Schlagwort: EInsamkeit

Einsamkeit

Die Sonne scheint

  • sie wärmt mich nicht

*

Das Meer rauscht vor mir

  • bin an’s Land gefesselt

*

Man spricht zu mir

  • höre mich antworten

*

Prächtige Blumen im Feld

  • werden doch alle verblühen

*

Liebe zwischen Menschen

  • nicht für mich, nicht für mich

*

Weite Zukunft überall

  • nur für die Anderen

*

So viel Wissen gesammelt

  • umsonst, umsonst

*

Seen aus Tränen

  • vertrocknet im Sand

*

Jahrzehnte vor mir

  • graue Nebelwand

-n-

Leben mit einem Narzissten: So sieht er sie – so erlebt sie die Beziehung

Diese beiden Beiträge sind emLife entnommen, einem Forum, in dem sich Frauen mit emotionaler Gewalt auseinander setzen. Ich übernehme sie hier in Ergänzung zu den weiteren Beiträgen in diesem Blog, die sich mit disfunktionalen Partnerschaften auseinandersetzen (Links am Ende des Beitrags).

Die Beziehung aus seiner Sicht

Dieser Beitrag wurde aufgrund eigener Feststellungen und Erfahrungswerten betroffener Frauen geschrieben. Dieser Artikel ist nur der Versuch einer Darstellung. Er bezieht sich nicht auf wissenschaftliche Untersuchungen oder andere Tatsachen.

Körperliche Beschwerden und seelische Beeinträchtigungen sind weitreichende Folgen von „emotionaler“ Gewalt. Diese wird sehr häufig von Menschen eingesetzt, die an Persönlichkeitsstörungen leiden. Mit Hilfe dieser Gewaltform, versuchen sie Einfluss auf andere zu nehmen. Der Gedanke, dass der eigene Partner nicht zu dieser Gruppe gehört, herrscht meist vor. Narzissten und Energiesauger zeigen sich aber erst von ihrer guten Seite und tarnen sehr genau ihr destruktives Verhalten, ehe die Verletzungen beginnen und schleichend ihre Wirkung zeigen.

Die erste Phase – Honeymoon
In der ersten Phase der Verliebtheitgibt die Partnerin viel von sich preis. Sie fühlt sich verstanden und geliebt, weil der Partner soviel Interesse an ihr zeigt. Ihre positiven Eigenschaften und kleine Schwächen werden genau festgestellt und gedanklich festgehalten.

Überlegungen, Hintergründe?
Würde er sich gleich destruktiv benehmen, wäre keine Frau der Welt bereit bei ihm zu bleiben. Das weiß er. Aus anderen Erfahrungen hat er gelernt sich anzupassen und alles ganz vorsichtig in Gang zu setzen.
Dieser Anpassung liegt aber keine Kompromissbereitschaft zugrunde, sondern pure Berechnung. Wo er keinen direkten Nutzen für sich sieht, passt er sich ohne Probleme an und ordnet sich unter. Im anderen Fall versucht er nicht zu direkt aufzutreten.
Er sieht sich um. Wenn es noch andere Personen in seinem Leben gibt, reagiert er dort seine destruktives Seite ab. Die Ex, andere Ex-Partnerinnen und andere Frauen sind willkommene Anwärterinnen. Seine aktuelle Liebesbeziehung lässt er erst einmal wachsen und gedeihen. Es ist der Himmel auf Erden für die Frau, die jetzt  lernt, wie das Leben mit ihm sein könnte.
In dieser Phase genießt er ungemein, dass sich diese „starke“ Frau für ihn interessiert. Wendet die Partnerin sich mit eigenen Bedürfnissen an ihn, wird es schwierig für ihn und sie wird zu einer tendenziell steigenden Belastung. Zu diesem Zeitpunkt lässt er die Partnerin dieses jedoch noch nicht spüren. Noch nicht!
Da sie ihn in der ersten Zeit nicht übermäßig kritisiert und ihm oft den Vorzug gibt, findet er diese Zeit trotz allem sehr anregend und belohnend. Sie stellt wenig Forderungen und er nutzt die Zeit, um ihre Schwächen genau zu studieren.

Man collecting the stars and putting them in a wheelbarrow.

Mit ihrer Kritik löscht sie ihn aus und setzt sich von ihm ab. Davon weiß sie aber noch nichts und es fällt ihm schwer, das zu verstecken. Genauso ist es mit ihren Erfolgen. Diese gefallen ihm auch nicht. Schön, dass sie erfolgreich ist, aber damit ist sie unabhängig von ihm und das stört ihn ungemein.

Liebenswürdig teilt er seiner Partnerin mit, dass er sich ihre Vorschläge zu Herzen nimmt und freut sich, dass diese ihm glaubt. Ihre Erfolgserlebnisse werden jedoch weiter ignoriert und auch in Zukunft nicht zur Kenntnis genommen. Herzlichen Glückwunsch!

Er bestimmt die Regeln

Im Alltag versucht er sie nach und nach langsam, aber beständig, verschiedenen Irritationen auszusetzen. Er verlangt Kleinigkeiten: Dass sie manche Türen zumacht und andere bitte nur angelehnt lässt. Er fordert, dass sie ihre Küche in Ordnung hält, obwohl er genau weiß, das nur ein ungespülter Teller der Grund für seine beißende Kritik ist. Die Frau möchte sich nicht mit solchen Kleinigkeiten belasten und geht darauf ein. So beginnt sie unmerklich, sich nach seinen Wünschen auszurichten.
Er wertet dies als Erfolgserlebnis und fährt fort mit seinem Tun. Wenn sie weiteres Fehlverhalten zeigt, reagiert er übertrieben und bauscht selbst Kleinigkeiten als Unvermögen ihrerseits auf.
Sie wird noch einsehen müssen, dass ihr Leben sich nur um ihn und seine Sicht der Dinge zu drehen hat.
Er legt weiteres irritierendes Verhalten an den Tag, und da er an Klärung und Struktur nicht interessiert ist, bleibt sie mit ihren ungelösten Problemen fragend zurück.
Sie wird fahrig und nervös und macht allein schon deshalb weitere Fehler. Diese werden jetzt sichtbar angeklagt, und so tauchen scheinbar immer mehr Probleme auf. Sind keine Probleme in Sicht, zettelt er Streit an oder geht auf Liebesentzug. Das beschäftigt die nervös gewordene Partnerin garantiert tagelang.
Wenn dies nicht klappt, ist er ist übermäßig kontrollierend und bringt sich so in Erinnerung. Kleine Schwächen von ihr gehen jetzt nicht mehr als liebenswerte Eigenschaft durch. Wenn er sie deswegen kritisiert, merkt er sich wo sie Grenzen setzt, und wo sie ihn gewähren lässt.
Sein Wert ist ihr Maßstab und dieses muss sie begreifen lernen. Kritik an ihm empfindet er als Vernichtung, die nicht hingenommen werden kann. Diese wird jetzt auch nicht mehr geduldet. Wenn sie ihn kritisiert, nimmt er an, dass sich „seine“ Partnerin gegen ihn stellt. Er geht sogar soweit, aus diesem Grund die Beziehung zu beenden. Natürlich nur, um am nächsten Tag wiederzukommen, aber das weiß seine Partnerin noch nicht.
Er spielt mit ihrer Verlustangst. Dort setzt er an, um sie zu verunsichern. Was ist sie bereit für ihn zu tun? Kritisiert sie ihn weiterhin? Wann ist sie überfordert und zieht sich zurück?
Er beginnt zu testen. Wenn du nicht …., dann werde ich ….
Das ist jetzt eindeutig emotionale Erpressung, aber er tarnt das sehr geschickt, damit sie nicht merkt was vor sich geht.
Er führt immer gute Gründe an, um etwas von ihr zu verlangen. So kann er mit geeigneten Mitteln ihrer Wahrnehmung „Ich werde kontrolliert und getestet“ entgegen treten und weiter auf seinen vermeintlichen kleinen Forderungen bestehen.
Diese Forderungen sind niemals überzogen oder aus der Luft gegriffen. Immer gibt es einen Anlass oder eine vergessene Tatsache, um die Partnerin daran zu erinnern, dass sie sich im Grunde für ihr mangelhaftes Wesen schämen muss.

Der Andere wird geschwächt
Mit diesem provozierenden Verhalten deckt er immer neues Fehlverhalten,  persönliche und charakterliche Schwächen auf. Diese stellt er in einen ungesunden Fokus. Dann dreht er es so, dass er damit nicht leben kann und er alles nur toleriert, weil er sie liebt. Ist er nicht ein toller Mann?
Ja, er liebt sie. Und das teilt er ihr auch immer wieder mit. Sie stellt sich noch etwas quer und empfindet vieles ganz anders, aber ihre gesamte Wahrnehmung ist sowieso ein Problem. Sie hat ja durchaus manchmal recht, aber das gefällt ihm nicht.
Sie spielt sich manchmal in den Vordergrund, und das gefällt ihm auch nicht. Es gibt jetzt viele Dinge, die ihn stören. Sie telefoniert zuviel mit den Kindern und kümmert sich um die falschen Leute. Wenn sie versucht über ihn zu bestimmen, wird es ganz blöd.
Er beginnt zu lügen und stellt sie als vergesslich hin, wenn sie seine Lügereien aufdeckt. Schließlich hat er ihr doch gesagt, dass er abends weggeht.
Er lügt. Sogar wenn er mit der Wahrheit besser weg kommt. Selbst bei unbedeutenden Kleinigkeiten bleibt er nicht bei der Wahrheit. Warum auch, die Dinge sollen schließlich so laufen, wie er sich das vorstellt und nicht so, wie die Tatsachen es vorgeben. Er verspricht Dinge, die er nicht tun will und vergisst sie dann leider. Was bildet sich diese Frau auch ein. Dass er ihr „Spielball“ ist?
Notfalls werden auch ganze Lebensabschnitte umgeschrieben und umgedichtet. Und was für ein Unsinn, dass sie ihn etwas fragt. An seine Antwort könnte er sich doch Wochen später gar nicht mehr erinnern.
Sie würde sich die Antwort merken und noch mehr Lügen aufdecken. Oder schlimmer noch, sie könnte von ihm verlangen, dass er sich an seine Worte hält. Also bekommt sie auf keine Frage eine Antwort. Und wenn, dann keine, die zur Frage passt.
Gespräche, die auf dieser Basis geführt werden, führen bei seiner Partnerin zu Erklärungsnöten, und der Gesprächsbedarf in der Beziehung wird immer größer. Je mehr die Frau versucht, eine Lösung für ein Problem zu finden, desto mehr Probleme tun sich auf. Das Gespräch selbst wird jetzt zum Problem.
Dass sein Verhalten zur völligen Verwirrung der Frau führt, gefällt ihm. Er bestimmt ja schließlich, wann ein Gespräch begonnen wird und über welches Thema gesprochen werden soll. Er bestimmt auch, wann das Gespräch endet und ob es überhaupt stattfindet. Im Zweifel hat sie alles falsch verstanden oder hat eine verdrehte Wahrnehmung. Da sie feststellt, dass mit der Kommunikation etwas nicht stimmt, wird sie ihm lästig. Je mehr sie reden möchte, je mehr verweigert er nun gemeinsame Gespräche.

Kampf – nur keiner weiß warum
In „seinen“ Augen feindliches Verhalten wird jetzt richtig abgestraft. Sehr dezent, aber mit klaren Worten macht er ihr nach und nach klar, wo es tatsächlich lang geht. Da er bestimmt, was feindliches Verhalten ist, wird es immer schwerer für sie, etwas richtig zu machen. Normales und alltägliches Verhalten ist eine feindliche Gesinnung in seinen Augen. Die Strafe folgt auf dem Fuße, ohne dass sie überhaupt weiß, worum es geht.
Er legt Spielregeln fest, ohne bekannt zu geben, welches Spiel gespielt wird. Er bestimmt jetzt, wie sie auf etwas reagiert. Ist sie zu fröhlich, weiß er genau, was er tun muss, damit diese Fröhlichkeit ganz unauffällig aus ihrem Gesicht verschwindet. Möchte er mehr Bestätigung, macht er sie ganz unauffällig eifersüchtig. Will er seine Ruhe, ist es ihr Unvermögen, den Feierabend gemütlich zu gestalten, und er geht alleine aus. Möchte er der Langeweile entfliehen, fängt er Streit an oder bringt sie zum Weinen.
Kritik in seine Richtung ist jetzt ganz außer Kraft gesetzt. Schon aus dem einfachen Grund, dass er mit der Zeit alles abgegeben hat, wo Kritikpunkte auftauchen könnten.
Sie ist es jetzt, die für alles im Haushalt zuständig ist. Für sein Wohlergehen, sein Leben, die Verabredungen. Wenn es Kritik gibt, kommt sie jetzt von ihm. Wenn etwas falsch läuft, sucht und findet er die Schuld bei ihr. Das Leben wird immer schöner und besser für ihn.
Lehnt Sie sich gegen dieses Verhalten auf, macht er ihr ganz unauffällig klar, dass sie ohne ihn ein „Nichts“ ist, weil sie nichts richtig machen kann. Ihre Fehler der Vergangenheit bestätigen das schließlich.
Auch die Personen mit denen sie sich umgibt, sind fehlerhaft. Dass er nicht bereit ist, sie mit diesen Personen zu teilen, hat er ihr unauffällig schon vorher klar gemacht. Auch mit den Kindern wird er sie nicht teilen. Mit seinen eigenen Kindern schon gar nicht.
Wie sie das Leben mit diesen Personen in Zukunft führt, ist ganz alleine ihre Sache.
Wenn sie nicht will, was er möchte, braucht er eine Auszeit. Ganz einfach. Dass dieses Verhalten jedesmal in einem Eifersuchtsdrama ausartet, ist auch nicht seine Schuld. Er war nur kurz ein Bier trinken und dies mit der anderen Frau hat er nicht zu verantworten.
Obwohl ihm ihre Eifersuchtsdramen seit geraumer Zeit auf die Nerven gehen, bleibt er in diesem Punkt gelassen. So oft klingelt sein Handy doch jetzt wirklich nicht. Manchmal macht er sich sogar den Spaß und lässt seinen E-Mail-Abruf wie SMS klingen. Sie fragt dauernd, wer geschrieben hat. Toll.
Ihre Wünsche und Vorstellungen sind zwar manchmal auch seine, gehandelt wird aber nur, wenn es für ihn definitiv keinen Nachteil bringt. Forderungen darf sie auch jederzeit an ihn stellen, aber wenn er etwas für sie tut, dann nur zu seinen Bedingungen.
Wenn er ihre Meinung braucht, wird er sie fragen, aber ungefragt will er ihre Meinung nicht. Mit Liebesentzug und Ignoranz wird deutlich gemacht, was er ihr selbst nicht sagen möchte.

Angriff – erlebte Partnerschaftsgewalt
Dem Opfer wird langsam bewusst, dass etwas vorgeht, das überhaupt nicht in Ordnung ist. Wenn sie sich widersetzt, erfolgt jetzt auch der direkte Angriff. Als ob er sich sowas gefallen lassen würde.
„Doch nicht von so einer „Schlampe“. Was denkt die sich denn eigentlich,  was bildet sie sich ein? „Die“ soll froh sein, das er sich überhaupt noch mit „der“ abgibt“.
In dieser Situation sieht er sich nach anderen Frauen um und testet, ob er noch auf dem Markt ist. Ganz unauffällig natürlich. Er braucht halt diese Bestätigung. Umgesehen hatte er sich vorher zwar auch schon, aber da ging es ihm mehr darum, Eifersuchtsdramen zu provozieren.
Die SMS von anderen Frauen braucht er bald auch nicht mehr zu fingieren, die landen jetzt tatsächlich auf seinem Handy.
Um das alles elegant zu tarnen und die Partnerin weiter zu verunsichern, erinnert er sich nur mit Mühe an seine Versprechen. Die Frau muss ihm stundenlang erklären, welche gemeinsamen Vereinbarungen getroffen wurden. In seiner Erinnerung hat immer etwas anderes stattgefunden.
Es findet grundsätzlich immer das statt, was im Moment am besten passt.
Die Frau ist sich schon lange nicht mehr sicher, ob das, was sie denkt, auch das ist, was sie gehört hat.

Eingang zur inneren Pyramide-0395

Trennung als Mittel zum Zweck
In diesem ganzen Durcheinander weiß er trotz allem sehr gut, was seine Partnerin (Opfer) gerade noch so gewillt ist, hinzunehmen. Ist er zu weit gegangen, rudert er zurück. Wenn sie sich trennen will, spürt er das ganz genau und lenkt wieder ein. Ihm geht es mehr darum Verlustängste bei ihr auszulösen, als sich wirklich zu trennen.

Die andere Frau in seinem Leben ist ja auch nicht übel. Mal sehen, wie er da vorgehen kann und wie viel ihm diese geben kann.
Nur dumm, dass jetzt beide anfangen, ihn zu kontrollieren. Wenn beide auf den Gedanken kämen in sein Handy zu schauen, würden sie sich wundern. Zuhause trägt er seine Frau auf Händen, falls eine Trennung ansteht und seiner Nebenbeziehung erklärt er, dass er sich trennen wird.
Er merkt, dass der Widerstand zuhause langsam zusammenbricht und seine Frau sich seinen Wünschen anpasst, um diese Beziehung weiterführen zu können. Schon lange fragt sie nicht mehr nach, wo er seine Zeit verbringt. Bestätigung gibt es jetzt auch von anderer Seite und er ist nicht mehr auf sie angewiesen. Dass seine Frau immer unglücklicher wird, stört ihn nicht sonderlich.

Die Vernichtung
Dass sie jetzt aber oft krank ist, macht keinen Spaß. Im Grunde hat er schon lange kein richtiges Interesse mehr an ihr. Wer soll ihn jetzt noch bewundern? Diese völlig gebrochene Persönlichkeit? Diese hysterische Ziege, die ihm erzählen will, wo es lang geht und immer unausstehlicher wird? Das Häufchen Elend, das so oft heulend vor ihm sitzt? Ist ja schon toll, diese ehemalige starke Frau jetzt weinen zu sehen, aber wer will das schon jeden Tag. Da sucht er sich doch lieber was Neues.
Ach nein, das hat er ja schon gefunden.
Er überlegt, dass er die Neue ja auch zugrunde richten wird und dann wieder von vorne anfangen muss. So richtig hat er dazu keine Lust. Sollte er jetzt gehen, wäre es das Beste für die aktuelle Partnerin, die längst nicht mehr weiß, was sie von dem Ganzen halten soll, aber gewiss nicht für ihn. Und wie er sich fühlt, sollte doch doppelt so wichtig sein. Er muss auf seine Seele achten, sonst tut das ja keiner (Sarkasmus).

Honeymoon
Also wird sie wieder in den „siebten Himmel“ der Liebe gehoben und zurückerobert, damit sie sich etwas erholen kann. Wenn das gelingt, ist er das Tollste unter der Sonne. Mehr Aufwertung geht nicht mehr.
Das ist doch der Gipfel seiner Macht. Beziehungsarbeit und Erhalt der Partnerschaft durch Geben, Nehmen und Liebe sind ihm fremd. Warum sich damit belasten und über vergangene Fehler und Versäumnisse diskutieren? Die Meinung seiner Partnerin zählt für ihn sowieso nicht.
Kommt „seine“ Partnerin wieder zu ihm zurück, beginnt das gleiche Spiel von vorne. Sein destruktives Verhalten wird er nicht ablegen. Er wird sich nur andere Mittel und Wege überlegen, um sein Ziel zu erreichen.
Ob er seine Geliebte dann wirklich aufgeben wird, steht auch noch in den Sternen.

Fazit

Er braucht keine Partnerin mit eigenen Gedanken oder Ansichten. Er braucht eine Person, die ihn bestätigt und die ihm emotionalen Input bietet. Jemanden, in dem er Gefühle auslösen kann, und das bitte auf Knopfdruck. Er braucht eine Partnerin, die seine Frustration, Angst, Unsicherheit und Aggression übernimmt und an sich selbst und über andere wieder abreagiert. Sein destruktives Verhalten wird sehr schwere Spuren in ihrer Psyche hinterlassen.
Sie ist zwar nicht geschlagen worden,
aber …

@by Evelina Blum
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Beziehungsverlauf aus ihrer Sicht

Ein seltsames Verhalten dort; eine respektlose Bemerkung da. Manche Situationen lassen mehr vermuten, aber dies wird schnell verdrängt. Die „Partnerschaftsgewalt“ wird gut getarnt. Erfahrungswerte und geliehene Blickwinkel geben diesem Vorgang ein sehr unschönes Gesicht.

Dieser Mann ist eine charismatische Persönlichkeit. Keine Frage!
Er hat ein charmantes Lächeln, drückt sich gut aus, ist erfolgreich, gestriegelt und gestylt, strahlt nach außen hin manchmal völlige Makellosigkeit aus. Andere sehen eher unscheinbar aus und haben doch den Glanz und die Macht, selbst die schönsten Frauen an sich zu binden.
Ist er tatsächlich diese Art Mann, der die Beziehung und seine eigene Partnerin aufgrund seiner Persönlichkeitsstörung zugrunde richten wird?
Was ist nur gestresstes Verhalten in der Beziehung und wo beginnt die „emotionale Gewalt“?

Seelenverwandt und verliebt

Träume, Zukunftsvorstellungen, alles passt perfekt. Sie fühlt sich toll, wird geachtet und in den Himmel gehoben. Sie fragt sich selbst, warum „sie“ so geliebt und geachtet wird, aber das gerät bald in den Hintergrund. Sie fühlt sich endlich mal mit einem Mann so „richtig“ und „gut“ , und nur das zählt.
Die Frau bekommt eine Art von Bestätigung, wie sie es selten erlebt hat. Sie steht ganz im Fokus des Mannes. Alles geht relativ schnell, und auch wenn der Mann äußerlich nicht dem entspricht worauf sie sonst geachtet hat, wird jetzt ihre Liebe bis in den Himmel wachsen. Noch nie ist sie von einem anderen Menschen so bewundert und scheinbar geliebt worden.

Erste Störungen – Ausreden werden gesucht
Kleinere verbale Aussetzer in ihre Richtung, tut sie als Überarbeitung oder anderweitigen Stress ab. Für sein manchmal seltsames Verhalten liegt immer ein nachvollziehbarer Grund vor.
Sie denkt sich: „Vielleicht kommt er aus einer schwierigen Beziehung“, oder findet andere Gründe.
Den damit verbundenen Stress nimmt die Frau gerne in Kauf, besonders wenn er ihr erzählt, das die Ex nicht wirklich gut mit ihm umgegangen ist. Sie schiebt das Unwohlsein von sich und konzentriert sich darauf, ihrem Partner zu helfen, der sich noch gefühlsmäßig damit auseinandersetzt,  unfair behandelt worden sein.
Er erzählt ihr, wie schlecht diese Beziehung war und dass er froh ist, dieser Verbindung entkommen zu sein. Natürlich wird sie versuchen, die schlechten Verhaltensmuster seiner Ex aus ihrer Beziehung zu verbannen und will ihm beweisen, dass es auch anders geht. Sehr taktvoll nicht wahr?
Haben beide noch Kinder mit anderen Partnern, ist ja alles auch nicht so einfach für diesen Mann.
Vielleicht denkt sie in einem anderen Fall, er sei lange keine gute und harmonische Beziehung mehr gewohnt und dass er sich erst wieder an verschiedene Dinge gewöhnen muss.
Vielleicht ist Sie auch einfach froh, diesen Mann für sich gewonnen zu haben.
Seltsames Verhalten nimmt sie nicht so ernst, weil dieses ganz harmlos daherkommt. Sie stutzt zwar manches Mal, verdrängt dies aber schnell. Sie erklärt ihre Sichtweise und macht Verbesserungsvorschläge.

Unwohlsein – Ausreden werden gefunden
Unmerklich beginnt sie, sich ungewohnt schlecht zu fühlen und ist etwas zerstreut. Ihre Gedanken hören nicht mehr auf zu kreiseln, die innere Ruhe kehrt nicht mehr ein. Eigentlich kennt sie das so nicht von sich. Es wird der allgemeine Stress sein. Denkt sie.
Sie weiß, dass es in dieser Beziehung Probleme gibt, die noch gelöst werden müssen. Er ist oft ungeduldig und kritisiert auch mehr als in der ersten Zeit der Verliebtheit. Aber das macht er ja nur, weil er Probleme hat und sie sich in vielen Fällen auch nicht richtig verhält. Der Stress verstärkt das ganze noch. Sie muss nur ruhiger werden, dann ist wieder alles in Ordnung.
Einiges an ihrem Verhalten hat sie schon zu seinem Gunsten eingestellt, damit dieses Kritisieren und sein Verhalten, welches Enttäuschung seinerseits signalisiert – endlich einmal aufhört. Und es hat auch schon etwas aufgehört. Diverse Diskussionspunkte hat Sie mit ihrem veränderten Verhalten schon ausgeschaltet. Sie weiß nicht, warum sie sich noch Sorgen macht. Er sagt und zeigt ihr das er sie liebt, also muss doch auch alles in Ordnung sein.

Verzicht – Ausreden werden umgesetzt
In einigen Situationen stellt sie staunend fest, dass der Mann jetzt ganz anderen Interessen und Verhaltensmustern nachgeht als zuvor behauptet. Da hat sie damals wohl etwas falsch verstanden. Jetzt findet er es langweilig, sie bei ihren Unternehmungen zu begleiten oder sie zu bitten, bei seinen Aktivitäten dabei zu sein.
Auch lästige Gewohnheiten stellen sich ein. Er schaut gerne Pornos und ist hin und wieder ganz aufreizend an anderen Frauen interessiert. Gespräche laufen jetzt auch etwas anders. Er sieht zwar ein was falsch läuft, unterstellt ihr aber Absichten: Sie sei nicht an seinem Wohl interessiert. Sie sei eifersüchtig. Sie sei kleinkariert und zänkisch.
Mit der Zeit lässt sie ihn lieber machen, was er möchte. Das Geplänkel mit den anderen Frauen stuft sie als harmlos ein, und dass er sie jetzt manchmal als faul und dumm beschimpft, sagt er ja nur, weil es gerade Streit gibt, und das ist alles nicht so schlimm. Gerade eben hat er noch gesagt, dass er sie liebt und verlangt, dass sie ihm dies auch sagt.

Haushalt und Unfrieden

Ein diffuses Gefühl der Verunsicherung und der Verlorenheit bleibt jedoch zurück. Auch wenn sie nicht mit ihm zusammen ist, stellt sie fest, dass ihr Körper auf einer Art Alarmstufe läuft. Es werden verbale Botschaften verteilt, mit denen sie nicht umgehen kann.
In ihrer freien Zeit versucht sie dem auf die Spur zu kommen und Lösungswege für die verschiedenen Arten der Probleme zu finden. Erklärungen von ihm helfen ihr dabei. Sie muss einsehen, dass vieles so ist, weil sie den Haushalt nicht im Griff hat oder andere Konflikte magisch anzieht.
Je mehr Probleme es gibt, desto mehr Gespräche finden jetzt statt. Am Anfang der Beziehung hat er ihre Sätze zuende gesprochen, jetzt reden beide irgendwie aneinander vorbei.
Sie versucht die Missverständnisse, die sich daraus ergeben aus dem Weg zu räumen. Manchmal hat er keine Lust auf solche Gespräche und geht dem aus dem Weg. Sie schreibt Mails und versucht so, ihm ihre Denkweise näher zu bringen und eine Lösung zu finden. Zuerst reagiert er noch auf ihre Mitteilungen, mit der Zeit aber nicht mehr.

Die Kinder
Wenn Kinder da sind, werden diese mit der Zeit jetzt auch zum Problem. Sie tun seiner Meinung nach das Übrige, um die Beziehung zu „gefährden“!!!
Seine Kinder, falls vorhanden, bleiben eher außen vor. Immer sind es ihre Kinder, mit denen es Probleme gibt und mit denen sie, seiner Meinung nach, nicht zurecht kommt.
Mit versteckten Andeutungen wird sie darauf aufmerksam gemacht, denn selten wird etwas offen gegen ihre Kinder vorgebracht. Trotzdem schmerzt es sie, weil sie eigentlich auf der Seite ihrer Kinder stehen möchte und sich jetzt entscheiden muss.
Sie hat immer mehr Streit mit den Kindern und stellt fest, dass er recht hat. Die Kinder verstehen nicht, dass sie sich nur anders verhalten müssten. Würden sie das tun, wäre ja auch alles in Ordnung. Sie grübelt und grübelt, wie sie das Problem lösen soll.

Sogar wenn es sich um die eigenen Kinder handelt, werden diese immer mehr zum Problem. In der ersten Zeit freut es sie, dass er viel Zeit mit ihr verbringen will, aber unmerklich bringt sie dies unter erheblichen Druck. Sie kann sich nicht so um die Kinder kümmern, wie sie es gerne tun würde. Zusätzlich fördert er Situationen, in denen ihr Ansehen bei den Kindern  erheblichen Schaden nimmt und verhält sich selten partnerschaftlich. Wenn sie ihn darauf anspricht, weiß er nicht, was sie von ihm möchte. Sie sieht vieles zu überzogen und regt sich umsonst auf.

Lügen und Verbiegen

Er lügt jetzt auch mehr, stellt sie fest. Waren es vorher immer nur kleine Notlügen, vermutet sie jetzt, dass er mit seinem Verhalten einem direktem Streit lieber aus dem Weg geht. Verständlich, wie sie meint. Sie überdenkt noch einmal ihr Verhalten und stellt fest, dass sie sich einfach mehr bemühen muss. Sie muss ihm mehr Freiheit geben, damit er sich nicht Unwahrheiten und Notlügen verliert. Schließlich möchte er ihr ja nicht weh tun, sondern nur erzählen, wie etwas wirklich war. Er ist ja so ein netter Mann.
Und am Anfang hat er sie so toll gefunden und sie hat sich so gut gefühlt. Es wäre doch gelacht, wenn sie dies nicht wieder erreichen kann.
Sie kauft sich andere Kleidung, schminkt sich etwas mehr und gibt sich frei und unbeschwert. Das mag er nämlich sehr. Sie setzt alles konsequent um und sieht endlich den Erfolg. Sie wird wieder richtig gelobt und in den Himmel gehoben.
Und sie lernt mehr auszuhalten. Sie lernt grobes Verhalten zu ignorieren und auch gemeine Beleidigungen als Spaß zu sehen, weil er es doch nicht so gemeint hat. Sie muss eben vieles ändern und ist auf einem guten Weg.

Vernachlässigung und Isolation
Mit der Zeit fühlt sie sich jedoch wie gelähmt, und wenn er in der Nähe ist, kann sie sich nicht richtig konzentrieren. Die familiäre Situation mit den Kindern zerren ebenfalls an ihren Nerven. Deshalb hat sie, bevor er nach Hause kommt, schon alles nach seinen Wünschen ausgerichtet. Schließlich soll es ein schöner Tag werden und nicht im Stress oder Streit enden.
Und tatsächlich, die Zeit vergeht und es scheint immer besser zu werden, nur dass sie sich oft müde fühlt. Die Beziehung ist anstrengend und sie stellt fest, dass sie keine Lust mehr hat, etwas zu unternehmen oder sich mit ihren Freundinnen zu verabreden.
Da ihr die Motivation dazu fehlt, hat sie dieses Problem schnell gelöst. Er findet ihre Freizeitaktivitäten ohnehin nicht besonders toll,  das ist ihr längst bewusst. Er selbst würde zwar nie etwas in der Richtung verlauten lassen, aber sie merkt es auch so. Auch auf ihre Familie und ihr direktes Umfeld ist er nicht gut zu sprechen.
Immer deutlicher begreift sie, dass, wenn sie alles im Griff hat und sie bestimmte Leute fern hält, alles harmonisch abläuft. „Sie“ muss halt dafür sorgen, dass diese Beziehung funktioniert und die Kinder und der Rest der Familie nicht allzu viel Raum einnehmen und sich störend auswirken.
Für die Beziehung selbst, tut „er“ nicht viel. Obwohl: Er lässt auch manches Verhalten weg, das ihr nicht passt. Sie muss dafür zwar auch liebgewonnene Tätigkeiten aufgeben, aber das macht sie gerne für diesen Mann.
Die eine Freundin war ja schon immer was komisch, warum also noch mit ihr befreundet bleiben, zumal auch er meint „die“ sei nicht gut für sie. Er macht sich halt Sorgen um sie. Und es ist wie früher.

Sein Verhalten – Wortbruch
Und schlechte Tage gibt es in jeder Partnerschaft. Mit der Zeit nimmt er sich jedoch immer mehr das Recht heraus, getroffene Absprachen zu brechen. Dieses Recht hat sie scheinbar nicht.
Das kann sie zwar nicht ganz einsehen, aber für ihn gibt es immer nachvollziehbare Gründe und sie hat eine zu engstirnige Haltung, um dafür Verständnis zu haben. Das muss sie akzeptieren und nach Möglichkeit ändern. Überhaupt ist vieles ihr Verschulden. Das sie ihn jetzt bei richtigen Lügereien ertappt, ist auch ihre Schuld. Sie ist einfach zu penetrant, reagiert völlig überzogen und fordert zuviel Rechenschaft von ihm. Sie mutet ihm schon eine Menge zu.
Dass er ihr Handy kontrolliert findet sie ganz in Ordnung, weil seine Ex früher wie wild mit anderen Männern geschrieben hat. Da darf er heute gerne sehen, das sie „so“ nicht ist. Umgekehrt käme das natürlich nicht in Frage. In Zukunft wird vieles besser werden, da ist sie sich sicher.

17-03-2012 20-25-31 (2)

Ihre Reaktion – Krankheit
Stattdessen wird sie jedoch öfter krank oder hat Migräne. Ihre Wahrnehmung ist verzerrt und alles ist wie im Nebel. Sie ist froh, sich mit Krankheit etwas Zeit zum Ausruhen nehmen zu können. Manchmal stellen sich Herzrhythmusstörungen, Regelschmerzen und ungewöhnlich lange Regelblutungen ein. Der Arzt fragt sie nach nervlichen Belastungen und ob sich in der letzten Zeit etwas verändert hat. Die Frau sitzt zuhause und grübelt. Was hat sich verändert?
Nichts, außer dass sie jetzt eine Beziehung hat.
Und so schön, wie es am Anfang war, konnte es ja auch nicht bleiben, dies ist in jeder Beziehung so. Dass er sie manchmal nach außen hin als „faul und engstirnig“ darstellt, muss auch etwas zu bedeuten haben. Vielleicht ist sie ja wirklich krank. Ist das alles normal ?
Aber da gibt es auch die sehr schönen Zeiten, wo alles wieder wie früher ist. In denen er erzählt, wie viel schöner alles noch werden wird, wenn sie nur endlich …

Hilfe suchen
Sie geht auf die Suche. Was könnte sie noch besser machen? Brigitte-Ratgeber, Freundin-Ratgeber, aber ihr Problem steht dort eigentlich nicht. Sie schaut ins Internet und findet etwas über „emotionale Gewalt“. Dort taucht ein erstes Mal der Gedanke auf, dass es nicht an ihr liegt.
Sie muss soviel hinnehmen in dieser Beziehung. Sie verbringt viel Zeit mit Lesen und findet ähnliche Fälle. Richtig identifizieren kann sie sich mit diesen Schilderungen aber nicht. „Emotionale Gewalt“ kann es auch nicht sein, „Partnerschaftsgewalt“ schon gar nicht. Er schlägt sie nicht und ist auch sonst kein gewalttätiger Mensch.
Mit der Zeit geht er eben nur ungeniert seinen Vorlieben nach, ohne sich um ihre Gefühle zu kümmern. Er denkt zu wenig nach und achtet sich nicht richtig auf sein Verhalten.
Immer mehr Angst machende und verletzende Situationen tauchen auf. Immer schmerzvoller wird die Beziehung. Er wird immer eifersüchtiger auf die Kinder und auf alles, was ihre Aufmerksamkeit von ihm ablenkt.
Und sie beginnt zu sehen, kristallklar zu sehen, wie sie sich selbst verändert hat. Sich verdreht und verbogen hat. Sie versucht, neue Gespräche zu führen. Gespräche in denen sie beginnt, nun ihrerseits Forderung nach Veränderung zu stellen. Aber leider führen diese nur zu mehr Ablehnung, Abwertung, Ignoranz und Spott ihr gegenüber.
Ihre Wahrnehmungen seien übertrieben und unberechtigt. Sie versucht,  vorangehende Verletzungen aufzuzählen, um klar zu machen, dass sie nicht übertreibt.
Sie merkt jedoch schnell, dass sie Beispiele von früher nicht vorbringen kann. Seine Erinnerungen an für sie schmerzhafte Begebenheiten stellen sich für ihn ganz anders dar oder haben gar nicht stattgefunden.
Sie zweifelt an ihrer Wahrnehmung.
Solche Gespräche kennt sie. Früher dachte sie, dass es Missverständnisse seien. Jetzt merkt sie, dass er vieles ganz bewusst einsetzt, um abzulenken.
Wenn ihr etwas nicht passt  kann sie ja gehen. Auch das hat sie früher schon oft gehört, aber das wollte sie doch nie. Das möchte sie auch heute nicht und lenkt ein.

Offene Erpressung
Sie hätte ja gern ein grünes Sofa, aber ein rotes Sofa ist ja auch schön und er wollte doch schon immer eines in dieser Farbe. In seiner vorherigen Beziehung hat die Ex immer alles bestimmt, also muss sie einlenken, um besser und toleranter zu wirken. Trotzdem wird sie mit dem roten Sofa nicht froh. Sie versucht bei der nächsten Anschaffung einen Kompromiss auszuhandeln, aber auch hier dass Gleiche. Wenn sie etwas nicht möchte, kann sie ja gehen. Er braucht diese Beziehung nicht.
Sie versteht die Welt nicht mehr. Wegen so einer Kleinigkeit setzt er tatsächlich die ganze Beziehung aufs Spiel? Sie ist verletzt und entsetzt! Nach solchen ernsten Auseinandersetzung folgen zwar wieder diese wundervollen verliebten Zeiten, aber sie versteht nicht mehr, wie er einfach so zum Alltag übergehen kann.
Wegen banaler Situationen werden jetzt Trennungsgespräche geführt, die sie verzweifelt und traurig zurück lassen. Ihm scheinen diese Gespräche kaum etwas auszumachen.
Kinder, Sofas, alles was nicht stimmt, wird dafür hergenommen. Sie möchte die Beziehung unbedingt halten. Sie beginnt sich aufzureiben und nachzugeben. Zuviel hat sie bereits in diese Beziehung investiert.
Er beginnt zu taktieren. Wenn du nicht…. , dann ich…
„Emotionale Erpressung“ in der Reinform, die von ihr nicht mehr ignoriert werden kann. Sie muss sich eingestehen, dass seine Taten schon längst nicht mehr zu seinen Aussagen passen.
Er sagt, er liebt sie und ist dann bereit, wegen einer Kleinigkeit die ganze Beziehung aufzugeben?
Er lügt sie an!
Verletzt, ohne sich selbst zu hinterfragen!
Hält sich nicht an Absprachen!
Längst hat sie sich weitere Informationen aus dem Netz gezogen; hat wieder etwas über „emotionale Gewalt“ gelesen. Aber das darf doch nicht sein. Das sind Gewalttäter; und Gewalt tut er ihr doch nicht an. Sie glaubt es nicht. Aber diesen Zustand hält sie auch nicht mehr lange aus.
Kleine körperliche Beschwerden wachsen sich jetzt richtig aus. Beim nächsten Streit, als er nach den Schlüsseln greift, sagt sie ihm, dass er einfach gehen soll, wenn er möchte. Sie will nicht mehr.

Honeymoon
Er erkennt, das er zu weit gegangen ist und rudert zurück. Er möchte seine Partnerin, die mittlerweile schon längst zum Opfer geworden ist, nicht verlieren.
Die Beziehung macht ihm Spaß. Er drückt Knöpfe, und sie reagiert wie er es  für richtig hält. Aus Neid und Missgunst bringt er sie dazu, sich selbst, ihre Familie und die Kinder zu vernachlässigen.
So etwas findet er nicht an jeder Ecke. Wenn er sich vorher nie entschuldigt hat, tut er es jetzt.
Er erklärt ihr, was für ein Idiot er ist, und sie schmilzt dahin.
Er packt die erste Liebe wieder aus und sie machen einen neuen Anfang. Alles soll anders werden. Sie ist jetzt nicht mehr so leicht zu beeindrucken, aber wenigstens möchte er sich ändern und ist nicht jemand, der „emotionale Gewalt“ anwendet. Also versucht sie, sich einfach mehr durchzusetzen und ihre „starke“ Seite zu zeigen. Aber ihr Nervenkostüm hat gelitten.

Offene Gewalt
Das ganze Ausmaß der „emotionalen Ausnutzung“ macht sich dann doch bemerkbar. Die schönen Phasen nach einem Streit, als Wiedergutmachung, helfen ihr nicht mehr. Alles wird mehr und mehr zur psychischen, seelischen und körperlichen Belastung.
An seinem perfiden Verhalten sieht sie, dass auch er zunehmend aggressiver reagiert. Heimlichtuerei und versteckte Unwahrheiten sind weiter an der Tagesordnung, aber dies wird jetzt mehr und mehr offen gezeigt, damit sie merken soll: Hier stimmt etwas nicht.
Wenn sie sich wegen immer neuer Vorkommnisse von ihm trennen will, weiß er ganz genau, wie er sie wieder zurückholen kann. Und jedesmal beginnt eine neue Verliebtheitsphase, und sie hofft, dass er begreift, was er mit ihr verlieren würde.

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Honeymoon
Sie versucht jetzt, im Gespräch gravierende Veränderungen herbeizuführen. Versucht, ihm aufzuzeigen, dass er verletzt, wenn er sie auf diese Weise behandelt. Sie fordert mehr Beachtung und Aufmerksamkeit.
Er versteht nicht. Und er versteht wirklich nicht. Er kann keine Gefühle lesen. Sie erklärt, und er versteht zwar nichts, weiß aber, dass er etwas ändern muss. Schon bei der nächsten neuen Verletzung merkt sie, dass alles wieder neu erklärt werden muss. Sie hat Geduld. Er wird, ja er muss es einfach einsehen.

Honeymoon und Seitensprung
Die Ignoranz nimmt  mit jedem neuen Tag zu. Er beginnt sie mit Liebesentzug zu provozieren. Das hat er vorher auch schon getan, um Gesprächen aus dem Weg zu gehen, oder um sie zu strafen. Jetzt kommt in ihr aber ein Gefühl hoch, dass er ihr richtig aus dem Weg geht und sich schon nach einer neuen Beziehung umsieht.
Sie versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber ihre Wahrnehmung ist und bleibt weiterhin ein nicht zu lösendes Problem. Wenn sie Fragen, Kritik und Vorwürfe an ihn richtet, ist es immer nur sie, die manche Dinge falsch sieht und völlig unzulänglich interpretiert. Alles ist nicht so wie sie meint und sie wird aufgefordert, doch endlich einmal Ruhe zu geben.
Jetzt fragt sie sich wirklich, ob ihre Wahrnehmung noch in Ordnung ist. Wenn sie nach außen über ihre Probleme in der Beziehung spricht und ihre Bedenken äußert, wird sie beruhigt. „Er sei doch ein ganz lieber Mensch, was sie denn noch wolle. Sie soll nicht zuviel nachdenken.“
Sie möchte eigentlich gar nichts mehr denken und gehen, aber wenn sie nur daran denkt bekommt sie Panik.

Das Resultat von allem – Panik
Das Gefühl, verlassen zu werden oder selbst gehen zu wollen, greift immer mehr um sich. Sie redet nicht mehr über ihre Beziehung und ihre Sorgen. Schon längst schämt sie sich vor sich selbst, wie schwach sie doch ist und keinen Ausweg aus der Situation findet.
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, an dem sie erkennen muss, dass es so nicht mehr weitergeht.
Ihre Wahrnehmung lässt sich nicht mehr betrügen.
Die Tatsachen, die er schafft, tun weh.
Seine Worte tun weh.
Seine Ignoranz ist das allerschlimmste.
Die Verletzungen nehmen weiter zu.
Irgendwann müssen Konsequenzen gezogen werden.
Aber nicht heute !!!!

….. Nur:
das ist der falsche Weg, dieses Problem zu lösen.
@by Evelina Blum

Siehe auch:

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst

Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Herz, ich verlasse dich…

Ein Narzisst erklärt: „Nur Anerkennung kann den Selbthass dämpfen

und dort zahlreich weiterführende Links

Update: Die größten Ängste eines Narzissten

Wenn der Schmerz niemals aufhört: „Ich möchte ans Meer – das Meer werden…“

Dies ist der Bericht einer chronischen Schmerzpatientin, die von Depressionen geplagt ist. Ich lernte sie vor einiger Zeit in einem Wartezimmer kennen. Weil der Arzt zu einem Notfall gerufen wurde, mussten wir lange warten und lernten uns unerwartet gut kennen. Sie ist eine Frau in den besten Jahren, glücklich verheiratet, zufrieden im Beruf. Aber sie ist gezeichnet von einem ständigen Schmerz. Auf meine Bitte hin schrieb sie auf, wie sich der Schmerz für sie anfühlt:

„Ist er männlich oder weiblich? Manchmal frage ich mich das, um anschließend den Kopf zu schütteln. Wie egal ist das denn?

Er ist mächtig. Das steht fest. Und unstillbar ist er.

Manchmal ist er so quälend, dass nur noch ein Ausweg offen scheint: Sterben.

Wenn ich tot bin, hört er sicher auf, mich zu terrorisieren.

Oder muss ich ihn auch dahin mitnehmen, den Schmerz?

Im Moment gerade zeigt er sein gehässiges Gesicht: Es fehlt an Wertschätzung meiner Arbeit, ich muss mich  mit Gehässigkeit, Unehrlichkeit und nicht eingehaltenen Absprachen herumschlagen. Der Schmerz verursacht wütenden Schwindel in meinem Kopf. Ich muss mich beherrschen, nicht zu zeigen,  wie effizient ich mich wehren könnte, wenn ich wollte. Ich erinnere mich der Gründe, aus denen ich nicht zurückschlage. Dann sehe ich die Schwäche hinter dem Verhalten der Anderen und beruhige mich: Der Schmerz ist weg.

Schlimmer schon ist der körperliche Schmerz. Wie spitze Nägel, wie das Bearbeiten rohen Fleisches auf einer Kartoffelreibe – so können Knochenschmerzen sein. Mein von Arthrose zerfressenes Knie wurde zur Quelle stechender, ziehender Schmerzes für das ganze Bein, die Hüfte und die Lendenwirbelsäule. Erst als ich kaum noch gehen konnte, entschloss ich mich zur Knieprothese, ging dazu zehn Tage lang zitternd, verkrampft und weinend durch eine Schmerzhölle, um schließlich aufzuerstehen und wieder zu gehen. Der Schmerz ist nicht weg, aber gut erträglich, und ich kann wieder gehen.

Ganz weit oben auf der Erträglichkeitsskala: Der Schmerz, der sich hinter dem Namen Fibromyalgie versteckt. Tückisch ist er – kommt ohne Vorwarnung, setzt immer neue Schwerpunkte im Körper, ist nie wirklich zu fassen. Manchmal kann ich den Arm nicht mehr heben, manchmal den Rücken nicht mehr gerade machen. Manchmal liegen meine Augen in brennenden Höhlen, deren Rand voller  ausgefranster spitzer Zacken zu sein scheint. Sie werden trocken, ich kann nicht mehr scharf sehen. Dann wieder ist es die obere Brusthälfte. Das Herz rast, nicht genau definierbare Weichteile glühen, alles wird eng – so sehr, dass jeder Atemzug Angst macht.

Treppen gehen unmöglich: Keine Luft, das Herz ein glühender, hämmernder Klotz in der Brust, Nacken und Rücken krampfen. Überall spitze Nadeln im Fleisch, in einem Moment rollen mir  Schweißtropfen durch’s Gesicht, im nächsten zittere ich vor Kälte. Rückzug auf’s Sofa, nicht darauf achten, dass die Haut keine Berührung mehr erträgt. Warten. Manchmal dauert es Tage, manchmal Wochen, manchmal Monate. Dann sucht sich der Schmerz einen anderen Schwerpunkt. Manchmal versteckt er sich auch. Für einen halben, vielleicht sogar einen ganzen Tag scheint er verschwunden. Nur ein dunkles Lauern im Körper zeigt dann an: Er wird wiederkommen.

All dieses aber ist nichts gegen den grauenhaften Schmerz der Seele.

Er sticht, er brennt, er zieht, er saugt – er saugt das Leben aus dem Leib. Der Leib ist es, der ihm Ausdruck verleiht. Wie ein sich drehendes Messer im Herz, ein Kloß im Hals, an dem sich Ströme von Tränen stauen, ein trockenes Brennen in den Augen, verzweifelter Schwindel im Kopf, der hintere Teil des Schädels wird zum Wackerstein, der Nacken zieht und brennt, der ganze Körper wird zum Wackelpudding – der Schmerz des Verlassenseins. Hinausschreien möchte ich ihn, aber ich bleibe stumm. Der Schmerz bleibt im Magen stecken, wird zu einem qualvoll rotierenden, spitzen Eisenrad. Es krampft der Bauch, die Beine versagen den Dienst. Hinlegen. Wärme suchen. Solarium oder Badewanne. Eine Tablette nehmen. Schlafen dürfen…

Albträume: Menschen, die nicht sind, was sie zu sein scheinen, Wege, die im Nichts enden, Berge, die zu erklimmen mir die Kraft fehlt, versinken in schlammigem Untergrund. Weinen, weinen, weinen. Um Hilfe rufen – vergebens.

Wach werden und einen dumpfen Schlag in der Magengrube spüren: Der Schmerz ist noch da.

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Er ist immer da. Nie verlässt er mich.

Auch nicht, wenn ich umgeben bin von Menschen, die mich mögen.

Ich lächele freundlich, solange ich es schaffe.  Ich spreche wenig. Ständig suche ich.

Ich suche nach den Augen, die mich ansehen und verstehen. Die ihn kennen, diesen Schmerz. Die wissen, dass es nur einen einzigen Weg der Heilung gibt: Bedingungsloses aufeinander Einlassen, liebevolles Vertrauen, Berührung.

Ich suche nach Armen, die sich einfach öffnen und mich halten. Damit ich sie loslassen kann, diese schreckliche, graue, erdrückende Last. Nur kurz mal loslassen dürfen. Dann geht es bestimmt wieder.

Ich suche vergebens.

Was ich finde, sind andere Menschen voller Schmerz. Mit allen möglichen Tricks verschaffen sie sich Aufmerksamkeit. Kaum bekommen sie welche, reden sie. Endlos. Anklagend. Kummervoll. Pessimistisch. Und immer von sich selbst.

Du bist so erstarrt, sagen mir Freunde. Fang an, dich zu bewegen. Tanze! Schau um dich. Sieh doch, die herrlichen Farben des Lebens!

Ich erinnere mich. Ja, ich kenne sie, diese herrlichen Farben.

Aus einer Zeit, in der ich gelebt habe. Wann das war?

Keine Ahnung. Ich weiß es nicht mehr.

Ich möchte ans Meer. Ins Meer. Das Meer werden.“

.
Siehe auch: 

Von allem getrennt, sogar von sich selbst   und die dortigen Hilfe-Links

Allein in der Hölle der Leere und die dortigen Links

Chronische Schmerzen: Symptom oder Krankheit?

Hilfe:

Deutsche Schmerzliga
Deutsche Schmerzhilfe
Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes
Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie
Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
Berufsverband Deutscher Nervenärzte
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
Deutsche Gesellschaft für Neurologie

 

Ich könnt‘ nicht ertragen, nochmal zu versagen…

*

Nein, sagt er, NEIN!

Hautnah wird’s nie sein!

Ich müsste dann geh’n,

kannst du nicht versteh’n?

*

Ich warte seit Jahren.

Du warst dir im Klaren:

Ich wär‘ sonst geflüchtet!

Jetzt bin ich vernichtet…

*

Mein Heim ist das Raumschiff

hoch über dem Unten.

Doch bin ich tief innen

stets mit dir verbunden.

*

Fühlst du meinen Schmerz?

Zerreißt mir das Herz…

Nie soll ich dich sehen?

Dann muss ich jetzt gehen!

*

Versteh’n kann ich dich –

fühlen jedoch nicht.

Ich wär‘ sonst gefangen

In deinen Gedanken.

*

ICH bin das Problem,

ICH muss nun geh’n.

Ich könnt‘ nicht ertragen

nochmal zu versagen.

*

Im Geist sind wir nah,

ich bin für DICH da.

Doch die Welten sind klar

total unvereinbar.

*

Sag Ja oder Nein,

mehr kann nicht sein.

Ich kann nicht Ja sagen,

ich kann’s nicht ertragen!

*

Sinnlos, noch zu klagen,

zu bitten, zu wagen –

liegt doch das Versagen

bereits im Verzagen…

*

Sie kann nichts mehr tun.

Will nah bei ihm ruh’n,

will beheimatet sein –

bleibt verzweifelt allein.

*

gla 2015

Siehe auch:

Der Mann meines Lebens ist Narzisst

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Ein Sehnen, unstillbar brennend und tief wie das Meer

Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich 

Ein gebrochenes Herz wird weitere Herzen brechen – es kann nicht anders …

Teil drei meiner kleinen Reihe über Männer, in die frau sich besser nicht verliebt, ist eine Geschichte, die, wie ich glaube, jedem Mann und jeder Frau passieren kann. Nur sind ihre Folgen mörderisch: Wenn erstmal eine unüberwindbare Firewall um ein Herz liegt, riskiert der Mensch, der es trägt, an Einsamkeit zu sterben. Und das, obwohl er nie etwas anderes wollte, als zu lieben und geliebt zu werden.

Er hat die schönsten blauen Augen unter Gottes Sonne – oh ja, die hat er. Sehr groß sind sie, manchmal schimmern sie grünlich, manchmal wie das Meer im Sonnenlicht. Drumherum lange schwarze Wimpern und darüber sensible, schwarze Augenbrauen … Er weckt Zärtlichkeit bei Frauen, und das macht ihn ungelenk und ärgerlich. Er hat eine ganz klare Erklärung, warum alles so gekommen ist: Sein Körper ist schuld. Er ist ein großer Mann: 2,03 Meter. Und jetzt, mit 50, ist er auch ein schwerer Mann: Er wiegt 140 Kilo. Das ist so, weil er seinen Schmerz mit viel Wein betäubt und und mit viel gutem Essen erstickt hat.

Er kommt aus einer alten Steigerfamilie im Pott. Seine Geburt machte seine Eltern unglaublich glücklich; hatten sie doch nach drei Totgeburten fast den Mut verloren. So waren sie eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft. Als die Zeche schließen musste, schulte der Vater um und wurde Dreher in einer Fabrik. Diesen Beruf erlernt auch er – zunächst einmal, denn ein Mann muss etwas solides gelernt haben. Aber er erkennt früh, dass die Arbeit in der Fabrik zwar das tägliche Brot sichert, mehr allerdings nicht. Und er willl mehr: Er will raus aus NRW, raus aus dem Mief. Er will nach Süden, in die Berge – in die Schweiz. Deshalb bildet er sich weiter zum Betriebswirt und geht in den Vertrieb – im Maschinenbau. Fortan trägt er statt des Blaumanns Anzug.

Und noch etwas will er unbedingt: Er möchte Kinder haben. So viele wie möglich. Zusammen mit einer Frau, der er treu sein kann bis in den Tod. So wie es schon in der Bibel steht: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei…  Er glaubt an Gott, er betet regelmäßig und besucht zweimal wöchentlich den Gottesdienst.. Die Familie ist  Mitglied der Neuapostolischen Kirche. Der Tag, an dem sein Vater morgens tot im Bett lag, war furchtbar. Er machte die Mutter zu einer jungen Witwe und den Sohn zu ihrer ganzen Familie. Das will er ändern, unbedingt.

Er ist 30, als er sich mit Leib und Seele verliebt. Sie ist einige Jahre älter als er, entzückend zierlich, und sie hat aus erster Ehe zwei Kinder, die er auf Anhieb in sein Herz schließt. Mit großem Ernst und ganz weit geöffnetem Herzen bittet er um ihre Hand. Sie sagt ja – der Himmel leuchtet. Sie heiraten in seiner Kirche, und er verspricht, ihr treu zu sein, bis dass der Tod sie scheidet. Er tanzt mit ihr den Hochzeitswalzer, hält sie in seinen starken Armen und ist einfach nur glücklich.

Am Tag nach der offiziellen Hochzeitsfeier haben sie eine Nachfeier für die Helfer in ihrer neu eingerichteten, ehelichen Wohnung. Er ist unglaublich stolz, hilft bei der Bewirtung der Gäste und plaudert fröhlich. Als er die Küche betreten will, um Nachschub zu holen, hört er seine Ehefrau leise mit ihrer Freundin sprechen und bleibt außer Sichtweite stehen. „Ich will keine Kinder mehr,“ hört er sie sagen. „Er weiß es nicht, und er wird es auch nicht erfahren.“

Er fühlt eine eisige Klammer, die sich um sein Herz schließt. Sagt das die Frau, der er gestern das Ja-Wort gegeben hat?

Hoffen auf die Macht der Liebe

Er wird sie niemals auf diese Begebenheit ansprechen. Er wartet ab, hofft auf Gott und die Macht der Liebe.  Sie hat vor Gott geschworen, dass sie ihr Leben  mit ihm verbringen will. Sowas sagt man doch nicht einfach so.

Sie machen eine Hochzeitsreise auf eine kleine Nordsee-Insel. Es ist wie im Traum: Die Sonne strahlt, das Meer ist tiefblau, sie gehen Hand in Hand, während die Kinder um sie herum spielen, und er erzählt ihr von seinen Träumen. Sie lächelt ihn an und umarmt ihn – er ist bereit, zu glauben, dass diese Sache in der Küche nie stattgefunden hat.

Er arbeitet viel, er will voran kommen. Er will ihr doch ein Chalet bauen in der Schweiz. Sie soll Angestellte haben, damit sie die Kinder nicht als Last empfindet. Er steigt beruflich auf, wird Verkaufsleiter Westeuropa in seiner Firma. Zuhause läuft es so lala. Wenn er abends heimkommt, sind die Kinder meist schon im Bett. Seine kleine Frau wird zunehmend mürrischer. Immer öfter liegt er nachts neben ihr wach, sehnt sich nach ihrer Zärtlichkeit und erlebt sie als unerreichbar. Zwei Jahre nach der Hochzeit wird sie deutlich: „Lass mich in Frieden, du grober Klotz. Ich will keinen Sex mehr mit dir.“

Eisern hält er durch. Er hat Treue geschworen, und was man schwört, hält man auch. Außerdem liebt er sie – noch genauso wie am ersten Tag.

Aber es wird nicht mehr besser. Wenn er heimkommt und sie umarmen will, beschimpft sie ihn. Einmal ist sie so ordinär, dass er zuschlägt, spontan und ohne nachzudenken. Sie fällt zu Boden, steht wieder auf und sagt: „Jetzt hast du deinen wahren Charakter gezeigt. DU wirst mich nie mehr berühren.“ Er ist bleich vor Reue, flüchtet in die Kirche, betet, benimmt sich fortan vorbildlich. Aber die Frau neben ihm gibt sich nun keine Mühe mehr, ihre Verachtung zu verbergen.

Als er 35 ist, wird er geschieden. Er konnte es einfach nicht mehr ertragen.

Er mietet eine nette kleine Wohnung mit Arbeitszimmer und Terrasse am Waldrand und legt seine ganze Energie in die Karriere. Er verdient immer besser, sein Ehrgeiz ist groß. Er fährt nun einen großen BMW als Firmenwagen – ideal für seine langen Beine. Hinter seinem Schreibtisch im Büro hängt ein Chagall. Er versucht, nicht mehr an seine Frau zu denken, was nicht einfach ist, weil er sie immer mal wieder beim Einkaufen trifft. Er geht wieder in den Club zum Tanzen. Er tanzt gern und auch gut, und er ist ein stattlicher Mann, frau fühlt sich klein, schön und gut beschützt in seiner Nähe. An Tanzpartnerinnen fehlt es ihm nicht. Wenn er wollte, könnte er jedes Wochenende eine andere mit nach Hause nehmen. Er will aber nicht. Er will auch nicht sehen, was er in den Herzen einiger Verehrerinnen angerichtet hat.

Drei Jahre nach der Scheidung lernt er eine neue Frau kennen. Sie ist 1,79 Meter groß und eine Schönheit. Trotzdem wirkt sie schüchtern und schutzbedürftig. Sie freut sich über seine zurückhaltenden Freundlichkeiten, und bald werden die beiden ein Paar. Sie leben schon sechs Monate zusammen, als sie ihm ihre wahre Neigung gesteht: Sie ist extrem submissiv, braucht Demütigungen, um sich wirklich geliebt zu fühlen. Er, der doch eigentlich seine Frau lieben, beschützen und ehren will, ist schockiert, aber auch entschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Sie werden Mitglied in einem BDSM-Club, wo er sich sich qualifiziert zum DOM ausbilden lässt, denn er will ihr gerecht werden, ohne ihr zu schaden.

Er stellt fest, dass ihm die Rolle liegt; gibt sie ihm doch auch Sicherheit: Er ist ihr dominantes Gegenüber; sagt, wo es lang geht. Sie schließen einen 24/7-Vertrag, der regelt, wie sie miteinander umgehen. Beide halten sich genau daran. Das schönste auf der Welt für ihn ist, wenn die Bestrafungen und Demütigungen zuende sind, er sie retten und in den Arm nehmen darf.  Trotz ihres speziellen Sexlebens schotten sie sich nicht von „Normalos“ ab: Sie gehen weiter tanzen, pflegen einen kleinen Freundeskreis, und auch seine Mutter versteht sich mit seiner Freundin gut. Heiraten ist allerdings kein Thema für ihn: Er hat schon Treue geschworen, das kann er nicht ein zweites Mal tun. Kinder stehen auch nicht zur Debatte: Er weiß nicht, wie sich das mit ihrer BDSM-Beziehung vereinbaren soll.

Sieben Jahre sind sie zusammen, als seine Sklavin ihm den Schock seines Lebens verpasst: Sie hat im Club einen Polizisten gesehen und schreibt in ihrem Tagesbericht, dass sie gern einmal Sex mit ihm hätte. … Er stellt sie zur Rede, unterzieht sie einer strengen Bestrafung. Aber sie bleibt dabei: Sex sei doch nicht mit Liebe zu verwechseln. Er könne schließlich alles kontrollieren, auf Wunsch auch beobachten.

Nein, das erträgt er nicht.

Noch am selben Abend wirft er sie aus der Wohnung.  Sie wird nie wieder über die Schwelle treten.

In der Firma bietet man ihm eine große Herausforderung an: Er soll ein neues Geschäftsfeld planen und entwickeln, unter Berücksichtigung modernster  Managementkriterien. Er bekommt einen völlig neuen Vertrag, einen großen Mercedes und ein üppiges Gehalt. Der Vertrag ist zunächst auf ein Jahr datiert.

Er stürzt sich begeistert in die Arbeit, konzipiert den Vertrieb, schult Mitarbeiter, legt durchdachte Programme zur Gewinnoptimierung vor.

Aber als das Jahr zuende ist, erklärt man ihm, die Lage im Maschinenbau sei derzeit so unsicher, dass man das Projekt leider auf Eis legen müsse. Sein Vertrag könne deshalb  nicht verlängert werden. Da ist er 44 – und steht vor der Tür.

Kämpfen um den Lebenstraum

Er kämpft um seinen Lebenstraum: Er bewirbt sich in ganz Europa – sogar in Ostdeutschland, wo er eigentlich absolut nicht leben will. Er hat zahlreiche Vorstellungsgespräche – aber es gibt immer irgendein Problem, das eine Anstellung verhindert. Er fühlt sich entsetzlich allein, vermisst eine Frau, SEINE Frau an seiner Seite. Die hat inzwischen nicht nur wieder geheiratet, sondern auch noch zwei zusätzliche Kinder bekommen …

Er bleibt sehr diszipliniert. Auch ohne eine Anstellung zieht er jeden Morgen seinen Anzug an und arbeitet zu festen Zeiten in seinem Arbeitszimmer, wo er über eine perfekte technische Ausrüstung verfügt. Nach dem Abendessen trinkt er Wein und sucht im Internet nach Ansprechpartnerinnen. Im Frühjahr meldet sich in einer Kontaktbörse an – Nickname Natter. Nach langem Nachdenken beginnt er einen täglichen Chat mit „Lady.“

Der Chat entwickelt sich schnell zu einer Freundschaft. Lady ist selbstständig und arbeitet auch in einem Büro. Sie gewöhnen sich an, den ganzen Tag online zu sein, sich quasi gegenseitig den fehlenden Kollegen am Schreibtisch gegenüber zu ersetzen. Sie beraten sich gegenseitig in beruflichen Fragen – und irgendwann ist er bereit, auch mal kurz mit ihr zu skypen. Er sitzt im Anzug an seinem Schreibtisch, sie im Kleid an ihrem. Als sie zum ersten Mal in seine unglaublichen Augen sieht, ist sie sprachlos – was sonst selten vorkommt. Ihre braunen Augen versinken in diesem unglaublichen Blau – und sie will von diesem Tag an nur noch eines: Ihn persönlich kennen lernen. Er reagiert spöttisch und überlegen: Mit weiblichen Winzlingen (sie ist 1,66 Meter groß) gebe er sich nicht ab. Aber in seinem Herzen regt sich scheu eine kleine Hoffnung.

Sie unterhalten sich über seinen Glauben und über ihren – sie reden über Grenzwissenschaften und außersinnliche Wahrnehmungen. „Meine Oma hat in der Kirche immer eine Frau sitzen sehen, die schon seit Jahren tot war,“ erzählt er. „Sie brauchte die Hilfe eines Apostels, um davon befreit zu werden.“ „Kann ich mal mitgehen in deine Kirche?“ fragt sie und bekommt Sekunden später einen Link: „Da ist die Anschrift der NAG in deinem Ort. Geh erstmal da hin.“

Als es Herbst wird, hat er darüber nachgedacht. Er schreibt ihr eine ganz kurze Mail: „Ein Treffen ist möglich“, steht da.

Ihr Herz will jubeln, aber es wird bleischwer. Jetzt muss sie Farbe bekennen. Mittlerweile kennt sie seine Lebensgeschichte, weiß von seiner gescheiterten Ehe und der Sklavin. Aber sie selbst hat ihm nicht gesagt, dass sie verheiratet ist. Verheiratet und nicht geschieden. Er ist der wertvollste Mensch in ihrem Leben geworden, ihr Vertrauter, ihr Freund und der Mann, mit dem sie sich eine glückliche gemeinsame Zukunft vorstellen kann. Sie darf ihm nicht weh tun. Sie darf ihn nicht belügen – sie weiß, dass er das nicht ertragen würde. Aber sie hat entsetzliche Angst, ihn zu verlieren, wenn sie die Wahrheit sagt.

Am Vorabend des Treffens – sie wollen an einem neutralen Ort ein Eis essen gehen, weiß sie, dass sie nun handeln muss. Sie ruft ihn an und sagt ihm die Wahrheit. Er legt auf ohne ein weiteres Wort.

Sie fühlt sich, als müsse sie sterben. Stunden später ruft sie nochmal bei ihm an. Auch seine Stimme zeigt: Er ist am Boden. „Wir können Freunde sein,“ sagt er. „Aber sehen werden wir uns nie.“ Sie stimmt zu – sie hätte allem zugestimmt, wenn sie ihn nur nicht verliert.

Sie setzen ihre täglichen Gespräche fort und erwähnen das gescheiterte Treffen nicht mehr. Sein Leben entwickelt sich langsam zur Katastrophe. Nach einem Jahr ohne Job verliert er das Arbeitslosengeld. Er löst seine Wohnung auf, lagert die Möbel ein und zieht ins Gästezimmer zu seiner Mutter. Er bewirbt sich nun auf alles, was ihm vor die Augen kommt – auch als Dreher. Noch einmal keimt Hoffnung auf: Er findet eine Arbeit als normaler Mitarbeiter im Vertrieb: Wieder Maschinenbau. Und er muss 90 Kilometer von seiner Wohnung zur Arbeit fahren. Er nimmt es auf sich – er würde nie fortziehen ohne seine Mutter. Aber dann müsste er sicher sein, dass er die Arbeit auch behält.

Seine Intuition hat ihn nicht getäuscht: Elf Monate, nachdem er in der neuen Firma angefangen hat, wird er zusammen mit einem Schwung weiterer Mitarbeiter entlassen: Die Lage im Maschinenbau ist katastrophal, es gibt kaum noch Auftragseingänge, Aussicht auf Besserung besteht nicht.

ES

Sie versucht, ihm Mut zu machen, legt ihm auf seinen Wunsch hin sogar die Karten – aber es wird nicht mehr besser. Er versucht, möglichst nicht mit ihr zu skypen – es schneidet ihm ins Herz, wenn er bemerkt, wie glücklich es sie macht, in seine Augen zu sehen – und es macht ihn krank, dass sie immer wieder darum bittet, doch wenigstens einmal mit ihr Eis essen zu gehen. Er hat seinen Standpunkt klar gemacht – und basta.

Er macht sich selbstständig. Auf seiner Homepage bietet er sich als Interim-Manager an, vermittelt außerdem gebrauchte große Industriemaschinen und Kredite. Er wird Mitglied in den großen Online-Berufsnetzwerken. Hier läuft ihm auch – scheinbar – die Chance seines Lebens über den Weg: Eine britische Investorengruppe, die Unternehmen in Not gegen Provision über Kredite die Handlungsfähigkeit erhält, will sich auf das Festland ausdehnen. Man bietet ihm die Generalvertretung für die Schweiz an. Kann es sein, dass er doch noch eine Chance bekommt, seinen Traum zu leben? An seinen persönlichen Engagement soll es nicht scheitern. Nach einigen Wochen der Einarbeitung geht es los. Hier ist seine imposante Erscheinung ebenso wie sein direktes Auftreten durchaus ein Vorteil. Ein Festgehalt bekommt er nicht, aber es winken satte Provisionen.

Ihr schwant nichts gutes, als sie von der Übereinkunft hört. Aber sie sieht auch, dass er definitiv keine Wahl hat. Ein paarmal ist es schon gut gegangen, Kunden konnten sich über hohe Kreditsummen freuen, die ihnen keine Bnak mehr bereitgestellt hätte. Aber dann läuft alles auf einmal schief. Er trifft sich mit US-Investoren in einem Hotel und nimmt die vereinbarte fünfstellige Vorausleistung in Empfang. Nur: Die Amerikaner sehen die vereinbarte Kreditsumme nie – und die britische Investorenguppe mit dem klangvollen Namen verschwindet von der Bildfläche.  In der öffentlichen Meinung bleibt er übrig als betrügerischer Kreditvermittler. Das ist das Ende seiner weißen Weste.

Herz für immer versteinert

Er fühlt sich wie bei einer Drückjagd: Von der Hundemeute ins Dickicht gedrängt, das seinen letzten Schutz vor dem Blattschuss darstellt. Er schämt sich dermaßen, dass er sogar ihr, der besten Freundin, die Blamage nicht mitteilen will – sie liest per Zufall darüber im Netz. „Schau,“ sagt sie – „auch wenn man die ehrlichsten Absichten hat, können sich die Dinge ganz furchbar falsch entwickeln – so wie bei mir und der Tatsache, dass ich verheiratet bin.“ Und wieder bittet sie ihn aus tiefstem Herzen, ihr doch ein einziges Mal zu erlauben, mit ihm eine Tasse Kaffee oder Tee zu trinken. Er reagiert wütend, will das nicht schon wieder diskutieren. Da rastet sie aus: Sie erfindet freihändig eine Geschichte, was sie unternehmen werde, wenn sie die Sehnsucht nach ihm schlicht nicht mehr aushält – und schildert die Dinge ausführlich in buntesten Farben. So sehr redet sie sich in Rage, dass sie sein Schweigen gar nicht bemerkt. Bis es ihm reicht. Er legt auf.

Er hat nie wieder abgenommen. Es war sein letzter Versuch, noch rechtzeitig eine Frau zu finden, die er lieben, ehren und mit der er hätte Kinder zeugen können. Wenn er sich nach Sex sehnt, besucht er fortan einschlägige Foren im Netz und verschafft sich körperlich Entlastung. Eine Anstellung hat er nicht mehr gefunden. Aus den Berufsnetzwerken ist er ausgetreten, seine eigenen Sites hat er gelöscht. Seine Telefonnummer hat er mehrfach gewechselt.

Der Teil seines Herzens, der nicht zu Stein geworden ist, konzentriert sich auf die Mutter, die wie sein ganzes Leben über, voll und ganz hinter ihn stellt. Gemeinsam mit ihr zu kochen, macht ihm großen Spaß – und er liebt ihre wundervollen Sahnetorten. Die Schweiz meidet er nun wie die Nordsee mit der kleinen Insel. Eine Partnerin sucht er nicht mehr. Die Briefe der Chat-Freundin, die auch nach Jahren noch bei ihm eintreffen, wirft er ungelesen weg.

Nie, niemals wieder, wird er einer Frau sein Herz öffnen.

Siehe auch:

Leben als Soziopath: „Das schlimmste war: Ich konnte absolut nichts fühlen“

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst und die dortige Linkliste

Ich kann’s nicht etragen, nochmal zu versagen

Wenn ein Herz bricht

Kaltes Herz: Narzistisscher Missbrauch und wie man wieder auf die Beine kommt 

Von allem getrennt – sogar von sich selbst: Depression ist ein Albtraum, der nie endet

Update: Niemand überlebt die Liebe unbeschadet

Update: Loslassen macht frei – Tipps wie man das macht

Nachtrag: Aus einem Interview der Allgemeinen Zeitung Mainz mit dem Kardiologen Thomas Meinertz:

Kann man an einem gebrochenen Herzen sterben?

Meinertz: „Ja, bei einer Stress-Kardiomyopathie, dem Takotsubo-Syndrom. Gott sei Dank für diese akute Erkrankung des Herzens, die dem Herzinfarkt ähnlich ist, selten akut zum Tod. Die Stress-Kardiomyopathie besteht in einer Störung der Herzmuskelfunktion durch akute physische oder psychische Belastung. Der Stress schädigt dabei direkt die Herzmuskulatur, ohne dass die Herzkranzgefäße betroffen sind – im Gegensatz zum Herzinfarkt, bei dem die Herzkranzgefäße eingeengt oder verschlossen sind.

An gebrochenem Herzen kann man durch einen plötzlichen Herztod, also rasche Rhythmusstörungen, oder Kammerflimmern, aber auch durch eine Herzmuskelschwäche sterben.“

Von allem getrennt, sogar von sich selbst – Depression ist ein Albtraum, der nie endet

Selbstmorde von prominenten Schauspielern und Sportlern haben das Thema in den letzten Jahren mehr in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt: Eine Depression ist eine ernst zu nehmende Krankheit. Sie hat nichts mit einem Burnout zu tun – auch wenn sie oft gemeinsam mit einem solchen auftritt. Es gibt verschiedene Formen der Depression – allen gemeinsam ist jedoch, dass sie ab einem bestimmten Stadium die Betroffenen in akute Suizidgefahr bringen. 

Im Gegensatz zur Meinung mancher Angehöriger geht es einem Menschen, der sich in einer solchen Lage selbst auslöscht, nicht um Rache, auch nicht um Schuldzuweisungen. Er ist einfach nur nach einem langen, einsamen und, wie ihm scheint, völlig aussichtslosen Kampf müde – so qualvoll erschöpft, dass ihm der Tod wie ein tröstlicher, letzter Ausweg erscheint.

Auch in meinem Umfeld gab es im Laufe der Jahre drei Selbstmorde nach vielen Jahren Depression. Bezeichnenderweise waren es auch hier Männer, die letztlich den Mut hatten, Hand an sich anzulegen. Statistisch gesehen leiden aber mehr Frauen als Männer unter schweren Depressionen. Ich will deshalb hier die Lebensgeschichte einer Frau erzählen – sie ist bestmöglich anonymisiert.

Sie kann sich genau an das Lebensgefühl erinnern, das sie hatte, als sie noch „rund“ war. Als sie die totale Lebenskraft in sich fühlte, gern und viel lachte, voller Tatendrang war und damit ihren Eltern gehörig auf die Nerven ging. Wie alt genau sie war, als das aufhörte, weiß sie nicht mehr. Aber es war lange vor der Einschulung.

Im Kindergarten blieb sie nicht lange. Der Vater fand, die Erziehung dort sei zu primitiv. Sie erinnert sich, dass sie an heißen Sommertagen allein durchs Dorf strich, auf der Suche nach Spielgefährten. Sie weiß noch, wie leer und bleischwer sie sich dabei fühlte und wie sie manchmal bei den Kühen im Stall Zuflucht suchte. Die waren so warm und weich.

Sie weiß auch noch, wie sehr sie das Dorf liebte. Das Dorf, seinen Geruch, und wenn sich beim Heimkommen die Abendsonne in den Fenstern ihres Hauses rot spiegelte. Dann war ihr Herz ganz heiß, und Tränen der Liebe stiegen ihr in die Augen. So ist das überhaupt mit ihren Gefühlen. Entweder sind sie völlig weg – oder so überwältigend, dass sie ihrer kaum Herr wird. Besonders das Mitgefühl machte ihr schon früh zu schaffen: Als das Schwein vor der Tötung mit dem Bolzenschussgerät über den Hof ausbüchste und herzzerreißend schrie, bettelte sie den Bauern an, das Tier nicht zu töten. Als es schließlich erwischt wurde und kurze Zeit später im heißen Siedebad lag, wo ihm die Haare abgeschabt wurden, fühlte sie rasenden Schmerz im eigenen Fleisch. Das war kurz bevor sie endlich auch eine Schultüte bekam und mit den anderen in die Klasse durfte.

Es folgten ein paar schöne Jahre, in denen sie nicht so allein war. Sie liebte den Unterricht, fand absolut alles interessant. Sie war gern in der Gruppe, spielte mit den anderen Völkerball, versuchte sich im Fußball, fuhr mit den Kindern des Dorfes Schlitten. Beinahe wäre sie gewesen wie sie.

Als sie neun ist, muss sie zum Gymnasium in die Kreisstadt. Der einzige Junge aus dem Dorf, der auch dorthin geht, ist sitzen geblieben und deshalb in ihrer Klasse. Er bespuckt sie den ganzen langen Weg vom Bahnhof zur Schule und zurück. Jeden Tag. Er ist groß und dick. Sein Vater auch. Deshalb kann ihr Vater nichts unternehmen. Gott sei Dank bleibt der Junge nochmal sitzen und verlässt am Jahresende die Schule.

Abgesehen davon hat sie von den ersten Jahren nur noch fragmentale Erinnerungen: Dass ihr die Hand fast abfriert im Winter, wenn sie bei eisigem Frost die schwere Schultasche durch die ganze Stadt schleppt.  Dass sie ihren im Durchschnitt gut zwei Jahre älteren Klassenkameradinnen auf die Nerven geht, weil sie noch so kindlich ist. Das ewige Warten auf den Bus. Und an das ständige Alleinsein – daran erinnert sie sich auch. „Das Kind ist still geworden“, pflegt ihre Mutter zu sagen, wenn man sie fragt, warum ihre Tochter nicht mehr lacht.

Als sie elf ist, zieht die Familie ins eigene Haus in einem anderen Dorf. Auch hier ist sie die Einzige, die zum Gymnasium geht. Das verbleibende Jahr Konfirmandenunterricht reicht nicht, um mit den gerade mal sechs Gleichaltrigen im Ort mehr als oberflächliche Kontakte zu knüpfen. Die Einsamkeit wird ihr ständiger Begleiter. An einen heißen Sommertag erinnert sie sich noch gut: Sie zieht allein mit dem Hund durch die Wälder der Umgebung. Bei einer Rast bewundert  sie die Schönheit der Natur um sie herum, wünscht sich nichts sehnlicher, als mit ihr zu verschmelzen und ist doch schmerzhaft unerreichbar von ihr getrennt.

Mit 12 freundet sie sich mit dem Sohn des Pfarrers an. Der ist 15, geht in die selbe Schule wie sie und ist genauso allein wie sie. Er rasiert sich schon. Bis heute kann sie den Duft des fürchterlichen Aftershaves nicht riechen, ohne dass sich ihr der Magen umdreht. Aber sie haben eine gute Zeit miteinander: Sie können sich gut unterhalten und sind eine Weile beide nicht allein.

Die Familie genießt es in diesen Jahren sonntags sehr lange zu frühstücken und viel zu erzählen. Dabei erfährt sie, dass ihr Großvater, den sie nur durch ein altes Bild im Flur kennt, sich erhängt hat. „Er konnte nicht mehr schlucken,“ sagt ungewohnt wortkarg der Vater – „da kam er in eine Klinik. Als Erntezeit war, holte Mutter ihn nach Hause. Als wir abends vom Acker kamen, hing er in der Scheune.“

„Er hatte Depressionen“, sagt die Mutter. „Dann wechseln sie das Thema.

Abgeschnitten vom fröhlich Lebenden

Einsamkeit, ein schreckliches Getrennsein von allem fröhlich Lebenden, wird zu ihrem ständigen Lebensgefühl. Verzweifelt wünscht sie sich eine Zwillingsschwester. Vergeblich bittet sie die Eltern, sie ins Internat zu schicken, damit sie Gleichgesinnte finden kann. In ihrem Dorf ist sie abgeschnitten von den Klassenkameraden. Im Sportverein kann sie nicht mehr mithalten, als ihre Tischtennismannschaft das Training auf 20 Uhr verlegt. Sie muss früh ins Bett, um 5.45 Uhr klingelt der Wecker.

In dieser Zeit hat sie die ersten Magengeschwüre. Sie ist dankbar, etwas zu haben, das behandelt werden kann.

In ihrer Klasse kommt sie menschlich besten klar, wo sie finanziell nicht mithalten kann: Mit den beiden Kindern des Möbelfabrikanten, der ältesten Tochter des Fahrschullehrers und der Tochter des Baustoffhändlers. Sie sind nett zu ihr und laden sie ab und zu über Nacht zu sich ein. Sie schämt sich oft wegen ihrer Unzulänglichkeiten, versucht, sich zu revanchieren, indem sie für die Freundinnen die Hausaufgaben macht. Mit Nachhilfeunterricht für jüngere Schüler und Rasenmähen verdient sie etwas Geld – es reicht nie. Besonders die Tochter des Fahrlehrers  ist ihre Traumvorstellung einer Frau: Die drei Jahre Ältere hat lange blonde Haare, ist ein Männerschwarm und tanzt einfach göttlich.

Mit 15 lernt sie das schwarze Loch zum ersten Mal richtig kennen. Nach wochenlangen Weinkrämpfen und drastischem Leistungsabfall in der Schule bricht sie ganz in sich zusammen, wird apathisch, denkt darüber nach, wie sie ihrem Leben ein Ende setzen könnte.

„Das Kind hat Depressionen“, konstatiert der Hausarzt, zu dem der Vater sie bringt; „Librium hilft“. Und in der Tat: Das Medikament, das sie fortan einnimmt, hält sie in einer gleichmäßigen Gleichgültigkeit bei freundlicher Grundstimmung. Bis sie sich beim Schüleraustausch in England wiederfindet und nicht genug davon dabei hat. Die massiven Entzugserscheinungen wirken wie ein Weckruf auf sie. Sie setzt das Librium ab, entschlossen, jetzt endlich zu leben. Sie sieht in den Spiegel, staunt, dass aus dem hässlichen Entlein ihrer Kindheit ein recht hübsches junges Mädchen geworden ist. Und: Sie stellt fest, wie gut sie tanzen kann.

Zwei Jahre später kommt der nächste tiefe Fall. Ihre erste große Liebe hat Schluss gemacht. Sie fühlt sich hässlicher und unzulänglicher als jemals vorher, fällt zurück zurück in tiefe Einsamkeit und ist untröstlich. Zerrissen von Schmerz und Grübeleien stolpert sie durch die Abiturprüfungen. Was sie mit ihrem Leben anfangen soll, weiß sie nicht. Wenn es doch nur endlich vorbei wäre…

Ein brüchiger Weg

Sie ist 18, als ihre Ausbildung beginnt. Es fühlt sich an wie damals der Start auf dem Gymnasium. Leere, nichts als Leere. Der Chef, ein Alkoholiker, ist ihr widerwärtig. Die Sekretärin, die sie Brötchen holen schickt, macht sie hilflos wütend. Und der Kollege, der sie anbaggert statt ihr zu zeigen, was Sache ist, bringt ihr einen Krieg ein. Der einzige Gleichaltrige in ihrem Bekanntenkreis ist ihr neuer Freund. Er ist arbeitslos, wenig motiviert, an sich zu arbeiten, und sie muss ihn ernähren, aber sie hält an ihm fest. Nur nicht in diesem schwarzen Loch versinken.

Es endet als Katastrophe: Zehn Jahre lang hat sie ihn durchgezogen, ist hoch verschuldet, als sie sich endlich trennt. Sie war am Ende gewesen, hatte geweint und gearbeitet, gearbeitet und geweint. Wegen ihrer ständigen Kopfschmerzen musste sie regelmäßig vom Hausarzt gequaddelt werden – massive Beschwerden im Oberbauch waren fast unerträglich.  Beides bessert sich schlagartig, als der Freund endgültig gegangen ist. Noch Jahre später findet sie hinter Bilderrahmen, in Schränken, an den unmöglichsten Stellen Zettel, die er hinterlassen hat: „Du bist schuld. Du hast mein Leben zerstört.“

Beruflich kommt sie voran. Nun hat sie auch mehr Geld. Sie kann reisen, sich etwas leisten. Sie gewöhnt sich daran, allein unterwegs zu sein. Mal trifft sie interessante Menschen, mal nicht – nicht so wichtig. Sie genießt den Duft fremder Länder, das Rauschen des Meeres, den Klang fremder Sprachen. Ganz langsam kann sie wieder etwas fühlen. Und verliebt sich in einen deutlich älteren Mann. Er schafft es, ihr wildes Wesen zu „kultivieren“, ohne es einzuengen. Mit ihm erlebt sie das Gefühl, vor Glück sterben zu wollen, die (fast) völlige Verschmelzung. Sie blüht auf, fühlt sich freudig lebendig, arbeitet mit Lust und Liebe.

Trotzdem kauft sie in den USA das Buch „The Final Exit“. In Deutschland ist es verboten. Es beschreibt detailliert, mit welchen Methoden dem Leben ein Ende gesetzt werden kann. Sie fühlt sich gerüstet für den Fall, dass sie wieder im Loch versinkt.

Fünf Jahre später die Trennung. Diesmal wird es lebensgefährlich. Sie sitzt in dem Reihenhaus, das sie allein bewohnt, Tag um Tag in dröhnender Stille schweigend im Sessel und starrt  den Boden an. Sie isst nicht, trinkt nicht und schafft es nicht, zu telefonieren, tagelang nichtmal, vom Sessel ins Bett zu gehen. Niemand vermisst sie – sie ist im Freizeitausgleich für hunderte von Überstunden. Die Einzige, die wahrnimmt, wie es ihr geht, ist die Putzfrau. Die macht sich Sorgen, kontaktiert ihre Sekretärin, die wiederum einen Therapeuten findet. Sie bekommt ein Antidepressivum und ein Mittel gegen die ständige Schlaflosigkeit. Sie beginnt eine Therapie.

Mit den Jahren wird der Arzt zur wichtigsten Konstante ihres Lebens. Sie hat ihm versprochen, sich dem Leben zu stellen, er hat ihr versprochen, sie nicht im Stich zu lassen. Beide halten sich an ihr Wort. Ganz, ganz langsam lernt sie, sich selbst zu betrachten und anzunehmen. Sie lernt, sich zu beobachten und die Anzeichen der schwarzen Löcher schneller zu erkennen. Manchmal kann sie sich nun fühlen. Aber einen Sinn in ihrem Leben erkennt sie nur, wenn sie sich im Dienst der Firma für Menschen engagiert.

Sobald das jeweilige Projekt endet, endet ihr Lebenssinn. Also arbeitet sie viel, auch in ihrer Freizeit. Sie verdient auch viel. Und sie kauft viel ein. Massenweise Schmuck und  teure Kleider. Sie stellt die Tüten in eines der leerstehenden Zimmer. Manche landen später noch mit Preisschild im Altkleidercontainer.

Dann die Wende: Sie lernt ihren späteren Mann kennen. Quasi vor der Haustür – ein Wunder.

Er ist gleichaltrig, ruhig, freundlich. Sie erlebt ihn als mutigen Menschen, der sich seinen Ängsten stellt, und ist beeindruckt. Schon nach wenigen Wochen wohnt er überwiegend bei ihr. Das geht ihr zu schnell, aber sie freut sich auch: Sie ist nicht mehr allein. Es gibt eine Struktur in ihrem Leben, einen Grund, abends nach Hause zu gehen.

Ein gutes Jahr später kaufen sie ein Haus und renovieren es gemeinsam. Es wird die ausgeglichenste Zeit in ihrem Leben. Endlich ist sie wie alle Anderen Teil der Gemeinschaft: Sie lebt mit einem Menschen zusammen, dem sie von Herzen zugetan ist, der sich um sie kümmert so wie sie sich um ihn, mit dem sie sich die Aufgaben des Alltags gerecht teilt. Das Elend scheint überwunden.

Sie arbeiten viel, verdienen gut, machen schöne Urlaubsreisen, sprechen miteinander, wenn auch zunehmend nur noch über die Arbeit. So merken sie zu spät, was sich in ihr Leben schleicht: Immer weniger gemeinsame Abende oder Wochenenden, immer weniger gemeinsame Interessen, gemeinsame Unternehmungen. Während sie selbst immer schlechter schläft und zunehmend unter Atemproblemen leidet, wird ihr Mann immer müder. Kaum haben sie das gemeinsame Abendessen eingenommen, schläft er auf dem Sofa ein. Sie sieht ihm beim Schnarchen zu und spürt bleierne Verzweiflung in sich aufsteigen. Nun ist sie einsam, obwohl sie zu zweit ist. Wofür arbeitet sie eigentlich so viel? Soll ihr Leben nun immer so weiter gehen? Wo ist der Sinn? Wann hat dieses Elend endlich ein Ende…

Ausbruchsversuch führt zum „Todestag“

Es ist im siebten Jahr ihrer Beziehung, als in der Mittagspause eines Meetings der Kollege auf sie zukommt: „Essen wir in der Kantine oder machen wir einen Spaziergang am Fluss?“  Sie gehen zum Fluss, wo er ihr berichtet, dass er nach tätlichen Angriffen seiner Frau die Familie verlassen und eine eigene Wohung bezogen hat. Er will ein neues Leben beginnen.

Sie kennen sich seit vielen Jahren und wissen sich beruflich zu schätzen. Er pflegt sein Image als kühler Stratege, sie ihres als emotional Kreative. Von nun an sprechen sie oft miteinander, tauschen sich aus, auch über die Einsamkeit.  Sie erkennt in ihm Anteile des früheren, deutlich  älteren Geliebten, findet in der körperlichen Nähe ein ähnliches Glück. Einmal sagt er: „Hey, willst du Kinder von mir?“

Ja, sie will. Später wird sie dankbar sein, die Frage nicht laut beantwortet zu haben.

Ihre Arbeitsplätze liegen weit auseinander, sie sehen sich nicht oft. In den Zwischenzeiten bringt sie seine Kühle oft zum Weinen – warum, versteht sie nicht. In der Firma findet währenddessen eine Neuordnung der Führungsebene statt. Sie fühlen sich beide berufen, mitzumischen.

Nach einem Jahr beichtet sie die Affaire, teilt ihrem Mann mit, dass sie sich trennen will. Nach einigen Wochen mit langen Gesprächen und vielen Tränen beschließt ihr Mann, auszuziehen.

Es kommt der Tag, den sie fortan „meinen Todestag“ nennen wird.

Am Vorabend zu ihrem 40. Geburtstag, einem Samstag, lädt ihr Mann sie zum Abschiedsessen ein. Er schenkt ihr 40 Rosen und ihre Freiheit, führt sie an den Ort, wo sie sich kennengelernt haben und fährt danach in seine neue Wohnung. Ihr Geburtstag bricht an. Sie geht durch das Haus, betrachtet die leeren Stellen, die er hinterlassen hat, fühlt sich hohl und grau, will den Geliebten sprechen. Nach mehrstündigen Versuchen erreicht sie ihn. Er ist kurz angebunden,  sagt, er werde zurückrufen.

Es dauert sieben Stunden, bis er sich meldet. Da kann sie ihren Körper kaum noch bewegen, das Sprechen fällt ihr unendlich schwer. Er hatte einen angenehmen Tag, berichtet wortreich davon und meint, nun müsse er eilig nach Hause. Ihren Geburtstag hat er vergessen. Sie schafft es nicht, ihm zu berichten, wie ihr Wochenende verlaufen ist, möchte um Hilfe rufen, bringt kein Wort heraus.  Bleierne Schwärze senkt sich in ihr Herz, umhüllt sie vollständig.

Als er sich an ihren Geburtstag erinnert, sind sechs Wochen vergangen. Sie hat ihn nach einem Meeting mit sarkastischem Unterton zum Edel-Essen eingeladen. Da ist es schon zu spät. Sie hat begonnen, seinen Worten zu misstrauen.

In den folgenden Monaten folgt Unheil auf Unheil. Sie gerät mit dem Geliebten in eine Konkurrenzsituation, erfährt von der Geschäftsführung, dass er den angestrebten Posten erhalten wird. Er selbst wird es ihr erst Wochen später sagen. Da ist sie von seinem fehlenden Vertrauen bereits so verletzt, dass sie ätzend reagiert, statt sich mit ihm zu freuen. Wenig später ruft er sie morgens um 7 Uhr an, um ihr zu sagen: „Ich habe mich verliebt. Sie ist nur eine kleine Halbtagssekretärin, aber sie ist mir jetzt schon um so viel näher als du.“

Es trifft sie unerwartet, und es fühlt sich an wie ein Fallbeil. Sie kann nur noch schweigen. Jedes Gefühl ist erloschen.

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Mechanisch arbeitet sie weiter. Mechanisch erwartet sie nun auch ihr berufliches Ende, ist der Geliebte doch zum Vorgesetzten geworden.

Seine neue Position vereinbart sich nicht mit ihrem Wissen um sein Innenleben. Deshalb soll sie verschwinden. Es ist ihr sofort klar. Und dennoch kann sie sich nicht vorstellen, das Unternehmen zu verlassen. Es ist doch ihre ganze Familie…

Zu ihrem Asthma gesellen sich nun zunehmend Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Sie nimmt ab und wieder zu – zehn Kilo innerhalb weniger Wochen geht es mit Leichtigkeit rauf und runter. Sie beginnt wieder zu reisen, fliegt nach Mexiko, nach China, in die Türkeit, nach Spanien – egal wohin, Hauptsache anders. Sie arbeitet wie eine Besessene, bringt sich aus den USA Ma Huang mit, um durchzuhalten, nimmt Schlafmittel, um wenigstens zwei oder drei Stunden pro Nacht zu schlafen. Der Arzt erreicht sie nicht mehr. Sie weiß nur: Wenn sie aufhört, stirbt sie. Die Zukunft ist schwarz wie die Nacht.

Ein subtiles Mobbing hat begonnen. Ihre Projekte sind überdurchschnittlich erfolgreich und daher nicht angreifbar. Deshalb greift man ihr Wesen an. Hysterisch sei sie, chronisch negativ und psychisch instabil. Von einem Tag auf den anderen soll sie nachweisen, dass ihre sieben Mitarbeiter sich nicht woanders  beworben haben – und zwar durch deren Unterschrift. Im Urlaub erwartet man von ihr eine Ausarbeitung über die Gesamt-Zukunft des Unternehmens. Diese wirft man dem Vorgesetzten im Rahmen einer Mitarbeiterversammlung an den Kopf und löst damit kalte Wut aus. Es folgen sinnlose Anordnungen, die in ihren direkten Zuständigkeitsbereich eingreifen, der Abzug der guten Mitarbeiter, man schickt ihr einen hoffnungslosen Alkoholiker. Immer mehr Situationen mit einem unlösbar großen Arbeitspensum entstehen.

Sie hält dagegen, wehrt sich mit Händen und Füßen.

Die Schlaflosigkeit fordert ihren Tribut. Immer öfter schließt sie stundenlang die Tür, sagt der Sekretärin, dass sie nicht gestört werden will und weint sich die Augen aus dem Kopf. Der Arzt will sie ins Krankenhaus einweisen. Sie lehnt ab.

Es ist ein Kampf, den sie nicht gewinnen kann. „Sie gehen aufs falsche Klo und pinkeln in die falsche Richtung“, teilt ihr nach zwei Jahren Mobbing unverblümt ein Geschäftsführer mit. „Die werden Sie niemals reinlassen, und ich kann Sie nicht schützen.“

Wenig später fordert der Ex-Geliebte sie auf, ihren Vertrag zurück zu geben und freiwillig eine deutlich niedrigere Position zu übernehmen. Sie lehnt ab.

Zwei Wochen danach gibt sie auf. Sie meldet sich krank und weiß, dass sie nicht mehr zurück kehren kann.

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Jetzt kann sie nachts ohne Versagensangst wach sein, tagsüber ein paar Stunden schlafen. Sie lernt den Duft ihres Gartens bei Sonnenaufgang kennen. Sie kann den Gesang der Vögel wieder hören und findet sie unsagbar schön, die Natur – von der sie selbst durch eine unüberwindbare Glaswand getrennt ist. Ihr Körper wiegt Tonnen. Sie kann die Arme kaum heben – nichtmal, um sich selbst auszulöschen. Ihre Zukunft ist schwarz.

Sie hat ständig Blutungen, lässt sich schließlich die Gebärmutter entfernen – registriert mit tiefer Befriedigung: Jetzt kann sie kein Mann mehr mit dem Versprechen gemeinsamer Kinder locken.

Sie entwickelt detaillierte Pläne, sich das Leben zu nehmen. Die tragen ihren Ängsten Rechnng: Sie kann nicht von einer hohen Brücke springen oder sich vor einen Zug werfen – zu feige. Aber sie kann auf einen entlegenen Turm steigen, eine Flasche Champagner trinken, einen Satz Schlaftabletten nehmen und sich vor dem Einschlafen die Pulsadern aufschneiden. Oder, falls es draußen zu kalt ist, statt des Turms die Badewanne wählen. Sich nur auf Chemikalien zu verlassen, erscheint ihr zu gewagt: Was, wenn sie als Pflegefall wieder wach wird? Sich Luft in die Adern zu spritzen, traut sie sich nicht, mit dem Auto gegen eine Wand zu fahren, auch nicht. Zu groß ist die Gefahr des Überlebens.

Jeden Tag gibt sie sich noch einen Tag lang eine Chance. Noch immer weigert sie sich, in eine Klinik zu gehen. Aber immerhin nimmt sie die nun starken Serotoninwiederaufnahmehemmer und hält die Termine beim Arzt ein.

Ein gutes halbes Jahr später findet der Gütlichkeitstermin vor Gericht statt. Der Vertreter der Firma – mit dem zusammen sie einst die Ausbildung gemacht hat – sagt: „Für diese Frau haben wir keine Verwendung mehr.“ Sie lehnt eine gütliche Einigung ab.

Nun fällt ihr der eigene Anwalt in den Rücken: Die Versicherung zahle zu wenig für ihre Verteidigung. Er erwarte eine Bar-Prämie von ihr. Vom Vertreter der Firma, den er übrigens vom Tennisplatz kennt, verlangt er in den Verhandlungen geldwerte Vorteile. Dass seine Mandantin das hört, stört ihn nicht.

Sie wundert sich über nichts mehr, sagt die Prämie zu, handelt mechanisch, schreibt sich vorher jeden Zug auf. Den Höllentrip, bis ihre Abfindung ausgehandelt ist, erlebt sie wie einen Horrorfilm auf einem weit entfernten Bildschirm. Erst als sie unterschreibt, beginnt sie zu weinen – bodenlos, rabenschwarz, nicht enden wollend. Sie hat ihre Heimat endgültig verloren.

Sie ist gut in ihrem Beruf, versucht also, schnell wieder Arbeit zu finden. Aber sie bekommt keinen Boden mehr unter die Füße. Ein ihr wohl gesonnener Personaler ruft sie eines Tages an: „Wissen Sie eigentlich, dass ihr ehemaliger Vorgesetzter überall durchblicken lässt, Sie seien psychisch instabil?“

Sie versteht.

Wie viele Male kann ein Mensch eigentlich sterben?

Sie weiß es nicht.

Chronische Schmerzen haben ihren ganzen Körper erfasst. Sie kann nur noch mit Hilfe starker Schmerzmittel den Tag überstehen. Weichteilrheuma, diagnostiziert der Arzt. Und ihre Nebennieren arbeiten nicht mehr – eine Folge des langjährigen Stresses. Sie weiß: Rheuma ist eine Autoimmunerkrankung. Ihr Körper hat den Auftrag ihrer Seele angenommen und will sich selbst erledigen.

Diesmal geht sie in die Klinik. Zweimal hintereinander in kurzen Abständen für jeweils acht Wochen. Sie lernt den Umgang mit den Schmerzen, lernt zu malen, wenn sie keine Worte mehr hat. Sie lernt, sich selbst wieder im Spiegel anzusehen und vom Urteil anderer abzugrenzen. Sie erkennt ihre Traumata, lernt, was  ein Flashback ist und welche Schlüssel-Situationen sie hineinfallen lassen. Sie weint Badewannen voll Tränen, schreibt bittere Texte in ein Tagebuch und fragt sich, was nun aus ihrem Leben werden soll. Wo sie wohl einen Sinn finden kann. Ob es echte Liebe zwischen Menschen überhaupt gibt. Ob es ihr jemals gelingen kann, sich selbst anzuschauen und selbst zu lieben.

Ob sie jemals wieder etwas fühlen wird außer Schmerzen?

Sie weiß es bis heute nicht.

Find my love… 

16-10-2012 17-18-03

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Definition einer Depression durch die WHO 
„Eine Depression ist eine weit verbreitete psychische Störung, die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann.

Sie kann über längere Zeit oder wiederkehrend auftreten und die Fähigkeit einer Person zu arbeiten, zu lernen oder einfach zu leben beeinträchtigen. Im schlimmsten Fall kann eine Depression zum Suizid führen. Milde Formen können ohne Medikamente behandelt werden, mittlere bis schwere Fälle müssen jedoch medikamentös bzw. durch professionelle Gesprächstherapie behandelt werden.

Für eine verlässliche Diagnose und Therapie im Rahmen der primären Gesundheitsversorgung sind keine Spezialisten erforderlich. Die spezialisierte Versorgung ist allerdings für eine kleine Gruppe der Menschen mit komplizierten Depressionen oder für diejenigen erforderlich, die nicht auf die Behandlungen der primären Gesundheitsversorgung ansprechen.

Depressionen setzen oft in einem jungen Alter ein. Sie betreffen häufiger Frauen als Männer,  und Arbeitslose sind ebenfalls stärker gefährdet.“

Klassifikation nach ICD-10

F32.0 Leichte depressive Episode (Der Patient fühlt sich krank und sucht ärztliche Hilfe, kann aber trotz Leistungseinbußen seinen beruflichen und privaten Pflichten noch gerecht werden, sofern es sich um Routine handelt.)
F32.1 Mittelgradige depressive Episode (Berufliche oder häusliche Anforderungen können nicht mehr oder – bei Tagesschwankungen – nur noch zeitweilig bewältigt werden).
F32.2 Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome (Der Patient bedarf ständiger Betreuung. Eine Klinik-Behandlung wird notwendig, wenn das nicht gewährleistet ist).
F32.3 Schwere depressive Episode mit psychotischen Symptomen (Wie F.32.2, verbunden mit Wahngedanken, z. B. absurden Schuldgefühlen, Krankheitsbefürchtungen, Verarmungswahn u. a.).
F32.8 Sonstige depressive Episoden
F32.9 Depressive Episode, nicht näher bezeichnet

ICD-10 in der WHO-Version von 2013 online

Sehr ausführlich befasst sich Wikipedia mit den verschiedenen Ursachen und Symptomen der Depression.

Die Stiftung deutsche Depressionshilfe bietet viel Information, ein Forum und Telefonnummern zur Ersten Hilfe in der Krise

Gutes Forum mit vielen Hilfestellungen: http://www.depressionen-depression.net/

Ein Mensch mit Depressionen kann ohne Hilfe nicht gesunden. Aufgrund der Knappheit fachkundiger Ärzte gibt es jedoch sehr lange Wartelisten. Hier versucht das Deutsche Bündnis gegen Depression e.V. gegenzusteuern und Hilfe anzubieten.

Viel Information, Beratung bei der Suche nach der richtigen Klinik und auch persönliche Beratung zur Selbsthilfe gibt es bei der Deutschen DepressionsLiga e.V., die sich an der Mail- und Telefon-Selbsthilfeberatung des Bundesarbeitskreises der Angehörigen psychisch Kranker beteiligt.

Mail: seelefon@psychiatrie.de

Fon: 0180 5950951

Der Bundesarbeitskreis hat eine Liste wichtiger Anlaufstellen veröffentlicht, wo Betroffene und/oder Angehörige Hilfe finden können.

Siehe auch: 

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Dualseele: Die große Hoffnung, nach Hause zu kommen

Halb zu leben bin ich nicht gemacht

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Schäm dich nicht und hol dir Hilfe

Wie sich Depressionen anfühlen – Fotos

Zehn Fakten über Depression

Einsamkeit

Update: Es geht nicht nur um dich

Update: Niemand überlebt die Liebe unbeschadet

Update: The age of lonelyness is killing us

Update: Wir sind keine faulen Schweine

Update: Etwas sanfter im Urteil sein

Update: „Sie verstehen dich einfach nicht“

Update: Depression kostet oft den Job

Update: Wenn Männer depressiv werden

Update: „Ich wünschte, alle Menschen wüssten dies über Depression“

Update: Niemand hat Mitleid mit einem Gehirn

Update: Wenn der Schmerz nicht mehr aufhört

Du siehst mich an

Du siehst mich an,

du siehst mich an!

Nein nein, du redest

nicht mit mir –

noch immer nicht –

vielleicht nie mehr…

*

Du siehst mich an –

mehrmals am Tag!

Im Netz zwar nur,

und du redest nicht –

Aber ich bin so

wahrgenommen…

*

Du siehst mich an –

hast nichts vergessen

genau wie ich !

Du redest nichts…

Aber ich liebe dich –

und freue mich.

*

Ich schau dich an –

mehrmals am Tag

in diesem Forum…

Nein nein, ich schreibe nicht,

aber ich könnte es –

der Weg scheint offen…

*

Du siehst mich an,

du siehst mich an!

Ich träume wieder…

Du redest nicht –

und doch traut sich

mein Herz zu lächeln…

            – gla – 2009