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Was ist Zeit? Gibt es sie überhaupt? Oder gibt es sie gleich mehrfach?

Die Zeit: Nach dem irdischen Element Wasser ist sie wohl das Faszinierendste, das uns vom Leben geschenkt wird. Immer wieder versuchen wir Menschen, sie zu messen, zu definieren, in irgendeine begreifbare Form zu bringen – nie gelingt es uns wirklich. Denn sie ist uns über, in jeder Hinsicht, die Zeit.

Da gibt es zum Beispiel die Newton’sche Definition: „Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfließt an sich unwiederbringlich und besteht ihrer Natur nach gleichförmig und ohne Beziehung auf irgendeinen äußeren Gegenstand.“  

Albert Einstein fand heraus, dass Newton nicht ganz Recht hatte: Dessen Definition erwies sich nämlich als unvereinbar mit der „Elektrodynamik bewegter Körper“. Einsteins  Relativitätstheorie befasst sich deshalb mit der Struktur von Raum und Zeit sowie mit dem Wesen der Gravitation. Kurz und unpräzise zusammengefasst: Zeit lässt sich dehnen, krümmen und komprimieren, Vorgänge, die sich mathematisch berechnen lassen. In seiner unnachahmlichen Art formulierte das Genie für uns Unwissende zwei Beispiele: „Zeit ist das, was man an der Uhr abliest“ – und „Fünf Minuten mit einem schönen Mädchen vergehen wie im Fluge, die selbe Zeit auf einer heissen Ofenplatte ist allerdings eine Ewigkeit!“

Damit wir praktisch mit ihr umgehen können, haben wir Menschen „unsere“ Zeit exakt definiert:  Eine Sekunde entspricht dem 86400. Teil einer Erdumdrehung oder genauer gesagt 9.192.631.770 Schlägen eines Cäsium-Atoms in einer Atomuhr. So wissen wir, wie lang eine Woche, ein Monat, ein Jahr sind und können am Ende unseres Lebens die im Körper verbrachte Zeit genau feststellen. Wir wissen, wie lange es von Sonnenaufgang bis -untergang dauert, können nach einem allgemein anerkannten Schlüssel Termine planen und was sonst noch so unseren Alltag bestimmt.

Prof. Dr. Gernot Münster ist Physiker. In seinem Referat Was ist Zeit?“ stellt er sich interessante Fragen: Hat die Zeit einen Anfang, ein Ende? Kann es „Zeitreisen“ geben? Kann sich die Zeit zyklisch zu einem Kreis schließen? Wie kommt es zu dem Unterschied zwischen Vergangenheit und Zukunft? Er kommt zu ebenso interessanten Ergebnissen:

„Bei genauerem Hinsehen kann man mehrere Zeitpfeile unterscheiden
1. psychologisch: Erinnerung richtet sich in die Vergangenheit und nicht in die Zukunft
2. thermodynamisch: Nach dem 2. Hauptsatz nimmt die Entropie stets zu
3. elektrodynamisch: Strahlung breitet sich von der Quelle mit fortschreitender Zeit aus
4. quantentheoretisch: die Zustandsänderungen im Messprozess sind unumkehrbar
5. kosmologisch: das Weltall dehnt sich aus.

Die Zeitpfeile 1-4 hängen zusammen. Die mit ihnen verbundenen irreversiblen Vorgänge laufen aufgrund von Wahrscheinlichkeitsgesetzen ab, die ein Fortschreiten von geordneten zu mehr ungeordneten Zuständen beschreiben. Dabei wächst insgesamt die Unordnung der betrachteten Systeme (Entropie).  Der Zeitpfeil lässt sich in diesem Fall darauf zurückführen, dass ein geordneter Anfangszustand (mit niedriger Entropie) vorliegt. Während die Gesetze zeitlich umkehrbar sind, führen die Anfangsbedingungen zu einer Unumkehrbarkeit von Vorgängen. Die Frage nach dem Zeitpfeil führt daher zu der Frage nach dem Ursprung des geordneten Anfangszustandes. Hierauf gibt es noch keine allgemein akzeptierte Antwort. Allerdings gibt es eine plausible Hypothese, wonach der Ursprung in der Kosmologie (Urknall) begründet ist, und die Expansion des Weltalls als eine Art „Master-Zeitpfeil“ wirkt.“

Eine weitere grundlegende Feststellung des Professors ist die Tatsache, dass auch die Zeit selbst relativ ist: „Die Relativität der Zeit wird gerne im so genannten Zwillingsparadoxon veranschaulicht: Ein Zwilling verlässt die Erde in einem Raumschiff, welches mit hoher Geschwindigkeit ins Weltall fährt und nach ein paar Jahren wieder zurückkehrt. Während der auf der Erde verbliebene Zwilling zum Greis gealtert ist, entsteigt dem Raumschiff seine deutlich weniger gealterte Schwester. Zwar liegt die Realisierung dieser Geschichte weit außerhalb der heutigen Möglichkeiten, der Effekt wurde jedoch mit Hilfe von Atomuhren in Flugzeugen experimentell bestätigt.“

Wer  bis hierher gelesen hat, wird gemeinsam mit mir festgestellt haben, dass all die klugen Köpfe wertvolle Definitionen zum Thema Zeit liefern – aber keine vollständigen – keine, die wirklich befriedigen.

Ganz anders gehen spirituelle Menschen mit der Frage um, was Zeit ist. Schamanische Heiler aller Erdteile vereint die Praxis des „Reisens“ in einem Trancezustand, der Zeit und Raum gleichermaßen überwindet. Auf solchen Reisen kann man ebenfalls die Zeit dehnen, krümmen und komprimieren – und im Erleben dieser Reisen sind die Prozesse auch umkehrbar.

MU

Der Buddhismus, ein großer philosphischer Erkenntnisweg, der fälschlich mit einer Religion verwechselt wird, hat sein eigenes Ziel im Umgang mit der Zeit definiert: Kurz und unpräzise zusammengefasst geht es darum, diese zum Stillstand zu bringen, um hinter sie zu schauen. So gibt es etwa im Zazen die Praxis des MU. MU bedeutet übersetzt „hat nicht“. Nach intensiver, meist langjähriger Übung, die daraus besteht, den Kopf zu leeren von allen Gedanken, das Gehirn daran zu hindern, ständig  zu plappern, und statt dessen dem Atem zu folgen, wie er ein und ausgeht ganz ohne unser Zutun – all dies unter ständiger Wiederholung des Mantras MU – erreicht der Übende einen Punkt, an dem eine glasklare Einsicht darin besteht, dass die Zeit nicht nur relativ ist: Vielmehr gibt es sie gar nicht.

Hinter all dem Werden und Vergehen gibt es ein unvergängliches Sein. Etwas, das es vor dem Beginn des Universums gab und danach weiter geben wird. Es ist ein Phänomen, das nicht Zeit, sondern Bewusstsein ist. Hier wohnt der „große Geist“, „Gott“, „der Schöpfer“ oder wie auch immer wir es nennen wollen. Wer hier ankommt, muss nicht zurück in das Rad des Samsara, den großen Kreislauf von Geburt und Tod, denn er hat erkannt, dass er, völlig unberührt von irgendwelchen physikalischen Prozessen, IST.

In einer ähnlichen Erkenntnis bewegen sich Menschen, die sich den verschiedenen Methoden des Remote Viewings verschrieben haben – hier allerdings aus sehr praktischen Gründen. Remote Viewer arbeiten heute an Fällen, wo normale Methoden nicht weiterführen, es geht dabei oft um sehr viel Geld. Sie suchen beispielsweise Tanker, die auf den Ozeanen der Welt verschwunden sind, und werden dazu von Versicherungen angeheuert.

Im Remote Viewing existiert der Begriff der Matrix – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Film. Ein „Viewer“ muss in diese Matrix vordringen, um erfolgreich arbeiten zu können. Dort findet sich, wie in einem Hologramm, alles was jemals im Universum war und ist, und zwar gleichzeitig. Das besondere an dieser Matrix ist, dass man beliebig darin herumreisen kann – vorwärts, rückwärts oder quer durch Jahrhunderte oder Jahrtausende. Man erreicht sie, indem mit mechanischen Mitteln das Gehirn daran gehindert wird, seine gewohnten Blockaden aufzustellen. Dann folgt der befreite Geist seinem Hinweisgeber, etwa einem Foto, in die Situation, in der dieses  entstand und kann sich von dort aus beliebig bewegen.

Remote Viewing

Das, was die Matrix ausmacht, hat mit dem, was wir gewöhnlich unter Zeit verstehen, nichts mehr zu tun. Vielmehr ist es ein wabernder Ozean von Informationen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die gleichzeitig betrachtet werden können und  erst durch gezielte Nachforschungen in eine für uns nutzbare zeitliche Reihenfolge gebracht werden müssen.

Zeit gibt es nicht  – sie ist eine Illusion. Dieser These hängen immer mehr heutige Physiker an. Dr. med. Detlef B. Bartel, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, hat sich in einem Aufsatz mit der Frage auseinandergesetzt: „Die Physiker bezeichnen die vierdimensionale Welt als Block-Universum der Raumzeit. In dieser Welt fließt keine Zeit mehr. Alles ist auf einmal da. Der philosophische Begriff dafür lautet: Eternalismus.

Es bleibt nun noch die Frage, wieso wir trotzdem eine fließende Zeit erleben,“ schließt der Autor und beantwortet sie für sich so: „Das dürfte daran liegen, dass unser Gehirn durch seine physikalische Beschränktheit immer nur Momentaufnahmen herstellen kann, die wir dann zu einem Ganzen zusammensetzen. Diese Momentaufnahmen erscheinen uns wie vorbeifließende Bilder. Ähnlich wie bei einem Zelluloidfilm, auf dem schon alle Bilder da sind. Erst durch das Abspielen des Filmes entsteht der Eindruck von fließender Zeit, obwohl das Filmmaterial selbst zeitlos ist.“

Aber nicht nur theoretische Erwägungen unseres Gehirns sorgen für das Gefühl von fließender Zeit. Wir selbst und alles Leben auf dem Planeten sind geprägt von Werden und Vergehen. Nach der Phase von Wachstum und Entwicklung folgen eine relativ kurze Blütezeit und ein  unterschiedlich langes Vergehen. Je länger Menschen leben, desto länger ist auch diese Zeit des langsamen Abbaus,  in der das nicht mehr möglich ist, was Physiker als herausragende Eigenheit der Zeit beschreiben: Ihre Neigung, sich auszudehnen. Statt dessen beobachtet der Geist den alternden Körper, lebt zunehmend mehr in wehmütiger Erinnerung statt in Zukunftsplänen und muss irgendwann akzeptieren, dass sich der Körper niederlegt und seine Arbeit gänzlich einstellt. Dieser lineare Ablauf von Lebenszeit wirkt nicht nur fließend, er ist es auch.

Wurmloch

Mit einer Ausnahme: Kein feststellbares Altern gibt es bei den Gefühlen. Verliebtheit beispielsweise wird meist jungen Menschen zugeordnet. Man frage aber Menschen jeden Alters: Auch am Ende eines langen Lebens kann ein Mensch verliebt sein wie einst mit 16 Jahren. Ähnlich verhält es sich mit dem gegensätzlichen Gefühl, dem Hass. Oder mit der Sehnsucht. Es ist, als seien die Gefühle eine Art „Wurmloch“ im Universum, das die Verbindung zwischen linearen, endlichen Zeiträumen und der Unendlichkeit ermöglicht.  Gibt es also Liebe über den Tod hinaus? Treffen wir geliebte Menschen und Tiere wieder? Und wie könnte das dann sein? Im Zustand des grenzenlosen unsterblichen Seins oder in einem neuen, endlichen Leben?

Wobei das mit unserer derzeitigen Lebenswirklichkeit auch nicht sein muss, was es zu sein scheint. Ein Vermächtnis des unlängst verstorbenen Stephen Hawkings ist die Theorie, dass es parallel zu unserem noch andere Universen, vielleicht Multiversen gibt, in denen wir ebenfalls leben, aber andere Entscheidungen treffen, so dass Pech im aktuellen Universum Glück im parallelen sein könnte. Was für Perspektiven! Und wie schade, dass wir unsere parallelen Leben nicht bewusst wahrnehmen können!

Allein in der Hölle der Leere – vom Ringen um den Weg aus dem schwarzen Loch

Endlich ist es Frühling. Der erste Zitronenfalter flattert durch den noch weitgehend kahlen Garten – ein neongelber Gruß von Licht und Wärme. Die Forsythien brauchen noch höchstens drei Tage dieses sonnigen, milden Wetters, dann werden sie ein sonnengelbes Blütenmeer entfalten – und über allem dieses leuchtend klare Himmelblau, das man nur nach oder vor der kalten Jahreszeit in dieser Intensitat erleben kann.

Sie hört den Vögeln zu, die bereits balzen – und dem melodischen Rattern des Spechts, der dabei ist, in einen alten Baum auf dem weitläufigen Grundstück eine neue Nisthöhle zu bauen.  Ihr Herz krampft sich schmerzhaft zusammen, als sie an die kommenden Monate denkt: In wenigen Wochen, wenn auch die Nächte mild geworden sein werden, wird sie dem sehnsuchtsvollen, einsamen Gesang der Nachtigall lauschen – allein  im samtweichen Dunkel – allein, wie jedes Jahr. Der Unterschied zu den Jahren davor: Sie hat es selbst entschieden.

Sie hat versucht, sich zu belohnen. Sie war im Eiscafé, hat in der Sonne gesessen, mit Freundinnen geplaudert, Erinnerungen ausgetauscht. Sie hat sich neue Anziehsachen gekauft – in hellen, freundlichen Farben und zwei Größen kleiner, denn die ständigen Magenschmerzen und die Appetitlosigkeit haben ihr beinahe ihre Idealfigur zurückgegeben.  Sie hat einen Urlaub am Meer gebucht – Südfrankreich, wie früher – nicht immer Malediven oder Karibik, wie in den letzten Jahren. Und sie hat mit Erstaunen festgestellt, dass sich zahlreiche Bekannte wieder bei ihr melden – obwohl die gar nicht wissen konnten, welche neuen Entscheidungen sie für ihr Leben getroffen hat.

Kurz und gut – eigentlich ist alles bestens.

Bis auf die Tatsache, dass sie nichts fühlen kann.

Und dass sie nur noch zwischen zwei Zuständen hin und her pendelt, von denen einer unerträglicher ist als der andere: Der erste ist eine quälende Unruhe, ein fast verzweifelter Bewegungsdrang, der dafür sorgt, dass sie sich ziemlich unkoordiniert in Arbeit stürzt, um nicht mit ihr konfrontiert zu werden.

Der zweite ist die Erschöpfung. Wenn sie nach schlaflosen Nächten und tagelanger Arbeit nicht mehr ausweichen kann und ihr Gespenst Anstalten macht, sie bei lebendigem Leib zu fressen: die Leere.

Wenn die Leere Gewalt über sie bekommt, ist das, als  verschwinde sie unter einer unsichtbaren Glasglocke. Alles sieht aus wie sonst – auch sie selbst. Und doch ist alles anders. Dann ist sie allein auf einem lebens-leeren Planeten, bestehend aus einer löchrigen, metallischen Scheibe, schwebend im schwarzen Loch. Sie steht am Rand der Scheibe und weiß: Es trennt sie ein einziger kleiner Schritt vom Fallen. Vom Fallen in einen unendlichen, leeren Raum. Einen dunklen Raum. Einen eiskalten. Einen, in dem Sterben unmöglich ist, Leben auch.

Sie weiß, welche Medikamente sie nehmen muss, um ihren Adrenalinspiegel zu erhöhen. Dann spürt sie wie sie auftaucht: Aus der Gefühllosigkeit durch einen schreienden, namenlosen Ozean des Schmerzes steigt ihr Kampfgeist auf, sie wird beweglich, entfaltet Charme und Überzeugungskraft. Dann überzeugt sie sogar sich selbst, dass sie zufrieden und erfolgreich im Leben steht.

Seit sie die Täuschung erkannt hat, verzichtet sie darauf.

Sie weiß, welche Worte sie hören muss, damit die Illusion erwacht. Die Illusion, dass sie vollständig ist. Dass die zweite Hälfte, die sie  ihr Leben lang  vergeblich gesucht hat, nun bei ihr ist, auf immer verbunden, wie Yin mit Yang.

Seit sie erkannt hat, dass Worte Taten nur kurzfristig ersetzen können, verzichtet sie darauf.

Und nun steht sie ihr gegenüber, der unerbittlichen Feindin ihres Lebens: Der Leere. Dem unendlichen Fallen in ein namenloses, schwarzes Nichts.

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Ein Mönch fragte Chao-chou (japanisch Joshu): „Hat ein Hund die Buddha-Natur?“ Chao-chou antwortete: „MU“.

MU bedeutet: ‚hat nicht‘. Dieser Zen-Koan entstammt einer kommentierten Sammlung aus dem 12. Jahrhundert, zusammengestellt von Wu-men Hui-k’ai. Heute ist er der erste Koan in der Sammlung Mumonkan.

Wu-mens (Mumons) Kommentar dazu: „Die Praxis des Zen verlangt gebieterisch, dass wir die von den alten Meistern errichteten Schranken überwinden. Solange wir sie nicht überwinden und die Straße des Denkens nicht verlassen, gleichen wir Geistern, die sich an Büsche und Grashalme klammern. Was ist nun diese ‚torlose Schranke des Zen‘? Diese einzige Schranke des Glaubens ist verkörpert in der einzigen Silbe MU.

Zum wohl hundersten Mal in den letzten Wochen liest sie die Passage, in der Zen-Meister Robert Aitken  Mumon zitiert:  „Wir sollten unseren ganzen Körper in eine Masse des Zweifels verwandeln und uns mit jedem unserer ‚360 Knochen und 84 000 Haarfolikeln‘ auf dieses eine Wort MU konzentrieren“. Dabei ist die wörtliche Übersetzung bedeutungslos – wichtig an der Silbe MU ist einzig, dass sie mit keinem greifbaren Bild verknüpft werden, den Verstand also nicht an einen Irrweg anhaften lassen kann. Durch niemals nachlassendes Üben wird MU zu einer glühenden Eisenkugel in unserem Mund, unserem Hals, unseren Eingeweiden – wir essen MU, atmen MU, verdauen MU werden selbst zu MU.

„Plötzlich bricht MU auf. Der Himmel ist starr vor Erstaunen, die Erde bebt. Es ist, als würden wir General Kuan sein großes Schwert entreißen. Wenn wir einem Buddha begegnen, töten wir ihn. Wenn wir Bodhidharma begegnen, töten wir ihn. Auf dem unendlich schmalen Grat zwischen Geburt und Tod entdecken wir die vollkommene innere Freiheit, erfreuen wir uns eines Samadhi der Fröhlichkeit und des Spiels.“

Wu-mens Original-Vers dazu: ‚Hund! Buddha-Natur! Der vollkommene Ausdruck des Ganzen. Nur ein wenig ‚hat‘ oder ‚hat nicht‘ genügt, und der Körper ist verloren, das Leben ist verloren.“

Sie ist überzeugte Buddhistin. Und doch hat sie nun seit Jahren kein Sesshin mehr besucht. Gute Gründe hat sie ihrem inneren Richter dafür genannt: So etwa die ständigen rheumatischen Schmerzen, die sie bei einem akuten Schub gnadenlos ins Bett zwingen. Sie weiß, dass diese Argumentation reiner Unsinn ist: MU kann man nicht nur sitzen, man kann es liegen, stehen, fahren… Es war die Angst vor der strengen Übung im Schweigen – vor dem Ringen mit der torlosen Schranke – die sie zurück gehalten hat.

Mit lautem Gezeter stürzen zwei Meisenhähnchen durch die Fliederbüsche – sie kämpfen schon Territorien aus. Ihr fällt der Vers des Matthäus-Evangeliums ein: „Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch…“ Wie wahr, denkt sie und bewundert die halsbrecherischen Verfolgungsflüge der beiden. Sie sind im Hier und Jetzt – sie selbst dagegen …

Sie schafft es einfach nicht. Es ist zu abstrakt, das MU. Zu nah an der Angst vor dem Fallen ins Nichts.

IMG_1939Der Traum.

Sehr ungewöhnlich war dieser Traum. So sehr, dass sie ihn nie vergessen hat: Umgeben von strahlendem Licht in allen Regenbogenfarben kniet sie da in einem leeren Raum. Eine tiefe, eindringliche Stimme hält ihr einen Vortrag über den Sinn allen Lebens und den der körperlichen Existenz. Sie jedoch ist entschlossen, nicht zuzuhören, ruft laut dazwischen, stört mit Klappern, Klopfen, Singen, kann auf diese Weise fast nichts verstehen.

Bis die dröhnende Stimme um sie herum die Oberhand gewinnt. Laut, tief und unüberhörbar doziert sie: „Betrachte der Gestalten Wesen – und du sollst und wirst genesen“.

Schlagartig ist sie erwacht, getroffen von der Erkenntnis, dass ihr störrischer Geist sich für den möglicherweise lebenslangen Umweg entschieden hat, statt für spontane Erleuchtung. Nun bedauert sie zutiefst, nicht besser zugehört zu haben und schreibt das erhaltene Fragment sorgfältig auf ein Blatt Papier, das sie neben dem Bett aufhängt.

„Betrachte der Gestalten Wesen…“ Auf einmal hört sie die dröhnende Stimme wieder, als habe sie eben erst davon geträumt.

Also nicht weglaufen, sondern Platz nehmen auf der Meditationsbank. Platz nehmen und den Blick fokussieren. Noch macht ihr die abstrakte Leere zuviel Angst. Aber: Da gibt es doch dieses Buch, das seit Jahren im Regal ein angestaubtes Dasein fristet: „The Journey„, geschrieben von Brandon Bays. Sie hat es gelesen, das mag so zehn Jahre her sein, zu einer Zeit, als „The Journey“ massiv en vogue war und alle irgendwelche Kurse besuchten, um mit ihrer inneren Quelle wieder in Kontakt zu kommen. Sie fand den Hype fast komisch, zumal sie bei ihren damals regelmäßig praktizierten schamanischen Reisen ihr Krafttier gefunden hatte, das entschlossen schien, sie durch die Klippen des Alltags beschützend zu begleiten.

Aber jetzt scheint die dröhnende Stimme aus dem Traum wieder ganz nah an ihrem Ohr zu sein: „Betrachte der Gestalten Wesen – und du sollst und wirst genesen“…

Diesmal wird ihr klar, dass sie alles Handwerkszeug zuhause hat, um sofort zu beginnen. Sie nimmt das Buch zur Hand, um die Anweisungen für die ‚emotional journey‘ noch einmal zu lesen. „Wenn Sie bei der emotional journey durch die einzelnen Schichten gehen, ist es wichtig, sich aus der äußeren Geschichte – den analytischen Gedanken – herauszuhalten und Ihre ganze Aufmerksamkeit und vollständige Bewusstheit darauf zu richten, die reine, nackte Emotion in Ihrem  Körper zu fühlen. Geben Sie sich einfach völlig dem Gefühl hin, heißen Sie es willkommen, benennen Sie es und sinken sie dann weiter herab zum nächsten Gefühl“.

Um an die Gefühle heranzukommen, wenden Sie sich nicht mehr an Ihren Kopf, sondern prüfen einfach innerlich Ihren Körper und stellen fest, wo das Gefühl am stärksten ist. Wenn sie es genau erfasst haben, lassen sie sich weiter zur nächsten Schicht und zum nächsten Gefühl hinabsinken. Irgendwann nehmen Sie vielleicht wahr, dass keine Gefühle mehr auftauchen. Diesen Zustand werden Sie möglicherweise als Taubheit oder Verwirrung beschreiben, als Nichtwissen oder schwarzes Loch, als Leere, als Nichts, oder als das Gefühl, festzustecken. Diese Erfahrung ist ein Teil des Prozesses. Jeder geht durch die Schicht des Unbekannten, durch die unbekannte Zone. Sie ist das Tor zur Quelle“.

Es ist ganz natürlich, sich vor dem Unbekannten zu fürchten. Daher beruhigen Sie sich – oder lassen sich beruhigen – dass alles ganz normal ist, damit sie entspannen, sich hingeben und fallen lassen können. Dass Sie an der Quelle angekommen sind, merken Sie daran, dass Ihre ganze Präsenz auf einmal sehr weit wird, nicht nur innerhalb des Körpers, sondern auch darüber hinaus.Wenn es sich anfühlt, als seien Sie mit allem Anderen eins – erst dann handelt es sich um eine echte Erfahrung der Quelle. Dieses Gefühl wird sehr weit, immer weiter, verwandelt sich von einer einfachen Emotion in einen Zustand reinen, klaren Bewusstseins.“

Da ist es doch wieder, das MU.

Das Wesen jeder Gestalt.

Die Leere, die eigentlich eine gewaltige Fülle darstellt – die Fülle der vollkommenen Summe allen Seins. Die Fülle des großen gestalterischen Geistes. Den Anfang, das Ende und alles, was dazwischen liegt.  Die Quelle.

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In einer Ansprache, die dem Mumonkan später hinzugefügt wurde, erklärt  Mumon: (…) „Wer weder vorwärts noch rückwärts geht, ist ein atmender Leichnam. (…) Bemüht euch mit letzter Kraft, in eurem Leben vollkommene Erleuchtung zu erlangen! Und bleibt nicht ewig in eurem Unglück hocken!“

Ohne Weg zum Weitergehen, ohne etwas zum Festhalten, ohne Möglichkeit, Hilfe zu suchen – wie soll man die Quelle finden?

Mumon hat dazu den Vers: ‚Die torlose Schranke‘ verfasst:

„Der große Weg ist ohne Tor.
Tausend verschiedene Straßen gibt es.
Wer einmal diese Schranke durchschritt,
spaziert in Freiheit im Weltall umher“.

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Siehe auch: „Der Mann meines Lebens ist Narzisst – wer oder was bin jetzt bitte ICH? 

und: Schrei des Herzens aus dunkler Nacht

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Forsythien