Schlagwort: Schmerz

Wenn ein Herz bricht, wird es grau und leer: Keine Chance für eine neue Liebe

Wenn ein Herz bricht, geschieht das lautlos.

Kein Erdbeben, kein Knall – kein Geräusch.

Es ist ein sehr dehnbarer Muskel, das Herz. Zuerst entflammt es: Das kann in Sekunden-Bruchteilen passieren. Wenn es entflammt, dehnt es sich aus, wird weit und fließt vor Zärtlichkeit über. Es sieht seinen Lieblingsmenschen in den schönsten Farben, bewundert ihn, freut sich über jedes Wort, jede kleine Geste, tanzt innerliche Freudentänze und durchpumpt den Körper mit heißem Blut. Das Herz fühlt sich jung, voller Zuversicht, voller Tatendrang.

Einmal entflammt, will es lieben, das Herz. Mit aller Kraft, die in ihm steckt, will es sein Gegenüber verstehen, begleiten, beschenken – berühren, mit ihm verschmelzen…

Vor lauter Liebe wächst das Herz über sich hinaus. Es überzeugt den Verstand, Dinge zu lernen, für die er sich vorher nie interessiert hat, Aussagen zu glauben, die er sonst skeptisch betrachten würde, Hindernisse aller Art als überwindbar zu betrachten. Das Herz will vereint sein mit seiner Flamme, also liebt es, glaubt und hofft und wartet.

Es wartet, auch wenn es lange dauert. Es hofft, auch wenn die Schwierigkeiten zunehmen. Es glaubt, auch wenn die Ausreden dünner werden, die Ausweichmanöver durchsichtiger, das Ziel sich immer weiter entfernt.

Es glaubt und hofft auch noch, wenn die Tränen kommen. Wenn sich die gebrochenen Versprechen häufen, der Glanz der bewunderten Person blättert, wenn diese gar nicht so genau verstanden werden und schon gar nicht verschmelzen will…

Ganz langsam wird es taub, das Herz, wenn der Glaube schwindet, und die Bewunderung auch. In Abständen schwillt es an – nun nicht vor Freude, sondern vor Schmerz. Es pumpt den Schmerz in den ganzen Körper, bis der so weh tut, dass Schmerzmittel nötig werden. Aber es hört nicht auf zu hoffen.

Zwischen Taubheit, Schmerzen und Tränen versucht das Herz jetzt, für sich zu kämpfen. Es argumentiert, debattiert, provoziert. Es überzeugt den Verstand, seine schärfste Waffe zu nutzen: Das Wort. Damit greift es an, nimmt den geliebten Menschen auseinander, versucht sogar, ihn zu verletzen, damit er wach wird und sieht, wie es dem Herzen geht.

Ganz langsam und lautlos schleicht die Gewissheit ins Herz, und es versteht: Es hat verloren.

Paradoxerweise wird er nun weniger, der Schmerz: Weil das Herz nicht mehr fühlen kann. Es versinkt in einem grauen, dicken Nebel, einem zähen Nebel, der den Farben allen Glanz nimmt und jede Sicht auf die Zukunft verstellt.

Tage, Wochen, Monate – Jahre kann das Herz so verharren. Manchmal will sie sich regen, die Hoffnung, dass doch noch alles gut wird. Aber nichts wird gut, und das Grau des Nebels wird zur Farbe des Alltags – so lange, bis das Herz glaubt, dass die Welt von Natur aus grau ist.

Es tut treu seine Arbeit: Pumpt Blut durch den Organismus, damit dieser weiter atmen und arbeiten kann. Manchmal holpert es, wird arrhythmisch, zieht und schmerzt durch die ganze linke Körperseite, nimmt den Atem – aber mit der Zeit wird das weniger. Das Herz zieht sich zusammen, wird klein, eng und hart.

Irgendwann kommt ein neuer Mensch mit roten Rosen. Sein Herz, frisch entflammt, pumpt wild und freudig in seinem Körper. Er will das graue Herz für sich gewinnen.

Dieses aber kann nichts fühlen. Eine weit entfernte Erinnerung zieht schmerzlich zuckend durch es hindurch: An die Liebe seines Lebens, die keine war und doch die einzige ist.

Dann schweigt es resigniert: So also ist es, gebrochen zu sein.

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Nachtrag: Aus einem Interview der Allgemeinen Zeitung Mainz mit dem Kardiologen Thomas Meinertz:

Kann man an einem gebrochenen Herzen sterben?

Meinertz: „Ja, bei einer Stress-Kardiomyopathie, dem Takotsubo-Syndrom. Gott sei Dank führt  diese akute Erkrankung des Herzens, die dem Herzinfarkt ähnlich ist, selten akut zum Tod. Die Stress-Kardiomyopathie besteht in einer Störung der Herzmuskelfunktion durch akute physische oder psychische Belastung. Der Stress schädigt dabei direkt die Herzmuskulatur, ohne dass die Herzkranzgefäße betroffen sind – im Gegensatz zum Herzinfarkt, bei dem die Herzkranzgefäße eingeengt oder verschlossen sind.

An gebrochenem Herzen kann man durch einen plötzlichen Herztod, also rasche Rhythmusstörungen, oder Kammerflimmern, aber auch durch eine Herzmuskelschwäche sterben.“

Ein Narzisst erklärt:“Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen“

Folgende Geschichte hat ein Mann in einer Selbsthilfegruppe für Opfer von Narzissten erzählt. Ich habe seine Erlaubnis, den Text zu veröffentlichen und tue das hiermit in leicht gekürzter Form.

„Hier geht es rein um meine Meinung, meine Sichtweise, meine Erfahrung. Ich erhebe nicht den Anspruch darauf, dass ich für andere Narzissten sprechen kann. Meine Störung ist diagnostiziert und von verschiedenen Stellen abgesichert, und trotzdem passe ich nicht in jeden Schublade, die bei solchen Diagnosen gerne zur Einstufung dienen.

Zunächst möchte ich mal eine Verallgemeinerung relativieren, denn Narzissmus hat wenig mit Selbstverliebtheit zu tun, vielmehr mit einem dauerhaften Selbsthass,  ausgelöst durch dauerhafte Selbstzweifel. Nur die regelmäßige Fütterung mit Anerkennung schafft es, die Zweifel und den Hass auf sich selbst so sehr zu senken, dass man nicht elendig zu Grunde geht. Die Jagd nach Anerkennung raubt dabei beinahe jegliche Kraft und Zeit und lässt Dinge tun, die weit jenseits jeglicher Achtsamkeit und Selbstfürsorge liegen.  Leider hinterlässt ein Narzisst dabei oft eine emotionale Spur der Verwüstung; bei sich selbst, wie auch in seinem Umfeld.

Wie viele andere auch, habe ich natürlich auch mal geschaut, was Wikipedia zur narzisstischen Persönlichkeitsstörung sagt und ich war entsetzt. Einem Narzissten die Fähigkeit zur Empathie abzusprechen, ist nämlich schlicht totaler Unsinn. Es gibt Narzissten die durch gesteigerte Empathie nur noch mehr Baustellen zu bewältigen haben, denn auch der Druck helfen zu wollen und Anerkennung als guter Mensch zu erhalten,  kann  an die Grenzen der Lebensfähigkeit treiben. Ich strebte mein bisheriges Leben lang danach, „gut genug zu sein“. Gut genug für Andere, gut genug für etwas Anerkennung. Und da ich teilweise tiefen fast schon lähmenden Schmerz empfinde, wenn ich das Leid anderer wahrnehme, wehre ich mich massiv gegen die Aussage, es gehe mir nur um die Anerkennung.  Nein, meine Empathie ist echt.

Obwohl sich meine narzisstische Persönlichkeitsstörung, sowie meine bipolare Störung (macht es noch etwas komplizierter und erklärt vielleicht manche Abweichung vom landläufigen Bild) schon früh in der Kindheit manifestiert haben, waren die Auswirkungen und negativen Konsequenzen für mich erst recht spät spürbar, und es brauchte einige Schicksalsschläge und eine tiefe Depression, bis meine Überlebensstrategien  ihre Wirksamkeit verloren.

Der Verlust meines eigenen Unternehmens und der damit traurig verknüpfte Verlust meiner langjährigen Partnerin (ja ohne Geld, Macht und Status war ich nicht mehr gut genug) und später dann ein Déjà-vu, als ich einen guten Job und die nächste Partnerin verlor (sie war wenigstens so ehrlich und sagte mir, „was will ich denn dann noch mit dir“), führten zu einer kompletten Abschneidung von jeglicher Anerkennung. Meine Hobbies konnte ich mir nicht mehr leisten, ein Arbeitsumfeld gab es nicht mehr, Familie und Partnerin waren weg, einige Freunde distanzierten sich von mir, und von anderen zog ich mich aus Scham zurück, denn ich fühlte mich nicht wertvoll genug, noch Freunde zu haben. Todesfälle in der Familie verstärkten die Isolation.  Entwertet und vom Selbsthass getrieben, nahm ich einen Suizidversuch vor. Ich erhängte mich in einer Kurzschlussaktion irgendwo im Wald, an einem planlos gewählten Ort, mit einem ungeeigneten Abschleppseil, an einem zu schwachen Ast…  Dieser brach, und ich erwachte nach einer längeren Phase der Ohnmacht auf nassem, schlammigen Waldboden.

Dies brachte noch nicht die Wende. Obwohl ich mich vor mir selbst erschrocken hatte, bedurfte es eines „kleinen“ Wunders, bis ich mir Hilfe holte. Meine kleine Tochter wurde geboren, außerhalb einer Beziehung und ein wahres „One Hit Wonder“, denn sie war das Resultat eines kurzen Versuchs eine Beziehung aufzubauen, der leider scheiterte. Trotzdem führte dieses neue kleine Leben dazu, dass ich meines nicht mehr aufgeben konnte, denn in meiner Familie musste ich selbst erleben, was es bedeutet, wenn ein geliebter Mensch freiwillig viel zu jung geht und seine kleinen Kinder einfach zurücklässt. Das konnte ich mit meiner Moral nicht vereinbaren und meiner Tochter nicht antun und so lebte ich zunächst für meine kleine Tochter weiter, auch wenn ich selbst nicht mehr leben wollte und jeden Tag als Qual empfand.

Als sich in mir der Entschluss manifestierte, wieder leben zu wollen anstatt leben zu müssen, denn das war auf Dauer nicht aushaltbar, holte ich mir Hilfe und ließ mich behandeln. Umfassende Klinikaufenthalte, therapeutische Betreuung, Analyse und Reflektion halfen mir, meine Störungen zu verstehen. Ich habe den Kampf noch nicht gewonnen, aber genug Kraft um weiter zu machen.

Das ist alles vorher passiert:

Einfach nur an etwas teilzunehmen, mitzumachen oder mit dem Strom zu schwimmen, war mir  nie genug. Ich gab alles, um eine Sonderrolle zu spielen, oder die Führung zu übernehmen oder wenigstens um einen gesonderten Ruf zu genießen. Gut war nie gut genug, entweder ich war in etwas sehr gut bis überragend oder ich hab es gemieden.  Alles musste extrem und exzessiv sein.  Das kostete Kraft und nahm mir irgendwann jede Freude an jeglicher Sache oder Handlung. Es ging nur noch um das Streben nach Anerkennung, Sieg, Ruhm und darum etwas besonderes zu sein.

Schul-/Ausbildung:

Da ich vor nichts mehr Angst habe, als zu scheitern oder nicht anerkannt zu werden, denn als Narzisst bezieht man die fehlende Anerkennung nicht etwa auf  ein spezielles Scheitern, sondern immer auf sich als Person, wählte ich nie die Ausbildungswege, die mich gereizt oder gefordert hätten, sondern immer die Wege, in denen die Chancen am besten waren, wirklich herausragend abzuschneiden. Nie hätte ich eine Schule besucht, in der ich nicht hätte Klassenbester sein können und niemals hätte ich eine Ausbildung angefangen, in der ich durch meine Leistungen nicht für Aufsehen hätte sorgen können.

Fahrzeugwahl oder Gebrauchsgegenstände:

Wenn alle ein I-Phone oder alle einen Golf fahren wollten, dann wollte ich, nein MUSSTE ich mich abheben. Ich musste besser sein oder zumindest auf extreme Weise anders. Zu Zeiten, als mein Unternehmen sehr gut lief und ich mir eigentlich fast jedes halbwegs bezahlbare Fahrzeug leisten konnte, hätte  ich mir  einen dicken Audi oder einen sehr gut motorisierten BMW oder Mercedes kaufen können. Aber  ich musste anders sein, ich musste einen Mini mit annähernd 300 PS fahren, denn da war mir mehr Anerkennung sicher.

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Arbeit:

Es reichte mir nicht, einfach nur einen guten Job zu machen, ich wollte besser sein, ich wollte Anerkennung, ich brauchte Anerkennung, in der Selbstständigkeit von den Kunden oder in Form von Zahlen und im Angestellten-Verhältnis dann von Vorgesetzten. Nur das erfolgreiche Unterordnen als Narzisst ist schon wieder fast hoffnungslos. Daran scheiterte ich zuletzt. Als ehemaliger Unternehmer kannte ich Wege und hatte sowieso schon sehr sehr hohe Ansprüche an mich und meine Mitarbeiter.  Später dann konnte ich meine Vorstellungen nicht umsetzen, was dazu führte, dass ich meinem Arbeitgeber schlicht zu anstrengend wurde.  Ja da hab ich, durch Narzissmus getrieben, schrecklich versagt. Ich wollte mehr Überstunden machen, ich wollte bei den Mitarbeitern beliebt sein und sie entlasten. Für die Anerkennung meiner Auszubildenden stritt ich mich mit dem Eigentümer des Unternehmens und so weiter.

In meiner Selbstständigkeit war ich erst zufrieden, wenn ich so verdammt nah an der Perfektion war, dass mein Laden immer aussah wie bei einer Neueröffnung. Dafür arbeitete ich 80 bis 120 Stunden, 6 meist 7 Tage die Woche, 11 Jahre ohne einen Tag Urlaub. In einer kurzen Phase als Angestellter bei einem großen Warenhaus häufte ich in nur 9 Monaten 970 Überstunden an, um alle Ziele zu erreichen. Wenn ein nicht gestörter Mensch eine Aufgabe eine Zielvorgabe bekommt, die er nicht erreichen kann, dann findet er Wege damit klar zu kommen. Ich als Narzisst hätte mit einem Scheitern nicht leben können, also gab ich alles:  Ich verzichtete auf Schlaf, ich ging weit über jede normale Grenze und wenn ich die Ziele dann doch irgendwie erreichte, legte ich selbst die Messlatte noch etwas höher, damit die Anerkennung nicht abriss.

Ausbildertätigkeit:

Ich suchte nie Auszubildende, die wirklich gut geeignet waren, sondern ich versuchte, fast hoffnungslosen Fällen die Ausbildung doch zu ermöglichen. Ich wollte die Anerkennung dafür, dass ich diesen Menschen helfen konnte. Damit lud ich mir mehr emotionalen Druck und so viel zusätzliche Arbeit auf, dass es mich fast innerlich zerriss.  Ich brachte Auszubildende durch die Verkäuferausbildung, mit denen ich in meinen Mittagspausen (die ich immer mit irgendwas füllte, nur nicht mit Ruhe) lesen übte, in Grundschullesebüchern der 2. und 3. Klasse. Ich war so stolz, wenn sie es irgendwie schafften, nur was ich dafür alles vernachlässigte sah ich nicht. Ich war dauergestresst, kaum für Familie da und an mich und mein Wohlbefinden dachte ich nie, nur an den nächsten Anerkennungsschub.

Beziehungen:

Fakt ist, ich hatte sehr viele Beziehungen, und an jedem Verlust, an jedem Scheitern litt ich sehr. Vielleicht bin ich beziehungsunfähig, weil mir das Schicksal die ein große Liebe versagte, da ihre Familie (sie war Türkin) mich nicht akzeptierte und ich sie dann aufgeben musste, nachdem ihr Leib und Leben auf schlimmste Art und Weise bedroht wurde. Vielleicht bin ich danach auch gescheitert, weil ich falsche Prioritäten gesetzt hatte und weil mein Tag auch nur 24 Stunden hat. Jedenfalls konnte ich oft nicht meinen Perfektionismus im Job und in der Beziehung unter einen Hut bringen und spätestens  wenn das Genörgel los ging, die Kritik und Unzufriedenheit immer größer wurden, gab ich auf und entzog mich. Entweder ich war gut genug und bekam Anerkennung oder zumindest Verständnis, oder ich wurde immer kälter. Ja in dieser Phase war ich manchmal kalt und ein Arschloch und manches, worum ich hätte kämpfen sollen, warf ich achtlos weg. Ich bereue das sehr, doch damals wusste ich keine anderen Wege damit umzugehen.

Als ich erkannte, dass ich in meiner Situation mit der Belastung der Selbstständigkeit eh kaum eine echte Beziehung führen konnte, ich aber trotzdem hungrig nach Anerkennung durch Partnerschaft war, sprang ich von einem Abenteuer und Versuch zum nächsten. Hier wählte ich meine Partnerinnen irgendwann gar nicht mehr danach, ob sie mir gefielen oder gut taten, ich wählte danach wie viel Aufsehen sie erregten an meiner Seite, was mir ja auch wieder Anerkennung verschaffte. Ja, kranker Mist, für den ich mich echt schäme. Zum Beispiel gab es eine wundervolle Frau, die selbst 192 cm groß ist und damit meine 170 cm bei weitem überragte. Ich liebte es, wenn die Leute sich daran ergötzten, denn ich stand im Mittelpunkt.  Ich habe wundervolle Menschen ausgenutzt, statt mich ihren wirklichen Werten zu widmen, sie anzuerkennen und zu lieben.

Irgendwann verliebte ich mich wirklich, was ich später sehr bereute, denn sie war mindestens so narzisstisch wie ich und dazu noch kälter, berechnender und manipulativer. Vielleicht hab ich es auch nicht anders verdient, denn auch hier waren meine Motive wohl zunächst andere, denn jetzt suchte ich mir ausnahmslos Frauen, die irgendwie in Not schienen. Alleine mit Kindern, selbst geplagt von psychischen Störungen und Erkrankungen, Drogenprobleme etc. Ich wollte helfen und erhoffte mir etwas Anerkennung und Dankbarkeit. Dumm nur, dass ich mich wirklich verliebte und an Beziehungen festhielt, die mir nicht gut taten, da ich zum Beispiel auch die mitgebrachten Kinder zu sehr ins Herz geschlossen hatte.  Da gab ich gab alles was ich hatte und noch mehr, ich ging über jede Belastungsgrenze, die Grenze meiner finanziellen Mittel eingeschlossen, nur um gut genug zu sein. Doch als meine Kraft am Ende und mein Konto leer war, wurde ich fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel. Ein normaler gesunder Mensch hätte den Stecker vorher gezogen. Ich habe aus Angst nicht mehr anerkannt zu werden alles laufen lassen… viel zu lange. Und glaubt mir, ich schäme mich für meine Fehler.

Narzissmus bedeutet aber nicht, dass man innerhalb von Beziehungen nur an sich selbst denkt, im Gegenteil, oft übertreibt man beim Versuch, besonders gut für den anderen zu sein. Das Streben ein perfekter Partner zu sein, kann einen dabei auch komplett auffressen. Geschenke müssen immer wahnsinnig toll und übertrieben sein, damit die Anerkennung groß genug ist, Gemeinsame verbrachte Zeit, unterliegt immer Erfolgsdruck. Ich war ständig auf der Suche, neue Vorlieben zu entdecken, Wünsche zu erahnen oder irgendetwas zu finden, womit ich glänzen konnte.

Sexualität:

Eventuell gehe ich damit zu weit oder mache mich zur Zielscheibe von Spott und Verurteilung. Aber ich will ehrlich sein und es ist nun mal ein wichtiger Bestandteil von Beziehungen und Leben.  Anerkennung meiner Leistungen waren mein Treibstoff, ohne extremen Zuspruch fühlte ich mich leer und als Versager. Ich bin nicht gesegnet mit dem Aussehen eines männlichen Supermodels, ich bin einfach ein eher kleiner, kräftiger Typ, der sich Anerkennung nicht über oberflächliche Komplimente sichern konnte. So wurde Sex für mich zum Job, ich wurde zum Callboy innerhalb von Beziehungen; meine Bezahlung war Anerkennung. Meine eigene Lust und Befriedigung verlor ich komplett aus den Augen, denn ich stand unter extremen Erfolgsdruck. Sex wurde zu einem professionell durchgezogenen Akt, Gefühle starben in mir und ich wurde zu einem Schauspieler. Bevor die Frage aufkommt: Nein keine der Damen wurde stutzig – und nur weil ein Mann einen Erguss hat, hatte er noch lange keinen Orgasmus. Trotzdem steht natürlich außer Frage, dass es mich und später dann auch die Partnerin belastete, wenn ich den Druck nicht mehr aushielt, immer kälter und irgendwann distanzierter wurde.

Ich habe mich immer wieder gefangen, immer wieder meine Rolle gespielt und wirklich übermäßig viel Sex gehabt, aber es war dann selbst in der Beziehung nur Sex, von Lieben konnte keine Rede sein. Ich habe den Sex studiert, in Theorie (Bücher etc. und Praxis), die Anatomie, die Praktiken, Stellungen, die Frauen gelesen und analysiert, ich arbeitete immerzu an mir und so wurde es zum Job. Wenn ich es nicht schaffte, sie zu befriedigen ging meine Welt unter. Viele Männer leiden unter so etwas, aber ich als hatte solch große Versagensangst, dass ich, als ich jünger war, wirklich Angst vorm Sex hatte. Später wuchs die Selbstsicherheit.  So wurde Sex für mich immer mehr zum Werkzeug,  um mir Anerkennung zu verschaffen, doch meine eigene Lust blieb auf der Strecke und ich litt darunter.

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Umgang mit meiner Gesundheit und meinem Körper:

Hier hab ich alles durch, was Aufmerksamkeit und Anerkennung bringt: So war ich ein 130 kg schweres Muskelmonster, und als das niemanden mehr juckte und ich nur einer von vielen Hobbit-Hulkmischlingen war, nahm ich innerhalb von 7 Monaten von 130 auf 63 Kilo ab, nur um dafür Anerkennung zu bekommen. Alles was extrem war und Aufsehen erregte nutze ich, ich fraß bei Wettessen wie ein Schwein, ich machte die schlimmsten ungesündesten extremsten Diäten und mein Körper wurde allerhand Schandtaten  unterzogen, nur um irgendwas an Anerkennung zu bekommen.

Sport:

Wenn ich nicht sehr gut war, machte ich es nicht. Als ich merkte, ich werde nie ein großer Fußballer, wurde ich wenigstens der härteste, um mir damit einen Ruf zu sichern. Als ich merkte, dass ich damit natürlich nicht weit kam, wechselte ich zum Rugby, Hauptsache anders – und ich hab es geliebt. Ich boxte und war extrem, erst als ich jemanden bei einem Amateurkampf schwer verletzte (ist fast 18 Jahre her) und meine Familie mich bat aufzuhören und mich daran erinnerte, dass ich nicht damit leben könnte, wenn ich da bei jemandem schweren Schaden anrichte, ließ ich es sein.

Alltägliches:

Kochen für Anerkennung, nicht für gesunde Ernährung, extreme Gartenprojekte, Feste die etwas besonderes sein mussten. So baute ich einmal einen Spezialgrill, nur um an meinem 30. Geburtstag einen ganzen 180 kg schweren Vogel Strauß am Stück zu grillen und ich badete in der Anerkennung der 150 Gäste, die mich für die abgefahrene Aktion lobten. Doch Freunde waren keine oder kaum welche da, denn echte Freunde hatte ich nicht. Echte Freunde sagen einem offen und ehrlich die Wahrheit. Meine Kritikfähigkeit ging gegen 0, auf Kritik reagierte ich mit sofortigem Rückzug oder scharfen Gegenangriffen. Ich konnte nie differenzieren, ob eine Kritik einer Tat oder Sache galt oder mir als Person. Jede Form von Kritik hat mich getroffen, wie eine Panzerabwehrgranate, und so verbannte ich die besten und ehrlichsten Menschen aus meinem Leben und umgab mich mit  Speichelleckern.

Ja es gibt keinen einzigen Lebensbereich, in dem Narzissmus einen nicht zu selbstzerstörerischen Handlungen treibt.

Ich werde dieses Störungsbild für immer in mir tragen, wie ein Alkoholiker seine Sucht. Aber so wie ein Alkoholiker jahrelang trocken sein kann vom Alkohol, so kann ich mich so gut es geht von der Sucht nach Anerkennung distanzieren. Das bedeutet jeden Tag harte Arbeit, jeden Tag gegen sich selbst zu gehen, dem Alltag mit viel Struktur und Disziplin zu begegnen. Es bedeutet, Muster zu durchbrechen,  sich Kritik zu stellen, Dinge zu tun, in denen man schlecht ist und mit denen es einem erstmal schlecht geht, sich mit Leuten umgeben die ehrlich sind und es aushalten. Es geht darum, die Belastungsgrenze durch Selbstzweifel zu steigern und die Entzugserscheinungen bei fehlender Anerkennung zu ertragen. Der Kopf begreift manches lange bevor es sich in der Gefühlswelt etabliert hat. So muss ich Tag für Tag damit leben, dass ich Dinge tue, die mein Kopf mir erlaubt, die mein Herz aber nicht will. Wenn ich meinem Herzen folge,  renne ich grinsend in mein Verderben und reiße andere Menschen mit. Erst wenn ich meinem Herzen wieder trauen kann, ob es wirklich fühlt, dass etwas gut ist oder ob es doch nur wieder den narzisstischen Trieben folgt, kann mein Kopf etwas entspannen und ich meinem Herzen wieder folgen.

Familiärer Hintergrund

Als Kind von zwei Alkoholikern wurde in mir Urvertrauen nie ausgebildet. Gewalt und Gleichgültigkeit standen an der Tagesordnung. In der Scheidungsphase musste ich mit 8 Jahren viel zu jung Verantwortung für meine kleinen Schwestern übernehmen und so reifte ich wie ein holländische Tomate, sehr schnell zu einem offensichtlich sehr früh reifen Ergebnis, aber die wichtigsten Inhalte fehlten. Kritik an mir wurde nie geübt, denn meine Mutter war mehr mit sich und ihrer Suchtbekämpfung beschäftigt oder bei der Arbeit. Anerkennung musste ich mir immer irgendwo suchen.

Ich hoffe, ich konnte Euch einen kleinen Einblick in die Sichtweise eines Narzissten geben. Bitte vergesst nicht: Es ist eine ernste Störung die viel zu oft im (Frei-)Tode endet, weil der Narzisst darunter mindestens so sehr leidet wie sein Umfeld. Im Gegensatz zu diesem muss er eingesperrt mit seinem kranken Geist in seinem Körper leben.

Jedem von Euch, der unter einem narzisstischen Partner leidet, kann ich nur den Rat geben: Wenn er oder sie sich nicht helfen lässt, dann geht, seid es Euch selbst wert. Seid hart, ehrlich und offen, wenn sie oder er Euch schaden. Seid aber auch verständnisvoll und geduldig, wenn es eure Kraft und Liebe zulässt und Besserung in Sicht ist – aber NUR dann…“

Siehe auch:

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst

Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Herz, ich verlasse dich…

Loszulassen macht frei – aber wie soll man das bloß hinbekommen?

Dieser Blog wurde übernommen aus dem Blog „Der Sinn des Lebens: sei glücklich“ und geschrieben von Claudia Klein. Er ist eine wunderbare Umsetzung des Buches „The Work“ von Byron Katie und ist eine große praktische Hilfe.

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Du suchst nach Möglichkeiten und Tipps zum Loslassen? Du weißt, dass es besser ist, wenn du loslässt, aber irgendwie fehlen dir noch ein paar Ideen, wie du das am besten machen kannst? Dann lies jetzt weiter und suche dir die besten Tipps zum Loslassen aus.

Lasse dich ein wenig inspirieren und probiere die einzelnen Tipps aus. Du wirst eine sofortige Erleichterung in dir spüren. Loslassen ist auch nur eine Entscheidung, die du treffen musst und die kein anderer für dich treffen kann.

1.Tipp:  Werde dir bewusst, was dich festhält

  • Partner
  • Eltern
  • Großeltern
  • Geschwister
  • Kinder
  • bestimmte Situation
  • Perfektionismus
  • die Kontrolle über dein Leben oder anderer
  • ein Konflikt (meist mit sich selbst)
  • Verletzungen
  • Kränkungen
  • Ungerechtigkeiten
  • Unzufriedenheit
  • Unsicherheit
  • Leid und Schmerz
  • Schuldgefühle
  • Wut
  • Abhängigkeit
  • Sehnsucht
  • Gedankenmuster
  • Verhaltensmuster
  • Ansehen
  • Krankheit
  • Eigentum (Haus, Boot, Auto…)
  • Geld
  • Job
  • Vorstellungen wie etwas zu sein hat

2.Tipp:  Schreibe dir jetzt alle Dinge auf, die du nicht loslassen kannst

Schau genau hin und achte auch auf die Dinge, die dir jetzt noch fehlen. Oft ärgern wir uns über Situationen, die noch nicht eingetreten sind und bemerken aber gar nicht, dass wir in genau diesem Punkt eisern an der Sicherheit festhalten und einfach nicht loslassen können.

3.Tipp:  Jetzt nimm dir jeden einzelnen Punkt vor und frage dich warum du diesen nicht loslassen kannst

Beginne mit dem Punkt, der dich ständig begleitet und der am größten ist, der dich stört und der bereits dein Leben beherrscht. Meistens verbirgt sich die Angst dahinter, die dich lähmt und dich am loslassen hindert. Beispiele für Ängste sind:

  • Angst vor dem Alleinsein
  • Angst es nicht zu schaffen
  • Angst die Erfüllung der anderen nicht gerecht zu werden
  • Angst vor Enttäuschung
  • Angst vor der Antwort
  • Angst vor Ablehnung
  • Angst nicht verstanden zu werden
  • Angst nicht zu genügen
  • Angst vor der Absage
  • Angst sein Ansehen zu verlieren
  • Angst vor Armut
  • Angst vor dem Tod
  • Angst kein Job mehr zu bekommen
  • ….

4.Tipp:  Hinterfrage, warum du nicht loslassen kannst und was dir Angst macht. Was befürchtest du,  was eintreten könnte, wenn du diesen Punkt loslässt?

Oft sehen wir die Dinge übertrieben schlimm an und befürchten den absoluten Zusammenbruch. Wir wissen, wie es anderen in unserer Situation ergangen ist oder wir werden an unsere eigenen Pleiten und Pannen erinnert.

Hinterfrage genau und schaue woher diese Angst kommt, meistens haben wir sie nur übernommen und dann leben wir nach diesen Vorgaben. Tiefe Glaubenssätze bestimmen unser Leben und hindern uns am Erfolg? Beim Hinterfragen ist The Work von Byron Katie eine echte Hilfe. Probiere es einfach mal aus.

5.Tipp:  Nun sieh dir die andere Seite davon an und schreibe auf, was du gewinnen kannst, wenn du die Dinge loslassen kannst

Werde dir bewusst, was dich alles erwartet, wenn du die Situation, den Gedanken, den Partner, das Haus, den Job, die Krankheit….loslassen kannst. Welche Gefühle kommen in dir auf und wo siehst du dich, wenn das alles dir nicht mehr im Wege steht. Schreibe deine Geschichte neu und schreibe sie so, wie sie dir gefällt.

6.Tipp:  Jetzt fühle hinein und schau dir das Leben an, das du in ein paar Jahren leben wirst, wenn du weiter an den Dingen festhältst.

Nimm dir genügend Zeit dafür, auch wenn es unangenehm wird. Mache dir sichtbar, was du damit herbeirufst und fühle den Kloß im Hals, die Enge in der Brust, das Stechen im Herz, das unangenehme Gefühl im Bauch, den Schmerz im Kopf…

Dadurch machst du dir bewusst, was ist und was immer sein wird, wenn du weiter darin badest und nicht loslassen kannst. Das erleichtert wiederum, endlich los zulassen.

7.Tipp:  Jetzt fühle hinein und sieh dir das Leben dir an, das du in ein paar Jahren haben wirst, wenn du die Dinge loslässt…

Nimm dir auch hierfür wieder genügend Zeit. Spüre hinein in dein neues Leben: Welche Gefühle kommen in dir auf? Was kannst du alles erreichen und was liegt dir zu Füßen? Welche große Freude verspürst du in dir? Welches Glück wartet auf dich?

Das zeigt dir, wie dein Leben aussehen kann und wo du in ein paar Jahren stehen wirst, wenn du die Dinge loslassen kannst. Das motiviert dich und du kommst in eine  gute Stimmung, die dich zum Handeln auffordert.

8.Tipp:  Jetzt werde dir klar darüber, dass Loslassen die bessere Variante ist.

Wenn du dir die Dinge näher vor Augen führst und sie hinterfragst, erkennst du leichter, was du dir selbst antust und dann kannst du es kaum erwarten, endlich los zulassen. Loslassen findet in deinen Gedanken statt. Entschließt du dich los zulassen, wirst du dich frei und glücklich fühlen.

9.Tipp:  Loslassen und glücklich sein und dich auf das freuen, was alles kommen wird.

Du allein musst die Bereitschaft dazu haben und dich entschließen die Aufgaben durchzuführen, dann kannst du auch loslassen. Loslassen kannst du lernen, wie alle anderen Dinge im Leben, wenn du dich dazu entschließt.

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Falls du jetzt noch wissen willst, wie du das am besten machst mit dem Loslassen, dass es auch wirklich funktioniert dann probiere folgende Techniken aus:

  • 1.) Spreche zu dir durch dein Spiegelbild

Du schaust dir tief in die Augen und sagst dir:

  • Ich lasse alle Widerstände und Gedanken los, die mich noch daran hindern und zweifeln lassen, dass es etwas wird mit dem Haus, dem Garten, der Liebe, dem Geschäft, der Versöhnung, dem Reichtum….

Du setzt das ein, was dir gerade im Wege steht und was du nicht loslassen kannst.

Das Ganze wiederholst du mehrmals, und die ganze Zeit schaust du dir dabei tief in die Augen. Du wirst eine direkte Veränderung bemerken und es spüren und in deinen Augen sehen, wie dich ein Gefühl von Freude und Gelassenheit umgibt und einhüllt. Du wirst einen Seufzer machen und dich gleich viel besser fühlen.

Nun sprich wieder zu dir und schau dir weiterhin tief in die Augen und sage dir, was du jetzt in deinem Leben vorfinden möchtest. Also zum Beispiel:

  • Mein Geschäft läuft jetzt Tag täglich immer besser und ich weiß, dass ich reichlich belohnt werde für meine Arbeit.
  • Ich danke dem Leben, dass ich in den nächsten Tagen auf den Partner treffen werde, der zu mir passt.
  • Ich danke für die Liebe meines Lebens, die mir in den nächsten Tagen über den Weg läuft.
  • Ich danke und freue mich über das tolle Angebot in den nächsten Tagen ( Job, Haus…).
  • Ich weiß und danke dafür, dass ich mein Haus noch in diesem Jahr finden werde.
  • Ich freue mich über die Hinweise, die mir helfen das zu tun, was mich weiterbringt.

Du nimmst sozusagen Kontakt mit dir selbst auf und schaffst es so die Dinge schneller los zulassen.

  • 2) Lasse deine Gedanken durch einen Baum los

Lege deine Handflächen an dem Stamm des Baumes, sieh dabei nach oben und sage:

  • Ich lasse alle Widerstände und Gedanken los, die mich noch daran hindern und zweifeln lassen, meinen Traum zu leben.

Vertraue darauf und spüre durch deine Hände die Energie des Baumes, die Macht des  Universum und das Erreichen deines Zieles.

Sprich diesen Satz wieder mehrmals und achte darauf, dass du dich frei fühlst und nicht beobachtet. Dann teile dem Baum mit, was du in den nächsten Tagen in deinem Leben vorfinden möchtest.

  • Ich danke dir für die Erfüllung meines Traumes, dass ich der Liebe meines Lebens in den nächsten Tagen begegnen werde.
  • Ich danke für all das Glück, was mir in den nächsten Tagen zu Gute kommt.
  • Ich danke dir und bitte dich um weitere Hinweise, wie ich meinen Verkauf noch steigern kann.
  • Ich danke dir und bitte dich noch heute um einen Hinweis, der mir zeigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.
  • Ich bin bereit jetzt mein Leben zu genießen.

Du gehst dann erleichtert nach Hause und freust dich, dass du die Dinge jetzt so leicht loslassen konntest.

  • 3.) Übergebe dem Wind die Gedanken und Widerstände

Eine angenehme und sehr inspirierende Art ist es dem Wind das zu übergeben, was du nicht lösen kannst. Also gib alle Widerstände und Gedanken dem Wind mit, die du loslassen möchtest. Du fühlst dich schnell sehr befreit und erleichtert.

  • 4.) Flaschenpost

Schreib alles auf, was du loslassen möchtest, übrgib es dem Wasser und glaube fest daran, dass es sich erfüllt.

  • 5.) Lagerfeuer

Du schreibst wieder alles auf und verbrennst das, was du loslassen möchtest. Denke daran, dass dein Wunsch in Erfüllung geht, so wie du ihn loslässt.

  • 6.)   Rausatmen

Werde dir bewusst, was du loslassen möchtest, lass das Alte entweichen, indem du kräftig ausatmest und eine Schwimmbewegung nach hinten machst. Hole das Neue herrein, indem du tief einatmest und deine Hände vor deinen Bauch zusammenlegst, als würdest du schwimmen wollen.

Und noch einmal von vorn, beim einatmen führst du deine Hände wieder vor deinem Bauch zusammen.

Du schiebst und atmest sozusagen das Alte von dir und lässt es los. Ich finde, das ist eine ganz einfache und schnelle befreiende Lösung etwas loszuwerden.

  • 7.)   Schrei der Befreiung

Geh in den Wald und schreie raus, was du loslassen möchtest, wovon du dich befreien möchtest. Manchen Menschen tut das mal ganz gut, gerade denen, die sonst sehr ruhig und zurückhaltend sind und sich nicht trauen das zu sagen, was sie wirklich wollen.

  • 8.)   EFT

EFT ist eine hervorragende Technik von der du dich super schnell von etwas lösen kannst und die dir sofortige Entspannung liefert.

  • 9.)   The Work

Die 4 einfachen Fragen von Byron Katie ist eine sehr gute Technik dein eigenes Denken zu hinterfragen.

  1. Ist das wahr?
  2. Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist?
  3. Wie reagierst du (was passiert in dir), wenn du diesen Gedanken glaubst?
  4. Wer wärst du ohne den Gedanken?

Schaue dir einfach mal paar Videos auf Youtube an und entscheide ob diese Technik dich weiterbringt.

  • 10.) Meditation

Meditation ist eine Art sehr gut wieder zu sich selbst zu finden. Es muss nicht immer eine geführte Meditation sein, höre auch mal hier rein: Positive Energy Boost.

Das Angebot ist riesig und nicht jede Meditation ist für jeden ansprechend und eine Meditation zu finden, wo du dich von der Stimme und dem Klang angezogen fühlst ist nicht einfach. Nimm dir ein wenig Zeit, um das Beste für dich zu finden.

  • 11.) Beten

Beten geht immer und das hat nichts mit Kirche zu tun. Du musst keinen Gott anbeten, an den du nicht glaubst. Bete zu dem, wozu du dich hingezogen fühlst, sei es das Universum, die innere Macht, das Unsichtbare, der Stern, die Sonne, der Mond, deinem Gott, deine Schöpferkraft… bete zu dir selbst.

Frage deine innere Stimme und bitte sie um Hilfe. Du wirst Antworten erhalten in Form von Impulsen und Hinweisen. Warte nicht darauf, dass eine Stimme dir etwas sagt. Wenn du dich eine Weile damit auseinandersetzt, wirst du einen Weg finden, der dich befreit und der dir hilft beim loslassen.

Weitere Unterstützung zum Loslassen liefern dir die beiden folgenden Techniken:

  • 12.) Hypnose
  • 13.) Aufmerksamkeitstraining

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Das sind nur einige Möglichkeiten, die du zur Unterstützung anwenden kannst, um noch besser los zulassen. Das einzig wichtige daran ist, dass du etwas wählst, was dich anspricht und wobei du dich wohlfühlst.

Am Anfang wird es vielleicht nicht gleich so klappen, wie du es dir erhoffst. Doch alles was noch nicht so klappt, dass kannst du ausbauen und nach weiteren Möglichkeiten suchen und das solange bis es für dich zufriedenstellend ist. Bleibst du dran, wirst du von Mal zu Mal immer besser loslassen können.

Das schöne im Leben kann nur kommen, wenn du bereit bist, es auch zu empfangen. Also lasse das Alte los, dass das Neue kommen kann.

Lerne zu vergeben, vor allem dir selbst. Es bringt dich nicht weiter, wenn du nicht vergeben kannst. Im Gegenteil: Du spürst  die Kränkung immer wieder auf’s Neue. Lerne loszulassen und werde glücklicher denn je.

Je tiefer du dich bereits in den Strudel negativer Gedanken hineingesteigert hast, desto mehr Zeit und Anstrengungen musst du aufbringen, um wieder an die Oberfläche zu kommen. Doch auch das schaffst du. Du musst nur bereit dazu sein.

Von allem getrennt, sogar von sich selbst – Depression ist ein Albtraum, der nie endet

Selbstmorde von prominenten Schauspielern und Sportlern haben das Thema in den letzten Jahren mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt: Eine Depression ist eine ernst zu nehmende Krankheit. Sie hat nichts mit einem Burnout zu tun – auch wenn sie oft gemeinsam mit einem solchen auftritt. Es gibt verschiedene Formen der Depression – allen gemeinsam ist jedoch, dass sie ab einem bestimmten Stadium die Betroffenen in akute Suizidgefahr bringen. 

Im Gegensatz zur Meinung mancher Angehöriger geht es einem Menschen, der sich in einer solchen Lage selbst auslöscht, nicht um Rache, auch nicht um Schuldzuweisungen. Er ist einfach nur nach einem langen, einsamen und, wie ihm scheint, völlig aussichtslosen Kampf müde – so qualvoll erschöpft, dass ihm der Tod wie ein tröstlicher, letzter Ausweg erscheint.

Auch in meinem Umfeld gab es im Laufe der Jahre drei Selbstmorde nach vielen Jahren Depression. Bezeichnenderweise waren es auch hier Männer, die letztlich den Mut hatten, Hand an sich anzulegen. Statistisch gesehen leiden aber mehr Frauen als Männer unter schweren Depressionen. Ich will deshalb hier die Lebensgeschichte einer Frau erzählen – sie ist bestmöglich anonymisiert.

Sie kann sich genau an das Lebensgefühl erinnern, das sie hatte, als sie noch „rund“ war. Als sie die totale Lebenskraft in sich fühlte, gern und viel lachte, voller Tatendrang war und damit ihren Eltern gehörig auf die Nerven ging. Wie alt genau sie war, als das aufhörte, weiß sie nicht mehr. Aber es war lange vor der Einschulung.

Im Kindergarten blieb sie nicht lange. Der Vater fand, die Erziehung dort sei zu primitiv. Sie erinnert sich, dass sie an heißen Sommertagen allein durchs Dorf strich, auf der Suche nach Spielgefährten. Sie weiß noch, wie leer und bleischwer sie sich dabei fühlte und wie sie manchmal bei den Kühen im Stall Zuflucht suchte. Die waren so warm und weich.

Sie weiß auch noch, wie sehr sie das Dorf liebte. Das Dorf, seinen Geruch, und wenn sich beim Heimkommen die Abendsonne in den Fenstern ihres Hauses rot spiegelte. Dann war ihr Herz ganz heiß, und Tränen der Liebe stiegen ihr in die Augen. So ist das überhaupt mit ihren Gefühlen. Entweder sind sie völlig weg – oder so überwältigend, dass sie ihrer kaum Herr wird. Besonders das Mitgefühl machte ihr schon früh zu schaffen: Als das Schwein vor der Tötung mit dem Bolzenschussgerät über den Hof ausbüchste und herzzerreißend schrie, bettelte sie den Bauern an, das Tier nicht zu töten. Als es schließlich erwischt wurde und kurze Zeit später im heißen Siedebad lag, wo ihm die Haare abgeschabt wurden, fühlte sie rasenden Schmerz im eigenen Fleisch. Das war kurz bevor sie endlich auch eine Schultüte bekam und mit den anderen in die Klasse durfte.

Es folgten ein paar schöne Jahre, in denen sie nicht so allein war. Sie liebte den Unterricht, fand absolut alles interessant. Sie war gern in der Gruppe, spielte mit den anderen Völkerball, versuchte sich im Fußball, fuhr mit den Kindern des Dorfes Schlitten. Beinahe wäre sie gewesen wie sie.

Als sie neun ist, muss sie zum Gymnasium in die Kreisstadt. Der einzige Junge aus dem Dorf, der auch dorthin geht, ist sitzen geblieben und deshalb in ihrer Klasse. Er bespuckt sie den ganzen langen Weg vom Bahnhof zur Schule und zurück. Jeden Tag. Er ist groß und dick. Sein Vater auch. Deshalb kann ihr Vater nichts unternehmen. Gott sei Dank bleibt der Junge nochmal sitzen und verlässt am Jahresende die Schule.

Abgesehen davon hat sie von den ersten Jahren nur noch fragmentale Erinnerungen: Dass ihr die Hand fast abfriert im Winter, wenn sie bei eisigem Frost die schwere Schultasche durch die ganze Stadt schleppt.  Dass sie ihren im Durchschnitt gut zwei Jahre älteren Klassenkameradinnen auf die Nerven geht, weil sie noch so kindlich ist. Das ewige Warten auf den Bus. Und an das ständige Alleinsein – daran erinnert sie sich auch. „Das Kind ist still geworden“, pflegt ihre Mutter zu sagen, wenn man sie fragt, warum ihre Tochter nicht mehr lacht.

Als sie elf ist, zieht die Familie ins eigene Haus in einem anderen Dorf. Auch hier ist sie die Einzige, die zum Gymnasium geht. Das verbleibende Jahr Konfirmandenunterricht reicht nicht, um mit den gerade mal sechs Gleichaltrigen im Ort mehr als oberflächliche Kontakte zu knüpfen. Die Einsamkeit wird ihr ständiger Begleiter. An einen heißen Sommertag erinnert sie sich noch gut: Sie zieht allein mit dem Hund durch die Wälder der Umgebung. Bei einer Rast bewundert  sie die Schönheit der Natur um sie herum, wünscht sich nichts sehnlicher, als mit ihr zu verschmelzen und ist doch schmerzhaft unerreichbar von ihr getrennt.

Mit 12 freundet sie sich mit dem Sohn des Pfarrers an. Der ist 15, geht in die selbe Schule wie sie und ist genauso allein wie sie. Er rasiert sich schon. Bis heute kann sie den Duft des fürchterlichen Aftershaves nicht riechen, ohne dass sich ihr der Magen umdreht. Aber sie haben eine gute Zeit miteinander: Sie können sich gut unterhalten und sind eine Weile beide nicht allein.

Die Familie genießt es in diesen Jahren sonntags sehr lange zu frühstücken und viel zu erzählen. Dabei erfährt sie, dass ihr Großvater, den sie nur durch ein altes Bild im Flur kennt, sich erhängt hat. „Er konnte nicht mehr schlucken,“ sagt ungewohnt wortkarg der Vater – „da kam er in eine Klinik. Als Erntezeit war, holte Mutter ihn nach Hause. Als wir abends vom Acker kamen, hing er in der Scheune.“

„Er hatte Depressionen“, sagt die Mutter. „Dann wechseln sie das Thema.

Abgeschnitten vom fröhlich Lebenden

Einsamkeit, ein schreckliches Getrennsein von allem fröhlich Lebenden, wird zu ihrem ständigen Lebensgefühl. Verzweifelt wünscht sie sich eine Zwillingsschwester. Vergeblich bittet sie die Eltern, sie ins Internat zu schicken, damit sie Gleichgesinnte finden kann. In ihrem Dorf ist sie abgeschnitten von den Klassenkameraden. Im Sportverein kann sie nicht mehr mithalten, als ihre Tischtennismannschaft das Training auf 20 Uhr verlegt. Sie muss früh ins Bett, um 5.45 Uhr klingelt der Wecker.

In dieser Zeit hat sie die ersten Magengeschwüre. Sie ist dankbar, etwas zu haben, das behandelt werden kann.

In ihrer Klasse kommt sie menschlich besten klar, wo sie finanziell nicht mithalten kann: Mit den beiden Kindern des Möbelfabrikanten, der ältesten Tochter des Fahrschullehrers und der Tochter des Baustoffhändlers. Sie sind nett zu ihr und laden sie ab und zu über Nacht zu sich ein. Sie schämt sich oft wegen ihrer Unzulänglichkeiten, versucht, sich zu revanchieren, indem sie für die Freundinnen die Hausaufgaben macht. Mit Nachhilfeunterricht für jüngere Schüler und Rasenmähen verdient sie etwas Geld – es reicht nie. Besonders die Tochter des Fahrlehrers  ist ihre Traumvorstellung einer Frau: Die drei Jahre Ältere hat lange blonde Haare, ist ein Männerschwarm und tanzt einfach göttlich.

Mit 15 lernt sie das schwarze Loch zum ersten Mal richtig kennen. Nach wochenlangen Weinkrämpfen und drastischem Leistungsabfall in der Schule bricht sie ganz in sich zusammen, wird apathisch, denkt darüber nach, wie sie ihrem Leben ein Ende setzen könnte.

„Das Kind hat Depressionen“, konstatiert der Hausarzt, zu dem der Vater sie bringt; „Librium hilft“. Und in der Tat: Das Medikament, das sie fortan einnimmt, hält sie in einer gleichmäßigen Gleichgültigkeit bei freundlicher Grundstimmung. Bis sie sich beim Schüleraustausch in England wiederfindet und nicht genug davon dabei hat. Die massiven Entzugserscheinungen wirken wie ein Weckruf auf sie. Sie setzt das Librium ab, entschlossen, jetzt endlich zu leben. Sie sieht in den Spiegel, staunt, dass aus dem hässlichen Entlein ihrer Kindheit ein recht hübsches junges Mädchen geworden ist. Und: Sie stellt fest, wie gut sie tanzen kann.

Zwei Jahre später kommt der nächste tiefe Fall. Ihre erste große Liebe hat Schluss gemacht. Sie fühlt sich hässlicher und unzulänglicher als jemals vorher, fällt zurück zurück in tiefe Einsamkeit und ist untröstlich. Zerrissen von Schmerz und Grübeleien stolpert sie durch die Abiturprüfungen. Was sie mit ihrem Leben anfangen soll, weiß sie nicht. Wenn es doch nur endlich vorbei wäre…

Ein brüchiger Weg

Sie ist 18, als ihre Ausbildung beginnt. Es fühlt sich an wie damals der Start auf dem Gymnasium. Leere, nichts als Leere. Der Chef, ein Alkoholiker, ist ihr widerwärtig. Die Sekretärin, die sie Brötchen holen schickt, macht sie hilflos wütend. Und der Kollege, der sie anbaggert statt ihr zu zeigen, was Sache ist, bringt ihr einen Krieg ein. Der einzige Gleichaltrige in ihrem Bekanntenkreis ist ihr neuer Freund. Er ist arbeitslos, wenig motiviert, an sich zu arbeiten, und sie muss ihn ernähren, aber sie hält an ihm fest. Nur nicht in diesem schwarzen Loch versinken.

Es endet als Katastrophe: Zehn Jahre lang hat sie ihn durchgezogen, ist hoch verschuldet, als sie sich endlich trennt. Sie war am Ende gewesen, hatte geweint und gearbeitet, gearbeitet und geweint. Wegen ihrer ständigen Kopfschmerzen musste sie regelmäßig vom Hausarzt gequaddelt werden – massive Beschwerden im Oberbauch waren fast unerträglich.  Beides bessert sich schlagartig, als der Freund endgültig gegangen ist. Noch Jahre später findet sie hinter Bilderrahmen, in Schränken, an den unmöglichsten Stellen Zettel, die er hinterlassen hat: „Du bist schuld. Du hast mein Leben zerstört.“

Beruflich kommt sie voran. Nun hat sie auch mehr Geld. Sie kann reisen, sich etwas leisten. Sie gewöhnt sich daran, allein unterwegs zu sein. Mal trifft sie interessante Menschen, mal nicht – nicht so wichtig. Sie genießt den Duft fremder Länder, das Rauschen des Meeres, den Klang fremder Sprachen. Ganz langsam kann sie wieder etwas fühlen. Und verliebt sich in einen deutlich älteren Mann. Er schafft es, ihr wildes Wesen zu „kultivieren“, ohne es einzuengen. Mit ihm erlebt sie das Gefühl, vor Glück sterben zu wollen, die (fast) völlige Verschmelzung. Sie blüht auf, fühlt sich freudig lebendig, arbeitet mit Lust und Liebe.

Trotzdem kauft sie in den USA das Buch „The Final Exit“. In Deutschland ist es verboten. Es beschreibt detailliert, mit welchen Methoden dem Leben ein Ende gesetzt werden kann. Sie fühlt sich gerüstet für den Fall, dass sie wieder im Loch versinkt.

Fünf Jahre später die Trennung. Diesmal wird es lebensgefährlich. Sie sitzt in dem Reihenhaus, das sie allein bewohnt, Tag um Tag in dröhnender Stille schweigend im Sessel und starrt  den Boden an. Sie isst nicht, trinkt nicht und schafft es nicht, zu telefonieren, tagelang nichtmal, vom Sessel ins Bett zu gehen. Niemand vermisst sie – sie ist im Freizeitausgleich für hunderte von Überstunden. Die Einzige, die wahrnimmt, wie es ihr geht, ist die Putzfrau. Die macht sich Sorgen, kontaktiert ihre Sekretärin, die wiederum einen Therapeuten findet. Sie bekommt ein Antidepressivum und ein Mittel gegen die ständige Schlaflosigkeit. Sie beginnt eine Therapie.

Mit den Jahren wird der Arzt zur wichtigsten Konstante ihres Lebens. Sie hat ihm versprochen, sich dem Leben zu stellen, er hat ihr versprochen, sie nicht im Stich zu lassen. Beide halten sich an ihr Wort. Ganz, ganz langsam lernt sie, sich selbst zu betrachten und anzunehmen. Sie lernt, sich zu beobachten und die Anzeichen der schwarzen Löcher schneller zu erkennen. Manchmal kann sie sich nun fühlen. Aber einen Sinn in ihrem Leben erkennt sie nur, wenn sie sich im Dienst der Firma für Menschen engagiert.

Sobald das jeweilige Projekt endet, endet ihr Lebenssinn. Also arbeitet sie viel, auch in ihrer Freizeit. Sie verdient auch viel. Und sie kauft viel ein. Massenweise Schmuck und  teure Kleider. Sie stellt die Tüten in eines der leerstehenden Zimmer. Manche landen später noch mit Preisschild im Altkleidercontainer.

Dann die Wende: Sie lernt ihren späteren Mann kennen. Quasi vor der Haustür – ein Wunder.

Er ist gleichaltrig, ruhig, freundlich. Sie erlebt ihn als mutigen Menschen, der sich seinen Ängsten stellt, und ist beeindruckt. Schon nach wenigen Wochen wohnt er überwiegend bei ihr. Das geht ihr zu schnell, aber sie freut sich auch: Sie ist nicht mehr allein. Es gibt eine Struktur in ihrem Leben, einen Grund, abends nach Hause zu gehen.

Ein gutes Jahr später kaufen sie ein Haus und renovieren es gemeinsam. Es wird die ausgeglichenste Zeit in ihrem Leben. Endlich ist sie wie alle Anderen Teil der Gemeinschaft: Sie lebt mit einem Menschen zusammen, dem sie von Herzen zugetan ist, der sich um sie kümmert so wie sie sich um ihn, mit dem sie sich die Aufgaben des Alltags gerecht teilt. Das Elend scheint überwunden.

Sie arbeiten viel, verdienen gut, machen schöne Urlaubsreisen, sprechen miteinander, wenn auch zunehmend nur noch über die Arbeit. So merken sie zu spät, was sich in ihr Leben schleicht: Immer weniger gemeinsame Abende oder Wochenenden, immer weniger gemeinsame Interessen, gemeinsame Unternehmungen. Während sie selbst immer schlechter schläft und zunehmend unter Atemproblemen leidet, wird ihr Mann immer müder. Kaum haben sie das gemeinsame Abendessen eingenommen, schläft er auf dem Sofa ein. Sie sieht ihm beim Schnarchen zu und spürt bleierne Verzweiflung in sich aufsteigen. Nun ist sie einsam, obwohl sie zu zweit ist. Wofür arbeitet sie eigentlich so viel? Soll ihr Leben nun immer so weiter gehen? Wo ist der Sinn? Wann hat dieses Elend endlich ein Ende…

Ausbruchsversuch führt zum „Todestag“

Es ist im siebten Jahr ihrer Beziehung, als in der Mittagspause eines Meetings der Kollege auf sie zukommt: „Essen wir in der Kantine oder machen wir einen Spaziergang am Fluss?“  Sie gehen zum Fluss, wo er ihr berichtet, dass er nach tätlichen Angriffen seiner Frau die Familie verlassen und eine eigene Wohung bezogen hat. Er will ein neues Leben beginnen.

Sie kennen sich seit vielen Jahren und wissen sich beruflich zu schätzen. Er pflegt sein Image als kühler Stratege, sie ihres als emotional Kreative. Von nun an sprechen sie oft miteinander, tauschen sich aus, auch über die Einsamkeit.  Sie erkennt in ihm Anteile des früheren, deutlich  älteren Geliebten, findet in der körperlichen Nähe ein ähnliches Glück. Einmal sagt er: „Hey, willst du Kinder von mir?“

Ja, sie will. Später wird sie dankbar sein, die Frage nicht laut beantwortet zu haben.

Ihre Arbeitsplätze liegen weit auseinander, sie sehen sich nicht oft. In den Zwischenzeiten bringt sie seine Kühle oft zum Weinen – warum, versteht sie nicht. In der Firma findet währenddessen eine Neuordnung der Führungsebene statt. Sie fühlen sich beide berufen, mitzumischen.

Nach einem Jahr beichtet sie die Affaire, teilt ihrem Mann mit, dass sie sich trennen will. Nach einigen Wochen mit langen Gesprächen und vielen Tränen beschließt ihr Mann, auszuziehen.

Es kommt der Tag, den sie fortan „meinen Todestag“ nennen wird.

Am Vorabend zu ihrem 40. Geburtstag, einem Samstag, lädt ihr Mann sie zum Abschiedsessen ein. Er schenkt ihr 40 Rosen und ihre Freiheit, führt sie an den Ort, wo sie sich kennengelernt haben und fährt danach in seine neue Wohnung. Ihr Geburtstag bricht an. Sie geht durch das Haus, betrachtet die leeren Stellen, die er hinterlassen hat, fühlt sich hohl und grau, will den Geliebten sprechen. Nach mehrstündigen Versuchen erreicht sie ihn. Er ist kurz angebunden,  sagt, er werde zurückrufen.

Es dauert sieben Stunden, bis er sich meldet. Da kann sie ihren Körper kaum noch bewegen, das Sprechen fällt ihr unendlich schwer. Er hatte einen angenehmen Tag, berichtet wortreich davon und meint, nun müsse er eilig nach Hause. Ihren Geburtstag hat er vergessen. Sie schafft es nicht, ihm zu berichten, wie ihr Wochenende verlaufen ist, möchte um Hilfe rufen, bringt kein Wort heraus.  Bleierne Schwärze senkt sich in ihr Herz, umhüllt sie vollständig.

Als er sich an ihren Geburtstag erinnert, sind sechs Wochen vergangen. Sie hat ihn nach einem Meeting mit sarkastischem Unterton zum Edel-Essen eingeladen. Da ist es schon zu spät. Sie hat begonnen, seinen Worten zu misstrauen.

In den folgenden Monaten folgt Unheil auf Unheil. Sie gerät mit dem Geliebten in eine Konkurrenzsituation, erfährt von der Geschäftsführung, dass er den angestrebten Posten erhalten wird. Er selbst wird es ihr erst Wochen später sagen. Da ist sie von seinem fehlenden Vertrauen bereits so verletzt, dass sie ätzend reagiert, statt sich mit ihm zu freuen. Wenig später ruft er sie morgens um 7 Uhr an, um ihr zu sagen: „Ich habe mich verliebt. Sie ist nur eine kleine Halbtagssekretärin, aber sie ist mir jetzt schon um so viel näher als du.“

Es trifft sie unerwartet, und es fühlt sich an wie ein Fallbeil. Sie kann nur noch schweigen. Jedes Gefühl ist erloschen.

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Mechanisch arbeitet sie weiter. Mechanisch erwartet sie nun auch ihr berufliches Ende, ist der Geliebte doch zum Vorgesetzten geworden.

Seine neue Position vereinbart sich nicht mit ihrem Wissen um sein Innenleben. Deshalb soll sie verschwinden. Es ist ihr sofort klar. Und dennoch kann sie sich nicht vorstellen, das Unternehmen zu verlassen. Es ist doch ihre ganze Familie…

Zu ihrem Asthma gesellen sich nun zunehmend Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Sie nimmt ab und wieder zu – zehn Kilo innerhalb weniger Wochen geht es mit Leichtigkeit rauf und runter. Sie beginnt wieder zu reisen, fliegt nach Mexiko, nach China, in die Türkeit, nach Spanien – egal wohin, Hauptsache anders. Sie arbeitet wie eine Besessene, bringt sich aus den USA Ma Huang mit, um durchzuhalten, nimmt Schlafmittel, um wenigstens zwei oder drei Stunden pro Nacht zu schlafen. Der Arzt erreicht sie nicht mehr. Sie weiß nur: Wenn sie aufhört, stirbt sie. Die Zukunft ist schwarz wie die Nacht.

Ein subtiles Mobbing hat begonnen. Ihre Projekte sind überdurchschnittlich erfolgreich und daher nicht angreifbar. Deshalb greift man ihr Wesen an. Hysterisch sei sie, chronisch negativ und psychisch instabil. Von einem Tag auf den anderen soll sie nachweisen, dass ihre sieben Mitarbeiter sich nicht woanders  beworben haben – und zwar durch deren Unterschrift. Im Urlaub erwartet man von ihr eine Ausarbeitung über die Gesamt-Zukunft des Unternehmens. Diese wirft man dem Vorgesetzten im Rahmen einer Mitarbeiterversammlung an den Kopf und löst damit kalte Wut aus. Es folgen sinnlose Anordnungen, die in ihren direkten Zuständigkeitsbereich eingreifen, der Abzug der guten Mitarbeiter, man schickt ihr einen hoffnungslosen Alkoholiker. Immer mehr Situationen mit einem unlösbar großen Arbeitspensum entstehen.

Sie hält dagegen, wehrt sich mit Händen und Füßen.

Die Schlaflosigkeit fordert ihren Tribut. Immer öfter schließt sie stundenlang die Tür, sagt der Sekretärin, dass sie nicht gestört werden will und weint sich die Augen aus dem Kopf. Der Arzt will sie ins Krankenhaus einweisen. Sie lehnt ab.

Es ist ein Kampf, den sie nicht gewinnen kann. „Sie gehen aufs falsche Klo und pinkeln in die falsche Richtung“, teilt ihr nach zwei Jahren Mobbing unverblümt ein Geschäftsführer mit. „Die werden Sie niemals reinlassen, und ich kann Sie nicht schützen.“

Wenig später fordert der Ex-Geliebte sie auf, ihren Vertrag zurück zu geben und freiwillig eine deutlich niedrigere Position zu übernehmen. Sie lehnt ab.

Zwei Wochen danach gibt sie auf. Sie meldet sich krank und weiß, dass sie nicht mehr zurück kehren kann.

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Jetzt kann sie nachts ohne Versagensangst wach sein, tagsüber ein paar Stunden schlafen. Sie lernt den Duft ihres Gartens bei Sonnenaufgang kennen. Sie kann den Gesang der Vögel wieder hören und findet sie unsagbar schön, die Natur – von der sie selbst durch eine unüberwindbare Glaswand getrennt ist. Ihr Körper wiegt Tonnen. Sie kann die Arme kaum heben – nichtmal, um sich selbst auszulöschen. Ihre Zukunft ist schwarz.

Sie hat ständig Blutungen, lässt sich schließlich die Gebärmutter entfernen – registriert mit tiefer Befriedigung: Jetzt kann sie kein Mann mehr mit dem Versprechen gemeinsamer Kinder locken.

Sie entwickelt detaillierte Pläne, sich das Leben zu nehmen. Die tragen ihren Ängsten Rechnng: Sie kann nicht von einer hohen Brücke springen oder sich vor einen Zug werfen – zu feige. Aber sie kann auf einen entlegenen Turm steigen, eine Flasche Champagner trinken, einen Satz Schlaftabletten nehmen und sich vor dem Einschlafen die Pulsadern aufschneiden. Oder, falls es draußen zu kalt ist, statt des Turms die Badewanne wählen. Sich nur auf Chemikalien zu verlassen, erscheint ihr zu gewagt: Was, wenn sie als Pflegefall wieder wach wird? Sich Luft in die Adern zu spritzen, traut sie sich nicht, mit dem Auto gegen eine Wand zu fahren, auch nicht. Zu groß ist die Gefahr des Überlebens.

Jeden Tag gibt sie sich noch einen Tag lang eine Chance. Noch immer weigert sie sich, in eine Klinik zu gehen. Aber immerhin nimmt sie die nun starken Serotoninwiederaufnahmehemmer und hält die Termine beim Arzt ein.

Ein gutes halbes Jahr später findet der Gütlichkeitstermin vor Gericht statt. Der Vertreter der Firma – mit dem zusammen sie einst die Ausbildung gemacht hat – sagt: „Für diese Frau haben wir keine Verwendung mehr.“ Sie lehnt eine gütliche Einigung ab.

Nun fällt ihr der eigene Anwalt in den Rücken: Die Versicherung zahle zu wenig für ihre Verteidigung. Er erwarte eine Bar-Prämie von ihr. Vom Vertreter der Firma, den er übrigens vom Tennisplatz kennt, verlangt er in den Verhandlungen geldwerte Vorteile. Dass seine Mandantin das hört, stört ihn nicht.

Sie wundert sich über nichts mehr, sagt die Prämie zu, handelt mechanisch, schreibt sich vorher jeden Zug auf. Den Höllentrip, bis ihre Abfindung ausgehandelt ist, erlebt sie wie einen Horrorfilm auf einem weit entfernten Bildschirm. Erst als sie unterschreibt, beginnt sie zu weinen – bodenlos, rabenschwarz, nicht enden wollend. Sie hat ihre Heimat endgültig verloren.

Sie ist gut in ihrem Beruf, versucht also, schnell wieder Arbeit zu finden. Aber sie bekommt keinen Boden mehr unter die Füße. Ein ihr wohl gesonnener Personaler ruft sie eines Tages an: „Wissen Sie eigentlich, dass ihr ehemaliger Vorgesetzter überall durchblicken lässt, Sie seien psychisch instabil?“

Sie versteht.

Wie viele Male kann ein Mensch eigentlich sterben?

Sie weiß es nicht.

Chronische Schmerzen haben ihren ganzen Körper erfasst. Sie kann nur noch mit Hilfe starker Schmerzmittel den Tag überstehen. Weichteilrheuma, diagnostiziert der Arzt. Und ihre Nebennieren arbeiten nicht mehr – eine Folge des langjährigen Stresses. Sie weiß: Rheuma ist eine Autoimmunerkrankung. Ihr Körper hat den Auftrag ihrer Seele angenommen und will sich selbst erledigen.

Diesmal geht sie in die Klinik. Zweimal hintereinander in kurzen Abständen für jeweils acht Wochen. Sie lernt den Umgang mit den Schmerzen, lernt zu malen, wenn sie keine Worte mehr hat. Sie lernt, sich selbst wieder im Spiegel anzusehen und vom Urteil anderer abzugrenzen. Sie erkennt ihre Traumata, lernt, was  ein Flashback ist und welche Schlüssel-Situationen sie hineinfallen lassen. Sie weint Badewannen voll Tränen, schreibt bittere Texte in ein Tagebuch und fragt sich, was nun aus ihrem Leben werden soll. Wo sie wohl einen Sinn finden kann. Ob es echte Liebe zwischen Menschen überhaupt gibt. Ob es ihr jemals gelingen kann, sich selbst anzuschauen und selbst zu lieben.

Ob sie jemals wieder etwas fühlen wird außer Schmerzen?

Sie weiß es bis heute nicht.

Find my love… 

16-10-2012 17-18-03

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Definition einer Depression durch die WHO 
„Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann.

Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen. Milde Formen können ohne Medikamente behandelt werden, mittlere bis schwere Fälle müssen jedoch medikamentös bzw. durch professionelle Gesprächstherapie behandelt werden.

Für eine verlässliche Diagnose und Therapie im Rahmen der primären Gesundheitsversorgung sind keine Spezialisten erforderlich. Die spezialisierte Versorgung ist allerdings für eine kleine Gruppe der Menschen mit komplizierten Depressionen oder für diejenigen erforderlich, die nicht auf die Behandlungen der primären Gesundheitsversorgung ansprechen.

Depressionen setzen oft in einem jungen Alter ein. Sie betreffen häufiger Frauen als Männer,  und Arbeitslose sind ebenfalls stärker gefährdet.“

Klassifikation nach ICD-10

F32.0 Leichte depressive Episode (Der Patient fühlt sich krank und sucht ärztliche Hilfe, kann aber trotz Leistungseinbußen seinen beruflichen und privaten Pflichten noch gerecht werden, sofern es sich um Routine handelt.)
F32.1 Mittelgradige depressive Episode (Berufliche oder häusliche Anforderungen können nicht mehr oder – bei Tagesschwankungen – nur noch zeitweilig bewältigt werden).
F32.2 Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (Der Patient bedarf ständiger Betreuung. Eine Klinik-Behandlung wird notwendig, wenn das nicht gewährleistet ist).
F32.3 Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (Wie F.32.2, verbunden mit Wahngedanken, z. B. absurden Schuldgefühlen, Krankheitsbefürchtungen, Verarmungswahn u. a.).
F32.8 Sonstige depressive Episoden
F32.9 Depressive Episode, nicht näher bezeichnet

ICD-10 in der WHO-Version von 2013 online

Sehr ausführlich befasst sich Wikipedia mit den verschiedenen Ursachen und Symptomen der Depression.

Die Stiftung deutsche Depressionshilfe bietet viel Information, ein Forum und Telefonnummern zur Ersten Hilfe in der Krise

Gutes Forum mit vielen Hilfestellungen: http://www.depressionen-depression.net/

Ein Mensch mit Depressionen kann ohne Hilfe nicht gesunden. Aufgrund der Knappheit fachkundiger Ärzte gibt es jedoch sehr lange Wartelisten. Hier versucht das Deutsche Bündnis gegen Depression e.V. gegenzusteuern und Hilfe anzubieten.

Viel Information, Beratung bei der Suche nach der richtigen Klinik und auch persönliche Beratung zur Selbsthilfe gibt es bei der Deutschen DepressionsLiga e.V., die sich an der Mail- und Telefon-Selbsthilfeberatung des Bundesarbeitskreises der Angehörigen psychisch Kranker beteiligt.

Mail: seelefon@psychiatrie.de

Fon: 0180 5950951

Der Bundesarbeitskreis hat eine Liste wichtiger Anlaufstellen veröffentlicht, wo Betroffene und/oder Angehörige Hilfe finden können.

Siehe auch: 

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Dualseele: Die große Hoffnung, nach Hause zu kommen

Halb zu leben bin ich nicht gemacht

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Schäm dich nicht und hol dir Hilfe

Wie sich Depressionen anfühlen – Fotos

Zehn Fakten über Depression

Update: Es geht nicht nur um dich

Update: Niemand überlebt die Liebe unbeschadet

Update: The age of lonelyness is killing us

Update: Wir sind keine faulen Schweine

Update: Etwas sanfter im Urteil sein

Update: „Sie verstehen dich einfach nicht“

Update: Depression kostet oft den Job

Update: Wenn Männer depressiv werden

Update: „Ich wünschte, alle Menschen wüssten dies über Depression“

Update: Niemand hat Mitleid mit einem Gehirn

Update: Wenn der Schmerz nicht mehr aufhört

Kalil Gibran: „Wenn die Liebe zu dir spricht, glaube an sie“

Da sagte Almitra: „Sprich uns von der Liebe.“

Und er hob den Kopf und sah auf die Menschen, und es kam eine Stille über sie und mit lauter Stimme sagte er:

„Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann. Und wenn sie zu dir spricht, glaube an sie, auch wenn ihre Stimme deine Träume zerschmettern kann wie der Nordwind den Garten verwüstetet. Denn so, wie die Liebe dich krönt, kreuzigt sie dich. So wie sie dich wachsen lässt, beschneidet sie dich. So wie sie emporsteigt zu deinen Höhen und die zartesten Zweige liebkost, die in der Sonne zittern, steigt sie hinab zu deinen Wurzeln und erschüttert sie in ihrer Erdgebundenheit. Wie Korngarben sammelt sie dich um sich. Sie drischt dich, um dich nackt zu machen. Sie siebt dich, um dich von deiner Spreu zu befreien. Sie mahlt dich, bis du weiß bist. Sie knetet dich, bis du geschmeidig bist. Und dann weiht sie dich ihrem heiligem Feuer, damit du heiliges Brot wirst für Gottes heiliges Mahl. All dies wird die Liebe mit dir machen, damit du die Geheimnisse deines Herzens kennen lernst und in diesem Wissen ein Teil vom Herzen des Lebens wirst.

Aber wenn du in deiner Angst nur die Ruhe und die Lust der Liebe suchst, dann ist es besser für dich, deine Nacktheit zu bedecken und vom Dreschboden der Liebe zu gehen. In die Welt ohne Jahreszeiten, wo du lachen wirst, aber nicht dein ganzes Lachen, und weinen, aber nicht all deine Tränen.

Liebe gibt nichts als sich selbst und nimmt nichts als von sich selbst. Liebe besitzt nicht, noch lässt sie sich besitzen, denn die Liebe genügt der Liebe. Und glaube nicht, du kannst den Lauf der Liebe lenken, denn die Liebe, wenn sie dich für würdig hält, lenkt deinen Lauf. Liebe hat keinen anderen Wunsch, als sich zu erfüllen.

Aber wenn du liebst und Wünsche haben mußt, sollst du dir dies wünschen: Zu schmelzen und wie ein plätschernder Bach zu sein, der seine Melodie der Nacht singt. Den Schmerz all zu vieler Zärtlichkeit zu kennen. Vom eigenen Verstehen der Liebe verwundet zu sein, und willig und freudig zu bluten. Bei der Morgenröte mit beflügeltem Herzen zu erwachen und für einen weiteren Tag des Liebens dank zu sagen. Zur Mittagszeit zu ruhen und über die Verzückung der Liebe nachzusinnen. Am Abend mit Dankbarkeit heimzukehren, und dann einzuschlafen mit einem Gebet für den Geliebten im Herzen und einem Lobgesang auf den Lippen.“

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Endlich ist es Frühling. Der erste Zitronenfalter flattert durch den noch weitgehend kahlen Garten – ein neongelber Gruß von Licht und Wärme. Die Forsythien brauchen noch höchstens drei Tage dieses sonnigen, milden Wetters, dann werden sie ein sonnengelbes Blütenmeer entfalten – und über allem dieses leuchtend klare Himmelblau, das man nur nach oder vor der kalten Jahreszeit in dieser Intensitat erleben kann.

Sie hört den Vögeln zu, die bereits balzen – und dem melodischen Rattern des Spechts, der dabei ist, in einen alten Baum auf dem weitläufigen Grundstück eine neue Nisthöhle zu bauen.  Ihr Herz krampft sich schmerzhaft zusammen, als sie an die kommenden Monate denkt: In wenigen Wochen, wenn auch die Nächte mild geworden sein werden, wird sie dem sehnsuchtsvollen, einsamen Gesang der Nachtigall lauschen – allein  im samtweichen Dunkel – allein, wie jedes Jahr. Der Unterschied zu den Jahren davor: Sie hat es selbst entschieden.

Sie hat versucht, sich zu belohnen. Sie war im Eiscafé, hat in der Sonne gesessen, mit Freundinnen geplaudert, Erinnerungen ausgetauscht. Sie hat sich neue Anziehsachen gekauft – in hellen, freundlichen Farben und zwei Größen kleiner, denn die ständigen Magenschmerzen und die Appetitlosigkeit haben ihr beinahe ihre Idealfigur zurückgegeben.  Sie hat einen Urlaub am Meer gebucht – Südfrankreich, wie früher – nicht immer Malediven oder Karibik, wie in den letzten Jahren. Und sie hat mit Erstaunen festgestellt, dass sich zahlreiche Bekannte wieder bei ihr melden – obwohl die gar nicht wissen konnten, welche neuen Entscheidungen sie für ihr Leben getroffen hat.

Kurz und gut – eigentlich ist alles bestens.

Bis auf die Tatsache, dass sie nichts fühlen kann.

Und dass sie nur noch zwischen zwei Zuständen hin und her pendelt, von denen einer unerträglicher ist als der andere: Der erste ist eine quälende Unruhe, ein fast verzweifelter Bewegungsdrang, der dafür sorgt, dass sie sich ziemlich unkoordiniert in Arbeit stürzt, um nicht mit ihr konfrontiert zu werden.

Der zweite ist die Erschöpfung. Wenn sie nach schlaflosen Nächten und tagelanger Arbeit nicht mehr ausweichen kann und ihr Gespenst Anstalten macht, sie bei lebendigem Leib zu fressen: die Leere.

Wenn die Leere Gewalt über sie bekommt, ist das, als  verschwinde sie unter einer unsichtbaren Glasglocke. Alles sieht aus wie sonst – auch sie selbst. Und doch ist alles anders. Dann ist sie allein auf einem lebens-leeren Planeten, bestehend aus einer löchrigen, metallischen Scheibe, schwebend im schwarzen Loch. Sie steht am Rand der Scheibe und weiß: Es trennt sie ein einziger kleiner Schritt vom Fallen. Vom Fallen in einen unendlichen, leeren Raum. Einen dunklen Raum. Einen eiskalten. Einen, in dem Sterben unmöglich ist, Leben auch.

Sie weiß, welche Medikamente sie nehmen muss, um ihren Adrenalinspiegel zu erhöhen. Dann spürt sie wie sie auftaucht: Aus der Gefühllosigkeit durch einen schreienden, namenlosen Ozean des Schmerzes steigt ihr Kampfgeist auf, sie wird beweglich, entfaltet Charme und Überzeugungskraft. Dann überzeugt sie sogar sich selbst, dass sie zufrieden und erfolgreich im Leben steht.

Seit sie die Täuschung erkannt hat, verzichtet sie darauf.

Sie weiß, welche Worte sie hören muss, damit die Illusion erwacht. Die Illusion, dass sie vollständig ist. Dass die zweite Hälfte, die sie  ihr Leben lang  vergeblich gesucht hat, nun bei ihr ist, auf immer verbunden, wie Yin mit Yang.

Seit sie erkannt hat, dass Worte Taten nur kurzfristig ersetzen können, verzichtet sie darauf.

Und nun steht sie ihr gegenüber, der unerbittlichen Feindin ihres Lebens: Der Leere. Dem unendlichen Fallen in ein namenloses, schwarzes Nichts.

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Ein Mönch fragte Chao-chou (japanisch Joshu): „Hat ein Hund die Buddha-Natur?“ Chao-chou antwortete: „MU“.

MU bedeutet: ‚hat nicht‘. Dieser Zen-Koan entstammt einer kommentierten Sammlung aus dem 12. Jahrhundert, zusammengestellt von Wu-men Hui-k’ai. Heute ist er der erste Koan in der Sammlung Mumonkan.

Wu-mens (Mumons) Kommentar dazu: „Die Praxis des Zen verlangt gebieterisch, dass wir die von den alten Meistern errichteten Schranken überwinden. Solange wir sie nicht überwinden und die Straße des Denkens nicht verlassen, gleichen wir Geistern, die sich an Büsche und Grashalme klammern. Was ist nun diese ‚torlose Schranke des Zen‘? Diese einzige Schranke des Glaubens ist verkörpert in der einzigen Silbe MU.

Zum wohl hundersten Mal in den letzten Wochen liest sie die Passage, in der Zen-Meister Robert Aitken  Mumon zitiert:  „Wir sollten unseren ganzen Körper in eine Masse des Zweifels verwandeln und uns mit jedem unserer ‚360 Knochen und 84 000 Haarfolikeln‘ auf dieses eine Wort MU konzentrieren“. Dabei ist die wörtliche Übersetzung bedeutungslos – wichtig an der Silbe MU ist einzig, dass sie mit keinem greifbaren Bild verknüpft werden, den Verstand also nicht an einen Irrweg anhaften lassen kann. Durch niemals nachlassendes Üben wird MU zu einer glühenden Eisenkugel in unserem Mund, unserem Hals, unseren Eingeweiden – wir essen MU, atmen MU, verdauen MU werden selbst zu MU.

„Plötzlich bricht MU auf. Der Himmel ist starr vor Erstaunen, die Erde bebt. Es ist, als würden wir General Kuan sein großes Schwert entreißen. Wenn wir einem Buddha begegnen, töten wir ihn. Wenn wir Bodhidharma begegnen, töten wir ihn. Auf dem unendlich schmalen Grat zwischen Geburt und Tod entdecken wir die vollkommene innere Freiheit, erfreuen wir uns eines Samadhi der Fröhlichkeit und des Spiels.“

Wu-mens Original-Vers dazu: ‚Hund! Buddha-Natur! Der vollkommene Ausdruck des Ganzen. Nur ein wenig ‚hat‘ oder ‚hat nicht‘ genügt, und der Körper ist verloren, das Leben ist verloren.“

Sie ist überzeugte Buddhistin. Und doch hat sie nun seit Jahren kein Sesshin mehr besucht. Gute Gründe hat sie ihrem inneren Richter dafür genannt: So etwa die ständigen rheumatischen Schmerzen, die sie bei einem akuten Schub gnadenlos ins Bett zwingen. Sie weiß, dass diese Argumentation reiner Unsinn ist: MU kann man nicht nur sitzen, man kann es liegen, stehen, fahren… Es war die Angst vor der strengen Übung im Schweigen – vor dem Ringen mit der torlosen Schranke – die sie zurück gehalten hat.

Mit lautem Gezeter stürzen zwei Meisenhähnchen durch die Fliederbüsche – sie kämpfen schon Territorien aus. Ihr fällt der Vers des Matthäus-Evangeliums ein: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch…“ Wie wahr, denkt sie und bewundert die halsbrecherischen Verfolgungsflüge der beiden. Sie sind im Hier und Jetzt – sie selbst dagegen …

Sie schafft es einfach nicht. Es ist zu abstrakt, das MU. Zu nah an der Angst vor dem Fallen ins Nichts.

IMG_1939Der Traum.

Sehr ungewöhnlich war dieser Traum. So sehr, dass sie ihn nie vergessen hat: Umgeben von strahlendem Licht in allen Regenbogenfarben kniet sie da in einem leeren Raum. Eine tiefe, eindringliche Stimme hält ihr einen Vortrag über den Sinn allen Lebens und den der körperlichen Existenz. Sie jedoch ist entschlossen, nicht zuzuhören, ruft laut dazwischen, stört mit Klappern, Klopfen, Singen, kann auf diese Weise fast nichts verstehen.

Bis die dröhnende Stimme um sie herum die Oberhand gewinnt. Laut, tief und unüberhörbar doziert sie: „Betrachte der Gestalten Wesen – und du sollst und wirst genesen“.

Schlagartig ist sie erwacht, getroffen von der Erkenntnis, dass ihr störrischer Geist sich für den möglicherweise lebenslangen Umweg entschieden hat, statt für spontane Erleuchtung. Nun bedauert sie zutiefst, nicht besser zugehört zu haben und schreibt das erhaltene Fragment sorgfältig auf ein Blatt Papier, das sie neben dem Bett aufhängt.

„Betrachte der Gestalten Wesen…“ Auf einmal hört sie die dröhnende Stimme wieder, als habe sie eben erst davon geträumt.

Also nicht weglaufen, sondern Platz nehmen auf der Meditationsbank. Platz nehmen und den Blick fokussieren. Noch macht ihr die abstrakte Leere zuviel Angst. Aber: Da gibt es doch dieses Buch, das seit Jahren im Regal ein angestaubtes Dasein fristet: „The Journey„, geschrieben von Brandon Bays. Sie hat es gelesen, das mag so zehn Jahre her sein, zu einer Zeit, als „The Journey“ massiv en vogue war und alle irgendwelche Kurse besuchten, um mit ihrer inneren Quelle wieder in Kontakt zu kommen. Sie fand den Hype fast komisch, zumal sie bei ihren damals regelmäßig praktizierten schamanischen Reisen ihr Krafttier gefunden hatte, das entschlossen schien, sie durch die Klippen des Alltags beschützend zu begleiten.

Aber jetzt scheint die dröhnende Stimme aus dem Traum wieder ganz nah an ihrem Ohr zu sein: „Betrachte der Gestalten Wesen – und du sollst und wirst genesen“…

Diesmal wird ihr klar, dass sie alles Handwerkszeug zuhause hat, um sofort zu beginnen. Sie nimmt das Buch zur Hand, um die Anweisungen für die ‚emotional journey‘ noch einmal zu lesen. „Wenn Sie bei der emotional journey durch die einzelnen Schichten gehen, ist es wichtig, sich aus der äußeren Geschichte – den analytischen Gedanken – herauszuhalten und Ihre ganze Aufmerksamkeit und vollständige Bewusstheit darauf zu richten, die reine, nackte Emotion in Ihrem  Körper zu fühlen. Geben Sie sich einfach völlig dem Gefühl hin, heißen Sie es willkommen, benennen Sie es und sinken sie dann weiter herab zum nächsten Gefühl“.

Um an die Gefühle heranzukommen, wenden Sie sich nicht mehr an Ihren Kopf, sondern prüfen einfach innerlich Ihren Körper und stellen fest, wo das Gefühl am stärksten ist. Wenn sie es genau erfasst haben, lassen sie sich weiter zur nächsten Schicht und zum nächsten Gefühl hinabsinken. Irgendwann nehmen Sie vielleicht wahr, dass keine Gefühle mehr auftauchen. Diesen Zustand werden Sie möglicherweise als Taubheit oder Verwirrung beschreiben, als Nichtwissen oder schwarzes Loch, als Leere, als Nichts, oder als das Gefühl, festzustecken. Diese Erfahrung ist ein Teil des Prozesses. Jeder geht durch die Schicht des Unbekannten, durch die unbekannte Zone. Sie ist das Tor zur Quelle“.

Es ist ganz natürlich, sich vor dem Unbekannten zu fürchten. Daher beruhigen Sie sich – oder lassen sich beruhigen – dass alles ganz normal ist, damit sie entspannen, sich hingeben und fallen lassen können. Dass Sie an der Quelle angekommen sind, merken Sie daran, dass Ihre ganze Präsenz auf einmal sehr weit wird, nicht nur innerhalb des Körpers, sondern auch darüber hinaus.Wenn es sich anfühlt, als seien Sie mit allem Anderen eins – erst dann handelt es sich um eine echte Erfahrung der Quelle. Dieses Gefühl wird sehr weit, immer weiter, verwandelt sich von einer einfachen Emotion in einen Zustand reinen, klaren Bewusstseins.“

Da ist es doch wieder, das MU.

Das Wesen jeder Gestalt.

Die Leere, die eigentlich eine gewaltige Fülle darstellt – die Fülle der vollkommenen Summe allen Seins. Die Fülle des großen gestalterischen Geistes. Den Anfang, das Ende und alles, was dazwischen liegt.  Die Quelle.

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In einer Ansprache, die dem Mumonkan später hinzugefügt wurde, erklärt  Mumon: (…) „Wer weder vorwärts noch rückwärts geht, ist ein atmender Leichnam. (…) Bemüht euch mit letzter Kraft, in eurem Leben vollkommene Erleuchtung zu erlangen! Und bleibt nicht ewig in eurem Unglück hocken!“

Ohne Weg zum Weitergehen, ohne etwas zum Festhalten, ohne Möglichkeit, Hilfe zu suchen – wie soll man die Quelle finden?

Mumon hat dazu den Vers: ‚Die torlose Schranke‘ verfasst:

„Der große Weg ist ohne Tor.
Tausend verschiedene Straßen gibt es.
Wer einmal diese Schranke durchschritt,
spaziert in Freiheit im Weltall umher“.

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Siehe auch: „Der Mann meines Lebens ist Narzisst – wer oder was bin jetzt bitte ICH? 

und: Schrei des Herzens aus dunkler Nacht

Update: These: Die fehlende zweite Hälfte ist ein eigener, dissoziierter Persönlichkeitsanteil

Update: Thema Depression

Update: Wenn der Schmerz nicht mehr aufhört

Update: Loslassen macht frei – Tipps wie man das macht

Forsythien

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst – wer oder was bin jetzt bitte ICH?

Vier Wochen ist es nun her. Vier lange Wochen. Bis jetzt hat sie es geschafft. Sie hat nicht versucht, ihn anzurufen, nicht versucht, ihn irgendwo abzupassen, ihm keine Mail geschrieben und auch keine SMS. Sie hat auch nicht versucht herauszufinden, was er tut, was er denkt, womit er sich beschäftigt, wen er vielleicht trifft.  Sie war stark. Und sie wird stark bleiben. Auch wenn der sengende Schmerz ihr Herz im Zeitlupentempo in Scherben friert.

Sie hat keine Tränen mehr – es ist, als seien ihre Augen leer geweint. Brennend liegen sie in den Höhlen, giftig stechende Bälle mit Greifarmen bis ins Gehirn, wo sie  langsam und genüsslich jede Windung einzeln lähmen.

Oder nein. Eine Lähmung ist es nicht. Es ist ein glühendes Vereisen – eine eisige Erkenntnis: Diesen Kampf konnte sie nicht gewinnen. So wenig wie ein Ball eine Gummiwand überwinden kann – so wenig wie eine zärtliche Berührung Panzerglas durchdringen kann – so wenig hat sie in all den Jahren sein Herz erreicht.

Je lauter sie nach ihm gerufen hat, desto mehr hat er sich versteckt im Nebel tausender Ausreden, die ganz glatt und leicht von seinen Lippen glitten. In immer seltenerer persönlicher Anwesenheit. Schließlich sogar in den letzten Worten, die er – wie immer, wenn sie Gefahr liefen zu streiten – lieber schriftlich verfasste, um anschließend gar nicht mehr erreichbar zu sein.

Ich bin zum Sterben traurig – enttäuscht von dir und all den leeren Worten“ hatte sie gesagt und dabei gedacht: ‚Wenn er mich doch einfach in die Arme nähme – ein einziges Mal ganz ohne Vorbehalt – ich wäre Wachs in seinen Händen…

Wir leben beide in völlig unterschiedlichen Welten, die schlicht und einfach nicht alltagstauglich miteinander vereinbar sind„, hatte er, wie schon so oft zuvor unterkühlt geantwortet und sich auf unbestimmte Zeit verabschiedet.  Wie immer hatte er sie aber auch diesmal nicht freigegeben – nur die Distanz zwischen ihnen größtmöglich erweitert: „Lass uns nach einer Zeit des Nachdenkens korrespondieren und sehen, was daraus wird.“ Dann war er weg – wie jedes Mal ohne ein Wort zu den konkreten Fragen, die sie ihm gestellt, zu der konkreten Bitte, die sie an ihn gerichtet hatte.

Sie versucht nicht, den Schmerz zu betäuben. Sie weiß, dass sie dann keine Chance mehr hat. Nur ein kleines Glas Wein und sie würde weinend zu betteln beginnen, einmal mehr all seine Bedingungen akzeptieren und dann am ausgestreckten Arm verhungern. Verhungern an ihrer eigenen Sehnsucht, lieben zu dürfen und geliebt zu werden. Einen Mann lieben zu dürfen, der nicht lieben kann.

So, jetzt ist es heraus.

Zum 100. Mal liest sie ihren letzten Brief an ihn: „Ich bin nicht mehr bereit, immer weiter ohne Aussicht auf Änderung zu warten. Wie du zwar weißt, aber nicht realisiert hast, will ich alles oder gar nichts.

Liebe duldet keine Lügen. Liebe ist absolutes Vertrauen.Liebe kann man nicht töten.

Es gibt eine Chance, wie wir zueinander finden können: Du wirst mir gegenüber treten als der Mensch, der du wirklich bist. Ohne jede Maske. Was immer du vor mir versteckt hast, wirst du mir sagen. Nichts ist so schlimm, dass ich es nicht aushalten könnte. Keine Lügen mehr, kein Weglaufen. Ein anderer Weg steht nicht mehr offen.“

Ihre Chance ist etwa so groß wie die, im Lotto zu gewinnen, das weiß sie. Sein herrisches Wesen duldet keinen Widerspruch. Er erwartet bedingungslose Gefolgschaft. Sein Dank dafür ist nicht seine Liebe – aus seiner Sicht aber etwas ganz Großes. Die Person, der er gestattet, vor ihm zu knien, darf nur vom gleichen Holz sein, wie er selbst: elitär. Diese beiden Voraussetzungen – die komplette Unterwerfung, sowie die gleiche, elitäre Sicht der Welt – erlauben es ihm, das maximal Mögliche von sich selbst preis zu geben: seine Gedanken. Seine Gedanken etwa über die Frage, wie er es anstellen kann, aus dieser Welt eine bessere zu machen.

Wie sie die vertrauten Gespräche mit ihm vermisst!

… Waren sie überhaupt jemals vertraut?

Sie greift zu dem Papier, das ihr klar gemacht hat, worin sie nun so viele Jahre verstrickt war – nein, verstrickt IST – denn frei von ihm ist sie so wenig wie eine Süchtige vom „Stoff“. ‚Ich warne dich: Noch bist du frei. Aber du wirst süchtig werden nach mir. So süchtig, dass du nie mehr loslassen kannst…‘ Wie viele Jahre ist das nun her, dass er das sagte? Sie hatten sich gerade eine Woche gekannt. Eine Woche, in der sie mit Begeisterung die Nächte durch debattiert hatten.

Sie hatte befremdet reagiert – wie oft auf seine Übertreibungen. Aber sie hatte die Übertreibung, wie später auch oft, auf das Adrenalin in seinen Adern zurückgeführt. Er lebte in einer Welt ohne Pastelltöne, sah sich selbst als Kämpfer. Als erfolgreicher Kämpfer. Als einer, der nach jeder Niederlage wieder aufstand, um noch besser zu werden. Noch immer bewundert sie ihn für seine eiserne Disziplin und seine Konsequenz im Handeln. Obwohl jedes Mal eine eisige Hand ihr Herz zusammenpresste, wenn er einmal mehr drohend erklärte: „Ich habe keine Feinde. Du bist entweder für mich oder gegen mich. Das kannst du ganz frei entscheiden. Aber nur einmal. Wer gegen mich ist, ist für mich gestorben.“

Sie war und ist für ihn. Und zwar genau so, wie er ist.

Aber heute weiß sie: Der Mann ihres Lebens leidet unter einer schweren Persönlichkeitsstörung. Er ist ein ausgeprägter Narzisst.

Narzissmus in der Partnerschaft

„Der männliche Narzisst sucht permanent die Konkurrenz und den Vergleich, ist ansatzweise glücklich in Ausnahmesituationen, wo man(n) glänzen kann, ist in der Tat häufig auf mehreren Ebenen überbegabt bis manchmal fast manisch angetrieben und genial, steckt aber unglaublich enge Verhaltensgrenzen, über die auch die liebevollste Partnerin nur selten und wenn, dann mit vielen Tricks, gehen kann.

Andererseits kann dieser Mann oft sehr erfolgreich an seiner Karriere bauen, ist häufig visionär und verführerisch und mitreißend, kann durchaus sehr charmant und überzeugend wirken, wenn ihm eine Sache oder ein Mensch für eine bestimmte Phase und Zeit wichtig ist.
Ebenso kann er aber auch diesen umworbenen Menschen oder das Projekt „wie eine heiße Kartoffel“ aus dem Nichts heraus fallen lassen. Diese gestörte, da überproportionale Selbstliebe und das damit verbundene verzerrte unrealistische Selbstbild, kann bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung egozentrische bis asoziale Ausmaße annehmen und bis zur völligen Gefühlsabwehr gehen.

(…) Ein progressiv narzisstischer Mann betont immer erst seine eigenen Qualitäten, die anderer interessieren ihn in Wahrheit wenig, höchstens als der niedrigere Vergleichsmaßstab.  Ein Narzisst befindet sich daher in einer Endlosschleife ständiger Überkompensation seiner tiefliegenden Minderwertigkeitskomplexe, geht ständig in Konkurrenz und Vergleich, will dabei immer der Beste und Überlegenste sein.

(…)Interessanterweise ziehen progressive Narzissten den regressiven narzisstischen Menschen magisch an. Dieser ist immer in der Rolle des Bewunderers, fühlt sich kleiner, unwichtiger, unbedeutender oder gar weniger klug als sein progressiv narzisstisches, immer sicher wirkendes Gegenüber, steht in dessen Schlagschatten und wertet das eigene Image über diesen „Superstar“ auf. Der regressive Narzisst kann sich manchmal lebenslang unterordnen, was jedoch immer auch eine große Abhängigkeit produziert.

So ein narzisstisches Grundmuster beider Partner kann beispielsweise sein, dass beide sich, also der eine über den anderen in gewisser Weise aufwerten müssen, um sich selbst zu verwirklichen. Anfänglich sprühen oft die „Funken“ in einer solchen narzisstischen Beziehung, alles scheint zu passen, später gleichen die Streitszenen eher einem ganzen Feuerwerk. In der ersten Beziehungsphase gibt es grundsätzlich die (regressive) „Bewunderin“ und den omnipotent Bewunderten (progressiv), der dies narzisstisch absolut benötigt wie umgekehrt.
Zum Konflikt bzw. der Kollusion kommt es genau dann, wenn sich plötzlich die unbewussten Muster und Erwartungen nicht mehr automatisch einlösen und es nun eher störend wird, dass der eine Partner eher zu selbstherrlich auftritt und der andere „ seinen Ohrfeigen“ trotzdem weiter nachläuft und um Liebe bettelt, oder zur Schonung oder Fürsorge auffordert, oder sich nur noch depressiv unterwürfig bis nörglerisch – anklagend äußert. (…)

(….)Die narzisstische neurotische Lebensdramaturgie orientiert sich ausschließlich am eigenen überproportionalen Autonomie- und Überlegenheitsstreben. Echte Nähe passt da nicht hinein. Tiefe Gefühle und Nähe und echte Intimität sind irritierend und zu vermeiden. Genau dies kann eine Partnerin in eine extreme Gefühlsabhängigkeit treiben, da sie ständig etwas bei ihm sucht, was er nicht zu geben vermag. Ein narzisstischer Mann erwartet die Kompromisse immer von der anderen Seite und selten von sich selbst.

(…)Neurotisch narzisstische und damit bindungsgestörte, beziehungsschwache Menschen benötigen für sich immer alle Zeit der Welt zum möglichen JA zu einer Beziehung, machen dem Anderen dabei einerseits Hoffnung und entziehen sich gleichzeitig beim kleinsten Wink einer Festlegung, also wenn der Andere es etwas verbindlicher haben möchte. Hier entsteht immer eine narzisstische Gefühlsachterbahn.“ (Quelle: stark gekürzter Blog der Psychotherapeutin Monika Koch in der Aachener Zeitung).

Hm.

Bin ich ein armes, um Zuneigung bettelndes Häschen?

IMG_0093Sie geht zum Spiegel und betrachtet sich lange. Sie ist sportlich, wenn auch nicht mehr so schlank wie früher – ihre weiblichen Formen bringt das deutlicher zur Geltung. Ihre dunklen langen Haare zeigen noch kein Grau, in den seelenvollen, dunklen Augen liegt oft ein Lächeln – sie können jedoch auch angriffslustig funkeln. Sie hat eine Führungsposition in einem kreativen Beruf. Dort gehört Klappern zum Handwerk – unter den Mitarbeitern, wie auch den Kunden sind wirkungsvolles Eigenmarketing ebenso wie eine Portion Übertreibung Alltag. Sie empfindet es oft als anstrengend, von solchen Menschen umgeben zu sein: Zeigt sie nicht genügend Autorität, wird man sie gnadenlos absägen – ist sie nicht kreativ genug, wird man sie umgehend links überholen. Manchmal ertappt sie sich dabei, sich müde zu fühlen. Dann wünscht sie sich starke Arme, in die sie sich flüchten könnte – einen Partner, der ihr erlaubt, auch einmal schwach zu sein.

Aber macht sie das zur regressiven Narzisstin?

Wenn das Herz doch nicht so weh täte. Seit einigen Jahren bemerkt sie an sich, besonders abends, beunruhigende Herzrhythmusstörungen, die laut Arzt keine organische Ursache haben. Seitdem übt sie sich in meditativen Techniken und hat so auch zum Malen gefunden. Das städtische Symposium der Landschaftsmaler vom letzten Sommer kommt ihr in den Sinn. Zwei Tage lang hat sie da Seite an Seite mit einem Maler aus Süddeutschland gesessen und sich angeregt mit ihm unterhalten. So lange, bis er sich outete, in einem BDSM-Forum als „Dom“ aktiv zu sein. „Du bist reif„, hatte er ihr unvermittelt eröffnet. „Du bist eine Sub – schau dich ehrlich an und erkenne es.

Das Thema Dominanz und Submission hat sie danach noch Monate beschäftigt. Dann war es für sie geklärt: Nein. So wie sie selbst Demütigung und Kränkungen ihres Partners ablehnt, braucht sie auch keine solche Behandlung, um sich sexuell angeregt oder glücklich zu fühlen. Etwas länger dauerte die Auseinandersetzung mit der Frage: „Willst du führen oder geführt werden?“

Sie weiß, dass sie sich selbst führen kann – sie hat es seit vielen Jahren bewiesen. Aber war sie in dieser Zeit glücklich? Warum hatte dann der Mann ihres Lebens solch ein leichtes Spiel mit ihr?

86cvdsug1[2]Tränen steigen in ihr auf, als sie an den Vater denkt. Als kleines Mädchen war er der Größte für sie gewesen, der klügste Mann der Welt, der sein Wissen gern mit ihr teilte. Ein Mann mit machtvollen grünen Augen, der mit ihr spielte, mit ihr sprach wie mit einer Erwachsenen, der ihr sagte, sie werde später einmal „zur Elite“ gehören, der seine Gedanken und seine Sehnsüchte mit ihr teilte … So lange, bis sie in die Pubertät kam. Da begann ihr Bild vom tollen Vater zu bröckeln. Sie war klug, vielseitig begabt, lernte schnell und dachte vernetzt. So stellte sie den Vater sehr früh in Frage.

Das wiederum hatte aus dem begeistert liebenden einen immer wieder prügelnden Vater gemacht, der sich mit aller Kraft anstrengte, ihre innere Freiheit zu brechen. Sie war gegangen, sofort nach dem Abitur. Und hatte nie aufgehört, nach der Liebe ihrer Kindheit zu hungern…

Aber halt: War das wirklich so einfach gewesen? Längst vergessen geglaubte Bilder steigen in ihr auf: Das kleine Mädchen, das zum Vater rennt, um ihn zu umarmen und ihm zu sagen, dass es ihn lieb hat. Der Vater, der sich grade mit anderen Eltern unterhält, dem Mädchen rüde mit dem Handrücken ins Gesicht schlägt und kalt sagt: „Wenn Erwachsene reden, haben Kinder zu schweigen„… Die eisige Hand um das Herz des Mädchens – die Angst, seine Liebe zu verlieren, war immer präsent.

Und dann die Jahre danach, als sie versuchte, sich vom übermächtigen Vater zu lösen. Typische Szene, vorzugsweise am Mittagstisch: Er: „Du wirst das jetzt tun.“ Sie: „Warum?“ Er: „Weil ich es sage.“ Sie: „Das reicht mir als Begründung aber nicht.“ Wie dann beide aufspringen. Sie flüchtet in den Flur, lässt sich zu Boden fallen, schützt ihr Gesicht. Er schlägt blindlings zu, wo immer er hin trifft. Sie gibt keinen Laut von sich. Merkwürdigerweise fühlt sie auch keinen Schmerz. Irgendwann lässt er von ihr ab, geht ins Schlafzimmer, um Mittagsschlaf zu halten.

Schließlich der Tag, als er sie zum letzten Mal prügelt. Da ist sie 17. Sie liegt wie immer am Boden und schützt ihr Gesicht, fühlt die Fäuste auf sich niederdreschen, als plötzlich eine heiße Welle der Wut in ihr aufsteigt. Nein, es ist mehr als Wut. Mordlust ist es, die ihr aus den Augen schießt, als sie sich unter den Schlägen aufrichtet und seine grellen grünen Augen fixiert: „Na, hast du dich bald ausreichend an mir befriedigt?“

Sein Arm friert mitten im Schlag ein. Die Mutter, die wie so oft das Geschehen reglos sitzend mit verfolgt, bricht in Tränen aus und ruft: „Du Hexe – du bist eine Hexe!“ Die Hexe, die aufsteht, den Vater noch einmal mit einem vernichtenden Blick von oben bis unten misst und dann ruhig ins Mädchenzimmer geht, um Hausaufgaben zu machen. Ein Metzgermesser. Sie hat die ganze Zeit an ein langes, schweres Metzgermesser gedacht, das sie in seine Brust stoßen würde.

Im selben Jahr der vorerst letzte Akt des Vater-Tochter-Dramas. Sie kommt zum ersten Mal eine ganze Nacht lang nicht nach Hause, taucht am Sonntag zur Frühstückszeit im Garten auf. Auf der Wiese der Vater, auf und ab patrouillierend wie ein wütender Grizzly. Auf der Terrasse die Mutter, schweigend, mit vorwurfsvollem Gesicht. „WO warst du?“ Sie antwortet nicht, lächelt nur – auch, als der Vater einen Tobsuchtsanfall bekommt: „Ich will, dass du gehst“ Verschwinde von hier! Du bist nicht mehr meine Tochter!“

Viele Jahre später, in einer langen Nacht an den Weihnachtsfeiertagen, als sie allein mit dem Vater ein Glas Wein trinkt, wird sie es wagen, ihn zu fragen: „Warum hast du mich immer so furchtbar verprügelt?“ Da wird er in Tränen ausbrechen und mit der Stimme eines kleinen Jungen sagen: „Du warst es doch, die mich nie geliebt hat. DU hast mich so sehr gehasst„…

Wie entsteht eine narzisstische Persönlichkeit?

Der Narzisst ist ein Mensch, der zwar funktioniert, aber nicht wirklich „lebt”.
Was führt zu einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung? Ist das Milieu der Kindheit nicht „ausreichend gut”, schafft es also nicht, dem Kind das zu geben, was es braucht, dann ist ein solcher Mensch zu vergleichen mit einem Baum ohne Wurzeln. Er vertrocknet. Ein solcher Mensch muss nun viel zu früh selber für das sorgen, was ihm vorenthalten blieb, will er überleben. Er treibt – vertrocknet wie er ist – Blätter aus eigener Kraft. Er entwickelt ein grandioses Selbst.
Wer sich selbst als hochgenial, begabt und vollkommen erlebt, ist gegen Kränkungen scheinbar geschützt. Dieser Schutz kann aber auch von einem allmächtig gesprochenen Objekt ausgehen, das nicht unbedingt ein lebender Mensch sein muss, sondern genauso
gut auch eine Ideologie o.ä.“ schreibt Brigitte Fragner in einer Broschüre, herausgegeben vom HPE Österreich.

(…) „Auf Kränkung, Verletzung und Beschämung reagiert der narzisstisch gestörte Mensch mit destruktiver Wut. Narzisstische Menschen erscheinen auf den ersten Blick als unabhängig und über allem stehend, sie sind aber – ganz im Gegenteil – überaus abhängig von anderen Menschen: von deren Bewunderung und Beurteilung. Gekränkt werden aber kann man nur von jemandem, den man idealisiert oder mit Allmachtsaspekten ausgestattet hat. Geschieht Kränkung, dann muss der bis dahin idealisierte Mensch schnellstens abgewertet werden. Abwertung in diesem Kontext heißt aber nicht einfach Entidealisierung, sondern gleich Vernichtung. Narzisstische Wut ist immer Vernichtungswut und daher gefährlich.

Infolge einer frühkindlichen Störung kann es zur Ausbildung eines NOT-ICH kommen. Es ist dies ein infantiles und grandioses Ich, das mit Spannungen, Gegensätzen und Frustrationen nicht fertig wird. Also wird alles Unangenehme und Bedrohliche (oder bedrohlich Scheinende) radikal abgespalten, „weil nicht sein kann, was nicht sein darf”. Ich bin großartig, ich bin wichtig, ich bin gut. Alle anderen sind nichtig, dumm und böse.
Ein Mensch, der mit einem Not-Ich leben muss, wird unbeweglich und starr, er lebt gleichsam in seiner eigenen Festung. Er ist nicht mehr flexibel, kann sich an neue Situationen nicht anpassen, denn seine gesamte Energie geht in die Verteidigung. Er verliert die Neugier auf die Welt. Denn das einzige, worauf es ankommt ist, sich vor der bedrohlichen Welt zu schützen.

Das reife Ich hingegen ist ein integrales Ich, das heißt, es schließt Positives und Negatives, Gutes und Schlechtes in sich ein. Es hebt die Spaltungen auf und arrangiert sich mit der Tatsache, dass sowohl jedes Individuum für sich, als auch die Mitmenschen und die Welt sowohl gut wie auch böse sind. Ein Mensch mit einem reifen Ich kann von sich sagen: „Ich bin in manchen Dingen gut, in manchen aber schlecht. Die anderen ebenso. Ich bin manchmal ein guter Mensch, manchmal aber auch ein Versager. Die Welt ist manchmal wunderschön, dann aber wieder schlecht und angstmachend.
Mit dem allen kann ich leben, ja muss ich leben. Aber ich arbeite weiter an meiner eigenen Entwicklung und an der Entwicklung der Welt.”

Mit dieser Realität muss der persönlichkeitsgestörte Mensch immer wieder auf konsequente, aber behutsame Art konfrontiert werden, damit das mangelnde Urvertrauen und der Selbstwert nachreifen können.“

Narzissmus und Borderline ähneln sich in ihrem Erscheinungsbild oft sehr. Die zitierte Broschüre arbeitet die Unterschiede aus:

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Ist ein Narzisst auch ein Psychopath?

Sie kann Verallgemeinerungen nicht leiden. Zu groß ist die Gefahr, ungerecht zu werden, Andere zu verurteilen für etwas, das sie nicht sind. Zufall oder nicht – sie ist in den letzten Monaten immer wieder auf Blogs, Artikel in Zeitschriften und Videos gestoßen, in denen es um Psychopathen ging.  Alle haben sie nachdenklich gemacht. Gewiss sind die Grenzen fließend – aber wer ist nun der Mann, den sie als Mann ihres Lebens betrachtet?

Sie forscht nach.

„Das Bild, das sich die Öffentlichkeit anhand von Hollywood-Figuren wie Hannibal Lecter von Psychopathen macht, ist bestenfalls unvollständig: Brutale Mörder, Kinderschänder, echte Irre. Doch Psychopathen sind nicht verrückt. Ihr Verstand, sagt Robert Hare, ist völlig in Ordnung. Sie sind mitunter sehr intelligent, sie wissen, was richtig und was falsch ist. Sie können sich auch rein rational in ihr Gegenüber hineinversetzen und dessen Perspektive übernehmen.

Was ihnen fehlt, ist also nicht die sogenannte „Theory of Mind“. Was ihnen fehlt, ist Empathie. Weil sie selbst Gefühle wie Liebe oder Angst vermindert wahrzunehmen scheinen, ist ihre Fähigkeit, Mitgefühl, Schuldbewusstsein oder Reue zu empfinden, eingeschränkt, erklärt Hare. Sie wirken zunächst charmant, sind tatsächlich jedoch seltsam kalt. Laut Robert Hare sind sie „perfekt angepasste Raubtiere“. Geradezu instinktiv finden sie die Schwächen ihrer Mitmenschen und nutzen sie aus.“ (Quelle: dasgehirn.info)

„Es gibt erfolgreiche Psychopathen (die Kerngruppe antisozialer Persönlichkeiten), die z.B. als Investmentbanker oder Pokerspieler große Risiken eingehen und manchmal sogar für ihre Leistungen gefeiert werden. Sie sind wagemutige Draufgänger, die das Risiko suchen. Ob jemand seine antisoziale Persönlichkeit im Rahmen der Gesetze auslebt, ist eine Frage der Sozialisation. Mancher lernt, die Regeln einzuhalten, weil die Nachteile sonst zu groß werden.“ (Quelle: www.gehirn-und-geist.de)

Da ist sie wieder, die kalte Hand um ihr Herz. Ein Gespräch, erst vor wenigen Monaten mit ihm geführt, klingt in ihren Ohren nach:

Ich habe immer Angst, dass du eines Tages wortlos aus meinem Leben verschwinden wirst.

So ein Unsinn.“

„Nicht wahr, du wirst niemals einfach so gehen, ohne ein Wort, egal was passiert…“

„Nein, versprochen. Und das gilt.“

„Danke, das ist so wichtig für mich.“

„Gut.  Ich muss ja die Q. noch weiter ausbeuten – so bin ich eben.“

„??“

„Q – Quelle, Wissens-Quelle„…

Wie sehr sie doch gebettelt hat. Gebettelt um eine Nähe, die scheinbar da war und dann doch wieder nicht. Und wie sie immer wieder abgeprallt ist, an der Gummiwand seiner Eloquenz:

„Wir beide wollen besprechen, wenn es Probleme gibt, ja?“

„Wie soll ich das verstehen?“

„Ich will niemals wieder eine wortlose Beziehung haben, wenn es eng wird. Ich möchte, dass wir aneinander wachsen und miteinander wachsen.“

„Eng?“

„Wenn die Ur-Ängste berührt werden.“

„Ich denke, wir können immer über alles reden – ganz sicher sogar. Keine Sorge also.“

Wie seltsam platt das auf einmal klingt – jetzt, wo sie wieder, und diesmal wohl endgültig, wortlos auseinander gegangen sind. War dieser Mann, der so tief in ihr verankert ist, dass sie meint, erst vollständig zu sein, wenn er bei ihr ist – war dieser Mann nur die Antwort auf einen kindischen Traum? Der Spiegel ihrer eigenen Leere, die von ihr selbst vorgegebene Formulierung zur Erlösung ihrer Sehnsucht? Spielte er einfach nur die Rolle, die sie selbst ihm auf den Leib geschrieben hat?

Nein, oh nein …

Ruhelos wandert sie hin und her. Ihr ist schwindlig. Der Schmerz hat wieder die ganze linke Körperhälfte erfasst, das Atmen fällt ihr schwer. Wie so oft, wünscht sie sich, das Elend möge endlich ein Ende haben. Sie will so gern nach Hause. Nach Hause. Dahin, wo kein Körper sie mehr quält. Dahin, wo sie ganz sie selbst sein darf. Dahin, wo sie wieder vollständig sein wird, so wie sie es schon einmal war, bevor ihre Seele beschlossen hatte, dieses Leben voller Prüfungen zu beginnen.

Sie öffnet das Fenster. Der Winter endet früh in diesem Jahr. Die Wiese ist voller Winterlinge, die Haselnüsse blühen, die Vögel singen, und gestern hat sie im Radio gehört, dass eine Straße wegen der Krötenwanderung voll gesperrt wurde. Krötenwanderung im Februar. Sie schüttelt den Kopf. Muss unwillkürlich lächeln, als ihr Lieblingsvogel direkt vor ihr auf dem Flieder landet und sich in die Brust wirft: Der Distelfink schmettert aus voller Kehle. Wie wunderschön es aussieht, wenn so ein kleiner Mann die ganze Pracht seines Gefieders und seines Gesangs verschenkt!

Was wäre die Welt ohne das männliche Element … Immer wieder erfreut sie sich auch an den männlichen Menschen. Wie berührend, wenn ein Mann einen Kampf ausgefochten hat – ganz allein und unter Einsatz aller Kraft, wie ein Bergsteiger auf einem Achttausender – wenn er sich dann spreizt voller Stolz, und strahlt wie die Sonne – wenn er sich dreht und zeigt: ‚Seht her, ich bin kraftvoll und erfolgreich…‘ Dann muss sie lächeln, an die Frauen des römischen Reiches denken und möchte ihm den Siegerkranz auf’s Haupt legen…

Bin ich lächerlich in meiner Frauenrolle? Oder besser: In dem, was ich für meine Frauenrolle halte?

Gute Frage – und nicht wirklich zu beantworten. Wie ist denn die „richtige“ Frauenrolle in einer Welt, in der frau ihren Mann stehen muss? Wieder hört sie einen oft wiederholten Satz ihres Herzmanns in den Ohren klingen: „Ich trage niemanden. Ich sage dir, wie es funktioniert. Aber gehen musst du allein.

Allein. Ja. Allein.

Ihr ist kalt.

Haben wir noch eine Chance?

Nicht, wenn er ein Psychopath ist. Dann kann er nicht fühlen und wird es auch niemals können. Was ist er denn nun?

„Das Verhalten von Narzissten kann dem Verhalten von Psychopathen stark ähneln, mit Blick auf die grobe Missachtung und den groben Missbrauch von anderen Menschen. Doch wenn man die Beweggründe für ihr Verhalten erforscht, werden Unterschiede sichtbar. Der Narzisst verlangt nach Anerkennung und Bestätigung. Er fordert von anderen, dass sie seine besonderen Qualitäten bemerken und würdigen; seine besonderen Qualitäten machen seine Bedürfnisse besonders.

Dies gibt ihm das Gefühl, dass er Anspruch darauf hat, dass diese befriedigt werden. All dies fordert er, als ob sein innerstes Selbst auf dem Spiel stünde, und genau das tut es auch. Enttäuschung/ausbleibende Befriedigung geben ihm das Gefühl, nicht beachtet und vernachlässigt zu werden. Wut und Zorn dringen dann an die Oberfläche und zeigen sich in aggressiven und passiv-aggressiven Verhaltensweisen – oft im proportionalen Verhältnis zum Schmerz und zur Verletzung, die er empfindet.

Der Psychopath ist weniger gequält vom Verlangen nach Bestätigung als der Narzisst. In der Tat scheint seiner inneren Welt alles zu fehlen, was Wertschätzung erfahren könnte: Sie ist karg und beherbergt nichts, was empfänglich wäre für Bestätigung. Die seelische Welt des Psychopathen ist wie mit einem Geheimcode verschlüsselt. Das Ausnutzen von anderen Menschen ist beim Psychopathen räuberischer als beim Narzissten. Für den Psychopathen, der paranoid sein kann, ist die Welt so etwas wie ein riesiges Jagdrevier, das mit „Personen-Objekten“ bevölkert ist, welche er zu seinem Vorteil ausnutzen kann.

(…) Aber wenn wir etwas tiefer gehen, so entdecken wir, dass der Narzisst in Wirklichkeit schrecklich unsicher und bedürftig ist. Der Narzisst rationalisiert sein Verhalten mit seinen besten Verteidigungsmechanismen – Beschuldigungen und Verachtung. Der Narzisst ist ein Experte im nahtlosen Fertigen von solchen Rationalisierungen. Der Psychopat hingegen hat keine Moral, und deshalb braucht er auch nichts zu rationalisieren. Das Leben ist für ihn ein Spiel. Das Spiel besteht darin, herauszufinden, wie er das bekommt, was er will, und zwar sofort (mit welchen Tricks auch immer). Und es ist ein Spiel ohne Regeln. Wo es keine Regeln gibt, da gibt es auch keine Regelverstösse und keine Ausnutzung. Der Psychopath macht sich nach und nach die Regeln selbst, betrügt diesen und jenen Menschen, lügt wie ein schamloses Kind, während er improvisiert und seine Pläne ausführt, manchmal ohne Schwierigkeiten, manchmal mit – aber immer ohne Rücksicht auf und total gleichgültig gegenüber dem Schaden, den er anrichtet.“ (Quelle, stark gekürzt: erkennepsychopathie.wordpress.com)

Und was ist mir mir selbst?

Bin ich überhaupt beziehungsfähig?

Immer wieder fragt sie sich das. Und hat sich deshalb entschlossen, auch selbst die ersten sieben Schritte zu gehen, die sie im Forum narzissmus.net gefunden hat.  Ihr Arzt hat ihr Hoffnung gemacht. „Sie leiden an einer tiefen Verunsicherung bezüglich ihrer eigenen Identität,“ hat er gesagt und sie freundlich angelächelt. „Aber wissen Sie: Was man sich nicht erlaufen kann, kann man sich immer noch erhumpeln. Sie sind ein sensibler, empathischer Mensch und beziehungsfähig. Sie können es schaffen. Und so lange werde ich eine sichere Konstante an Ihrer Seite sein. Ein großer Bruder, sozusagen.“

Das hat ihr Mut gemacht. Für sich und auch den Mann ihres Lebens.

Wenn es Liebe ist, werden sie sich finden. Wenn er fühlen kann, wird er fühlen. Wenn er der mutige, konsequente Mensch ist, den sie hinter all seiner Angst vor Nähe zu sehen glaubt, wird er den Mut haben, sich Hilfe zu suchen. Dann haben sie eine Chance, miteinander zu wachsen.

Und wenn nicht, hat er sie viel gelehrt.

Wann ist ein Mensch narzisstisch veranlagt?

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung wird im ICD 10 nur unter der Rubrik „Andere spezifische Persönlichkeitsstörungen

(F 60.8)“ aufgeführt. Im Anhang I der ICD-10-Ausgabe „Forschungskriterien“ wird sie allerdings weiter charakterisiert.

Mindestens fünf der folgenden Merkmale müssen vorhanden sein:

  • Größengefühl in Bezug auf die eigene Bedeutung (z.B.: die Betroffenen übertreiben ihre Leistungen und Talente, erwarten ohne entsprechende Leistungen als bedeutend angesehen zu werden)
  • Beschäftigung mit Phantasien über unbegrenzten Erfolg, über Macht, Scharfsinn, Schönheit oder die ideale Liebe
  • Innere Überzeugung, „besonders“ und einmalig zu sein und nur von anderen besonderen Menschen oder solchen mit einem hohen Status (oder von entsprechenden Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen zusammen sein zu können
  • Bedürfnis nach übermäßiger Bewunderung
  • Anspruchshaltung; unbegründete Erwartung besonders günstiger Behandlung oder automatische Erfüllung der Erwartungen
  • Ausnutzung von zwischenmenschlichen Beziehungen, Vorteilsnahme gegenüber anderen, um eigene Ziele zu erreichen
  • Mangel an Empathie; Ablehnung, Gefühle und Bedürfnisse anderer anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
  • häufiger Neid auf andere oder Überzeugung, andere seien neidisch auf die Betroffenen
  • arrogante, hochmütige Verhaltensweisen und Attitüden.

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Anmerkung: Dieser Blog beruht auf der wahren Geschichte eines Paares in meinem erweiterten Umfeld, mit der ich kürzlich einige Tage lang sehr intensiv in Kontakt kam. Das Leid auf beiden Seiten hat mich so berührt, dass es mich bis heute nicht los lässt.

Siehe auch: Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Von allem getrennt, sogar von sich selbst: Depression ist ein Albtraum, der nie endet

Dualseele, Zwillingsflamme, Liebe: Die große Sehnsucht, nach Hause zu kommen

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Der Narzisst und die Frauenwelt

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Wenn ein Herz bricht

Auf den ersten Blick kein Zusammenhang, auf den zweiten umso mehr:

Wie manipuliert man Menschen?“ Das Handbuch der NSA und:

Manipulation: Einfach, wenn man weiß wie’s geht – und sehr wirkungsvoll…

My life in fur: BDSM-Blog einer Frau über ihre Beziehung mit einem dominanten Narzissten

.

Hilfreiche Links:

http://www.narzissmus.net/

www.narzismus.org

Hilfe für Opfer von Narzissten

emlifeforum

http://www.narzissmus-info.com/

http://www.narzissmus.org/eigenschaften-narzisstischer-mutter.php

http://www.parfen-laszig.de/psychoanalytische-ressourcen/

http://www.hpe.at/upload/documentbox/Broschuere-Borderline.pdf

http://www.mensch-und-psyche.de/formen-der-liebe/narzissmus/narzissmus-in-der-partnerschaft/

http://antipsychopathen.blog.de/2012/12/20/widerpruechliche-welt-narzissmus-sozialverhalten-liebe-15339293/

Video mit ausführlichen, klaren Definitionen und Verteidigungsstrategien

Buch: Kaltes Herz: Narzistisscher Missbrauch und wie man wieder auf die Beine kommt 

Update: Studie: Jede dritte Frau in Europa ist Opfer von Gewalt 

Update: These: Die fehlende zweite Hälfte ist ein eigener, dissoziierter Persönlichkeitsanteil

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Update: Video: Beziehung mit einem Narzissten