Schlagwort: Kindheit

Abschied von einem Narzissten: Sei frei mein Herz – und lebe wohl …

Jahre nach dem Überleben eines narzisstischen Missbrauchs, nach einer Therapie und der Unterstützung von Selbsthilfegruppen hat eine Frau erkannt, dass es ihre eigenen Verletzungen aus der Kindheit sind, die sie einen narzisstischen Mann mehr lieben ließen als sich selbst. Verletzungen, die sie mit der Hilfe geschulter Menschen zwar versorgen, aber nicht heilen kann. Sie hat deshalb eine Entscheidung getroffen. Sie wird nicht weiter versuchen, diese Liebe in sich zu töten. Sie kann es nicht. Aber sie kann IHN in Liebe gehen lassen. So schreibt sie ihm einen letzten Brief.

Mein Kopf weiß genau, was für ein Glück es für mich ist, dass du dich nicht mehr meldest.  Dass ich für dich tot bin.

„Eigentlich“, so hatte ich gesagt, „müsste ich dich bekämpfen. Aber ich kann nicht, denn ich liebe dich zu sehr.“ Beim Wort „bekämpfen“ setzte deine Wahrnehmung aus und dein „Raketenprogramm“ schaltete sich ein: “Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“, heißt es. „Und wer gegen mich ist, ist tot“.

Frauen gehören nicht in die Wirtschaft, sagtest du, sondern ins Haus. Weil die Natur die Rollen so vorgibt: Wäre eine Beziehung ein Körper, so wäre der Mann der Kopf, die Arme, die Beine und die Haut; die Frau dagegen das Herz, das alles mit Leben erfüllt. Ein Mann wirkt nach außen: kämpft, verteidigt, versorgt, beschützt. Eine Frau wirkt nach innen: behütet, nährt, wärmt und fühlt mit. Bricht eine Frau mit dieser Regel und will Karriere machen, muss sie scheitern, sagtest du. Das ist dann ihre eigene Schuld. Weil eine Frau das Herz ist und der Mann der Verstand, so sagtest du, muss es der Mann sein, der in einer Beziehung das letzte Wort hat. Er entscheidet im Zweifelsfall auch gegen die Frau, denn, so sagtest du, er hat eine Fürsorgepflicht.

Wie schön das klingt beim ersten Hören. Wie verlockend, von einem Mann beschützt, verteidigt und versorgt zu sein – wie einladend, Frau sein zu dürfen in einem kuscheligen Nest, in das der Herr des Hauses heimkehrt zu seinem Herzen… Und wie tückisch es in Wahrheit doch ist: Diese Einstellung legt die Rollen klar fest. Die Frau ist dem Manne untertan – steht auch so in der Bibel, wie du nicht ohne Feixen feststelltest. Das bedeutet: Der Mann erwartet nicht nur uneingeschränkte Loyalität, sondern auch Gehorsam. Bekommt er den nicht, hat er  jedes Recht, nach Gusto zu strafen oder gleich kommentarlos zu gehen.

Wie oft habe ich versucht, dir zu zeigen, dass Frauen genauso klug sind wie Männer – nicht selten klüger. Dass sie aus eigener Kraft leben können – und dass nicht jede kinderlose Frau dies aus freien Stücken ist. Natürlich schätzt du kluge Frauen. Nur sie können, findest du, dein Denken nachvollziehen und dich deinem Wert entsprechend würdigen. Auch gegen Augenhöhe hast du nichts einzuwenden – solange klar ist, wer die letzte Entscheidung trifft. Gleichwertig ja – sagtest du. Gleichberechtigt nicht.

Über die Konsequenzen dieses Denkens musste ich auch manchmal lachen. Wie an dem Tag, an dem du von einem Meeting im Konferenzsaal eines großen Hotels zurück kamst. Du hattest den Raum gemietet. Als du ihn vor dem Treffen besichtigen wolltest, so deine zutiefst empörte Schilderung, fandest du doch tatsäch zwei EMANZEN vor, die den Saal für sich beanspruchten! Ich war amüsiert, wollte wissen, wie diese Emanzen denn ausgesehen und sich verhalten hätten. „Wie EMANZEN eben,“ war deine karge, wütende Antwort.  „Und was hast du dann unternommen?“ fragte ich. „Ich bin SOFORT gegangen und habe den Hotelmanager rufen lassen. Der hat die Lage geklärt. Ich setze mich doch nicht mit EMANZEN auseinander!“

Noch oft habe ich über diesen kleinen Vorfall nachgedacht. Dein komplettes Arbeitsumfeld besteht aus Männern; Frauen kommen nicht vor. Und das, obwohl dich die Männer, denen du wirklich Vertrauen schenktest, immer wieder bitterlich enttäuschten. Wie oft habe ich darüber gestaunt, dass ein so kluger Mann wie du so wenig Menschenkenntnis hat…  Liegt es an deiner Eitelkeit? Oder an mangelnder Empathiefähigkeit? Du liebst Komplimente und Männer, die sich deinen Zielen anschließen. Selbstverständlich erwartest du auch hier Unterordnung. Und fällst dann aus allen Wolken, wenn deine Weggefährten ihren Anteil wollen – am Ertrag und an den Entscheidungen.

Wortgewaltig kannst du sein. Mitreißend ist deine Kreativität, faszinierend deine Fähigkeit, vernetzt zu denken. Wenn du einen Erfolg erzielst, bist du wie berauscht von dir, freust dich wie ein Kind. Dann erfasste mich Zärtlichkeit, heiße Zuneigung und der Wunsch, dich in die Arme zu schließen. Ich liebe es, wenn sich Distelfinken in die Brust werfen und aus voller Kehle singen… Wenn ich dir das sagte, reagiertest du jedesmal irritiert. Die Anerkennung konntest du genießen. Aber meine Zärtlichkeit machte dir Angst.

Ja, die Sache mit der Angst. Nie im Leben hättest du zugegeben, wie sehr sie dein Verhalten steuert.  Aber es gab diese Tage, an denen dich Zweifel packten. Zu den  wenigen ehrlichen Einblicken in dein Herz gehörte, dass du von deiner Angst vor dem Teufel sprachst und davor, dass er sich deiner bemächtigen könnte. Dann beeiltest du dich, Pläne zu machen zum Vorteil aller und zugunsten einer besseren Welt.

Ehrlich warst auch, als du mich beraten hast, wie man Kante zeigt gegenüber Menschen, die man verlassen will. Wie man so ein Ende herbei führt und es dann durchhält. Wie man den Anderen ignoriert, wie man all diese kleinen Hässlichkeiten zusammenstellt, die das Gegenüber demütigen, verletzen, im Regen stehen lassen. Als ich das schließlich nicht konnte, fiel dein Urteil vernichtend aus: „Du verfranst dich in einer Welt von sinnlosen Gefühlen. Du lässt zu, dass Andere von dir zehren und dich mit sich in den Abgrund ziehen. Du bist schwach und deshalb wirst du scheitern – deine eigene Schuld“.

Ja, die Sache mit der Schuld. Wenn etwas schiefgeht, muss jemand schuld sein. Und das bist jedenfalls nicht du. So war das auch, wenn wir stritten und du danach immer wieder für lange Zeit abgetaucht bist. Schuld daran war ich, weil ich Dinge ansprach, über die du nicht reden wolltest. Meine Versuche, auch gegensätzliche Meinungen zu diskutieren ohne dabei gleich die ganze Beziehung in Frage zu stellen, prallten ergebnislos an dir ab.

Alles habe ich dir geglaubt in den ersten Jahren. Aber irgendwann war es beim besten Willen nicht mehr zu übersehen. Deine Versprechen, gegeben, um Ruhe zu haben, aber ohne Absicht, sie jemals einzuhalten, haben Ströme von Tränen bei mir ausgelöst. Wie gewandt du mir das Wort im Wunde umdrehtest! Nicht doch; alles habe ich falsch verstanden, so hattest du es nie gesagt. Das war manchmal, als würde jemand  behaupten, der Himmel sei rot – und darauf bestehen, auch wenn der Rest der Menschheit eine andere Farbe sieht. Sogar vor dem platonschen Höhlengleichnis machtest du nicht halt, um zu untermauern, dass du als Einziger Recht hast. Niemals hat ein Mensch derart versucht, meine Wahrnehmung zu manipulieren. Ich bemerkte es, staunte über die Unverfrorenheit, dachte monatelang darüber nach, warum du sowas machst und kam doch nicht auf den einfachsten aller Gründe.

„Wenn es etwas gibt, wonach ich süchtig bin, so ist es Macht“, hast du mir gesagt. Ich hörte es und verstand doch nicht, wie sehr sich das auch auf mich bezog. Macht über mich zu haben war deine Motivation, sich mit mir auseinander zu setzen. Ich träumte von Liebe, von der perfekten Beziehung, vom Einssein mit einem Menschen, der mir näher schien als alle Menschen jemals zuvor. Du spieltest mit der Macht – hast unsere gemeinsame Zeit willkürlich mit frei erfundenen Gründen eingeschränkt, schließlich gegen Null geführt. Je mehr mir das klar wurde, und je mehr du sahst, dass ich  die Zusammenhänge erkannte, desto  weniger hatten  wir eine Chance auf Nähe.

Überhaupt Nähe: „Ich habe so viele Deckel auf schwarze Löcher zementiert. Würde ich diese Nähe zulassen, würden die Löcher aufbrechen und mich verschlucken“ sagtest du in einem der seltenen offenen Gespräche. „Das werde ich niemals zulassen.“ Ich hörte es und wollte es nicht glauben. Ein so kluger Mann, der so stolz ist auf seine Stärke, seinen analytischen Geist und seinen Erfolg läuft weg vor den Verletzungen seiner Vergangenheit? „Und wenn es niemand auf der Welt fertig brächte: Dir traue ich zu, dass du es schaffst. Du kannst das“, antwortete ich – und erntete Schweigen.

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So kam, was kommen musste. Ich erkannte das ganze Gebäude von Manipulation und Lüge. Und doch sah mein Herz hinter dem ganzen Ballast ein Leuchten in dir. Ich kämpfte um dich, wollte das Leuchten befreien aus den Klauen der Angst, wollte dich, und damit UNS retten. Wenn wir es schaffen, die Abgründe zu überwinden, das wusste ich, wären wir fähig, DIE Beziehung zu führen, diese einzige Beziehung, die man nur einmal in vielen hundert Leben findet. Alles war ich bereit, dafür aufzugeben – sogar meine Autarkie. Nur mein freies Denken nicht – das kann keine Macht der Erde stoppen.

Es war zu wenig für dich. Oder anders gesagt: Deine Angst war zu groß. Fast wäre ich gestorben an dir, so sehr schmerzte es und schmerzt noch immer. Bis heute ist meine Seele nicht bereit, aufzuhören, dich zu lieben. So musste ich mir schliesslich eine bittere Wahrheit eingestehen: Das narzisstische System funktioniert; jedenfalls für den Narzissten. Indem er verdrängt, was ihn verletzt hat und sich selbst auf den höchsten erreichbaren Sockel stellt, kann er sich erfolgreich vormachen, stark zu sein und alle Probleme völlig aus eigener Kraft zu lösen.

„Mach es wie ich: Der wichtigste Mensch in meinem Leben bin ich selbst“ hast du mir oft geraten. Tja, leider kann ich das nicht. Der wichtigste Mensch in meinem Leben warst und bist du.

So musste mein Kopf die Entscheidung treffen. Er hat beschlossen, dir das größte Geschenk zu machen, das ich dir machen kann: Ich schaffe es nicht, völlig von dir heil zu werden. Meine Liebe bleibt. Aber sie wird nicht mehr versuchen, um deine Nähe zu kämpfen. Ich lasse dich los.

Sei frei mein Herz. Lebe wohl.

Siehe auch: 

Herz ich verlasse dich

Der Mann meines Lebens ist Narzisst

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Partnerschaft mit einem Narzissten: Wie er und wie sie die Beziehung erleben

Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Ich kann’s nicht ertragen, nochmal zu versagen

Nur Anerkennung kann den Selbsthass dämpfen

Wenn ein Herz bricht

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symtpome

Heimat hat einen ganz besonderen Duft – Von einer Kindheit im Dorf

„Edgar Reitz mag selbstverliebt sein, aber zumindest hat er etwas Großartiges geschaffen und dem Hunsrück mit der Trilogie ‚Heimat‘ ein folkloristisches Denkmal gesetzt, aber auch Heimat & Idylle einen wundervollen intellektuellen Rahmen gegeben. Die Leichtigkeit im Umgang mit der Dramatik und die unmittelbare Nähe, d. h. die Zeichnung der Figuren, das Drehbuch, die langen Kameraeinstellungen und das Verweben der Zeitläufe mit dem Mikrokosmos des Dorfes hat er fantastisch realisiert.“

So schwärmte dieser Tage einer, der sich im Filmgeschäft auskennt, über den Morbacher Filmemacher, der die Geschichte des Hunsrücks unnachahmlich in Szene und sich selbst damit ein Denkmal gesetzt hat.

Natürlich habe auch ich „Heimat“ gesehen – wie alle Hunsrücker meiner Generation und der darüber; zumal die Geschichte ganz nah bei meinem Geburtsort spielt. Aber es ist schon lange her. Heute ist mein Leben von ganz anderen Menschen und Umständen geprägt. Da kommt plötzlich dieser ‚Heimat‘-Fan daher und löst in mir ein Feuerwerk der Erinnerungen aus … an eine Heimat, die ich im Alter von elf Jahren verlor.

Den Geruch des Dorfes kann ich noch heute unter tausenden erkennen; obwohl sich dort in den letzten 50 Jahren viel verändert hat, ist er gleich geblieben. Und jedes Mal wieder wird mein Herz ganz weit.

Unser Haus war für damalige Verhältnisse modern. Wir hatten eine Ofen-Zentralheizung, ein Bad mit Badewanne, braune Holz-Läden und an der Außenwand wuchsen prächtige, duftende Kletterrosen und ein Weinstock. In unserem großen Garten wuchsen Erdbeeren der Sorte Senga Sengana, Himbeeren und viele Johannisbeeren.  Sie zu pflücken war immer ein Wagnis, denn die Bienen im hinteren Teil waren im Sommer meist sehr nervös. Aber die Beeren schmeckten grandios und waren Grundlage für jede Menge Saft, Marmelade und Gelee.

Wenn im Dorf geschlachtet wurde, bekamen wir immer je einen Ringel Blut- und Leberwurst, sowie ein Eimerchen Wurstsuppe. Die hätte ich geliebt – wenn obendrauf nicht zentimeterdick das  Fett gestanden hätte… Geschlachtet wurde bei den Bauern auf dem Hof. Einmal war ich blass vor Entsetzen, als das Schwein dem Bolzenschläger entkam und schreiend zu flüchten versuchte. Kaum hatte man es eingefangen und der Metzger es schließlich getötet, lag der zuckende Körper auch schon in der Wanne heißen Wassers und wurde abgeschabt. Es roch nach gekochter Haut und verbrühten Haaren, und ich fragte mich schaudernd, ob das Tier wirklich nichts mehr fühlen konnte.  Danach hieß es Blut rühren für die Wurst – auch diesen Geruch werde ich nie vergessen.

Solange er lebte, musste ich abends Milch holen bei „Paule Philipp“. Der große, schwere, schweigsame Mann war der ehemalige Dorfhirte. Man raunte sich zu, er habe nach dem Krieg sechs marodierende Polen erschossen, um die Herde zu schützen. Paule Philipp hütete auch den Zuchtbullen des Dorfes. Staunend saß ich in unserer Einfahrt, wenn das massige Tier hinter brünstigen Kühen im Kreis herumgeführt wurde, bis es sie dann besprang. Philipps Frau Paula bereitete jeden Abend das selbe Essen zu: warme Fleischwurst mit Kartoffelpüree. Auch dieser Geruch, der immer die Küche erfüllte, wenn ich ihr das Geld für die Milch gab, gehört untrennbar zu meiner Kindheit.

Heute steht das alte Fachwerkhaus der beiden nicht mehr, auch die Stallungen wurden abgerissen. Später holte ich die Milch ein paar Meter weiter beim Hof der Herbers. Dort wurde ich sowas wie das vierte Kind: Ich war immer und überall dabei. Ich liebte es, abends im Kuhstall zu sein, den Tieren zuzusehen, wie sie gemächlich mahlend kauten, dem Saugen und Klopfen der Melkmaschine zu lauschen, den ruhigen gleichmäßigen Bewegungen von Onkel Gustav und den Kindern zu folgen, wenn die den Mist herausgabelten und frisches Stroh aufschütteten.

Währenddessen wurde in der Küche das Abendessen bereitet. Es gab Berge von Bratkartoffeln, heiße Brühe, geräucherte Wurst und selbstgebackenes Bauernbrot. Das klemmte Onkel Gustav an die linke Schulter. Dann schnitt er mit einem großen Brotmesser perfekte dünne, riesengroße Scheiben ab.

Alle Essensreste kammen in der Kammer in den „Saueimer“. Jeden Tag sammelte sich da eine fürchterliche Brühe: Milchreste, Brot, Fleischreste, Kartoffeln, Brühe, Gemüse – alles durcheinander. Die Schweine quiekten vor Begeisterung und prügelten sich um den Inhalt, wenn der Eimer abends ausgegossen wurde. Von der Kammer ging es durch die Futterküche, wo die Rüben geraspelt wurden, in den Schweinestall. Da waren die winzigen Ferkelchen unter einer wärmenden Rotlichtlampe sicher davor, dass ihre Mutter sie versehentlich erdrückte. Regelmäßig mussten die Kleinen zum Trinken angelegt werden. Ich durfte helfen und weinte vor Freude über das Wunder des Lebens. Manche Schweine haben blaue, andere braune Augen. Und diese langen Wimpern, und der kluge Blick…

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Ein anderes Mal, Jahre später, durfte ich bei der Geburt eines Kälbchens helfen, das falsch herum im Mutterleib lag. Wir musste die Beinchen im Körper der Kuh zusammenbinden, damit die Geburt ohne Verletzungen von Mutter und Kind stattfinden konnte. Auch da war ich von Tränen überströmt, als das Kleine endlich draußen und mit Heu trocken gerieben war.

Alles, einfach alles fand ich toll auf dem Bauernhof. Wann immer ich weg durfte, stand ich an und fragte, was ich helfen könne. So durfte ich das frische Heu mit der Gabel ins Gebläse schieben, das es auf den „Heustock“ blies. Ich war staubbedeckt, berauscht vom Duft der Gräser  und glücklich. Wenn die Kartoffeln geerntet wurden, ging ich mit den anderen durch die Furchen und sammelte sie in Körbe. Als die Rüben dran waren, durfte ich den Traktor im ersten Gang schrittweise nach vorn bewegen, während die Anderen die Rüben auf den Wagen warfen. Ich platzte fast vor Stolz und trank den Duft der frischen Erde wie das schönste Parfüm der Welt.

Einmal, als die Ernte vorbei war, belohnte uns Onkel Gustav. Ich durfte mit ihm und den Kindern des Hauses auf dem Traktor in die Kreisstadt fahren. Es war fast eine Weltreise – aber es war fantastisch, im Schneckentempo auf dem unbedachten Gefährt durch die Landschaft zu tuckern und sie in sich aufzunehmen. In Der Kreisstadt gab es einen Eisbecher für jeden von uns – es war der erste meines Lebens.

Wenn die Kartoffeln eingebracht waren, war es Zeit, sie ins Silo zu schaffen, von wo aus sie später als Schweinefutter dienen sollten. Immer im Herbst kam dazu „die Dämp“ für zwei Wochen ins Dorf. In großen Druckkesseln wurden die Kartoffeln gegart, bevor man sie mit Holzschuhen in gemauerte Becken einstampfte. Für uns Kinder war das ein Fest. Wir belagerten die großen Dampfgarer, und immer wenn eine Ladung fertig war, gab es glühend heiße Pellkartoffeln für alle.  Nachbarskinder kamen mit Schüsseln, die sie sich mit Kartoffeln füllen ließen. Zuhause gab es bei ihnen als Mittagessen Pellkartoffeln mit Salz und Butter oder mit Quark. Im Freilichtmuseum Bad Sobernheim kann man beim Herbstmarkt die „Dämp“ noch immer bewundern und dabei für sich selbst feststellen: Nirgendwo schmecken frische Pellkartoffeln besser!

Als letztes kam immer der Weißkohl dran. Auch zu uns nach Hause kam ein Mann mit dem Kohlhobel und hobelte jede Menge Weißkohl in feine Schnitze. Die wurden dann lagenweise in einen schweren Steingut-Topf geschichtet und gesalzen. Ein Tuch drüber, dann ein Holzstück, und darauf einen schweren Stein. Einige Wochen später war das Sauerkraut fertig. Aber es war eine Herausforderung, es aus diesem Topf zu holen: Über dem Tuch hatte sich eine schmierige weiße Salzlake gebildet, die ich furchtbar eklig fand. Das Festessen mit Sauerkraut liebte ich dafür: Es gab Tafelspitz mit Sauerkraut, dicken weißen Bohnen und Meerettichsoße. In der Kochbrühe vom Rindfleisch garten köstliche Markklößchen, natürlich selbst gemacht. Und zum Nachtisch gab es feinen Vanillepudding mit Schokosoße und Schokoladenpudding mit Vanillesoße.

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Zu dieser Zeit hatten wir noch kein Auto. Erst später, als wir zuhause schon drei Kinder waren, bekamen wir einen DKW. An dem Tag, an dem das Auto unser wurde, zog meine  Mutter ihr schönstes Sommerkleid an – es war weiß mit schwarzen Punkten drauf – und wir fuhren spazieren.

Festtage für mich waren die Tage, an denen im Backes Brot gebacken wurde. Es gab einen Plan, nach dem die Familien der Reihe nach dran waren. Dann standen die stämmigen Frauen an den breiten Holz-Tischen bis zu den Ellenbogen im Mehl, kneteten Teig, formten Brote und Kranzkuchen, schwatzten und lachten. Und ich bettelte um Teig – so lange, bis mein Bauch schmerzte. Was für ein herrlicher Duft nach Hefe, frischem Brot und den Wellen (Äste), die in den Öfen verbrannt wurden, um sie anzuheizen! Ich habe nie wieder so gutes Brot gegessen.

In der Nähe unseres Hauses gab es einen niedrigen Apfelbaum. Er war jedes Jahr brechend voll von kleinen, rot-gelb-gestreiften, zuckersüßen Äpfelchen, die niemand erntete. Ich aß davon, bis ich fast platzte. Heute hat sein Stamm einen respektablen Umfang, der Baum ist noch immer kerngesund. Ein Stück weiter steht ebenfalls heute noch der riesige Birnbaum mit den besten grünen Birnen der Welt. Ich durfte davon essen, so viel ich wollte, und ich tat es. Und unten im Dorf, am Gemeindehaus, wuchs ein Nussbaum. Wir holten die Nüsse immer schon runter, wenn sie noch grün waren, häuteten und verzehrten das weiche, noch bittere Fleisch. Heute besitze ich selbst einen  großen alten und zwei junge Nussbäume – aber Nüsse gibt es kaum zu ernten, weil die Raben und Eichhörnchen sie alle frühzeitig abtransportieren.

Im Winter fuhren fuhren wir Kinder Schlitten: durch das ganze Dorf und noch weiter nach unten ins Tal. Eisig war es, und ein Riesenspaß. Man musste nur aufpassen, auf dem unteren Teil der Strecke nicht nach links vom Weg abzukommen. Da lief ein Abwasser vorbei, das die reine Gülle war… Wenn wir dann völlig verkühlt ins Dorf zurück kamen, durfte ich manchmal bei den Eltern meiner Freundin Petra Kaffee trinken. Ich liebte es, dort frisches Brot mit „guter Butter“, dick mit Zucker bestreut zu essen. Wenn der Kaffee zu warm war, goss die Mutter immer etwas davon in die Untertasse und schlürfte genüsslich. Und der Kranzkuchen wurde in den heißen Milchkaffee getunkt. Beides versuchte ich zuhause genau einmal…

1965 nahmen wir am Landeswettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ teil. Im Dorf herrschte helle Aufregung: Die wichtigsten Straßen wurden geteert, viele Häuser wurden herausgeputzt und frisch gestrichen, in den Bauerngärten blühte es in paradiesischen Farben. Die Kommission stolzierte durch den Ort, bewunderte alles – und dann hatten wir tatsächlich den ersten Preis gewonnen. Das war ein Fest! Es war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich all diese schwer arbeitenden Menschen in Sonntagskleidern vor ihren Häusern sitzen und Wein trinken sah.

Immer am 1. Mai und dem zugehörigen Wochenende ist die Kirmes im Dorf. Da kamen  dann die Schiffschaukel, eine Schießbude und ein Stand mit Süßigkeiten. Wir Kinder verfolgten jeden Schritt des Aufbaus. Wenn die Schiffschaukel dann stand, durften wir meist lange gratis schaukeln – weil die Kirmes ja noch nicht begonnen hatte. Es war die Zeit des Twist, und ich hatte ein Erlebnis, das mich geprägt hat. Im Festzelt spielte eine Band zum Tanz auf. Als sie „come on, let’s twist again“ anstimmte, bildete sich ein Kreis um ein tanzendes Paar. Die beiden Fremden twisteten in herrlicher Perfektion – besonders die Frau, die ein leuchtend blaues Kleid trug, war eine Augenweide. Die Menschen standen um die beiden herum und klatschten begeistert. Ich nahm mir vor, später einmal genauso gut zu tanzen und dabei genauso schön auszusehen…

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Nach der Kirmes, wenn das Festzelt abgebaut war, suchten wir Kinder im Boden nach verlorenen Münzen und atmeten dabei den Resthauch von Bier, Brettern und Bratwurst. Danach begann für mich der Sommer. Es waren heiße Sommer – zumindest in meiner Erinnerung. Das ganze Dorf ging an den Bach zum Baden. Dort war ein kleines natürliches Wehr, vor dem sich ein Becken gebildet hatte, in dem auch kleine Kinder spielen konnten. Ich liebte es. Aber irgendwann kam ein totes Schwein den Bach herab getrieben und verfing sich im Wehr. Danach durfte ich nicht mehr hin.

Abends mussten die Kühe von der Weide zum Melken geholt werden. Ein schönes Stück Arbeit, und manchmal ein ziemlich langer Weg war das. Aber ich liebte die Kühe. Schwere, aber sanfte und unglaublich freundliche Tiere waren sie. Oft, wenn ich mich im Winter einsam fühlte, schlich ich mich in den Stall und schmuste mit ihnen. Einmal hatte das allerdings böse Folgen: Eine Kuh hatte mir den halben Ärmel abgekaut…

So etwa um die Zeit, als ich schulpflichtig wurde, bekamen wir einen Fernseher. Zu ausgewählten Zeiten durfte ich Kindersendungen schauen. Ich liebte Flipper und Daktari wegen der Tiere. Etwa um die selbe Zeit bekamen wir auch einen Kühlschrank und wenig später eine Kühltruhe. Die Truhe stand in der Küche hinter dem Esstisch, mit einem Deckchen drauf und bedeutete unglaublichen Fortschritt. Vorher hatte es im Dorf eine Gefrieranlage gegeben mit abschließbaren Kühltruhen, von denen man Anteile mieten konnte. Aber man musste für jedes Stück Fleisch durchs ganze Dorf laufen. Und alle anderen Dinge mussten im Keller gekühlt werden, wo auch das Holz, die Brikett, das Eingemachte, die Kartoffeln und Winteräpfel lagerten – das funktionierte mal mehr, mal weniger gut. Ich erinnere mich mit Schrecken daran, als ich einen neuen Laib Brot  heraufholen sollte, der aber von lauter kleinen schwarzen Käferchen bedeckt war. Iiiihhhhh!

In der Waschküche im Keller schlachtete mein Vater unsere Kaninchen und manchmal ein Huhn, das er im Dorf gekauft hatte. Einmal flog so ein Huhn, bereits ohne Kopf, in der Waschküche herum und machte überall an Wänden und Decke blutige Flecken. Ich war entsetzt. Ein anderes Mal staunte ich Bauklötze, als meine Mutter das Huhn ausnahm, und sich im Bauch eine ganze Reihe von Eiern in verschiedenen Entwicklungszuständen fanden. Boah…

Ganz schlimm war das mit den Kaninchen. Da hatten wir sie das ganze Jahr mit ausgesuchtem Löwenzahn gefüttert, und dann sollten wir sie essen. Das überstieg definitiv meine Möglichkeiten, den Tod all dieser Haustiere zu verdauen.

Wir hatten im Dorf eine einklassige Volksschule. Alle Jahrgänge vom ersten bis zum achten Schuljahr wurden gleichzeitig von einem Lehrer unterrichtet – meinem Vater. Das war eine Herausforderung, nicht nur für den Lehrer. Ich erinnere mich, eine Rechenarbeit völlig verhauen zu haben, weil ich, statt die Aufgaben zu lösen, fasziniert dem Geschichtsunterricht der dritten und vierten Schuljahre zugehört hatte. Es ging um die Völkerwanderung, und ich sah die Goten durch die Lande ziehen, statt zu rechnen.

Das Schuljahr begann immer zu Ostern. Dann musste der Lehrer in den drei zur Verfügung stehenden Räumen Ostereier suchen, versteckt von den Schülern. Die bekamen dafür von ihm Süßigkeiten. Die Tafeln waren mit tollen Bildern vom Osterhasen bemalt. Am Ende eines Schuljahres wurden die scheidenden Achtklässer stilvoll verabschiedet: Wir wanderten an den Bach und sie durften sich Lieder aussuchen, die der Schulchor für sie sang. In der Schule wurde auch Puppentheater gespielt. Immer nach dem Weihnachtsgottesdienst führten die älteren Schüler das Stück im Gemeindehaus auf. Die Puppen wurden mit Pappmaché im Unterricht hergestellt und bemalt.

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Später wurde auf den Schuljahresbeginn nach den Sommerferien umgestellt, was ein Kurzschuljahr erforderte. So absolvierte ich das dritte und vierte Schuljahr in etwas mehr als einem Jahr und kam mit neun Jahren in die Kreisstadt aufs Gymnasium. Ein schlimmer Bruch mit der Heimeligkeit unseres Dorfes war das – ich brauchte zwei Jahre, um mich an diese Schule, den langen Weg früh morgens dorthin, die vielen wechselnden Lehrer und all die fremden Mitschüler zu gewöhnen.

Ja, und dann kam der Tag, an dem wir wegziehen mussten. Die Dorfschule war geschlossen worden, und wir hatten ein Haus gebaut, in einem anderen Dorf. Es war nur etwa 35 Kilometer weit entfernt. Aber für mich bedeutete das einen Abschied auf Nimmerwiedersehen. Die Abendsonne spiegelte sich in den Fenstern unseres Hauses, als wir dem Möbelwagen folgten zu unserem neuen Heim. Und ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen.