Wenn der Schmerz niemals aufhört: „Ich möchte ans Meer – das Meer werden…“ Antwort

Dies ist der Bericht einer chronischen Schmerzpatientin, die von Depressionen geplagt ist. Ich lernte sie vor einiger Zeit in einem Wartezimmer kennen. Weil der Arzt zu einem Notfall gerufen wurde, mussten wir lange warten und lernten uns unerwartet gut kennen. Sie ist eine Frau in den besten Jahren, glücklich verheiratet, zufrieden im Beruf. Aber sie ist gezeichnet von einem ständigen Schmerz. Auf meine Bitte hin schrieb sie auf, wie sich der Schmerz für sie anfühlt:

„Ist er männlich oder weiblich? Manchmal frage ich mich das, um anschließend den Kopf zu schütteln. Wie egal ist das denn?

Er ist mächtig. Das steht fest. Und unstillbar ist er.

Manchmal ist er so quälend, dass nur noch ein Ausweg offen scheint: Sterben.

Wenn ich tot bin, hört er sicher auf, mich zu terrorisieren.

Oder muss ich ihn auch dahin mitnehmen, den Schmerz?

Im Moment gerade zeigt er sein gehässiges Gesicht: Es fehlt an Wertschätzung meiner Arbeit, ich muss mich  mit Gehässigkeit, Unehrlichkeit und nicht eingehaltenen Absprachen herumschlagen. Der Schmerz verursacht wütenden Schwindel in meinem Kopf. Ich muss mich beherrschen, nicht zu zeigen,  wie effizient ich mich wehren könnte, wenn ich wollte. Ich erinnere mich der Gründe, aus denen ich nicht zurückschlage. Dann sehe ich die Schwäche hinter dem Verhalten der Anderen und beruhige mich: Der Schmerz ist weg.

Schlimmer schon ist der körperliche Schmerz. Wie spitze Nägel, wie das Bearbeiten rohen Fleisches auf einer Kartoffelreibe – so können Knochenschmerzen sein. Mein von Arthrose zerfressenes Knie wurde zur Quelle stechender, ziehender Schmerzes für das ganze Bein, die Hüfte und die Lendenwirbelsäule. Erst als ich kaum noch gehen konnte, entschloss ich mich zur Knieprothese, ging dazu zehn Tage lang zitternd, verkrampft und weinend durch eine Schmerzhölle, um schließlich aufzuerstehen und wieder zu gehen. Der Schmerz ist nicht weg, aber gut erträglich, und ich kann wieder gehen.

Ganz weit oben auf der Erträglichkeitsskala: Der Schmerz, der sich hinter dem Namen Fibromyalgie versteckt. Tückisch ist er – kommt ohne Vorwarnung, setzt immer neue Schwerpunkte im Körper, ist nie wirklich zu fassen. Manchmal kann ich den Arm nicht mehr heben, manchmal den Rücken nicht mehr gerade machen. Manchmal liegen meine Augen in brennenden Höhlen, deren Rand voller  ausgefranster spitzer Zacken zu sein scheint. Sie werden trocken, ich kann nicht mehr scharf sehen. Dann wieder ist es die obere Brusthälfte. Das Herz rast, nicht genau definierbare Weichteile glühen, alles wird eng – so sehr, dass jeder Atemzug Angst macht.

Treppen gehen unmöglich: Keine Luft, das Herz ein glühender, hämmernder Klotz in der Brust, Nacken und Rücken krampfen. Überall spitze Nadeln im Fleisch, in einem Moment rollen mir  Schweißtropfen durch’s Gesicht, im nächsten zittere ich vor Kälte. Rückzug auf’s Sofa, nicht darauf achten, dass die Haut keine Berührung mehr erträgt. Warten. Manchmal dauert es Tage, manchmal Wochen, manchmal Monate. Dann sucht sich der Schmerz einen anderen Schwerpunkt. Manchmal versteckt er sich auch. Für einen halben, vielleicht sogar einen ganzen Tag scheint er verschwunden. Nur ein dunkles Lauern im Körper zeigt dann an: Er wird wiederkommen.

All dieses aber ist nichts gegen den grauenhaften Schmerz der Seele.

Er sticht, er brennt, er zieht, er saugt – er saugt das Leben aus dem Leib. Der Leib ist es, der ihm Ausdruck verleiht. Wie ein sich drehendes Messer im Herz, ein Kloß im Hals, an dem sich Ströme von Tränen stauen, ein trockenes Brennen in den Augen, verzweifelter Schwindel im Kopf, der hintere Teil des Schädels wird zum Wackerstein, der Nacken zieht und brennt, der ganze Körper wird zum Wackelpudding – der Schmerz des Verlassenseins. Hinausschreien möchte ich ihn, aber ich bleibe stumm. Der Schmerz bleibt im Magen stecken, wird zu einem qualvoll rotierenden, spitzen Eisenrad. Es krampft der Bauch, die Beine versagen den Dienst. Hinlegen. Wärme suchen. Solarium oder Badewanne. Eine Tablette nehmen. Schlafen dürfen…

Albträume: Menschen, die nicht sind, was sie zu sein scheinen, Wege, die im Nichts enden, Berge, die zu erklimmen mir die Kraft fehlt, versinken in schlammigem Untergrund. Weinen, weinen, weinen. Um Hilfe rufen – vergebens.

Wach werden und einen dumpfen Schlag in der Magengrube spüren: Der Schmerz ist noch da.

01-02-2011 13-17-04@2011-02-01T13;46;29

Er ist immer da. Nie verlässt er mich.

Auch nicht, wenn ich umgeben bin von Menschen, die mich mögen.

Ich lächele freundlich, solange ich es schaffe.  Ich spreche wenig. Ständig suche ich.

Ich suche nach den Augen, die mich ansehen und verstehen. Die ihn kennen, diesen Schmerz. Die wissen, dass es nur einen einzigen Weg der Heilung gibt: Bedingungsloses aufeinander Einlassen, liebevolles Vertrauen, Berührung.

Ich suche nach Armen, die sich einfach öffnen und mich halten. Damit ich sie loslassen kann, diese schreckliche, graue, erdrückende Last. Nur kurz mal loslassen dürfen. Dann geht es bestimmt wieder.

Ich suche vergebens.

Was ich finde, sind andere Menschen voller Schmerz. Mit allen möglichen Tricks verschaffen sie sich Aufmerksamkeit. Kaum bekommen sie welche, reden sie. Endlos. Anklagend. Kummervoll. Pessimistisch. Und immer von sich selbst.

Du bist so erstarrt, sagen mir Freunde. Fang an, dich zu bewegen. Tanze! Schau um dich. Sieh doch, die herrlichen Farben des Lebens!

Ich erinnere mich. Ja, ich kenne sie, diese herrlichen Farben.

Aus einer Zeit, in der ich gelebt habe. Wann das war?

Keine Ahnung. Ich weiß es nicht mehr.

Ich möchte ans Meer. Ins Meer. Das Meer werden.“

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Siehe auch: 

Von allem getrennt, sogar von sich selbst   und die dortigen Hilfe-Links

Allein in der Hölle der Leere und die dortigen Links

Chronische Schmerzen: Symptom oder Krankheit?

Hilfe:

Deutsche Schmerzliga
Deutsche Schmerzhilfe
Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes
Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie
Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft
Berufsverband Deutscher Nervenärzte
Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde
Deutsche Gesellschaft für Neurologie

 

Ein gebrochenes Herz wird weitere Herzen brechen – es kann nicht anders … Antwort

Teil drei meiner kleinen Reihe über Männer, in die frau sich besser nicht verliebt, ist eine Geschichte, die, wie ich glaube, jedem Mann und jeder Frau passieren kann. Nur sind ihre Folgen mörderisch: Wenn erstmal eine unüberwindbare Firewall um ein Herz liegt, riskiert der Mensch, der es trägt, an Einsamkeit zu sterben. Und das, obwohl er nie etwas anderes wollte, als zu lieben und geliebt zu werden.

Er hat die schönsten blauen Augen unter Gottes Sonne – oh ja, die hat er. Sehr groß sind sie, manchmal schimmern sie grünlich, manchmal wie das Meer im Sonnenlicht. Drumherum lange schwarze Wimpern und darüber sensible, schwarze Augenbrauen … Er weckt Zärtlichkeit bei Frauen, und das macht ihn ungelenk und ärgerlich. Er hat eine ganz klare Erklärung, warum alles so gekommen ist: Sein Körper ist schuld. Er ist ein großer Mann: 2,03 Meter. Und jetzt, mit 50, ist er auch ein schwerer Mann: Er wiegt 140 Kilo. Das ist so, weil er seinen Schmerz mit viel Wein betäubt und und mit viel gutem Essen erstickt hat.

Er kommt aus einer alten Steigerfamilie im Pott. Seine Geburt machte seine Eltern unglaublich glücklich; hatten sie doch nach drei Totgeburten fast den Mut verloren. So waren sie eine kleine, eingeschworene Gemeinschaft. Als die Zeche schließen musste, schulte der Vater um und wurde Dreher in einer Fabrik. Diesen Beruf erlernt auch er – zunächst einmal, denn ein Mann muss etwas solides gelernt haben. Aber er erkennt früh, dass die Arbeit in der Fabrik zwar das tägliche Brot sichert, mehr allerdings nicht. Und er willl mehr: Er will raus aus NRW, raus aus dem Mief. Er will nach Süden, in die Berge – in die Schweiz. Deshalb bildet er sich weiter zum Betriebswirt und geht in den Vertrieb – im Maschinenbau. Fortan trägt er statt des Blaumanns Anzug.

Und noch etwas will er unbedingt: Er möchte Kinder haben. So viele wie möglich. Zusammen mit einer Frau, der er treu sein kann bis in den Tod. So wie es schon in der Bibel steht: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei…  Er glaubt an Gott, er betet regelmäßig und besucht zweimal wöchentlich den Gottesdienst.. Die Familie ist  Mitglied der Neuapostolischen Kirche. Der Tag, an dem sein Vater morgens tot im Bett lag, war furchtbar. Er machte die Mutter zu einer jungen Witwe und den Sohn zu ihrer ganzen Familie. Das will er ändern, unbedingt.

Er ist 30, als er sich mit Leib und Seele verliebt. Sie ist einige Jahre älter als er, entzückend zierlich, und sie hat aus erster Ehe zwei Kinder, die er auf Anhieb in sein Herz schließt. Mit großem Ernst und ganz weit geöffnetem Herzen bittet er um ihre Hand. Sie sagt ja – der Himmel leuchtet. Sie heiraten in seiner Kirche, und er verspricht, ihr treu zu sein, bis dass der Tod sie scheidet. Er tanzt mit ihr den Hochzeitswalzer, hält sie in seinen starken Armen und ist einfach nur glücklich.

Am Tag nach der offiziellen Hochzeitsfeier haben sie eine Nachfeier für die Helfer in ihrer neu eingerichteten, ehelichen Wohnung. Er ist unglaublich stolz, hilft bei der Bewirtung der Gäste und plaudert fröhlich. Als er die Küche betreten will, um Nachschub zu holen, hört er seine Ehefrau leise mit ihrer Freundin sprechen und bleibt außer Sichtweite stehen. „Ich will keine Kinder mehr,“ hört er sie sagen. „Er weiß es nicht, und er wird es auch nicht erfahren.“

Er fühlt eine eisige Klammer, die sich um sein Herz schließt. Sagt das die Frau, der er gestern das Ja-Wort gegeben hat?

Hoffen auf die Macht der Liebe

Er wird sie niemals auf diese Begebenheit ansprechen. Er wartet ab, hofft auf Gott und die Macht der Liebe.  Sie hat vor Gott geschworen, dass sie ihr Leben  mit ihm verbringen will. Sowas sagt man doch nicht einfach so.

Sie machen eine Hochzeitsreise auf eine kleine Nordsee-Insel. Es ist wie im Traum: Die Sonne strahlt, das Meer ist tiefblau, sie gehen Hand in Hand, während die Kinder um sie herum spielen, und er erzählt ihr von seinen Träumen. Sie lächelt ihn an und umarmt ihn – er ist bereit, zu glauben, dass diese Sache in der Küche nie stattgefunden hat.

Er arbeitet viel, er will voran kommen. Er will ihr doch ein Chalet bauen in der Schweiz. Sie soll Angestellte haben, damit sie die Kinder nicht als Last empfindet. Er steigt beruflich auf, wird Verkaufsleiter Westeuropa in seiner Firma. Zuhause läuft es so lala. Wenn er abends heimkommt, sind die Kinder meist schon im Bett. Seine kleine Frau wird zunehmend mürrischer. Immer öfter liegt er nachts neben ihr wach, sehnt sich nach ihrer Zärtlichkeit und erlebt sie als unerreichbar. Zwei Jahre nach der Hochzeit wird sie deutlich: „Lass mich in Frieden, du grober Klotz. Ich will keinen Sex mehr mit dir.“

Eisern hält er durch. Er hat Treue geschworen, und was man schwört, hält man auch. Außerdem liebt er sie – noch genauso wie am ersten Tag.

Aber es wird nicht mehr besser. Wenn er heimkommt und sie umarmen will, beschimpft sie ihn. Einmal ist sie so ordinär, dass er zuschlägt, spontan und ohne nachzudenken. Sie fällt zu Boden, steht wieder auf und sagt: „Jetzt hast du deinen wahren Charakter gezeigt. DU wirst mich nie mehr berühren.“ Er ist bleich vor Reue, flüchtet in die Kirche, betet, benimmt sich fortan vorbildlich. Aber die Frau neben ihm gibt sich nun keine Mühe mehr, ihre Verachtung zu verbergen.

Als er 35 ist, wird er geschieden. Er konnte es einfach nicht mehr ertragen.

Er mietet eine nette kleine Wohnung mit Arbeitszimmer und Terrasse am Waldrand und legt seine ganze Energie in die Karriere. Er verdient immer besser, sein Ehrgeiz ist groß. Er fährt nun einen großen BMW als Firmenwagen – ideal für seine langen Beine. Hinter seinem Schreibtisch im Büro hängt ein Chagall. Er versucht, nicht mehr an seine Frau zu denken, was nicht einfach ist, weil er sie immer mal wieder beim Einkaufen trifft. Er geht wieder in den Club zum Tanzen. Er tanzt gern und auch gut, und er ist ein stattlicher Mann, frau fühlt sich klein, schön und gut beschützt in seiner Nähe. An Tanzpartnerinnen fehlt es ihm nicht. Wenn er wollte, könnte er jedes Wochenende eine andere mit nach Hause nehmen. Er will aber nicht. Er will auch nicht sehen, was er in den Herzen einiger Verehrerinnen angerichtet hat.

Drei Jahre nach der Scheidung lernt er eine neue Frau kennen. Sie ist 1,79 Meter groß und eine Schönheit. Trotzdem wirkt sie schüchtern und schutzbedürftig. Sie freut sich über seine zurückhaltenden Freundlichkeiten, und bald werden die beiden ein Paar. Sie leben schon sechs Monate zusammen, als sie ihm ihre wahre Neigung gesteht: Sie ist extrem submissiv, braucht Demütigungen, um sich wirklich geliebt zu fühlen. Er, der doch eigentlich seine Frau lieben, beschützen und ehren will, ist schockiert, aber auch entschlossen, die Herausforderung anzunehmen. Sie werden Mitglied in einem BDSM-Club, wo er sich sich qualifiziert zum DOM ausbilden lässt, denn er will ihr gerecht werden, ohne ihr zu schaden.

Er stellt fest, dass ihm die Rolle liegt; gibt sie ihm doch auch Sicherheit: Er ist ihr dominantes Gegenüber; sagt, wo es lang geht. Sie schließen einen 24/7-Vertrag, der regelt, wie sie miteinander umgehen. Beide halten sich genau daran. Das schönste auf der Welt für ihn ist, wenn die Bestrafungen und Demütigungen zuende sind, er sie retten und in den Arm nehmen darf.  Trotz ihres speziellen Sexlebens schotten sie sich nicht von „Normalos“ ab: Sie gehen weiter tanzen, pflegen einen kleinen Freundeskreis, und auch seine Mutter versteht sich mit seiner Freundin gut. Heiraten ist allerdings kein Thema für ihn: Er hat schon Treue geschworen, das kann er nicht ein zweites Mal tun. Kinder stehen auch nicht zur Debatte: Er weiß nicht, wie sich das mit ihrer BDSM-Beziehung vereinbaren soll.

Sieben Jahre sind sie zusammen, als seine Sklavin ihm den Schock seines Lebens verpasst: Sie hat im Club einen Polizisten gesehen und schreibt in ihrem Tagesbericht, dass sie gern einmal Sex mit ihm hätte. … Er stellt sie zur Rede, unterzieht sie einer strengen Bestrafung. Aber sie bleibt dabei: Sex sei doch nicht mit Liebe zu verwechseln. Er könne schließlich alles kontrollieren, auf Wunsch auch beobachten.

Nein, das erträgt er nicht.

Noch am selben Abend wirft er sie aus der Wohnung.  Sie wird nie wieder über die Schwelle treten.

In der Firma bietet man ihm eine große Herausforderung an: Er soll ein neues Geschäftsfeld planen und entwickeln, unter Berücksichtigung modernster  Managementkriterien. Er bekommt einen völlig neuen Vertrag, einen großen Mercedes und ein üppiges Gehalt. Der Vertrag ist zunächst auf ein Jahr datiert.

Er stürzt sich begeistert in die Arbeit, konzipiert den Vertrieb, schult Mitarbeiter, legt durchdachte Programme zur Gewinnoptimierung vor.

Aber als das Jahr zuende ist, erklärt man ihm, die Lage im Maschinenbau sei derzeit so unsicher, dass man das Projekt leider auf Eis legen müsse. Sein Vertrag könne deshalb  nicht verlängert werden. Da ist er 44 – und steht vor der Tür.

Kämpfen um den Lebenstraum

Er kämpft um seinen Lebenstraum: Er bewirbt sich in ganz Europa – sogar in Ostdeutschland, wo er eigentlich absolut nicht leben will. Er hat zahlreiche Vorstellungsgespräche – aber es gibt immer irgendein Problem, das eine Anstellung verhindert. Er fühlt sich entsetzlich allein, vermisst eine Frau, SEINE Frau an seiner Seite. Die hat inzwischen nicht nur wieder geheiratet, sondern auch noch zwei zusätzliche Kinder bekommen …

Er bleibt sehr diszipliniert. Auch ohne eine Anstellung zieht er jeden Morgen seinen Anzug an und arbeitet zu festen Zeiten in seinem Arbeitszimmer, wo er über eine perfekte technische Ausrüstung verfügt. Nach dem Abendessen trinkt er Wein und sucht im Internet nach Ansprechpartnerinnen. Im Frühjahr meldet sich in einer Kontaktbörse an – Nickname Natter. Nach langem Nachdenken beginnt er einen täglichen Chat mit „Lady.“

Der Chat entwickelt sich schnell zu einer Freundschaft. Lady ist selbstständig und arbeitet auch in einem Büro. Sie gewöhnen sich an, den ganzen Tag online zu sein, sich quasi gegenseitig den fehlenden Kollegen am Schreibtisch gegenüber zu ersetzen. Sie beraten sich gegenseitig in beruflichen Fragen – und irgendwann ist er bereit, auch mal kurz mit ihr zu skypen. Er sitzt im Anzug an seinem Schreibtisch, sie im Kleid an ihrem. Als sie zum ersten Mal in seine unglaublichen Augen sieht, ist sie sprachlos – was sonst selten vorkommt. Ihre braunen Augen versinken in diesem unglaublichen Blau – und sie will von diesem Tag an nur noch eines: Ihn persönlich kennen lernen. Er reagiert spöttisch und überlegen: Mit weiblichen Winzlingen (sie ist 1,66 Meter groß) gebe er sich nicht ab. Aber in seinem Herzen regt sich scheu eine kleine Hoffnung.

Sie unterhalten sich über seinen Glauben und über ihren – sie reden über Grenzwissenschaften und außersinnliche Wahrnehmungen. „Meine Oma hat in der Kirche immer eine Frau sitzen sehen, die schon seit Jahren tot war,“ erzählt er. „Sie brauchte die Hilfe eines Apostels, um davon befreit zu werden.“ „Kann ich mal mitgehen in deine Kirche?“ fragt sie und bekommt Sekunden später einen Link: „Da ist die Anschrift der NAG in deinem Ort. Geh erstmal da hin.“

Als es Herbst wird, hat er darüber nachgedacht. Er schreibt ihr eine ganz kurze Mail: „Ein Treffen ist möglich“, steht da.

Ihr Herz will jubeln, aber es wird bleischwer. Jetzt muss sie Farbe bekennen. Mittlerweile kennt sie seine Lebensgeschichte, weiß von seiner gescheiterten Ehe und der Sklavin. Aber sie selbst hat ihm nicht gesagt, dass sie verheiratet ist. Verheiratet und nicht geschieden. Er ist der wertvollste Mensch in ihrem Leben geworden, ihr Vertrauter, ihr Freund und der Mann, mit dem sie sich eine glückliche gemeinsame Zukunft vorstellen kann. Sie darf ihm nicht weh tun. Sie darf ihn nicht belügen – sie weiß, dass er das nicht ertragen würde. Aber sie hat entsetzliche Angst, ihn zu verlieren, wenn sie die Wahrheit sagt.

Am Vorabend des Treffens – sie wollen an einem neutralen Ort ein Eis essen gehen, weiß sie, dass sie nun handeln muss. Sie ruft ihn an und sagt ihm die Wahrheit. Er legt auf ohne ein weiteres Wort.

Sie fühlt sich, als müsse sie sterben. Stunden später ruft sie nochmal bei ihm an. Auch seine Stimme zeigt: Er ist am Boden. „Wir können Freunde sein,“ sagt er. „Aber sehen werden wir uns nie.“ Sie stimmt zu – sie hätte allem zugestimmt, wenn sie ihn nur nicht verliert.

Sie setzen ihre täglichen Gespräche fort und erwähnen das gescheiterte Treffen nicht mehr. Sein Leben entwickelt sich langsam zur Katastrophe. Nach einem Jahr ohne Job verliert er das Arbeitslosengeld. Er löst seine Wohnung auf, lagert die Möbel ein und zieht ins Gästezimmer zu seiner Mutter. Er bewirbt sich nun auf alles, was ihm vor die Augen kommt – auch als Dreher. Noch einmal keimt Hoffnung auf: Er findet eine Arbeit als normaler Mitarbeiter im Vertrieb: Wieder Maschinenbau. Und er muss 90 Kilometer von seiner Wohnung zur Arbeit fahren. Er nimmt es auf sich – er würde nie fortziehen ohne seine Mutter. Aber dann müsste er sicher sein, dass er die Arbeit auch behält.

Seine Intuition hat ihn nicht getäuscht: Elf Monate, nachdem er in der neuen Firma angefangen hat, wird er zusammen mit einem Schwung weiterer Mitarbeiter entlassen: Die Lage im Maschinenbau ist katastrophal, es gibt kaum noch Auftragseingänge, Aussicht auf Besserung besteht nicht.

ES

Sie versucht, ihm Mut zu machen, legt ihm auf seinen Wunsch hin sogar die Karten – aber es wird nicht mehr besser. Er versucht, möglichst nicht mit ihr zu skypen – es schneidet ihm ins Herz, wenn er bemerkt, wie glücklich es sie macht, in seine Augen zu sehen – und es macht ihn krank, dass sie immer wieder darum bittet, doch wenigstens einmal mit ihr Eis essen zu gehen. Er hat seinen Standpunkt klar gemacht – und basta.

Er macht sich selbstständig. Auf seiner Homepage bietet er sich als Interim-Manager an, vermittelt außerdem gebrauchte große Industriemaschinen und Kredite. Er wird Mitglied in den großen Online-Berufsnetzwerken. Hier läuft ihm auch – scheinbar – die Chance seines Lebens über den Weg: Eine britische Investorengruppe, die Unternehmen in Not gegen Provision über Kredite die Handlungsfähigkeit erhält, will sich auf das Festland ausdehnen. Man bietet ihm die Generalvertretung für die Schweiz an. Kann es sein, dass er doch noch eine Chance bekommt, seinen Traum zu leben? An seinen persönlichen Engagement soll es nicht scheitern. Nach einigen Wochen der Einarbeitung geht es los. Hier ist seine imposante Erscheinung ebenso wie sein direktes Auftreten durchaus ein Vorteil. Ein Festgehalt bekommt er nicht, aber es winken satte Provisionen.

Ihr schwant nichts gutes, als sie von der Übereinkunft hört. Aber sie sieht auch, dass er definitiv keine Wahl hat. Ein paarmal ist es schon gut gegangen, Kunden konnten sich über hohe Kreditsummen freuen, die ihnen keine Bnak mehr bereitgestellt hätte. Aber dann läuft alles auf einmal schief. Er trifft sich mit US-Investoren in einem Hotel und nimmt die vereinbarte fünfstellige Vorausleistung in Empfang. Nur: Die Amerikaner sehen die vereinbarte Kreditsumme nie – und die britische Investorenguppe mit dem klangvollen Namen verschwindet von der Bildfläche.  In der öffentlichen Meinung bleibt er übrig als betrügerischer Kreditvermittler. Das ist das Ende seiner weißen Weste.

Herz für immer versteinert

Er fühlt sich wie bei einer Drückjagd: Von der Hundemeute ins Dickicht gedrängt, das seinen letzten Schutz vor dem Blattschuss darstellt. Er schämt sich dermaßen, dass er sogar ihr, der besten Freundin, die Blamage nicht mitteilen will – sie liest per Zufall darüber im Netz. „Schau,“ sagt sie – „auch wenn man die ehrlichsten Absichten hat, können sich die Dinge ganz furchbar falsch entwickeln – so wie bei mir und der Tatsache, dass ich verheiratet bin.“ Und wieder bittet sie ihn aus tiefstem Herzen, ihr doch ein einziges Mal zu erlauben, mit ihm eine Tasse Kaffee oder Tee zu trinken. Er reagiert wütend, will das nicht schon wieder diskutieren. Da rastet sie aus: Sie erfindet freihändig eine Geschichte, was sie unternehmen werde, wenn sie die Sehnsucht nach ihm schlicht nicht mehr aushält – und schildert die Dinge ausführlich in buntesten Farben. So sehr redet sie sich in Rage, dass sie sein Schweigen gar nicht bemerkt. Bis es ihm reicht. Er legt auf.

Er hat nie wieder abgenommen. Es war sein letzter Versuch, noch rechtzeitig eine Frau zu finden, die er lieben, ehren und mit der er hätte Kinder zeugen können. Wenn er sich nach Sex sehnt, besucht er fortan einschlägige Foren im Netz und verschafft sich körperlich Entlastung. Eine Anstellung hat er nicht mehr gefunden. Aus den Berufsnetzwerken ist er ausgetreten, seine eigenen Sites hat er gelöscht. Seine Telefonnummer hat er mehrfach gewechselt.

Der Teil seines Herzens, der nicht zu Stein geworden ist, konzentriert sich auf die Mutter, die wie sein ganzes Leben über, voll und ganz hinter ihn stellt. Gemeinsam mit ihr zu kochen, macht ihm großen Spaß – und er liebt ihre wundervollen Sahnetorten. Die Schweiz meidet er nun wie die Nordsee mit der kleinen Insel. Eine Partnerin sucht er nicht mehr. Die Briefe der Chat-Freundin, die auch nach Jahren noch bei ihm eintreffen, wirft er ungelesen weg.

Nie, niemals wieder, wird er einer Frau sein Herz öffnen.

Siehe auch:

Leben als Soziopath: „Das schlimmste war: Ich konnte absolut nichts fühlen“

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

Der Mann meines Lebens ist ein Narzisst und die dortige Linkliste

Ich kann’s nicht etragen, nochmal zu versagen

Von allem getrennt – sogar von sich selbst: Depression ist ein Albtraum, der nie endet

Update: Niemand überlebt die Liebe unbeschadet

Update: Loslassen macht frei – Tipps wie man das macht

Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten 1

Dies ist der Beginn einer kleinen Reihe von Geschichten über Männer. Über Männer, die eines gemeinsam haben: Sie ziehen eine Spur gebrochener Frauenherzen hinter sich her – und sehen sich doch selbst als Opfer. Sie alle erlebten narzisstische Kränkungen, die sie so sehr verletzten, dass sie für den Rest ihres Lebens nicht mehr bereit sind, Nähe zuzulassen. Dieser erste, erschütternde Fall ist auch gleichzeitig der mit den stärksten persönlichen Dramen. Er könnte glatt für ein Drehbuch Pate stehen.

Es ist ein kalter, sonniger Dezembertag. Die Sonne glitzert auf dem Rauhreif an den Pflanzen. Er knöpft das Jacket seines Armani-Anzuges zu und erfreut sich am leisen Klappern seiner neuen, handgefertigten italienischen Schuhe, während er auf das Auto zugeht. Sein Geschäftspartner holt ihn persönlich ab, sie wollen den Deal von gestern nochmal unter vier Augen durchgehen. Kaum hörbar gleitet der teure Wagen die Auffahrt hinab, leise knirscht der helle Kies unter den breiten Reifen. Dann schließt sich das schmiedeeiserne Tor, sie biegen auf die mit alten Bäumen bestandene Landstraße ein. Nichts deutet darauf hin, dass dies der letzte Tag seines Lebens sein wird.

Am Vortag haben sie das Geschäft des Jahrhunderts gemacht: Modernste Sicherheitstechnik in satt siebenstelligem Wert hat einen Global Player überzeugt. Folgegeschäfte winken. Was für ein Coup! Seine dunklen Augen blitzen. Er ist stolz auf sich.

Das letzte, was er sieht, ist ein dunkler Mercedes, der mit hoher Geschwindigkeit den ihnen entgegenkommenden Kleinwagen überholt. Dann wird es dunkel.

Bizarr seine nächsten Wahrnehmungen: Ein Team von Notärzten und Schwestern, kümmert sich hektisch um einen reglosen Körper, den er als den Seinen identifiziert. Er springt herzu, redet auf die Ärzte ein – und staunt, als er feststellt, dass die ihn gar nicht bemerken. Er schaut sich den Körper an und ist entsetzt: Kein Knochen mehr heil, Blut überall, die Atmung setzt aus, das Herz steht still…

Klinisch tot – und sehr lebendig

Er findet sich am Eingang eines Tunnels wieder, will schon hineingehen, als ihn ein prächtig gekleideter Mann anspricht. „Du musst nicht gehen“, sagt der, und hebt an, wortreich einen Plan dazulegen. Dummerweise ist sein Pferdefuß gut zu erkennen – nö nö.

Der Tunnel endet in einer Drehtür. Dahinter wartet warmes, helles Licht und ein unglaubliches, nie gekanntes Gefühl,  geliebt und angenommen zu sein. So hat er sich immer das Glück vorgestellt… das gibt es also wirklich. Er entspannt sich, sein Herz wird weit. Ätherische Gestalten sind in dem Licht unterwegs – irgendwie androgyn und in Pastelltönen schimmernd. Er kann nonverbal mit ihnen kommunizieren, aber so weit ist er noch nicht: Er will erst diese wunderbare neue Welt in allen Farben in sich aufnehmen.

Was ist das? Eine der Gestalten kommt mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Er erkennt seinen verstorbenen Vater. Brüsk wendet er sich ab. Nein. Er wird diesem Mann niemals verzeihen.

Schnell will er weiter gehen in dieses Licht, die Schatten für immer hinter sich lassen,  blühen im Wissen, geliebt zu werden. Aber eine machtvolle Stimme bremst ihn aus: „Du kannst hier noch nicht bleiben, du hast noch eine Aufgabe. Geh zurück. Ich gebe dir genau 21 Jahre Zeit.“

Er erwacht in eisiger Panik. Er ist eingesperrt in seinem zerschmetterten Körper, unfähig, sich zu bewegen, unfähig, sich zu fühlen, unfähig, sich mitzuteilen, aber voll und ganz bei Bewusstsein. Ja mehr noch: Er hat im Vergleich zu vorher eine gesteigerte Wahrnehmung. Als der Arzt an sein Bett tritt, hört er ihn denken. „Wachkoma. Ob der wohl jemals wieder zu sich kommen wird?“

Einige wenige Male bekommt er in den kommenden Wochen Besuch. Seine Mutter sitzt an seinem Bett, mustert ihn von Kopf bis Fuß mit kalten Augen. Er hört sie darüber nachdenken, wie sie wohl Zugriff auf sein Vermögen nehmen kann.

Sie wird nicht wieder kommen. Seine Schwester lässt sich gar nicht erst blicken.

Auch seine Frau ist einige Male da. Seine Frau, mit der er nicht nur fast 20 Jahre seines Lebens geteilt hat, sondern auch die Firma und alles Geld. Die Frau, deren Loyalität er  nie infrage gestellt hat: Sie gehört zu ihm und hält ihm den Rücken frei, damit er den Luxus erwirtschaften kann, in dem sie lebt, das ist der Deal.  „Das hast du jetzt davon,“ hört er sie denken. „Immer warst du der Schönste, der Beste, der Erfolgreichste. Dein ganzes Leben war wie eine Windmühle: Immer hast du dich nur um dich selbst gedreht. Nichts, aber auch nichts hast du gemerkt. Nicht, wie ich geweint habe, weil wir keine Kinder bekamen, nicht, wie ich mich immer mehr von dir entfernt habe – und nicht, wie ich dir entglitten bin in die Arme eines Mannes, der mich wirklich sieht…“

In seinem toten Körper gefriert das Blut. Er denkt an ihre Hochzeit, hört Elvis singen. Seine Augen schauen scheinbar blicklos nach vorn, aber in ihm schreit es und weint. „Du hast es geschworen: In guten, wie in schlechten Tagen. Ich war dir treu – vor lauter Arbeit hatte ich gar keine Zeit für Affairen. Und du, was machst du? Du wirst mich hier  verrecken lassen!“

Sie berührt ihn nicht nicht, sieht ihn kaum an. Sie sitzt ruhig an seinem Bett und denkt an IHN, an den ANDEREN.

Bald hört sie auf, ihn zu besuchen.

Er ist allein.

Mutterseelenallein.

Von allen verraten.

30-08-2014 22-44-09

Seine Gedanken gehen zurück zu dem schmächtigen, leisen Jungen, der er einst war. Gehänselt und gequält von den Klassenkameraden, immer wieder verprügelt vom Vater. Er war hoch intelligent, stellte schon im Vorschulalter die „falschen“ Fragen, wollte nur gehorchen, wenn er die Gründe verstand. Früh entwickelte er einen Sinn für Geschäfte, handelte auf dem Schulhof mit allerlei Nützlichkeiten. Freunde hatte er nicht.

Zuhause war er ein Außenseiter. Wenn die jüngere Schwester wieder einmal auf den Knien des Vaters schaukelnd Geschenke erbettelte, bestrich er die Klinke ihres Zimmers von unten mit Farbe, legte tote Mäuse unter ihr Bett. Wenn die Schwester Besuch bekam, musste er deshalb immer aus dem Haus – man schob ihn ab zu den Großeltern. Begehrte er auf, schlug ihn der Vater zusammen: „Du Bastard! Woher hast du eigentlich diese schwarzen Augen? Du bist doch gar nicht mein Sohn!“ … Wie er ihn hasste, diesen schmerbäuchigen Mann mit dem schütteren Haar – und wie verraten er sich fühlte von der Mutter, die dem Geschehen mit kalten, grauen Augen beizuwohnen pflegte…

Wäre Oma nicht gewesen, hätte er diese Jahre nicht überlebt, da ist er sich sicher. Sie war ein uneheliches Kind gewesen, erst durch die Heirat mit dem Großvater „ehrbar“ geworden, und sie zahlte lebenslang teuer dafür: Ihr Mann behandelte sie wie eine Dienstbotin. Sie verstand das Außenseiter-Lebensgefühl ihres Enkels, fütterte ihn mit Liebe, Kuchen und klugen Gesprächen, wärmte sein kaltes Herz und hielt ihn manchmal in ihren Armen.

Als er in die Pubertät kam, verschlimmerte sich die Lage weiter. In der Schule unterfordert, begann er, den Unterricht zu stören. Nach Strafmaßnahmen einer Lehrerin sorgte er dafür, dass deren Auto nach wenigen Fahrtkilometern in Brand geriet. Die Prügeleien seines Vaters weckten Mordlust in ihm.

Das Plakat an der Bushaltestelle rettete ihn. Unter einem großen Foto stand: „Lerne Jeet Kune Do – den großen Weg der abfangenden Faust“.

Das Dojo wurde seine zweite Heimat. Er trainierte konsequent, mit großer Disziplin, nahm die Lehre in sich auf wie ein trockener Schwamm. Nun endlich fühlte er sich unter Gleichen, ohne sich gleich mit ihnen verbrüdern zu müssen. Sein nun hoch aufgeschossener, hagerer Körper streckte sich, er versuchte nicht mehr, den lodernden Blick seiner dunklen Augen zu verstecken.

Mit 16 auf eigenen Füßen

Er war 16, als er endlich seinem Vater die Stirn bot. Das Szenario war nichtmal spektakulär: „Wenn du noch einmal Hand an mich legst, töte ich dich,“ sagte er mit flacher Stimme und kaltem Blick. „Raus!“ Die Antwort des Vaters, dessen flackernder Blick und das leise Verschwinden der Mutter befriedigten ihn tief. Erhobenen Kopfes verließ er das Haus, um es nie wieder zu betreten.

Mit dem Zug kam er in Hamburg an – die Reeperbahn war sein Ziel. Sein billiges möbliertes Zimmer bewohnte er nicht lange: Er verstand es, sich bei den Huren nützlich zu machen, und die nahmen ihn in ihre Obhut. Sie besorgten ihm auch die Arbeit, die ihn endgültig frei machen sollte: In einer Gaststätte avancierte der kluge Junge, der genau wusste, wann er reden sollte oder zu schweigen hatte, schnell zur rechten Hand des Chefs. In dem Jahr Auszeit von der Schule schaffte er es, 100 000 Mark für sich selbst zu erwirtschaften – genug für den Schulabschluss und als Grundstock für seine neue Leidenschaft: Wetten auf dem Forex-Markt.

Seine Karriere war schnell und steil: Zum Informatik-Studium fuhr er im BMW vor. Die Trainée-Phase danach wusste er geschickt abzukürzen: Er bot an, sechs Monate gratis zu arbeiten – wenn man ihn anschließend zu seinem reellen Wert bezahlen würde. Er konnte es sich leisten – der gute Schnitt im Devisenhandel machte es möglich. Da kannte er seine spätere Frau schon, wusste, dass er sie und keine andere an seiner Seite haben wollte. Zur Hochzeit spielte Elvis – und er führte sie ins eigene große Haus. Es war klar, was ihre Rolle sein würde: Sie würde dieses Haus, die Angestellten, seine Garderobe, die geselligen Veranstaltungen managen, er würde das Geld herbei schaffen.

Sie leistete ihren Part zu seiner vollsten Zufriedenheit. Auch wenn er sich zum fünften Mal am Tag umkleidete, war die Reihe seiner Maßanzüge, Hemden und Krawatten perfekt geordnet, auch wenn er kurzfristig ein Abendessen für ein Dutzend Geschäftspartner im Wintergarten geben wollte, war eine perfekte Menüfolge mit passenden Weinen und Spirituosen bereit. Daneben spielte sie Tennis, nahm Reitunterricht, ging begeistert mit ihren Freundinnen shoppen und plapperte gern beim Frühstück davon, so dass er dazu überging, die Börsenzeitung im Büro zu studieren. Natürlich waren sie jedes Jahr zum Skifahren in St. Moritz. Im Sommer liebte er es, mit ihr und seiner schwarzen Wolfshündin am weiten Strand von Dänemark zu joggen.

Es war doch ein perfektes Leben gewesen. Was war eigentlich so schrecklich schief gelaufen?

Auf den Tag genau 13 Monate nach dem furchtbaren Unfall und wenige Tage vor seinem 42. Geburtstag passiert es. Das Taubheitsgefühl in seinem Körper weicht schlagartig. Der einsetzende Schmerz ist so grausam, dass er schreit. Die herbei eilende Schwester glaubt ihren Augen kaum: Er ist von einem Moment auf den anderen aus dem Koma zurück in der Wirklichkeit. Und die ist wahrhaft grausam. Er braucht Morphium, um die Schmerzen überhaupt auszuhalten. Er muss mehrfach nachoperiert werden. Es folgt eine unendlich langsame, mühsame Rehabilitation. Sein Gesicht ist kaum noch wiederzuerkennen: Große und kleinere Narben haben es völlig entstellt.

Wütend kämpft er sich zurück ins Leben. Und zieht Erkundigungen ein. Die Ergebnisse sind niederschnetternd. Seine Frau hat die Firma verkauft und lebt mit dem ANDEREN in der ehelichen Villa. Sein Freund, der am Steuer des Wagens gesessen hatte, ist bei dem Unfall gestorben, die Witwe an einen unbekannten Ort verzogen. Was Mutter und Schwester tun, interessiert ihn nicht. Er ist nicht nur allein, er hat auch alles verloren. Alles.

Sein erster Weg nach dem Verlassen der Klinik  führt ihn auf den Friedhof. Lange nimmt er Abschied von dem toten Freund.

Der zweite Weg führt ihn zum Anwalt. Er beantragt die Scheidung.

Der dritte Weg führt ihn zu seinem Bankschließfach. Gott sei Dank hat er niemals jemand von diesem Traum erzählt: Etwa ein Jahr vor dem Unfall hatte er geträumt, dass er unbedingt seinen Wagen – eine 360 PS-Sonderanfertigung – verkaufen müsse. Gewöhnt, auf Träume und Vorahnungen zu hören, hatte er das auch getan – und den Erlös in Form von Goldbarren in einem Schließfach gelagert. Diese Reserve ermöglicht ihm jetzt den Neustart.

Nein, er besucht seine Frau nicht. Wozu? Damit ihm der ANDERE die Tür öffnet? Seine Befriedigung wird eine andere sein: Wie Phoenix aus der Asche wird er gesunden und reicher werden als jemals vorher. Reich und absolut unverletzlich.

„Ich werde reich und unverletzlich sein“

Er geht nach China, in ein Shaolin-Kloster. Die Mönche entwöhnen ihn von den Schmerzmitteln. Es tut ihm gut, sich harter Disziplin zu unterwerfen. Begeistert nimmt er Stück für Stück am Training teil. Es macht ihn stark für den Kampf, der ihm bevorsteht.

Tokio ist sein nächstes Ziel. Er leiht sich Geld bei Wucherern, um sich an der Börse Handlungsspielraum zu verschaffen. Zweifel plagen ihn nicht.  Binnen kürzester Zeit hat er die Summe herausgespielt und hohe Gewinne verbucht. Seine geschäftliche Intuition ist noch ausgeprägter als früher. Mit schlafwandlerischer Sicherheit erkennt er die roten Linien. Dem Gold bleibt er treu.

Sein Misstrauen ist beinahe grenzenlos. Er lebt im Haus seines japanischen Tutors, der ihn in die Gesellschaft einführt. Aber er fühlt sich ständig bedroht. Also macht er eine Ausbildung als Scharfschütze und sorgt für die nötigen Waffen. Mit seinem Bodyguard übt er sich täglich in Kampfkunst und Messerwerfen. Im Gürtel trägt er zwei Wurfsterne. Niemals betritt er einen Aufzug. Muss er verreisen, wohnt er grundsätzlich im ersten Stock des Hotels, von wo er mit Hilfe des mitgeführten Seils im Notfall entkommen könnte.

Nach vier Jahren verbissenen Arbeitens fühlt er sich finanziell stabil. Er ist nun an den Börsen Tokio und New York aktiv, hat einen ermutigenden kleinen Berg von Gold gesammelt und strebt zu neuen Ufern. Tief dankbar verabschiedet er sich von seiner japanischen Familie und reist nach Mexiko. Am Strand von Yukatan übergibt er das letzte Stück seines alten Lebens dem Meer: Er zerreißt die Scheidungspapiere in tausend Schnipsel. Er investiert ein Vermögen in ein neues Gesicht und unterzieht sich unzähligen Operationen. Nichts, aber auch nichts von der Vergangenheit soll übrig bleiben.

Er kauft einen Katamaran und lässt ihn für seine beruflichen Zwecke umbauen. Währenddessen unternimmt er Ausflüge. Am Fuß der Pyramide, kurz vor Sonnenuntergang, hört er ein Wimmern und sucht nach dem Urheber. Er findet einen Wurf Welpen, in einem Sack unter einem Stein. Alle sind tot, bis auf einen kleinen Rüden. Er nimmt ihn mit und zieht ihn eigenhändig auf.

Der Rüde entwickelt sich zu einem stattlichen Kampfhund. Ebenso wie seine jetzt vier Bodyguards weicht ihm der Hund nicht von den Fersen. Nur er darf seine Schlaf- und Arbeitskajüten betreten. Nachts, wenn er schweißgebadet aus Albträumen aufschreckt, ist der warme Körper des Tiers direkt neben seinem Bett. Der Hund darf sogar sein Gesicht lecken. Seine unverbrüchliche Liebe rettet ihn. Sie rettet ihn vor dem völligen inneren Versteinern.

12-11-2010 02-02-22

Sein Leben stabilisiert sich. Er beschließt, in Belize heimisch zu werden und kauft ein Stück Land – auf einer schmalen Landzunge, von drei Seiten von Meer umgeben. Seit seinem Unfall ist er Vegetarier, der Hund ist es auch. Nun lässt er sein eigenes Gemüse anbauen, experimentiert mit Energieversorgung aus Sonne und Wasser, mit natürlichen Baustoffen. Zum Katamaran, der immer startbereit ist, gesellt sich ein Wasserflugzeug. Den Pilotenschein macht er mit links. Nun ist der Weg nach Cayman ein Kinderspiel. Sein Misstrauen jedoch bleibt omnipräsent. Boot und Flugzeug rüstet er mit potenten Waffen aus, er selbst trägt im Gürtel stets die Wurfsterne und zeigt sein neues Gesicht nur im Notfall. Er verschafft sich mehrere Identitäten und zugehörige „Geschichten“, die sich auch googeln lassen.

Aber er beginnt auch wieder Gefallen am Leben zu finden. Er wird Arbeitgeber für die umliegenden Bauern, testet neue Wege zu mehr sozialer Gerechtigkeit, ist begeistert von der traditionellen Bambus- und Lehmbauweise, lässt Backöfen bauen, in denen er sein geliebtes Sauwerteigbrot herstellen lässt. Tagsüber sieht man ihn jetzt oft im Dorf. Immer trägt er Jeans, ein weißes T-Shirt und Badeschlappen. Er hat die Existenzangt des Einzelnen als eins der größten Übel der Welt erkannt. Also entwickelt er immer neue Modelle für eine gerechtere Verteilung des weltweiten Vermögens, gründet ein Kinderheim, fördert mittellose Studenten und Projekte zu Wasserversorgung in Wüsten.

Seine Nächte verbringt er in einem fensterlosen Büro vor einer Front von Bildschirmen und kämpft gegen die Zocker der Welt und ihre Maschinen. Hier, im Haifischbecken des „echten Lebens“ agiert er hart und unbamherzig. Unter’m Schnitt macht er fast bestürzend hohe Gewinne und sieht sich mit ernsthaften Problemen konfrontiert: Wohin mit dem ganzen physischen Gold, wenn es sicher vor den sich abzeichnenden politischen Krisen geschützt sein soll? Er braucht dieses Gold, denn es sichert ihm Macht.

Je mehr Gewinne er macht, desto mehr Geld investiert er in politische Arbeit, unterstützt mal Regierungen, mal die Opposition. Er erkennt ein weltumfassendes Spinnenetz von fast unbegrenzter Macht, das die Erde beherrscht, bestehend aus wenigen Dutzend Einzelner. Er erklärt alle zu seinen Feinden.

So aktiv und lebendig fühlt er sich wieder, dass er Heimweh bekommt. Heimweh nach seiner Muttersprache, Heimweh nach dem Austausch mit weiblichen Wesen. Also meldet er sich mit extra dafür konstruierten Identitäten in Singleforen, in Facebook, in google+ und diversen anderen Foren an. Er entwickelt ein magnetisch anziehendes Erscheinungsbild, ohne jemals sein Gesicht zu zeigen. Seine hoch manipulativen Postings handeln von der Sehnsucht nach dem Meer, von Freiheit und Gerechtigkeit für alle Menschen. Manchmal postet er Elvis – besonders rund um seinen Hochzeitstag, wenn er die tiefe Trauer um das Ende seiner Ehe nicht mehr verdrängen kann.

Frauen nur auf großen Abstand

Binnen kurzer Zeit hat er eine ganze Fangemeinde von Frauen, die sofort mit ihm gehen würden, lüde er sie denn dazu ein. Aber davon ist er weit entfernt. Er will sich austauschen, ohne jedes Risiko persönlicher Nähe. Er löst das Problem denkbar einfach, indem er jeder seiner Gesprächsparterinnen eine Rolle zuweist. Mit der Einen träumt er Sexspiele, mit der anderen verbessert er die Welt, mit der Dritten spricht er von Zeit zu Zeit über seine Ängste vor dem Fegefeuer, seine Befürchtung, dass seine Sucht nach mehr Geld und Macht ihn zu weit von Gott entfernt. Besteht eine der Frauen darauf, ihn persönlich kennenzulernen, beendet er gnadenlos den Kontakt: Dem Risiko, noch einmal verlassen zu werden, wird er sich nie wieder aussetzen.

Sein politisches Engagement bleibt nicht ohne Folgen. In der Nacht vor seinem 50. Geburtstag schlafen alle. Nur der Hund bemerkt das Boot, das am Strand anlegt und zwei schwarz gekleidete Scharfschützen ausspuckt.  So rettet der Rüde seinen Menschen, der seinerseits die Angreifer mit den Wurfsternen schwer  verletzt. Sie können flüchten, werden aber wenig später aufgegriffen. Ungerührt sieht er zu, wie sie zu Tode gefoltert werden, um ihre Auftraggeber zu verraten – und wie die Körper den Haien zum Fraß vorgeworfen werden.

Wenige Wochen später kehrt er von einem Geschäftsessen zurück und findet den Hund vergiftet vor. Den Täter kann er nicht ermitteln.

Der Schmerz ist grenzenlos – der Hass auch. Seine neue Welt und sein neues Leben sind wieder zerbrochen.

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Bei Nacht und Nebel verlässt er Belize, lebt fortan auf dem Katamaran, der nun von einem zweiten begleitet wird. Mehrfach werden sie auf hoher See angegriffen. Er ist gerüstet. Mit Granaten zerschießt er das Radar der Schnellboote, einmal tötet er auch einen der Angreifer. Sein Frustpegel steigt derart, dass er daran denkt, zurück in die Schweiz zu gehen. Seinen Pass hat er sich in all den Jahren seiner Abwesenheit durch großzügiges Sponsoring der lokalen Behördern sichern können. Aber nun wartet ein neues Problem auf ihn: Die Mutter ist gestorben. Seine Schwester will das Erbe antreten, muss dazu  wissen, ob ihr Bruder noch lebt. Die Behörden beginnen, nach ihm zu suchen und tun das höchst effizient: Mit Steuerforderungen in Millionenhöhe.

Seine ausgeklügelten Sicherheitssysteme werden immer öfter gehackt – egal, wo auf der Welt er sich aufhält, wird er innerhalb von Tagen entdeckt. Er vermutet erst die Chinesen, dann die Amerikaner hinter den Angriffen, findet trotz aller Anstrengungen keinen effizienten Weg, sich zu schützen – außer dem, sich aus dem Internet weitestgehend zurückzuziehen. Das wiederum kostet ihn die verbleibenden Gespräche mit den Frauen. Nach und nach legt er sie alle ab, ist einfach nicht mehr erreichbar. Es schmerzt nicht wirklich: Frauen wollen ohnehin nur sein Geld – das braucht er nicht nochmal.

Er wird zum Gejagten zwischen den Kontinenten dieser Erde. Nur ein Ziel ist geblieben, als er endgültig unsichtbar wird: Das Gold. Jeden einzelnen Barren will er behalten, denn Gold ist die Grundlage für Macht nach dem weltweiten Währungscrash, den er erwartet. Dann wird er mitmischen und eine neue, eine gerechtere Welt bauen. Das, so ist er nun überzeugt, ist die Aufgabe, die er lösen muss, bevor er zum letzten Mal und für immer durch die Drehtür gehen darf. Dann wird er belohnt werden mit dem Glück der unendlichen Liebe.

Gott wird ihn nicht verraten, ihn nicht dem Höllenfeuer überlassen, das weiß er genau. Jenseits des Tunnels, im Licht wird er zuhause sein.

Und er wird sich der Liebe Gottes würdig erweisen.

Ehrensache.

Siehe auch: Der Mann meines Lebens ist Narzisst und die dortigen, weiterführenden Links

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