Ein Sehnen – unstillbar brennend und tief wie das Meer Antwort

Bis fast zur Brust stand sie im smaragdgrünen Meer, dessen sanfte Wellen mit den Spitzen ihrer langen hellen Haare spielten. Sie blickte unverwandt gen Westen, als könne sie hinter dem tiefblauen Horizont Yucatan sehen. Die tief stehende Sonne zauberte goldene Reflexe auf ihre schlohweißen Locken – fast als seien sie wieder hellblond. Ihr zarter Körper, fast kindlich mit seinen 45 Kilo Gewicht, war tief gebräunt und trotz ihrer Größe von grade mal 1,58 keineswegs zerbrechlich. Harmonisch wiegte er sich in den Wellen.

Ich konnte nicht anders, ich bewegte mich auf sie zu.

„Oh“ lächelte sie, als sie mich bemerkte. „Ich bin Leila. Danke, dass du gekommen bist. „Ich hatte darum gebeten, mir einen Menschen zu schicken, dem ich meine Geschichte erzählen kann.“

Erstaunt betrachtete ich ihr Gesicht: Noch nie hatte ich bei einer Frau solch buschige hellblonde Augenbrauen gesehen – unter ihnen tiefblaue Augen, aus denen gleichmäßig ein zarter Strom von Tränen floss. Auch das Lächeln unterbrach diesen Fluss nicht – als bestehe sie aus zwei verschiedenen Menschen. Ihre Augen schienen sich nach innen zu richten, als sie mich von Kopf bis Fuß musterte: Leila ist voll Aura-sichtig. Offenbar ergab die Prüfung, dass sie mir ihre Geschichte zumuten konnte. Während wir zusammen im Wasser standen und die wenigen Paare am karibischen Strand beobachteten, begann sie zu sprechen.

Hoch sensibel und auf der Suche

Im Juni 1959 wird Leila geboren, in einem kleinen Ort an der Ostsee, unweit von Rostock. Sie ist eine Nachzüglerin: Der Bruder und ihre beiden Schwestern sind sehr viel älter als sie. Vater Bernd ist promovierter Biologe und Leiter einer Versuchsanstalt – er hat ihr die blauen Augen und die buschigen Brauen vererbt. Mutter Ilse ist gelernte Textilverkäuferin. Schon als kleines Mädchen leidet Leila an ihrer hohen Sensitivität: Sie spürt das schmerzvolle Ringen ihrer Eltern um gegenseitige Nähe, das doch nie zum Erfolg führt.

Ihre Mutter, von Natur aus vorsichtig, fast furchtsam, liebt Überraschungen nicht, achtet darauf, dass sich das Leben der Familie in geregelten Abläufen bewegt. Ihre eigenwillige Tochter betrachtet sie in einer Mischung aus Unverständnis und Misstrauen. Bei ihrem Mann sucht sie Schutz und Geborgenheit, fühlt sich oft zurückgewiesen, wenn Bernd unterwegs ist oder über Studien brütet, statt ihre Ängste zu teilen. Erst Jahre nach Kriegsende ist er aus russischer Gefangenschaft zurück gekehrt. Diese Zeit der Unsicherheit, allein mit dem Kleinkindern, war die schlimmste in ihrem Leben.

Mit ihrem Vater hat Leila eine tiefe innere Verbindung, die an Telepathie grenzt. Sie liebt seinen grenzenlos weiten Geist, vollzieht seine Wandlung zum Vegetarier mit, bewundert seine Bereitschaft, immer neu zu lernen. Und sie weint oft, fühlt sich von ihm im Stich gelassen, denn der Vater blockiert die Verbindung zu ihr, so gut er kann. Schmusen ist nicht erlaubt – Gespräche enden, sobald sie zu tief gehen.

Früh auf eigenen Füßen

Als der Vater in den Ruhestand geht, zieht die Familie nach Westen in die kleine Kurstadt, wo seine Schwester ihm ein Haus hinterlassen hat. Leila macht Abitur und geht nach München, wo sie eine Ausbildung zur medizinischen Masseurin beginnt. Die Arbeit im Krankenhaus strengt sie an – intensiv nimmt sie sie die Schmerzen der Kranken, die Ausdünstungen der Medikamente und Desinfektionsmittel, den Zeitdruck der Ärzte wahr. Hier wird die Idee geboren, die ihr Berufsleben beherrschen wird: Es muss doch möglich sein, Menschen zu heilen, ohne chemisch auf ihren Organismus einzuwirken. Heilen, indem körperliches und seelisches Gleichgewicht wieder hergestellt wird.

Sie macht eine Zusatz-Ausbildung in ayurvedischer Massage und lernt in der Gruppe faszinierende junge Menschen kennen. Sie reist mit ihnen nach Indien, um den Vorträgen eines Gurus zu lauschen. Bald stellt Leila ihr Leben auf einen neuen Rhythmus um: Sie arbeitet jeweils ein halbes Jahr in Krankenhaus und spart ihr Geld, um dann für ein halbes Jahr in Indien bei den Jüngern des Gurus zu leben. Tief nimmt sie die hinduistische Lehre vom Rad des Samsara in sich auf. Sie begreift das Gesetz von Ursache und Wirkung, auch Karma genannt, und erkennt, dass das Göttliche in allen Dingen lebt. Oft denkt sie an den Vater daheim und führt innere Gespräche mit ihm.

Als der Blitz sie trifft

Die junge Frau ist ausgesprochen attraktiv, immer bemühen sich meist mehrere Männer gleichzeitig um sie. Sie sieht es gelassen, greift hier und da zu, hält aber innerlich Distanz. Bis sie in München der Blitz trifft: Er heißt Günther, ist klein, sehr schlank und 35 Jahre älter als sie. Rein weiß seine Haare, sengend braun-grün sind seine Augen und sanft ist seine Stimme, wenn er ironisch die Geschehnisse seines Alltags kommentiert. Irgendwie rein ist er, unverbraucht begeisterungs- und liebesfähig – und verheiratet. Leila wird die dritte Frau in seinem Leben und die letzte sein.

Sie lieben sich wie Ertrinkende, liegen stundenlang ineinander, kommen ekstatisch an ihre physischen Grenzen und Leila will seine Augen, die im Orgasmus wie grüne Flammen brennen, nie wieder loslassen. Aber zur Scheidung ist Günther nicht bereit: „Meine Frau ist wie ein Vögelchen“, weint er. „Sie würde sterben, wenn ich gehe. Ich selbst würde sterben, wenn du irgendwann gehst. Und gehen wirst du, denn der Altersunterschied zwischen uns ist einfach zu groß.“

Der Schmerz trifft sie unerwartet und mit voller Wucht. Eine Trennlinie – nicht überwindbar, bestimmt ihr Leben. Sie weint – stundenlang, tagelang. Unvermittelt auf offener Straße, stundenlang in Kirchen. Das Weinen mindert den Schmerz nicht; es weckt im Gegenteil den verzweifelten Wunsch, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Manchmal, wenn sie nach langen Stunden im Hotel mit dem Geliebten in einem Straßencafé sitzt, bemerkt sie etwas ätherisches, fast durchsichtiges in seiner Erscheinung – gepaart mit schmerzvoller Hingabe an dieses wahnsinnige Miteinander, das sie nun fast fünf Jahre verbindet.

Der Wunsch zu sterben

„Du bist für mich der Traum von Jugend – mein letzter Traum“, sagt er einmal – und sie wünscht sich aus tiefstem Herzen, mit ihm zusammen aus dieser Welt zu gehen. Schließlich inszeniert sie die Trennung – er soll nicht sehen, dass sie an dieser Liebe zu sterben droht.

Sie entschließt sich, Psychologie zu studieren, macht ihr Diplom und findet einen Arbeitsplatz in einer Gemeinschaftspraxis. Beziehungsberatung wird zu ihrem Spezialgebiet. Daneben reist sie viel. Von Männern hält sie sich fern – zu tief fühlt sie sich verletzt. Fünf Jahre später, auf dem Rückweg von Kaschmir, sitzt er neben ihr im Flugzeug: Hans-Georg ist Chirurg und in der Entwicklungshilfe tätig. Er ist stämmig, haarig und hat stechende blaue Augen unter buschigen, rötlichen Brauen. Sehr schnell ist er bei seinem Lieblingsthema: „Willst du führen oder geführt werden? Eine dritte Wahl gibt es nicht.“

Manipulativer Geist

Durch die jugendlich-klare Stimme des 50jährigen hindurch spürt sie eine starke manipulative Kraft. Er sitzt neben ihr wie ein Fels – drall, kraftvoll, mit mächtigem, klarem Geist. Fast übermächtig wird ihr Wunsch, beschützt und geführt zu werden. Sie hört ihm zu, verteidigt vehement das Entwicklungspotential gleichberechtigter Partnerschaften und ist doch schon bereit, ihre eigene Gleichberechtigung aufzugeben.

Es wird ein spannendes Jahr mit Hans-Georg – und ein tränenreiches. Nur langsam erkennt sie, wie manipulativ sein Wesen wirklich ist. Nach einer Zeit des Werbens, in der sie in der Praxis ebenso wie zuhause in langstieligen roten Rosen geradezu ertrank, waren sie, wann immer sie Zeit hatten, in schnellen, teuren Wagen durch Europa gefahren, hatten mit Hilfe einer Spendenaktion ein Krankenhaus in Indien gebaut, hatten sich gegenseitig ihr Leben erzählt. Sie hat erkannt, woran Hans-Georg krankt: Als ältester von drei Brüdern hatte der Sohn eines schmächtigen, freundlichen Pfarrers miterleben müssen, wie der Vater von einer übermächtigen, schwergewichtigen Ehefrau drangsaliert und erpresst wurde. Erst nach Eintritt in den Ruhestand wagte der Vater die Scheidung – da hatte Hans-Georg schon längst für sich geklärt: Frauen kann man nur in Schach halten, wenn man stärker ist als sie.

Er tut das konsequent über ständige Parallelbeziehungen. Leila muss lernen, dass es eine deutsche Frau in seinem Leben gibt, mit der er zwar nicht verheiratet ist, aber einen elternlosen Jungen adoptiert und ein Haus in den Bergen gekauft hat. Sie stellt fest, dass er Affairen mit den Ehefrauen befreundeter Ärzte beginnt, sie nach Lust und Laune fortsetzt oder ersetzt – bis Leila irgendwann den Zugang zu ihm völlig verliert. So wie er gekommen ist, verschwindet er: Eines Tages findet sie seine Wohnung leer vor. Danach hört sie nie wieder von ihm.

Unerklärlich missbraucht

Obwohl sie Hans-Georg nicht wirklich geliebt hat, trifft sein Verhalten sie tief. Sie fühlt sich unerklärlich missbraucht, fällt in eine quälende innere Taubheit und Verlangsamung, aus der sie sich kaum zu befreien weiß. Schließlich unternimmt sie eine Reise durch Yucatan, um neue Kraft zu sammeln. Dort tritt sie auf die Schamanin, die für die nächsten 13 Jahre ihre Lehrerin sein wird.

Endlich findet sie Hilfe beim Umgang mit ihrer hohen Sensitivität, lernt, sie zu nutzen und bei Bedarf auch zu bremsen, um innere Verletzung zu verringern. In Riesen-Schritten scheint sie zu genesen: Verlorene Seelenanteile können re-integriert werden, sie findet Kontakt zu ihren Geist-Führern und von einem Tag auf den anderen explodiert eine volle Aura-Sichtigkeit in ihr. „Es war unbeschreiblich. Ich sah die farbigen Lichter um die Pflanzen, Tiere und Menschen tanzen, sie teilten sich mir intensiv und deutlich mit – ich war völlig überwältigt und musste erst lernen, mit dieser neuen Dimension überhaupt umzugehen“, lächelt sie.

Ein kleines Stück Frieden

Sie macht Frieden mit sich selbst, besucht auch wieder ihre Eltern, zu denen sie in all der Zeit kaum Kontakt hatte. Die tiefe Sehnsucht nach der vollkommenen inneren und äußeren Seelenverbindung scheint nachzulassen, sie fühlt sich ruhig und ausgeglichen.

Gert ist Kameramann bei einem privaten Fernsehsender, als sie ihn kennenlernt. Er ist ruhig, freundlich, sehr groß – und er wünscht sich Kinder. Leila fühlt sich bereit dafür, möchte eine freundlich-friedliche Ehe führen, ihr Wissen an ihre Kinder weiter geben und den Schmerz ein für allemal hinter sich lassen. Mittlerweile läuft ihre Praxis extrem gut. Es gibt lange Wartelisten, sie behandelt ausschließlich mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln: Aura lesen, schamanische Heilweisen, ayurvedische Massagen. Sie hat enormen Erfolg.

So ist es kein Drama, als Gert seine Arbeit verliert. Er kümmert sich um die beiden Töchter, wenn Leila in der Praxis ist und macht parallel eine Ausbildung zum Heilpraktiker. Leila weiht ihn dazu in alles ein, was sie selbst verinnerlicht hat. Das Leben scheint es gut mit ihnen allen zu meinen. Dass der Wolf, ihr Krafttier, sich bisweilen leise grollend von ihr abwendet, ignoriert sie lange.

Rückkehr zu den Eltern

Die Eltern werden älter, Leila und ihre Geschwister diskutieren die Pflege der Mutter, die vielleicht bald auf die Familie zukommen wird. Leila denkt lange nach. Dann zieht ihre kleine Familie von München zurück in die Provinz. Mit blutendem Herzen – „aber da war eine unüberhörbare innere Stimme, die ein Ausweichen nicht erlaubte.“

Der Schulwechsel der Mädchen vollzieht sich problemlos – der Praxiswechsel nicht. Jede Woche fährt Leila zwei Tage nach München; sie muss die Familie ernähren. Gert kümmert sich um die Eltern, kümmert sich um die Töchter, kümmert sich um den Haushalt. Er beginnt, Brot zu backen, Kräuter zu sammeln, ist der perfekte Hausmann. Als Heilpraktiker bleibt er unsicher, macht keine ernsthaften Versuche, sich eine solide Existenz zu schaffen. Von seinem erlernten Beruf hat er nie wieder gesprochen.

Zwischen den Eheleuten wird es still. Oft schaut Leila ihren Mann an und fragt sich, ob ihre Entscheidung für ihn richtig war. Beste Freunde sind sie, ja. Aber sie haben außer den Kindern nichts gemeinsam. Der Wolf in ihrem Bauch grummelt nun unüberhörbar.

Zurück in der Sehnsucht

Sie beschließt, eine Ausbildung als Tantra-Lehrerin zu machen. In München natürlich. Und da wird es wieder ganz klar: Sie will Liebe leben. Geistig. Seelisch. Auch körperlich. Aber nicht mehr mit Gert.

Es schmerzt.

Nicht weil sie der Wahrheit nun endlich ins Gesicht sieht.

Nein, es schmerzt, weil sie nicht sieht, mit wem sie so eine Liebe teilen könnte.

Leila nimmt Zuflucht zum Internet. Sie, die eigentlich jede Form von Technik ablehnt, flieht nun abends das eheliche Lager und sucht sich freundlich-entspannende Gespräche in Facebook. In der Nacht nach der Beerdigung ihrer Schwiegermutter stolpert sie über den Eintrag eines bisher Unbekannten, der offenbar hellwach ist und gerade intensiv über Leben und Tod nachzudenken scheint. Es entspinnt sich ein lustvolles Streitgespräch, in dessen Anschluss sie erstmals seit Wochen wieder ruhig schläft. Am Morgen findet sie im Mail-Briefkasten seine Nachricht: „Folge mir in meine Welt“.

„Vergiss nie, mich zu sehen“

Es ist wie ein Dammbruch. All die Sehnsucht, die sie nicht mehr zu spüren, ja nicht mehr zu haben schien, bricht hervor wie ein Sturzbach. Sie hört die warnende Stimme in ihrem Inneren wohl – aber sie hat sich schon entschlossen: Ja, Leila will folgen. Er besteht darauf zu führen – sie freut sich darüber. „Ich werde mich unterordnen, sagt sie. Aber nur, wenn du nie vergisst, mich zu sehen…“

Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann aus Stuttgart – viel unterwegs, ein Verkaufsgenie und ein Meister der Manipulation. Gewöhnt zu befehlen und Recht zu haben, findet er ihren Widerspruch attraktiv – solange sie seine No Goes nicht berührt. Mit großem Vergnügen chatten sie von nun an täglich – manchmal bis tief in die Nacht hinein. Sie genießt seinen kreativen Geist, seine Fähigkeit vernetzt zu denken, bewundert seine Kraft, wenn er neue Projekte praktisch über Nacht aus dem Boden stampft – freut sich wie ein Kind, wenn er ihr eigenes Engagement wahrnimmt und, was selten vorkommt, sogar ein knappes Wort des Lobes spricht.

Sie schickt ihm viele Bilder: von ihrem Leben, ihrer Arbeit, ihren Töchtern. Er schickt ein einziges: Es zeigt ihn deutlich jünger als heute. Er wirkt eitel – ein Schönling – ganz anders als der Tenor seiner Gespräche. Deshalb bezweifelt sie die Echtheit des Fotos und bittet um weitere, beißt jedoch auf Granit. „Wenn wir uns mal auf einen Kaffee treffen, darfst du mich fotografieren,“ pflegt er dann zu lächeln. „Glaub mir, es ist besser so“.

Mann ohne Gesicht

Erst ist es nicht so wichtig. Neben ihren vielen Gesprächen haben sie mit gemeinsamen Aktivitäten begonnen: Sie schreiben einen Blog über den männlichen und den weiblichen Weg des spirituellen Erwachens, tauschen sich mit ihren Lesern über alternative Heilmethoden aus, streiten vergnüglich über Placebo-Effekte.

Aber es rumort in ihr, dass Peter sein Gesicht nicht zeigt. Er ist nur knapp drei Autostunden von ihr entfernt – wieso haben sie sich immer noch nicht auf einen Kaffee getroffen? Was will dieser Mann verstecken? Oder: Wovor hat er Angst?

Als sie zu insistieren beginnt, verändert sich sein Ton, wird rauh, manchmal gemein. Einmal unterstellt er ihr gar, sie wolle von seinem Wohlstand profitieren und hat damit eine wichtige Grenze überschritten. Sie reagiert ernüchtert, fühlt sich als Opfer seiner Manipulation und persönlich gekränkt durch seine Hinhaltetaktik. Als das zweite Jahr ihrer Bekanntschaft fast voll ist, beginnt sie, seine Identität ernsthaft zu überprüfen und stößt auf einen Bruch. Aus der Zeit vor dieser Bruchstelle ist selbst bei größtem Rechercheaufwand kein Krümmel Information aufzutun. Sie setzt sich in den Wagen, fährt nach Stuttgart und findet an der angegebenen Adresse nicht einmal seinen Namen auf einem Türschild.

Und wieder nur Schmerz

Als sie ihn mit dem Ergebnis ihrer Suche konfrontiert, reagiert er wie ein Raubtier, das mit dem Rücken zur Wand steht und greift ohne Vorwarnung an. Abrupt enden zwei Jahre scheinbarer großer Vertrautheit im Niemandsland gegenseitiger Ignorierung. Leila denkt an Günther und diese unüberwindbare Grenze. Der Schmerz ist wieder da und will sie schier auffressen. Die Beziehung zu Peter wäre lebbar – und eine Chance gewesen, die Erfüllung zu finden, die sie so sehnlich sucht. Sie zieht sich zurück. Will keinen Kontakt mehr mit Männern. In ihrem Tagebuch führt sie den Dialog mit Peter weiter: manchmal wütend, manchmal verzweifelt, immer wieder stundenlang weinend. Vergeblich wartet sie darauf, dass er sich nochmal meldet.

Wenig später ist Mutter Ilse vollständig bettlägrig. Gert kümmert sich rührend – zwischen den beiden scheint es ein enges, unausgesprochenes Band zu geben. Leila hat wieder Verbindung zu ihrem Vater gefunden. Inzwischen 95jährig, noch immer geistig wie körperlich außerordentlich beweglich, nähert er sich ihr endlich als fürsorglicher Gesprächspartner, den sie so lange vergeblich in ihm gesucht hat. Die beiden teilen ihre Leidenschaften und Ideale, Leila erkennt, wie ähnlich sie sich sind. Das jahrzehntelange Unverständnis für die Haltung der Mutter ist nach den Erfahrungen ihres eigenen Frauenlebens einem freundlichen, fast schwesterlichen Gefühl gewichen.

Leuchtend braune Augen

Zu dieser Zeit findet ein neuer Patient in die inzwischen gut gehende Praxis: Dieter ist in großer Seelennot. Seine zweite Frau ist erst vor recht kurzer Zeit an Krebs gestorben, er steht vor der Wiederverheiratung und hat mit Schrecken erkannt, dass die bereits terminierte Eheschließung nicht mehr als eine Flucht vor dem unverarbeiteten Tod seiner großen Liebe ist.

Das erste, was sie an ihm wahrnimmt, sind leuchtend braune, große Augen. Ihr Strahlen lässt sie erglühen; die schwarzen Locken, die in seine Stirn fallen, erwecken zärtliche Wünsche, sie zur Seite zu streicheln…

Er kommt oft. Die Gespräche tun ihm gut. Sie wendet das ganze Spektrum ihrer Fähigkeiten an; holt verlorene Seelenanteile zurück, ermutigt ihn, auf sein Herz zu hören, meditiert mit ihm, massiert ihn. Sie ist froh, dass er nicht sieht, wie sie erschauert, als sie zum ersten Mal die nackte Haut seines Rückens berührt. Sie labt sich an den kräftigen, männlich-dominanten Farben seiner Aura und wagt es kaum zu glauben, dass von Mal zu Mal wundervolle, pastell leuchtende Blitze, später Flächen erscheinen, wenn ihre Augen sich treffen. Er hat sich verliebt. Genau wie sie.

Noch einmal 16 Jahre alt

Was nun?

Sie fühlt sich, als sei sie noch einmal 16. Ihre hellblonden Haare leuchten wie seit Jahren nicht mehr, ihre Haut ist rosig, ihre Augen von tiefblauer Strahlkraft. Zuhause hält sie es kaum noch aus. Sie beschließt, den Zug nach Usedom zu nehmen und sich am Meer zu sammeln.

Im Zug sitzt Dieter.

Er ist unterwegs nach Hamburg. Sein Platz ist im Nachbarabteil.

Schicksal?

Ein halbes Jahr später ist es entschieden. Gert, von den Wogen der Ereignisse völlig überrollt, ist in eine eigene Wohnung gezogen und Dieter hat seinen Platz eingenommen.

Das heißt: Wenn er da ist.

Nach wie vor unterhält er eine Wohnung mit Büro in Hamburg, wo er einen zahlungskräftigen Kundenstamm aufgebaut hat.

„Wenn ich einen Wunsch frei hätte.. „

„Wenn ich einen Wunsch frei hätte – ich würde mir eine wahnsinnige Liebe wünschen, die mich packt wie der Wind eine einzige Feder und auf und davon wirbelt.

Eine unfassbare Liebe, die mich gleichzeitig zum Weinen, Lachen, Schreien bringt und mir keine Wahl lässt, als hemmungslos frei und glücklich und außer Rand und Band zu sein. Eine, die mich ungeniert aus dem Kopf katapultiert – hoch hinaus in ein Empfinden, das sich selbst nicht fassen kann.

So eine Liebe, die verrückt und süchtig macht und die ganze Welt lachend in die Tasche steckt wie eine Murmel. So eine, die Gefühle weckt, die nicht einmal ahnen, dass es sie gibt.“

Leila liest nicht oft Gedichte. Aber dieses von Hans Kruppa hat es ihr angetan. Genau das wünscht sie sich, genau so empfindet sie nun für Dieter.

Welche Schmerzen das bedeuten kann, lernt sie schnell. Leila verfällt Dieter in einem Maß, dass sie sich fühlt, als ziehe der Sturm des Jahrhunderts über sie hinweg – und ihr eigenes Leben an der Klippe zum Abgrund hat kaum mehr als einen Grashalm, um sich fest zu klammern.

Angst frisst Liebe

Dieter erträgt zuviel Nähe nicht.

Immer wieder flieht er, um dann zurück zu kehren und sie im Sturm von Leidenschaft zu nehmen, all ihre Liebe und Kraft zu nehmen, bis beide völlig erschöpft sind. Sie gibt sich hin – immer ein Stück mehr – aber die Angst wird jedes Mal größer, statt kleiner. Weil sie Angst hat, wird sie nicht satt – weil sie nicht satt wird, wächst ihre Angst.

Wieso läuft Dieter immer weg? Liebt er sie nicht genauso wie sie ihn? Nie im Leben hat sie eine derart starke innere wie körperliche Verbindung erlebt. Sie scheinen spirituell auf der selben Ebene zu wachsen, können sich in einer Dimension verständigen, in der sie bisher niemals – auch nicht mit Vater Bernd, Austausch pflegen konnte. Und wenn sie körperlich verschmelzen, erscheint es ihr so vollkommen, dass ihrer beider Auflösung in Gott nur eine Haaresbreite entfernt ist.

Wenn nur nicht jeder dieser Höhepunkte unweigerlich von der Flucht Dieters gefolgt wäre. Auch ihre Hochzeit ändert daran nichts. Es macht sie entsetzlich unsicher, verursacht Weinkrämpfe. Einmal fällt sie in Ohnmacht, wacht stundenlang nicht auf und findet sich im Krankenhaus wieder. Ein anderes Mal stürzt sie, bricht sich den Arm und wird monatelang nicht mehr richtig gesund.

Erkennen der Sucht

Sie vernachlässigt die wenigen Freunde, ist gebunden in der Pflege ihrer Mutter, in hauswirtschaftlichen Pflichten, weint, ringt um ihr Gleichgewicht. Sie trommelt ihre Not ins Werkzeug der Schamanen, befragt ihre Geistführer; erkennt, dass sie süchtig ist.

Dieter sieht ihre Not und versucht ihr zu helfen. Er verlagert sein Büro von Hamburg in die kleine Kurstadt am Strom, übernachtet fortan im Hotel, wenn er in Norddeutschland ist. Er beginnt, das alte Haus zu renovieren, gestaltet es vom Keller bis zum Dach nach Feng Shui-Gesichtspunkten um. Sie kaufen kräftige Farben und Stoffe, minimieren die Einrichtung, gestalten ihre Arbeitsräume neu. Leila weint, als er im Garten die Pflanzen ausreißt, um neue zu pflanzen. Aber sie ist glücklich, dass er nun viel in ihrer Nähe ist – bewacht seine Schritte ängstlich und eifersüchtig. Und sieht die pastellfarbenen Flächen in seiner Aura schwinden, bis sie schließlich nur noch phasenweise kurz aufblitzen.

Die Angst, ihn zu verlieren – nein, gar nicht wirklich Zugang zu ihm zu haben – bestimmt mittlerweile ihr ganzes Leben.

Tod des Vaters

99jährig stürzt Bernd mit dem Rad und zieht sich einen Oberschenkelhalsbruch zu. Der Knochen heilt wieder, aber der Vater nimmt seitdem unmerklich jeden Tag ein Stück mehr Abschied vom Leben. Dieter bewundert den alten Mann, hat eine starke Bindung zu ihm. Ungewohnt sanft und feinfühlig begleitet er den Sterbeprozess, der sich über mehr als ein Jahr hin zieht.

In den Wochen, in denen der Vater endgültig dem Verlassen seines Körpers entgegen dämmert, wird Leilas langes, welliges Haar vollständig weiß.

Es ist, als ob eine stützende Kraft, derer sie sich lebenslang sicher sein konnte, sie nun endgültig verlässt.

Sie sieht sich selbst ganz ungeschminkt: Die Selbstsicherheit der weisen Frau, die sie in der Praxis bei den Patienten noch aufrecht hält, ist in ihrem Alltag verschwunden. Mit Erstaunen beobachtet sie sich, wie sie ängstlich, manchmal weinend, manchmal zänkisch, gespickt mit Vorwürfen und ziemlich würdelos versucht, Dieter an sich zu binden. Und Dieter flieht. Immer weiter weg, über immer längere Zeiträume.

Vor sechs Monaten nun hat er sich eine Wohnung genommen – in Rostock. Ausgerechnet an der Ostsee, die all die Jahre ihre einzige Zuflucht war.

Und wieder nur Tränen

Nun steht sie hier, im karibischen Meer. Der salzige Strom der Tränen verbindet sich mit dem Wasser , in dessen sanfte Wellen gerade ein riesiger, roter Feuerball eintaucht. „Ich bin jetzt viel allein. Meine älteste Tochter hat letztes Jahr Abitur gemacht und wohnt nicht mehr zuhause, die jüngere ist jetzt in der 12. Wenn Dieter und ich uns sehen, treffen wir mit großer Leidenschaft aufeinander,“ sagt sie versonnen. „Aber das, was es so wunderbar machte, diese vielen kleinen Zärtlichkeiten, diese ganz besondere Aufmerksamkeit für den Anderen, ist völlig verschwunden. Seine Aura leuchtet nicht mehr. Als ich ihn vor zwei Wochen in Rostock besucht habe und wir durch die Stadt gingen, habe ich Paare gesehen, die so liebevoll miteinander umgingen wie wir früher auch. Da habe ich mitten auf der Straße geweint; geweint, als ob ich sterben muss.“

Nein, sie wird ihn nicht bitten, zurück zu kommen – zumal das völlig sinnlos wäre. Und sie weiß, dass die räumliche Entfernung auch die innere Entfernung wachsen lassen wird. Die buschigen blonden Brauen ziehen sich schmerzhaft zusammen.

Der Weg der weisen Frau

„Es ist der Weg der weisen Frau. Ich habe ihn zu lange vernachlässigt. Meine Aufgabe ist jetzt, noch einmal von vorn anzufangen. Ich muss loslassen, was mich zerstört und endlich wieder finden, was mich selbst ausmacht. Mich selbst und den göttlichen Anteil in mir.“

Noch einmal einen anderen Mann suchen? Nein, das wird sie nicht. Mit ihren jetzt 53 Jahren hat sie im Leben nichts verpasst. Eine größere Liebe als die zu Dieter wird es für sie nicht mehr geben, da ist sie sich ganz sicher. „Er ist der Mann meines Lebens – ob er nun zu mir zurück findet oder nicht.“

Der Feuerball ist im Meer versunken, ein grandioses Abendrot überzieht den Himmel über uns. Noch immer liegt die Hitze des Tages samtig im Hauch des Abendwindes, der uns streichelt, als wir zu unseren Handtüchern streben.

„Danke dass du mir zugehört hast.“ Die blauen Augen sehen mich erstmals seit Stunden an, ohne dass deshalb der Tränenfluss versiegt. „Du hast mir geholfen, mich dem Schmerz zu stellen und meinem Lebensthema ins Gesicht zu sehen. Ich weiß nicht, ob diese brennende Sehn-Sucht heilbar ist oder ob Dieter und ich wieder zusammen finden können. Aber ich weiß, dass er meine große Liebe ist – und bleiben wird.“

Als wir uns trennen, ist mein Herz bleischwer.

Ich bleibe am Strand zurück, bis das Dunkel endgültig den Tag besiegt hat und wünsche mir, eins mit dem Meer zu sein. Aber auch da gibt es eine Trennlinie, die einfach unüberwindbar scheint.

 

Siehe auch: „Der Mann meines Lebens ist Narzisst – was bitte bin dann ICH?

Und: Erlösung durch Liebe ist von außen unmöglich.

Update: Realfake: Verliebt in einen Mann, den es nicht gibt

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