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Weltweiter Rechtsbruch über Ramstein: Steuerzentrale aller Todesdrohnen

„Vor unseren Augen werden inoffizielle Kriege angezettelt, werden Ausländer und Amerikaner per Dekret des Präsidenten ermordet.  Vor unseren Augen verwandelt sich der Krieg gegen den Terror in eine sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Kann so ein Krieg jemals enden? Und was passiert mit uns, wenn wir endliche sehen, was direkt vor unseren Augen verborgen war?“

Schlussworte des untenstehenden Films: „Schmutzige Kriege – die geheimen Kommandoaktionen der USA“. Autor Jeremy Scahill deckt die Folgen eines Krieges auf, der völlig außer Kontrolle ist. CIA-Agenten, Kämpfer der Special Forces, Generäle und von den USA finanzierte Warlords  treten aus dem Dunkel der Geheimhaltung vor die Kamera und reden über ihre Einsätze. Auch die Überlebenden der meist nächtlichen Attacken und Drohnenangriffe kommen zu Wort, darunter die Familie des ersten amerikanischen Staatsbürgers, der von seiner eigenen Regierung gejagt und getötet wurde.

In 75 Ländern der Erde, so erfährt der Zuschauer, ist das Joint Special Operations Command (JSOC) aktiv und hat sich vom sorgfältig getarnten Killerkommando inzwischen zum offen agierenden paramilitärischen Arm der US-Regierung entwickelt.
„Die Welt ist ein Schlachtfeld, und wir befinden uns im Krieg,“ sagt ein Informant dazu. Ein somalischer Bandenchef, der im Auftrag der USA „Leute fängt und verhört“, drückt es so aus: „Die Amerikaner sind Meister der Kriegsführung, sie wissen, wie man Kriege finanziert. Sie sind Lehrer, große Lehrer…“

9/11 war der äußere Anlass, mit dem heute der weltweite „Krieg gegen den Terror“ gerechtfertigt wird. Ein Krieg, in dem sich die Vereinigten Staaten immer wieder außerhalb jeden Völkerrechts bewegen. Und was das Schlimmste ist: Deutschland steckt mittendrin. Mit Wissen seiner Regierung. Zum Beispiel in Ramstein. Im größten  Militärstpützpunkt der USA außerhalb ihres Staatsgebietes,  arbeitet die Zentrale der weltweiten Drohnenangriffe. Jede Tötung von Menschen wird über Ramstein ausgeführt.

Den begründeten Verdacht und Aussagen von beteiligten Soldaten gibt es schon lange, siehe dazu die Monitor-Sendung im Video oben. Auf eher halbherzige Fragen der Bundesregierung zum Thema verweigerte die amerikanische Regierung die Antwort. Nun, und das ist die Neuigkeit, die – eigentlich – dafür sorgen müsste, dass die deutsche Regierung endlich handelt, gibt es auch die zugehörigen Beweise, wieder einmal geliefert von The Intercept.

Es handelt sich um streng geheime Grafiken, die dokumentieren, dass praktisch alle Drohnenangriffe der Air Force über Ramstein abgewickelt werden. In seiner jüngsten Ausgabe berichtet der Spiegel ausführlich darüber. Das Geheimdienst-Diagramm offenbart, dass es auf diesem Globus derzeit zwei Orte gibt, die für den Drohnenkrieg unverzichtbar sind: Ramstein und Creech, ein hermetisch abgeriegelter Flecken in der Wüste von Nevada. Der Luftwaffenstützpunkt, eine Autostunde nordwestlich von Las Vegas, dient als Drohnenzentrale und Relaisstation für zehn Air-Force-Basen in verschiedenen US-Bundesstaaten.

Originalschaubild des US-Drohnenprogramms mit Standorten und Kommunikationswegen

„Von Ramstein wird das Signal übermittelt, das den Drohnen befiehlt, was sie tun sollen“, sagt ein Amerikaner, der mit dem geheimen Militärprogramm vertraut ist. Von ihm stammen die Dokumente. „Ohne Ramstein könnte keine der Drohnen gesteuert werden – jedenfalls nicht in der bisher geübten Weise.“

Kein Satellit, der mit der Erde kreist, kann ein Signal auf direktem Wege etwa von Pakistan auf den amerikanischen Kontinent senden – die Erdkrümmung ist zu stark. Einen zweiten Satelliten in den Datenfluss einzubeziehen würde alle Aktivitäten verlangsamen, denn die Videobilder der Drohne kämen nicht mehr in Echtzeit in den USA an. Ohne Ramstein wären die „Piloten“ praktisch blind, schreibt der Spiegel in seiner jüngsten Ausgabe

In Creech loggt sich zu Beginn seines Einsatzes jeder Drohnenpilot im Air and Space Operation Center (AOC) in Ramstein ein. Der ehemalige Pilot Brandon Bryant berichtete voriges Jahr unter anderem in der Süddeutschen Zeitung, dass er sich in Deutschland mit seinem Rufzeichen melden und die Kennung der jeweiligen Drohne durchgeben musste, um mit ihr verbunden zu werden.

Steht die Verbindung zwischen dem Drohnenpiloten in Nevada und dem AOC in Ramstein, werden die Steuerbefehle in der Pfalz an einen Satelliten umgeleitet. Aus dem All gelangen sie dann zur Drohne.

Die unbemannten Flieger werden jeweils von einem Team aus Spezialisten dirigiert. Der Pilot kümmert sich um Höhe, Richtung und Geschwindigkeit, andere um Infrarot- und Videokameras sowie das Lasersystem zur Zielerfassung. Entscheidend für eine präzise Steuerung ist die sogenannte Latenz, also die Zeit, die vergeht, bis das Signal vom Joystick des Piloten die Drohne erreicht.

Reaper Aircraft Flies Without Pilot From Creech AFB

Weil Piloten und Satellitenverbindung räumlich getrennt sind, glauben die USA, behaupten zu können, dass der Einsatz der Todesdrohnen nicht von Deutschland aus gesteuert wird. Man übt sich in Haarspaltereien. So versprach beispielsweise Präsident Obama dem Kanzleramt, dass Deutschland „kein Startpunkt“ für Drohneneisätze sei.

Aber: Die Air Base Ramstein ist kein exterritoriales Gebiet. Zwar hat der Bund den USA per Vertrag die Nutzung der Liegenschaften zugesichert – allerdings mit der Auflage, dass sie auf dem mit Stacheldraht gesicherten Areal nichts unternehmen, was gegen deutsches Recht verstößt. Was hier geschieht, ist jedoch massiver internationaler Rechtsbruch. Und die Behauptungen der Bundesregierung, nichts darüber zu wissen, sind schlicht gelogen, wie geheime Dokumente beweisen, die dem Spiegel vorliegen:

Am 18. November 2011 zum Beispiel teilte das Department of the Army dem Verteidigungsministerium mit, in Kürze auf der Air Base Ramstein eine Relaisstation für Drohneneinsätze errichten zu wollen. Dabei handelte es sich um einen zentralen Baustein des Drohnenkriegs: ein Antennenfeld, das die Kommunikation zwischen den Piloten auf amerikanischem Boden und den Drohnen in arabischer oder afrikanischer Luft nahezu in Echtzeit ermöglicht. Das Projekt, schrieb das US-Heeresamt den Deutschen, genieße „sehr hohe Priorität“. Mit seiner Hilfe werde ein „einzigartiges Kontrollzentrum“ für den Einsatz der Drohnen vom Typ „Predator“, „Reaper“ und „Global Hawk“ geschaffen.

Aus anderen Berichten an die Bundesregierung geht hervor, dass die 6,6 Millionen teure Anlage in der Nähe der Rampe 6 in Ramstein errichtet werde; vorgesehen seien auch Räume für „Betrieb, Verwaltung und Instandhaltung“, außerdem Platz für „Mission Control Vans“.

„Ramstein ist der zentrale Punkt für jede Datenübertragung“, sagt Dan Gettinger, Codirektor des Zentrums für Drohnenforschung am Bard College nahe New York, „die Infrastruktur für die Kommunikation ist für die Operationen wichtiger als die Waffen, die die Drohnen tragen.“

Die Geheimdokumente, die dies belegen, sind umso brisanter, weil sie in einem weiteren Punkt der Darstellung der Bundesregierung widersprechen. Demnach sind die Drohnen in der Lage, für ihre tödlichen Angriffe auch Mobiltelefone zu orten.

Auch dies weiß man eigentlich seit mehr als einem Jahr (siehe Panorama-Video oben). Das System nennt sich Gilgamesh und funktioniert wie ein mobiler Telefonmast, der Handydaten „absaugt“. Potentielle Opfer lassen sich also kinderleicht von Drohnen mithilfe ihrer Handy-Nummer und den übrigen, automatisch mitgesendeten Handy-Kennzeichen orten. Die NSA – und damit ihre Helfer beim BND – liefern die zugehörigen Nummern.  „Wenn der NSA die Handyortung genügt, um Menschen ohne Gerichtsverfahren in den Tod zu schicken, besteht der akute Verdacht, dass die deutschen Geheimdienste und mit ihnen die Bundesregierung mit der Übermittlung entsprechender Telefonnummern Beihilfe zum Mord geleistet haben“, stellte dazu  im Februar 2014 der Linke Andrej Hunko fest.

Ob die Drohnen schließlich überhaupt die anvisierte Person getötet haben, werde kaum mehr vor Ort überprüft. Die NSA könne Überwachungsziele anhand ihrer Stimme erkennen, wisse, wer seine Freunde seien, wer der Kommandeur und wer unterstellt sei. Dabei sei das Fehlerpotenzial solcher Quellen aber enorm, sagte Brandon Bryant. Inzwischen tauschten gesuchte Personen SIM-Karten oder Mobiltelefone mehrfach aus. Bei Treffen in größeren Gruppen würden sämtliche SIM-Karten der Anwesenden in einem Beutel gesammelt. Nach dem Treffen verlasse jeder den Raum mit einer anderen SIM-Karte. Quelle: Golem

Dabei steht das US-Militär auch unter zeitlichem Druck. Tödliche Angriffe müssen vom Weißen Haus direkt genehmigt werden und sind für 60 Tage gültig. Danach müss
en sie einem erneuten Überprüfungsverfahren unterzogen werden. Das führe dazu, dass Kommandeure auch dann Angriffe ausführen, wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Unschuldige bei dem Angriff getötet werden, hoch sei oder gar nicht überprüft werden könne.

Noch im Januar dieses Jahres hat die Bundesregierung bestritten, über die genauen Aktivitäten in Ramstein informiert zu sein und behauptet, dass es sich um „um selbstständiges hoheitliches Handeln eines fremden Staates“ handele, das keiner Genehm
igung und auch keiner Überprüfung bedürfe. Ähnliches gilt für einen weiteren Unrechts-Standort in Deutschland, über den die Süddeutsche letztes Jahr ebenfalls berichtete: 200 Kilometer südöstlich von Ramstein, in Stuttgart, sitzt Africom, also das amerikanische Oberkommando für Afrika. Und in Somalia töteten US-Drohnen in der Vergangenheit mehrere Menschen.Reaper Aircraft Flies Without Pilot From Creech AFB

Ob Kampfdrohnen auch in Zukunft ausschließlich über Ramstein geleitet werden, sei indes nicht sicher, schreibt der Spiegel. Vor drei Jahren bereits haben die Vereinigten Staaten Ausschau nach einer Alternative gehalten. Auf dem süditalienischen US-Stützpunkt Sigonella wurden sie fündig. Inzwischen wächst dort eine ähnliche Anlage wie in der Pfalz heran. Als „Back-up-System für Ramstein“, so ein Planungspapier der Air Force, um im Falle eines Falles „einen Engpass zu vermeiden“.

Seit einem Jahr tagt nun der NSA-Untersuchungsausschuss. Er wird von der Bundesregierung und dem BND massiv in seiner Arbeit behindert und kommt nur in ganz kleinen Stücken voran. Akten werden unvollständig geliefert, überwiegend geschwärzt oder die Herausgabe wird gleich ganz verweigert. Immer wieder beschweren sich die Mitglieder über Informationsblockaden durch den BND. Edward Snowden, der unter anderem auch eine Dokumentation über die Zusammenarbeit von NSA und BND und über die Technik der Überwachung für Europa und Afrika geliefert hat, wird nicht nach Deutschland eingeladen, weil sich die Bundesregierung strikt weigert.

Der BND habe den Datenstrom zwischen 2003 und 2008 für die Amerikaner auf bestimmte Schlagworte – sogenannte Selektoren – hin untersucht. Die Amerikaner erhofften sich viele neue Erkenntnisse. Von selbst aber dürfen sie dort nicht tätig werden. „Die Erwartungen waren hoch“, sagt Eikonal-Chef S.L. im NSA-Ausschuss. Nur sei nicht alles gelaufen, wie sich das BND und NSA vorgestellt hatten. Am Ende hätten so wenig Ergebnisse gestanden, dass die NSA das Projekt 2008 abgebrochen habe.

Und was tut die deutsche Öffentlichkeit?

Das, was sie mehrheitlich am besten kann: Nichts sehen, nichts hören, nichts wissen.

Nur ist es in Zeiten des Internets nicht mehr so einfach, zu behaupten, man habe von nichts gewusst. Alle Informationen sind frei zugänglich – manche früher, einige später, aber alle kommen an’s Licht.

Damit sind wir alle mitschuldig an den rechtsfreien Räumen, die unsere wichtigsten Verbündeten auf der ganzen Erde schaffen. Verbündete, die von sich behaupten, eine Demokratie zu sein und die Menschenrechte weltweit verteidigen zu müssen. Verbündete, sie so handeln können, weil es niemand wagt, die Wahrheit offen auszusprechen und Konsequenzen daraus zu ziehen. Schlimmer noch: Offenbar glaubt unsere Regierung, durch willfähriges Verhalten eine Option auf eigenen, größeren weltweiten Einfluss zu erwerben.

Armes Deutschland.

MQ-9 Reaper2

Bis 2018 soll die MQ-9-Reaper, zu deutsch: der Sensenmann, die wichtigste amerikanische Drohne werden.

„MQ-9 Reaper“(früher „Predator B“) basiert technisch gesehen auf der „MQ-1 Predator“. Sie ist aber für den Angriff optimiert, da sie die zehnfache Waffenlast im Vergleich zum Ursprungsmodell befördern kann. Eingesetzt wird sie von der US-Marine und Luftwaffe.

  • Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
  • Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
  • Bewaffnung: bis zu 1361 kg
  • (z.B. Raketen der Typen „AGM-114 Hellfire“ und „AIM-9 Sidewinder“ oder Bomben der Typen „GBU-12 Paveway II“ und „GBU-38 DAM“)
  • Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
  • Reichweite: 5926 km
  • Flughöhe: max. 15.400 m
  • Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten

Hier kann man sie im interaktiven 3D-Modell betrachten.

In den USA sind die weltweiten Drohnenoperationen kein Geheimnis. Die Washington Post berichtete beispielsweise im Juni 2014 ausführlich darüber, welche Modelle genutzt und wie sie gesteuert werden.  Ebenso offen wird über hunderte von  missglückten Einsätzen berichtet, bei denen Drohnen abgestürzt sind. Es gibt eine Tabelle über 194 Unfälle der sogenannten Kategorie A, bei denen ein Schaden von mindestens zwei Millionen Dollar enstand. Daraus geht hervor, wem das Gerät jeweils gehörte, um welchen Typ es sich handelte und wo der Absturz stattfand – und das war keineswegs immer in Kriegsgebieten. Keine Informationen gibt es allerdings über die von der CIA gesteuerten Drohnenaktivitäten.

Siehe auch: „Nein, das ist kein Film – wir werden wirklich überwacht“ , sowie:Warum wir nicht schweigen dürfen“ und die zahlreichen dortigen Links

Update: Neues US-Waffensystem: LOCUST – Drohnen-Schwarmtechnologie

Update: USA töten bei Drohnenangriff in Pakistan versehentlich westliche Geiseln

Update: US-Special Forces sind in 81 Ländern aktiv: Wo sie sind und was sie da machen

Update: Princeton-Studie: Die USA sind keine Demokratie mehr

Update: „Der Feind ist unbekannt“, deshalb müssen US-Truppen überall hin…

Update: Al Kaida-Anführer samt Sohn per Drohne im Jemen getötet

Update: USA weiten Drohnenprogramm um 50 Prozent aus

Update: CIA betreibt ein geheimes Drohnenprogramm gegen IS

Update: Videobotschaft von CIA-Analyst Ray McGovern; Schließt Ramstein!

Update: Eine Telefonnummer reicht aus, um Menschen zu töten

Update: „Wenn die Amis nicht wären, wären wir alle tot“

Untenstehendes ZDF-Video arbeitet den Verlauf der Überwachungsaktivitäten nach 9/11 auf.

Update 19.3.2019

Deutschland muss US-Drohneneinsätze via Ramstein prüfen

Deutschland muss nachforschen, ob die USA bei ihren Drohneneinsätzen das Völkerrecht wahren. Im Fokus steht dabei die US-Airbase Ramstein in der Pfalz. Das hat jetzt ein Gericht entschieden.

Drei jemenitische Kläger hatten im Zusammenhang mit tödlichen US-Drohnenangriffen in ihrer Heimat gegen die Bundesrepublik Deutschland geklagt – nun erzielten sie vor dem Oberverwaltungsgericht Münster (OVG) einen Teilerfolg.

Deutschland müsse sich vergewissern und aktiv nachforschen, ob die USA bei ihren Drohneneinsätzen im Jemen das Völkerrecht wahren, entschied das Gericht am Dienstag. Konkret geht es um die Nutzung der US-Air Base Ramstein im Landkreis Kaiserslautern im Drohnenkrieg. Das Gericht ließ aber angesichts der großen Bedeutung und auch der politischen Dimension des Falls Revision beim Bundesverwaltungsgericht zu.

Es gebe „offenkundige tatsächliche Anhaltspunkte“ dafür, dass die USA unter Verwendung technischer Einrichtungen aus der Air Base Ramstein bewaffnete Drohneneinsätze im Jemen durchführten, die „zumindest teilweise gegen Völkerrecht verstoßen“, sagte der Vorsitzende Richter Wolf Sarnighausen. Belegt sei, dass eine Satelliten-Relais-Station in Ramstein bis heute eine zentrale Rolle bei den US-Drohneinsätzen spiele.

Die Kläger scheiterten aber mit einer wichtigen Forderung: Die Bundesrepublik muss den USA die Nutzung Ramsteins für die Drohneneinsätze nicht untersagen. Sollten sich bei aktiven Nachforschungen aber Rechtsverletzungen zeigen, müsse die Bundesregierung gegenüber den USA auf die Einhaltung des Völkerrechts „hinwirken“.

Die Klage eines Somaliers gegen die Bundesrepublik nach einem US-Drohnenangriff in seiner Heimat 2012 wies das OVG dagegen ab. Es könne keine Pflichtverletzung der Bundesrepublik festgestellt werden. Der Senat sei auch nicht überzeugt, dass der Vater des Klägers tatsächlich durch eine US-Drohne getötet worden sei. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Eindeutige Beweise, dass Kriegsdrohnen über den US-Militärstützpunkt in Ramstein gesteuert werden, gibt es nicht. Das liegt daran, dass der Militärstützpunkt amerikanisches Hoheitsgebiet ist. Die Bundesrepublik kann damit keine eigenen Nachforschungen anstellen.

2015 hatte jedoch ein Ex-US-Drohnenpilot im NSA-Untersuchungsausschuss in Berlin ausgesagt, Ramstein spiele im weltweiten Drohnenkrieg der USA eine zentrale Rolle.

Die Friedensbewegung sieht sich durch das Urteil in ihrer Kritik an dem Luftwaffenstützpunkt in der Pfalz bestätigt. Damit werde „die Bedeutung der intensiven Aufklärungsarbeit der Friedensbewegung“ bestätigt, hieß es in einer Mitteilung des Aktionsbüro Kampagne Stopp Air Base Ramstein. Jetzt müsse der Truppenstationierungsvertrag für die US-Base gekündigt werden, forderte der Koordinierungskreis der Kampagne. „Das ist der Weg, den Drohnenkrieg zu beenden.“ Auch die Menschenrechtsorganisation ECCHR sprach von einem „wegweisenden Urteil“.

Quelle: SWR

Update: USA investieren in Ramstein – Dollar-Regen für die Pfalz

Update: Faktenblatt der „Aktion Stopp Air Base Ramstein“ zum Download

Update: Kuschen die Deutschen vor den USA?

Update: Auch die Todesdrohne für den iranischen General Quassem Soleimani wurde über Ramstein gesteuert

Leben als Psychopath: „Das Schlimmste war: Ich konnte absolut nichts fühlen“

Dieser zweite Teil meiner kleinen Reihe über Männer, die eine Spur gebrochener Herzen hinter sich herziehen,  beschäftigt sich mit dem Leben eines Psychopath. So unglaublich sie klingen mag, ist sie doch sogar weit ausführlicher belegbar, als hier ausgeführt wird. Im Unterschied zu einem Narzissten, wie er in Teil eins dargestellt wird, hat ein Psychopath beim Thema Mitgefühl ein besonders hohes Defizit. Auch leidet er meist wenig oder gar nicht unter Gewissensbissen. Er ist sein eigener Maßstab für alles, was er tut – das gilt auch für allgemeine gesellschaftliche Regeln, im Extremfall für Gesetze aller Art. Je nachdem wie klug so eine Person ist, kann sie erheblichen menschlichen und auch wirtschaftlichen Schaden anrichten.

Wer in sein Visier gerät, sollte am besten laufen, so schnell er kann – denn retten kann man einen Soziopathen nicht. Im günstigsten Fall kann man sich mit ihm arrangieren – zu seinen Bedingungen.

Leiden wird der/die Partner/in aber immer.  

∞ ∞ ∞

An manche Jahre seiner Kindheit kann er sich nicht mehr erinnern. Was er noch weiß ist, dass alle drei Brüder im frühen Kindesalter an Lymphdrüsentuberkulose erkrankten und mit Röntgenstrahlen behandelt wurden. Danach war die Erkrankung dann weg.

Was er auch noch weiß ist, wie sehr die Ehe seiner Eltern im Gegensatz zu der wundervollen Umgebung stand, in der sie alle lebten: Der Vater, schmächtig, freundlich und ein großer Idealist, war Dorfpfarrer. Seine kleine, fast tausendjährige Kirche stand auf einem Hügel hoch  über dem Tal, und die Familie lebte im zugehörigen Pfarrhaus. Die Mutter,  groß für eine Frau, war drall, später stark übergewichtig und hatte stechende blaue Augen. Er selbst wurde als mittlerer von drei Brüdern geboren. Die beiden anderen waren schlank, mit dunklen Haaren und sanften braunen Augen; er selbst war untersetzt und kam mehr nach der Mutter. In seinen Augen lag allerdings nicht deren  hilflose Aggression, sondern eine stahlblaue innere Distanz und manchmal ein provozierendes, ungeheuer polarisierendes hellblaues Strahlen: Man mochte ihn, oder man lehnte ihn vollständig ab.

Die Mutter, zuständig für die drei Jungs, den Haushalt und die Ehrenämter, die Pfarrersfrauen so haben, war unzufrieden und nicht selten überfordert. Die engagierte Jugendarbeit, die ihr Mann mit dem örtlichen Abgeordneten betrieb, und die immer wieder jede Menge junger Menschen in ihr Haus schwemmte, war ihr ein ständiger Dorn im Auge. Alle Versuche, ihren Mann unter Druck zu setzen, diese Aktivitäten zu reduzieren, schlugen fehl. Je mehr Druck sie machte, desto weniger erreichte sie ihn. Als er sich schließlich scheiden lassen wollte, erpresste sie ihn mit der Drohung, sich wegen ehelicher Untreue bei der obersten Kirchenleitung zu beschweren. Der Vater blieb also – bis zum Erreichen des Ruhestandes. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was er auch noch weiß ist, dass er eine Weile im Kinderheim zubrachte – aber er erinnert sich nicht, warum. Warum er ins Internat „abgeschoben“ wurde, weiß er dagegen noch genau: Die aggressive Mutter war schuld. Er war ein Einserschüler, aber beliebt war er nicht. Das lag daran, dass er immer wieder auf höchst subtile Weise seine Mitschüler gegeneinander ausspielte. Freundschaft war ihm aber auch nicht wichtig: Er war leidenschaftlicher Sportler mit großen Erfolgen im Hürdenlauf.

Schon als kleiner Junge hat er einen großen Wunsch: Fliegen. Am liebsten mit potenten Militärmaschinen. Deshalb bittet er nach dem Abitur  seinen Vater um Hilfe. Der schaltet den Abgeordneten ein, und tatsächlich: Er darf auf eine Ausbildung als Pilot hoffen, sofern er sich langfristig bei der Bundeswehr verpflichtet. Begeistert unterschreibt er und geht in das Vorpüfungsverfahren. Er lernt mit Leichtigkeit, er weiß sich in den psychologischen Tests perfekt zu behaupten, und auch die erste medizinische Untersuchung verläuft einwandfrei. Aber als es richtig losgehen soll, wird zu hoher Bludruck diagnostiziert. Der sinkt zwar zwischendurch auch wieder, bleibt allerdings nie auf niedrigem Niveau stabil. Das ist das Ende. Man lehnt ihn ab.

Seine Wut ist grenzenlos.

Soll er nun etwa mindestens 16 Jahre im Stubenmief der Uniformträger ersticken? Oh nein.

Er wendet alle Mittel an, die ihm zur Kenntnis kommen,  unlautere sind auch dabei. Dann ist er aus der Bundeswehr raus, der Abgeordnete ist diskreditiert und sein Vater will nichts mehr mit ihm zu tun haben – seine Brüder auch nicht.

Ok, dann eben nicht.

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Er geht ins Ruhrgebiet, um Medizin zu studieren. Finanzielle Unterstützung hat er keine, aber er kommt auch so durch: Er fährt Taxi – besonders an den Wochenenden und Feiertagen, wenn andere frei haben wollen. Er studiert in Rekordzeit und nimmt an einem Klinikum die Arbeit auf. Er spezialisiert sich, wird Herz- und Gefäßchirurg.

Das ist die Zeit, als er entdeckt, welche Wirkung er auf Frauen haben kann, wenn er will. Es dauert nicht lange, und er lebt im Haus einer Bochumer Ärztin und deren Kind aus geschiedener Ehe. Sie arbeiten in der selben Klinik, haben viele gemeinsame Interessen, und eine Zeitlang scheint sein Leben stabil.

Aber die Gleichmäßigkeit in den Lebensumständen macht ihn schnell nervös. Er fühlt sich eingesperrt in einem unwirklichen Stillstand – dazu kommt, dass der Chefarzt ihn auf dem Kicker hat. Abhilfe lässt sich nur teilweise schaffen: Krankenschwestern für die Abwechslung im Bett – auch hier und da einmal genesene Patientinnen – finden sich leicht und lassen sich ebenso leicht auswechseln. Der Chefarzt aber nicht. Und der bekommt gesträubte Nackenhaare, sobald er den stahlblauen Weit-Entfernt-Blick in den Augen seines Chirurgen sieht.

Im Krankenhaus passieren seltsame Unregelmäßigkeiten. Krankenakten verschwinden oder sind nachträglich geändert – die Medikamente und die Lieferlisten stimmen nicht überein, in der Ärzteschaft entsteht Unruhe. Als ein erheblicher finanzieller Posten unter ungeklärten Umständen umgeleitet wird, gerät er unter Verdacht. Er verlässt die Klinik und die zu eng gewordene Lebensgemeinschaft. Mit einer anderen Frau unternimmt er eine lange Reise durchdie Alpenländer, Italien und Südfrankreich. Inzwischen hat er privat den Pilotenschein gemacht und darf eine mehrsitzige Cessna fliegen. Das tut er mit Begeisterung.

Sich in eigener Praxis niederzulassen, kommt für ihn nicht infrage: Es stellt seinen Albtraum der Gefangenschaft an einem einzigen Ort dar. Also versucht er es anders: Er wird Arzt im Dienst eines österreichischen Unternehmens, das in Afrika Öl bohrt. Zu besten finanziellen Bedingungen zieht er ins „Weißencamp“, leitet eine Krankenstation mit mehreren Schwestern und behandelt die Privatpatienten auf eigene Rechnung. Und was das Schönste ist: Zwischen Lagos/Nigeria und Paris/Charles-de-Gaulle gibt es „Linienflüge“ mit der Concorde. Wundervoll. Er braucht zwar Anschlussflüge, aber er nimmt das Überschallflugzeug, wann immer es geht. Als „african resident“ ist das nichtmal wirklich teuer.

Eine der Krankenschwestern ist eine Französin: 40, gut situiert, verheiratet und rettungslos in ihn verliebt. Sie lässt sich scheiden, verzichtet auf einen finanziellen Ausgleich von ihrem Ex-Mann, nimmt nur 40 Goldstücke mit. Er ist sehr geschmeichelt: So ein wildes und schönes Weib will ihn haben, obwohl er nun Mitte 40 ist – klasse. Sie kaufen ein Haus bei Innsbruck – in einem kleinen Dorf, ganz am Rand, für die Zeit nach Afrika. Sie haben einen kleinen schwarzen Jungen bei sich aufgenommen, der von seiner Mutter ausgesetzt worden war und wollen nach Ende ihres Vertrages in Österreich leben.

Mythos des Vaters benutzt

Aber vorher will er noch ein Entwicklungshilfeprojekt in Gang setzen.  Noch einmal fährt er zurück in den Ort, wo er geboren wurde. Der Mythos seines inzwischen verstorbenen Vaters lebt: Die Generation, der damaligen Jugendarbeit sitzt nun auf Entscheiderposten in den Verwaltungen. Auch die Brüder heißen ihn willkommen – skeptisch zwar, aber Blut ist dicker als Wasser. Dafür schläft er auch mal in der von der ungeliebten Schwägerin für ihn ausgeräumten Besenkammer. Was zu diesem Zeitpunkt niemand außer ihm selbst weiß: Er kann nicht ins Camp zurück. Dort ist die Patientenkartei zusammen mit einer knapp sechsstelligen Summe Bargeld verschwunden.

Sie gründen einen Verein zwecks Spendensammlung für den Bau eines Krankenhauses in Afrika: Alle wesentlichen Multiplikatoren und sein jüngster Bruder sind Mitglieder.  Der Verein startet eine Spendenkampagne in den lokalen Medien. Das Geld fließt, aber ihm geht alles viel zu langsam. Er schafft es, einen Termin beim Chefredakteur einer der Tageszeitungen zu bekommen und geht mit allem ihm zur Verfügung stehenden Charme zu Werke. Er plaudert über klassische Musik, internationale Küche und die Leser-Blatt-Bindung von Lokalausgaben. Der Chefredakteur ist tief beeindruckt von diesem Mann von Welt. Die Zeitung veranstaltet ein Gala-Konzert und spendet eine fünfstellige Summe.

Auch eine Freundin vor Ort ist schnell gefunden. Er bewirft sie wochenlang mit langstieligen roten Rosen: Jeden Tag liefert das Blumenhaus einen neuen Straß, mal in die Wohnung, mal ins Büro. Dann zieht er von der Besenkammer in ihr Haus. Sie ist 30 und er kann ihr viel beibringen. „Willst du führen oder willst du geführt werden?“ ist seine Standardfrage, wenn sie beginnt, über Teamarbeit und Gleichberechtigung zu sprechen. „Eine andere Wahl hast du nicht. Es gilt IMMER das Recht des Stärkeren. Also entscheide dich.“

Sie sprechen über Afrika, die Notwendigkeit von Entwicklungshilfe, sein Leben. Und sie fahren weg, wann immer es geht. Er hat jeden Monat einen anderen Leihwagen: Immer im Wechsel Mercedes oder BMW. Er liebt es, wenn sie fährt. Und er liebt es, sie zu formen. Sie hat zum Beispiel die falsche Garderobe: Er bringt sie deshalb in die große Stadt, läuft mit ihr durch mehrere Boutiquen, trinkt Champagner und sieht zu, wie die Verkäuferinnen sie einkleiden. Die Sachen, die ihm an ihr gefallen, kauft er. Sie fahren in kleine Hotels in die Vogesen, und sie sind oft in der Schweiz: Am liebsten in Lugano. Er liebt die Anonymität großer, teurer Hotels. Dort parkt er die Freundin gern bis zur Abreisestunde, um mit einem kleinen schwarzen Köfferchen in die Stadt zu fahren, wo er „Geschäfte“ erledigen muss. Viel später wird sie erfahren, dass er versucht hat, von ehemaligen Patienten Geld einzutreiben.

Einmal schaut sie neugierig in seinen blauen Koffer, den er immer wieder irgendwo auf wundersame Weise mit frisch gebügelten weißen oder blauen Hemden bestückt: Außer diesen und einigen Accessoires findet sie zerknitterte Kontoauszüge. Die Summe nimmt rapide ab. Geldquellen kann sie keine ausmachen.

Er reagiert kalt und konsequent, wenn sie nicht funktioniert: Hotels zahlt er nur, wenn er sie auch ausgesucht hat. Es kostet beinahe ihr ganzes Monatseinkommen, als sie einmal ein „falsches Hotel“ anfährt: Er lässt sie bei der Abreise gnadenlos allein an der Rezeption stehen und die gesamte Rechnng bezahlen. Ähnlich geht es beim Einkleiden zu: Als sie einmal selbst ein Kleid aussucht, sagt er mit charmantem Lächeln und grell-provokantem Blick erst an der Kasse: „Dieses Kleid zahlt die Dame selbst.“

Immer wenn sie Fahrten unternehmen, ist er ein anderer Mensch. „Es gibt nichts schöneres, als unterwegs zu sein,“ erklärt er ihr. „Wann und wo man ankommt, ist völlig egal.“ So fahren sie mal hierhin, mal dahin. Zum Beispiel mal eben nach Paris. Um mit den Hintergrundgeräuschen von Charles-de-Gaulle bei geöffneter Tür der Telefonzelle in Afrika anzurufen und der Französin zu erklären, dass die Concorde gut gelandet sei.

Eines Abends, als er sie im Büro abholt, gibt es einen Eklat: Die Tür öffnet sich und „seine“ Französin ist da. Sie legt eine lautstarke, wenig schmeichelhafte Szene hin – die neue Freundin schweigt hilflos, er selbst bekommt einen peinlich roten Kopf, führt das zeternde Weib zur Tür, befördert es zu seinem Fluchtpunkt: Das Hotel am Flughafen. Das ist zwei Tage bevor er mit der Freundin für eine Woche nach Miami fliegen will. Die Tickets liegen bei ihr zuhause, die Koffer sind gepackt. Am Tag des Abflugs, als er sich immer noch nicht gemeldet hat, ruft sie im Flughafenhotel an. Er ist da, sie hört das eine Frauenstimme im Hintergrund. Dann sagt er: „Wir fliegen nicht“ und legt auf.

Lügner, Betrüger und Hochstapler

Sie bekommt einen Anruf seines jüngsten Bruders mit der Bitte um ein Treffen. Als sie sich sehen, redet er Klartext: „Mein Bruder ist ein Lügner, Betrüger und Hochstapler. Das war er schon als Kind. Glaube ihm nichts und verlasse dich niemals auf ihn.“

In der Zwischenzeit war der Verein rege aktiv.  Medikamente wurden von Firmen und Großhändlern gesammelt, medizinisches Gerät und ausgediente Krankenbetten bei Kliniken aus der ganzen Republik. Sie lagern in der Verwaltung, sollen aber da weg, weil sie zuviel Platz brauchen. Entwicklungshilfeorganisationen sind eingebunden, um Ärzte und medizinisches Personal für das neue Krankenhaus zu finden, das derweil im Bau ist. Die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung ist groß. Das Haus der Freundin ist – ganz ohne ihr Einverständnis – Telefonzentrale: Hier melden sich alle, die den mal wieder verschollenen Doktor sprechen wollen oder sonstige Fragen haben. Wie zum Beispiel die Autovermietung: Die will wissen, wer nun den Totalschaden an einem Mercedes zahle, den er nach dem Unfall kommentarlos auf dem Hof abgestellt hat. Glücklicherweise sei ja weder ihm, noch der Beifahrerin etwas passiert… Wenig später meldet sich die Krankenkasse: Wie das nun mit den Beitragsrückständen aussehe…

Nach mehrwöchiger Abwesenheit ohne sich zu melden taucht er abends wieder bei ihr auf, in der Hand ein Baquette, Räucherlachs und eine Flasche Champagner: „Sie ist zurück in Afrika,“ sagt er fröhlich und strahlt die Freundin an. Die Augen unter den buschigen Brauen leuchten hellblau und charmanter denn je. Sie zeigt auf seinen gepackten blauen Koffer, der im Flur wartet: „Raus.“

Er geht nicht. Statt dessen deckt er den Tisch, setzt sich und berichtet, wie schwierig es sei, sich von der Französin zu trennen. Nun sei aber alles auf bestem Weg, und er gedenke, sich dauerhaft am Ort niederzulassen. Er hat Vertretungen in lokalen Arztpraxen organisiert, eine auch schon angetreten, im übrigen beschlossen, sich endlich selbst einen Wagen zu kaufen. Auch ein Vereinsbüro will er mieten und dort die ganzen gesammelten Spenden unterbringen.

Sie sagt: „Weißt du eigentlich wie es mir ging, als du einfach verschwunden bist?“ Mit rotem Kopf bricht er in Tränen aus. Als sie um den Tisch herumgehen will, um ihn zu umarmen, sagt er: „Lass das! Du weißt ja nicht, warum ich weine.“ Er berichtet von seinen Taxifahrten an Wochenenden, zu Ostern oder Weihnachten während des Studiums. „Ich war ganz allein. Ohne Freunde, ohne Familie. Aber was das schlimmste war: Ich konnte nichts, absolut gar nichts fühlen. Nichtmal Trauer.“

Sie quartiert ihm im Gästezimmer ein und fragt sich zum hundertsten Mal, warum sie diesen Menschen nicht zum Teufel schickt.

MARS GLOBAL SURVEYOR VIEW OF HAPPY FACE CRATER

In der Folgezeit scheint er sich zu sammeln. Er mietet ein Haus in einem versteckten Winkel eines Nachbarortes. Die Miete lässt er von der Kirchengemeinde zahlen: Die darf im Obergeschoss eine Asylantenfamilie einquartieren. An der Haustür steht der Name des Vereins. Er verfügt jetzt über Wohnzimmer, Schlafzimmer, Kinderzimmer, Büro, Küche und Bad. Die Rolladen sind immer unten. Die Freundin bekommt einen Schlüssel.

Er verschwindet für immer längere Zeiträume, ohne sich zwischendurch zu melden. Sie hört, dass er zeitweise bei der Leiterin des Arbeitsamtes lebt. Eine Bekannte, die für eine Airline arbeitet, erzählt ihr am Telefon, dass er versucht habe, sich bei ihr einzuquartieren. Mittlerweile hat sie auch erfahren, dass die Beifahrerin bei seinem Unfall im Mietwagen die Frau eines anderen Arztes war, mit der er offenbar ein Wochenende verbracht hatte. Auf gerader Strecke war der Wagen ausgiebig an den Leitplanken entlang gescheuert.

Die „guten Gene“ weitergeben

Wenn er selbst auftaucht, konfrontiert er sie mit abstrusen Ideen: „Ich möchte, dass wir ein Kind zeugen. Ich habe gute Gene, die weitergegeben werden sollten – und ich denke, deine sind auch soweit ok. Wenn das Kind dann da ist, machen wir einen Vaterschaftstest und stellen fest, ob es wirklich von mir ist. Dann finanziere ich es bis zum abgeschlossenen Studium.“ Ihr fällt die Kinnlade herunter. „Sag mal, spinnst du?“ „Nein, keineswegs.“ Seine Augen sind klar und kühl. „Ich muss schließlich wissen, dass es wirklich meine Gene sind.“ Sie lehnt empört ab: „Ich will, dass du künftig in deiner eigenen Wohnung schläfst.“ Das tut er. Die Spenden sind jetzt auch dort. In der Garage steht jetzt ein Kleinbus, gestiftet von einem örtlichen Arzt.

Eigentlich will sie ihn zur Rede stellen wegen der zahllosen Forderungen, die immer bei ihr landen. Wieder einmal hat er einen hochroten Kopf, jetzt auch die Augen eines gehetzten Tieres. Sein Hals ist irgendwie dicker. Sie muss mehrfach nachfragen, was los ist, bis er tonlos sagt: „Heiße Strumas in der Schilddrüse. Ich habe Krebs. Eine Folge der Röntgenbehandlung in meiner Kindheit.“

In Deutschland kann er sich nicht operieren lassen, keine Krankenkasse mehr.  Er beschließt, nach Chicago zu fliegen und sich dem Sohn seines Doktorvaters anzuvertrauen. Sie fragt nicht, woher er das Geld nehmen will. Es wäre zwecklos. Er ist jetzt erkennbar gefährlich – wie ein waidwundes Tier. Also fragt sie nach den Überlebenschancen. „Ganz gut, wenn noch keine Methastasen da sind,“ antwortet er. Für einen kurzen Moment kann sie seine Angst erkennen, bevor der Weit-Entfernt-Blick alles überdeckt.

Er verschwindet. Als er vier Wochen später wieder auftaucht, ist er ein anderer Mensch. Hektisch, hochrot, jähzornig, gehetzt. Die Medikamente seien schuld, sagt er. Es sei so schwierig, die nun fehlenden körpereigenen Hormone richtig einzustellen. Später wird klar: Weder seine Brüder, noch seine Mutter haben ihm Geld geliehen. Er hat die OP-Rechnung mit einer ungedeckten Kreditkarte gezahlt, ebenso die des Hotels, wo er während der Nachbehandlung wohnte.

Alarmstufe rot – bitteres Ende

Sie fährt zu seiner Wohnung, um nachzusehen, ob die Spenden noch da sind. Sie findet zum Trocknen aufgehängte Kleidung eines Mannes, einer Frau und eines Kindes. Weit können sie nicht sein, die Kleidung ist noch feucht. Im Büro liegen drei Kreditkarten samt zugehörigen Forderungen der Banken im fünfstelligen Bereich. Im Regal findet sie Bücher aus ihrem Haus, die sie bereits vergeblich gesucht hatte. Und eine Handtasche aus Schlangenleder, die er ihr vor Monaten geschenkt und die sie bisher in ihrem eigenen Schrank gewähnt hatte. Der Kleinbus in der Garage ist voll gepackt mit Medikamenten. In der Schreibtisch-Schublade liegt ein „letzter Wille“: Zynisch hat er formuliert, dass die Frau, die ihn bis zum Ende pflege, seinen Nachlass ihr Eigen nennen dürfe.

Alarmstufe rot.

Sie informiert die Vereinsmitglieder und den Vertreter der Zeitung. In Windeseile stellen sie die Spenden sicher. Später werden sie vor Ort feststellen, dass auch alles wohlbehalten im afrikanischen Krankenhaus angekommen ist.

Diesmal taucht er nicht wieder auf. Das letzte, was sie erreicht, ist ein Anruf von irgendwo: „Ich habe Metastasen. Und alles, was man dir über mich erzählt hat, sind Lügen. Sie mochten mich nie wirklich.“ Dann reißt der Kontakt endgültig ab.

Bis die Anrufe abreißen, dauert es länger. Ein Makler sucht ihn – das Haus bei Innsbruck sei nun verkauft. Ein Arzneimittel-Großhändler sucht ihn: Er hat sich Medikamente für ein Dreifaches der vorhandenen Spendensumme liefern lassen und die Berichte der Tageszeitung als Referenz vorgelegt. Bezahlt hat er nicht.

Jahre später hört sie das Ende der Geschichte. Inzwischen sind die beiden anderen Brüder an Krebs gestorben. Eine der Nichten berichtet ihr, wie er seine letzte Zeit  verbrachte: Im Rollstuhl.

Eingesperrt und unbeweglich.

Die Frau, die ihn bis zu seinem Tode pflegte, hat er geheiratet.

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Die Psychopathie-Checkliste von Robert D. Hare unterscheidet laut Wikipedia zwei Dimensionen der Psychopathie mit folgenden Punkten:

Dimension 1: ausnützerisch

  • trickreich sprachgewandter Blender mit oberflächlichem Charme
  • erheblich übersteigertes Selbstwertgefühl
  • pathologisches Lügen (Pseudologie)
  • betrügerisch-manipulatives Verhalten
  • Mangel an Gewissensbissen oder Schuldbewusstsein
  • oberflächliche Gefühle
  • Gefühlskälte, Mangel an Empathie
  • mangelnde Bereitschaft und Fähigkeit, Verantwortung für eigenes Handeln zu übernehmen

Dimension 2: impulsiv

  • Stimulationsbedürfnis (Erlebnishunger), ständiges Gefühl der Langeweile
  • unzureichende Verhaltenskontrolle
  • frühere Verhaltensauffälligkeiten
  • Fehlen von realistischen, langfristigen Zielen
  • Impulsivität
  • Verantwortungslosigkeit
  • Abwertung anderer Menschen
  • Jugendkriminalität
  • Verstoß gegen Bewährungsauflagen bei bedingter Haftentlassung

Weitere Punkte:

  • Promiskuität
  • viele kurzzeitige eheähnliche Beziehungen
  • polytrope (vielgestaltige) Kriminalität

Antisoziale Persönlichkeitsstörung

Die antisoziale Persönlichkeitsstörung (früher auch als Soziopathie, also – etwas frei übersetzt – als sozialer, gesellschaftlicher Störfaktor bezeichnet) lässt sich im allgemeinen am sichersten diagnostizieren. Das liegt nicht zuletzt an ihrem meist eindrucksvollen (negativ auffallenden) Beschwerdebild: verantwortungsloses und antisoziales (gegen jede gesellschaftliche Regeln verstoßendes) Verhalten, und zwar von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Vor allem scheinen antisoziale Persönlichkeiten wegen ihrer Impulsivität (also spontanen, hier besonders überschießenden, unkontrollierten Wesensart), ihrer Unzuverlässigkeit, Bindungsschwäche, Egozentrizität (krankhafter Ichbezogenheit) und wegen des Mangels an Schuldgefühlen therapeutisch kaum beeinflussbar zu sein.

Zusätzliche Probleme, seien sie gesundheitlicher, seien sie sozialer Art, entstehen oft durch den gleichzeitigen Missbrauch von Alkohol, Rauschdrogen, Tabak und Medikamenten. Die Heilungsaussichten sind deshalb in aller Regel ungünstig.

Behandlung: Nach dieser negativen Einführung nimmt der Satz nicht Wunder: Versuche mit (meist) gruppentherapeutischen Verfahren werden in der Regel im Rahmen von Besserungseinrichtungen, in Vollzugsanstalten oder in der forensischen Psychiatrie durchgeführt (rechtskräftig verurteilte psychisch Kranke in der Behandlung dafür spezialisierter Abteilungen der psychiatrischen Krankenhäuser).

Medikamentös gibt es für antisoziale Persönlichkeiten keine speziellen Therapievorschläge. Reizbarkeit und Aggressivität werden – soweit möglich – durch antipsychotische Neuroleptika und die Phasenprophylaktika Lithium und Carbamazepin (leicht) gebessert. Das eigentlich antiepileptisch zum Krampfschutz eingesetzte Carbamazepin wird vor allem dann empfohlen, wenn sich im Hirnstrombild (EEG) bei Patienten mit antisozialer Persönlichkeitsstörung eine so genannte Temporallappen-Schädigung feststellen lässt (Schädigungen im Temporal- oder Schläfenlappen des Gehirns sind für eine ganz besonders auffällige und für Laien ungewöhnliche Form der Epilepsie verantwortlich, was sich gerade durch solche Antiepileptika erfolgreich behandeln lässt).

Verhaltenstherapeutisch ist bei den antisozialen Persönlichkeitsstörungen eine Erkenntnis von nachteiliger Bedeutung, die sich auch nicht erfolgreich „wegtrainieren“ lässt, zumindest bei einer nicht geringen Zahl von Betroffenen: Diese „Soziopathen“ sind durch Strafreize weniger gut konditionierbar (prägbar) und lernen schlecht aus Erfahrungen, und seien sie noch so schmerzlich und damit für eine entsprechende Verhaltenskorrektur wegweisend. Dazu kommt das bereits erwähnte Risiko-Suchtverhalten, das weit über dem Durchschnitt liegen kann (was offenbar auch mit bestimmten Funktionsstörungen des Gehirns zu tun hat). So kommt man meist um einen Gesamt-Behandlungsplan nicht herum, der mit Psychotherapie, Konditionierungsverfahren, Belohnung und Beeinflussung durch Eltern und Beziehungspersonen sowie oft genug durch entsprechende Medikamente arbeitet – leider letztlich mit begrenztem Erfolg.   Quelle: Psychosoziale Gesundheit

HILFE: Bei www.narzismus.net gibt es diverse Foren und Partnerseiten, wo auch Probleme in der Partnerschaft mit Soziopathen besprochen werden.

Siehe auch:

Teil eins: Nie wieder verletzt werden: Ein Blick ins Herz eines Narzissten

 Teil drei: Ein gebrochenes Herz wird andere Herzen brechen – es kann nicht anders

Krankhaftes Lügen: Ursachen und Symptome

und:

Wo andere ein Gewissen haben, ist da nichts

Wie man einen Soziopathen erkennt

Unterschiede zwischen Soziopath und Psychopath

Persönlichkeitsstörungen einteilen

Video mit ausfühlichen, klaren Definitionen und Verteidigungsstrategien

Update: Der wahre Wolf der Wall Street – auch nochmal hier

Update: 5 major signs your guy is an emotional psychopath

Update: Magdalena Kopp, die Gefährtin des „Schakals“

Update: Loslassen macht frei – Tipps wie man das macht

Update: Love Bombing: Wenn man mit Liebe überschüttet wird