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Mr. Dax alias Dirk Müller: „Gezielter Versuch eines Rufmordes“

Am Mittwoch, 21. November, erschien in der angesehenen Süddeutschen Zeitung auf Seite drei ein Artikel des Wirtschaftsredakteurs Jan Schmidbauer mit der Überschrift: „Mr.Dax“ und das Geschäft mit der Angst…“

Dirk Müller, besagter Mr. Dax, hat sich am heutigen Samstag in einem langen Artikel dagegen zur Wehr gesetzt.  Der ehemalige amtlich vereidigte Kursmakler ist heute einer der bekanntesten deutschen Finanzexperten. Der Gründer des Finanzinformationsdienstleisters Finanzethos GmbH mit dem Markenkern „Cashkurs.com“, Autor mehrerer Bücher und Herausgeber eines viel gelesenen Newsletters hat ein ungewöhnlich großes Talent, auch Laien zu zeigen, in welch unglaublicher Weise die Märkte das Leben spiegeln. Ich beobachte seit Jahren, was er schreibt und halte ihn für einen Mann, der die Welt viel zu global betrachtet, um sich selbst in einer politischen Richtung festzulegen – schon gar nicht nach rechts. 

Weil die Verdrehung von Tatsachen in dem Artikel so offensichtlich erscheint und weil Dirk Müller selbst alles nötige dazu sagt, was es zu sagen gibt, möchte ich ihn hier wörtlich übernehmen. Möge er ernsthaften Journalisten und ihren Medien als Beispiel dafür dienen, wie man es nicht machen darf. 

„Dem Artikel ging ein zweistündiges Interview mit dem 28-jährigen Journalisten Jan Schmidbauer in einem Kölner Hotel im Vorfeld eines Vortrages anlässlich des Anlegertages von Professor Max Otte voraus, während dem ich dem Interviewer ausführliche und sachliche Informationen zu seinen Fragen geben wollte. Schon kurz nach Beginn wurde mir klar, dass er daran nicht interessiert war, sondern ein vorgefertigtes Konzept für seinen Artikel zu haben schien, für den er jetzt noch auf ein paar „Fleischbrocken“ hoffte. Ich war ob der Dreistigkeit und der für mich offensichtlichen Klarheit seiner Pläne mehrfach versucht das Interview abzubrechen, habe mich aber entschieden wenigsten zu versuchen an seine journalistische Ehre zu appellieren einen halbwegs fairen Bericht zu verfassen, auch wenn die Zielvorgabe für mich klar war. Es war ein vergeblicher Versuch.

Das Ergebnis war ein Rufmord in Reinkultur, wie ihn derzeit viele kritische Personen in Deutschland erleben. Da ich im Gegensatz zu den meisten – noch – die Möglichkeit habe eine breite Öffentlichkeit zu erreichen, habe ich mich entschlossen den Verlauf und die Details hier stellvertretend für all jene, die sich nicht wehren können, öffentlich zu machen. Ich möchte zeigen, mit welchen perfiden Methoden hier sehr gezielt unliebsame Kritiker mundtot gemacht werden sollen.

Ich habe den Artikel abschnittweise kommentiert. Den ganzen Artikel finden Sie hinter der Bezahlschranke der Süddeutschen Zeitung.

Der Text beginnt bereits mit der ersten kleinen Lüge. Ich habe in der Bühnenshow gesagt – und den Filmausschnitt gezeigt – dass ich die Hosenträger von „Bud Fox“, dem jungen Mann in dem Film Wall-Street, bewundert habe und mich mit ihm, der am Ende auch gegen die Sauereien der Börse einsteht, identifiziert habe. Der Journalist verdreht das in die unsympathische und kriminelle Figur „Gordon Gekko“.

Aus einer 2-stündigen Abendshow als einziges Zitat den Satzteil „der einzige Idiot“ zu extrahieren, spricht für sich selbst – es ist aber auch erst die Aufwärmphase, um beim Leser die richtige Grundstimmung zu erzeugen.

Mit dem negativ besetzen Begriff „johlen“ und den Begrifflichkeiten „Typ BWL“, „Typ Kleinaktionär“, vor allem aber mit dem völlig deplatzierten und willkürlichen „Ein Duft von Aftershave und Flaschenbier“ werden 800 ganz normale Zuschauer aus der Mitte der Gesellschaft pauschal herabgesetzt – mit dem Ziel, die Veranstaltung und den Redner verächtlich zu machen.

Einen besonderen Geschmack bekommt dieser Abschnitt vor folgendem Hintergrund: Im Interview hat er mich auf die Besucher der Show angesprochen mit dem Satz „Mir ist aufgefallen, dass unter Ihren Zuschauern viele AfD-Anhänger waren!“. Als ich fragte, woran er diesen Unsinn festgemacht habe, ob diese bedruckte T-Shirts trugen oder Fahnen geschwenkt hätten, meinte er „Das war so mein Eindruck“ …aha… der Eindruck hat ihm (vielleicht auf Anraten der Rechtsabteilung) nicht gereicht, um es dann auch so zu schreiben, also hat er sich offenkundig einer anderen Methode bedient, um das Ziel zu erreichen, das Publikum verächtlich zu machen.

Wieder bedient der Autor sich der Lüge. Ich würde den Anlegern nicht empfehlen, ein breites Portfolio aufzubauen, um Risiken zu streuen. Das genaue Gegenteil ist richtig. Selbstverständlich empfehle ich genau das. Verschiedene Aktien (mindestens 11, eher 20), Edelmetall, Immobilien und Tagesgeld/Geldmarktpapiere zur Liquiditätshaltung. „Nicht elf Manuel Neuer aufstellen“ bedeutet genau das! Eben nicht nur alles auf einen Spieler zu setzen. Der Autor lügt hier dreist, um meine Kompetenz in Abrede zu stellen.

Eine unterschwellige und unfundierte Herabsetzung. „Müller gab einfache“ (und somit flache, oberflächliche) Antworten auf komplizierte Themen. Eine frei erfundene Aussage ohne jedes Sachargument. Wäre das so gewesen, hätte der Bundestag mich kaum als Experten geladen.

Jetzt wird es aggressiver. Ich würde Angst verbreiten und verkaufen. Das Gegenteil ist der Fall. Ich beschreibe nüchtern die Zusammenhänge und die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Daraus ergeben sich Chancen und Risiken. Beides beschreibe ich gleichermaßen und nur so ist es verantwortungsbewusste Berichterstattung. Wer nur die Chancen beschreibt, gefährdet das Geld der Anleger. Genauso könnte man einen Bericht über einen Seismologen, der Erdbebenwahrscheinlichkeiten berechnet, überschreiben mit den Worten „Sein Geschäft mit der Angst und wie er damit Geld verdient“. Seine Anschuldigung würde stimmen, wenn ich falsche Behauptungen aufstellen würde und Risiken benennen würde, die nicht existieren. Das ist aber nicht der Fall, hier hat mir auch noch niemand Fehler vorgeworfen und hier bringt auch der Autor kein überzeugendes Argument diesbezüglich vor.

Dass jeder Fonds der Welt Gebühren kostet, sollte auch einem Journalisten der Süddeutschen Zeitung bekannt sein. „Stattliche Gebühren“ sind ein Begriff für besonders hohe Gebühren. Tatsächlich liegen die Verwaltungsgebühren des Fonds mit jährlich 1,55% im unteren Bereich für vergleichbare Fonds, zumal wir vollständig auf zusätzliche Performancegebühren verzichten. Eine bewusste, den Leser irreführende Falschaussage, oder fachliche Unkenntnis des Journalisten – aber nichts im Vergleich mit dem, was noch folgen sollte.

Doch, ich bemühe mich – aber Journalisten wie dieser sorgen dafür, dass es vergeblich bleibt.

Er spricht von „steilen Thesen“, was man mit „unglaubwürdigen Thesen“ übersetzen kann. Schauen wir uns diese „steilen Thesen“ an, die er anführt.

Die Gefahr eines Bürgerkrieges in Europa sei eine solche „steile These“. Nun, da bin ich in guter Gesellschaft, sie stammt nämlich vom französischen Präsidenten Macron

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/eu/id_83621208/frankreichs-staatschef-macron-warnt-vor-buergerkrieg-in-europa.html

Dass der Dieselskandal in den USA, der sich dort ausschließlich gegen die deutschen Autohersteller richtete, eine politische Komponente gegen die deutsche Autoindustrie beinhaltet, sei eine steile These. Interessant, dass der amerikanische Präsident Trump diese These mit einem „Frontalangriff auf die Deutsche Autoindustrie“ bestätigt, wie ausgerechnet die Süddeutsche Zeitung selbst berichtet

https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/autohersteller-trumps-irrationaler-frontalangriff-auf-die-deutsche-autoindustrie-1.3334781

Dass Macron von Rothschild gefördert wurde, hält der junge Journalist gleichfalls für eine „steile These“. Ein wenig Recherche hätte ihn eines Besseren belehrt.

Der Spiegel schreibt unter anderem:

Dennoch stieg der damals 30-Jährige in der Bank atemberaubend schnell auf. „Er wusste nichts, aber er verstand alles“, zitiert die „FT“ einen ehemaligen Kollegen. Und er hatte offenbar einen mächtigen Förderer: François Henrot, wichtigster Vertrauter von Bankchef David de Rothschild, soll ihn persönlich empfohlen haben.2010 wurde Macron mit 32 Jahren zum Partner bei Rothschild, so jung wie er hatte noch niemand zuvor diese höchste Hierarchiestufe erreicht.

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/emmanuel-macron-schadet-ihm-seine-bankerkarriere-bei-der-wahl-a-1146089.html

Das vom Journalisten zitierte Wort „herangezüchtet“ kommt im gesamten Buch Machtbeben im Übrigen nicht vor. Eine glatte Lüge, seine eigene Wortschöpfung – die ich nie verwendet hätte – als  angebliches Zitat von mir zu kennzeichnen.

Hier handelte es sich um den Anlegertag, den Professor Max Otte jährlich für seine Fondsinvestoren veranstaltet, bei dem es um Anlegerthemen und auch gesellschaftliche Fragestellungen geht. Er hatte mich gebeten, als Redner meine Sicht auf die Wirtschaftslage zu geben, was ich sehr gerne und ohne Honorar für meinen geschätzten Kollegen und Freund Max Otte getan habe. Ich spreche mit jedem, aber für niemanden und bin stets ausschließlich für mich und nicht für andere Redner verantwortlich, denen ich hier im Laufe der Veranstaltung teilweise sehr deutlich widersprochen habe, wie die Anwesenden (der Journalist gehörte meines Wissens nicht dazu) bestätigen können.

Der Versuch des Journalisten, mich mit dieser Auflistung in die Nähe der AfD zu rücken, ist allzu offensichtlich und wird von mir in aller Klarheit zurückgewiesen. Ich habe in den vergangenen Jahren bei allen im Bundestag vertretenen Parteien gesprochen. Mit einer einzigen Ausnahmen: Der AfD. Ich habe für die linke Gruppierung „Attac“ die 10-Jahres-Festrede gehalten, ich habe auf Einladung der SPD und der Grünen in verschiedenen Bundestagsausschüssen als Experte ausgesagt. Ich habe viele Jahre in der Landesfachkommission Finanzen des CDU-Wirtschaftsrates mitgewirkt. Ich habe bei den Freien Wählern in Bayern gesprochen und bei der IG Metall. Nur mit der AfD hatte ich bis heute keine einzige Veranstaltung, Rede oder sonstige Kontakte. Und ausgerechnet mir versucht dieser Journalist und einige seiner Kollegen immer wieder -ohne jeden Beweis- eine Nähe zur AfD zu unterstellen. Da es jeder Grundlage nachweislich entbehrt, ist das kein Journalismus mehr, sondern gezielter Rufmord bösartigster Natur.

Hier wird es geradezu abenteuerlich. Ich habe mich weder im „leeren Frühstückssaal“ umgesehen, was auch gar nicht möglich gewesen wäre, da wir in der Bar saßen, noch bin ich ihm näher gerückt – und ich hatte ganz sicher auch keinen Grund zu flüstern. Reine Prosa. Ich habe ihm gesagt, dass ich über dieses Thema nicht bereit bin mit ihm zu sprechen, dass ich es bei dem Begriff „Netzwerke“ belassen möchte. Diese sehr heterogenen und keineswegs geheimnisvollen Netzwerke – man fasst sie gemeinhin unter den Begriff „Eliten“ – mit oft gegensätzlichen Interessenslagen, bestehen aus tausenden Personen, Institutionen und Firmen, so dass es lächerlich und in der Tat zu recht  angreifbar wäre, hier wenige Namen herauszupicken. Dass er mich auf dieses „Eis“ gerne geholt hätte, war mir klar. Er hatte gehofft, ich würde irgendeine Bank oder noch besser irgendeine Person – idealerweise jüdischen Glaubens – benennen, um dann die Antisemitismus-Keule schwingen zu können, wie er es im weiteren Verlauf des Textes dann ohne meine Vorlage erfinden musste.

Ich „bezeichne“ mich nicht als Journalist und Publizist, ich bin es. Ich bin seit vielen Jahren beim Deutschen Presse Verband DPV – Verband für Journalisten akkreditiert, habe in den vergangenen 10 Jahren hunderte von Artikeln in zahllosen Medien veröffentlicht, habe mit Finanzethos und der Marke „Cashkurs“  ein eigenes Medienhaus und inzwischen vier Spiegel-Besteller publiziert. Die vergleichbaren journalistischen und publizistischen Aktivitäten des Herrn Schmidbauer stehen diesbezüglich noch aus.

„Er hätte über Lobbyismus schreiben können“ impliziert, ich hätte es nicht getan. Eine glatte Lüge. Das Buch „Machtbeben“ handelt seitenweise vom Lobbyismus, das Wort kommt mehr als ein dutzend Mal vor und ich beschreibe mehrere Beispiele ausgiebig mit Namen und Firmen, zum Beispiel wie der Amerikaner Aji Pai zu Gunsten seines ehemaligen Arbeitgebers Verizon die Netzwerkneutralität in den USA gekippt hat und zahlreiches mehr. Mein letztes Buch „Showdown“ beinhaltet sogar ein eigenes Kapitel „Europa und die Lobbyisten“, wo das Thema seitenweise mit Ross und Reiter beschrieben wird. Der Satz „Aber sachliche Analysen findet man bei ihm selten“ ist nicht nur deswegen nichts weiter als eine freche Lüge ohne Substanz.

Aus den 113 Rezensionen auf Amazon, die das Buch zu 84% mit 5 Sternen bewerten, sucht er sich den Autor „Schlori“ heraus, dessen Aussage er auch hier wieder aus dem Zusammenhang reißt. Aber „Schlori“ wirkt eben alberner als „Daniel Schilke“, „Ernst Hamman“ oder „Patrick“. Eines muss man dem Autor zugestehen. Er geht ausgesprochen geschickt und gut geschult vor.

Der deplatzierte Satz „Müllers Argumentation ist dabei ein großes Raunen“…entbehrt zwar jeden Inhalts, verfehlt seine suggestive Wirkung beim Leser aber nicht.

Einen der Gründungsväter der Europäischen Union und ersten Karlspreisträger (höchster politischer Orden Europas) zum Philosophen zu reduzieren, um eine unliebsame Quelle zu marginalisieren, ist ein fast schon langweiliger Standard-Trick. Die zahlreichen anderen im Buch zitierten Politiker und Quellen lässt er folgerichtig gleich ganz unter den Tisch fallen.

Dann wiederholt er seine Zeilen zu Macron vom Anfang seines Textes. Ich möchte diesen Fehler hier nicht auch noch machen und verweise auf die obigen Ausführungen.

„Woher er seine Kenntnisse nimmt, ist unklar“… wohl nur dem oberflächlichen Betrachter. Das Buch ist mit mehr als 300 Quellenverweisen ausgestattet, die zu jedem einzelnen Punkt – für den ernsthaft  Interessierten – nachprüfbare und belastbare Quellen angeben. Ich hätte vermutlich auch 500 Quellen angeben können, es wäre dem Herrn Schmidbauer, der sich für Fakten offenkundig nicht sonderlich interessiert, noch immer „unklar“, woher die Informationen denn stammten.

Nun holt sich der Autor vermeintlich wissenschaftliche Unterstützung zu Hilfe. Michael Butter ist stellvertretender Vorsitzender einer Organisation der Europäischen Union gegen Verschwörungstheorien, die auch von eben jener EU finanziert wird. Das ist vergleichbar, als würde Bayer einen Chemiker von Monsanto befragen, ob an den Gerüchten über eine Gefährdung durch Glyphosat etwas dran sei.

https://conspiracytheories.eu/

Butter schreibt ein einem seiner Bücher höchstselbst, dass es außer Zweifel stehe, dass der Begriff „Verschwörungstheorie“ üblicherweise dazu dient, missliebige Alternativversionen zu diskreditieren. Das hindert ihn aber nicht, dies mit Begeisterung selbst einzusetzen, er weiß ja wie es funktioniert und greift auch gleich zur stärksten Keule mit der jeder unliebsame Zeitgenosse endgültig erschlagen werden kann, dem „Antisemitismus“. Ob es stimmt, spielt überhaupt keine Rolle – die bloße Behauptung genügt.

Hier werde ich in wenigen Sätzen, ohne Beleg als „nationalistisch, antiamerikanisch und antisemitisch“ diffamiert. Den einzigen und zugleich unumstößlichen Beweis scheint man in einem einzigen Punkt zu finden: Ich wage es im Zusammenhang mit Macron das Bankhaus Rothschild zu erwähnen (hat der Spiegel auch getan… ist der Spiegel etwa antisemitisch!?). Wie genau hätte ich das Bankhaus Rothschild seiner Meinung nach benennen sollen, ohne das Wort „Rothschild“ zu verwenden? Etwa: „Macron war für das Bankhaus tätig, dessen Name nicht genannt werden darf“!?…

Weiter schreibt er: „An anderer Stelle taucht, wie aus dem Nichts, der Investor George Soros auf, dessen jüdische Familie die Besetzung Ungarns durch die Nazis überlebt hat… da haben sie, platt gesagt, den nächsten Juden, der ins Spiel kommt.“

Ja! Sehr platt gesagt. Aber der Reihe nach. Was schätzen Sie, wie oft im Buch Machtbeben das Wort „Jude“ oder „jüdisch“ vorkommt? Kein einziges Mal. Warum? Weil es mir vollkommen egal ist, wessen religiösen Glaubens jemand ist. Ich beurteile jeden Menschen einzig nach seinen Worten und Taten. Die Aussage der Herren Butter und Schmidbauer bedeuten, dass nach ihrer Vorstellung jeder Mensch jüdischen Glaubens und jede Institution, die von Menschen jüdischen Glaubens geleitet wird, automatisch unfehlbar sind und egal was sie tun, nicht kritisiert und noch nicht einmal erwähnt werden dürfen, weil sie jüdischen Glaubens sind. Das halte ich wiederum für diskriminierende Ausgrenzung und für geradezu absurd.

Was genau die Tatsache, dass die Familie Soros die Besetzung Ungarns überlebt hat, hier zu suchen hat, erschließt sich vermutlich nur dem Autor selbst. Im Buch ist das auf jeden Fall nicht erwähnt.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal unmissverständlich klarstellen, dass ich nicht in den zartesten Ansätzen antisemitische, rassistische oder nationalistische Gedanken hege. Ganz im Gegenteil. Ich bin ein bekennender Europäer, ich liebe es, mich mit Menschen anderer Kulturen, Lebens- Geistes- Religions- und Denkwelten auszutauschen. Ich empfinde das als ungemein bereichernd. Ich schätze jeden Menschen auf Erden hoch und begegne ihm mit größter Sympathie. Wo immer ich die Möglichkeit habe – auch im Buch Machtbeben – setze ich mich für das Verständnis und den Respekt zwischen den Völkern und den Menschen ein. Gerade und besonders mit denen, mit denen man anderer Meinung ist. Das wird Ihnen jeder Mensch, der in den vergangenen Jahren mit mir zu tun hatte, bestätigen. Wer böswillig etwas anderes behauptet, ist ein unverantwortlicher Brandstifter und Rufmörder. Ich werde mich – wo immer nötig – dagegen zur Wehr setzen. Aber genau hierin steckt auch die perfide Strategie dieser Leute. Wenn man jemanden nur oft genug mit Dreck bewirft, wird schon etwas hängenbleiben. Man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen, dann wird sie geglaubt. Sie sehen, wie sehr ich mich hier gegen eine klar falsche Anschuldigung verteidigen muss. Doch wie viele Leser des Artikels der Süddeutschen werden in der Zukunft im Hinterkopf haben „Müller!? Da war doch irgendwas mit Antisemitismus!?“. So funktioniert Rufmord. Böse, intrigant und wirkungsvoll. So macht man unbequeme Personen tot, wenn die Argumente fehlen.

Weil die Börse der Schmelztiegel aller Ereignisse auf der Welt ist. Weil man die Börse nicht verstehen kann, ohne möglichst viel von der Welt und vor allem der Weltpolitik zu verstehen. Weil die Macht- und Politikinteressen immer über den Wirtschaftsinteressen stehen. Wer das bezweifelt, der denke an die Deutschen Wirtschaftssanktionen gegen Russland, die unsere Wirtschaft Milliarden kosten, was aber hinter politischen Interessen (berechtigt oder unberechtigt spielt hier keine Rolle) zurückstehen muss.

Man kann die Börse und die künftige Entwicklung von Unternehmen nicht verstehen, wenn man die politischen Hintergründe und Absichten nicht versteht. Die Volkswirte des Bankhaus M. M. Warburg sagen dazu: „Mehr denn je ist also die Politik der Schlüsselfaktor, von dem die Entwicklung der Weltwirtschaft maßgeblich beeinflusst wird.“ Deshalb kümmere ich mich auch um Fragen der Weltpolitik. Es ist befremdlich, dass einem Autor, dem diese Zusammenhänge fremd sind, dennoch die Seite 3 einer der größten deutschen Tageszeitungen eingeräumt wird.

Und wieder bemüht der Autor eine Lüge, um seine Geschichte aufzubauen. Ich habe an keiner Stelle behauptet, dass die Fotos an der Börse „NIE“ inszeniert waren. Ganz im Gegenteil habe ich diesem Journalisten genau erklärt, wie ich auch ab und zu für die oft ein oder zwei Stunden wartenden Fotoreporter den Telefonhörer in die Hand genommen habe, damit die ihr Foto noch vor Redaktionsschluss hatten. Aber das waren eben Ausnahmen. Warum muss er aus einer solchen banalen Selbstverständlichkeit eine Lüge machen? Weil sonst seine Geschichte nicht passt.

Er hat sich ja sehr viel Mühe gegeben, mich in die Pfanne zu hauen. Wie er an die Telefonnummer meines alten Chefs Hans Dittmar gekommen ist, weiß ich nicht. Es war vor 26 Jahren, dass ich für neun Monate bei Hans Dittmar gearbeitet habe. Soweit musste er zurücksuchen, um am Ende -trotz aller Mühe- nicht mehr Vorwürfe gegen mich zu finden, als dass ich sehr selbstbewusst gewesen sei. Das ist schon ein Skandal, da muss ich ihm Recht geben. Wer weiß, was rausgekommen wäre, wenn er meine Grundschullehrerin erreicht hätte… ich mag es mir nicht ausmalen.

Dann hat er einen alten Kollegen von mir ans Telefon bekommen, der zuletzt vor 10 Jahren in der gleichen Firma, aber in einer anderen Abteilung gearbeitet hat. 

Ich habe Arthur am Tag nach der Veröffentlichung des Artikels angerufen und habe ihn gefragt, ob er das wirkich so gesagt habe. Es hat mich nicht verwundert, dass er überrascht geantwortet hat: „Nein, das hab ich so absolut nicht gesagt“. Wir sind dann die Zitate durchgegangen, so wurde dann beispielsweise laut Arthur aus der Aussage „Es ist schwierig einen Fonds zu managen“ die freie Interpretation „Wenn er selber liefern muss kommt ja auch nichts dabei rum“. Alles andere wäre ja auch schlicht die Unwahrheit. Mein Fonds ist auf Platz 2 der erfolgreichsten Fonds des Jahres – wie selbst die mir gegenüber sonst ausgesprochen kritische „Welt am Sonntag“ vor wenigen Tagen einräumen musste.

Aber dann erzählte mir Arthur Brunner etwas Ungeheurliches: Der Typ wollte Dich die ganze Zeit in die rechte Ecke stellen und mich ständig dazu bewegen, ihm das irgendwie zu bestätigen. Ich hab dem gesagt, dass das völliger Blödsinn ist.

Wenn dies zutrifft, entlarvt sich spätestens hier der gesamte Artikel, der „Journalist“ und die Süddeutsche Zeitung als das, was es von Anfang an war: Ein abgekartetes Spiel. Ein von vorne herein konzeptionierter Versuch des Rufmordes an einem unbequemen Kritiker der Medien und der Politik, wie wir es sonst nur aus totalitären Staaten kennen. Es ging nie darum, ein ausgewogenes Bild zu gewinnen. Es war von Beginn an klar, was der Artikel bewirken muss, und welche Anschuldigungen da rein müssen, um ihre Wirkung zu erzielen. „Stellt ihn in die rechte Ecke, egal wie“. Und so wurde gegraben und gesucht bis in die tiefste Vergangenheit von vor fast 30 Jahren. Und es war zu dumm, dass nichts Belastbares zu finden war. Also blieb nur eine schwammige Diffamierung mit unterschwelligen Anschuldigungen und der konstruierten Lächerlichkeit, dass jemand, der etwas Negatives über  Banken oder George Soros sagt, von vorneherein ein übler Antisemit sein muss.

Ich habe an dieser Stelle jeden Respekt vor der Süddeutschen Zeitung verloren, die einst ein honoriges Schwergewicht der Deutschen Medienlandschaft war. Aber wer einem solchen offensichtlichen Rufmordartikel schwächster journalistischer Ausprägung die wichtigste Seite 3 der ganzen Zeitung einräumt, weiß genau, was er tut – und das entscheidet bei der Süddeutschen nicht der Praktikant, davon kann man ausgehen.

Leider bestätigt das in vollstem Umfang meine im Buch dargestellten Erläuterungen zur Veränderung der Medienlandschaft.

Die Medien haben als „vierte Gewalt“ die Aufgabe, die Eliten und die Politik zu kontrollieren und zu kritisieren. Sie sollen die Bevölkerung gegen Missstände mobilisieren, um so Machtmissbrauch der Eliten verhindern. Wenn ein Teil dieser Medien aber vom Kontrolleur der Macht zum Sprachrohr der Macht wird, dann brechen dunkle Zeiten an, denn von nun an ist dem Machtmissbrauch Tür und Tor geöffnet. Wenn einige dieser Medien aber sogar zur Schlägertruppe der Macht werden und jene Kritiker, die die eigentliche Aufgabe der Medien noch wahrnehmen, verbal niederknüppeln, dann haben wir wahrlich dunkle Zeiten. Alle aufrechten Journalisten und Medien, die es noch immer in großer Zahl gibt, sollten alles in ihrer Macht stehende tun, um sich gegen solche Entwicklungen ihrer Zunft zur Wehr zu setzen, die die ganze Branche in pauschalen Misskredit bringen. Die Leser sollten ihrerseits Ihre Konsequenzen ziehen und aufbegehren gegen solche immer häufiger zu beobachtenden infamen Versuche der Lesermanipulation zum Schaden der Gesellschaft, wo immer sie Ihnen begegnen.

Dirk Müller im November 2018″

Siehe dazu auch: Ehrenkodex des Deutschen Presserates

Weltweiter Rechtsbruch über Ramstein: Steuerzentrale aller Todesdrohnen

„Vor unseren Augen werden inoffizielle Kriege angezettelt, werden Ausländer und Amerikaner per Dekret des Präsidenten ermordet.  Vor unseren Augen verwandelt sich der Krieg gegen den Terror in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Kann so ein Krieg jemals enden? Und was passiert mit uns, wenn wir endliche sehen, was direkt vor unseren Augen verborgen war?“

Schlussworte des untenstehenden Films: „Schmutzige Kriege – die geheimen Kommandoaktionen der USA“. Autor Jeremy Scahill deckt die Folgen eines Krieges auf, der völlig außer Kontrolle ist. CIA-Agenten, Kämpfer der Special Forces, Generäle und von den USA finanzierte Warlords  treten aus dem Dunkel der Geheimhaltung vor die Kamera und reden über ihre Einsätze. Auch die Überlebenden der meist nächtlichen Attacken und Drohnenangriffe kommen zu Wort, darunter die Familie des ersten amerikanischen Staatsbürgers, der von seiner eigenen Regierung gejagt und getötet wurde.

In 75 Ländern der Erde, so erfährt der Zuschauer, ist das Joint Special Operations Command (JSOC) aktiv und hat sich vom sorgfältig getarnten Killerkommando inzwischen zum offen agierenden paramilitärischen Arm der US-Regierung entwickelt.
„Die Welt ist ein Schlachtfeld, und wir befinden uns im Krieg,“ sagt ein Informant dazu. Ein somalischer Bandenchef, der im Auftrag der USA „Leute fängt und verhört“, drückt es so aus: „Die Amerikaner sind Meister der Kriegsführung, sie wissen, wie man Kriege finanziert. Sie sind Lehrer, große Lehrer…“

9/11 war der äußere Anlass, mit dem heute der weltweite „Krieg gegen den Terror“ gerechtfertigt wird. Ein Krieg, in dem sich die Vereinigten Staaten immer wieder außerhalb jeden Völkerrechts bewegen. Und was das Schlimmste ist: Deutschland steckt mittendrin. Mit Wissen seiner Regierung. Zum Beispiel in Ramstein. Im größten  Militärstpützpunkt der USA außerhalb ihres Staatsgebietes,  arbeitet die Zentrale der weltweiten Drohnenangriffe. Jede Tötung von Menschen wird über Ramstein ausgeführt.

Den begründeten Verdacht und Aussagen von beteiligten Soldaten gibt es schon lange, siehe dazu die Monitor-Sendung im Video oben. Auf eher halbherzige Fragen der Bundesregierung zum Thema verweigerte die amerikanische Regierung die Antwort. Nun, und das ist die Neuigkeit, die – eigentlich – dafür sorgen müsste, dass die deutsche Regierung endlich handelt, gibt es auch die zugehörigen Beweise, wieder einmal geliefert von The Intercept.

Es handelt sich um streng geheime Grafiken, die dokumentieren, dass praktisch alle Drohnenangriffe der Air Force über Ramstein abgewickelt werden. In seiner jüngsten Ausgabe berichtet der Spiegel ausführlich darüber. Das Geheimdienst-Diagramm offenbart, dass es auf diesem Globus derzeit zwei Orte gibt, die für den Drohnenkrieg unverzichtbar sind: Ramstein und Creech, ein hermetisch abgeriegelter Flecken in der Wüste von Nevada. Der Luftwaffenstützpunkt, eine Autostunde nordwestlich von Las Vegas, dient als Drohnenzentrale und Relaisstation für zehn Air-Force-Basen in verschiedenen US-Bundesstaaten.

Originalschaubild des US-Drohnenprogramms mit Standorten und Kommunikationswegen

„Von Ramstein wird das Signal übermittelt, das den Drohnen befiehlt, was sie tun sollen“, sagt ein Amerikaner, der mit dem geheimen Militärprogramm vertraut ist. Von ihm stammen die Dokumente. „Ohne Ramstein könnte keine der Drohnen gesteuert werden – jedenfalls nicht in der bisher geübten Weise.“

Kein Satellit, der mit der Erde kreist, kann ein Signal auf direktem Wege etwa von Pakistan auf den amerikanischen Kontinent senden – die Erdkrümmung ist zu stark. Einen zweiten Satelliten in den Datenfluss einzubeziehen würde alle Aktivitäten verlangsamen, denn die Videobilder der Drohne kämen nicht mehr in Echtzeit in den USA an. Ohne Ramstein wären die „Piloten“ praktisch blind, schreibt der Spiegel in seiner jüngsten Ausgabe

In Creech loggt sich zu Beginn seines Einsatzes jeder Drohnenpilot im Air and Space Operation Center (AOC) in Ramstein ein. Der ehemalige Pilot Brandon Bryant berichtete voriges Jahr unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, dass er sich in Deutschland mit seinem Rufzeichen melden und die Kennung der jeweiligen Drohne durchgeben musste, um mit ihr verbunden zu werden.

Steht die Verbindung zwischen dem Drohnenpiloten in Nevada und dem AOC in Ramstein, werden die Steuerbefehle in der Pfalz an einen Satelliten umgeleitet. Aus dem All gelangen sie dann zur Drohne.

Die unbemannten Flieger werden jeweils von einem Team aus Spezialisten dirigiert. Der Pilot kümmert sich um Höhe, Richtung und Geschwindigkeit, andere um Infrarot- und Videokameras sowie das Lasersystem zur Zielerfassung. Entscheidend für eine präzise Steuerung ist die sogenannte Latenz, also die Zeit, die vergeht, bis das Signal vom Joystick des Piloten die Drohne erreicht.

Reaper Aircraft Flies Without Pilot From Creech AFB

Weil Piloten und Satellitenverbindung räumlich getrennt sind, glauben die USA, behaupten zu können, dass der Einsatz der Todesdrohnen nicht von Deutschland aus gesteuert wird. Man übt sich in Haarspaltereien. So versprach beispielsweise Präsident Obama dem Kanzleramt, dass Deutschland „kein Startpunkt“ für Drohneneisätze sei.

Aber: Die Air Base Ramstein ist kein exterritoriales Gebiet. Zwar hat der Bund den USA per Vertrag die Nutzung der Liegenschaften zugesichert – allerdings mit der Auflage, dass sie auf dem mit Stacheldraht gesicherten Areal nichts unternehmen, was gegen deutsches Recht verstößt. Was hier geschieht, ist jedoch massiver internationaler Rechtsbruch. Und die Behauptungen der Bundesregierung, nichts darüber zu wissen, sind schlicht gelogen, wie geheime Dokumente beweisen, die dem Spiegel vorliegen:

Am 18. November 2011 zum Beispiel teilte das Department of the Army dem Verteidigungsministerium mit, in Kürze auf der Air Base Ramstein eine Relaisstation für Drohneneinsätze errichten zu wollen. Dabei handelte es sich um einen zentralen Baustein des Drohnenkriegs: ein Antennenfeld, das die Kommunikation zwischen den Piloten auf amerikanischem Boden und den Drohnen in arabischer oder afrikanischer Luft nahezu in Echtzeit ermöglicht. Das Projekt, schrieb das US-Heeresamt den Deutschen, genieße „sehr hohe Priorität“. Mit seiner Hilfe werde ein „einzigartiges Kontrollzentrum“ für den Einsatz der Drohnen vom Typ „Predator“, „Reaper“ und „Global Hawk“ geschaffen.

Aus anderen Berichten an die Bundesregierung geht hervor, dass die 6,6 Millionen teure Anlage in der Nähe der Rampe 6 in Ramstein errichtet werde; vorgesehen seien auch Räume für „Betrieb, Verwaltung und Instandhaltung“, außerdem Platz für „Mission Control Vans“.

„Ramstein ist der zentrale Punkt für jede Datenübertragung“, sagt Dan Gettinger, Codirektor des Zentrums für Drohnenforschung am Bard College nahe New York, „die Infrastruktur für die Kommunikation ist für die Operationen wichtiger als die Waffen, die die Drohnen tragen.“

Die Geheimdokumente, die dies belegen, sind umso brisanter, weil sie in einem weiteren Punkt der Darstellung der Bundesregierung widersprechen. Demnach sind die Drohnen in der Lage, für ihre tödlichen Angriffe auch Mobiltelefone zu orten.

Auch dies weiß man eigentlich seit mehr als einem Jahr (siehe Panorama-Video oben). Das System nennt sich Gilgamesh und funktioniert wie ein mobiler Telefonmast, der Handydaten „absaugt“. Potentielle Opfer lassen sich also kinderleicht von Drohnen mithilfe ihrer Handy-Nummer und den übrigen, automatisch mitgesendeten Handy-Kennzeichen orten. Die NSA – und damit ihre Helfer beim BND – liefern die zugehörigen Nummern.  „Wenn der NSA die Handyortung genügt, um Menschen ohne Gerichtsverfahren in den Tod zu schicken, besteht der akute Verdacht, dass die deutschen Geheimdienste und mit ihnen die Bundesregierung mit der Übermittlung entsprechender Telefonnummern Beihilfe zum Mord geleistet haben“, stellte dazu  im Februar 2014 der Linke Andrej Hunko fest.

Ob die Drohnen schließlich überhaupt die anvisierte Person getötet haben, werde kaum mehr vor Ort überprüft. Die NSA könne Überwachungsziele anhand ihrer Stimme erkennen, wisse, wer seine Freunde seien, wer der Kommandeur und wer unterstellt sei. Dabei sei das Fehlerpotenzial solcher Quellen aber enorm, sagte Brandon Bryant. Inzwischen tauschten gesuchte Personen SIM-Karten oder Mobiltelefone mehrfach aus. Bei Treffen in größeren Gruppen würden sämtliche SIM-Karten der Anwesenden in einem Beutel gesammelt. Nach dem Treffen verlasse jeder den Raum mit einer anderen SIM-Karte. Quelle: Golem

Dabei steht das US-Militär auch unter zeitlichem Druck. Tödliche Angriffe müssen vom Weißen Haus direkt genehmigt werden und sind für 60 Tage gültig. Danach müss
en sie einem erneuten Überprüfungsverfahren unterzogen werden. Das führe dazu, dass Kommandeure auch dann Angriffe ausführen, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Unschuldige bei dem Angriff getötet werden, hoch sei oder gar nicht überprüft werden könne.

Noch im Januar dieses Jahres hat die Bundesregierung bestritten, über die genauen Aktivitäten in Ramstein informiert zu sein und behauptet, dass es sich um „um selbstständiges hoheitliches Handeln eines fremden Staates“ handele, das keiner Genehm
igung und auch keiner Überprüfung bedürfe. Ähnliches gilt für einen weiteren Unrechts-Standort in Deutschland, über den die Süddeutsche letztes Jahr ebenfalls berichtete: 200 Kilometer südöstlich von Ramstein, in Stuttgart, sitzt Africom, also das amerikanische Oberkommando für Afrika. Und in Somalia töteten US-Drohnen in der Vergangenheit mehrere Menschen.Reaper Aircraft Flies Without Pilot From Creech AFB

Ob Kampfdrohnen auch in Zukunft ausschließlich über Ramstein geleitet werden, sei indes nicht sicher, schreibt der Spiegel. Vor drei Jahren bereits haben die Vereinigten Staaten Ausschau nach einer Alternative gehalten. Auf dem süditalienischen US-Stützpunkt Sigonella wurden sie fündig. Inzwischen wächst dort eine ähnliche Anlage wie in der Pfalz heran. Als „Back-up-System für Ramstein“, so ein Planungspapier der Air Force, um im Falle eines Falles „einen Engpass zu vermeiden“.

Seit einem Jahr tagt nun der NSA-Untersuchungsausschuss. Er wird von der Bundesregierung und dem BND massiv in seiner Arbeit behindert und kommt nur in ganz kleinen Stücken voran. Akten werden unvollständig geliefert, überwiegend geschwärzt oder die Herausgabe wird gleich ganz verweigert. Immer wieder beschweren sich die Mitglieder über Informationsblockaden durch den BND. Edward Snowden, der unter anderem auch eine Dokumentation über die Zusammenarbeit von NSA und BND und über die Technik der Überwachung für Europa und Afrika geliefert hat, wird nicht nach Deutschland eingeladen, weil sich die Bundesregierung strikt weigert.

Der BND habe den Datenstrom zwischen 2003 und 2008 für die Amerikaner auf bestimmte Schlagworte – sogenannte Selektoren – hin untersucht. Die Amerikaner erhofften sich viele neue Erkenntnisse. Von selbst aber dürfen sie dort nicht tätig werden. „Die Erwartungen waren hoch“, sagt Eikonal-Chef S.L. im NSA-Ausschuss. Nur sei nicht alles gelaufen, wie sich das BND und NSA vorgestellt hatten. Am Ende hätten so wenig Ergebnisse gestanden, dass die NSA das Projekt 2008 abgebrochen habe.

Und was tut die deutsche Öffentlichkeit?

Das, was sie mehrheitlich am besten kann: Nichts sehen, nichts hören, nichts wissen.

Nur ist es in Zeiten des Internets nicht mehr so einfach, zu behaupten, man habe von nichts gewusst. Alle Informationen sind frei zugänglich – manche früher, einige später, aber alle kommen an’s Licht.

Damit sind wir alle mitschuldig an den rechtsfreien Räumen, die unsere wichtigsten Verbündeten auf der ganzen Erde schaffen. Verbündete, die von sich behaupten, eine Demokratie zu sein und die Menschenrechte weltweit verteidigen zu müssen. Verbündete, sie so handeln können, weil es niemand wagt, die Wahrheit offen auszusprechen und Konsequenzen daraus zu ziehen. Schlimmer noch: Offenbar glaubt unsere Regierung, durch willfähriges Verhalten eine Option auf eigenen, größeren weltweiten Einfluss zu erwerben.

Armes Deutschland.

MQ-9 Reaper2

Bis 2018 soll die MQ-9-Reaper, zu deutsch: der Sensenmann, die wichtigste amerikanische Drohne werden.

„MQ-9 Reaper“(früher „Predator B“) basiert technisch gesehen auf der „MQ-1 Predator“. Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

  • Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
  • Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
  • Bewaffnung: bis zu 1361 kg
  • (z.B. Raketen der Typen „AGM-114 Hellfire“ und „AIM-9 Sidewinder“ oder Bomben der Typen „GBU-12 Paveway II“ und „GBU-38 DAM“)
  • Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
  • Reichweite: 5926 km
  • Flughöhe: max. 15.400 m
  • Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten

Hier kann man sie im interaktiven 3D-Modell betrachten.

In den USA sind die weltweiten Drohnenoperationen kein Geheimnis. Die Washington Post berichtete beispielsweise im Juni 2014 ausführlich darüber, welche Modelle genutzt und wie sie gesteuert werden.  Ebenso offen wird über hunderte von  missglückten Einsätzen berichtet, bei denen Drohnen abgestürzt sind. Es gibt eine Tabelle über 194 Unfälle der sogenannten Kategorie A, bei denen ein Schaden von mindestens zwei Millionen Dollar enstand. Daraus geht hervor, wem das Gerät jeweils gehörte, um welchen Typ es sich handelte und wo der Absturz stattfand – und das war keineswegs immer in Kriegsgebieten. Keine Informationen gibt es allerdings über die von der CIA gesteuerten Drohnenaktivitäten.

Siehe auch: „Nein, das ist kein Film – wir werden wirklich überwacht“ , sowie:Warum wir nicht schweigen dürfen“ und die zahlreichen dortigen Links

Update: Neues US-Waffensystem: LOCUST – Drohnen-Schwarmtechnologie

Update: USA töten bei Drohnenangriff in Pakistan versehentlich westliche Geiseln

Update: US-Special Forces sind in 81 Ländern aktiv: Wo sie sind und was sie da machen

Update: Princeton-Studie: Die USA sind keine Demokratie mehr

Update: „Der Feind ist unbekannt“, deshalb müssen US-Truppen überall hin…

Update: Al Kaida-Anführer samt Sohn per Drohne im Jemen getötet

Update: USA weiten Drohnenprogramm um 50 Prozent aus

Update: CIA betreibt ein geheimes Drohnenprogramm gegen IS

Update: Videobotschaft von CIA-Analyst Ray McGovern; Schließt Ramstein!

Update: Eine Telefonnummer reicht aus, um Menschen zu töten

Untenstehendes ZDF-Video arbeitet den Verlauf der Überwachungsaktivitäten nach 9/11 auf.

„Der Abend“: Konzept einer digitalen Tageszeitung – und eine Vision …

Niedergang der Printmedien – Kreativität in ganz neuen Strukturen notwendig – unter diesem Titel habe ich seit der Insolvenz der Frankfurter Rundschau im Dezember 2012 zahlreiche Updates zur kritischen Lage der Zeitungsbranche in Deutschland in diesem Blog gesammelt.

Der Spiegel hat nun in den letzten vier Wochen etwas getan, wozu sich alle anderen Medien bisher nicht trauten: Er hat Chefredakteure von regionalen und überregionalen Tageszeitungen an einen Tisch geholt und zusätzlich über die sozialen Medien Tausende von Lesern befragt. Herausgekommen ist nicht nur eine nachahmenswerte Diskussion, sondern auch ein erstes Konzept einer Verlags-übergreifenden digitalen Tageszeitung mit frei gestaltbarem Lokalteil, das eine echte Zukunftschance zu bieten scheint – wenn die Verlage es nicht nur nutzen, um noch  mehr Personal als bisher zu sparen.

Den folgenden Artikel habe ich Spiegel Online  vom 10.9.2013 entnommen. Er ist lang. Aber er führt zu einer Vision, die sich aus meiner Sicht noch ausfeilen ließe…

Nehmen wir an, es gelänge nicht nur der Spiegel-Gruppe  oder den Verlagen die sie hier zusammen gerufen hat, den „Abend“  zu produzieren und zu vermarkten. Denken wir noch eine Schuhgröße weiter: Man nehme einen Pool aus beliebig vielen, auch kleinen (Fach-)Verlagen, deren beste Redakteure Hintergrund-Recherchen, Bewertungen und Kommentare zu Nachrichten einstellen, die von Agenturen aller Kontinente kommen – also breiter vorhanden sind, als es zurzeit irgendwo in Deutschland kaufbar ist. Das wäre eine Ebene, die GEZ-förderfähig sein könnte.

Nehmen wir nun an, alle beteiligten Verlage bieten im Rahmen dieses Konsortiums ihre eigenen Regional- und Lokalnachrichten an, ebenfalls gefächert nach Sparten.

Damit wäre meine Ideal-Zeitung auf dem Markt: Ich könnte einen nationalen und internationalen Teil, außerdem einen Lokalteil nach meinen Interessenlagen fest abonnieren und würde täglich gute drei Stunden Suche im Netz einsparen.

Den Anbietern stünde ein wesentlich breiter gefächerter Werbemarkt zur Verfügung, als sie jeweils mit ihren hauseigenen e-papers erreichen. In den Zentralredaktionen würden Posten frei, die ins Lokale verlagert werden und die „Hausmacht“ über Leser-Blatt-Bindung neu erstarken lassen könnten. Im Ergebnis könnte damit zumindest ein Teil der noch bestehenden Print-Ausgaben mittelfristig gerettet werden – und vor allem würden wir nicht verlieren, was wir an ausgebildeten Redakteuren zu schätzen wissen: Ihre Fachkompetenz in Sachthemen und ihre Fähigkeit, Ereignisse in größere Rahmen einzuordnen.

Geht nicht?

Vielleicht treibt die Not die Verlage ja zusammen.

*

Hier nun der Spiegel-Text:

Stirbt die Tageszeitung?

Wenn nicht – warum?

Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Fragten wir vor vier Wochen. Und über tausend Leser antworteten. Schimpften, lobten, argumentierten, pöbelten, schwärmten. Formulierten Gedanken, machten Vorschläge – die wichtigsten fassen wir in diesem Text zusammen. Und entwickeln daraus so etwas wie die Zeitung von morgen, im sechsten Kapitel stellen wir sie vor. In den fünf Kapiteln davor antworten Leser auf die großen Fragen der Zeitungsdebatte: Was ist der Sinn von Tageszeitungen? Warum verlieren sie so viele Leser? Frisst Online Print? Machen Bezahlmodelle für Online-Journalismus Sinn? Was können Redaktionen tun gegen die Leserflucht? Schließlich: Wie sollen Journalisten in Zukunft informieren? Am Beginn jedes Kapitels antworten Chefredakteure deutscher Zeitungen aus ihrer Sicht auf die Fragen. Viel Spaß!

Von Cordt Schnibben

Die letzten vier Wochen waren für mich eine seltsame Erfahrung: Einerseits war ich erfreut darüber, wie ernst viele Leute den Journalismus nehmen, sich hinsetzen, um lange Mails und Kommentare zu schreiben. Andererseits erstaunt darüber, wie hart sie mit Journalisten ins Gericht gehen, auch mit SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE übrigens. Schreiben voneinander ab, linke Zensoren, intellektueller Abwärtstrend, devote Hofberichterstattung, PR-Maschine, schlecht recherchiert, nur noch Agenturmeldungen kopiert, schlechtes Deutsch, solche Beschwerden ziehen sich durch viele Leserkommentare. Man kann das abtun als die Nörgelei von chronischen Nörglern, aber solche Urteile finden sich in den meisten Leseräußerungen. Nicht das Netz sei der wahre Grund für die Leserflucht, bilanzierte Kommunikationsforscher Michael Haller in seinem Debattenbeitrag, die Enttäuschung über die Tageszeitung sei noch wichtiger, der Auflagenrückgang habe schon vor der massenhaften Nutzung des Internets eingesetzt. Über die lokale Tageszeitung wird besonders hart geurteilt.

Leser- Kommentare

„Es ist schön festzustellen, dass die Kompetenz der LeserInnen gefragt ist.“
Kora Gouré Bi per E-Mail

Wenn man sich durch die Zuschriften der Leser wühlt, spürt man allerdings immer noch eine mystische Abhängigkeit von der Zeitung. „Es ist so schön im Morgenrock an den Briefkasten zu gehen“ (Anne-marie Arveuf-kayser). „Eine noch nicht aufgeschlagene Zeitung zwingt zur Lektüre“ (MTV). „Ein Familienmitglied  am Frühstückstisch“ (twaddi). Man könne sie überall lesen, die Zeitung; man zeige, dass man seine Ruhe will; man lese viel konzentrierter. Die Zeitung sei übersichtlich und abgeschlossen, „ein Fels in der Brandung“ (besim), sie trenne Unwichtiges von Wichtigem, liefere Hintergrund und Lesespaß und: „Das große Plus der Tageszeitung ist die Qualitätskontrolle und der Umstand, dass jemand für einen Beitrag mit seinem Namen haftet“ (mueller-thurau).

„Jetzt tauchen hier plötzlich irgendwelche Blogger aus der Versenkung auf, von denen kein Mensch je gehört hat.“
georgtrakl auf Spiegel Online

Viele Menschen sind verliebt in ihre Zeitungen, und ich muss zugeben, wenn ich an der Nordsee Urlaub mache, wie in den letzten zwei Wochen, dann kann ich Feinkost Meyer nicht verlassen, ohne den „Weser-Kurier“ mitzunehmen. Als Bremer bin ich mit dem „Weser-Kurier“ aufgewachsen, im Lokalteil waren die Bilder von unseren Schülerdemonstrationen und vom Beat-Club, im Sportteil las ich über die 1. Herrenmannschaft des ATSV Bremen 1860 und die erste Deutsche Meisterschaft von Werder Bremen. Und auf der Titelseite tobte der Vietnam-Krieg.

„Es ist schön festzustellen, dass die Kompetenz der LeserInnen gefragt ist.“
Kora Gouré Bi per E-Mail

Jeder ist mit einer Zeitung groß geworden, sie ist Teil seiner Biografie. Dieser Satz stimmt nicht mehr, viele, die heute groß werden, wachsen ohne Zeitung auf. Und bei vielen, die mit einer Zeitung groß geworden sind, verschwindet die Zeitung für immer aus ihrem Leben. Warum?

Wie schlimm ist es?

Wie schlimm ist es

(Quelle: IVW)

Mehr als 50 Zeitungen eingestellt in den vergangenen 20 Jahren, sechs Millionen weniger Auflage im Vergleich zu 2003, 1,3 Milliarden Euro weniger Werbeerlöse seit 2006 – das sind die Zahlen der Zeitungskrise.

Die Gründe: Zeitungen, die ihre Leser langweilen und ihnen zu teuer sind. Verleger, die Redaktionen zusammenschrumpfen, um ihre Rendite trotz sinkender Erlöse zu halten. Verleger, die zu spät und zu halbherzig auf die Digitalisierung reagiert haben. Blogger und soziale Medien, die im Netz bessere Alternativen zu den alten Medien bieten. Das sind die Ursachen für die Zeitungskrise, wenn man die Leserkommentare ernst nimmt.

„Weg von dieser verbeamteten Worthülsenstanzerei. Den ewig gleichen Phrasen und Wendungen, die keiner mehr ertragen kann.“
waldlergeist auf Spiegel Online

„Mir macht diese Entwicklung große Angst“, schreibt ohnebenutzername, „keiner ist mehr bereit für Qualitätsjournalismus zu zahlen.“ Um Tageszeitungen lesen zu können, „benötigt man Zeit und Geld, immer weniger Arbeitnehmer haben dies“ (naklar?).

Sich online besser informieren zu können gilt für immer mehr Leser als selbstverständlich. „Online habe ich die Möglichkeit, jeden Artikel, der mir suspekt vorkommt, in die Suche zu schmeißen“ (Galik). „Seit Jahren suche ich die lokalen (und überregionalen) Inhalte, die mich interessieren, in Blogs, über socialmedia und andere digitalen Medien zusammen“ (Gudrun Lahm).

Die Antwort der Verleger auf die Herausforderungen des Internets befriedigen Online-Leser nicht. „Die meisten Tageszeitungen, die auf digital umgesattelt sind, haben den Leser einfach vergessen und das Papierformat eins zu eins übernommen, der moderne Weg wäre, eine Onlinequelle, zu erschaffen, die sich dem Leseverhalten des Users anpasst.“ (spon-facebock-jerrykess). Und der Fehler vieler Tageszeitungen, die gesamten Inhalte der Printausgabe kostenlos auf die Website zu stellen, verstehen viele Leser noch weniger, obwohl sie gern davon profitieren. Die sinkenden Erlöse durch immer neue Sparrunden in den Redaktionen auszugleichen, habe die Qualität vieler Zeitungen deutlich reduziert. „Die Verleger schmeißen in kurzsichtigem Profitdenken Redakteure raus und wandeln Lokalredaktion in Profit-Center“ (FerrisBueller2).

„Am liebsten lese ich inzwischen die Nachrichten auf dem Online-Portal meiner Bank.“
Enzian auf Spiegel Online

Lokal und regional informiert zu werden, finden die einen sehr wichtig, aber so, wie es passiert, ist es den anderen zu provinziell: „Beiträge, die ich so fast auch aus dem amtlichen Mitteilungsblatt der Gemeinde kenne“ (Wunderläufer). „… sind die Verbandelungen zwischen Wirtschaft, Politik und Presse so tief gewachsen, dass die Zeitung auch kaum noch in der Lage sein wird, unabhängig zu berichten“ (franks meinung).

Auflage deutscher Tageszeitunge

„Die Tageszeitung“ ist nicht in der Krise, nicht alle trifft es gleich: Die kleine Regionalzeitung hat noch ein Informationsmonopol; die überregionale Zeitung hat den Einordnungsvorsprung; die Lokalzeitungen in den großen und mittelgroßen Städten leiden am stärksten unter der digitalen Konkurrenz.

Sie sind, wie es der Schweizer Journalist Constantin Seibt in seinem Debattenbeitrag geschrieben hat „riesige Routinemaschinen“, und „sie tun nichts dafür, dass ich sie mögen muss“ (Silke Burmester), sie wirken im 21. Jahrhundert wie „fremdartige Text- und Themenbündel“ (Mario Sixtus) für „imaginäre Durchschnittsleser“ (Thomas Knüwer).

„Leider scheint es auf diesem Planeten keinen Geschäftszweig zu geben, der beratungsresistenter ist als Verlage.“
Uli Stühlen per Email

Der „SZ“-Journalist Dirk von Gehlen hält den Zeitungskritikern in seinem Blog entgegen: Eine Tageszeitung ist mehr als das Papier, auf dem sie gedruckt ist; am Beispiel des „Guardian“ und seiner Rolle in der NSA-Affäre werde deutlich, dass die Redaktion einer Tageszeitung durch Geld, Kompetenz und Haltung so etwas wie ein „Ort der Freiheit“ und der Leser als Abonnent Unterstützer dieser Haltung sein könne.

Als Mittelpunkt einer Gemeinde, die an Informationen ebenso interessiert ist wie an Einordnung und Gemeinsinn, hat die Zeitung eine Zukunft, was nicht heißt, dass diese Zukunft aus Papier sein muss. Die neue Smartphone-App von SZ.de bietet einiges von dem, was eine digitale

Frisst Online Print?

Der Auflagenrückgang vieler Tageszeitungen setzte zwar schon ein, bevor die große Zeit des Internet begann, aber seit sich der kostenlose Journalismus im Netz breitgemacht hat, verschärft sich die Krise des Printjournalismus.

Da sind solche Stimmen: „Ich bin 23 Jahre alt und habe mir selten Zeitungen gekauft. Wozu auch? Gibt doch alles kostenlos im Internet“ (Lexx). „Im Tempowettbewerb mit dem Internet wird die Tageszeitung immer verlieren. Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, weshalb alle deutschen Tageszeitungen der Tagesaktualität hinterherhecheln“ (caroline-NL). „Die Papierzeitungen werden von zwei Seiten in die Zange genommen: den Kosten und der breiten Palette von Informationen im Netz“ (dieter.neef).

„Das Internet lässt dem Menschen einfach keine Zeit mehr zum Lesen von Papier. Die Freizeit ist schon aufgebraucht.“
Arzgebircher auf Spiegel Online

Besonders schädlich für Print, so meinen viele Leser, sind die Websites der Printmedien. Ursprünglich gedacht als Marketing für die Zeitung, als Lockmittel um Gedrucktes zu kaufen, entfalten sie eine zerstörerische Kraft: „Die Printmedien leiden unter dem schlechten Ruf ihrer Internetcousinen; der Kunde hat die Wahl zwischen minderwertig und kostenlos oder gut und teuer.“ (peter_30201). Für die Blogger, die sich an der Zeitungsdebatte beteiligten, sind Zeitungen dem Tode geweiht, weil sie nicht nur ökonomisch dem Netz unterlegen sind, sondern auch journalistisch. Für die Printverteidiger sind Zeitungen, trotz des Erfolgs der Online-Medien, (fast) unsterblich, weil sie als Kulturgut aus deutschen Küchen, Wohnzimmern und Büros nicht wegzudenken sind.

Klickzahlen deutscher News-Seiten

Während der Zeitungsdebatte gelang allerdings hier und da das Aufweichen der Fronten, zum Beispiel im „Digitalen Quartett“. Das ist eine Internet-Talkshow, bei der Leute vor ihrem Computer sitzen und via Videochatprogramm Google Hangout debattieren, aus Seattle moderiert von der Bloggerin Ulrike Langer. Als sich das Quartett mit der Zeitungskrise beschäftigte, redeten drei Blogger mit zwei Tageszeitungsjournalisten und einem Mediajournalisten, als Diskussionsteilnehmer stand ich in meinem Urlaubsort in einer Kneipe – die einzige Möglichkeit, eine stabile Internetverbindung zu nutzen.

„Sind wir nicht alle irgendwie Journalisten?“
Holger Rösler auf Facebook

Schnell lösten sich die starren Fronten auf, weil die beiden Printleute das Netz genauso selbstverständlich nutzen wie die Blogger. Der eine, Markus Schwarze, ist in der Chefredaktion der „Rhein-Zeitung“ zuständig für digitale Inhalte, der andere, der Schweizer Constantin Seibt, schreibt im „Tagesanzeiger“ und in seinem Blog „Deadline“, dort über die Zukunft des Journalismus. Die „Rhein-Zeitung“ hat (seit 1995) als erste deutsche Tageszeitung einen Onlinedienst mit eigener Redaktion und seit 2001 eine E-Paper-Ausgabe.

Die „Rhein-Zeitung“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Print-Redaktion das Netz nutzt, um User einzubeziehen und Print-Inhalte digital zu verbreiten, allerdings mit denselben Beschränkungen, die allen deutschen ePaper-Ausgaben anhaften: Sie kleben noch zu sehr am Gedruckten, enttäuschende 340 000 Exemplare der täglichen ePaper-Ausgaben verkaufen alle Tageszeitungen zusammen (bei einer Print-Auflage von 20 Millionen).
Nach dem ersten Glas Rotwein habe ich während des „Digitalen Quartetts“ neue Eindrücke nach einer Woche Zeitungsdebatte zusammengefasst als Streit zwischen digitalen Stalinisten und analogen Maoisten. Das ist umso lächerlicher, weil es „Print“ eigentlich gar nicht mehr gibt: Das, was eine Print-Redaktion produziert, findet seine Leser heutzutage zu immer größeren Teilen online: als ePaper, auf der Online-Seite, im Smartphone, auf dem Tablet. Jeder Journalist muss das, was er an den Leser bringen will, online und offline denken und erzählen können. Und jede Redaktion sollte beginnen, wenn sie an die Zukunft ihrer Zeitung denkt, sich diese digital vorzustellen.

„Wenn das Druckmedium nicht aussterben soll, muss der qualifizierte Journalismus das Netz meiden.“
Lars Höppner per Email

Nur so kann sie an die Erlöse kommen, die sie braucht, um ihren Papierlesern auch zukünftig das Rascheln zu erhalten. Das gilt nicht nur für Zeitungen, das gilt für die gesamte Printbranche. Auflagenverluste beklagen Wochenblätter, Programmzeitschriften und Magazine, auch der SPIEGEL blieb davon nicht verschont, bei den Abonnenten verlor er weniger als im Kioskverkauf.

Seit Edward Snowden enthüllte, dass das Internet von Geheimdiensten großräumig überwacht und besonders die sozialen Medien ausgeforscht werden, hoffen Printgläubige zwar, das neue Misstrauen gegen das Netz könne die Flucht aus den Papiermedien verlangsamen, aber der Strukturwandel der Öffentlichkeit ist unumkehrbar.

Im Netz bezahlen – wenn ja: wie?

Die große Hoffnung der Verleger: Wenn wir für die bisher kostenlosen Websites unserer Zeitungen Geld nehmen, dann können wir den Auflagenrückgang bremsen und zusätzliche Erlöse erzielen. Und wenn wir dann noch die Zeitungen über Tablets und Smartphones an neue Käufer bringen, bekommen wir die Zeitungskrise in den Griff.

Wertet man die Lesermeinungen der Zeitungsdebatte aus, zeichnet sich eine deutliche Mehrheit dafür ab, zukünftig im Netz für Journalismus zu zahlen; mehr als bisher, muss man sagen, denn für ePaper wird ja schon gezahlt. Und bereits 46 von 332 deutschen Zeitungen nehmen auf ihren Websites Geld für bestimmte Artikel oder für alle Artikel. Es gibt natürlich die ablehnenden Stimmen. „Der Großteil der Leser will gar nicht zahlen.“ (KarlRad). „Ich denke nicht, dass ich für Nachrichten zahlen werde, solange ich diese auch an anderen Stellen konsumieren kann“ (balubaer). „Würde ich pro Tag z. B. 5 Euro für so eine Zeitung ausgeben?“ (Emmi)

„Führen Sie Micropayment ein! Meine Oma hat immer gesagt: Kleinvieh macht auch Mist.“
mii auf Spiegel Online

Wer schreibt, dass er zahlen will, hat genaue Vorstellungen davon, wofür und wie. Ja, ihr kriegt mein Geld, aber erstens nur dann, wenn die Qualität besser wird. „Eine valide Geschichte, die recherchiert, gegengeprüft, dessen Quellen validiert werden müssen und, und, und. So etwas kostet Geld“ (jan-bernd meyer). Zweitens sollen es auf den Leser zugeschnittene Informationen sein: „Ein Online-Service, der mir täglich „qualitätsverlesene“ aktuelle Meldungen und Beiträge zu meinen persönlichen Interessengebieten liefert“ (Ok-naja). Konrad Lischka brachte in seinem Debattenbeitrag das Beispiel von „Politico Pro“, die mit einer extrem detaillierten Berichterstattung über das politische Geschehen in Washington Geld verdienen.

Drittens zahlen wir, so die Leser, nur, wenn die Verlage schaffen, ein „Kombiabo“ zu etablieren: „20 Euro im Monat für alle gängigen Zeitungsseiten, ein login“ (lateralus). „Sämtliche Verlage sollen kooperieren, mit geballter Kraft eine Plattform wie iTunes lancieren“ (Sacha Ercolani). Alle gemeinsam und, viertens, ganz einfach: „Ich möchte online mit maximal zwei Klicks sicher bezahlen können“ (roland-jansen).

„Good journalism is expensive. Bad journalism isn‘t useful for anyone.“
@Burk68 auf Twitter

Die einen sind für Abo-Lösungen, die anderen, fünftens, für Micropayment, zahlen pro Artikel. Richard Gutjahr hat in seinem Debattenbeitrag beteuert, wie wichtig es nach Jahren der Gratiskultur wäre, wenn „der Leser behutsam, durch Kleinstbeträge, erlernt, welchen Gegenwert er durch das tägliche Querbeetlesen verkonsumiert.“ Spiegelator möchte sein Geld einzelnen, besonders guten Beiträgen einzelner Journalisten zukommen lassen. „Insofern finde ich die taz-Möglichkeit gut, für einen Artikel, den man als besonders wichtig empfindet, per unkomplizierter Abbuchung einen Wahlbetrag zu speichern“ (a.b. haddorp).

Vergleich Mediennutzung - Anteil am Werbemarkt

„Wie wär‘s mit einer Teilung der GEZ-Gebühren, 50:50, und schwupps hätten wir weniger Müll im Fernsehen, dafür bessere Konditionen für Journalisten.“ technikaffin auf Spiegel Online

Gegen das Micropayment spreche allerdings, so frognal, dass man den Text im Unterschied zu einem Song nicht kenne, bevor man ihn bezahlen soll: „Musik höre ich mir an, und wenn sie mir gefällt, kaufe ich sie.“

Vertriebserlöse im Netz sind auch deshalb für die Printmedien so wichtig, weil ihre Werbeerlöse schnell sinken. Die Werbeetats reagieren auf den Medienkonsum der Deutschen, sie wandern von den Printmedien zum Fernsehen und ins Netz, allerdings nur zum kleinen Teil auf die Websites der Printmedien – Google ist der große Profiteur.

Besser geht‘s nicht?

Durch die Zeitungsdebatte zieht sich der Disput zwischen Evolutionären und Revolutionären. Die Zeitung ist bald weg, sagen die einen, und das ist gut. Die Zeitung muss besser werden, sagen die anderen, dann wird sie noch lange leben.

Nicht über „SZ“, „FAZ“, „Welt“, „taz“ oder „Handelsblatt“ wird gestritten, sondern über Regional- und Lokalzeitungen. Lokaler sollen die Zeitungen werden, hintergründiger, kritischer und recherchierender, das ist so etwas wie die Mehrheitsmeinung unter den Zeitungsfreunden. „Wenn ich allein an die Fälle der letzten 6 Monate denke, in denen die Süddeutsche Zeitung Missstände aufgedeckt und kritisch berichtet hat, dann weiß ich: wir werden das auch künftig benötigen, und zwar dringend“ (vinophilus). Besonders aus dem „wenig prestige-prächtigen Bereich“ des Lokaljournalismus hätten sich Journalisten abgeseilt, findet oohpss. Meinungen sollten deutlich als Meinungen gekennzeichnet werden, „Nachrichten und Kommentar müssten strikt getrennt sein“ (StFreitag).

„Die App der Stuttgarter Zeitung. Die habens meiner Meinung nach geschafft.“
Baghervadi Amir auf Facebook

Die Rolle des Journalisten ändert sich durch die Zunahme des digitalen Nachrichtenangebots, „die Journalisten müssen uns, den Leser, helfen durchzublicken, sie müssen Moderatoren werden, Projektleiter des Projekts Verständnis“ (Amadeus Mannheim). Weil soziale Medien wie twitter und facebook immer mehr zur entscheidenden Drehscheibe der Öffentlichkeit werden, wird der Journalist wichtiger als Einordner. Der Job des Redakteurs werde durch das Netz „also demokratisiert, er muss vom Thron des Meinungsbildners herunter und wird zum intelligenten Vermittler“ (dieter.neef). Und er muss „den Leser als intelligenten und gebildeten Mitmenschen jenseits von Foren“ (vicbrother) einbeziehen.

Constantin Seibt hat in seinem Debattenbeitrag darauf hingewiesen, die Tageszeitung müsse „in ihrem Kerngeschäft ihre künftige Leserschaft organisieren, nicht durch Schmeichelei, sondern durch das, was sie kann: durch Neugier, Frechheit und harte Recherche.“

Der Markt der Tageszeitungen werde sich „noch stark bereinigen“, schreibt georg_doerner. „Survival of the fittest“ sei angesagt, das „sieht man derzeit in den USA“. Dort wollen inzwischen 450 der 1380 Zeitungen durch Bezahlmodelle auf Websites die Verluste der Tageszeitungen ausgleichen, aber nur zwei bis vier Prozent der User zahlen bisher für Online-Journalismus. Wer in die USA schaut, um in die News-Redakteure in den USA: Weniger als 1978 (Quelle: American Society of News Editors) News-Konsum über soziale Medien in den USA (Quelle: Pew Research Center) Zukunft zu blicken, schaut auf dramatisch wegkippende Kurven.

Journalisten der „FAZ“, „FAS“ und der „Zeit“ haben in Artikeln sehr ängstlich und polemisch auf die Zeitungsdebatte reagiert, als wolle ihnen jemand den Stuhl wegziehen und den Computer wegnehmen. Wenn Journalisten den Zeitungsjournalismus kritisieren, dann sei es so, als machten Autoverkäufer ihre Autos schlecht, so eines der Argumente. Autohersteller müssen nicht unbedingt kritische Artikel über Autos schreiben, aber reagiert die Automobilbranche mit Elektroautos, Car-Sharing etcetera nicht viel besser auf die Kritik an Autos als unsere Branche auf die Kritik an Zeitungen?

„Und eine Party für die Community, um Spaß zu … äh, die Leserbindung zu stärken.“
bettyboop2013 auf Spiegel Online

Wenn man eine Debatte lostritt, zudem noch über Journalismus, muss man einiges einstecken können. Bei einem Absatz eines Artikels in der FAS allerdings musste ich so laut lachen, dass meine Frau Kaffee verschüttete und den Artikel lesen wollte. In dem Absatz geht es darum, dass sich mein „Sanierungskonzept“ für Zeitungen lese wie eine interne Vorgabe der „Bild“-Chefredaktion. Der Autor meinte einen von elf Punkten: Print-Journalisten sollten vom Online-Journalismus lernen, „das Wort muss dem Foto, dem Video, der Grafik dort weichen, wo es unterlegen ist“. Die „Bild“-Keule macht sich immer gut, schlägt aber in diesem Fall vollkommen daneben. Gemeint habe ich damit, dass Neuerungen im Journalismus heutzutage vor allem online zu finden sind und dass es darauf ankommt, diesen Pioniergeist in Printredaktionen zu übertragen, was zum Beispiel bei der „Zeit“ (Wahlometer, Trikotwerbungsschaubild im Zeit-Magazin) und „SZ“ (Spezial zu NSU) schon passiert. Tour de France (auf „Zeit online“), Zugmonitor (auf SZ.de) und auch „Flut“ und „Solingen“ auf SPIEGEL ONLINE sind Beispiele dafür, wie in neuen Formen gedacht wird. Daran mangelt es im Print-Journalismus.

„Die richtigen Schlüsse hat das niederländische ,NRC Handelsblatt‘ gezogen: Alle Börsenkurse raus, den Umfang verkleinert, für jeden Tag ein Schwerpunktthema.“
caroline-NL auf Spiegel Online

Mich treibt bei der ganzen Debatte nicht der Wille, Tageszeitungen zu Grabe zu tragen, wie mir der Autor in der FAS unterstellt, sondern Lesern klarzumachen, dass da gerade etwas den Bach runtergeht, was sie vielleicht erst dann vermissen werden, wenn es nicht mehr da ist. Und Journalisten muss klar werden, dass sich die Tageszeitungen, dass sich alle Printmedien verändern müssen, wenn sie die Leserflucht stoppen wollen.

Sie stecken alle in der ePaper-Falle: Wir vertrauen darauf, unsere Printprodukte, so wie sie sind, in digitale Medien zu übertragen. Was wir brauchen, sind Konzepte dafür, unsere journalistischen Inhalte auf neue Art, in neuen Medien an den Leser zu bringen. Diese Suche will die Debatte anregen.

Früher war der Marktplatz der Marktplatz der Öffentlichkeit, dann die Zeitungen, dann das Fernsehen. Jetzt bestimmen zunehmend soziale Medien wie Facebook und Twitter, Aggregatoren wie Google und Youtube, welche Nachrichten ins öffentliche Bewusstsein dringen, was skandalisiert und debattiert wird. Die Lokalzeitung muss wieder zum Marktplatz einer Stadt werden.

Über tausend User haben ihre Gedanken aufgeschrieben und Vorschläge gemacht. Brauchen wir noch Tageszeitungen, und wenn ja, welche? Ja, wir brauchen Zeitungen, antworteten die meisten, aber die sollten anders sein als die, die wir heute kennen.

Für mich waren diese Wochen wie ein großes, vielstimmiges Gespräch. Wann kann ein Journalist schon so viele Experten, so viele Chefredakteure, so viele Blogger und vor allem so viele Leser einbeziehen in die Recherche und die Formulierung seiner Geschichte? Was habe ich gelernt?

Es gibt den Wunsch nach einer Zeitung, die ganz viele Dinge in sich vereint. Wenn es ein Auto wäre, dann wäre das „ein Modell mit 300 PS, das einen Liter Benzin verbraucht und zum Preis eines E-Bikes zu haben ist“ (ConstanzeM). Viele von den erwünschten Qualitäten sind schon realisierbar, andere noch nicht. Wir haben uns entschieden, keine utopische Zeitung zu entwerfen, sondern eine, die man schon heute realisieren kann. Sie wird hoffentlich – gerade von den Zeitungsredakteuren – nicht als Anmaßung verstanden sondern als Anregung, als der Versuch, Hunderte Leseranregungen zu einem Vorschlag zusammenzuführen.

„Die Zeitung von morgen sollte öfter den Lesern das Mikrofon ins Gesicht halten.“
Paul Kummetz per Email

Vier Millionen Deutsche lesen eine überregionale Abo-Zeitung, 36 Millionen eine regionale Zeitung. Darum haben wir die Vorschläge in einer Lokalzeitung gebündelt, in einer Zeitung für die Stadt, denn in den mittleren und großen Städten verlieren Tageszeitungen am schnellsten ihre Leser.

Die Zeitung von morgen sollte, erstens, all das an journalistischer Qualität bieten, was im vorherigen Kapitel an Anforderungen formuliert wurde.
„Vermutlich konsumieren wir künftig Text- und Bildinhalte überwiegend über Smartphones“ (diskussionsteilnehmer111), darum entwickeln wir, zweitens, eine Zeitungs-App fürs Smartphone.

„Die User machen ihre eigenen Nachrichten.“
Sascha Blättermann per Email

Wir wollen, drittens, „den seriösen und kompetenten Journalismus ins Twitter-, Facebook-, Blogger-, Online-Zeitalter“ (haeff-m) transformieren, „dabei darf jedoch nicht einfach ein Printprodukt digitalisiert werden“ (sboldt95).

„Geht weg davon, dass ihr zuerst die Zeitung entwickelt“, ruft uns dennis.sommer zu, darum haben wir, viertens, das Ressortdenken der Zeitung (Politik, Wirtschaft, Kultur etc.) abgeschafft, das bisher dazu führte, Ressortseiten zu füllen, auch wenn eigentlich nichts zu melden war.

Man müsse User „in die Produktion der Zeitung mit einbinden, Leserbriefe reichen nicht“ (herbert.kienker), darum haben wir das, fünftens, gemacht.
Jeff Jarvis hat in seinem Debattenbeitrag den Grundgedanken einer neuen Zeitung definiert: „Ich denke, unser neuer Wert wird sich ergeben, indem wir zu Menschen als Individuen eine Beziehung aufbauen – nicht mehr als eine Masse.“

„Interaktivität, Interaktion und Individualität scheinen mir die Stichworte für die Zukunft zu sein“ (marwin42), finden wir auch und geben, sechstens, dem User die Möglichkeit, seine Zeitung nach seinen Interessen mitzugestalten.

„2020 wird es nur noch eine einzige Zeitung geben, angepasst an die immer dümmer werdende Bevölkerung, eine Art ,Leselektüre für den deutschen Bildungsstand“
espressoli auf Spiegel Online

„Kurioserweise finde ich oft in den Forenbeiträgen mehr Hintergrundinformation als in den Artikeln“ (qoderrat), darum können, siebtens, User jeden Artikel zum Chat mit dem Redakteur und anderen Usern nutzen. Und sie können Themen setzen, denen Redakteure nachgehen, wenn sich genügend Gleichgesinnte finden.

„Der User von morgen erwartet eine auf ihn zugeschnittene Tageszeitung“ (lars-breuer), deshalb sind Themen und Artikel, achtens, nach seinen Interessen ausgewählt und gewichtet.

Bloß keine personalisierte Artikelauswahl, schreiben andere User, ich will mich überraschen lassen durch das, was mich nicht interessiert, deshalb kann man, neuntens, diesen personalisierten Algorithmus auch unterdrücken.

„Auf meinem iPhone habe ich verschiedene Apps geladen, die mir eine Nachrichtenzusammenstellung brachten“, schreibt schlueter.hh, „so nach dem Motto: Stell dir selbst die Themen zusammen, die dich interessieren.“ Er habe diese Apps alle wieder gelöscht, es sei ihm zu anstrengend gewesen „aus dieser Fülle eine Synthese herzustellen, diese gedankliche Arbeit nimmt mir eine Profi-Redaktion ab, dafür brauche ich eine Zeitung.“ Genau deshalb glauben wir, zehntens, an eine Mischung aus Profi- und Leserauswahl.

„Mutig wäre die Tageszeitung, die den überregionalen Anteil eindampft und den Lokalteil hochfährt“ (G.Weiter). „Ich sehe das wie die Jahresringe eines Baumes: mich interessiert zuerst meine Straße, mein Stadtbezirk…“ Einerseits. Andererseits finden User ihre Zeitung zu provinziell, wenn sie vor allem mit dem Naheliegenden ins Haus fällt. Wir haben, elftens, versucht, die richtige Balance zu finden.

„Den Markt für Lokalnachrichten wird es natürlich auch weiterhin geben“, schreibt Dubbel, „doch ich stelle mir ein, zwei Lokalblogger pro Stadtteil vor, die diesen bedienen.“ Die werden, zwölftens, nicht nur bezahlt, der Leser hat auch die Möglichkeit, in sein Meinungsressort überregionale Blogger zu packen – die werden nach Klicks bezahlt.

„Ich wünsche mir von Journalisten schon länger, dass sie Begleiter von Themen sind“ (Norbert Rost), „die kurzen, hysterischen Medien-Hypes, die ständig durch alle Medien gehen und danach nie wieder auftauchen, sind das Gegenteil.“ Darum kann der Leser, dreizehntens, entscheiden, ob ihm ein Thema so wichtig ist, dass er über den Fortgang kontinuierlich informiert werden möchte.

Die Tageszeitung müsse all die lokalen Serviceinformationen, die im Netz herumgeistern und „die ich vor Ort in ganz bestimmten Situationen brauche“, verfügbar machen, schreibt Ulrike Langer in ihrem Blog. Finden wir, vierzehntens, auch, haben wir gemacht.

„Es wäre schön, wenn die Artikel wahlweise zum Lesen oder zum Anhören bereitgestellt würden“ (cristoph.lenzen), gute Idee, fünfzehntens, wird gemacht.

Eine digitale Tageszeitung habe, sechzehntens, den Vorteil, schreibt johannesmapro, dass „der Nachrichten- und Meldungsteil mehrmals täglich angepasst wird.“

Stimmt.

Wenn man all diese Leser ernst nimmt, dann ergibt sich daraus das

Konzept für eine Tageszeitung.

Hier ist es.

1000 Vorschläge, ein Konzept

Eine App auf dem Smartphone. Eine digitale Abendzeitung für die Stadt. Die den Menschen, wenn sie von der Arbeit nach Hause kommen, Orientierung gibt über die Nachrichten des Tages. Die eine Navigationshilfe für den Abend ist und ein Ausblick auf den nächsten Tag. Die wieder das werden soll, was die Lokalzeitung früher war: der Marktplatz einer Stadt

App: Der Abend

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Die Zeitung hat sechs Rubriken: Nachrichten, Stories, Meinung, Unterhaltung, Leser, Service

„Nachrichten“ unterteilt sich in „Top News“, “Lokal“, „Deutschland“, „Welt“, „Sport“. Zusätzlich wählbar „Politik“, „Wirtschaft“, „Kultur“ etc. Die Übersicht bietet drei Schlagzeilen für „Top News“, per Swipe können andere Nachrichten erreichet werden. Außerdem verlinkt ist eine Zusammenfassung des Tages im Video.

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„Stories“ bietet dem Leser Reports, Portraits und Reportagen. Der Müllskandal, das Portrait des Bundestagskandidaten oder hier: Reportage über Roma, die nach Berlin kommen.

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„Stories“ bietet dem Leser Reports, Portraits und Reportagen. Der Müllskandal, das Portrait des Bundestagskandidaten oder hier: Reportage über Roma, die nach Berlin kommen. Die Übersicht für „Stories“ zeigt drei Headlines, durch Swipen erreicht man zehn weitere Stories.

„Nachrichten“ und „Leser“ aktualisieren sich kontinuierlich, „Stories“ und „Meinung“ zweimal am Tag: abends um 17:00 Uhr, morgens um 7:00 Uhr. „Service“ und „Unterhaltung“ einmal am Tag 17:00 Uhr.

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Die Funktionen, auf jeder Seite aufrufbar:

  • Teilen
  • Thema im Netz suchen
  • Kommentieren
  • Thema verfolgen (Updates abonnieren)
  • Vorlesen lassen

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Die Funktionen, auf jeder Seite aufrufbar:

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  • Thema verfolgen (Updates abonnieren)
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„Meinung“ versammelt Kommentare, Essays, Interviews, externe Blogs. Hier mischen sich Meinungsbeiträge aus der Redaktion mit der Möglichkeit, lokale und andere Blogs zu lesen, der Leser stellt sich sein individuelles Meinungsspektrum zusammen. Je nach Klickzahlen werden die Blogger an Erlösen beteiligt.

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„Meinung“ versammelt Kommentare, Essays, Interviews, externe Blogs. Hier mischen sich Meinungsbeiträge aus der Redaktion mit der Möglichkeit, lokale und andere Blogs zu lesen, der Leser stellt sich sein individuelles Meinungsspektrum zusammen. Je nach Klickzahlen werden die Blogger an Erlösen beteiligt.

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„Unterhaltung“ bietet dem Leser einen Überblick über alles, was für ihn am Abend wichtig ist: TV (mit Empfehlungen), Kino ( mit Trailern), Theater ( mit Rezensionen und Bilderstrecke), Konzert (mit Hörprobe und Verlinkung zum Ticketkauf), Bücher (mit Kurzkritik), Comics, Sudoku, Kreuzworträtsel , Spiele

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„Unterhaltung“ bietet dem Leser einen Überblick über alles, was für ihn am Abend wichtig ist: TV (mit Empfehlungen), Kino ( mit Trailern), Theater ( mit Rezensionen und Bilderstrecke), Konzert (mit Hörprobe und Verlinkung zum Ticketkauf), Bücher (mit Kurzkritik), Comics, Sudoku, Kreuzworträtsel , Spiele

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Die Servicefunktionen in diesem Teil:

  • Datum + Location
  • Ticket kaufen
  • Zum Kalender hinzufügen
  • Tonprobe anhören
  • Zusatzfunktionen (Teilen etc.)

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Die Servicefunktionen in diesem Teil:

  • Datum + Location
  • Ticket kaufen
  • Zum Kalender hinzufügen
  • Tonprobe anhören
  • Zusatzfunktionen (Teilen etc.)

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„Leser“: Hier soll sich der Dialog entwickeln zwischen der Redaktion und den Lesern, hier fließen Beiträge von Lesern ein. Leser schlagen Themen vor, benennen Missstände, die von Redakteuren weiter verfolgt werden.

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„Leser“: Hier soll sich der Dialog entwickeln zwischen der Redaktion und den Lesern, hier fließen Beiträge von Lesern ein, hier chatten, twittern, posten, bloggen sie im Dialog mit Redakteure. Leser schlagen Themen vor, benennen Missstände, die von Redakteuren weiter verfolgt werden. Zwei feste Rubriken: Familiengeschichten – Geburt, Hochzeit, Reisen,Tod, erzählt von Lesern, aufgeschrieben von Redakteuren. Mein Verein – kommentierte Bilderstrecken.

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Der Nutzer kann auswählen, welche seiner Kontakte er hier verfolgen möchte (ihr Einverständnis vorausgesetzt). Dabei kann auf das Adressbuch des Nutzers als auch auf Social Networks zugegriffen werden.

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Der Nutzer kann auswählen, welche seiner Kontakte er hier verfolgen möchte (ihr Einverständnis vorausgesetzt). Dabei kann auf das Adressbuch des Nutzers als auch auf Social Networks zugegriffen werden.

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„Service“ bedient den Leser mit allen Informationen, die das Leben in der Stadt erleichtern (Restaurants mit Bewertungen, Läden mit Preisvergleich, Verbraucherschutz, Handwerker mit Bewertungen, lokaler Wohnungsmarkt, alles für den Autofahrer (Tankstellen, Schlaglöcher, Blitzer)).

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„Service“ bedient den Leser mit allen Informationen, die das Leben in der Stadt erleichtern ( Restaurants mit Bewertungen, Läden mit Preisvergleich, Verbraucherschutz, Handwerker mit Bewertungen, lokaler Wohnungsmarkt, Hotels mit Bewertungen, Apotheken, Behörden, Krankenhäuser, alles für den Autofahrer (Tankstellen, Schlaglöcher, Blitzer), Mitfahrgelegenheiten, Fahrpläne, Babysitter-Service, Kontaktbörse

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Unter „Verkehr“ befindet sich ein kleines Tool, dass verschiedene Reisemöglichkeiten berechnet. Je nach Uhrzeit ist ein Ziel vorausgewählt. Der Nutzer kann anpassen oder aus dem Adressbuch übernehmen, wohin er möchte. Die aktuelle Uhrzeit ist vorausgewählt / kann angepasst werden. Anschließend kann der User per Tap die Optionen vergleichen.

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Unter „Verkehr“ befindet sich ein kleines Tool, dass verschiedene Reisemöglichkeiten berechnet. Je nach Uhrzeit ist ein Ziel vorausgewählt. Der Nutzer kann anpassen oder aus dem Adressbuch übernehmen, wohin er möchte. Die aktuelle Uhrzeit ist vorausgewählt / kann angepasst werden. Anschließend kann der User per Tap die Optionen vergleichen.

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Jeder Abonnent wird Mitglied im „Abend-Club“. In Kooperation mit einer Sparkasse / Bank verwandelt sich die App beim Bezahlen in eine Kreditkarte und bietet Preisnachlass sowie besonderen Service in Restaurants, Sportstudios, Läden etc. Die Partnerfirmen erhalten Preisnachlass bei Werbung im „Abend“. Bezahlt wird ganz einfach per Tap.

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Jeder Abonnent wird Mitglied im „Abend-Club“. In Kooperation mit einer Sparkasse / Bank verwandelt sich die App beim Bezahlen in eine Kreditkarte und bietet Preisnachlass sowie besonderen Service in Restaurants, Sportstudios, Läden etc. Die Partnerfirmen erhalten Preisnachlass bei Werbung im „Abend“, eine örtliche Werbeagentur unterstützt die Firmen bei der Entwicklung digitaler Werbeformen.

Beispiel Zoobesuch: Sobald der Nutzer in der Nähe eines Counters ist, erscheint automatisch ein Popup mit dem Club-Rabatt. Bezahlt wird ganz einfach per Tap.

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Die App ist personalisierbar.
Relevante Einstellungen, die bereits im Gerät hinterlegt sind, können von der App genutzt werden. Die Initialisierung läuft automatisch ab und geht direkt über in den Startscreen der App.

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Die App ist personalisierbar.
Relevante Einstellungen, die bereits im Gerät hinterlegt sind, können von der App genutzt werden. Die Initialisierung läuft automatisch ab und geht direkt über in den Startscreen der App.

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Re-Branding für die Münchener Abendzeitung. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für die Münchener Abendzeitung. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für das Hamburger Abendblatt. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

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Re-Branding für das Hamburger Abendblatt. Es verändern sich Logo, Standort, (Lokalnachrichten) und Farben.

Was Chefredakteure, Blogger und Medienexperten über den „Abend“ denken

Res Strehle, Chefredakteur des Schweizer „Tages-Anzeiger“

Es gibt keine Krise der Zeitungen – es gibt nur das Festhalten an der gewohnten Einwegkommunikation, den Tunnelröhrenblick aufs Papier, Ideenlosigkeit und allenfalls zu kleine Märkte. Diesen vier Gefahren widersteht „Der Abend“ fulminant: Der neue Marktplatz für die Stadt lebt von der Auseinandersetzung, findet dort statt, wo sich die Leute nach der Arbeit bewegen, verwebt harte Nachricht mit weichen Autorengeschichten, Kluges (Meinung) mit Witzigem und Verspieltem (Unterhaltung). Wenn dazu noch die nützliche Information über das Nachtleben kommt, was will der abendliche Stadtgänger mehr? Dieses Modell lässt sich auf jeden grösseren urbanen Raum multiplizieren. Von solch innovativen Ideen lebt unsere Branche seit ihrer Gründung, damals gebunden an die hauseigene Druckerei und ans Anzeigegeschäft – heute ans mobile Taschengerät und eine Leserschaft. Womöglich wird sie für diesen Komfort und das Ernstnehmen Ihrer Wünsche sogar bezahlen.

Ich wünsche „Dem Abend“ viel Erfolg und lobe den Tag, an dem er erscheint.

Ulrich Machold, Leiter Strategische Produktentwicklung der Axel Springer AG

„Der Abend“ ist eine schöne Fingerübung – vor allem, weil er gleichzeitig zeigt, was handwerklich besser gemacht werden kann, und was konzeptionell weiter ungelöst ist.

Erst einmal ist er inhaltlich gelungen. Alles sieht gut aus. Das Layout ist klug, die Trennung zwischen Nachrichten und „Long Form“ ist konsequent, die Inhalte sinnvoll spezifisch fürs Mobile konzipiert (es wäre sicher nicht einfach, die diversen Content-Plätze mit relevanten Regio-Inhalten zu füllen, aber das kann eine gute Redaktion vielleicht leisten).

Problematischer ist der Rahmen: die Entscheidung fürs Regionale und die Monetarisierung über das Service-Angebot. Die alte Regionalzeitung, das stimmt, war ein Bündel von Journalismus, Immobilienanzeigen, Jobs und vielem Anderen. Aber das Bündel hat sich aufgelöst. Eigentlich alle Rubriken leben heute auf eigenen Seiten, und eigentlich passen sie da auch besser hin. Dass man in Zeiten von Immoscout, Yelp und Monster solche Dinge zurück zu den News führen, dass man gleichsam den alten „One-Stop-Shop“ wieder herstellen kann, ist eine optimistische Annahme.

Vielleicht muss man News und Journalismus radikal zu Ende denken, um dann ein Angebot zu bauen, das nur das will – und das sein Geld wert ist. Oder eben den Service-Gedanken wählen und ebenso radikal überlegen, was sich dort besser machen lässt. Vielleicht hat „Der Abend“ den richtigen Ansatz, aber das falsche Ziel.

Constantin Seibt, Journalist und Blogger („Deadline“)

Ich finde die Skizze für die Abend-App eine bestechend schlanke Lösung für ein paar hartnäckige Probleme: das Papier und die enormen Vertriebskosten, den leisen, aber penetrante Geruch nach Altbackenheit fast aller Lokalzeitungen und den schwerfälligen Zwang zur Vollständigkeit. Chapeau, das Konzept hat Klasse. Wie auch das Anreissen der 2020-Debatte Klasse hatte – obwohl massenweise geschimpft wurde. Es zeigt Haltung, dass ein grosses Problem gross angegangen wurde. Das einzige, was in der Debatte fehlte, war die zweite Runde, also dass die einzelnen Leute nach dem Eröffnungszug miteinander reden – und ihre Thesen verteidigen müssen.

Ich glaube, die App wäre brauchbar: für den Abendausgang, die schnelle Information und zeitweise, um etwas Ärger in der Stadt zu machen. Was mir auch gefällt, dass das Unternehmen relativ klein begonnen werden kann und dann ausbaubar ist.
Natürlich fehlen noch ein paar Dinge: der Business-Plan etwa oder das publizistische Konzept.
Ausserdem, wie nach meinem Debatten-Beitrag auf Spiegel-Online nicht überraschend, würde ich dafür plädieren, redaktionsintern die Stadt nicht geographisch zu gliedern (ausser im Ausgeh-Teil), sondern nach Szenen: Und Korrespondenten in den verschieden Szenen aufzubauen: den Bankern, Werbern, Journalisten, Nachtclubs, Künstlern, etc. So dass es für alle Ehrgeizigen ein Karrierehindernis bedeuten würde, die App nicht zu halten.

Und noch etwas hielte ich für unverzichtbar: Satire. Die ist unter jüngeren Leuten eine der glaubwürdigsten Nachrichtenquellen. Und macht jedes Medium sexy: Sogar die „Welt“ ist das, so lang Zippert zappt. Klar, das Genre ist schwer zu machen, aber es gehört in jedes Nachrichtenprodukt.

Jedenfalls Dank und Respekt für den Mut, konstruktiv zu denken und sich gleichzeitig von Print- und Online-Aposteln (also so ziemlich allen) anpflaumen zu lassen.

Christiane Brandes-Visbeck, Beraterin für digitale Kommunikation

Die Logik der Anwendung ist bestechend, die Kurztexte prägnant – alles so, wie ich es von einem, der Menschen mit Texten begeistert, erwarte habe. Die Newspaper-App basiert auf sechzehn Thesen, die Schnibben aus den unzähligen Leser-Kommentaren herausgezogen hat: „Über 1000 Leser antworteten. Schimpften, lobten, argumentierten, pöbelten, schwärmten“, schreibt der Zeitungsretter in seinem Intro zu seinem modernen Zeitungsdings. Ach ja, auch ich geriet ins Schwärmen. Das Konzept wirkt schlüssig, der Kreator ist begeistert von seinem ungeborenen Baby und ich bin geblendet von der anwenderfreundlichen Lösung, die der Zeitschriftenmann den Zeitungsjungs präsentieren wird.

Sie heißt „Berliner/Hamburger/ Kölner/hmhmhm Abendzeitung“. Sie erscheint folglich am Abend, sozusagen als Roundup für den Tag, als Infoqulle für den interessierten Smartphone-User. Dieser erwartet, das sagen alle Leser, journalistische Qualität. Diese setzt natürlich auch der Spiegel- Redakteur voraus. Den zeitgemäßen Gedanken folgend, gliedert er die Nachrichten nicht nach Ressorts, sondern nach Relevanz. Wer will, kann seine eigenen Themenkanäle personalisieren, man muss das aber nicht. Leser gelten in der Welt der Zeitung von morgen als Sparringspartner. Sie mutieren vom lästigen Leserbriefeschreiber zu gern gesehene Informanden, die eigenen Content liefern, aber auch journalistische Beiträge mittels ihrer Expertise, ihres Weltwissens und exklusiver Hintergrundinformationen mitgestalten. Das Inhaltespektrum balanciert zwischen überregional und lokal, zwischen nachrichtlich und gebloggt. Und das, was die User richtig spannend finden, das wird von den Machern als journalistische Kampagne weiterverfolgt. Wow.

Überhaupt wird hier Service groß geschrieben. Nutzwert ist für Journalisten morgen kein Schimpfwort mehr. Mehrwert ist relevant, gehört dazu. Ebenso die Inhalte als Podcast zum Abhören bereit zu stellen.

Joachim Dreykluft, Online-Chefredakteur beim Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag

Die Debatte 2020, die hier auf Spon losgetreten wurde, ist gut und richtig. Die ganze Branche hat ein Thema. Alle reden darüber und haben eine Meinung. Interessant ist für mich die emotionale Volatilität, die die Diskussion aufzeigt. Vor nicht einmal einem Jahr herrschte vielerorts noch demonstrative Gelassenheit. “Lassen Sie mich zunächst festhalten: Wir werden noch viele Jahre mit gedruckten Produkten viel Geld verdienen”, hörte ich einen hochrangigen Verlagsmanager sagen auf die Frage, wie denn die digitale Strategie des Hauses aussehe. Inzwischen haben viele Schnappatmung.

Gut ist auch, dass Spiegel und Spon die Debatte nicht im Ungefähren enden lassen, sondern mit einem konkreten Vorschlag in Form einer Regionalzeitungs-App. Auf die durfte ich vor einigen Tagen einen Blick werfen. Wohlgemerkt einen Blick, deshalb folgt jetzt auch keine Detailanalyse, sondern eine grundsätzliche Einschätzung.
Der Vorschlag erfindet den Journalismus nicht neu, ist aber gut und hat Substanz. Ich würde so ein Produkt auch für Geld zumindest ausprobieren.

Richtig ist, dass die App den Spagat wagt zwischen Aktualität bei Nachrichten und Gelassenheit bei Geschichten und Analysen. Gut ist, dass sie versucht, die zeitliche Abgeschlossenheit einer Zeitung aufzugreifen, indem sie einen Erscheinungszeitpunkt hat. Zwar mag man einwenden, dass es in der digitalen Welt unlogisch ist, einen Artikel zurückzuhalten, obwohl er fertig geschrieben ist. Aber: jedes gute journalistische Produkt braucht eine Dramaturgie. Ein Produkt, das einen Verkaufserlös erzielen will, ist mehr als eine Ansammlung von Artikeln.

Einige Teile der App werden in der Praxis äußerst schwierig umzusetzen sein. Damit meine ich ausdrücklich nicht die Tatsache, dass die Redakteure gezwungen sein werden, mit ihren Lesern in einen ehrlichen Dialog zu treten. Ich habe beobachtet, wie Kollegen, die ich vor einigen Jahren als unheilbar Print bezeichnet hätte, heute ganz wild auf Leserkontakte sind, sich die Finger wundtwittern und Blogs betreiben mit lebendigen Rückkanälen. Kommunikation mit den eigenen Lesern kann süchtig machen.

Bei meinem Arbeitgeber, dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag sh:z, betreiben wir zehn journalistische Angebote auf Facebook, die pro Woche rund 100.000 Kontakte erzielen. Es funktioniert so gut, weil es sowohl in der Zentrale in Flensburg als auch in fast jeder Lokalredaktion Journalisten gibt, die Bock darauf haben.

Zwei Dinge machen mir bei der vorgeschlagenen App Sorgen. Ein technisches und ein redaktionelles. Zunächst zum technischen. Es schreibt sich leicht in ein Konzept und ist auch vollkommen logisch, dass die App einer regionalen Tageszeitung den üblichen Service bietet, vom Fernsehprogramm über das Kino, den Apotheken-Notplan bis zur Verkehrslage. Diese Informationen entstehen nicht in der Redaktion selbst, sondern müssen von externen Partnern zugeliefert werden. Und das ist ein Problem.
Denn Deutschland ist nicht maschinenlesbar. Öffentlich notwendige Informationen, gerade auch wenn sie aus öffentlichen Quellen stammen, sind in aller Regel nicht so verfügbar, dass man sie hinten an die App klemmt und sie vorne ausgespielt werden. Verschiedene Datenformate, Konvertierungsprobleme, mangelnde Verfügbarkeit und auch der Drang mancher, Banales wie Buspläne nicht herausrücken zu wollen, weil man sie ja „exklusiv“ selbst verbreiten wolle, machen den Serviceteil der App äußerst anspruchsvoll.
Die pragmatischste Lösung lautet meist: optomanuelle Schnittstelle, vulgo Abtippen, Daran wird sich aber finanziell und organisatorisch selbst eine größere Regionalzeitung auf Dauer die Zähne ausbeißen. Problematisch wird nach meiner Erfahrung auch, dass die App eine Abendzeitung sein soll – ein völlig richtiger Ansatz. Eine Abendzeitung aber ist ein Produkt, das Printjournalisten, die Morgenzeitung gewohnt sind, vor Schwierigkeiten stellt. Denn sie bedeutet einen frühen Redaktionsschluss. Ich habe Zeitungsjournalisten um wenige Dinge so leidenschaftlich kämpfen sehen wie um einen späten Redaktionsschluss. Die Macher eines unaktuellen Mediums kämpfen um Aktualität. Absurd. Das Ergebnis des Champions-League-Spiels, das am nächsten Morgen ohnehin jeder kennt, muss unbedingt in die Zeitung.

Ich ernte regelmäßig ungläubiges Staunen bei Kollegen im sh:z, dass ausgerechnet ich, der Onliner, dafür wirbt, das Rattenrennen um Aktualität nicht mitzumachen und stattdessen entspannt und lieber hintergründig zu berichten.

Bei meinem früheren Arbeitgeber, der FTD, hatten wir auf der Website FTD.de die größten Erfolge mit ausgeruhten und langen Stücken, die die Welt erklärten, während sich nebenan die Printkollegen beeilten, weil sie wenigstens die aktuelle Zahl noch abends in die Zeitung bringen wollten, wenn schon eine Analyse wegen des nahenden Redaktionsschlusses nicht mehr möglich war. Ein Redaktionsschluss gegen 17 Uhr, wie diese App ihn wohl erfordert, wird nur sehr schwer in die Köpfe von Tageszeitungsredakteuren zu bringen sein.

Eines fehlt mir am Vorschlag: ein Vertriebs- und Vermarktungskonzept. Es erscheint mir ganz wesentlich, dass wir uns nicht nur Gedanken darüber machen, wie unsere Produkte der Zukunft aussehen, sondern auch, wie wir sie verkaufen wollen.
Mit der iPad-App des sh:z sind wir Deutschlands erfolgreichster Regionalverlag mit digitalen Bezahlinhalten. Die besteht im wesentlichen aus einem leicht zu bedienende ePaper – und einem Vertriebskonzept mit einer Preisstruktur, die jeder auf Anhieb verseht (mehr dazu; http://www.shz.de/abo-service/digital/flensburger-tageblatt).

Digitale Produkte müssen mit klarer Botschaft in den Markt gebracht werden. Je simpler und selbstbewusster, desto besser. Das hat die Zeitungsbranche allerdings fast überall verlernt. Stattdessen versucht sie, auch ohne Konkurrenz aus dem Internet, Schnäppchen zu suggerieren, und verwässert damit die Wertigkeit ihrer Produkte. Es ist in Deutschland kaum möglich, eine Zeitung zu abonnieren, ohne ein “Geschenk” zu bekommen. Ich musste mich jüngst zwischen einem Stift und einer Uhr entscheiden, obwohl ich doch nur eine Zeitung wollte. Als ich nichts ankreuzte, kam trotzdem ein Stift.
Diesen Quatsch sollten wir bei digitalen Bezahlprodukten von vornherein lassen. Wenn wir der Meinung sind, dass sie etwas wert sind, sollten wir auch den Mut haben, sie erhobenen Hauptes zu verkaufen. Welcher Stifthersteller würde eine Zeitung als Geschenk oben drauf geben?

Thomas Koch, Mediaexperte, Unternehmensberater, Kolumnist für die „Wirtschaftswoche“ und „Werben und Verkaufen“

Ich habe die Zeitung der Zukunft gesehen. Sie heißt „Der Abend“.

Ich lese sehr gern Zeitung. Weil sie mich jeden Tag aufs Neue inspiriert und überrascht. Mit immer neuen Themen und Anregungen, mit denen ich nicht rechnete. Nach denen ich nicht einmal gesucht hätte. Damit bereichert mich meine Freundin, die Zeitung, mehr als jedes andere Medium. „Der Abend“ gefällt mir, weil er voller Überraschungen steckt.

Ich lese gern Zeitung. Weil ich mich gern an Meinungen reibe. Ich habe mir eben nicht zu allem und täglich jedem neuen Thema schon eine feste Meinung gebildet. Ich bin stets offen für Diskussionen. Deshalb liebe ich die Kommentare. Meine Freundin, die Zeitung, hilft mir, mich zu orientieren. „Der Abend“ geht ein Stück weiter und bietet mir auch die Interaktion, die mir so wichtig geworden ist.

Ich lese Zeitung. Weil mich meine Umgebung interessiert. Ich will wissen, was zur 825-Jahresfeier unseres stolzen Ortes alles passiert. Ob es Neues über den Brand in der Druckerei gibt. Ob der örtliche Baudezernent wieder die Hand aufgehalten hat. Ich will am Geschehen hier teilnehmen. Wenn meine Freundin, die Zeitung, das schafft, ist sie ein Teil von mir – ein unverzichtbarer Teil meines lokalen Bewusstseins. Ob „Der Abend“ das besser kann, werden wir sehen. Schwer ist es nicht.

An dem Tag, an dem meine Zeitung das alles nicht mehr liefert, werde ich mein Abonnement kündigen. Problem ist: Sie liefert das schon lange nicht mehr. Weil sie alles aufkündigt, was mir wichtig ist. Sie überrascht mich viel zu selten. Sie enthält zu viele alte Nachrichten und zu wenig Meinung. Und sie bietet mir immer weniger Lokales. Das alles und noch viel mehr will mir „Der Abend“ liefern. Ich werde ihm eine Chance geben.

Was wir derzeit erleben, ist der Übergang von der Papier- zur Digital-Zeitung. Da knirscht es an allen Ecken und Enden. Ich weiß warum:
Print ist wie Ehe: Liebe, Bindung, Zuverlässigkeit. Internet ist wie ein Seitensprung: Impulsiv, leidenschaftlich, aber ohne Nachhaltigkeit. Am Ende jedoch zerstört der Seitensprung die Ehe …

Was denken Sie über die Zeitungsdebatte und das Zeitungsprojekt „DER ABEND“?

Hier geht es zum Debatten-Forum des Spiegel

Impressum

Entwicklung: Jens Kuppi, Jens Radü, Cordt Schnibben, Friederike Schröter
Grafik: Kristian Heuer, Cornelia Pfauter, Michael Walter
Animation: Roman Höfner, Lorenz Kiefer
Illustration: Michael Meißner, Carsten Raffel (USOTA)
Videoschnitt: Bernhard Riedmann
Programmierung: Stefan Wallraven, Hannes Lau (X1 Cross One)
App-Entwicklung: Swipe GmbH
 
 

Update: Bezahlschranke schreckt BILD-Leser nicht ab

Update: Wie sieht guter Lokaljournalismus aus?

Update: Verlegerpläne: Kein Wort von Journalismus

Update: Wie wir nach vorn denken sollten – acht Thesen von Stefan Plöchinger, CR der Süddeutsche.de

Update: Wie würden sich Zeitungen verändern, wenn die Leser mitreden könnten? Ein US-Experiment

Update: Machtkampf beim Spiegel ist vorbei – Büchner muss gehen

Shitstorm über Amazon: ARD berichtet zur Situation der Leiharbeiter

Ganz böse Reportage am Montag in der ARD zu den Arbeitsbedingungen für Leiharbeiter beim Versandhaus Amazon: Im Schwerpunkt in Bad Hersfeld waren die beiden Reporter Diana Löbl und Peter Onneken wochenlang unterwegs und fanden Zustände vor, die man in Deutschland so nie erwartet hätte. Schließlich wurden sogar sie selbst bedroht.

In Spitzenzeiten wie dem Weihnachtsgeschäft, beschäftigt Amazon Leiharbeiter, die über Zeitarbeitsfirmen engagiert werden. Darunter ist die arbeitslose spanische Kunstlehrerin Silvina, die sich als einzige detailliert äußert. In Spanien sei das Angebot von Amazon gefeiert worden,berichtet sie; sogar das Fernsehen habe darüber berichtet. In Deutschland angekommen, sei die Enttäuschung jedoch groß gewesen: Als erstes wurde der angekündigte Stundenlohn deutlich gekürzt.

Was dann kommt, erinnert an Sklavenhaltung: Die Zeitarbeitsfirma bringt die Mitarbeiter in Bungalows einer leerstehenden Ferienanlage unter, zahlt zwei kalte Mahlzeiten am Tag und behält die Kosten für beides vom Lohn ein. Die Mitarbeiter werden streng bewacht von einem Sicherheitsdienst, der problemfrei gewalttätig wird, sobald ihm etwas nicht passt. Das müssen die Reporter auch am eigenen Leib erfahren, als ihre Tarnung auffliegt, der Sicherheitsdienst in ihre Zimmer eindringt und die Herausgabe des Filmmaterials verlangt. Nur mit Hilfe der Polizei können sie unbeschadet das Gelände verlassen.

Der Gipfel des Ganzen: Einige Männer des Sicherheitspersonals tragen Kaputzenpullis der Marke Thor Steinar, die klar auf die rechtsradikale Szene verweisen. Die Reporter forschen auf Homepages und bei den Facebook-Freunden des Chefs des Sicherheitsunternehmens nach und finden auch hier klare Hinweise.

Die Reaktion im Netz kam prompt: Ein Shitstorm brach nach der Sendung über Amazon herein. Heute morgen sprangen eine große Zahl von Medien auf die Reportage an und fragten bei Amazon um eine Stellungnahme nach. Bild.de erhielt diese Antwort:

„Über 7700 festangestellte Mitarbeiter arbeiten in den deutschen Amazon-Logistikzentren, in der Weihnachtssaison stellen wir zusätzliche Amazon-Mitarbeiter saisonal befristet ein. Diese Mitarbeiter unterstützen uns, um die erhöhte Anzahl an Kundenbestellungen in Spitzenzeiten zu bewältigen. Gleichzeitig haben wir dadurch die Möglichkeit, potenzielle neue langfristige Mitarbeiter kennenzulernen und gemäß unserem zukünftigen Wachstum einzustellen. In absoluten Spitzenzeiten arbeiten wir darüber hinaus mit Zeitarbeitsfirmen zusammen.

Alle Mitarbeiter, die länger als ein Jahr in den Amazon-Logistikzentren in Deutschland arbeiten, verdienen über 10 € brutto pro Stunde; im ersten Jahr über 9,30 € brutto. Die in dem Beitrag erwähnten Mitarbeiter aus Spanien, die über eine Zeitarbeitsfirma im Logistikzentrum Bad Hersfeld beschäftigt wurden, verdienten bei einer 37,5 Stundenwoche 1.400 € brutto im Monat, in der Nachtschicht bei 32,5 Wochenstunden 1.500 Euro im Monat. Diese Beträge wurden per Vertrag auch dann bezahlt, wenn nicht die volle vertragliche Stundenzahl angefordert wurde.

Sicherheit hat oberste Priorität in unseren Logistikzentren. Wir nehmen die Sicherheit und das Wohlergehen unserer Mitarbeiter sehr ernst und überprüfen externe Dienstleister, die die Unterbringung von Saisonkräften aus anderen Regionen verantworten, regelmäßig. Wichtig ist uns hier auch die Rückmeldung unserer Mitarbeiter: Wann immer Mitarbeiter Verbesserungen im Rahmen der Arbeitsbedingungen oder der Unterbringung vorschlagen, prüfen wir dies umgehend.

Amazon duldet keinerlei Diskriminierung oder Einschüchterung. Auch wenn das Sicherheitsunternehmen nicht von Amazon beauftragt wurde, prüfen wir derzeit selbstverständlich den von den Redakteuren gemachten Vorwurf bezüglich des Verhaltens des Sicherheitspersonals und werden umgehend geeignete Maßnahmen einleiten.

Unser Ziel ist es, Bestellungen unserer Kunden jederzeit schnell und zuverlässig auszuliefern. Wir wissen: Das geht nur mit zufriedenen Mitarbeitern – unabhängig davon, ob sie langfristig beschäftigt, saisonal angestellt oder uns über eine Zeitarbeitsfirma unterstützen. Sie können sicher sein, dass wir jedem Vorfall in unseren Logistikzentren und im Umfeld, der uns von Mitarbeitern zur Kenntnis gebracht wird, nachgehen und bei Bedarf umgehend Verbesserungen einleiten.“

Neben viel Empörung gab es im Netz allerdings auch realistische Kommentare. Hier drei Beispiele aus twitter:

Mitch Unterberger ‏@frolueb
Ich bin SO WÜTEND auf amazon! Ich werde meine Gutscheine deswegen erst in 2 Wochen einlösen, wenn es keinen mehr juckt.
stef stuff ‏@stefstuffde
Regt Ihr Euch mal ruhig alle über #amazon auf, aber wenn ich den lokalen Einzelhandel bejubele, kommt immer so’n“ Woanders billjger“
Duesenberg ‏@Duesenberg_
Wie Amazon hat Dreck am Stecken? Geiz ist doch geil dacht ich. Nicht Amazon ist schuld, Amazon ist nur das Symptom, der Spiegel von uns.
arbeitslos...
Ja – so ist es – leider. Bei aller gerechtfertigten Empörung über die aufgezeigten Zustände muss man sich doch einige weiterführende Fragen stellen:

Warum ist Amazon so erfolgreich? Warum sind Discounter so erfolgreich? Warum ist Geiz geil?

Weil wir alle darauf getrimmt sind? Nein, das ist nur die halbe Antwort. Weil die Mehrheit der Menschen immer weniger Geld hat, für das sie sich aber immer mehr verausgaben muss – das trifft es schon eher.

Und warum haben alle immer weniger Geld?

Weil die Kosten immer weiter steigen.

Warum steigen die Kosten immer weiter?

Hier liegt der Hase im Pfeffer. Hier liegt auch ein Grund, aus dem ich diesen Blog unterhalte: Es gibt eine grundlegende Ungerechtigkeit, die global angelegt ist. Letztendlich lässt sie sich zurückführen auf das Geld- und Bankensystem. So lange es Banken gibt, die mit Krediten immer mehr „Wachstum“ schaffen – ein Wachstum, das auf Pump finanziert ist, wird sich die Lage nicht ändern. Die Zinsen schöpfen Geld aus dem Nichts – die Banken wachsen. Und die Menschen, die dieses Wachstum mit ihrer Arbeit bezahlen müssen, wachsen auch – in eine moderne Sklaverei hinein.

Im Kleinen kann man das messen an der zunehmenden Zahl überschuldeter Haushalte – im Großen an den überschuldeten Staatshaushalten.

Da ist es ein geringer Trost, dass auch Banken bankrott gehen können – dann nämlich, wenn wache Investoren Entwicklungen schneller voraussehen als sie selber und die Gewinne abschöpfen. Was geändert werden muss, um wirklich allen Menschen ein besseres Leben zu verschaffen, ist das weltweite Finanz-System.

Was kann nun der Einzelne tun, um daran etwas zu ändern?

Information ist das erste Gebot: Wie hängen die Dinge zusammen? Wer zieht wo welche Strippen? Was wird wo einfach zu groß und damit übermächtig?

Handeln ist die Folge: Setzen wir uns ein für kleinteilige Energieversorgung, für das Wasser als Menschenrecht, für das bedingungslose Grundeinkommen – für alles, was Menschen möglichst viel Selbstbestimmung erhält. Dass das auch mehr Selbst-Verantwortung bedeutet, ist allerdings der Preis dafür.

Siehe auch: Amazon ist angetreten, die Handelswelt das Fürchten zu lehren

Update: Offener Brief des noch jungen Schoer-Verlages zu den Amazon-Bedingungen für Verlage 

Update: Arbeitsministerium verlangt Aufklärung

Update: Amazon feuert Sicherheitsfirma und weitere Reaktionen

Update: Häufig unwürdige Bedingungen bei Zeitarbeitsfirmen

Update: Was bei der ARD-Dokumentation verschwiegen wurde

Update: Deutschland-Chef Kleber: Betriebsrat gut, aber keine Verhandlungen mit Ver.di

Update: Neue Vorwürfe aus Graben: „Menschen werden dressiert“

Update: Amazon steigert Gewinn

Update: Amazon bekam Millionen deutscher Fördergelder

Update: „Inside Amazon“ – ein Erfahrungsbericht

Update: Sieben Gründe warum Amazon so mächtig ist

Update: EU prüft Steuerpraxis von Amazon und anderen 

Urheberrecht: Nicht der Gedanke wird geschützt, nur seine konkrete Form

Ein Gastbeitrag von Konstantin Wegner. Rechtsanwalt und Justiziar des Börsenvereins des deutschen Buchhandels/Landesverband Bayern in der Süddeutschen Zeitung vom 4.4.2012

 

Das Urheberrecht behindert Freiheit und Kreativität? Das ist populistischer Unsinn. Gerade der rechtliche Schutz schafft Anreize für kreatives Wirken – und sichert, dass Künstler selbst entscheiden können, zu welchen Bedingungen sie ihre Werke veröffentlichen.

Das Urheberrecht steht in der Kritik: Es gebe zu viel Schutz, heißt es, der kreatives Schaffen und den Austausch kulturellen Wissens blockiere. Gefordert wird stattdessen ein freierer Zugang zu geschützten Werken. Erst die viel zitierte Wutrede des Sängers und Schriftstellers Sven Regener (Element of Crime, „Herr Lehmann“) hat einen Kontrapunkt gesetzt.

Im tiefen Mittelalter konnte sich der Herausgeber des Sachsenspiegels, Eike von Repgow, in Ermangelung jeglicher Rechte an seinem Werk nur mit einem Bücherfluch behelfen: Er wünschte Kopisten seiner Texte den Aussatz an den Hals. Eine seinerzeit gängige, aber wohl nicht in jedem Fall wirksame Methode.

Erst mit der Erfindung des Buchdrucks rückte im Lichte der Aufklärung der Wert immaterieller Leistungen in das Bewusstsein, etwa durch Johann Gottlieb Fichte, der in seiner Abhandlung „Beweis der Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks“ (1793) festhielt: „Wir können an einem Buche zweierlei unterscheiden: das körperliche desselben, das bedruckte Papier; und sein geistiges.“

Unser heutiges Urheberrecht basiert auf diesem Gedanken der Aufklärung: Das kreative Schaffen einer Person ist schützenswert. Gegenstand dieses Schutzes ist die „persönliche geistige Schöpfung“, womit bereits das gesetzliche Kernanliegen zum Ausdruck kommt: die Geistesleistung als schutzwürdiges Gut, die kreative „Schöpfungshöhe“ als Schutzvoraussetzung und die unauflösbare Verbindung des Urhebers mit seinem Werk, die ökonomische wie ideelle Interessen umfasst.

Nicht der Gedanke, die konkrete Form ist geschützt

Wenn mancher in der „Netzgemeinde“ die Gefahr der Monopolisierung von Fakten, Ideen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen durch das Urheberrecht beschwört, dann ist dies populistischer Unsinn. Das Urheberrecht schützt den Ausdruck, den die Gedanken des Urhebers gefunden haben, die konkrete Form eines Werkes – aber eben nicht den Gedanken selber, die Idee oder die dem Werk zugrundeliegenden Tatsachen.

Jeder darf eine Biographie auf Basis recherchierter Fakten, jeder einen Roman über den Niedergang einer Kaufmannsfamilie im Lübeck des 19. Jahrhunderts schreiben, aber eben nicht mit denselben Worten, die Thomas Mann dafür gefunden hat.

Natürlich versetzt das Urheberrecht den Inhaber in die Lage, allein zu bestimmen, ob, wann und wie sein Werk veröffentlicht und verwertet wird. Es hat aber zugleich die Interessen der Öffentlichkeit im Blick, sodass ein Urheber ungleich stärkere Eingriffe in seine Rechte hinnehmen muss als etwa ein Grundstückseigentümer in seinen Grund und Boden.

Die „Tatort“-Autoren weisen in ihrem offenen Brief vom 29. März mit Recht darauf hin, dass freier Zugang zu Kulturgütern nicht deren kostenfreie Verfügbarkeit bedeutet – wenn aber das Urheberrechtsgesetz das Zitieren von Werken, die Verbreitung von tagesaktuellen Nachrichten, von Werken im Schulunterricht und an Universitäten, deren nichtkommerzielle öffentliche Wiedergabe, die Privatkopie und vieles mehr erlaubt, dann ist das für den Nutzer nicht nur frei, sondern sogar kostenfrei.

Warum ist das Urheberrecht uncool geworden?

Der rechtliche Schutz nun schafft gerade Anreize für kreatives Wirken. Er schafft die wirtschaftliche Basis für Kreativität und hat unserer Gesellschaft ihre kulturelle Vielfalt beschert. Es erscheinen Bücher, geschrieben von Autoren, illustriert von Fotografen, verlegt von Klein- oder auch Konzernverlagen – ähnlich produktiv sind Musik, Film, Theater und bildende Kunst.

Mit der digitalen Verfügbarkeit dieser begrifflich auf „Inhalte“ reduzierten Schöpfungen sind die Maßstäbe verlorengegangen. Der Content wird kopiert und ohne Skrupel herumgereicht. Die anonyme Leichtigkeit der Tat wird zu ihrer Legitimation – oder wie Sven Regener es formuliert: „Es wird so getan, als ob wir Kunst machen würden als exzentrisches Hobby. Und das Rumgetrampel darauf, dass wir irgendwie uncool seien, wenn wir darauf beharren, dass wir diese Werke geschaffen haben, ist im Grunde genommen nichts anderes, als dass man uns ins Gesicht pinkelt – und sagt, euer Kram ist eigentlich nichts wert.“ Und warum ist das Urheberrecht uncool geworden? Aus Gedankenlosigkeit, Bequemlichkeit und reinem Egoismus.

Natürlich hat die „Verwerterseite“ Fehler gemacht. Die Musikindustrie hat jahrelang vor allem auf Piraterieverfolgung gesetzt anstatt auf überzeugende, einfache digitale Geschäftsmodelle – und es sich so auch mit zahlungswilligen Kunden verscherzt. Aber die Lage hat sich geändert: Filme, Bücher, Hörspiele, Software, Musik – alles ist mittlerweile legal und zu angemessenen Preisen im Netz erhältlich.

Es gibt überhaupt keinen Grund mehr, bei Rapidshare & Co. zu saugen – es sei denn, man möchte sich auf illegalem Wege ungerechtfertigte Vorteile verschaffen, auf Kosten der Kreativen, Verlage und Produzenten. Was zum Leidwesen aller ausgehen muss. Die Erlöse sämtlicher Medienbranchen sind rückläufig, nicht zuletzt verursacht durch die Internetpiraterie – und weniger Erlöse bedeuten unabwendbar auch weniger Geld für neue Projekte, kulturelle Vielfalt und natürlich die Künstler.

Es lässt sich darüber diskutieren, ob es richtig ist, die – im Kern gerechtfertigten – Abmahnungen von Rechteverletzern mit Schadensersatzforderungen in vierstelliger Höhe zu verbinden (die Regel ist dies übrigens entgegen allem öffentlichen Getöse nicht). Den Zahlen aber, die über Abmahnfälle und angeblich hieraus gezogene Gewinne der Medienindustrie herumgeistern, fehlt jede nachvollziehbare Grundlage – doch einmal in die Welt gesetzt, werden sie dankbar aufgegriffen, um die eigene Position im Deutungswettstreit um die Zukunft des Urheberrechts zu untermauern.

Die Anzahl der Abmahnfälle, die auch Jürgen Ziemer in seinem Artikel „Goldene Eier“ (SZvom 20. März 2012) verbreitet, basiert überwiegend auf einer Schätzung der Abmahnkritiker, deren Grundlage unter anderem die Akten-Nummerierung der beteiligten Anwaltskanzleien sind, die zwar viele Internetpirateriemandate, aber eben auch andere Fälle bearbeiten.

Die Zahl der Abmahnungen geht zurück

Auch wird nicht erwähnt, dass selbst nach Angaben der Abmahnkritiker die Anzahl der Abmahnungen von 2010 auf 2011 um etwa 40 Prozent zurückging und nur etwa 10 Prozent der Abgemahnten freiwillig bezahlen.

Es wird auf Basis dieser willkürlichen Fallzahlen ein ebenso willkürlicher Abmahnerlös hochgerechnet und so getan, als ob dieser ungefiltert in die riesigen Taschen einer maßlosen Verwerter-, gar „Abmahnindustrie“ flösse. Ohne zu berücksichtigen, dass aufwendige Ermittlungen notwendig sind, bis die IP-Adressen der User gerichtsfest dokumentiert sind; dass Gerichtsgebühren bezahlt werden müssen, da die Internetprovider zum Schutze der User nicht ohne richterlichen Beschluss verpflichtet sind, die hinter der IP-Adresse verborgene Identität preiszugeben; dass manche Provider diese Daten bereits nach wenigen Tagen löschen und die Auskunftsbemühungen daher ins Leere gehen – die Liste ließe sich fortsetzen.

Dennoch werden die falschen Zahlen zur Grundlage der öffentlichen Kritik gemacht. Dies ramponiert den Ruf der Verlags-, Film- und Musikbranche – vorgestrige Besitzstandswahrer! – und prägt die Berichterstattung über das Verhältnis zwischen den Urhebern und Verwertern.

Es gibt keine Front zwischen Kreativen und Verbreitern

Der Verleger Gottfried Honnefelder, Vorsteher des Börsenvereins des deutschen Buchhandels, hat zur Leipziger Buchmesse neulich eine Eröffnungsrede gehalten, sozusagen die Sven-Regener-Rede für die Buchbranche: „Bislang habe ich meinen Beruf als kreativ erlebt. Ich habe Texte und Inhalte gefunden, bei denen ich für wichtig erachtete, dass sie publiziert würden, ich habe dabei vertrauensvoll mit Autorinnen und Autoren zusammengearbeitet, habe mit ihnen Rechte und Pflichten geteilt, habe mit Lektoren und Mitarbeitern diskutiert und es als die schönste Aufgabe des Verlegers empfunden, aus unscheinbaren Manuskripten wirkmächtige Bücher machen zu können. Jetzt lese ich, die Verlagsmenschen seien als Rechteverwerter, Inhaber von Nutzungsrechten, als Makler von Inhalten Angehörige einer Content-Mafia.“

So wie ihm geht es den meisten Verlegern, die eine intensive, kreative und oft auch freundschaftliche Beziehung zu ihren Autoren pflegen. Viele von diesen erhalten Honorarvorschüsse, die ihnen unabhängig davon verbleiben, wie erfolgreich oder eben schlecht sich das Buch anschließend verkauft. Der Öffentlichkeit aber wird suggeriert, es gäbe eine unüberbrückbare Front zwischen Kreativen und der angeblich so renditestarken Verbreiterbranche.

Die Piratenpartei fordert auf ihrer Homepage, es sollten die „Chancen der allgemeinen Verfügbarkeit von Werken erkannt und genutzt werden“, da sich „die Kopierbarkeit von digital vorliegenden Werken technisch nicht sinnvoll einschränken lässt und die flächendeckende Durchsetzbarkeit von Verboten im privaten Lebensbereich als gescheitert betrachtet werden“ müsse. Die Schutzfristen sollten drastisch verkürzt werden, weil „die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum“ im Sinne der „Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit“ sei.

Das aber hat mit dem propagierten Freiheitsgedanken wirklich gar nichts zu tun. Freiheit bedeutet, dass der Künstler selber entscheiden kann, ob, wann und wie sein Werk veröffentlicht wird – und sei es auch, dass er entscheidet, der Öffentlichkeit die Nutzung im Wege einer „free licence“ kostenlos zu gestatten. Aber es bleibt seine eigene, freie Entscheidung – die ihm niemand unter der scheinheiligen Forderung nach freiem Wissenszugang abzunehmen hat.

Fichte schrieb in seiner schon zitierten Abhandlung zur Unrechtmäßigkeit des Büchernachdrucks: „Wer schlechte Gründe verdrängt, macht bessern Platz.“ Das bleibt zu hoffen – im Sinne der Aufklärung.

Siehe auch: Milliardenklage gegen Youtube

Update: Google leitet pro Minute 100 000 Klicks auf Verlagsseiten