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So groß ist die Angst vor der Spanien-Hilfe: IWF macht Spar-Kehrtwende

Kaum ist der permanente Euro-Krisenfonds ESM eingeweiht worden, wird an den Märkten auf drohende Hürden hingewiesen. So wird gefragt, ob die Finanzkraft des Fonds ausreicht – auch mit dem provisorischen Krisenvehikel EFSF –, sollte Spanien schon bald um Hilfe rufen. Wie das Fachblatt «IFR» betont, muss der Fonds für einen Bail-out Kapital aufnehmen. Er plane aber, erst im Januar statt in den traditionell wenig aktiven Monaten November und Dezember an den Kapitalmarkt zu treten. Roadshows werden im November in London, Frankfurt und Paris erwartet. Ein vorgezogenes Debüt könnte den Eindruck schlechter Planung erwecken und die Märkte negativ beeinflussen.

Infrage gestellt worden ist plötzlich von sachkundiger Seite auch die Fähigkeit der Europäischen Zentralbank (EZB), die angekündigten unlimitierten Käufe von Staatsanleihen bedrängter Euro-Staaten tatsächlich umzusetzen.

Lee Buchheit, Partner der Kanzlei Cleary Gottlieb Steen & Hamilton, und Mitu Gulati, Professor an der Duke Law School, argumentieren, dass der Kapitalmarkt die Bereitschaft der EZB zu unlimitierten Käufen gnadenlos testen könnte, falls sie die Schleusen ihres OMT-Programms öffnen muss. Es könnte zu heftigem Tauziehen zwischen den Märkten und der EZB kommen, befürchtet Buchheit, der Griechenland bei der Schuldenrestrukturierung beraten hatte. Auftretende Mark-to-Market-Verluste bei erworbenen Anleihen dürften Spekulationen über die Standfestigkeit der EZB antreiben. Zwar werden ab November Leerverkäufe von Staatsanleihen in Europa verboten sein, aber die Geschichte zeige, dass Märkte immer Wege fänden, Verbote zu umgehen.  Quelle: Neue Züricher Zeitung

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat gefordert, mehr Wachstumsanreize zur Überwindung der weltweiten Krise zu setzen. „Wir müssen entschieden handeln, um die Negativspirale zu brechen und ein starkes, nachhaltiges und ausgewogenes Wachstum zu ermöglichen“, hieß es in einer Abschlusserklärung des IWF-Jahrestreffens in Tokio. Bei der Konferenz waren Finanzminister aus der ganzen Welt zusammengekommen. Sie lobten in der Erklärung die Entwicklungen in der Euro-Zone, mahnten aber weitere Schritte wie zum Beispiel die Gründung einer Banken- und Fiskalunion an. Zwar seien zahlreiche wichtige Schritte angekündigt worden, doch sei nun die effektive und zeitnahe Umsetzung notwendig.

IWF-Chefin Christine Lagarde sagte, die Fortschritte bei der Überwindung der Euro-Schuldenkrise seien „durchwachsen“. Die führenden Industrienationen müssen nun die notwendigen Strukturreformen auf den Weg bringen und glaubwürdige Haushaltspläne verabschieden. Die Schwellenländer müssen ihre eigene politische Linie finden, um der lahmenden Wirtschaft in Europa und in den USA entgegenzuwirken.

Bei der Konferenz war in den vergangenen Tagen Unmut über den starken Einfluss der europäischen Schuldenkrise und der angespannten US-Haushaltspolitik auf die Weltwirtschaft laut geworden. Die Konferenzteilnehmer warnten, dass die Staatsschulden in den kommenden Jahren weiterhin ein großes Hindernis beim Kampf gegen die drohende Rezession sein würden. Der Chef der chinesischen Zentralbank, Yi Gang, verwies auf die negativen Folgen der Euro-Krise für die gesamte Weltwirtschaft. Eine dauerhafte Lösung der dortigen Probleme würde der weltweiten Erholung den notwendigen Auftrieb verleihen. Zugleich warnte er vor Nebenwirkungen der hohen Schulden in den USA und Japan.

US-Finanzminister Timothy Geithner sagte, sein Land habe bei der Haushaltskonsolidierung noch viel zu tun. „Es ist wichtig, dass die USA den Rahmen schaffen, um in den kommenden Jahren das Staatsdefizit und die Schulden abzubauen und gleichzeitig Arbeitsplätze und Wachstum zu schaffen.“ Erst am Freitag hatte sein Ministerium bekannt gegeben, dass das Haushaltsdefizit für das Fiskaljahr 2012 im Vergleich zum Vorjahr um 207 Milliarden Dollar geringer ausfalle. Allerdings bleibt der Fehlbetrag damit im vierten Jahr in Folge über der Marke von einer Billion Dollar. Quelle: Die Zeit

Der Internationale Währungsfonds (IWF) wird seit vielen Jahren immer wieder massiv wegen seiner harten Sparauflagen kritisiert, die er zur Bedingung für Milliardenkredite an überschuldete Länder macht. Von „Kaputtsparen“ ist dabei häufig die Rede. Auch in der europäischen Schuldenkrise drängte der IWF bisher auf scharfe Einsparungen nicht zuletzt bei Sozial-, Pensions- und Gesundheitsausgaben.

Doch in seinem jüngsten globalen Wirtschaftsausblick, den der Fonds vor wenigen Tagen in Tokio präsentierte, vollzieht Chefökonom Olivier Blanchard eine Kehrtwende. Versteckt in einer Fact-Box kommt der IWF in dem Bericht (Seite 41 bis 43, Anm.) zum Schluss, dass übermäßiges Sparen das erklärte Ziel, die Schulden in einem überschaubaren Zeitraum zu verringern, verfehlt. Das kommt einem indirekten Schuldeingeständnis gleich. Die „Financial Times“ spricht in einem Kommentar von einem „Akt des Aufstands“, mehrere Finanzexperten sprachen am Wochenende von dem wichtigsten makroökonomischen Ereignis dieses Jahres.

Konkret bezieht sich der IWF auf eine Studie, die zeigt, dass der Einfluss der Steuerpolitik auf das Wachstum viel höher ist als bisher angenommen – und als sie der IWF zur Basis für seine Sparauflagen machte. Demnach ging der Fonds in der Regel von einem fiskalpolitischen Multiplikator von 0,5 aus. Das bedeutet, dass die Wirtschaft für jeden Euro an öffentlichen Ausgaben weniger um 0,50 Cent schrumpft. Laut der aktuellen Studie liegt dieser Effekt aber deutlich höher – bei 0,9 bis 1,7.

Die „Financial Times“ verdeutlicht die Folgen anhand des akuten Beispiels Spanien, das noch darum ringt, den Gang unter den Europäischen Rettungsschirm (ESM) und die damit verbundenen Sparauflagen zu vermeiden: Beim angenommenen Multiplikationsfaktor 1,5 würde eine dreiprozentige Reduktion des Budgets zu einem Rückgang der Konjunktur um 4,5 Prozent führen. Damit wird laut „FT“ deutlich, mit welchem Ausmaß an Rezession Spanien zu rechnen hat. Außerdem mache es klar, dass das von der Madrider Regierung für 2013 prognostizierte leichte Minus beim Wachstum von 0,5 Prozent eine Illusion sei.

Immer wieder warnten Globalisierungskritiker und auch zahlreiche Ökonomen davor, dass der IWF mit harten Sparauflagen letztlich das Gegenteil von dem erreiche, was er anstrebt: nämlich eine Verschärfung der Schuldenkrise durch ein Abwürgen der Konjunktur. Nun hat auch der IWF eingeräumt, dass zu harte Sparauflagen eine gefährliche Abwärtsspirale aus Sparen, weniger Wachstum, weniger Steuereinnahmen und dadurch verschärftem Sparzwang auslösen.

Mit der Kehrtwende trifft der IWF bei Europas maßgeblichen Finanzpolitikern, insbesondere dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble, auf wenig Begeisterung. Dieser fürchtet um den mühsam errungenen Kompromiss innerhalb der EU für eine Sparpolitik. Zumindest mittel- und langfristig wird diese Neupositionierung des IWF aber das Verhältnis von Gläubiger- und Schuldnerländern verändern, zeigt sich etwa der „Business Insider“ überzeugt.

Auch Marc Chandler, Währungsstratege bei Brown Brothers Harriman, interpretiert das laut „Neuer Zürcher Zeitung“ ganz ähnlich: Mit der neuen Berechnung des fiskalpolitischen Multiplikators stelle sich der Währungsfonds klar hinter die verschuldeten Staaten. Das zeige sich auch darin, dass IWF-Chefin Christine Lagarde zuletzt auch öffentlich davor warnte, dass Gläubiger wie Deutschland die Sparauflagen für Griechenland und Co. nicht übertreiben dürften. Laut „Business Insider“ werde der IWF-Kurswechsel der deutschen Kanzlerin Angela Merkel (CDU) trotz des geäußerten Unmuts Schäubles nicht schaden. Im Gegenteil werde das Merkel bei der Neuanpassung ihrer Agenda vor der Bundestagswahl im kommenden Jahr helfen. Quelle: ORF

Links:

Update: Schäuble will jetzt mehr Macht für Europa

Update: George Soros wiederholt: Deutschland muss führen oder austreten

Update: Spanien bereitet seinen Hilfsantrag vor: Als „virtuelle Kreditlinie“

 

Bild: Das nützliche Flaggschiff der Axel-Springer-Flotte

Am 2. Mai 2012 würde Axel Springer 100 Jahre alt. Ob er auf sein gleichnamiges Imperium heute stolz wäre?

In der Quintessenz bestimmt: Die Axel Springer Aktiengesellschaft ist ein profitables Unternehmen, zu dem laut Firmeninformation  240 Zeitungen und Zeitschriften, 140 Online-Angebote 120 Apps in 24 Ländern gehören.

Deutsches Flaggschiff der Springer-Presse ist die Bild. Deren Auflage ist, wie bei den Printmedien ganz allgemein, seit Jahren rückläufig und liegt „nur“ noch bei knapp drei Millionen täglich. Verglichen mit anderen Tageszeitungen Deutschlands bedeutet das aber nach wie vor eine gigantische Position von Macht und Einfluss. So groß ist diese Macht, dass die ARD vor wenigen Tagen der klatschhaften Boulevard-Print-Schwester eine eigene Sendung widmete.

Dort sagt der Ex-Bild-Mitarbeiter und Ex-Regierungssprecher Bela Anda einen bemerkenswerten Satz:

„Wir hatten jahrelang ein geflügeltes Wort: Wer sich in Bild begibt, kommt darin um. Soll heißen, dass sich niemand anmaßen sollte, diesen Tiger zu reiten… “

Ex-Bundespräsident Wulff,  jüngstes Opfer dieses Anmaßungs-Irrtums, hat das zuletzt mehr als schmerzhaft erfahren. Wie sehr er zu glauben schien, den „Tiger“ reiten zu können, brachte allerdings nach dem Bekanntwerden der Mailboxaufzeichnung Kai Dieckmanns nicht nur Bild-Leser zum Kopfschütteln…

„Ich bin der Meinung, dass Zeitungen zwar an der Politik teilhaben, aber nicht Politik machen sollen,“ sagte 1966 der berühmte Firmengründer. „Zeitungen haben die Politik zu begleiten, sie zu erklären, sie zu kritisieren, sie zu fördern.“

Das war lange bevor 1973 der deutsche Presserat zusammen mit den Presseverbänden einen Medienkodex vorstellte, der im Detail darlegt, wo die ethischen Grenzen der Berichterstattung liegen und was journalistische Sorgfaltspflicht bedeutet. Auf Basis dieses Kodex kann sich jeder beim Deutschen Presserat beschweren, der glaubt, ungerecht behandelt worden zu sein. Die angeschlossenen Medien müssen Rügen des Presserates veröffentlichen.

Nun ist die Bild ein Boulevard-Blatt. Boulevards sind breite, von Bäumen gesäumte Flanierstraßen, also ein Ort, wo man sieht und gesehen wird. Ein Boulevard-Blatt ist im Gegensatz zu einem Abonnements-Blatt eine Zeitung, die täglich neu auf der Straße verkauft wird – und entsprechend in ihrer Aufmachung, wie auch thematisch auf sich aufmerksam machen muss. Straßenverkauf ist ein hartes  Geschäft: Wer Werbepartner an sich binden will, muss verlässliche Einnahmen jeden Tag neu erkämpfen, darf sich keinen einzigen Durchhänger erlauben.

Der Springer-Ehrenkodex

Entsprechend weit legt die Bild die Definitionen des deutschen Ehrenkodex aus, den der Springer Verlag für seine Mitarbeiter anhand der Vorlage des Presserates noch erweitert hat. Dort wird zum Beispiel zusätzlich formuliert:

„Die Idee der Zeitung ist es, Menschen zu informieren, sie zu unterhalten, ihnen Orientierung zu geben, sie mit Nachrichten zu überraschen, die oftmals eigentlich nicht an die Öffentlichkeit sollten. Neuigkeiten erfordern Recherche, unbequemes Nachfragen, investigatives Arbeiten.

Journalistische Qualität ist nur finanzierbar, wenn sie zwei Erlösquellen hat: Werbung sowie Leser, die für journalistische Inhalte im Internet ebenso wie auf Papier bezahlen. Als entscheidende Voraussetzung benötigt journalistische Qualität journalistische Unabhängigkeit.“

Das Blatt wird überdurchschnittlich oft vom deutschen Presserat gerügt. Aber das gehört genauso zum Geschäft wie die überspitzt formulierten Überschriften, die extremen Unterschiede von Schrift- und Artikelgrößen – und die Sprache selbst. Sie ist bewusst einfach, manchmal simpel; sie pauschaliert,  formuliert Verdacht in Suggestiv-Fragen und nimmt anwaltliche Maßnahmen durch „Opfer“ solcher Artikel bewusst in Kauf.

Dabei ist es die Mischung, die den Reiz für die täglichen drei Millionen Käufer ausmacht: Die Bild betreibt durchaus ernste, investigative Recherche – ist bestens verdrahtet nicht nur mit den „seriösen“ Titeln der Springer-Presse, sondern auch anderen Medienhäusern, vermengt Politik, Wirtschaft und Sport auf eine Weise mit Klatsch und Tratsch, wie es auch Menschen tun, die sich bei der Arbeit, auf der Straße, mittags beim Metzger zum Leberkäs-Weck treffen oder mal eben beim Bäcker an der Stehtheke einen Kaffee trinken. Das Ganze in einer Sprache, die nicht selten ohne den Verstand zu beeinträchtigen, direkt im Reptiliengehirn verarbeitet wird (Stichwort neuronales Marketing).

Wieso hat die Bild solche Narrenfreiheit?

Ein Blick auf die kürzlich vorgelegte Bilanz 2011 des Medienhauses gibt Aufschluss (Zahlen gerundet):

Konzernumsatz: 3,185 Milliarden

Werbeerlöse: 1,607 Milliarden (+ 16%)

Vertriebserlöse:  1,205 Milliarden (+2,6%)

Bereinigtes Jahresergebnis vor Steuern: 593,4 Millionen (+ 10%)

Konzernüberschuss: 289 Millionen ( + 5,6%)

Mitarbeiter: knapp 13 000

Freie liquide Mittel: 294 Millionen

Schulden: 473 Millionen

Seit letzter Woche hat Axel Springer rund 500 Millionen Euro neue Schulden.  Die Commerzbank vermeldete,  gemeinsam mit der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba) und der UniCredit Bank AG erfolgreich ein Schuldscheindarlehen in mehreren Tranchen über insgesamt 500 Millionen Euro platziert zu haben. Es wurden Laufzeiten von vier und sechs Jahren wahlweise in fester oder variabler Verzinsung angeboten, die rasenden Absatz fanden.

Dazu passt eine weitere Meldung des Springer-Konzerns aus dieser Woche: Die Bild hat die Verwertungsrechte für die Bundesliga-Highlights der Saison 2013/14 im Internet gekauft und darf die Zusammenfassung der Spiele bereits eine Stunde nach Ende verbreiten.

Die Zukunft ist digital

Im Geschäftsbericht 2011 von Axel Springer wird gleich mehrfach erwähnt, dass der Print-Markt rückläufig sei, der digitale Markt aber boomt. Zu Springer gehören nicht nur die Bild, sondern auch die Welt, das Hamburger Abendblatt, die Berliner Morgenpost, die B.Z. Berlin, das Magazin Forbes,  zahlreiche Lifestyle-Magazine, Radiobeteiligungen (FFH, Antenne Bayern) und vieles mehr. Die wichtigen werden über Apps auch mobil gelesen, sie verbreiten Nachrichten online schnell und gut – sprich: Hier ist der Markt der Zukunft.

Der Werbe-Markt wohlgemerkt, denn der wird es künftig sein, der die Medienhäuser entscheidend finanzieren wird.  Hier den Fuß in der Tür zu haben, bestimmt in Zukunft über Sein oder Nicht sein jedes großen Unternehmens der Branche und wird auch die lokalen Bereiche nicht aussparen.

Die Nachrichten, durch die Werbung erst interessant wird, treffen im Netz auf eine Szene, deren Bereitschaft Informationen ungeprüft weiter zu geben, extrem hoch ist, die gern klatscht und tratscht, die Verschwörungstheorien aller Art gegenüber sehr zugänglich ist und sich vielfach einfachster Sprache bedient. Bild als Flaggschiff von Axel Springer wird dort auf fruchtbarem Boden leben und die anderen Medien des Hauses als seriöse Gegenpole bestens einbinden.

Wie weit so etwas gehen kann, zeigt der Fall des Christian Wulff sehr deutlich auf: Bild ließ die seriöse Allgemeine Frankfurter Sonntagszeitung den Knaller auf der Mailbox verbreiten und machte damit das Ziel, den Präsidenten zu stürzen, gesellschaftsfähig. #

Gleichzeitig wurde auch dem Unbedarftesten in Deutschland klar: Wer auf dem Boulevard (über-)leben will, muss nicht nur hart sein, sondern auch gewitzt, ausgebufft und manipulativ.

Update: BILD steht vor Stellenabbau

Update: Springer verkauft seine Regionalzeitungen – will führender Internet-Dienst werden

Update: BILD verlor 2013 200 000 Käufer, BILD am Sonntag 100 000. Siehe dazu Foto unten

200 000 Käufer verlor im Jahr 2013 die BILD, 100 000 waren es bei BAMS
200 000 Käufer verlor im Jahr 2013 die BILD, 100 000 waren es bei BAMS