen, der nicht lieben kann.

So, jetzt ist es heraus.

Zum 100. Mal liest sie ihren letzten Brief an ihn: „Ich bin nicht mehr bereit, immer weiter ohne Aussicht auf Änderung zu warten. Wie du zwar weißt, aber nicht realisiert hast, will ich alles oder gar nichts.

Liebe duldet keine Lügen. Liebe ist absolutes Vertrauen.Liebe kann man nicht töten.

Es gibt eine Chance, wie wir zueinander finden können: Du wirst mir gegenüber treten als der Mensch, der du wirklich bist. Ohne jede Maske. Was immer du vor mir versteckt hast, wirst du mir sagen. Nichts ist so schlimm, dass ich es nicht aushalten könnte. Keine Lügen mehr, kein Weglaufen. Ein anderer Weg steht nicht mehr offen.“

Ihre Chance ist etwa so groß wie die, im Lotto zu gewinnen, das weiß sie. Sein herrisches Wesen duldet keinen Widerspruch. Er erwartet bedingungslose Gefolgschaft. Sein Dank dafür ist nicht seine Liebe – aus seiner Sicht aber etwas ganz Großes. Die Person, der er gestattet, vor ihm zu knien, darf nur vom gleichen Holz sein, wie er selbst: elitär. Diese beiden Voraussetzungen – die komplette Unterwerfung, sowie die gleiche, elitäre Sicht der Welt – erlauben es ihm, das maximal Mögliche von sich selbst preis zu geben: seine Gedanken. Seine Gedanken etwa über die Frage, wie er es anstellen kann, aus dieser Welt eine bessere zu machen.

Wie sie die vertrauten Gespräche mit ihm vermisst!

… Waren sie überhaupt jemals vertraut?

Sie greift zu dem Papier, das ihr klar gemacht hat, worin sie nun so viele Jahre verstrickt war – nein, verstrickt IST – denn frei von ihm ist sie so wenig wie eine Süchtige vom „Stoff“. ‚Ich warne dich: Noch bist du frei. Aber du wirst süchtig werden nach mir. So süchtig, dass du nie mehr loslassen kannst…‘ Wie viele Jahre ist das nun her, dass er das sagte? Sie hatten sich gerade eine Woche gekannt. Eine Woche, in der sie mit Begeisterung die Nächte durch debattiert hatten.

Sie hatte befremdet reagiert – wie oft auf seine Übertreibungen. Aber sie hatte die Übertreibung, wie später auch oft, auf das Adrenalin in seinen Adern zurückgeführt. Er lebte in einer Welt ohne Pastelltöne, sah sich selbst als Kämpfer. Als erfolgreicher Kämpfer. Als einer, der nach jeder Niederlage wieder aufstand, um noch besser zu werden. Noch immer bewundert sie ihn für seine eiserne Disziplin und seine Konsequenz im Handeln. Obwohl jedes Mal eine eisige Hand ihr Herz zusammenpresste, wenn er einmal mehr drohend erklärte: „Ich habe keine Feinde. Du bist entweder für mich oder gegen mich. Das kannst du ganz frei entscheiden. Aber nur einmal. Wer gegen mich ist, ist für mich gestorben.“

Sie war und ist für ihn. Und zwar genau so, wie er ist.

Aber heute weiß sie: Der Mann ihres Lebens leidet unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Er ist ein ausgeprägter Narzisst.

Narzissmus in der Partnerschaft

„Der männliche Narzisst sucht permanent die Konkurrenz und den Vergleich, ist ansatzweise glücklich in Ausnahmesituationen, wo man(n) glänzen kann, ist in der Tat häufig auf mehreren Ebenen überbegabt bis manchmal fast manisch angetrieben und genial, steckt aber unglaublich enge Verhaltensgrenzen, über die auch die liebevollste Partnerin nur selten und wenn, dann mit vielen Tricks, gehen kann.

Andererseits kann dieser Mann oft sehr erfolgreich an seiner Karriere bauen, ist häufig visionär und verführerisch und mitreißend, kann durchaus sehr charmant und überzeugend wirken, wenn ihm eine Sache oder ein Mensch für eine bestimmte Phase und Zeit wichtig ist.

Ebenso kann er aber auch diesen umworbenen Menschen oder das Projekt „wie eine heiße Kartoffel“ aus dem Nichts heraus fallen lassen. Diese gestörte, da überproportionale Selbstliebe und das damit verbundene verzerrte unrealistische Selbstbild, kann bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung egozentrische bis asoziale Ausmaße annehmen und bis zur völligen Gefühlsabwehr gehen.

(…) Ein progressiv narzisstischer Mann betont immer erst seine eigenen Qualitäten, die anderer interessieren ihn in Wahrheit wenig, höchstens als der niedrigere Vergleichsmaßstab.  Ein Narzisst befindet sich daher in einer Endlosschleife ständiger Überkompensation seiner tiefliegenden Minderwertigkeitskomplexe, geht ständig in Konkurrenz und Vergleich, will dabei immer der Beste und Überlegenste sein.

(…)Interessanterweise ziehen progressive Narzissten den regressiven narzisstischen Menschen magisch an. Dieser ist immer in der Rolle des Bewunderers, fühlt sich kleiner, unwichtiger, unbedeutender oder gar weniger klug als sein progressiv narzisstisches, immer sicher wirkendes Gegenüber, steht in dessen Schlagschatten und wertet das eigene Image über diesen „Superstar“ auf. Der regressive Narzisst kann sich manchmal lebenslang unterordnen, was jedoch immer auch eine große Abhängigkeit produziert.

So ein narzisstisches Grundmuster beider Partner kann beispielsweise sein, dass beide sich, also der eine über den anderen in gewisser Weise aufwerten müssen, um sich selbst zu verwirklichen. Anfänglich sprühen oft die „Funken“ in einer solchen narzisstischen Beziehung, alles scheint zu passen, später gleichen die Streitszenen eher einem ganzen Feuerwerk. In der ersten Beziehungsphase gibt es grundsätzlich die (regressive) „Bewunderin“ und den omnipotent Bewunderten (progressiv), der dies narzisstisch absolut benötigt wie umgekehrt.

Zum Konflikt bzw. der Kollusion kommt es genau dann, wenn sich plötzlich die unbewussten Muster und Erwartungen nicht mehr automatisch einlösen und es nun eher störend wird, dass der eine Partner eher zu selbstherrlich auftritt und der andere „ seinen Ohrfeigen“ trotzdem weiter nachläuft und um Liebe bettelt, oder zur Schonung oder Fürsorge auffordert, oder sich nur noch depressiv unterwürfig bis nörglerisch – anklagend äußert. (…)

(….)Die narzisstische neurotische Lebensdramaturgie orientiert sich ausschließlich am eigenen überproportionalen Autonomie- und Überlegenheitsstreben. Echte Nähe passt da nicht hinein. Tiefe Gefühle und Nähe und echte Intimität sind irritierend und zu vermeiden. Genau dies kann eine Partnerin in eine extreme Gefühlsabhängigkeit treiben, da sie ständig etwas bei ihm sucht, was er nicht zu geben vermag. Ein narzisstischer Mann erwartet die Kompromisse immer von der anderen Seite und selten von sich selbst.

(…)Neurotisch narzisstische und damit bindungsgestörte, beziehungsschwache Menschen benötigen für sich immer alle Zeit der Welt zum möglichen JA zu einer Beziehung, machen dem Anderen dabei einerseits Hoffnung und entziehen sich gleichzeitig beim kleinsten Wink einer Festlegung, also wenn der Andere es etwas verbindlicher haben möchte. Hier entsteht immer eine narzisstische Gefühlsachterbahn.“ (Quelle: stark gekürzter Blog der Psychotherapeutin Monika Koch in der Aachener Zeitung).

Hm.

Bin ich ein armes, um Zuneigung bettelndes Häschen?

IMG_0093Sie geht zum Spiegel und betrachtet sich lange. Sie ist sportlich, wenn auch nicht mehr so schlank wie früher – ihre weiblichen Formen bringt das deutlicher zur Geltung. Ihre dunklen langen Haare zeigen noch kein Grau, in den seelenvollen, dunklen Augen liegt oft ein Lächeln – sie können jedoch auch angriffslustig funkeln. Sie hat eine Führungsposition in einem kreativen Beruf. Dort gehört Klappern zum Handwerk – unter den Mitarbeitern, wie auch den Kunden sind wirkungsvolles Eigenmarketing ebenso wie eine Portion Übertreibung Alltag. Sie empfindet es oft als anstrengend, von solchen Menschen umgeben zu sein: Zeigt sie nicht genügend Autorität, wird man sie gnadenlos absägen – ist sie nicht kreativ genug, wird man sie umgehend links überholen. Manchmal ertappt sie sich dabei, sich müde zu fühlen. Dann wünscht sie sich starke Arme, in die sie sich flüchten könnte – einen Partner, der ihr erlaubt, auch einmal schwach zu sein.

Aber macht sie das zur regressiven Narzisstin?

Wenn das Herz doch nicht so weh täte. Seit einigen Jahren bemerkt sie an sich, besonders abends, beunruhigende Herzrhythmusstörungen, die laut Arzt keine organische Ursache haben. Seitdem übt sie sich in meditativen Techniken und hat so auch zum Malen gefunden. Das städtische Symposium der Landschaftsmaler vom letzten Sommer kommt ihr in den Sinn. Zwei Tage lang hat sie da Seite an Seite mit einem Maler aus Süddeutschland gesessen und sich angeregt mit ihm unterhalten. So lange, bis er sich outete, in einem BDSM-Forum als „Dom“ aktiv zu sein. „Du bist reif„, hatte er ihr unvermittelt eröffnet. „Du bist eine Sub – schau dich ehrlich an und erkenne es.

Das Thema Dominanz und Submission hat sie danach noch Monate beschäftigt. Dann war es für sie geklärt: Nein. So wie sie selbst Demütigung und Kränkungen ihres Partners ablehnt, braucht sie auch keine solche Behandlung, um sich sexuell angeregt oder glücklich zu fühlen. Etwas länger dauerte die Auseinandersetzung mit der Frage: „Willst du führen oder geführt werden?“

Sie weiß, dass sie sich selbst führen kann – sie hat es seit vielen Jahren bewiesen. Aber war sie in dieser Zeit glücklich? Warum hatte dann der Mann ihres Lebens solch ein leichtes Spiel mit ihr?

86cvdsug1[2]Tränen steigen in ihr auf, als sie an den Vater denkt. Als kleines Mädchen war er der Größte für sie gewesen, der klügste Mann der Welt, der sein Wissen gern mit ihr teilte. Ein Mann mit machtvollen grünen Augen, der mit ihr spielte, mit ihr sprach wie mit einer Erwachsenen, der ihr sagte, sie werde später einmal „zur Elite“ gehören, der seine Gedanken und seine Sehnsüchte mit ihr teilte … So lange, bis sie in die Pubertät kam. Da begann ihr Bild vom tollen Vater zu bröckeln. Sie war klug, vielseitig begabt, lernte schnell und dachte vernetzt. So stellte sie den Vater sehr früh in Frage.

Das wiederum hatte aus dem begeistert liebenden einen immer wieder prügelnden Vater gemacht, der sich mit aller Kraft anstrengte, ihre innere Freiheit zu brechen. Sie war gegangen, sofort nach dem Abitur. Und hatte nie aufgehört, nach der Liebe ihrer Kindheit zu hungern…

Aber halt: War das wirklich so einfach gewesen? Längst vergessen geglaubte Bilder steigen in ihr auf: Das kleine Mädchen, das zum Vater rennt, um ihn zu umarmen und ihm zu sagen, dass es ihn lieb hat. Der Vater, der sich grade mit anderen Eltern unterhält, dem Mädchen rüde mit dem Handrücken ins Gesicht schlägt und kalt sagt: „Wenn Erwachsene reden, haben Kinder zu schweigen„… Die eisige Hand um das Herz des Mädchens – die Angst, seine Liebe zu verlieren, war immer präsent.

Und dann die Jahre danach, als sie versuchte, sich vom übermächtigen Vater zu lösen. Typische Szene, vorzugsweise am Mittagstisch: Er: „Du wirst das jetzt tun.“ Sie: „Warum?“ Er: „Weil ich es sage.“ Sie: „Das reicht mir als Begründung aber nicht.“ Wie dann beide aufspringen. Sie flüchtet in den Flur, lässt sich zu Boden fallen, schützt ihr Gesicht. Er schlägt blindlings zu, wo immer er hin trifft. Sie gibt keinen Laut von sich. Merkwürdigerweise fühlt sie auch keinen Schmerz. Irgendwann lässt er von ihr ab, geht ins Schlafzimmer, um Mittagsschlaf zu halten.

Schließlich der Tag, als er sie zum letzten Mal prügelt. Da ist sie 17. Sie liegt wie immer am Boden und schützt ihr Gesicht, fühlt die Fäuste auf sich niederdreschen, als plötzlich eine heiße Welle der Wut in ihr aufsteigt. Nein, es ist mehr als Wut. Mordlust ist es, die ihr aus den Augen schießt, als sie sich unter den Schlägen aufrichtet und seine grellen grünen Augen fixiert: „Na, hast du dich bald ausreichend an mir befriedigt?“

Sein Arm friert mitten im Schlag ein. Die Mutter, die wie so oft das Geschehen reglos sitzend mit verfolgt, bricht in Tränen aus und ruft: „Du Hexe – du bist eine Hexe!“ Die Hexe, die aufsteht, den Vater noch einmal mit einem vernichtenden Blick von oben bis unten misst und dann ruhig ins Mädchenzimmer geht, um Hausaufgaben zu machen. Ein Metzgermesser. Sie hat die ganze Zeit an ein langes, schweres Metzgermesser gedacht, das sie in seine Brust stoßen würde.

Im selben Jahr der vorerst letzte Akt des Vater-Tochter-Dramas. Sie kommt zum ersten Mal eine ganze Nacht lang nicht nach Hause, taucht am Sonntag zur Frühstückszeit im Garten auf. Auf der Wiese der Vater, auf und ab patrouillierend wie ein wütender Grizzly. Auf der Terrasse die Mutter, schweigend, mit vorwurfsvollem Gesicht. „WO warst du?“ Sie antwortet nicht, lächelt nur – auch, als der Vater einen Tobsuchtsanfall bekommt: „Ich will, dass du gehst“ Verschwinde von hier! Du bist nicht mehr meine Tochter!“

Viele Jahre später, in einer langen Nacht an den Weihnachtsfeiertagen, als sie allein mit dem Vater ein Glas Wein trinkt, wird sie es wagen, ihn zu fragen: „Warum hast du mich immer so furchtbar verprügelt?“ Da wird er in Tränen ausbrechen und mit der Stimme eines kleinen Jungen sagen: „Du warst es doch, die mich nie geliebt hat. DU hast mich so sehr gehasst„…

Wie entsteht eine narzisstische Persönlichkeit?

Der Narzisst ist ein Mensch, der zwar funktioniert, aber nicht wirklich „lebt”.
Was führt zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung? Ist das Milieu der Kindheit nicht „ausreichend gut”, schafft es also nicht, dem Kind das zu geben, was es braucht, dann ist ein solcher Mensch zu vergleichen mit einem Baum ohne Wurzeln. Er vertrocknet. Ein solcher Mensch muss nun viel zu früh selber für das sorgen, was ihm vorenthalten blieb, will er überleben. Er treibt – vertrocknet wie er ist – Blätter aus eigener Kraft. Er entwickelt ein grandioses Selbst.
Wer sich selbst als hochgenial, begabt und vollkommen erlebt, ist gegen Kränkungen scheinbar geschützt. Dieser Schutz kann aber auch von einem allmächtig gesprochenen Objekt ausgehen, das nicht unbedingt ein lebender Mensch sein muss, sondern genauso
gut auch eine Ideologie o.ä.“ schreibt Brigitte Fragner in einer Broschüre, herausgegeben vom HPE Österreich.

(…) „Auf Kränkung, Verletzung und Beschämung reagiert der narzisstisch gestörte Mensch mit destruktiver Wut. Narzisstische Menschen erscheinen auf den ersten Blick als unabhängig und über allem stehend, sie sind aber – ganz im Gegenteil – überaus abhängig von anderen Menschen: von deren Bewunderung und Beurteilung. Gekränkt werden aber kann man nur von jemandem, den man idealisiert oder mit Allmachtsaspekten ausgestattet hat. Geschieht Kränkung, dann muss der bis dahin idealisierte Mensch schnellstens abgewertet werden. Abwertung in diesem Kontext heißt aber nicht einfach Entidealisierung, sondern gleich Vernichtung. Narzisstische Wut ist immer Vernichtungswut und daher gefährlich.

Infolge einer frühkindlichen Störung kann es zur Ausbildung eines NOT-ICH kommen. Es ist dies ein infantiles und grandioses Ich, das mit Spannungen, Gegensätzen und Frustrationen nicht fertig wird. Also wird alles Unangenehme und Bedrohliche (oder bedrohlich Scheinende) radikal abgespalten, „weil nicht sein kann, was nicht sein darf”. Ich bin großartig, ich bin wichtig, ich bin gut. Alle anderen sind nichtig, dumm und böse.

Ein Mensch, der mit einem Not-Ich leben muss, wird unbeweglich und starr, er lebt gleichsam in seiner eigenen Festung. Er ist nicht mehr flexibel, kann sich an neue Situationen nicht anpassen, denn seine gesamte Energie geht in die Verteidigung. Er verliert die Neugier auf die Welt. Denn das einzige, worauf es ankommt ist, sich vor der bedrohlichen Welt zu schützen.

Das reife Ich hingegen ist ein integrales Ich, das heißt, es schließt Positives und Negatives, Gutes und Schlechtes in sich ein. Es hebt die Spaltungen auf und arrangiert sich mit der Tatsache, dass sowohl jedes Individuum für sich, als auch die Mitmenschen und die Welt sowohl gut wie auch böse sind. Ein Mensch mit einem reifen Ich kann von sich sagen: „Ich bin in manchen Dingen gut, in manchen aber schlecht. Die anderen ebenso. Ich bin manchmal ein guter Mensch, manchmal aber auch ein Versager. Die Welt ist manchmal wunderschön, dann aber wieder schlecht und angstmachend.

Mit dem allen kann ich leben, ja muss ich leben. Aber ich arbeite weiter an meiner eigenen Entwicklung und an der Entwicklung der Welt.”

Mit dieser Realität muss der persönlichkeitsgestörte Mensch immer wieder auf konsequente, aber behutsame Art konfrontiert werden, damit das mangelnde Urvertrauen und der Selbstwert nachreifen können.“

Narzissmus und Borderline ähneln sich in ihrem Erscheinungsbild oft sehr. Die zitierte Broschüre arbeitet die Unterschiede aus:

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Ist ein Narzisst auch ein Psychopath?

Sie kann Verallgemeinerungen nicht leiden. Zu groß ist die Gefahr, ungerecht zu werden, Andere zu verurteilen für etwas, das sie nicht sind. Zufall oder nicht – sie ist in den letzten Monaten immer wieder auf Blogs, Artikel in Zeitschriften und Videos gestoßen, in denen es um Psychopathen ging.  Alle haben sie nachdenklich gemacht. Gewiss sind die Grenzen fließend – aber wer ist nun der Mann, den sie als Mann ihres Lebens betrachtet?

Sie forscht nach.

„Das Bild, das sich die Öffentlichkeit anhand von Hollywood-Figuren wie Hannibal Lecter von Psychopathen macht, ist bestenfalls unvollständig: Brutale Mörder, Kinderschänder, echte Irre. Doch Psychopathen sind nicht verrückt. Ihr Verstand, sagt Robert Hare, ist völlig in Ordnung. Sie sind mitunter sehr intelligent, sie wissen, was richtig und was falsch ist. Sie können sich auch rein rational in ihr Gegenüber hineinversetzen und dessen Perspektive übernehmen.

Was ihnen fehlt, ist also nicht die sogenannte „Theory of Mind“. Was ihnen fehlt, ist Empathie. Weil sie selbst Gefühle wie Liebe oder Angst vermindert wahrzunehmen scheinen, ist ihre Fähigkeit, Mitgefühl, Schuldbewusstsein oder Reue zu empfinden, eingeschränkt, erklärt Hare. Sie wirken zunächst charmant, sind tatsächlich jedoch seltsam kalt. Laut Robert Hare sind sie „perfekt angepasste Raubtiere“. Geradezu instinktiv finden sie die Schwächen ihrer Mitmenschen und nutzen sie aus.“ (Quelle: dasgehirn.info)

„Es gibt erfolgreiche Psychopathen (die Kerngruppe antisozialer Persönlichkeiten), die z.B. als Investmentbanker oder Pokerspieler große Risiken eingehen und manchmal sogar für ihre Leistungen gefeiert werden. Sie sind wagemutige Draufgänger, die das Risiko suchen. Ob jemand seine antisoziale Persönlichkeit im Rahmen der Gesetze auslebt, ist eine Frage der Sozialisation. Mancher lernt, die Regeln einzuhalten, weil die Nachteile sonst zu groß werden.“ (Quelle: www.gehirn-und-geist.de)

Da ist sie wieder, die kalte Hand um ihr Herz. Ein Gespräch, erst vor wenigen Monaten mit ihm geführt, klingt in ihren Ohren nach:

Ich habe immer Angst, dass du eines Tages wortlos aus meinem Leben verschwinden wirst.

So ein Unsinn.“

„Nicht wahr, du wirst niemals einfach so gehen, ohne ein Wort, egal was passiert…“

„Nein, versprochen. Und das gilt.“

„Danke, das ist so wichtig für mich.“

„Gut.  Ich muss ja die Q. noch weiter ausbeuten – so bin ich eben.“

„??“

„Q – Quelle, Wissens-Quelle„…

Wie sehr sie doch gebettelt hat. Gebettelt um eine Nähe, die scheinbar da war und dann doch wieder nicht. Und wie sie immer wieder abgeprallt ist, an der Gummiwand seiner Eloquenz:

„Wir beide wollen besprechen, wenn es Probleme gibt, ja?“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich will niemals wieder eine wortlose Beziehung haben, wenn es eng wird. Ich möchte, dass wir aneinander wachsen und miteinander wachsen.“

„Eng?“

„Wenn die Ur-Ängste berührt werden.“

„Ich denke, wir können immer über alles reden – ganz sicher sogar. Keine Sorge also.“

Wie seltsam platt das auf einmal klingt – jetzt, wo sie wieder, und diesmal wohl endgültig, wortlos auseinander gegangen sind. War dieser Mann, der so tief in ihr verankert ist, dass sie meint, erst vollständig zu sein, wenn er bei ihr ist – war dieser Mann nur die Antwort auf einen kindischen Traum? Der Spiegel ihrer eigenen Leere, die von ihr selbst vorgegebene Formulierung zur Erlösung ihrer Sehnsucht? Spielte er einfach nur die Rolle, die sie selbst ihm auf den Leib geschrieben hat?

Nein, oh nein …

Ruhelos wandert sie hin und her. Ihr ist schwindlig. Der Schmerz hat wieder die ganze linke Körperhälfte erfasst, das Atmen fällt ihr schwer. Wie so oft, wünscht sie sich, das Elend möge endlich ein Ende haben. Sie will so gern nach Hause. Nach Hause. Dahin, wo kein Körper sie mehr quält. Dahin, wo sie ganz sie selbst sein darf. Dahin, wo sie wieder vollständig sein wird, so wie sie es schon einmal war, bevor ihre Seele beschlossen hatte, dieses Leben voller Prüfungen zu beginnen.

Sie öffnet das Fenster. Der Winter endet früh in diesem Jahr. Die Wiese ist voller Winterlinge, die Haselnüsse blühen, die Vögel singen, und gestern hat sie im Radio gehört, dass eine Straße wegen der Krötenwanderung voll gesperrt wurde. Krötenwanderung im Februar. Sie schüttelt den Kopf. Muss unwillkürlich lächeln, als ihr Lieblingsvogel direkt vor ihr auf dem Flieder landet und sich in die Brust wirft: Der Distelfink schmettert aus voller Kehle. Wie wunderschön es aussieht, wenn so ein kleiner Mann die ganze Pracht seines Gefieders und seines Gesangs verschenkt!

Was wäre die Welt ohne das männliche Element … Immer wieder erfreut sie sich auch an den männlichen Menschen. Wie berührend, wenn ein Mann einen Kampf ausgefochten hat – ganz allein und unter Einsatz aller Kraft, wie ein Bergsteiger auf einem Achttausender – wenn er sich dann spreizt voller Stolz, und strahlt wie die Sonne – wenn er sich dreht und zeigt: ‚Seht her, ich bin kraftvoll und erfolgreich…‘ Dann muss sie lächeln, an die Frauen des römischen Reiches denken und möchte ihm den Siegerkranz auf’s Haupt legen…

Bin ich lächerlich in meiner Frauenrolle? Oder besser: In dem, was ich für meine Frauenrolle halte?

Gute Frage – und nicht wirklich zu beantworten. Wie ist denn die „richtige“ Frauenrolle in einer Welt, in der frau ihren Mann stehen muss? Wieder hört sie einen oft wiederholten Satz ihres Herzmanns in den Ohren klingen: „Ich trage niemanden. Ich sage dir, wie es funktioniert. Aber gehen musst du allein.

Allein. Ja. Allein.

Ihr ist kalt.

Haben wir noch eine Chance?

Nicht, wenn er ein Psychopath ist. Dann kann er nicht fühlen und wird es auch niemals können. Was ist er denn nun?

„Das Verhalten von Narzissten kann dem Verhalten von Psychopathen stark ähneln, mit Blick auf die grobe Missachtung und den groben Missbrauch von anderen Menschen. Doch wenn man die Beweggründe für ihr Verhalten erforscht, werden Unterschiede sichtbar. Der Narzisst verlangt nach Anerkennung und Bestätigung. Er fordert von anderen, dass sie seine besonderen Qualitäten bemerken und würdigen; seine besonderen Qualitäten machen seine Bedürfnisse besonders.

Dies gibt ihm das Gefühl, dass er Anspruch darauf hat, dass diese befriedigt werden. All dies fordert er, als ob sein innerstes Selbst auf dem Spiel stünde, und genau das tut es auch. Enttäuschung/ausbleibende Befriedigung geben ihm das Gefühl, nicht beachtet und vernachlässigt zu werden. Wut und Zorn dringen dann an die Oberfläche und zeigen sich in aggressiven und passiv-aggressiven Verhaltensweisen – oft im proportionalen Verhältnis zum Schmerz und zur Verletzung, die er empfindet.

Der Psychopath ist weniger gequält vom Verlangen nach Bestätigung als der Narzisst. In der Tat scheint seiner inneren Welt alles zu fehlen, was Wertschätzung erfahren könnte: Sie ist karg und beherbergt nichts, was empfänglich wäre für Bestätigung. Die seelische Welt des Psychopathen ist wie mit einem Geheimcode verschlüsselt. Das Ausnutzen von anderen Menschen ist beim Psychopathen räuberischer als beim Narzissten. Für den Psychopathen, der paranoid sein kann, ist die Welt so etwas wie ein riesiges Jagdrevier, das mit „Personen-Objekten“ bevölkert ist, welche er zu seinem Vorteil ausnutzen kann.

(…) Aber wenn wir etwas tiefer gehen, so entdecken wir, dass der Narzisst in Wirklichkeit schrecklich unsicher und bedürftig ist. Der Narzisst rationalisiert sein Verhalten mit seinen besten Verteidigungsmechanismen – Beschuldigungen und Verachtung. Der Narzisst ist ein Experte im nahtlosen Fertigen von solchen Rationalisierungen. Der Psychopat hingegen hat keine Moral, und deshalb braucht er auch nichts zu rationalisieren. Das Leben ist für ihn ein Spiel. Das Spiel besteht darin, herauszufinden, wie er das bekommt, was er will, und zwar sofort (mit welchen Tricks auch immer). Und es ist ein Spiel ohne Regeln. Wo es keine Regeln gibt, da gibt es auch keine Regelverstösse und keine Ausnutzung. Der Psychopath macht sich nach und nach die Regeln selbst, betrügt diesen und jenen Menschen, lügt wie ein schamloses Kind, während er improvisiert und seine Pläne ausführt, manchmal ohne Schwierigkeiten, manchmal mit – aber immer ohne Rücksicht auf und total gleichgültig gegenüber dem Schaden, den er anrichtet.“ (Quelle, stark gekürzt: erkennepsychopathie.wordpress.com)

Und was ist mir mir selbst?

Bin ich überhaupt beziehungsfähig?

Immer wieder fragt sie sich das. Und hat sich deshalb entschlossen, auch selbst die ersten sieben Schritte zu gehen, die sie im Forum narzissmus.net gefunden hat.  Ihr Arzt hat ihr Hoffnung gemacht. „Sie leiden an einer tiefen Verunsicherung bezüglich ihrer eigenen Identität,“ hat er gesagt und sie freundlich angelächelt. „Aber wissen Sie: Was man sich nicht erlaufen kann, kann man sich immer noch erhumpeln. Sie sind ein sensibler, empathischer Mensch und beziehungsfähig. Sie können es schaffen. Und so lange werde ich eine sichere Konstante an Ihrer Seite sein. Ein großer Bruder, sozusagen.“

Das hat ihr Mut gemacht. Für sich und auch den Mann ihres Lebens.

Wenn es Liebe ist, werden sie sich finden. Wenn er fühlen kann, wird er fühlen. Wenn er der mutige, konsequente Mensch ist, den sie hinter all seiner Angst vor Nähe zu sehen glaubt, wird er den Mut haben, sich Hilfe zu suchen. Dann haben sie eine Chance, miteinander zu wachsen.

Und wenn nicht, hat er sie viel gelehrt.

Wann ist ein Mensch narzisstisch veranlagt?

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird im ICD 10 nur unter der Rubrik „Andere spezifische Persönlichkeitsstörungen

(F 60.8)“ aufgeführt. Im Anhang I der ICD-10-Ausgabe „Forschungskriterien“ wird sie allerdings weiter charakterisiert.

Mindestens fünf der folgenden Merkmale müssen vorhanden sein:

  • Größengefühl in Bezug auf die eigene Bedeutung (z.B.: die Betroffenen übertreiben ihre Leistungen und Talente, erwarten ohne entsprechende Leistungen als bedeutend angesehen zu werden)
  • Beschäftigung mit Phantasien über unbegrenzten Erfolg, über Macht, Scharfsinn, Schönheit oder die ideale Liebe
  • Innere Überzeugung, „besonders“ und einmalig zu sein und nur von anderen besonderen Menschen oder solchen mit einem hohen Status (oder von entsprechenden Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen zusammen sein zu können
  • Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung
  • Anspruchshaltung; unbegründete Erwartung besonders günstiger Behandlung oder automatische Erfüllung der Erwartungen
  • Ausnutzung von zwischenmenschlichen Beziehungen, Vorteilsnahme gegenüber anderen, um eigene Ziele zu erreichen
  • Mangel an Empathie; Ablehnung, Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
  • häufiger Neid auf andere oder Überzeugung, andere seien neidisch auf die Betroffenen
  • arrogante, hochmütige Verhaltensweisen und Attitüden.

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Anmerkung: Dieser Blog beruht auf der wahren Geschichte eines Paares in meinem erweiterten Umfeld, mit der ich kürzlich einige Tage lang sehr intensiv in Kontakt kam. Das Leid auf beiden Seiten hat mich so berührt, dass es mich bis heute nicht los lässt.

Siehe auch: Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Von allem getrennt, sogar von sich selbst: Depression ist ein Albtraum, der nie endet

Dualseele, Zwillingsflamme, Liebe: Die große Sehnsucht, nach Hause zu kommen

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Der Narzisst und die Frauenwelt

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Wenn ein Herz bricht

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symtpome

Auf den ersten Blick kein Zusammenhang, auf den zweiten umso mehr:

Wie manipuliert man Menschen?“ Das Handbuch der NSA und:

Manipulation: Einfach, wenn man weiß wie’s geht – und sehr wirkungsvoll…

My life in fur: BDSM-Blog einer Frau über ihre Beziehung mit einem dominanten Narzissten

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Hilfreiche Links:

http://www.narzissmus.net/

www.narzismus.org

Hilfe für Opfer von Narzissten

emlifeforum

http://www.narzissmus-info.com/

http://www.narzissmus.org/eigenschaften-narzisstischer-mutter.php

http://www.parfen-laszig.de/psychoanalytische-ressourcen/

http://www.hpe.at/upload/documentbox/Broschuere-Borderline.pdf

http://www.mensch-und-psyche.de/formen-der-liebe/narzissmus/narzissmus-in-der-partnerschaft/

http://antipsychopathen.blog.de/2012/12/20/widerpruechliche-welt-narzissmus-sozialverhalten-liebe-15339293/

Video mit ausführlichen, klaren Definitionen und Verteidigungsstrategien

Buch: Kaltes Herz: Narzistisscher Missbrauch und wie man wieder auf die Beine kommt 

Update: Studie: Jede dritte Frau in Europa ist Opfer von Gewalt 

Update: These: Die fehlende zweite Hälfte ist ein eigener, dissoziierter Persönlichkeitsanteil

Update: Illusion Dualseele?

Update: What are the twin-flames?

Update: Borderline – was ist das, wie fühlt sich das an?

Update: Checklisten zu dissozialen Persönlichkeiten

Update: Sieben Opfer eines kranken Hirns – Amoklauf in Kalifornien

Update: Sucht ist eine erworbene neurochemische Erkrankung des Gehirns

Update: Niemand überlebt die Liebe unbeschadet

Update: How to deal with a narcissist

Update: Magdalena Kopp, die Gefährtin des „Schakals“

Update: Donald Trump: Wie er wurde, was er ist

Update: Arme dämonisierte Narzissten

Update: 6 signs you were raised by a narcissist

Update: Liebe heilt Narzissten nicht

Update: Loslassen macht frei – Tipps wie man das macht

Update: Das silent Treatment

Update: Ex und Next im Feuer der Eifersucht

Update: Die schwere Trennung von einem Narzissten

Update: Narzissten leben von Bewunderung statt von Liebe

Update: Krankhaftes Lügen der Narzissten

Update: Unter’m Strich zähl‘ nur ich

Update: Video: Beziehung mit einem Narzissten

Du siehst mich an

Du siehst mich an,

du siehst mich an!

Nein nein, du redest

nicht mit mir –

noch immer nicht –

vielleicht nie mehr…

*

Du siehst mich an –

mehrmals am Tag!

Im Netz zwar nur,

und du redest nicht –

Aber ich bin so

wahrgenommen…

*

Du siehst mich an –

hast nichts vergessen

genau wie ich !

Du redest nichts…

Aber ich liebe dich –

und freue mich.

*

Ich schau dich an –

mehrmals am Tag

in diesem Forum…

Nein nein, ich schreibe nicht,

aber ich könnte es –

der Weg scheint offen…

*

Du siehst mich an,

du siehst mich an!

Ich träume wieder…

Du redest nicht –

und doch traut sich

mein Herz zu lächeln…

            – gla – 2009

Ein Sehnen – unstillbar brennend, tief wie das Meer – der lange Weg zur weisen Frau

Bis fast zur Brust stand sie im smaragdgrünen Meer, dessen sanfte Wellen mit den Spitzen ihrer langen hellen Haare spielten. Sie blickte unverwandt gen Westen, als könne sie hinter dem tiefblauen Horizont Yucatan sehen. Die tief stehende Sonne zauberte goldene Reflexe auf ihre schlohweißen Locken – fast als seien sie wieder hellblond. Ihr zarter Körper, fast kindlich mit seinen 45 Kilo Gewicht, war tief gebräunt und trotz ihrer Größe von grade mal 1,58 keineswegs zerbrechlich. Harmonisch wiegte er sich in den Wellen.

Ich konnte nicht anders, ich bewegte mich auf sie zu.

„Oh“ lächelte sie, als sie mich bemerkte. „Ich bin Leila. Danke, dass du gekommen bist. „Ich hatte darum gebeten, mir einen Menschen zu schicken, dem ich meine Geschichte erzählen kann.“

Erstaunt betrachtete ich ihr Gesicht: Noch nie hatte ich bei einer Frau solch buschige hellblonde Augenbrauen gesehen – unter ihnen tiefblaue Augen, aus denen gleichmäßig ein zarter Strom von Tränen floss. Auch das Lächeln unterbrach diesen Fluss nicht – als bestehe sie aus zwei verschiedenen Menschen. Ihre Augen schienen sich nach innen zu richten, als sie mich von Kopf bis Fuß musterte: Leila ist voll Aura-sichtig. Offenbar ergab die Prüfung, dass sie mir ihre Geschichte zumuten konnte. Während wir zusammen im Wasser standen und die wenigen Paare am karibischen Strand beobachteten, begann sie zu sprechen.

Hoch sensibel und auf der Suche

Im Juni 1959 wird Leila geboren, in einem kleinen Ort an der Ostsee, unweit von Rostock. Sie ist eine Nachzüglerin: Der Bruder und ihre beiden Schwestern sind sehr viel älter als sie. Vater Bernd ist promovierter Biologe und Leiter einer Versuchsanstalt – er hat ihr die blauen Augen und die buschigen Brauen vererbt. Mutter Ilse ist gelernte Textilverkäuferin. Schon als kleines Mädchen leidet Leila an ihrer hohen Sensitivität: Sie spürt das schmerzvolle Ringen ihrer Eltern um gegenseitige Nähe, das doch nie zum Erfolg führt.

Ihre Mutter, von Natur aus vorsichtig, fast furchtsam, liebt Überraschungen nicht, achtet darauf, dass sich das Leben der Familie in geregelten Abläufen bewegt. Ihre eigenwillige Tochter betrachtet sie in einer Mischung aus Unverständnis und Misstrauen. Bei ihrem Mann sucht sie Schutz und Geborgenheit, fühlt sich oft zurückgewiesen, wenn Bernd unterwegs ist oder über Studien brütet, statt ihre Ängste zu teilen. Erst Jahre nach Kriegsende ist er aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt. Diese Zeit der Unsicherheit, allein mit dem Kleinkindern, war die schlimmste in ihrem Leben.

Mit ihrem Vater hat Leila eine tiefe innere Verbindung, die an Telepathie grenzt. Sie liebt seinen grenzenlos weiten Geist, vollzieht seine Wandlung zum Vegetarier mit, bewundert seine Bereitschaft, immer neu zu lernen. Und sie weint oft, fühlt sich von ihm im Stich gelassen, denn der Vater blockiert die Verbindung zu ihr, so gut er kann. Schmusen ist nicht erlaubt – Gespräche enden, sobald sie zu tief gehen.

Früh auf eigenen Füßen

Als der Vater in den Ruhestand geht, zieht die Familie nach Westen in die kleine Kurstadt, wo seine Schwester ihm ein Haus hinterlassen hat. Leila macht Abitur und geht nach München, wo sie eine Ausbildung zur medizinischen Masseurin beginnt. Die Arbeit im Krankenhaus strengt sie an – intensiv nimmt sie sie die Schmerzen der Kranken, die Ausdünstungen der Medikamente und Desinfektionsmittel, den Zeitdruck der Ärzte wahr. Hier wird die Idee geboren, die ihr Berufsleben beherrschen wird: Es muss doch möglich sein, Menschen zu heilen, ohne chemisch auf ihren Organismus einzuwirken. Heilen, indem körperliches und seelisches Gleichgewicht wieder hergestellt wird.

Sie macht eine Zusatz-Ausbildung in ayurvedischer Massage und lernt in der Gruppe faszinierende junge Menschen kennen. Sie reist mit ihnen nach Indien, um den Vorträgen eines Gurus zu lauschen. Bald stellt Leila ihr Leben auf einen neuen Rhythmus um: Sie arbeitet jeweils ein halbes Jahr in Krankenhaus und spart ihr Geld, um dann für ein halbes Jahr in Indien bei den Jüngern des Gurus zu leben. Tief nimmt sie die hinduistische Lehre vom Rad des Samsara in sich auf. Sie begreift das Gesetz von Ursache und Wirkung, auch Karma genannt, und erkennt, dass das Göttliche in allen Dingen lebt. Oft denkt sie an den Vater daheim und führt innere Gespräche mit ihm.

Als der Blitz sie trifft

Die junge Frau ist ausgesprochen attraktiv, immer bemühen sich meist mehrere Männer gleichzeitig um sie. Sie sieht es gelassen, greift hier und da zu, hält aber innerlich Distanz. Bis sie in München der Blitz trifft: Er heißt Günther, ist klein, sehr schlank und 35 Jahre älter als sie. Rein weiß seine Haare, sengend braun-grün sind seine Augen und sanft ist seine Stimme, wenn er ironisch die Geschehnisse seines Alltags kommentiert. Irgendwie rein ist er, unverbraucht begeisterungs- und liebesfähig – und verheiratet. Leila wird die dritte Frau in seinem Leben und die letzte sein.

Sie lieben sich wie Ertrinkende, liegen stundenlang ineinander, kommen ekstatisch an ihre physischen Grenzen und Leila will seine Augen, die im Orgasmus wie grüne Flammen brennen, nie wieder loslassen. Aber zur Scheidung ist Günther nicht bereit: „Meine Frau ist wie ein Vögelchen“, weint er. „Sie würde sterben, wenn ich gehe. Ich selbst würde sterben, wenn du irgendwann gehst. Und gehen wirst du, denn der Altersunterschied zwischen uns ist einfach zu groß.“

Der Schmerz trifft sie unerwartet und mit voller Wucht. Eine Trennlinie – nicht überwindbar, bestimmt ihr Leben. Sie weint – stundenlang, tagelang. Unvermittelt auf offener Straße, stundenlang in Kirchen. Das Weinen mindert den Schmerz nicht; es weckt im Gegenteil den verzweifelten Wunsch, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Manchmal, wenn sie nach langen Stunden im Hotel mit dem Geliebten in einem Straßencafé sitzt, bemerkt sie etwas ätherisches, fast durchsichtiges in seiner Erscheinung – gepaart mit schmerzvoller Hingabe an dieses wahnsinnige Miteinander, das sie nun fast fünf Jahre verbindet.

Der Wunsch zu sterben

„Du bist für mich der Traum von Jugend – mein letzter Traum“, sagt er einmal – und sie wünscht sich aus tiefstem Herzen, mit ihm zusammen aus dieser Welt zu gehen. Schließlich inszeniert sie die Trennung – er soll nicht sehen, dass sie an dieser Liebe zu sterben droht.

Sie entschließt sich, Psychologie zu studieren, macht ihr Diplom und findet einen Arbeitsplatz in einer Gemeinschaftspraxis. Beziehungsberatung wird zu ihrem Spezialgebiet. Daneben reist sie viel. Von Männern hält sie sich fern – zu tief fühlt sie sich verletzt. Fünf Jahre später, auf dem Rückweg von Kaschmir, sitzt er neben ihr im Flugzeug: Hans-Georg ist Chirurg und in der Entwicklungshilfe tätig. Er ist stämmig, haarig und hat stechende blaue Augen unter buschigen, rötlichen Brauen. Sehr schnell ist er bei seinem Lieblingsthema: „Willst du führen oder geführt werden? Eine dritte Wahl gibt es nicht.“

Manipulativer Geist

Durch die jugendlich-klare Stimme des 50jährigen hindurch spürt sie eine starke manipulative Kraft. Er sitzt neben ihr wie ein Fels – drall, kraftvoll, mit mächtigem, klarem Geist. Fast übermächtig wird ihr Wunsch, beschützt und geführt zu werden. Sie hört ihm zu, verteidigt vehement das Entwicklungspotential gleichberechtigter Partnerschaften und ist doch schon bereit, ihre eigene Gleichberechtigung aufzugeben.

Es wird ein spannendes Jahr mit Hans-Georg – und ein tränenreiches. Nur langsam erkennt sie, wie manipulativ sein Wesen wirklich ist. Nach einer Zeit des Werbens, in der sie in der Praxis ebenso wie zuhause in langstieligen roten Rosen geradezu ertrank, waren sie, wann immer sie Zeit hatten, in schnellen, teuren Wagen durch Europa gefahren, hatten mit Hilfe einer Spendenaktion ein Krankenhaus in Indien gebaut, hatten sich gegenseitig ihr Leben erzählt. Sie hat erkannt, woran Hans-Georg krankt: Als ältester von drei Brüdern hatte der Sohn eines schmächtigen, freundlichen Pfarrers miterleben müssen, wie der Vater von einer übermächtigen, schwergewichtigen Ehefrau drangsaliert und erpresst wurde. Erst nach Eintritt in den Ruhestand wagte der Vater die Scheidung – da hatte Hans-Georg schon längst für sich geklärt: Frauen kann man nur in Schach halten, wenn man stärker ist als sie.

Er tut das konsequent über ständige Parallelbeziehungen. Leila muss lernen, dass es eine deutsche Frau in seinem Leben gibt, mit der er zwar nicht verheiratet ist, aber einen elternlosen Jungen adoptiert und ein Haus in den Bergen gekauft hat. Sie stellt fest, dass er Affairen mit den Ehefrauen befreundeter Ärzte beginnt, sie nach Lust und Laune fortsetzt oder ersetzt – bis Leila irgendwann den Zugang zu ihm völlig verliert. So wie er gekommen ist, verschwindet er: Eines Tages findet sie seine Wohnung leer vor. Danach hört sie nie wieder von ihm.

Unerklärlich missbraucht

Obwohl sie Hans-Georg nicht wirklich geliebt hat, trifft sein Verhalten sie tief. Sie fühlt sich unerklärlich missbraucht, fällt in eine quälende innere Taubheit und Verlangsamung, aus der sie sich kaum zu befreien weiß. Schließlich unternimmt sie eine Reise durch Yucatan, um neue Kraft zu sammeln. Dort tritt sie auf die Schamanin, die für die nächsten 13 Jahre ihre Lehrerin sein wird.

Endlich findet sie Hilfe beim Umgang mit ihrer hohen Sensitivität, lernt, sie zu nutzen und bei Bedarf auch zu bremsen, um innere Verletzung zu verringern. In Riesen-Schritten scheint sie zu genesen: Verlorene Seelenanteile können re-integriert werden, sie findet Kontakt zu ihren Geist-Führern und von einem Tag auf den anderen explodiert eine volle Aura-Sichtigkeit in ihr. „Es war unbeschreiblich. Ich sah die farbigen Lichter um die Pflanzen, Tiere und Menschen tanzen, sie teilten sich mir intensiv und deutlich mit – ich war völlig überwältigt und musste erst lernen, mit dieser neuen Dimension überhaupt umzugehen“, lächelt sie.

Ein kleines Stück Frieden

Sie macht Frieden mit sich selbst, besucht auch wieder ihre Eltern, zu denen sie in all der Zeit kaum Kontakt hatte. Die tiefe Sehnsucht nach der vollkommenen inneren und äußeren Seelenverbindung scheint nachzulassen, sie fühlt sich ruhig und ausgeglichen.

Gert ist Kameramann bei einem privaten Fernsehsender, als sie ihn kennenlernt. Er ist ruhig, freundlich, sehr groß – und er wünscht sich Kinder. Leila fühlt sich bereit dafür, möchte eine freundlich-friedliche Ehe führen, ihr Wissen an ihre Kinder weiter geben und den Schmerz ein für allemal hinter sich lassen. Mittlerweile läuft ihre Praxis extrem gut. Es gibt lange Wartelisten, sie behandelt ausschließlich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln: Aura lesen, schamanische Heilweisen, ayurvedische Massagen. Sie hat enormen Erfolg.

So ist es kein Drama, als Gert seine Arbeit verliert. Er kümmert sich um die beiden Töchter, wenn Leila in der Praxis ist und macht parallel eine Ausbildung zum Heilpraktiker. Leila weiht ihn dazu in alles ein, was sie selbst verinnerlicht hat. Das Leben scheint es gut mit ihnen allen zu meinen. Dass der Wolf, ihr Krafttier, sich bisweilen leise grollend von ihr abwendet, ignoriert sie lange.

Rückkehr zu den Eltern

Die Eltern werden älter, Leila und ihre Geschwister diskutieren die Pflege der Mutter, die vielleicht bald auf die Familie zukommen wird. Leila denkt lange nach. Dann zieht ihre kleine Familie von München zurück in die Provinz. Mit blutendem Herzen – „aber da war eine unüberhörbare innere Stimme, die ein Ausweichen nicht erlaubte.“

Der Schulwechsel der Mädchen vollzieht sich problemlos – der Praxiswechsel nicht. Jede Woche fährt Leila zwei Tage nach München; sie muss die Familie ernähren. Gert kümmert sich um die Eltern, kümmert sich um die Töchter, kümmert sich um den Haushalt. Er beginnt, Brot zu backen, Kräuter zu sammeln, ist der perfekte Hausmann. Als Heilpraktiker bleibt er unsicher, macht keine ernsthaften Versuche, sich eine solide Existenz zu schaffen. Von seinem erlernten Beruf hat er nie wieder gesprochen.

Zwischen den Eheleuten wird es still. Oft schaut Leila ihren Mann an und fragt sich, ob ihre Entscheidung für ihn richtig war. Beste Freunde sind sie, ja. Aber sie haben außer den Kindern nichts gemeinsam. Der Wolf in ihrem Bauch grummelt nun unüberhörbar.

Zurück in der Sehnsucht

Sie beschließt, eine Ausbildung als Tantra-Lehrerin zu machen. In München natürlich. Und da wird es wieder ganz klar: Sie will Liebe leben. Geistig. Seelisch. Auch körperlich. Aber nicht mehr mit Gert.

Es schmerzt.

Nicht weil sie der Wahrheit nun endlich ins Gesicht sieht.

Nein, es schmerzt, weil sie nicht sieht, mit wem sie so eine Liebe teilen könnte.

Leila nimmt Zuflucht zum Internet. Sie, die eigentlich jede Form von Technik ablehnt, flieht nun abends das eheliche Lager und sucht sich freundlich-entspannende Gespräche in Facebook. In der Nacht nach der Beerdigung ihrer Schwiegermutter stolpert sie über den Eintrag eines bisher Unbekannten, der offenbar hellwach ist und gerade intensiv über Leben und Tod nachzudenken scheint. Es entspinnt sich ein lustvolles Streitgespräch, in dessen Anschluss sie erstmals seit Wochen wieder ruhig schläft. Am Morgen findet sie im Mail-Briefkasten seine Nachricht: „Folge mir in meine Welt“.

„Vergiss nie, mich zu sehen“

Es ist wie ein Dammbruch. All die Sehnsucht, die sie nicht mehr zu spüren, ja nicht mehr zu haben schien, bricht hervor wie ein Sturzbach. Sie hört die warnende Stimme in ihrem Inneren wohl – aber sie hat sich schon entschlossen: Ja, Leila will folgen. Er besteht darauf zu führen – sie freut sich darüber. „Ich werde mich unterordnen, sagt sie. Aber nur, wenn du nie vergisst, mich zu sehen…“

Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann aus Stuttgart – viel unterwegs, ein Verkaufsgenie und ein Meister der Manipulation. Gewöhnt zu befehlen und Recht zu haben, findet er ihren Widerspruch attraktiv – solange sie seine No Goes nicht berührt. Mit großem Vergnügen chatten sie von nun an täglich – manchmal bis tief in die Nacht hinein. Sie genießt seinen kreativen Geist, seine Fähigkeit vernetzt zu denken, bewundert seine Kraft, wenn er neue Projekte praktisch über Nacht aus dem Boden stampft – freut sich wie ein Kind, wenn er ihr eigenes Engagement wahrnimmt und, was selten vorkommt, sogar ein knappes Wort des Lobes spricht.

Sie schickt ihm viele Bilder: von ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihren Töchtern. Er schickt ein einziges: Es zeigt ihn deutlich jünger als heute. Er wirkt eitel – ein Schönling – ganz anders als der Tenor seiner Gespräche. Deshalb bezweifelt sie die Echtheit des Fotos und bittet um weitere, beißt jedoch auf Granit. „Wenn wir uns mal auf einen Kaffee treffen, darfst du mich fotografieren,“ pflegt er dann zu lächeln. „Glaub mir, es ist besser so“.

Mann ohne Gesicht

Erst ist es nicht so wichtig. Neben ihren vielen Gesprächen haben sie mit gemeinsamen Aktivitäten begonnen: Sie schreiben einen Blog über den männlichen und den weiblichen Weg des spirituellen Erwachens, tauschen sich mit ihren Lesern über alternative Heilmethoden aus, streiten vergnüglich über Placebo-Effekte.

Aber es rumort in ihr, dass Peter sein Gesicht nicht zeigt. Er ist nur knapp drei Autostunden von ihr entfernt – wieso haben sie sich immer noch nicht auf einen Kaffee getroffen? Was will dieser Mann verstecken? Oder: Wovor hat er Angst?

Als sie zu insistieren beginnt, verändert sich sein Ton, wird rauh, manchmal gemein. Einmal unterstellt er ihr gar, sie wolle von seinem Wohlstand profitieren und hat damit eine wichtige Grenze überschritten. Sie reagiert ernüchtert, fühlt sich als Opfer seiner Manipulation und persönlich gekränkt durch seine Hinhaltetaktik. Als das zweite Jahr ihrer Bekanntschaft fast voll ist, beginnt sie, seine Identität ernsthaft zu überprüfen und stößt auf einen Bruch. Aus der Zeit vor dieser Bruchstelle ist selbst bei größtem Rechercheaufwand kein Krümmel Information aufzutun. Sie setzt sich in den Wagen, fährt nach Stuttgart und findet an der angegebenen Adresse nicht einmal seinen Namen auf einem Türschild.

Und wieder nur Schmerz

Als sie ihn mit dem Ergebnis ihrer Suche konfrontiert, reagiert er wie ein Raubtier, das mit dem Rücken zur Wand steht und greift ohne Vorwarnung an. Abrupt enden zwei Jahre scheinbarer großer Vertrautheit im Niemandsland gegenseitiger Ignorierung. Leila denkt an Günther und diese unüberwindbare Grenze. Der Schmerz ist wieder da und will sie schier auffressen. Die Beziehung zu Peter wäre lebbar – und eine Chance gewesen, die Erfüllung zu finden, die sie so sehnlich sucht. Sie zieht sich zurück. Will keinen Kontakt mehr mit Männern. In ihrem Tagebuch führt sie den Dialog mit Peter weiter: manchmal wütend, manchmal verzweifelt, immer wieder stundenlang weinend. Vergeblich wartet sie darauf, dass er sich nochmal meldet.

Wenig später ist Mutter Ilse vollständig bettlägrig. Gert kümmert sich rührend – zwischen den beiden scheint es ein enges, unausgesprochenes Band zu geben. Leila hat wieder Verbindung zu ihrem Vater gefunden. Inzwischen 95jährig, noch immer geistig wie körperlich außerordentlich beweglich, nähert er sich ihr endlich als fürsorglicher Gesprächspartner, den sie so lange vergeblich in ihm gesucht hat. Die beiden teilen ihre Leidenschaften und Ideale, Leila erkennt, wie ähnlich sie sich sind. Das jahrzehntelange Unverständnis für die Haltung der Mutter ist nach den Erfahrungen ihres eigenen Frauenlebens einem freundlichen, fast schwesterlichen Gefühl gewichen.

Leuchtend braune Augen

Zu dieser Zeit findet ein neuer Patient in die inzwischen gut gehende Praxis: Dieter ist in großer Seelennot. Seine zweite Frau ist erst vor recht kurzer Zeit an Krebs gestorben, er steht vor der Wiederverheiratung und hat mit Schrecken erkannt, dass die bereits terminierte Eheschließung nicht mehr als eine Flucht vor dem unverarbeiteten Tod seiner großen Liebe ist.

Das erste, was sie an ihm wahrnimmt, sind leuchtend braune, große Augen. Ihr Strahlen lässt sie erglühen; die schwarzen Locken, die in seine Stirn fallen, erwecken zärtliche Wünsche, sie zur Seite zu streicheln…

Er kommt oft. Die Gespräche tun ihm gut. Sie wendet das ganze Spektrum ihrer Fähigkeiten an; holt verlorene Seelenanteile zurück, ermutigt ihn, auf sein Herz zu hören, meditiert mit ihm, massiert ihn. Sie ist froh, dass er nicht sieht, wie sie erschauert, als sie zum ersten Mal die nackte Haut seines Rückens berührt. Sie labt sich an den kräftigen, männlich-dominanten Farben seiner Aura und wagt es kaum zu glauben, dass von Mal zu Mal wundervolle, pastell leuchtende Blitze, später Flächen erscheinen, wenn ihre Augen sich treffen. Er hat sich verliebt. Genau wie sie.

Noch einmal 16 Jahre alt

Was nun?

Sie fühlt sich, als sei sie noch einmal 16. Ihre hellblonden Haare leuchten wie seit Jahren nicht mehr, ihre Haut ist rosig, ihre Augen von tiefblauer Strahlkraft. Zuhause hält sie es kaum noch aus. Sie beschließt, den Zug nach Usedom zu nehmen und sich am Meer zu sammeln.

Im Zug sitzt Dieter.

Er ist unterwegs nach Hamburg. Sein Platz ist im Nachbarabteil.

Schicksal?

Ein halbes Jahr später ist es entschieden. Gert, von den Wogen der Ereignisse völlig überrollt, ist in eine eigene Wohnung gezogen und Dieter hat seinen Platz eingenommen.

Das heißt: Wenn er da ist.

Nach wie vor unterhält er eine Wohnung mit Büro in Hamburg, wo er einen zahlungskräftigen Kundenstamm aufgebaut hat.

„Wenn ich einen Wunsch frei hätte.. „

„Wenn ich einen Wunsch frei hätte – ich würde mir eine wahnsinnige Liebe wünschen, die mich packt wie der Wind eine einzige Feder und auf und davon wirbelt.

Eine unfassbare Liebe, die mich gleichzeitig zum Weinen, Lachen, Schreien bringt und mir keine Wahl lässt, als hemmungslos frei und glücklich und außer Rand und Band zu sein. Eine, die mich ungeniert aus dem Kopf katapultiert – hoch hinaus in ein Empfinden, das sich selbst nicht fassen kann.

So eine Liebe, die verrückt und süchtig macht und die ganze Welt lachend in die Tasche steckt wie eine Murmel. So eine, die Gefühle weckt, die nicht einmal ahnen, dass es sie gibt.“

Leila liest nicht oft Gedichte. Aber dieses von Hans Kruppa hat es ihr angetan. Genau das wünscht sie sich, genau so empfindet sie nun für Dieter.

Welche Schmerzen das bedeuten kann, lernt sie schnell. Leila verfällt Dieter in einem Maß, dass sie sich fühlt, als ziehe der Sturm des Jahrhunderts über sie hinweg – und ihr eigenes Leben an der Klippe zum Abgrund hat kaum mehr als einen Grashalm, um sich fest zu klammern.

Angst frisst Liebe

Dieter erträgt zuviel Nähe nicht.

Immer wieder flieht er, um dann zurück zu kehren und sie im Sturm von Leidenschaft zu nehmen, all ihre Liebe und Kraft zu nehmen, bis beide völlig erschöpft sind. Sie gibt sich hin – immer ein Stück mehr – aber die Angst wird jedes Mal größer, statt kleiner. Weil sie Angst hat, wird sie nicht satt – weil sie nicht satt wird, wächst ihre Angst.

Wieso läuft Dieter immer weg? Liebt er sie nicht genauso wie sie ihn? Nie im Leben hat sie eine derart starke innere wie körperliche Verbindung erlebt. Sie scheinen spirituell auf der selben Ebene zu wachsen, können sich in einer Dimension verständigen, in der sie bisher niemals – auch nicht mit Vater Bernd, Austausch pflegen konnte. Und wenn sie körperlich verschmelzen, erscheint es ihr so vollkommen, dass ihrer beider Auflösung in Gott nur eine Haaresbreite entfernt ist.

Wenn nur nicht jeder dieser Höhepunkte unweigerlich von der Flucht Dieters gefolgt wäre. Auch ihre Hochzeit ändert daran nichts. Es macht sie entsetzlich unsicher, verursacht Weinkrämpfe. Einmal fällt sie in Ohnmacht, wacht stundenlang nicht auf und findet sich im Krankenhaus wieder. Ein anderes Mal stürzt sie, bricht sich den Arm und wird monatelang nicht mehr richtig gesund.

Erkennen der Sucht

Sie vernachlässigt die wenigen Freunde, ist gebunden in der Pflege ihrer Mutter, in hauswirtschaftlichen Pflichten, weint, ringt um ihr Gleichgewicht. Sie trommelt ihre Not ins Werkzeug der Schamanen, befragt ihre Geistführer; erkennt, dass sie süchtig ist.

Dieter sieht ihre Not und versucht ihr zu helfen. Er verlagert sein Büro von Hamburg in die kleine Kurstadt am Strom, übernachtet fortan im Hotel, wenn er in Norddeutschland ist. Er beginnt, das alte Haus zu renovieren, gestaltet es vom Keller bis zum Dach nach Feng Shui-Gesichtspunkten um. Sie kaufen kräftige Farben und Stoffe, minimieren die Einrichtung, gestalten ihre Arbeitsräume neu. Leila weint, als er im Garten die Pflanzen ausreißt, um neue zu pflanzen. Aber sie ist glücklich, dass er nun viel in ihrer Nähe ist – bewacht seine Schritte ängstlich und eifersüchtig. Und sieht die pastellfarbenen Flächen in seiner Aura schwinden, bis sie schließlich nur noch phasenweise kurz aufblitzen.

Die Angst, ihn zu verlieren – nein, gar nicht wirklich Zugang zu ihm zu haben – bestimmt mittlerweile ihr ganzes Leben.

Tod des Vaters

99jährig stürzt Bernd mit dem Rad und zieht sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Der Knochen heilt wieder, aber der Vater nimmt seitdem unmerklich jeden Tag ein Stück mehr Abschied vom Leben. Dieter bewundert den alten Mann, hat eine starke Bindung zu ihm. Ungewohnt sanft und feinfühlig begleitet er den Sterbeprozess, der sich über mehr als ein Jahr hin zieht.

In den Wochen, in denen der Vater endgültig dem Verlassen seines Körpers entgegen dämmert, wird Leilas langes, welliges Haar vollständig weiß.

Es ist, als ob eine stützende Kraft, derer sie sich lebenslang sicher sein konnte, sie nun endgültig verlässt.

Sie sieht sich selbst ganz ungeschminkt: Die Selbstsicherheit der weisen Frau, die sie in der Praxis bei den Patienten noch aufrecht hält, ist in ihrem Alltag verschwunden. Mit Erstaunen beobachtet sie sich, wie sie ängstlich, manchmal weinend, manchmal zänkisch, gespickt mit Vorwürfen und ziemlich würdelos versucht, Dieter an sich zu binden. Und Dieter flieht. Immer weiter weg, über immer längere Zeiträume.

Vor sechs Monaten nun hat er sich eine Wohnung genommen – in Rostock. Ausgerechnet an der Ostsee, die all die Jahre ihre einzige Zuflucht war.

Und wieder nur Tränen

Nun steht sie hier, im karibischen Meer. Der salzige Strom der Tränen verbindet sich mit dem Wasser, in dessen sanfte Wellen gerade ein riesiger, roter Feuerball eintaucht. „Ich bin jetzt viel allein. Meine älteste Tochter hat letztes Jahr Abitur gemacht und wohnt nicht mehr zuhause, die jüngere ist jetzt in der 12. Wenn Dieter und ich uns sehen, treffen wir mit großer Leidenschaft aufeinander,“ sagt sie versonnen. „Aber das, was es so wunderbar machte, diese vielen kleinen Zärtlichkeiten, diese ganz besondere Aufmerksamkeit für den Anderen, ist völlig verschwunden. Seine Aura leuchtet nicht mehr. Als ich ihn vor zwei Wochen in Rostock besucht habe und wir durch die Stadt gingen, habe ich Paare gesehen, die so liebevoll miteinander umgingen wie wir früher auch. Da habe ich mitten auf der Straße geweint; geweint, als ob ich sterben muss.“

Nein, sie wird ihn nicht bitten, zurück zu kommen – zumal das völlig sinnlos wäre. Und sie weiß, dass die räumliche Entfernung auch die innere Entfernung wachsen lassen wird. Die buschigen blonden Brauen ziehen sich schmerzhaft zusammen.

Der Weg der weisen Frau

„Es ist der Weg der weisen Frau. Ich habe ihn zu lange vernachlässigt. Meine Aufgabe ist jetzt, noch einmal von vorn anzufangen. Ich muss loslassen, was mich zerstört und endlich wieder finden, was mich selbst ausmacht. Mich selbst und den göttlichen Anteil in mir.“

Noch einmal einen anderen Mann suchen? Nein, das wird sie nicht. Mit ihren jetzt 53 Jahren hat sie im Leben nichts verpasst. Eine größere Liebe als die zu Dieter wird es für sie nicht mehr geben, da ist sie sich ganz sicher. „Er ist der Mann meines Lebens – ob er nun zu mir zurück findet oder nicht.“

Der Feuerball ist im Meer versunken, ein grandioses Abendrot überzieht den Himmel über uns. Noch immer liegt die Hitze des Tages samtig im Hauch des Abendwindes, der uns streichelt, als wir zu unseren Handtüchern streben.

„Danke dass du mir zugehört hast.“ Die blauen Augen sehen mich erstmals seit Stunden an, ohne dass deshalb der Tränenfluss versiegt. „Du hast mir geholfen, mich dem Schmerz zu stellen und meinem Lebensthema ins Gesicht zu sehen. Ich weiß nicht, ob diese brennende Sehn-Sucht heilbar ist oder ob Dieter und ich wieder zusammen finden können. Aber ich weiß, dass er meine große Liebe ist – und bleiben wird.“

Als wir uns trennen, ist mein Herz bleischwer.

Ich bleibe am Strand zurück, bis das Dunkel endgültig den Tag besiegt hat und wünsche mir, eins mit dem Meer zu sein. Aber auch da gibt es eine Trennlinie, die einfach unüberwindbar scheint.

 

Siehe auch: „Der Mann meines Lebens ist Narzisst – was bitte bin dann ICH?

Und: Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich.

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