Pressefreiheit international: Erosion bei der europäischen Vorreiterrolle Antwort

Im vergangenen Jahr hat sich eine schon 2014 begonnene Erosion der europäischen Vorreiterrolle bei der Pressefreiheit fortgesetzt. Gesetze gegen Terrorismus und Spionage wurden zur Einschränkung von Freiheitsrechten missbraucht, Gesetze zur massenhaften digitalen Überwachung verabschiedet.  Öffentliche sowie teils auch private Medien gerieten zunehmend unter Druck.

Das steht im Jahresbericht 2016 der „Reporter ohne Grenzen“ (ROG).  Eine zunehmende Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit geht in einigen europäischen Ländern von Großkonzernen aus, die nicht nur immer mehr Medien kontrollieren, sondern auch anderweitige Geschäftsinteressen verfolgen. So gehören in Frankreich (45, -7) mittlerweile die meisten privaten Medien von nationaler Bedeutung wenigen Unternehmern, deren wirtschaftliche Interessen vor allem in anderen Branchen liegen. In Bulgarien (113, -7) kontrollieren Politiker und Oligarchen den Großteil der Medien; zugleich nimmt Gewalt gegen Journalisten zu.

Gewalt und Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen gegen Journalisten haben in Deutschland (16, -4) 2015 massiv zugenommen. Insgesamt zählte Reporter ohne Grenzen mindestens 39 gewaltsame Übergriffe gegen Journalisten – insbesondere bei Demonstrationen der Pegida-Bewegung und ihrer regionalen Ableger, bei Kundgebungen rechtsradikaler Gruppen oder auf Gegendemonstrationen.

Im weltweiten Vergleich stehen auf den oberen Plätzen der Rangliste der Pressefreiheit 2016 ausschließlich Länder mit demokratisch verfassten Regierungen, in denen die Gewaltenteilung funktioniert. In diesen Ländern sorgt eine unabhängige Gerichtsbarkeit dafür, dass Mindeststandards tatsächlich von Gesetzgebung und Regierung respektiert werden. Hierzu zählen vor allem die meisten EU-Staaten und die angelsächsischen Demokratien. Deutschland liegt in der Rangliste der Pressefreiheit in diesem Jahr auf Platz 16 (2015: Platz 12) und hält sich damit im Mittelfeld der EU-Staaten. Eine Nahaufnahme der Situation muss jedoch strengere Maßstäbe anlegen. Daher dokumentiert Reporter ohne Grenzen hier detailliert besorgniserregende Entwicklungen und strukturelle Mängel, die die Presse- und Informationsfreiheit in Deutschland bedrohen.

Erstmals seit mehr als 30 Jahren ermittelte die Bundesanwaltschaft im Juli 2015 wieder gegen zwei Journalisten. Auf ihrem Blog netzpolitik.org hatten sie als vertraulich eingestufte Dokumente veröffentlicht. Nach bundesweiten Protesten wurden die Ermittlungen gegen die Blogger wenig später eingestellt. Nicht eingestellt wurden jedoch die Ermittlungen gegen unbekannt, also gegen den Informanten.

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Um auf den unzureichenden Schutz journalistischer Quellen und die weit reichende Überwachung durch Geheimdienste aufmerksam zu machen, verklagte ROG im Juni 2015 den Bundesnachrichtendienst wegen Verletzung des Fernmeldegeheimnisses. ROG fordert eine bessere Kontrolle der Geheimdienste durch das Parlament. Das im Oktober verabschiedete Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung kritisiert Reporter ohne Grenzen scharf. Es verpflichtet Telefon- und Internetunternehmen, die Verbindungsdaten aller Kunden anlasslos zehn Wochen lang zu speichern. Zugegriffen werden darf auf die Daten nur bei schweren Straftaten, was genau darunter fällt, ist jedoch nicht klar genug definiert.

Berufsgeheimnisträger wie Journalisten schützt das Gesetz nur unzureichend. Der neu eingeführte Straftatbestand der Datenhehlerei gefährdet ihre Informanten.

Die wirtschaftliche Krise vieler Zeitungs- und Zeitschriftenverlage hält unvermindert an. Dementsprechend häufen sich Meldungen über die Zusammenlegung von Redaktionen, Einsparungen und Entlassungen. In zunehmendem Maße liefern Zentralredaktionen großer Regionalverlage identische Inhalte an diverse Abnehmer. Pressevielfalt besteht in vielen Regionen oft nur noch bei Titel und Layout, nicht aber bei Inhalt und Ausrichtung der Zeitungen. Immer stärker setzen Verlage auf sogenanntes Native Advertising, das ins Layout der Redaktion integriert wird. Wegen mangelnder Trennung von Redaktion und Werbung sprach der Presserat von Januar 2015 bis März 2016 insgesamt 20 Rügen aus. Auch für Radiosender besteht inzwischen ein florierender Markt von Themendiensten und Agenturen, die im Auftrag von Firmen und Organisationen kostenlos Material anbieten.

Dass Whistleblower in Deutschland nicht ausreichend geschützt sind, zeigten auch andere Fälle. Im Juli 2015 ermittelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verrats von Dienstgeheimnissen gegen unbekannt, nachdem die Bild-Zeitung mit Hinweis auf vertrauliche Quellen über defekte Schutzwesten bei der hessischen Polizei berichtet hatte (http://t1p.de/du4g). In Baden-Württemberg setzten sich Innen- und Justizministerium für Ermittlungen wegen Geheimnisverrats gegen unbekannt ein, nachdem die Stuttgarter Zeitung Informationen aus einer als geheim eingestuften Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses veröffentlicht hatte (http://t1p.de/mtg9). In Lüneburg stand im Frühjahr 2016 ein früherer Oberstaatsanwalt wegen Geheimnisverrats vor Gericht. Ihm wurde vorgeworfen, er habe den Weser-Kurier über Pläne der Polizei informiert, die Investigativ-Reporterin Christine Kröger zu überwachen. (http://t1p.de/e6ru)

Wie stark Journalisten und ihre Informanten im Fokus von Ermittlungen stehen, wenn nach undichten Stellen in Geheimdiensten und Behörden gesucht wird, wurde Ende 2015 durch Recherchen des Berliner Tagesspiegel deutlich. Per Gerichtsentscheid zwang die Zeitung die Regierung, Auskunft über die Zahl der Fälle von Geheimnisverrat beim Bundesnachrichtendienst zu geben. Demnach zählte der BND von Januar bis Oktober 32 Verstöße gegen die einschlägigen Geheimschutzvorschriften – bis auf drei Ausnahmen allesamt durch Veröffentlichungen in Medien. In jedem dieser Fälle wird ein formeller Prüfvorgang eingeleitet, um die Quelle des Geheimnisverrats ausfindig zu machen. Die veröffentlichten Zahlen zeigen, dass seit 2013 Jahr für Jahr mehr als Verschlusssache eingestufte BND-Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen. (http://t1p.de/12wa)

Genau nachlesen lassen sich alle Hintergründe in der Nahaufnahme Deutschland.

„Viele Staatsführer reagieren geradezu paranoid auf legitime Kritik durch unabhängige Journalisten“, sagte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske. „Wenn sich selbstherrliche Präsidenten und Regierungen per Gesetz jeder Kritik entziehen, fördert das Selbstzensur und erstickt jede politische Diskussion. Dabei sind lebendige, debattierfreudige Medien gerade dort nötig, wo die Probleme am größten sind und sich Gesellschaften über den besten Weg in die Zukunft verständigen müssen.“

Größte Absteiger in der Rangliste 2016 sind Tadschikistan (Platz 150, -34) und Brunei (155, -34). In Tadschikistan macht Präsident Emomali Rahmon unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung Kritiker mundtot. In Brunei nimmt angesichts der schrittweisen Einführung der Scharia und eines Blasphemieverbots die Selbstzensur zu. Polen stürzte um 29 Plätze auf Rang 47 ab – eine Folge der zielgerichteten Bestrebungen der neuen Regierung, die Eigenständigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien einzuschränken und private Medien zu „repolonisieren“.

Größter Aufsteiger ist Tunesien (96, +30), das ungeachtet aller weiterhin bestehenden Defizite die Früchte der Medienreformen seit dem Umbruch von 2011 zu ernten beginnt. Gewalt und Prozesse gegen Journalisten sind dort weiterhin ein Problem, aber in der Tendenz rückläufig.

Eine zunehmende Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit geht in einigen europäischen Ländern von Großkonzernen aus, die nicht nur immer mehr Medien kontrollieren, sondern auch anderweitige Geschäftsinteressen verfolgen. In Bulgarien (113, -7) kontrollieren Politiker und Oligarchen den Großteil der Medien; zugleich nimmt Gewalt gegen Journalisten zu.

Selbst in Schweden (8, -3), das traditionell zu den Ländern mit der ausgeprägtesten Pressefreiheit gehört, klagen im Zeichen einer stärker werdenden nationalistischen Strömung erschreckend viele Journalisten über Drohungen. Gewalt gegen Journalisten ist auch in Kroatien (63, -5) und Serbien (59, +8) ein anhaltendes Problem. In Ungarn (67, -2) definiert und überwacht mittlerweile ein von der Regierung kontrollierter Medienrat die Einhaltung des „öffentlichen Anstands“.

In der Türkei (151, -2) gingen Regierung und Justiz nicht zuletzt im Zeichen des wiederaufgeflammten Konflikts mit den Kurden massiv gegen kritische Medien vor. Wiederholt wurden Nachrichtensperren verhängt, Redaktionen überfallen oder unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt, ausländische Reporter festgenommen und kritische Journalisten mit Klagen überzogen. Hinzu kamen Mordanschläge auf mehrere syrische Medienaktivisten, die in die Türkei geflüchtet waren.

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In Amerika ist die Pressefreiheit Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt: In Kolumbien (134, -6) und weiten Teile Mittelamerikas wie etwa Honduras (137, -5) machen die Aktivitäten von Drogenkartellen und paramilitärischen Gruppen investigativen Journalismus lebensgefährlich. Besonders häufig sind Morden an Journalisten in Mexiko (149, -1); besonders stark verschlechtert hat sich die Lage in El Salvador (58, -13) seit dem Amtsantritt von Präsident Salvador Sánchez Cerén, der den Medien eine „psychologische Terrorkampagne“ gegen sich vorgeworfen hat.

In den USA (41, +8) gehen die größten Gefahren für die Pressefreiheit von der digitalen Überwachung sowie von der juristischen Kampagne der Regierung gegen Whistleblower und Investigativjournalisten aus. In Venezuela (139, -2) und Ecuador (109, -1) ist Druck der Behörden das größte Hindernis für unabhängigen Journalismus, in Brasilien (104, -5) Korruption und in Argentinien (54, +3) die hohe Medienbesitzkonzentration.

Kuba bleibt abgeschlagen auf einem der letzten Plätze der Rangliste (171, -2) – trotz des außenpolitischen Tauwetters war dort 2015 keine Lockerung der weitreichenden staatlichen Kontrolle über die Medien zu erkennen.

Die Spitzenplätze der Rangliste nehmen Finnland, die Niederlande und Norwegen ein. Dazu tragen etwa liberale Regelungen über den Zugang zu Behördeninformationen sowie der Schutz journalistischer Quellen bei. Am Ende der Rangliste halten sich unverändert Eritrea (180), Nordkorea (179) und Turkmenistan (178) – Diktaturen, die die Medien ihrer Länder so gut wie vollständig kontrollieren. Eritrea lässt neuerdings zwar vereinzelt ausländische Journalisten ins Land reisen, hält deren einheimische Kollegen aber zum Teil seit fast 15 Jahren unter erbärmlichen Bedingungen gefangen.

Neben den Platzierungen der einzelnen Länder errechnet Reporter ohne Grenzen seit 2013 auch einen Indikator der Pressefreiheit weltweit. Dieser weist für 2015 einen eindeutigen Rückgang der Pressefreiheit aus. Von der vorigen zur aktuellen Rangliste ist der Indikator um 3,7 Prozent gesunken, seit 2013 um 13,6 Prozent.

Am deutlichsten (-16 % seit 2013) ist der Rückgang beim Teilindikator für die Produktionsmittel von Medien: Einige Regierungen schrecken nicht vor Blockaden des Internets oder der Zerstörung von Redaktionsräumen, Sendetechnik oder Druckpressen zurück, um unliebsame Berichterstattung zu unterbinden.

Deutlich ist der globale Rückgang auch bei den juristischen Rahmenbedingungen (-10 % seit 2013). Dies spiegelt die vielen Gesetze wieder, die Präsidentenbeleidigung, Blasphemie oder Unterstützung des Terrorismus unter Strafe stellen und damit in einigen Ländern zu zunehmender Selbstzensur beitragen.

Update: Fünf Jahre Haft für Cumhuriyet-Journalisten

Update: US-Cartoonist wegen kritischer Saatgut-Karrikatur gefeuert

Update: Türkische Regierung ordnet Schließung von 45 Zeitungen und 16 TV-Sendern an – Haftbefehle

Update: Could reporters be hunted down if Trump goes after leakers

Medien: Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte – das wird immer so sein Antwort

Die Redaktionsleiterin des Nordbayrischer Kuriers (Region und Kultur) Christina Knorz bringt es auf den Punkt: „Die Lokalzeitungen in Deutschland sind, wenn man da einen Schnitt durch macht, einfach nicht gut. Die sind langweilig, das sind Verlautbarungsorgane von Entscheidern, das hat nichts mit Journalismus zu tun, wie er gemacht werden sollte. Die Texte sind unverständlich, bürokratisch, es ist unattraktiv, man schlägt es auf und will gleich weglaufen. Ich kann verstehen, dass Menschen so eine Zeitung nicht kaufen wollen. Ich würde das auch nicht tun. Aber es liegt ja an uns, dass wir uns zurückbesinnen, was wir eigentlich tun sollten und das deshalb dann auch machen.“

Wie wahr. Und das gilt nicht nur für die Lokalzeitungen.

Print als Ganzes ist im rasanten Sinkflug. Wie schwer die Krise ist, kommt in der breiten Öffentlichkeit kaum an. Wir, die User, nehmen, was wir bekommen können – und das, wenn möglich gratis. Wir haben im Auto das Radio, unzählige TV-Sender im Wohnzimmer, immer aktuell und samt Mediatheken auf Samrtphone, Tablet und PC. Wenn wir schnell über das aktuelle Thema informiert werden wollen, das uns gerade interessiert, nutzen wir twitter – in den sozialen Netzwerken können wir jederzeit kommentieren und interagieren, statt zu warten, ob unser Leserbrief gnädig veröffentlicht wird oder nicht – uns geht es doch besser als jemals zuvor – oder?

Sogar die Bundeskanzlerin sah sich angesichts des jüngsten Kongresses der Zeitungsverleger (BDZV) genötigt, den Erhalt des „Qualitätsjournalismus“ zu fordern.

In Deutschland gibt es laut BDZV  329 Tageszeitungen, 20 Wochenzeitungen und 6 Sonntagszeitungen. Zusammen haben sie eine Auflage von rund 22,2 Millionen Exemplaren. Diese vereinen unter ihrem Dach 1.528 redaktionelle Ausgaben. Neben den Printtiteln unterhalten die deutschen Zeitungen 661 redaktionelle Online-Angebote, die von mehr als die Hälfte der deutschen Internetnutzer regelmäßig besucht werden. Darüber hinaus gibt es mittlerweile 450 Apps für Smartphones und Tablet-PCs von Zeitungsverlagen, von denen zwei Drittel kostenpflichtig sind. Mit 248 Exemplaren pro 1.000 Einwohner über 14 Jahren hat Deutschland eine der höchsten Zeitungsdichten Europas.

Pro Erscheinungstag werden die gedruckten Zeitungen von 67,4 Prozent der Bürger über 14 Jahren gelesen (Tageszeitungen: 63,2 Prozent). Fast 44 Prozent der über 14-Jährigen (30,9 Millionen Unique User) sind auf den Websites der Verlage unterwegs. 9,6 Millionen Nutzer steuern mindestens einmal pro Monat die Website einer regionalen Zeitung mobil an. Und: Bei der mit gedruckter Lektüre nur schwer zu erreichenden Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen ist die Reichweite der Verlage im Netz seit Ende 2011 um 14 Prozentpunkte auf 66,9 Prozent gestiegen. Die gedruckte Tageszeitung lesen zwei von drei Deutschen über 14 Jahren regelmäßig, das sind knapp 45 Millionen Männer und Frauen. Bei den lokalen und regionalen Abonnementzeitungen liegen die Leserinnen mit 52 Prozent sogar ganz leicht vor den Lesern (gut 50 Prozent). Dagegen werden Kaufzeitungen und überregionale Abonnementzeitungen stärker von Männern (23 Prozent beziehungsweise knapp 6 Prozent) als von Frauen (13 Prozent beziehungsweise knapp 4 Prozent) genutzt.

Die Zeitungen in Deutschland, so der BDZV weiter, haben eine Gesamtauflage von gut 21,5 Millionen verkauften Exemplaren pro Erscheinungstag (IVW: II. Quartal 2014). Im Vergleich zu dem entsprechenden Vorjahresquartal bedeutet dies ein durchschnittliches Auflagenminus von 3,7 Prozent. Zu der Gesamtauflage zählen 590.000 verkaufte E-Paper-Ausgaben von 178 verschiedenen Titeln (+47,9 Prozent). Insgesamt belaufen sich die Verluste per saldo bei den lokalen/regionalen Zeitungen auf -2,6 Prozent, bei den überregionalen Titeln auf -6,1 Prozent, bei den Kaufzeitungen auf -8,1 Prozent, bei den Sonntagszeitungen auf -4,7 Prozent. Die Wochenzeitungen erzielten ein Plus von 0,4 Prozent.

Mit Journalismus im Netz Geld verdienen, um die Print-Ausgabe zu retten. Das ist das erklärte Ziel der Verleger, die horrende Vermögen in teuren Druckhäusern, Maschinen und Papier gebunden haben, die viel Geld für „analoge“ Vertriebswege verbrauchen, und die in ihren Blättern eine Vielzahl von Themen bündeln, die eine Vielzahl ganz verschiedener Interessenten ansprechen. Der Leser einer Tageszeitung wird einmal am Tag informiert, und zwar im Paket: Er bekommt von der Außenpolitik über die Kultur und den Sport bis hin zu Informationen aus seinem Heimatort alles im Paket. Wobei die Informationen aus dem Heimatort immer weniger, die Neuigkeiten, die über Nachrichtenagenturen und Lobbyisten beziehbar sind, immer mehr werden. Besonders ärgerlich dabei: Man bekommt zumeist alles oder nichts.

Um wenigstens die Bezugspreise einigermaßen stabil zu halten, sparen die Verlage, was das Zeug hält – und zwar da, wo es sich quer durch die ganze Wirtschaft am schnellsten sparen lässt: Bei den Menschen. Angestellte Redakteure sind teure Mitarbeiter. Sie haben im Vergleich zu anderen Berufen ausgesprochen gute Tarifverträge. Für die gute Bezahlung gibt es auch gute Gründe:  Den sogenannten Qualitätsjournalismus. Die Ausbildung von Redakteuren umfasst ein breites Spektrum von Verantwortlichkeiten rund um das Thema Information: Im besten Fall verinnerlichen sie nicht nur den genauen Unterschied zwischen den Stilrichtungen, mit deren Hilfe sie informieren, sondern auch die dahinter stehende Ethik: Ein Journalist hat zuerst nüchtern die Fakten zu präsentieren, bevor er irgend etwas wertet. Entschließt er sich zu einer Wertung, hat er sie als solche kenntlich zu machen, zu begründen und in Zusammenhang zu stellen. Medien stehen im Dienst ihrer Leser – nicht im Dienst von Interessengruppen, sei es nun aus der Wirtschaft oder der Politik. Damit tragen sie eine hohe gesellschaftspolitische Verantwortung.

Nun hat die technische Entwicklung in den letzten Jahrzehnten für eine stattliche Veränderung des Berufsbildes gesorgt. Heutige Tageszeitungsredakteure verbringen bestenfalls einen Bruchteil ihrer Zeit mit eigener Recherche. Statt dessen verarbeiten sie Material von Presseagenturen, freien Mitarbeitern, Korrespondenten. Sie ordnen es ein, gestalten damit optisch, inhaltlich und technisch das Blatt des nächsten Tages – reichern es vielleicht an mit einem Kommentar oder gar Leitartikel – sind ansonsten aber Informations-Verarbeiter, denen von ihren Arbeitgebern täglich neu klar gemacht wird, dass ihr eigenes Überleben vom Umsatz abhängt, und dass sie gefälligst etwas dafür zu leisten haben.

Hier beginnt ein Konflikt, der nur ganz selten aus den Medienhäusern in die Öffentlichkeit gelangt, denn es gibt außer den Medien ja niemanden, der über die Situation von Medienmachern berichten würde oder könnte…

Jeder Journalist – sei es beim kleinen Anzeigenblatt oder beim größten Medienhaus der Republik – möchte „gute Geschichten“ schreiben. Ehrliche Geschichten, die die Dinge aufzeigen wie sie sind, ungeschönt, tief  recherchiert, versehen mit guten Fotos, Anregungen zur Veränderung, einem fundierten Kommentar. Jeder Journalist weiß, wieviel Zeit so etwas braucht: Tagelanges Telefonieren, lange abendliche Treffen, Überzeugungsarbeit bei Informantern, das richtige Licht für das Foto – Freiraum im Kopf zum Überdenken des Kommentares. Zeit, die kein Mensch mehr hat, der in die tägliche Produktion eingebunden ist. Und schon gar nicht, wenn es wie in den Lokalausgaben, manchmal nur um wenige hundert oder wenige tausend Leser geht. Da kann die Story noch so gut sein – über den Verkauf wird sie sich nur im großen Rahmen refinanzieren – auf lokaler Ebene nicht.

Im überregionalen Bereich hat die Tageszeitung den Anspruch, die Informationen des Tages von Timbuktu bis Berlin widerzuspiegeln, zu wichten und zu werten – eine Auswahl im Sinne ihrer Leser zu treffen. Zwar ist sie damit hoffnungslos im zeitlichen Hintertreffen: Wenn sie endlich beim Leser auf dem Frühstückstisch liegt, ist die Nachricht im Zweifelsfall uralt. Aber: Es sind große Themen, mit denen sich die Journalisten beschäftigen – und das streichelt die Eitelkeit. Es ist schließlich ein Unterschied, Frau Merkel mal Bescheid zu sagen, als dem heimischen Ortsbürgermeister, der im Zweifelsfall dann schimpfend vor der Haustür steht. Über den digitalen Verkauf, so die Hoffnung,  könnte man das analoge Zeit-Defizit ausgleichen. Außerdem nimmt man für sich in Anspruch, die Leser vor „Überflutung“ mit Information zu schützen.

Nein, ich will Journalisten nicht Unrecht tun.  Ich möchte ein Dilemma aufzeigen: Im Digitalen herrscht ein mörderischer Wettbewerb zwischen allen Anbietern, wo Print erstmal seinen Umsatz erstreiten muss. Und der Umsatz ist es, der zählt; nicht die Klicks. Bisher gibt es keinerlei Notwendigkeit, digitale Allround-Zeitungs-Abos zu kaufen. Spätestens über twitter sind alle relevanten Informationen gratis erhältlich – und zwar als persönliches Nutzerprofil. Das Einzige, was das twitter-Mitglied nicht bekommen kann, sind regelmäßige kleinteilige, lokale Informationen.

Der  Markt, auf dem gedruckte Tageszeitungen auch in Zukunft am leichtesten Wachstum erzielen könnten, ist ihr einziges Hoheitsgebiet: das Lokale. Im lokalen Bereich lieben die Leser ihre Zeitung als täglichen Begleiter im Alltag, wie immer neue Erhebungen auch deutlich machen. Nicht einmal lokales Fernsehen kann der Tageszeitung hier das Wasser reichen: Nur sie kann wirklich immer am Ball sein. Hier, wo man höchst selten Preise gewinnen kann, spielt sich das Leben der Abonnenten ab, hier kann echte emotionale Bindung hergestellt werden, die auch Zeitschranken aushält.

Informationsquellen für lokales Geschehen

Gerade hier wird aber seit Jahrzehnten kontinuierlich gespart. Man bedient sich ungelernter freie Mitarbeiter, die oft sehr engagiert sind, aber manchmal bereits Probleme haben, die deutsche Sprache in ihrem ganzen Spektrum zu nutzen – dafür lassen sie sich mit lächerlichen Zeilen- und Bildhonoraren abspeisen. Im Zweifelsfall werden ganze Lokalteile eingestellt, um die Kosten einigermaßen im Griff zu behalten. Denn bisher ist für die Verlage ehernes Gesetz: Die Tageszeitung muss als Paket verkauft werden. Mit allem, was drin ist: Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport, Reise, der Anzeigenbeilage und der Werbung – vom Automarkt bis zur Partnervermittlung. Die Aufsplitterung in viele Lokalteile kostet Geld, bringt aber vergleichsweise wenig Umsatz.

Warum? Weil sich die Anzeigenpreise an der Auflage orientieren. Würde man die Werbeeinahmen nach Auflagenzahlen einzelner Lokalausgaben stückeln, würden die ohnehin sinkenden Umsätze in den freien Fall übergehen.

Die redaktionelle Stückelung bei digitalen Abos wird dennoch eine Frage der Zeit sein. Man wird in Zukunft wohl kaum noch einen Leser zwingen können, immer neue Pakete zu kaufen, von denen er nur Bruchteile nutzt. „Persönliches Leseprofil“ heißt das Stichwort.

Online kämpfen die Verlage an allen Fronten: Gegen öffentliche TV-Archive, gegen Auszüge aus den Zeitungstexten in der Google-Suche, sie twittern, sie versuchen sich in Bezahlschranken – alles bisher mit mäßigem Erfolg. Fernsehsender, finanziert durch Zwangs-GEZ, haben es nicht nötig, Bezahlschranken einzurichten. Google interessiert das Snippet-Thema nicht: Jüngst hat die Suchmaschine beschlossen, Kurzangaben zu den Suchergebnissen im Zweifelsfall einfach wegzulassen und sich auf die Überschriften zu beschränken. Und Bezahlschranken? Ja, da wird man wohl lieb gewordene Gewohnheiten loslassen müssen, wenn es dauerhaft klappen soll. Mit einem Jahres-Abo der Gesamtausgabe und einem geschenkten Tablet dazu wird auf Dauer niemand Leser halten.

ARTE, wie so oft führend in Sachen Dokumentationen, hat sich des Print-Themas angenommen und vor einigen Wochen gezeigt, was im digitalen Bereich noch auf Medienmacher und Konsumenten zukommen wird. Ein sehenswertes Video, in dem sich das ganze Print-Drama abbildet.

War das, was wir früher gemacht haben, wirklich so toll? Eine Frage, die im Online-Zeitalter Programme wie etwa Chart Beat, ganz genau beantworten. Hier wird nicht nur analysiert, was viele Klicks bringt, sondern auch, welche Leser zurückkommen – und warum. Die New York Times hat beispielsweise inzwischen mehr als 700 000 Online-Abonnenten – weil sie sich konsequent auf treue Leser ausgerichtet hat. Dazu muss man goldene Kälber vom Thron werfen – aber es sichert das Überleben.

„Information ist erstmal frei von Wertung – einfach da, wie Luft und Wasser. Dann gibt es Systeme, die nach einem bestimmten Schlüssel aus der Flut etwas herausfischen. Der Journalist als Urheber der Information hat ausgedient – wir sind alle zu Überbringern geworden“, hat man bei der renommierten französischen Tageszeitung Le Monde herausgefunden. Was das in der Praxis heißt, wird durchaus unterschiedlich interpretiert: Aus Frankreich kommt der Gedanke, digitalen Lesern auch digitale Nutzerprofile nach ihren persönlichen Interessen zu schneidern, in New York möchte man nicht auf das Bewusstsein verzichten, „für alle“ zu schreiben. „Auch viele kleine Einnahmequellen können ein Fundament sein,“ meint man beim Guardian in England – dem Blatt, das durch die Snowden-Berichterstattung international bekannt wurde. Dort, wie auch bei der deutschen BILD, wird aus Überzeugung getwittert: Als Gegenpol zu all den anderen Schreibern, die sich in höchst unterschiedlichen Qualitäten hier, wie überhaupt in den social Medien tummeln.

„Die Idee der Zeitung zu retten – wenn das gelingt, hat das Verlegertum, die digitale Tageszeitung, eine grandiose Zukunft. Qualitätsjournalismus ist mit Werbung schlicht nicht zu finanzieren,“ sagt Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer. Springer arbeitet konsequent auf eine Verzahnung des Print-Bereichs mit dem Digitalen hin und ist dafür bereit, auch die goldenen Kälber zu schlachten.

In der Bilanz für das Jahr 2012 erwirtschafteten die digitalen Medien der Axel Springer AG mit 1,174 Mrd. Euro erstmals mehr Umsatz als die deutschen Zeitungen (1,126 Mrd.). Während Digital um 22 Prozent zulegte, schrumpfte das Geschäft mit Zeitungen um 3,3 Prozent. Beim operativen Gewinn legten die digitalen Medien bei Springer um satte 53,6 Prozent auf 242,9 Mio. Euro zu. Aber: Die Umsätze aus dem Digitalgeschäft kommen weniger von klassischen, journalistischen Medienangeboten, sondern aus der Vermarktung und von Anzeigen-Portalen. “Wir wollen den digitalen Umbau des gesamten Unternehmens deutlich forcieren“, sagte bei der Bilanzvorstellung Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner. Was er damit meinte, wurde auch der Öffentlichkeit bald klar: 2013 wurde in einer groß angelegten Studie „Der Abend„, das Konzept einer digitalen Tageszeitung entwickelt.

In der Spiegel-Redaktion, dem – wenn man so will – intellektuellen Kopf der Springer-Presse, geht es jetzt um das Schlachten der goldenen Kälber. Es wird ein hartnäckiger Kampf Print gegen Digital ausgetragen, der im Rauswurf beider Chefredakteure einen ersten Höhepunkt hatte. Vor wenigen Wochen wurde der Machtkampf entschieden: Ein Aufstand der Print-Ressortleiter gegen den neuen Chefredakteur Wolfgang Büchner endete in einer Niederlage. Die analog schreibende Zunft schaut immer noch herablassend auf die digitalen Kollegen hinab – die meist auch deutlich weniger verdienen. Warum Analog glaubt, sich Herablassung leisten zu können, ist genau genommen unklar…

Vor uns liegt nicht nur eine Zukunft, in der wir uns, wo wir gehen und stehen, digital informieren können – sei es durch google glass, einen sprechenden Badezimmer-Spiegel oder andere technische Allroundgeräte. Vor uns liegt auch eine Zeit, in der die affektive Bindung zu einem bestimmten Medium immer weniger vorhanden ist. Die Arte-Doku macht das sehr deutlich. „Von mir aus können die Zeitungen sterben. Mich interessieren Nachrichten,“ sagt der sogenannte Open Journalismus, und folgerichtig: „Mir ist egal, wer ein Journalist ist. Wichtig ist: Wer handelt journalistisch? Wer kann Informationen seriös prüfen, sie bewerten und Zusammenhänge herstellen?“

Denn:  „Das Einzige, was sich nicht verändert, ist: Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte – egal, wer sie erzählt“.

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100 Zeitungen, so berichtet Statista, haben laut Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger mittlerweile eine Bezahlschranke im Netz eingeführt. Davon setzen 60 Zeitungen auf ein Freemium Modell. Dabei bleibt ein Teil der Artikel kostenfrei, während der Rest des Online-Angebotes nur nach Erwerb eines Tagespasses oder Abos zugänglich wird. Ein Beispiel für dieses Modell ist BILDplus bei Bild.de. 35 weitere Blätter setzen auf das so genannte Metered Model. Ein Beispiel hierfür ist die Welt, bei der Leser monatlich freien Zugang zu maximal 20 Artikel haben. Ist dieses Kontingent erschöpft, müssen sie bis zum nächsten Monat warten oder ein Abo abschließen. Schließlich gibt es noch die harte Bezahlschranke, bei der das komplette Online-Angebot kostenpflichtig wird. Für dieses Modell haben sich vier Zeitungen entschieden. Einen Sonderweg hat die TAZ eingeschlagen, die es ihren Lesern freistellt, ob sie für einen Artikel etwas bezahlen wollen oder nicht.

Die vollständige Liste der deutschen Zeitungen mit Paid Content Angebot:

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Siehe auch:

Niedergang der Printmedien: Kreativität in ganz neuen Strukturen notwendig

Weiterführende Links:

BDZV: Die deutschen Zeitungen 2014

Konzentration bei Tageszeitungen auf historischem Höchststand

ARD/ZDF-Onlinestudie 2014

IVW-Analyse: Deutschlands erfolgreichste Heimatzeitungen

Mediendaten Südwest

Entwicklung der RZ seit verschärfter Bezahlschranke

Die Zukunft der Tageszeitung ist jetzt

Digitale Medien überfluten Zeitungen

Springer-Bilanz: Digital überholt Zeitungen

Warum Zeitungen plötzlich wieder Auflage machen

Der Abend: Konzept einer digitalen Tageszeitung

Machtkampf beim Spiegel geht weiter: Wirtschafts- und Kulturchef sollen gehen

Google schmeißt Snippets raus

Update: IVW Q3 2014: Alle Tageszeitungen verlieren

Update: Video: Wie wird die Zukunft des Journalismus aussehen?

Update: Verlage geben Google nach

Update: „Brigitte“ entlässt alle schreibenden Redakteure

Update: Journalismus unter Verdacht

Update: Der Spiegel: Klaus Brinkbäumer soll Nachfolger von Wolfgang Büchner werden

Update: Machtkampf beim Spiegel ist vorbei – Büchner muss gehe

Update: Anhörung im Bundestag: Experten zerpflücken Leistungsschutzrecht

Update: RZ-Zugriffsbilanz nach vier Monaten Paywall

Update: Wer gehört zu wem?

Update: Milliardäre machen Zeitung – die Magie der Macht

Update: The Last (or at Least Looniest) Newspaper in America

Update: Zeitungen verlieren dramatisch an Reichweite

Update: Mit Geld von Axel Springer: Deutscher Business Insider startet noch dieses Jahr

Update: Aus jeder Zeitung das herauspicken, was man lesen will: Geht doch!

„Der Abend“: Konzept einer digitalen Tageszeitung – und eine Vision … Antwort

Niedergang der Printmedien – Kreativität in ganz neuen Strukturen notwendig – unter diesem Titel habe ich seit der Insolvenz der Frankfurter Rundschau im Dezember 2012 zahlreiche Updates zur kritischen Lage der Zeitungsbranche in Deutschland in diesem Blog gesammelt.

Der Spiegel hat nun in den letzten vier Wochen etwas getan, wozu sich alle anderen Medien bisher nicht trauten: Er hat Chefredakteure von regionalen und überregionalen Tageszeitungen an einen Tisch geholt und zusätzlich über die sozialen Medien Tausende von Lesern befragt. Herausgekommen ist nicht nur eine nachahmenswerte Diskussion, sondern auch ein erstes Konzept einer Verlags-übergreifenden digitalen Tageszeitung mit frei gestaltbarem Lokalteil, das eine echte Zukunftschance zu bieten scheint – wenn die Verlage es nicht nur nutzen, um noch  mehr Personal als bisher zu sparen.

Den folgenden Artikel habe ich Spiegel Online  vom 10.9.2013 entnommen. Er ist lang. Aber er führt zu einer Vision, die sich aus meiner Sicht noch ausfeilen ließe…

Nehmen wir an, es gelänge nicht nur der Spiegel-Gruppe  oder den Verlagen die sie hier zusammen gerufen hat, den „Abend“  zu produzieren und zu vermarkten. Denken wir noch eine Schuhgröße weiter: Man nehme einen Pool aus beliebig vielen, auch kleinen (Fach-)Verlagen, deren beste Redakteure Hintergrund-Recherchen, Bewertungen und Kommentare zu Nachrichten einstellen, die von Agenturen aller Kontinente kommen – also breiter vorhanden sind, als es zurzeit irgendwo in Deutschland kaufbar ist. Das wäre eine Ebene, die GEZ-förderfähig sein könnte.

Nehmen wir nun an, alle beteiligten Verlage bieten im Rahmen dieses Konsortiums ihre eigenen Regional- und Lokalnachrichten an, ebenfalls gefächert nach Sparten.

Damit wäre meine Ideal-Zeitung auf dem Markt: Ich könnte einen nationalen und internationalen Teil, außerdem einen Lokalteil nach meinen Interessenlagen fest abonnieren und würde täglich gute drei Stunden Suche im Netz einsparen.

Den Anbietern stünde ein wesentlich breiter gefächerter Werbemarkt zur Verfügung, als sie jeweils mit ihren hauseigenen e-papers erreichen. In den Zentralredaktionen würden Posten frei, die ins Lokale verlagert werden und die „Hausmacht“ über Leser-Blatt-Bindung neu erstarken lassen könnten. Im Ergebnis könnte damit zumindest ein Teil der noch bestehenden Print-Ausgaben mittelfristig gerettet werden – und vor allem würden wir nicht verlieren, was wir an ausgebildeten Redakteuren zu schätzen wissen: Ihre Fachkompetenz in Sachthemen und ihre Fähigkeit, Ereignisse in größere Rahmen einzuordnen.

Geht nicht?

Vielleicht treibt die Not die Verlage ja zusammen.

*

Hier nun der Spiegel-Text:

Stirbt die Tageszeitung?

Wenn nicht – warum?

Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Fragten wir vor vier Wochen. Und über tausend Leser antworteten. Schimpften, lobten, argumentierten, pöbelten, schwärmten. Formulierten Gedanken, machten Vorschläge – die wichtigsten fassen wir in diesem Text zusammen. Und entwickeln daraus so etwas wie die Zeitung von morgen, im sechsten Kapitel stellen wir sie vor. In den fünf Kapiteln davor antworten Leser auf die großen Fragen der Zeitungsdebatte: Was ist der Sinn von Tageszeitungen? Warum verlieren sie so viele Leser? Frisst Online Print? Machen Bezahlmodelle für Online-Journalismus Sinn? Was können Redaktionen tun gegen die Leserflucht? Schließlich: Wie sollen Journalisten in Zukunft informieren? Am Beginn jedes Kapitels antworten Chefredakteure deutscher Zeitungen aus ihrer Sicht auf die Fragen. Viel Spaß!

Von Cordt Schnibben

Die letzten vier Wochen waren für mich eine seltsame Erfahrung: Einerseits war ich erfreut darüber, wie ernst viele Leute den Journalismus nehmen, sich hinsetzen, um lange Mails und Kommentare zu schreiben. Andererseits erstaunt darüber, wie hart sie mit Journalisten ins Gericht gehen, auch mit SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE übrigens. Schreiben voneinander ab, linke Zensoren, intellektueller Abwärtstrend, devote Hofberichterstattung, PR-Maschine, schlecht recherchiert, nur noch Agenturmeldungen kopiert, schlechtes Deutsch, solche Beschwerden ziehen sich durch viele Leserkommentare. Man kann das abtun als die Nörgelei von chronischen Nörglern, aber solche Urteile finden sich in den meisten Leseräußerungen. Nicht das Netz sei der wahre Grund für die Leserflucht, bilanzierte Kommunikationsforscher Michael Haller in seinem Debattenbeitrag, die Enttäuschung über die Tageszeitung sei noch wichtiger, der Auflagenrückgang habe schon vor der massenhaften Nutzung des Internets eingesetzt. Über die lokale Tageszeitung wird besonders hart geurteilt.

Leser- Kommentare

„Es ist schön festzustellen, dass die Kompetenz der LeserInnen gefragt ist.“
Kora Gouré Bi per E-Mail

Wenn man sich durch die Zuschriften der Leser wühlt, spürt man allerdings immer noch eine mystische Abhängigkeit von der Zeitung. „Es ist so schön im Morgenrock an den Briefkasten zu gehen“ (Anne-marie Arveuf-kayser). „Eine noch nicht aufgeschlagene Zeitung zwingt zur Lektüre“ (MTV). „Ein Familienmitglied  am Frühstückstisch“ (twaddi). Man könne sie überall lesen, die Zeitung; man zeige, dass man seine Ruhe will; man lese viel konzentrierter. Die Zeitung sei übersichtlich und abgeschlossen, „ein Fels in der Brandung“ (besim), sie trenne Unwichtiges von Wichtigem, liefere Hintergrund und Lesespaß und: „Das große Plus der Tageszeitung ist die Qualitätskontrolle und der Umstand, dass jemand für einen Beitrag mit seinem Namen haftet“ (mueller-thurau).

„Jetzt tauchen hier plötzlich irgendwelche Blogger aus der Versenkung auf, von denen kein Mensch je gehört hat.“
georgtrakl auf Spiegel Online

Viele Menschen sind verliebt in ihre Zeitungen, und ich muss zugeben, wenn ich an der Nordsee Urlaub mache, wie in den letzten zwei Wochen, dann kann ich Feinkost Meyer nicht verlassen, ohne den „Weser-Kurier“ mitzunehmen. Als Bremer bin ich mit dem „Weser-Kurier“ aufgewachsen, im Lokalteil waren die Bilder von unseren Schülerdemonstrationen und vom Beat-Club, im Sportteil las ich über die 1. Herrenmannschaft des ATSV Bremen 1860 und die erste Deutsche Meisterschaft von Werder Bremen. Und auf der Titelseite tobte der Vietnam-Krieg.

„Es ist schön festzustellen, dass die Kompetenz der LeserInnen gefragt ist.“
Kora Gouré Bi per E-Mail

Jeder ist mit einer Zeitung groß geworden, sie ist Teil seiner Biografie. Dieser Satz stimmt nicht mehr, viele, die heute groß werden, wachsen ohne Zeitung auf. Und bei vielen, die mit einer Zeitung groß geworden sind, verschwindet die Zeitung für immer aus ihrem Leben. Warum?

Wie schlimm ist es?

Wie schlimm ist es

(Quelle: IVW)

Mehr als 50 Zeitungen eingestellt in den vergangenen 20 Jahren, sechs Millionen weniger Auflage im Vergleich zu 2003, 1,3 Milliarden Euro weniger Werbeerlöse seit 2006 – das sind die Zahlen der Zeitungskrise.

Die Gründe: Zeitungen, die ihre Leser langweilen und ihnen zu teuer sind. Verleger, die Redaktionen zusammenschrumpfen, um ihre Rendite trotz sinkender Erlöse zu halten. Verleger, die zu spät und zu halbherzig auf die Digitalisierung reagiert haben. Blogger und soziale Medien, die im Netz bessere Alternativen zu den alten Medien bieten. Das sind die Ursachen für die Zeitungskrise, wenn man die Leserkommentare ernst nimmt.

„Weg von dieser verbeamteten Worthülsenstanzerei. Den ewig gleichen Phrasen und Wendungen, die keiner mehr ertragen kann.“
waldlergeist auf Spiegel Online

„Mir macht diese Entwicklung große Angst“, schreibt ohnebenutzername, „keiner ist mehr bereit für Qualitätsjournalismus zu zahlen.“ Um Tageszeitungen lesen zu können, „benötigt man Zeit und Geld, immer weniger Arbeitnehmer haben dies“ (naklar?).

Sich online besser informieren zu können gilt für immer mehr Leser als selbstverständlich. „Online habe ich die Möglichkeit, jeden Artikel, der mir suspekt vorkommt, in die Suche zu schmeißen“ (Galik). „Seit Jahren suche ich die lokalen (und überregionalen) Inhalte, die mich interessieren, in Blogs, über socialmedia und andere digitalen Medien zusammen“ (Gudrun Lahm).

Die Antwort der Verleger auf die Herausforderungen des Internets befriedigen Online-Leser nicht. „Die meisten Tageszeitungen, die auf digital umgesattelt sind, haben den Leser einfach vergessen und das Papierformat eins zu eins übernommen, der moderne Weg wäre, eine Onlinequelle, zu erschaffen, die sich dem Leseverhalten des Users anpasst.“ (spon-facebock-jerrykess). Und der Fehler vieler Tageszeitungen, die gesamten Inhalte der Printausgabe kostenlos auf die Website zu stellen, verstehen viele Leser noch weniger, obwohl sie gern davon profitieren. Die sinkenden Erlöse durch immer neue Sparrunden in den Redaktionen auszugleichen, habe die Qualität vieler Zeitungen deutlich reduziert. „Die Verleger schmeißen in kurzsichtigem Profitdenken Redakteure raus und wandeln Lokalredaktion in Profit-Center“ (FerrisBueller2).

„Am liebsten lese ich inzwischen die Nachrichten auf dem Online-Portal meiner Bank.“
Enzian auf Spiegel Online

Lokal und regional informiert zu werden, finden die einen sehr wichtig, aber so, wie es passiert, ist es den anderen zu provinziell: „Beiträge, die ich so fast auch aus dem amtlichen Mitteilungsblatt der Gemeinde kenne“ (Wunderläufer). „… sind die Verbandelungen zwischen Wirtschaft, Politik und Presse so tief gewachsen, dass die Zeitung auch kaum noch in der Lage sein wird, unabhängig zu berichten“ (franks meinung).

Auflage deutscher Tageszeitunge

„Die Tageszeitung“ ist nicht in der Krise, nicht alle trifft es gleich: Die kleine Regionalzeitung hat noch ein Informationsmonopol; die überregionale Zeitung hat den Einordnungsvorsprung; die Lokalzeitungen in den großen und mittelgroßen Städten leiden am stärksten unter der digitalen Konkurrenz.

Sie sind, wie es der Schweizer Journalist Constantin Seibt in seinem Debattenbeitrag geschrieben hat „riesige Routinemaschinen“, und „sie tun nichts dafür, dass ich sie mögen muss“ (Silke Burmester), sie wirken im 21. Jahrhundert wie „fremdartige Text- und Themenbündel“ (Mario Sixtus) für „imaginäre Durchschnittsleser“ (Thomas Knüwer).

„Leider scheint es auf diesem Planeten keinen Geschäftszweig zu geben, der beratungsresistenter ist als Verlage.“
Uli Stühlen per Email

Der „SZ“-Journalist Dirk von Gehlen hält den Zeitungskritikern in seinem Blog entgegen: Eine Tageszeitung ist mehr als das Papier, auf dem sie gedruckt ist; am Beispiel des „Guardian“ und seiner Rolle in der NSA-Affäre werde deutlich, dass die Redaktion einer Tageszeitung durch Geld, Kompetenz und Haltung so etwas wie ein „Ort der Freiheit“ und der Leser als Abonnent Unterstützer dieser Haltung sein könne.

Als Mittelpunkt einer Gemeinde, die an Informationen ebenso interessiert ist wie an Einordnung und Gemeinsinn, hat die Zeitung eine Zukunft, was nicht heißt, dass diese Zukunft aus Papier sein muss. Die neue Smartphone-App von SZ.de bietet einiges von dem, was eine digitale

Frisst Online Print?

Der Auflagenrückgang vieler Tageszeitungen setzte zwar schon ein, bevor die große Zeit des Internet begann, aber seit sich der kostenlose Journalismus im Netz breitgemacht hat, verschärft sich die Krise des Printjournalismus.

Da sind solche Stimmen: „Ich bin 23 Jahre alt und habe mir selten Zeitungen gekauft. Wozu auch? Gibt doch alles kostenlos im Internet“ (Lexx). „Im Tempowettbewerb mit dem Internet wird die Tageszeitung immer verlieren. Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, weshalb alle deutschen Tageszeitungen der Tagesaktualität hinterherhecheln“ (caroline-NL). „Die Papierzeitungen werden von zwei Seiten in die Zange genommen: den Kosten und der breiten Palette von Informationen im Netz“ (dieter.neef).

„Das Internet lässt dem Menschen einfach keine Zeit mehr zum Lesen von Papier. Die Freizeit ist schon aufgebraucht.“
Arzgebircher auf Spiegel Online

Besonders schädlich für Print, so meinen viele Leser, sind die Websites der Printmedien. Ursprünglich gedacht als Marketing für die Zeitung, als Lockmittel um Gedrucktes zu kaufen, entfalten sie eine zerstörerische Kraft: „Die Printmedien leiden unter dem schlechten Ruf ihrer Internetcousinen; der Kunde hat die Wahl zwischen minderwertig und kostenlos oder gut und teuer.“ (peter_30201). Für die Blogger, die sich an der Zeitungsdebatte beteiligten, sind Zeitungen dem Tode geweiht, weil sie nicht nur ökonomisch dem Netz unterlegen sind, sondern auch journalistisch. Für die Printverteidiger sind Zeitungen, trotz des Erfolgs der Online-Medien, (fast) unsterblich, weil sie als Kulturgut aus deutschen Küchen, Wohnzimmern und Büros nicht wegzudenken sind.

Klickzahlen deutscher News-Seiten

Während der Zeitungsdebatte gelang allerdings hier und da das Aufweichen der Fronten, zum Beispiel im „Digitalen Quartett“. Das ist eine Internet-Talkshow, bei der Leute vor ihrem Computer sitzen und via Videochatprogramm Google Hangout debattieren, aus Seattle moderiert von der Bloggerin Ulrike Langer. Als sich das Quartett mit der Zeitungskrise beschäftigte, redeten drei Blogger mit zwei Tageszeitungsjournalisten und einem Mediajournalisten, als Diskussionsteilnehmer stand ich in meinem Urlaubsort in einer Kneipe – die einzige Möglichkeit, eine stabile Internetverbindung zu nutzen.

„Sind wir nicht alle irgendwie Journalisten?“
Holger Rösler auf Facebook

Schnell lösten sich die starren Fronten auf, weil die beiden Printleute das Netz genauso selbstverständlich nutzen wie die Blogger. Der eine, Markus Schwarze, ist in der Chefredaktion der „Rhein-Zeitung“ zuständig für digitale Inhalte, der andere, der Schweizer Constantin Seibt, schreibt im „Tagesanzeiger“ und in seinem Blog „Deadline“, dort über die Zukunft des Journalismus. Die „Rhein-Zeitung“ hat (seit 1995) als erste deutsche Tageszeitung einen Onlinedienst mit eigener Redaktion und seit 2001 eine E-Paper-Ausgabe.

Die „Rhein-Zeitung“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Print-Redaktion das Netz nutzt, um User einzubeziehen und Print-Inhalte digital zu verbreiten, allerdings mit denselben Beschränkungen, die allen deutschen ePaper-Ausgaben anhaften: Sie kleben noch zu sehr am Gedruckten, enttäuschende 340 000 Exemplare der täglichen ePaper-Ausgaben verkaufen alle Tageszeitungen zusammen (bei einer Print-Auflage von 20 Millionen).
Nach dem ersten Glas Rotwein habe ich während des „Digitalen Quartetts“ neue Eindrücke nach einer Woche Zeitungsdebatte zusammengefasst als Streit zwischen digitalen Stalinisten und analogen Maoisten. Das ist umso lächerlicher, weil es „Print“ eigentlich gar nicht mehr gibt: Das, was eine Print-Redaktion produziert, findet seine Leser heutzutage zu immer größeren Teilen online: als ePaper, auf der Online-Seite, im Smartphone, auf dem Tablet. Jeder Journalist muss das, was er an den Leser bringen will, online und offline denken und erzählen können. Und jede Redaktion sollte beginnen, wenn sie an die Zukunft ihrer Zeitung denkt, sich diese digital vorzustellen.

„Wenn das Druckmedium nicht aussterben soll, muss der qualifizierte Journalismus das Netz meiden.“
Lars Höppner per Email

Nur so kann sie an die Erlöse kommen, die sie braucht, um ihren Papierlesern auch zukünftig das Rascheln zu erhalten. Das gilt nicht nur für Zeitungen, das gilt für die gesamte Printbranche. Auflagenverluste beklagen Wochenblätter, Programmzeitschriften und Magazine, auch der SPIEGEL blieb davon nicht verschont, bei den Abonnenten verlor er weniger als im Kioskverkauf.

Seit Edward Snowden enthüllte, dass das Internet von Geheimdiensten großräumig überwacht und besonders die sozialen Medien ausgeforscht werden, hoffen Printgläubige zwar, das neue Misstrauen gegen das Netz könne die Flucht aus den Papiermedien verlangsamen, aber der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist unumkehrbar.

Im Netz bezahlen – wenn ja: wie?

Die große Hoffnung der Verleger: Wenn wir für die bisher kostenlosen Websites unserer Zeitungen Geld nehmen, dann können wir den Auflagenrückgang bremsen und zusätzliche Erlöse erzielen. Und wenn wir dann noch die Zeitungen über Tablets und Smartphones an neue Käufer bringen, bekommen wir die Zeitungskrise in den Griff.

Wertet man die Lesermeinungen der Zeitungsdebatte aus, zeichnet sich eine deutliche Mehrheit dafür ab, zukünftig im Netz für Journalismus zu zahlen; mehr als bisher, muss man sagen, denn für ePaper wird ja schon gezahlt. Und bereits 46 von 332 deutschen Zeitungen nehmen auf ihren Websites Geld für bestimmte Artikel oder für alle Artikel. Es gibt natürlich die ablehnenden Stimmen. „Der Großteil der Leser will gar nicht zahlen.“ (KarlRad). „Ich denke nicht, dass ich für Nachrichten zahlen werde, solange ich diese auch an anderen Stellen konsumieren kann“ (balubaer). „Würde ich pro Tag z. B. 5 Euro für so eine Zeitung ausgeben?“ (Emmi)

„Führen Sie Micropayment ein! Meine Oma hat immer gesagt: Kleinvieh macht auch Mist.“
mii auf Spiegel Online

Wer schreibt, dass er zahlen will, hat genaue Vorstellungen davon, wofür und wie. Ja, ihr kriegt mein Geld, aber erstens nur dann, wenn die Qualität besser wird. „Eine valide Geschichte, die recherchiert, gegengeprüft, dessen Quellen validiert werden müssen und, und, und. So etwas kostet Geld“ (jan-bernd meyer). Zweitens sollen es auf den Leser zugeschnittene Informationen sein: „Ein Online-Service, der mir täglich „qualitätsverlesene“ aktuelle Meldungen und Beiträge zu meinen persönlichen Interessengebieten liefert“ (Ok-naja). Konrad Lischka brachte in seinem Debattenbeitrag das Beispiel von „Politico Pro“, die mit einer extrem detaillierten Berichterstattung über das politische Geschehen in Washington Geld verdienen.

Drittens zahlen wir, so die Leser, nur, wenn die Verlage schaffen, ein „Kombiabo“ zu etablieren: „20 Euro im Monat für alle gängigen Zeitungsseiten, ein login“ (lateralus). „Sämtliche Verlage sollen kooperieren, mit geballter Kraft eine Plattform wie iTunes lancieren“ (Sacha Ercolani). Alle gemeinsam und, viertens, ganz einfach: „Ich möchte online mit maximal zwei Klicks sicher bezahlen können“ (roland-jansen).

„Good journalism is expensive. Bad journalism isn‘t useful for anyone.“
@Burk68 auf Twitter

Die einen sind für Abo-Lösungen, die anderen, fünftens, für Micropayment, zahlen pro Artikel. Richard Gutjahr hat in seinem Debattenbeitrag beteuert, wie wichtig es nach Jahren der Gratiskultur wäre, wenn „der Leser behutsam, durch Kleinstbeträge, erlernt, welchen Gegenwert er durch das tägliche Querbeetlesen verkonsumiert.“ Spiegelator möchte sein Geld einzelnen, besonders guten Beiträgen einzelner Journalisten zukommen lassen. „Insofern finde ich die taz-Möglichkeit gut, für einen Artikel, den man als besonders wichtig empfindet, per unkomplizierter Abbuchung einen Wahlbetrag zu speichern“ (a.b. haddorp).

Vergleich Mediennutzung - Anteil am Werbemarkt

„Wie wär‘s mit einer Teilung der GEZ-Gebühren, 50:50, und schwupps hätten wir weniger Müll im Fernsehen, dafür bessere Konditionen für Journalisten.“ technikaffin auf Spiegel Online

Gegen das Micropayment spreche allerdings, so frognal, dass man den Text im Unterschied zu einem Song nicht kenne, bevor man ihn bezahlen soll: „Musik höre ich mir an, und wenn sie mir gefällt, kaufe ich sie.“

Vertriebserlöse im Netz sind auch deshalb für die Printmedien so wichtig, weil ihre Werbeerlöse schnell sinken. Die Werbeetats reagieren auf den Medienkonsum der Deutschen, sie wandern von den Printmedien zum Fernsehen und ins Netz, allerdings nur zum kleinen Teil auf die Websites der Printmedien – Google ist der große Profiteur.

Besser geht‘s nicht?

Durch die Zeitungsdebatte zieht sich der Disput zwischen Evolutionären und Revolutionären. Die Zeitung ist bald weg, sagen die einen, und das ist gut. Die Zeitung muss besser werden, sagen die anderen, dann wird sie noch lange leben.

Nicht über „SZ“, „FAZ“, „Welt“, „taz“ oder „Handelsblatt“ wird gestritten, sondern über Regional- und Lokalzeitungen. Lokaler sollen die Zeitungen werden, hintergründiger, kritischer und recherchierender, das ist so etwas wie die Mehrheitsmeinung unter den Zeitungsfreunden. „Wenn ich allein an die Fälle der letzten 6 Monate denke, in denen die Süddeutsche Zeitung Missstände aufgedeckt und kritisch berichtet hat, dann weiß ich: wir werden das auch künftig benötigen, und zwar dringend“ (vinophilus). Besonders aus dem „wenig prestige-prächtigen Bereich“ des Lokaljournalismus hätten sich Journalisten abgeseilt, findet oohpss. Meinungen sollten deutlich als Meinungen gekennzeichnet werden, „Nachrichten und Kommentar müssten strikt getrennt sein“ (StFreitag).

„Die App der Stuttgarter Zeitung. Die habens meiner Meinung nach geschafft.“
Baghervadi Amir auf Facebook

Die Rolle des Journalisten ändert sich durch die Zunahme des digitalen Nachrichtenangebots, „die Journalisten müssen uns, den Leser, helfen durchzublicken, sie müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projekts Verständnis“ (Amadeus Mannheim). Weil soziale Medien wie twitter und facebook immer mehr zur entscheidenden Drehscheibe der Öffentlichkeit werden, wird der Journalist wichtiger als Einordner. Der Job des Redakteurs werde durch das Netz „also demokratisiert, er muss vom Thron des Meinungsbildners herunter und wird zum intelligenten Vermittler“ (dieter.neef). Und er muss „den Leser als intelligenten und gebildeten Mitmenschen jenseits von Foren“ (vicbrother) einbeziehen.

Constantin Seibt hat in seinem Debattenbeitrag darauf hingewiesen, die Tageszeitung müsse „in ihrem Kerngeschäft ihre künftige Leserschaft organisieren, nicht durch Schmeichelei, sondern durch das, was sie kann: durch Neugier, Frechheit und harte Recherche.“

Der Markt der Tageszeitungen werde sich „noch stark bereinigen“, schreibt georg_doerner. „Survival of the fittest“ sei angesagt, das „sieht man derzeit in den USA“. Dort wollen inzwischen 450 der 1380 Zeitungen durch Bezahlmodelle auf Websites die Verluste der Tageszeitungen ausgleichen, aber nur zwei bis vier Prozent der User zahlen bisher für Online-Journalismus. Wer in die USA schaut, um in die News-Redakteure in den USA: Weniger als 1978 (Quelle: American Society of News Editors) News-Konsum über soziale Medien in den USA (Quelle: Pew Research Center) Zukunft zu blicken, schaut auf dramatisch wegkippende Kurven.

Journalisten der „FAZ“, „FAS“ und der „Zeit“ haben in Artikeln sehr ängstlich und polemisch auf die Zeitungsdebatte reagiert, als wolle ihnen jemand den Stuhl wegziehen und den Computer wegnehmen. Wenn Journalisten den Zeitungsjournalismus kritisieren, dann sei es so, als machten Autoverkäufer ihre Autos schlecht, so eines der Argumente. Autohersteller müssen nicht unbedingt kritische Artikel über Autos schreiben, aber reagiert die Automobilbranche mit Elektroautos, Car-Sharing etcetera nicht viel besser auf die Kritik an Autos als unsere Branche auf die Kritik an Zeitungen?

„Und eine Party für die Community, um Spaß zu … äh, die Leserbindung zu stärken.“
bettyboop2013 auf Spiegel Online

Wenn man eine Debatte lostritt, zudem noch über Journalismus, muss man einiges einstecken können. Bei einem Absatz eines Artikels in der FAS allerdings musste ich so laut lachen, dass meine Frau Kaffee verschüttete und den Artikel lesen wollte. In dem Absatz geht es darum, dass sich mein „Sanierungskonzept“ für Zeitungen lese wie eine interne Vorgabe der „Bild“-Chefredaktion. Der Autor meinte einen von elf Punkten: Print-Journalisten sollten vom Online-Journalismus lernen, „das Wort muss dem Foto, dem Video, der Grafik dort weichen, wo es unterlegen ist“. Die „Bild“-Keule macht sich immer gut, schlägt aber in diesem Fall vollkommen daneben. Gemeint habe ich damit, dass Neuerungen im Journalismus heutzutage vor allem online zu finden sind und dass es darauf ankommt, diesen Pioniergeist in Printredaktionen zu übertragen, was zum Beispiel bei der „Zeit“ (Wahlometer, Trikotwerbungsschaubild im Zeit-Magazin) und „SZ“ (Spezial zu NSU) schon passiert. Tour de France (auf „Zeit online“), Zugmonitor (auf SZ.de) und auch „Flut“ und „Solingen“ auf SPIEGEL ONLINE sind Beispiele dafür, wie in neuen Formen gedacht wird. Daran mangelt es im Print-Journalismus.

„Die richtigen Schlüsse hat das niederländische ,NRC Handelsblatt‘ gezogen: Alle Börsenkurse raus, den Umfang verkleinert, für jeden Tag ein Schwerpunktthema.“
caroline-NL auf Spiegel Online

Mich treibt bei der ganzen Debatte nicht der Wille, Tageszeitungen zu Grabe zu tragen, wie mir der Autor in der FAS unterstellt, sondern Lesern klarzumachen, dass da gerade etwas den Bach runtergeht, was sie vielleicht erst dann vermissen werden, wenn es nicht mehr da ist. Und Journalisten muss klar werden, dass sich die Tageszeitungen, dass sich alle Printmedien verändern müssen, wenn sie die Leserflucht stoppen wollen.

Sie stecken alle in der ePaper-Falle: Wir vertrauen darauf, unsere Printprodukte, so wie sie sind, in digitale Medien zu übertragen. Was wir brauchen, sind Konzepte dafür, unsere journalistischen Inhalte auf neue Art, in neuen Medien an den Leser zu bringen. Diese Suche will die Debatte anregen.

Früher war der Marktplatz der Marktplatz der Öffentlichkeit, dann die Zeitungen, dann das Fernsehen. Jetzt bestimmen zunehmend soziale Medien wie Facebook und Twitter, Aggregatoren wie Google und Youtube, welche Nachrichten ins öffentliche Bewusstsein dringen, was skandalisiert und debattiert wird. Die Lokalzeitung muss wieder zum Marktplatz einer Stadt werden.

Über tausend User haben ihre Gedanken aufgeschrieben und Vorschläge gemacht. Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Ja, wir brauchen Zeitungen, antworteten die meisten, aber die sollten anders sein als die, die wir heute kennen.

Für mich waren diese Wochen wie ein großes, vielstimmiges Gespräch. Wann kann ein Journalist schon so viele Experten, so viele Chefredakteure, so viele Blogger und vor allem so viele Leser einbeziehen in die Recherche und die Formulierung seiner Geschichte? Was habe ich gelernt?

Es gibt den Wunsch nach einer Zeitung, die ganz viele Dinge in sich vereint. Wenn es ein Auto wäre, dann wäre das „ein Modell mit 300 PS, das einen Liter Benzin verbraucht und zum Preis eines E-Bikes zu haben ist“ (ConstanzeM). Viele von den erwünschten Qualitäten sind schon realisierbar, andere noch nicht. Wir haben uns entschieden, keine utopische Zeitung zu entwerfen, sondern eine, die man schon heute realisieren kann. Sie wird hoffentlich – gerade von den Zeitungsredakteuren – nicht als Anmaßung verstanden sondern als Anregung, als der Versuch, Hunderte Leseranregungen zu einem Vorschlag zusammenzuführen.

„Die Zeitung von morgen sollte öfter den Lesern das Mikrofon ins Gesicht halten.“
Paul Kummetz per Email

Vier Millionen Deutsche lesen eine überregionale Abo-Zeitung, 36 Millionen eine regionale Zeitung. Darum haben wir die Vorschläge in einer Lokalzeitung gebündelt, in einer Zeitung für die Stadt, denn in den mittleren und großen Städten verlieren Tageszeitungen am schnellsten ihre Leser.

Die Zeitung von morgen sollte, erstens, all das an journalistischer Qualität bieten, was im vorherigen Kapitel an Anforderungen formuliert wurde.
„Vermutlich konsumieren wir künftig Text- und Bildinhalte überwiegend über Smartphones“ (diskussionsteilnehmer111), darum entwickeln wir, zweitens, eine Zeitungs-App fürs Smartphone.

„Die User machen ihre eigenen Nachrichten.“
Sascha Blättermann per Email

Wir wollen, drittens, „den seriösen und kompetenten Journalismus ins Twitter-, Facebook-, Blogger-, Online-Zeitalter“ (haeff-m) transformieren, „dabei darf jedoch nicht einfach ein Printprodukt digitalisiert werden“ (sboldt95).

„Geht weg davon, dass ihr zuerst die Zeitung entwickelt“, ruft uns dennis.sommer zu, darum haben wir, viertens, das Ressortdenken der Zeitung (Politik, Wirtschaft, Kultur etc.) abgeschafft, das bisher dazu führte, Ressortseiten zu füllen, auch wenn eigentlich nichts zu melden war.

Man müsse User „in die Produktion der Zeitung mit einbinden, Leserbriefe reichen nicht“ (herbert.kienker), darum haben wir das, fünftens, gemacht.
Jeff Jarvis hat in seinem Debattenbeitrag den Grundgedanken einer neuen Zeitung definiert: „Ich denke, unser neuer Wert wird sich ergeben, indem wir zu Menschen als Individuen eine Beziehung aufbauen – nicht mehr als eine Masse.“

„Interaktivität, Interaktion und Individualität scheinen mir die Stichworte für die Zukunft zu sein“ (marwin42), finden wir auch und geben, sechstens, dem User die Möglichkeit, seine Zeitung nach seinen Interessen mitzugestalten.

„2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben, angepasst an die immer dümmer werdende Bevölkerung, eine Art ,Leselektüre für den deutschen Bildungsstand“
espressoli auf Spiegel Online

„Kurioserweise finde ich oft in den Forenbeiträgen mehr Hintergrundinformation als in den Artikeln“ (qoderrat), darum können, siebtens, User jeden Artikel zum Chat mit dem Redakteur und anderen Usern nutzen. Und sie können Themen setzen, denen Redakteure nachgehen, wenn sich genügend Gleichgesinnte finden.

„Der User von morgen erwartet eine auf ihn zugeschnittene Tageszeitung“ (lars-breuer), deshalb sind Themen und Artikel, achtens, nach seinen Interessen ausgewählt und gewichtet.

Bloß keine personalisierte Artikelauswahl, schreiben andere User, ich will mich überraschen lassen durch das, was mich nicht interessiert, deshalb kann man, neuntens, diesen personalisierten Algorithmus auch unterdrücken.

„Auf meinem iPhone habe ich verschiedene Apps geladen, die mir eine Nachrichtenzusammenstellung brachten“, schreibt schlueter.hh, „so nach dem Motto: Stell dir selbst die Themen zusammen, die dich interessieren.“ Er habe diese Apps alle wieder gelöscht, es sei ihm zu anstrengend gewesen „aus dieser Fülle eine Synthese herzustellen, diese gedankliche Arbeit nimmt mir eine Profi-Redaktion ab, dafür brauche ich eine Zeitung.“ Genau deshalb glauben wir, zehntens, an eine Mischung aus Profi- und Leserauswahl.

„Mutig wäre die Tageszeitung, die den überregionalen Anteil eindampft und den Lokalteil hochfährt“ (G.Weiter). „Ich sehe das wie die Jahresringe eines Baumes: mich interessiert zuerst meine Straße, mein Stadtbezirk…“ Einerseits. Andererseits finden User ihre Zeitung zu provinziell, wenn sie vor allem mit dem Naheliegenden ins Haus fällt. Wir haben, elftens, versucht, die richtige Balance zu finden.

„Den Markt für Lokalnachrichten wird es natürlich auch weiterhin geben“, schreibt Dubbel, „doch ich stelle mir ein, zwei Lokalblogger pro Stadtteil vor, die diesen bedienen.“ Die werden, zwölftens, nicht nur bezahlt, der Leser hat auch die Möglichkeit, in sein Meinungsressort überregionale Blogger zu packen – die werden nach Klicks bezahlt.

„Ich wünsche mir von Journalisten schon länger, dass sie Begleiter von Themen sind“ (Norbert Rost), „die kurzen, hysterischen Medien-Hypes, die ständig durch alle Medien gehen und danach nie wieder auftauchen, sind das Gegenteil.“ Darum kann der Leser, dreizehntens, entscheiden, ob ihm ein Thema so wichtig ist, dass er über den Fortgang kontinuierlich informiert werden möchte.

Die Tageszeitung müsse all die lokalen Serviceinformationen, die im Netz herumgeistern und „die ich vor Ort in ganz bestimmten Situationen brauche“, verfügbar machen, schreibt Ulrike Langer in ihrem Blog. Finden wir, vierzehntens, auch, haben wir gemacht.

„Es wäre schön, wenn die Artikel wahlweise zum Lesen oder zum Anhören bereitgestellt würden“ (cristoph.lenzen), gute Idee, fünfzehntens, wird gemacht.

Eine digitale Tageszeitung habe, sechzehntens, den Vorteil, schreibt johannesmapro, dass „der Nachrichten- und Meldungsteil mehrmals täglich angepasst wird.“

Stimmt.

Wenn man all diese Leser ernst nimmt, dann ergibt sich daraus das

Konzept für eine Tageszeitung.

Hier ist es.

1000 Vorschläge, ein Konzept

Eine App auf dem Smartphone. Eine digitale Abendzeitung für die Stadt. Die den Menschen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, Orientierung gibt über die Nachrichten des Tages. Die eine Navigationshilfe für den Abend ist und ein Ausblick auf den nächsten Tag. Die wieder das werden soll, was die Lokalzeitung früher war: der Marktplatz einer Stadt

App: Der Abend

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Die Zeitung hat sechs Rubriken: Nachrichten, Stories, Meinung, Unterhaltung, Leser, Service

„Nachrichten“ unterteilt sich in „Top News“, “Lokal“, „Deutschland“, „Welt“, „Sport“. Zusätzlich wählbar „Politik“, „Wirtschaft“, „Kultur“ etc. Die Übersicht bietet drei Schlagzeilen für „Top News“, per Swipe können andere Nachrichten erreichet werden. Außerdem verlinkt ist eine Zusammenfassung des Tages im Video.

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„Stories“ bietet dem Leser Reports, Portraits und Reportagen. Der Müllskandal, das Portrait des Bundestagskandidaten oder hier: Reportage über Roma, die nach Berlin kommen.

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„Stories“ bietet dem Leser Reports, Portraits und Reportagen. Der Müllskandal, das Portrait des Bundestagskandidaten oder hier: Reportage über Roma, die nach Berlin kommen. Die Übersicht für „Stories“ zeigt drei Headlines, durch Swipen erreicht man zehn weitere Stories.

„Nachrichten“ und „Leser“ aktualisieren sich kontinuierlich, „Stories“ und „Meinung“ zweimal am Tag: abends um 17:00 Uhr, morgens um 7:00 Uhr. „Service“ und „Unterhaltung“ einmal am Tag 17:00 Uhr.

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Die Funktionen, auf jeder Seite aufrufbar:

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„Meinung“ versammelt Kommentare, Essays, Interviews, externe Blogs. Hier mischen sich Meinungsbeiträge aus der Redaktion mit der Möglichkeit, lokale und andere Blogs zu lesen, der Leser stellt sich sein individuelles Meinungsspektrum zusammen. Je nach Klickzahlen werden die Blogger an Erlösen beteiligt.

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„Meinung“ versammelt Kommentare, Essays, Interviews, externe Blogs. Hier mischen sich Meinungsbeiträge aus der Redaktion mit der Möglichkeit, lokale und andere Blogs zu lesen, der Leser stellt sich sein individuelles Meinungsspektrum zusammen. Je nach Klickzahlen werden die Blogger an Erlösen beteiligt.

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„Unterhaltung“ bietet dem Leser einen Überblick über alles, was für ihn am Abend wichtig ist: TV (mit Empfehlungen), Kino ( mit Trailern), Theater ( mit Rezensionen und Bilderstrecke), Konzert (mit Hörprobe und Verlinkung zum Ticketkauf), Bücher (mit Kurzkritik), Comics, Sudoku, Kreuzworträtsel , Spiele

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„Unterhaltung“ bietet dem Leser einen Überblick über alles, was für ihn am Abend wichtig ist: TV (mit Empfehlungen), Kino ( mit Trailern), Theater ( mit Rezensionen und Bilderstrecke), Konzert (mit Hörprobe und Verlinkung zum Ticketkauf), Bücher (mit Kurzkritik), Comics, Sudoku, Kreuzworträtsel , Spiele

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Die Servicefunktionen in diesem Teil:

  • Datum + Location
  • Ticket kaufen
  • Zum Kalender hinzufügen
  • Tonprobe anhören
  • Zusatzfunktionen (Teilen etc.)

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Die Servicefunktionen in diesem Teil:

  • Datum + Location
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„Leser“: Hier soll sich der Dialog entwickeln zwischen der Redaktion und den Lesern, hier fließen Beiträge von Lesern ein. Leser schlagen Themen vor, benennen Missstände, die von Redakteuren weiter verfolgt werden.

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„Leser“: Hier soll sich der Dialog entwickeln zwischen der Redaktion und den Lesern, hier fließen Beiträge von Lesern ein, hier chatten, twittern, posten, bloggen sie im Dialog mit Redakteure. Leser schlagen Themen vor, benennen Missstände, die von Redakteuren weiter verfolgt werden. Zwei feste Rubriken: Familiengeschichten – Geburt, Hochzeit, Reisen,Tod, erzählt von Lesern, aufgeschrieben von Redakteuren. Mein Verein – kommentierte Bilderstrecken.

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Der Nutzer kann auswählen, welche seiner Kontakte er hier verfolgen möchte (ihr Einverständnis vorausgesetzt). Dabei kann auf das Adressbuch des Nutzers als auch auf Social Networks zugegriffen werden.

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Der Nutzer kann auswählen, welche seiner Kontakte er hier verfolgen möchte (ihr Einverständnis vorausgesetzt). Dabei kann auf das Adressbuch des Nutzers als auch auf Social Networks zugegriffen werden.

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„Service“ bedient den Leser mit allen Informationen, die das Leben in der Stadt erleichtern (Restaurants mit Bewertungen, Läden mit Preisvergleich, Verbraucherschutz, Handwerker mit Bewertungen, lokaler Wohnungsmarkt, alles für den Autofahrer (Tankstellen, Schlaglöcher, Blitzer)).

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„Service“ bedient den Leser mit allen Informationen, die das Leben in der Stadt erleichtern ( Restaurants mit Bewertungen, Läden mit Preisvergleich, Verbraucherschutz, Handwerker mit Bewertungen, lokaler Wohnungsmarkt, Hotels mit Bewertungen, Apotheken, Behörden, Krankenhäuser, alles für den Autofahrer (Tankstellen, Schlaglöcher, Blitzer), Mitfahrgelegenheiten, Fahrpläne, Babysitter-Service, Kontaktbörse

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Unter „Verkehr“ befindet sich ein kleines Tool, dass verschiedene Reisemöglichkeiten berechnet. Je nach Uhrzeit ist ein Ziel vorausgewählt. Der Nutzer kann anpassen oder aus dem Adressbuch übernehmen, wohin er möchte. Die aktuelle Uhrzeit ist vorausgewählt / kann angepasst werden. Anschließend kann der User per Tap die Optionen vergleichen.

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Unter „Verkehr“ befindet sich ein kleines Tool, dass verschiedene Reisemöglichkeiten berechnet. Je nach Uhrzeit ist ein Ziel vorausgewählt. Der Nutzer kann anpassen oder aus dem Adressbuch übernehmen, wohin er möchte. Die aktuelle Uhrzeit ist vorausgewählt / kann angepasst werden. Anschließend kann der User per Tap die Optionen vergleichen.

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Jeder Abonnent wird Mitglied im „Abend-Club“. In Kooperation mit einer Sparkasse / Bank verwandelt sich die App beim Bezahlen in eine Kreditkarte und bietet Preisnachlass sowie besonderen Service in Restaurants, Sportstudios, Läden etc. Die Partnerfirmen erhalten Preisnachlass bei Werbung im „Abend“. Bezahlt wird ganz einfach per Tap.

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Jeder Abonnent wird Mitglied im „Abend-Club“. In Kooperation mit einer Sparkasse / Bank verwandelt sich die App beim Bezahlen in eine Kreditkarte und bietet Preisnachlass sowie besonderen Service in Restaurants, Sportstudios, Läden etc. Die Partnerfirmen erhalten Preisnachlass bei Werbung im „Abend“, eine örtliche Werbeagentur unterstützt die Firmen bei der Entwicklung digitaler Werbeformen.

Beispiel Zoobesuch: Sobald der Nutzer in der Nähe eines Counters ist, erscheint automatisch ein Popup mit dem Club-Rabatt. Bezahlt wird ganz einfach per Tap.

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Die App ist personalisierbar.
Relevante Einstellungen, die bereits im Gerät hinterlegt sind, können von der App genutzt werden. Die Initialisierung läuft automatisch ab und geht direkt über in den Startscreen der App.

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Die App ist personalisierbar.
Relevante Einstellungen, die bereits im Gerät hinterlegt sind, können von der App genutzt werden. Die Initialisierung läuft automatisch ab und geht direkt über in den Startscreen der App.

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Re-Branding für die Münchener Abendzeitung. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für die Münchener Abendzeitung. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für das Hamburger Abendblatt. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für das Hamburger Abendblatt. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

Was Chefredakteure, Blogger und Medienexperten über den „Abend“ denken

Res Strehle, Chefredakteur des Schweizer „Tages-Anzeiger“

Es gibt keine Krise der Zeitungen – es gibt nur das Festhalten an der gewohnten Einwegkommunikation, den Tunnelröhrenblick aufs Papier, Ideenlosigkeit und allenfalls zu kleine Märkte. Diesen vier Gefahren widersteht „Der Abend“ fulminant: Der neue Marktplatz für die Stadt lebt von der Auseinandersetzung, findet dort statt, wo sich die Leute nach der Arbeit bewegen, verwebt harte Nachricht mit weichen Autorengeschichten, Kluges (Meinung) mit Witzigem und Verspieltem (Unterhaltung). Wenn dazu noch die nützliche Information über das Nachtleben kommt, was will der abendliche Stadtgänger mehr? Dieses Modell lässt sich auf jeden grösseren urbanen Raum multiplizieren. Von solch innovativen Ideen lebt unsere Branche seit ihrer Gründung, damals gebunden an die hauseigene Druckerei und ans Anzeigegeschäft – heute ans mobile Taschengerät und eine Leserschaft. Womöglich wird sie für diesen Komfort und das Ernstnehmen Ihrer Wünsche sogar bezahlen.

Ich wünsche „Dem Abend“ viel Erfolg und lobe den Tag, an dem er erscheint.

Ulrich Machold, Leiter Strategische Produktentwicklung der Axel Springer AG

„Der Abend“ ist eine schöne Fingerübung – vor allem, weil er gleichzeitig zeigt, was handwerklich besser gemacht werden kann, und was konzeptionell weiter ungelöst ist.

Erst einmal ist er inhaltlich gelungen. Alles sieht gut aus. Das Layout ist klug, die Trennung zwischen Nachrichten und „Long Form“ ist konsequent, die Inhalte sinnvoll spezifisch fürs Mobile konzipiert (es wäre sicher nicht einfach, die diversen Content-Plätze mit relevanten Regio-Inhalten zu füllen, aber das kann eine gute Redaktion vielleicht leisten).

Problematischer ist der Rahmen: die Entscheidung fürs Regionale und die Monetarisierung über das Service-Angebot. Die alte Regionalzeitung, das stimmt, war ein Bündel von Journalismus, Immobilienanzeigen, Jobs und vielem Anderen. Aber das Bündel hat sich aufgelöst. Eigentlich alle Rubriken leben heute auf eigenen Seiten, und eigentlich passen sie da auch besser hin. Dass man in Zeiten von Immoscout, Yelp und Monster solche Dinge zurück zu den News führen, dass man gleichsam den alten „One-Stop-Shop“ wieder herstellen kann, ist eine optimistische Annahme.

Vielleicht muss man News und Journalismus radikal zu Ende denken, um dann ein Angebot zu bauen, das nur das will – und das sein Geld wert ist. Oder eben den Service-Gedanken wählen und ebenso radikal überlegen, was sich dort besser machen lässt. Vielleicht hat „Der Abend“ den richtigen Ansatz, aber das falsche Ziel.

Constantin Seibt, Journalist und Blogger („Deadline“)

Ich finde die Skizze für die Abend-App eine bestechend schlanke Lösung für ein paar hartnäckige Probleme: das Papier und die enormen Vertriebskosten, den leisen, aber penetrante Geruch nach Altbackenheit fast aller Lokalzeitungen und den schwerfälligen Zwang zur Vollständigkeit. Chapeau, das Konzept hat Klasse. Wie auch das Anreissen der 2020-Debatte Klasse hatte – obwohl massenweise geschimpft wurde. Es zeigt Haltung, dass ein grosses Problem gross angegangen wurde. Das einzige, was in der Debatte fehlte, war die zweite Runde, also dass die einzelnen Leute nach dem Eröffnungszug miteinander reden – und ihre Thesen verteidigen müssen.

Ich glaube, die App wäre brauchbar: für den Abendausgang, die schnelle Information und zeitweise, um etwas Ärger in der Stadt zu machen. Was mir auch gefällt, dass das Unternehmen relativ klein begonnen werden kann und dann ausbaubar ist.
Natürlich fehlen noch ein paar Dinge: der Business-Plan etwa oder das publizistische Konzept.
Ausserdem, wie nach meinem Debatten-Beitrag auf Spiegel-Online nicht überraschend, würde ich dafür plädieren, redaktionsintern die Stadt nicht geographisch zu gliedern (ausser im Ausgeh-Teil), sondern nach Szenen: Und Korrespondenten in den verschieden Szenen aufzubauen: den Bankern, Werbern, Journalisten, Nachtclubs, Künstlern, etc. So dass es für alle Ehrgeizigen ein Karrierehindernis bedeuten würde, die App nicht zu halten.

Und noch etwas hielte ich für unverzichtbar: Satire. Die ist unter jüngeren Leuten eine der glaubwürdigsten Nachrichtenquellen. Und macht jedes Medium sexy: Sogar die „Welt“ ist das, so lang Zippert zappt. Klar, das Genre ist schwer zu machen, aber es gehört in jedes Nachrichtenprodukt.

Jedenfalls Dank und Respekt für den Mut, konstruktiv zu denken und sich gleichzeitig von Print- und Online-Aposteln (also so ziemlich allen) anpflaumen zu lassen.

Christiane Brandes-Visbeck, Beraterin für digitale Kommunikation

Die Logik der Anwendung ist bestechend, die Kurztexte prägnant – alles so, wie ich es von einem, der Menschen mit Texten begeistert, erwarte habe. Die Newspaper-App basiert auf sechzehn Thesen, die Schnibben aus den unzähligen Leser-Kommentaren herausgezogen hat: „Über 1000 Leser antworteten. Schimpften, lobten, argumentierten, pöbelten, schwärmten“, schreibt der Zeitungsretter in seinem Intro zu seinem modernen Zeitungsdings. Ach ja, auch ich geriet ins Schwärmen. Das Konzept wirkt schlüssig, der Kreator ist begeistert von seinem ungeborenen Baby und ich bin geblendet von der anwenderfreundlichen Lösung, die der Zeitschriftenmann den Zeitungsjungs präsentieren wird.

Sie heißt „Berliner/Hamburger/ Kölner/hmhmhm Abendzeitung“. Sie erscheint folglich am Abend, sozusagen als Roundup für den Tag, als Infoqulle für den interessierten Smartphone-User. Dieser erwartet, das sagen alle Leser, journalistische Qualität. Diese setzt natürlich auch der Spiegel- Redakteur voraus. Den zeitgemäßen Gedanken folgend, gliedert er die Nachrichten nicht nach Ressorts, sondern nach Relevanz. Wer will, kann seine eigenen Themenkanäle personalisieren, man muss das aber nicht. Leser gelten in der Welt der Zeitung von morgen als Sparringspartner. Sie mutieren vom lästigen Leserbriefeschreiber zu gern gesehene Informanden, die eigenen Content liefern, aber auch journalistische Beiträge mittels ihrer Expertise, ihres Weltwissens und exklusiver Hintergrundinformationen mitgestalten. Das Inhaltespektrum balanciert zwischen überregional und lokal, zwischen nachrichtlich und gebloggt. Und das, was die User richtig spannend finden, das wird von den Machern als journalistische Kampagne weiterverfolgt. Wow.

Überhaupt wird hier Service groß geschrieben. Nutzwert ist für Journalisten morgen kein Schimpfwort mehr. Mehrwert ist relevant, gehört dazu. Ebenso die Inhalte als Podcast zum Abhören bereit zu stellen.

Joachim Dreykluft, Online-Chefredakteur beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag

Die Debatte 2020, die hier auf Spon losgetreten wurde, ist gut und richtig. Die ganze Branche hat ein Thema. Alle reden darüber und haben eine Meinung. Interessant ist für mich die emotionale Volatilität, die die Diskussion aufzeigt. Vor nicht einmal einem Jahr herrschte vielerorts noch demonstrative Gelassenheit. “Lassen Sie mich zunächst festhalten: Wir werden noch viele Jahre mit gedruckten Produkten viel Geld verdienen”, hörte ich einen hochrangigen Verlagsmanager sagen auf die Frage, wie denn die digitale Strategie des Hauses aussehe. Inzwischen haben viele Schnappatmung.

Gut ist auch, dass Spiegel und Spon die Debatte nicht im Ungefähren enden lassen, sondern mit einem konkreten Vorschlag in Form einer Regionalzeitungs-App. Auf die durfte ich vor einigen Tagen einen Blick werfen. Wohlgemerkt einen Blick, deshalb folgt jetzt auch keine Detailanalyse, sondern eine grundsätzliche Einschätzung.
Der Vorschlag erfindet den Journalismus nicht neu, ist aber gut und hat Substanz. Ich würde so ein Produkt auch für Geld zumindest ausprobieren.

Richtig ist, dass die App den Spagat wagt zwischen Aktualität bei Nachrichten und Gelassenheit bei Geschichten und Analysen. Gut ist, dass sie versucht, die zeitliche Abgeschlossenheit einer Zeitung aufzugreifen, indem sie einen Erscheinungszeitpunkt hat. Zwar mag man einwenden, dass es in der digitalen Welt unlogisch ist, einen Artikel zurückzuhalten, obwohl er fertig geschrieben ist. Aber: jedes gute journalistische Produkt braucht eine Dramaturgie. Ein Produkt, das einen Verkaufserlös erzielen will, ist mehr als eine Ansammlung von Artikeln.

Einige Teile der App werden in der Praxis äußerst schwierig umzusetzen sein. Damit meine ich ausdrücklich nicht die Tatsache, dass die Redakteure gezwungen sein werden, mit ihren Lesern in einen ehrlichen Dialog zu treten. Ich habe beobachtet, wie Kollegen, die ich vor einigen Jahren als unheilbar Print bezeichnet hätte, heute ganz wild auf Leserkontakte sind, sich die Finger wundtwittern und Blogs betreiben mit lebendigen Rückkanälen. Kommunikation mit den eigenen Lesern kann süchtig machen.

Bei meinem Arbeitgeber, dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag sh:z, betreiben wir zehn journalistische Angebote auf Facebook, die pro Woche rund 100.000 Kontakte erzielen. Es funktioniert so gut, weil es sowohl in der Zentrale in Flensburg als auch in fast jeder Lokalredaktion Journalisten gibt, die Bock darauf haben.

Zwei Dinge machen mir bei der vorgeschlagenen App Sorgen. Ein technisches und ein redaktionelles. Zunächst zum technischen. Es schreibt sich leicht in ein Konzept und ist auch vollkommen logisch, dass die App einer regionalen Tageszeitung den üblichen Service bietet, vom Fernsehprogramm über das Kino, den Apotheken-Notplan bis zur Verkehrslage. Diese Informationen entstehen nicht in der Redaktion selbst, sondern müssen von externen Partnern zugeliefert werden. Und das ist ein Problem.
Denn Deutschland ist nicht maschinenlesbar. Öffentlich notwendige Informationen, gerade auch wenn sie aus öffentlichen Quellen stammen, sind in aller Regel nicht so verfügbar, dass man sie hinten an die App klemmt und sie vorne ausgespielt werden. Verschiedene Datenformate, Konvertierungsprobleme, mangelnde Verfügbarkeit und auch der Drang mancher, Banales wie Buspläne nicht herausrücken zu wollen, weil man sie ja „exklusiv“ selbst verbreiten wolle, machen den Serviceteil der App äußerst anspruchsvoll.
Die pragmatischste Lösung lautet meist: optomanuelle Schnittstelle, vulgo Abtippen, Daran wird sich aber finanziell und organisatorisch selbst eine größere Regionalzeitung auf Dauer die Zähne ausbeißen. Problematisch wird nach meiner Erfahrung auch, dass die App eine Abendzeitung sein soll – ein völlig richtiger Ansatz. Eine Abendzeitung aber ist ein Produkt, das Printjournalisten, die Morgenzeitung gewohnt sind, vor Schwierigkeiten stellt. Denn sie bedeutet einen frühen Redaktionsschluss. Ich habe Zeitungsjournalisten um wenige Dinge so leidenschaftlich kämpfen sehen wie um einen späten Redaktionsschluss. Die Macher eines unaktuellen Mediums kämpfen um Aktualität. Absurd. Das Ergebnis des Champions-League-Spiels, das am nächsten Morgen ohnehin jeder kennt, muss unbedingt in die Zeitung.

Ich ernte regelmäßig ungläubiges Staunen bei Kollegen im sh:z, dass ausgerechnet ich, der Onliner, dafür wirbt, das Rattenrennen um Aktualität nicht mitzumachen und stattdessen entspannt und lieber hintergründig zu berichten.

Bei meinem früheren Arbeitgeber, der FTD, hatten wir auf der Website FTD.de die größten Erfolge mit ausgeruhten und langen Stücken, die die Welt erklärten, während sich nebenan die Printkollegen beeilten, weil sie wenigstens die aktuelle Zahl noch abends in die Zeitung bringen wollten, wenn schon eine Analyse wegen des nahenden Redaktionsschlusses nicht mehr möglich war. Ein Redaktionsschluss gegen 17 Uhr, wie diese App ihn wohl erfordert, wird nur sehr schwer in die Köpfe von Tageszeitungsredakteuren zu bringen sein.

Eines fehlt mir am Vorschlag: ein Vertriebs- und Vermarktungskonzept. Es erscheint mir ganz wesentlich, dass wir uns nicht nur Gedanken darüber machen, wie unsere Produkte der Zukunft aussehen, sondern auch, wie wir sie verkaufen wollen.
Mit der iPad-App des sh:z sind wir Deutschlands erfolgreichster Regionalverlag mit digitalen Bezahlinhalten. Die besteht im wesentlichen aus einem leicht zu bedienende ePaper – und einem Vertriebskonzept mit einer Preisstruktur, die jeder auf Anhieb verseht (mehr dazu; http://www.shz.de/abo-service/digital/flensburger-tageblatt).

Digitale Produkte müssen mit klarer Botschaft in den Markt gebracht werden. Je simpler und selbstbewusster, desto besser. Das hat die Zeitungsbranche allerdings fast überall verlernt. Stattdessen versucht sie, auch ohne Konkurrenz aus dem Internet, Schnäppchen zu suggerieren, und verwässert damit die Wertigkeit ihrer Produkte. Es ist in Deutschland kaum möglich, eine Zeitung zu abonnieren, ohne ein “Geschenk” zu bekommen. Ich musste mich jüngst zwischen einem Stift und einer Uhr entscheiden, obwohl ich doch nur eine Zeitung wollte. Als ich nichts ankreuzte, kam trotzdem ein Stift.
Diesen Quatsch sollten wir bei digitalen Bezahlprodukten von vornherein lassen. Wenn wir der Meinung sind, dass sie etwas wert sind, sollten wir auch den Mut haben, sie erhobenen Hauptes zu verkaufen. Welcher Stifthersteller würde eine Zeitung als Geschenk oben drauf geben?

Thomas Koch, Mediaexperte, Unternehmensberater, Kolumnist für die „Wirtschaftswoche“ und „Werben und Verkaufen“

Ich habe die Zeitung der Zukunft gesehen. Sie heißt „Der Abend“.

Ich lese sehr gern Zeitung. Weil sie mich jeden Tag aufs Neue inspiriert und überrascht. Mit immer neuen Themen und Anregungen, mit denen ich nicht rechnete. Nach denen ich nicht einmal gesucht hätte. Damit bereichert mich meine Freundin, die Zeitung, mehr als jedes andere Medium. „Der Abend“ gefällt mir, weil er voller Überraschungen steckt.

Ich lese gern Zeitung. Weil ich mich gern an Meinungen reibe. Ich habe mir eben nicht zu allem und täglich jedem neuen Thema schon eine feste Meinung gebildet. Ich bin stets offen für Diskussionen. Deshalb liebe ich die Kommentare. Meine Freundin, die Zeitung, hilft mir, mich zu orientieren. „Der Abend“ geht ein Stück weiter und bietet mir auch die Interaktion, die mir so wichtig geworden ist.

Ich lese Zeitung. Weil mich meine Umgebung interessiert. Ich will wissen, was zur 825-Jahresfeier unseres stolzen Ortes alles passiert. Ob es Neues über den Brand in der Druckerei gibt. Ob der örtliche Baudezernent wieder die Hand aufgehalten hat. Ich will am Geschehen hier teilnehmen. Wenn meine Freundin, die Zeitung, das schafft, ist sie ein Teil von mir – ein unverzichtbarer Teil meines lokalen Bewusstseins. Ob „Der Abend“ das besser kann, werden wir sehen. Schwer ist es nicht.

An dem Tag, an dem meine Zeitung das alles nicht mehr liefert, werde ich mein Abonnement kündigen. Problem ist: Sie liefert das schon lange nicht mehr. Weil sie alles aufkündigt, was mir wichtig ist. Sie überrascht mich viel zu selten. Sie enthält zu viele alte Nachrichten und zu wenig Meinung. Und sie bietet mir immer weniger Lokales. Das alles und noch viel mehr will mir „Der Abend“ liefern. Ich werde ihm eine Chance geben.

Was wir derzeit erleben, ist der Übergang von der Papier- zur Digital-Zeitung. Da knirscht es an allen Ecken und Enden. Ich weiß warum:
Print ist wie Ehe: Liebe, Bindung, Zuverlässigkeit. Internet ist wie ein Seitensprung: Impulsiv, leidenschaftlich, aber ohne Nachhaltigkeit. Am Ende jedoch zerstört der Seitensprung die Ehe …

Was denken Sie über die Zeitungsdebatte und das Zeitungsprojekt „DER ABEND“?

Hier geht es zum Debatten-Forum des Spiegel

Impressum

Entwicklung: Jens Kuppi, Jens Radü, Cordt Schnibben, Friederike Schröter
Grafik: Kristian Heuer, Cornelia Pfauter, Michael Walter
Animation: Roman Höfner, Lorenz Kiefer
Illustration: Michael Meißner, Carsten Raffel (USOTA)
Videoschnitt: Bernhard Riedmann
Programmierung: Stefan Wallraven, Hannes Lau (X1 Cross One)
App-Entwicklung: Swipe GmbH
 
 

Update: Bezahlschranke schreckt BILD-Leser nicht ab

Update: Wie sieht guter Lokaljournalismus aus?

Update: Verlegerpläne: Kein Wort von Journalismus

Update: Wie wir nach vorn denken sollten – acht Thesen von Stefan Plöchinger, CR der Süddeutsche.de

Update: Wie würden sich Zeitungen verändern, wenn die Leser mitreden könnten? Ein US-Experiment

Update: Machtkampf beim Spiegel ist vorbei – Büchner muss gehen

Facebook zählt eine Milliarde Mitglieder Antwort

Facebook-Logo: Eine Milliarde Nutzer am 14. September 2012 nach eigenen Angaben

Jeder siebte Mensch ist rein rechnerisch dabei: Facebook meldet eine Milliarde Nutzerkonten. Damit ist das 2004 gestartete soziale Netzwerk das erfolgreichste der Welt – und China ist noch nicht einmal dabei.

Das weltgrößte Online-Netzwerk Facebook hat jetzt nach eigenen Angaben mehr als eine Milliarde aktive Nutzer. Gründer Mark Zuckerberg verkündete die Rekordmarke am Donnerstag mit einem Facebook-Eintrag. „Einer Milliarde Menschen zu helfen, ist unglaublich, es erfüllt einen mit Demut und es ist das, worauf ich mit Abstand am meisten stolz in meinem Leben bin“, schrieb der 28-Jährige.

Rein rechnerisch ist damit etwa jeder siebte Erdbewohner bei Facebook. Das Unternehmen schreibt vor, dass Mitglieder sich mit ihrem Klarnamen registrieren müssen – pro Person soll nur ein Nutzerkonto eröffnet werden. Inwiefern dies zutrifft, bleibt allerdings fraglich.

Die Milliarden-Marke wurde laut dem 2004 gestarteten Netzwerk bereits am 14. September überschritten, mit der Jubelmeldung wurde bis jetzt gewartet. Außerdem nannte das Unternehmen weitere Zahlen:

  • 22 Jahre ist das ungefähre Durchschnittsalter der Nutzer,
  • 1,13 Billionen „Gefällt mir“-Angaben gibt es auf der Plattform,
  • 140,3 Milliarden Freundschaftsverbindungen,
  • 219 Milliarden geteilte Fotos,
  • 17 Milliarden Check-ins,
  • 600 Millionen Menschen nutzen Facebook mindestens einmal im Monat auf einem Handy oder Tablet.

Für Zuckerberg zementiert die Rekordmarke auch die geschäftliche Zukunft des Unternehmens. „Die Frage für die nächsten fünf oder zehn Jahre wird nicht sein, ob Facebook zwei oder drei Milliarden erreicht“, sagte er in einem Interview mit dem Magazin „Businessweek“.

Facebook Chart zeigen kämpft gerade darum, die Einnahmen schneller zu steigern, während die Aktie schwächelt. Mögliche Neu-Nutzer könnten aus Asien kommen. In China haben die rund 1,3 Milliarden Einwohner bisher – zumindest offiziell – noch keinen Zugriff auf das Netzwerk.

Zuletzt hatte Facebook seine Anstrengungen verstärkt, unerwünschte Nutzer aus dem Netzwerk zu werfen und sogenannte Fake-Accounts zu löschen. Gegen die Netzwerk-Regeln verstößt auch, wer ein Pseudonym verwendet und dem Werbenetzwerk nicht seinen richtigen Namen nennen will.

Warum die Aktie abgestürzt ist

Quelle: Süddeutsche

Gerade erst schien das Vertrauen der Anleger wieder da zu sein. Doch ein Artikel des einflussreichen Anlegermagazins „Barron’s“ reicht, um es wieder zu erschüttern. Die Aktie sei nicht mehr als 15 Dollar wert, heißt es darin. Die Investoren reagieren prompt. Dabei muss die Zeitschrift selbst eingestehen, dass kaum jemand ihre düstere Prognose teilt.

Mark Zuckerberg dürfte die Lust am Lesen vergangen sein. Erst vergangene Woche konnte der Facebook-Gründer aus dem US-Magazin Forbes erfahren, dass er auf der Liste der 400 reichsten Amerikaner der Verlierer des Jahres ist. Dass sein Vermögen seit dem verpatzten Facebook-Börsengang deutlich geschrumpft ist, dürfte Zuckerberg schon selbst gemerkt haben. Schlimmer, weil eher unerwartet, traf Zuckerberg und sein Unternehmen aber womöglich ein Artikel im Magazin Barron’s vom Wochenende: Mit seiner Titelstory „Still too pricey“, „Immer noch zu teuer“, löste das einflussreiche Anlegermagazin einen heftigen Absturz der Facebook-Aktie aus.

Forbes-Rangliste Armer Zuckerberg  (Foto: Bloomberg)

„Sollte man die Aktie kaufen“, fragt der Autor des Artikels – und gibt auch gleich selbst die Antwort: „Nein.“ Daraufhin rauschte der Kurs der Facebook-Papiere am Montag nach unten. Bis zum Börsenschluss in New York verlor die Aktie mehr als neun Prozent auf 20,79 Dollar. Das war der schlimmste Einbruch seit dem Börsengang im Mai.Vor vier Monaten war Facebook mit einem Kurs von 38 Dollar an der Börse gestartet. Dem vorangegangenen Hype folgte allerdings schnell Ernüchterung, schon in den ersten Wochen war die Aktie bis auf 17,55 Dollar gefallen. Bereits damals hatte Barron’s von einem Kauf abgeraten. „Trefft Euch mit Euren Freunden bei Facebook – aber lasst die Finger von den Aktien“, schrieb das Magazin.

Nach dem katastrophalen Börsenstart hielt sich Zuckerberg lange bedeckt. Vor zwei Wochen ging er dann aber in die Offensive: Mit einer für seine Verhältnisse ungewöhnlich langen Rede wandte er sich an die Anleger. Der 28-Jährige zeigte sich enttäuscht ob des schlechten Abschneidens auf dem Börsenparkett – zugleich versuchte er aber, mit neuen Visionen und beruhigenden Worten das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Mit Erfolg: Der Aktienkurs erholte sich wieder leicht, das Schlimmste schien erst einmal überstanden.

Seither hat sich an der wirtschaftlichen Situation des Unternehmens nicht viel geändert. Der neuerliche Kurseinbruch zeigt einmal mehr, welchen Anteil die Psychologie an der Kursentwicklung hat. Und er zeigt vor allem, wie fragil das Vertrauen der Investoren in die wirtschaftliche Zukunft des sozialen Netzwerks ist.

Barron’s hält auch den aktuellen – ohnehin schon niedrigen – Preis der Facebook-Aktie für völlig überbewertet.

Aber warum? Das soziale Netzwerk hat fast eine Milliarde Mitglieder. Das alleine bringt jedoch noch kein Geld. Facebook muss sich auf dem Werbemarkt gegen Konkurrenten wie Google oder Apple durchsetzen. Und genau hier setzt die Kritik im Barron’s an: Immer mehr Facebook-User nutzten das soziale Netzwerk über dessen App auf einem mobilen Endgerät, schreibt das Magazin. Mehr als die Hälfte der Mitglieder logge sich inzwischen über Smartphones oder Tablets ein, und dieser Trend werde sich fortsetzen.

Darauf sei das Unternehmen nicht vorbereitet. Die Werbung auf den traditionellen PC, über die Facebook das meiste Geld verdient, verliere zunehmend an Bedeutung. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Auch Zuckerberg hatte bei seiner Rede Anfang September zugegeben, dass sein Konzern die Entwicklung bei mobilen Endgeräten bisher verschlafen habe. Man sei aber nun dabei, das zu ändern, versprach er. Konkrete Maßnahmen nannte er nicht.

Das Problem bei Smartphone-Werbung: Die kleinen Bildschirme bieten nicht viel Platz, um Werbung zu platzieren, ohne die eigenen Nutzer zu vergraulen. Hier sieht Barron’sdie Konkurrenten Apple und Google im Vorteil. Neuen Analysen des Marketingunternehmens EMarketer zufolge hat Facebook dieses Jahr nur einen Anteil von 2,8 Prozent am mobilen Anzeigemarkt in den USA. Insgesamt sind hier 2,6 Milliarden Dollar zu holen. Marktführer Google hat einen Anteil von 55 Prozent.

Die Aktie des Facebook-Rivalen bewegt sich – ebenso wie die von Apple – derzeit genau in die entgegengesetzte Richtung. Der Google-Kurs erreichte am Montag ein neues Allzeithoch, die Papiere stiegen auf 750 Dollar. Die Apple-Aktien, die Barron’s übrigens empfiehlt, hatten zum Verkaufsstart des neuen iPhones kurzzeitig ebenfalls die 700er-Marke übersprungen.

Was die Facebook-Aktie nun eigentlich wert ist? „15 Dollar vielleicht“, so die Einschätzung des Magazins. So tief ist die Aktie noch nicht gefallen.

Barron’s macht in seinem Artikel aber deutlich, dass es mit seinem düsteren Ausblick recht alleine dasteht. „Unsere Prognose ist zugegebenermaßen außergewöhnlich“, heißt es. Gerade mal einer von fast 40 Wall-Street-Analysten, die sich mit Facebook beschäftigten, habe ein Preisziel für die Aktie von 15 Dollar. Die meisten lägen um die 30 Dollar, nicht wenige sprechen sogar von 40 Dollar.

Wenigstens das wird Zuckerberg gerne lesen.

 

Update: Mark Zuckerberg: „Wir machen mehr Fehler als andere Unternehmen“

Update: Facebook verdient dank Werbung glänzend 

 

 

Es „menschelt“ im Netz: Zur Nutzung von Facebook und anderer social Media Antwort

Übernommen von beyond-print.de

70 Prozent der Onliner in Deutschland nutzen Social Media-Angebote – im Vergleich zu 2011 ein Zuwachs um sechs Prozentpunkte. Wer über ein großes Einkommen verfügt, besucht deutlich mehr Kanäle als Geringverdiener. So sind 64 Prozent der User mit einem Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 4.000 Euro in Foren unterwegs. Von denen mit unter 1.000 Euro sind es gerade mal 50 Prozent. Das sind Ergebnisse des „Social Media-Atlas 2012″ vom IMWF – Institut für Management- und Wirtschaftsforschung, der Beratungsgesellschaft Faktenkontor und dem Marktforschungsdienstleister Toluna.

Die Studie zeigt unter anderem, über welche Themen sich die Deutschen auf den Online-Kanälen informieren, ob sie Aktivitäten von Unternehmen wahrnehmen und wie sich die Nutzung in den einzelnen Bundesländern unterscheidet. Zwischen den deutschen Bundesländern gibt es deutliche Nutzungsunterschiede. Der Social Media-Spitzenreiter ist in diesem Jahr Hessen: 74 Prozent der Onliner aus dem Bundesland sind im Social Web unterwegs. Im vergangenen Jahr führte Rheinland-Pfalz noch mit 73 Prozent die Tabelle an, belegt aber in 2012 nur noch Platz sieben. Auf den Plätzen zwei und drei der Social Media-affinsten Bundesländer schaffen es Niedersachsen und Bremen. Die rote Laterne geht in diesem Jahr wie schon in 2011 an Mecklenburg-Vorpommern. Mit 58 Prozent Social Media-Nutzern (52 Prozent im vergangenen Jahr) bildet das Bundesland das Schlusslicht im Social Media-Ranking.

YouTube in der Nutzergunst erneut auf dem ersten Platz
Das von den meisten Deutschen genutzte Angebot ist Facebook. 89 Prozent der Social Media-Nutzer sind auf dem Social Network unterwegs. Die von den Nutzern am besten bewertete Plattform ist allerdings eine andere. Hier hat – genau wie im vergangenen Jahr – YouTube die Nase vorn. 72 Prozent der User bewerten das Video-Portal mit „gut“ oder „sehr gut“. Zufrieden sind sie vor allem mit der Suchfunktion und der Übersichtlichkeit der Seite. Kleiner Wermutstropfen: 2011 lag YouTube noch bei 77 Prozent der Befragten vorn. Facebook schafft es in der Gunst der Nutzer auf den zweiten Platz. 65 Prozent der User bewerten das Social Network mit mindestens „gut“. An dritter Stelle folgt Google+ (60 Prozent zufriedene Nutzer), das zum ersten Mal in die Bewertung einfließt und das Business-Netzwerk Xing (55 Prozent) vom Treppchen stößt. Auffällig ist, dass die User viele Angebote schlechter bewerten als noch in 2011.

Austausch: Private Themen hoch im Kurs
Nach den konkreten Nutzungsgewohnheiten gefragt, zeigt sich, dass die private Kommunikation an erster Stelle steht. So tauschen sich 62 Prozent der Facebook-Nutzer über Persönliches aus, vereinbaren Treffen mit Freunden oder Bekannten und schicken sich gegenseitig Fotos zu. Jeder vierte Facebook-Nutzer unterhält sich mit anderen Usern über berufliche Themen (25 Prozent). Wirtschaftliche oder gesundheitliche Themen diskutiert noch nicht einmal jeder Zehnte (19 beziehungsweise 18 Prozent) in dem Social Network.

Vertrauen in Meldungen aus dem Social Media-Netzwerk gesunken
Den Meldungen kommerzieller Anbieter stehen die Social Media-Nutzer skeptischer gegenüber als noch in 2011. Im vergangenen Jahr gaben 42 Prozent der Befragten an, hohes Vertrauen in Meldungen von Unternehmen und Institutionen zu haben. In diesem Jahr sind es nur noch 35 Prozent. Tendenziell größeres Vertrauen in die Beiträge kommerzieller Anbieter haben dabei noch die Einwohner aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen (45, 43 und 42 Prozent).In ähnlichem Verhältnis ist auch das Vertrauen in Informationen gesunken, die von persönlichen Social Media-Kontakten stammen: In 2011 äußerten 67 Prozent großes Vertrauen, in 2011 sind es nur noch 59 Prozent.

Unternehmen fallen im Social Web kaum auf
Der Social Media-Atlas 2012 fragte dieses Jahr außerdem erstmals ab, inwiefern die User die Aktivitäten von Unternehmen einzelner Branchen überhaupt wahrnehmen. Banken und Versicherungen treten demnach bei ihren Kunden kaum in Erscheinung. Nur 13 Prozent der Befragten geben an, dass sie in den vergangenen sechs Monaten Social Media-Aktivitäten von Instituten aus der Bank- oder Versicherungsbranche wahrnahmen. Im Gesundheitssektor sind es sogar nur neun Prozent.

Mehr Informationen zur Studie gibt es bei Fakten Kontor.

Siehe auch Info-Grafik: Facebook-Freundschaften weltweit 

Die Entwicklung des Internet in den letzten zehn Jahren

und: „Euer Internet ist nur geborgt“

Update: Iran will sein eigenes Internet

Update: Das Netz vergisst doch 

 

 

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