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Dem Lichtstrahl folgen zum Rand der Zeit: Meditieren mit Aaravindha Himadra

Die Yoga Vidya Villa in Gensingen bei Bad Kreuznach ist architektonisch schon etwas besonderes: Holz und Stein sind originell miteinander kombiniert; die Yogaräume ziert ein flauschig-weicher, grell oranger Teppich, auf dem knall lila Meditationskissen sich zu cremefarbenen gesellen. Stühle mit kobaltblauen Sitzen und bunte Polstermöbel für Meister sowie Übersetzerin vervollständigen das Mobiliar. An der Stirnseite des Saales ein kleines Podest. Dahinter ein riesiges Wandbild der weißen Tara, davor Statuen von Krishna, Shiva, Saraswati und dem fünfköpfigen Ganesha; an der Seitenwand Portraits von Yoga-Meistern.

Alles ist bereit für einen dreistündigen Vortrag von Aaravindha Himadra – bis dieser eintrifft, haben sich rund 100 Gäste auf Kissen und Stühlen niedergelassen. Auf der Tafel steht schonmal geschrieben, was später geübt werden soll: Das Mantra HRIM  AIM  SAH – HRAIM  SHYAMA  HUM.

Am 29. Januar 1953 wurde der 63jährige Sohn einer Deutschen und eines Letten als Janis Briedis in den USA geboren, wohin die Eltern infolge des Zweiten Weltkrieges ausgewandert waren. Schon im zarten Alter von sechs Jahren, so wird auf der Homepage Aaravindha Himadras berichtet, erreichte ihn der „Ruf des Windes“ zum ersten Mal: Einer der Meister der Amartya-Tradition zeigte sich ihm kurz. Jahrzehnte später folgte die telepathische Einladung ins „Tal der Unsterblichen“, das sich irgendwo im Himalaya den Besuchen ungenügend spirituell entwickelter Individuen entzieht (siehe: Sagenumwobenes Shambhala). 2006 begab sich der Gerufene schließlich auf Pilgerreise, die einen anderen Mann aus ihm machte.

Sechs Jahre dauerte es, bis die Erlebnisse verarbeitet und in einem Buch niedergeschrieben waren: „Unsterbliches Selbst“ hieß die deutsche Erstausgabe, „Das Tal der unsterblichen Meister“ heißt das Werk heute.   Es ist eine fantastische Reisegeschichte, die alle Elemente eines Mysterienfilms enthält – es ist aber auch eine immer wieder neu entdeckbare Sammlung von Zwiegesprächen eines Menschen mit weisen Meistern auf dem Weg zur Entwicklung seiner spirituellen Identität. In deren Verlauf entdeckt Aaravindha, dass er selbst aus dem Tal der unsterblichen Meister kommt und zurück zu den „normalen“ Menschen ging, weil er einen Auftrag hat: Er will ihnen die uralte spirituelle Amartya-Tradition wieder nahe bringen.

So alt sei diese Tradition, dass sich kein heutiger Mensch mehr an ihren Ursprung erinnern könne, datiere dieser doch vor der letzten Eiszeit und damit vor mehr als 35 000 Jahren, erläutert der schlanke, feingliedrige Mann seinen Zuhörern im Yoga-Saal. Schon immer seien die Erdgeborenen von Wesen aus anderen planetaren Welten besucht worden, die ihnen bei der spirituellen Entwicklung behilflich waren. Die Erkenntnisse daraus seien über Jahrtausende ausschließlich mündlich weitergegeben worden; insbesondere hier die gehobenen Ebenen der Mantralehre, in der es auf punktgenaues Treffen der einzelnen Töne ankommt.

Heute bezeichnet sich Aaravindha als „globally renowned saumedhika seer – an advanced master rishi – and a lecturer, teacher and author“, was soviel bedeutet wie „weltweit bekannter spiritueller Seher mit einer besonderen Fähigkeit, Menschen wahrzunehmen –  fortgeschrittener heiliger Meister-Seher (Rishi)  –  Hochschullehrer, Lehrer und Autor“.  Er hat die Organisation Sambodha begründet. Diese bildet in den USA, in Kanada und Deutschland Lehrer aus, die die Erkenntnisse und Techniken der „solaren Linie“ weitergeben. Bei den Techniken handelt es sich vor allem um fortgeschrittene Meditation mit Hilfe von Bija-Mantras.

„Am Anfang war das Wort“ heißt es in der Bibel – ein Satz, der auf den ersten Blick leicht übersehen lässt, welche Macht in ihm steckt. Das „Wort“ besteht aus Lauten – aus Ur-Lauten, die mit Körper und Seele in Resonanz treten und daher ungeheure Wirkung entfalten können. In sehr weitem Ausmaß hat sich Joachim-Ernst Berendt mit diesem Thema unter dem Titel „Nada Brahma – die Welt ist Klang“ beschäftigt. Mystiker aller Glaubensrichtungen kennen die Mantra-Praxis, die diese Ur-Laute gezielt einsetzt. Wer hier forschen möchte, findet gute Ansätze etwa bei Markus Schmieke in „Mantras, das große Praxisbuch„. Der Autor erläutert unter anderem die vier Ebenen, über die ein Mantra wirkt: Die physische beeinflusst direkt den Körper, die mentale, in der die Bedeutung des Mantras als Energie mitschwingt, wirkt auf Aura und Geist, die karmische wird vom kausalen Körper wahrgenommen und die spirituelle, die mit dem Klang der verschiedenen Namen Gottes, wirkt direkt auf die Seele.

Hier setzt die Lehre Aaravindha Himadras an: Nicht nur die 49 bekannten Bija-Klänge, sondern auch ihre insgesamt 144 000 Zwischentöne sollen über die zusammen 144 000 Meridiane im Körper aufgenommen werden und das spirituelle Bewusstsein des Übenden erhöhen. Je mehr Übende ihr Bewusstsein erweitern, umso mehr wird sich das Gesamt-Bewusstsein auf der Erde erhöhen und Heilung eintreten: Das ist das Ziel.

HRIM AIM SHA

„Was ist das wichtigste im Leben“ fragt der ernste Mann mit dem eisgrauen, kurzen Haar auf dem Podest die rund 100 Teilnehmer zu seinen Füßen. „Geliebt zu werden, werdet ihr antworten – oder vielleicht doch eher: lieben zu dürfen? Die Liebe ist das Wichtigste, was es im Leben der Menschen geben kann.“

Angestrengte Stille im Raum – man kann das Denken hören.

Die Liebe, führt Aaravindha aus, sei weit mehr als die Zuwendung zwischen Lebewesen. Es handele sich um den Zustand, in dem wir alle einmal waren: Als Kleinkinder, noch nicht geprägt vom Stempel der Gesellschaft, als wir noch nicht die Dinge in gute und schlechte einteilten, als wir eins waren mit allem um uns herum und es  unvoreingenommen betrachten konnten. Zwei Säuglinge im Raum, die den ganzen Abend ruhig und sichtbar freundlich-fröhlich durchhalten, sind dafür das beste Anschauungs-Beispiel.

Wie kann nun der erwachsene Mensch wieder finden, was er als Kind noch wusste: dass er ein lebendiger Teil des göttlichen Ganzen ist, in dem alle Anteile des Göttlichen enthalten sind? Wie kann er erkennen, dass er nichts im Außen suchen muss, sondern alles in seiner eigenen Mitte finden kann?

„Ihr seid keine Materie, ihr seid reines Licht“, ruft Aaravindha  den Zuhörern zu und erklärt unter Zuhilfenahme der Erkenntnisse aus der Quantenphysik: „Wenn man die Körperzellen immer weiter unter dem Mikroskop vergrößert, sieht man zum Schluss nichts als unglaublich schnell kreisendes Licht. „Jeder einzelne Mensch ist eine vollständige Welle unbegrenzten Potentials im Meer der Möglichkeiten“, sagt der Meister. Sinnvoll sei daher, nicht bettelnd zu beten, sondern das eigene Potential zu entdecken und damit zu arbeiten.

Ein passendes Bild dazu hat er bereit: Man stelle sich vor, das unbegrenzte Licht-Potential –  das Göttliche im eigenen Selbst – sei unter einer Menge Schutt (der gesellschaftlichen Ansichten und der eigenen Meinung, was man in der Gesellschaft darzustellen habe) vergraben und habe daher Schwierigkeiten, bis nach oben, ins Bewusstsein zu leuchten. Es liege dort in zeitloser Stille und Harmonie, sehr viel leiser als die drangvollen, zeitgebundenen Stürme des alltäglichen Lebens. Erreichen kann man es nur, indem man selbst still wird; hinabtaucht wie ein Blatt in einen ruhigen See, immer dem Lichtstrahl folgend, bis an den Rand der Zeit, die Grenze zur Unendlichkeit, dort hin wo die Quelle ruht.

Wie das geht, wird gleich einmal geübt: „Lasst euch hineinfallen in den Klang und achtet besonders auf die Pausen zwischen den Lauten. Wenn ihr hier einen leisen Sog spürt, folgt ihm. Er wird euch zum Licht führen,“ rät Aaravindha und beginnt zu tönen: „Hrimmmmmmmm …… Aimmmmmmm…… Schahhhhhhhhhhhhhhhhhhhhh……“

In der Tat: Es ist leicht, dem Sog zu folgen.

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Im Video unten ein Webinar von Litlonge.tv mit Aaravindha.

Siehe auch: Sagenumwobenes Shambhala – verborgen in einem Himalaya-Tal,

Sternenstaub sind wir in (Gottes) Meer unbegrenzter Möglichkeiten

 und: „Befreit vom Tod zur Unsterblichkeit:  Das Maha Mrityunjaya Mantra“

Tantra ist mehr als guter Sex: Es stellt das universelle Prinzip der Schöpfung dar

Die tantrische Praxis auf reine sexuelle Aktivität zu reduzieren, scheint ein unheiliger Trend zu sein, der sich wie ein Waldbrand ausbreitet. Nicht könnte aber schlimmer sein, als eine solche Entwicklung.  Vielleicht wird deshalb in Indien das Wissen um Tantra teilweise bis heute geheim gehalten: Seine Interpretation in den Händen eines Unwissenden wäre außerhalb jeder spirituellen Wahrheit. Kommerzielle tantrische Praktiken und öffentlicher Wettbewerb unter selbsternannten Tantra-Meistern scheint inzwischen die Bedeutung des Wortes in „freien Sex“ verwandelt zu haben.

Yogi Ananda Saraswathi formuliert in seinen englischsprachigen Lehrtexten viele Themen, mit denen sich westliche Spirituelle mehr oder weniger erfolgreich versuchen. Dazu gehören auch seine Ausführungen zum Thema Tantra, die ich im folgenden übersetze.

Jahrhundertelang war für Indiens spirituelle und rituelle tantrische Szene mit all den Theologien des Shivaismus, Shaktismus, Vishnuismus, Buddhismus, Jainismus und anderen mehr Tantra eine wissenschaftliche, technische und spirituelle Methode, Selbst-Wahrnehmung zu üben. Tantra war das absolute Wissen über Moksha; sprich, Erlösung aus dem Rad der Wiedergeburt. Heutzutage verbindet man Tantra direkt mit dem Körper, dessen Natur und Begierden. Man nimmt an, es gehe darum, den Körper des Partners als göttlich zu behandeln oder anzusehen.

Bedauerlicherweise  hat sich diese tantrische Praxis in einem Klima von Pseudo-Religiosität entwickelt, in dem man anstrebt, sexuelle Energie als Entspannungsweg oder zwecks  Erzielung zahlreicher Orgasmen zu feiern. Es scheint das Motto zu herrschen: Ich bin Shiva, du bist Shakti – jetzt drücken wir den Startknopf und tun es – sonntags am besten gleich zweimal! Man zündet eine Kerze an, verbrennt etwas Räucherwerk … und schon scheint alles richtig zu sein, denn so wird es gelehrt…

So wird Tantra zum rein körperlichen Ritual – weit entfernt vom eigentlichen Ziel, das ungetrennte Ganze zu realisieren. Im Grundsatz nimmt Tantra die gesamte Schöpfung als ungeteiltes Ganzes wahr: Kosmisch, metaphysisch und philosophisch teilt der Mensch den Kosmos mit allen Mit-Geschöpfen. Der menschliche Körper ist nichts anderes als ein mikrokosmisches Beispiel des gesamten Universums – und die gesamte Geschichte des Universums ist repräsentiert im menschlichen Körper. Tantra erforscht den Körper auf allen fünf Ebenen und deren Yantras, beziehungsweise Mitteln, Nirvana zu erreichen. Die beiden höchsten Ebenen heißen Manomaya – das ewige Element der Freude im Menschen und Anandamaya – das Bewusstsein des Glücks.

Einige Äußerlichkeiten der Praxis scheinen von der shivaistischen und buddhistischen Ikonografie, den Bildern und Skulpturen inspiriert zu sein. Sie sind Hilfsmittel, um die tiefere Ebene der Vereinigung von Shiva und Shakti zu erreichen. Die tantrische Achse, auf der Shiva und Shakti sich im Akt der Kopulation verbinden, ist als die Vereinigung der männlichen und weiblichen Prinzipien auf höchster metaphysischer Ebene zu sehen – als die Vereinigung von Pakriti und Purusha, von Verstand und Seele. Shakti, die Göttin des Tantra, ist die Quelle von Freude und Schöpfung. Sie arbeitet sich entlang Shivas Wirbelsäule nach oben, um auf dem Yogaweg der hohen Ebenen im Kronenchakra anzukommen. Methaphysisch gesehen, initiiert Shiva den Akt der Vereinigung, bei dem die Kundalini-Energie explodiert und Schöpfung stattfindet.

Tantra definiert sich nicht über weltliche Freuden oder intellektuelle Fragen – auch nicht über metaphysische Forschungen. Tantra akzeptiert die Dinge genau wie sie sind und verarbeitet sie in innere Wahrnehmung, in einen Weg, alle Energien in die endgültige Bedeutung von Mokhsa zu transzendieren. Es ist ein Aufstiegsprozess zur vollständigen Akzeptanz des im Menschen innewohnenden Potentials.

Männliche und weibliche Energie vereint - die Darstellung des großen kosmischen Prinzips im menschlichen Körper
Männliche und weibliche Energie vereint – die Darstellung des großen kosmischen Prinzips im menschlichen Körper

Was ist der tantrische Körper?

Das göttliche Königreich wohnt im menschlichen Körper und um ihn herum. Es ist in der Tat ein Gottesgeschenk, als Mensch geboren zu sein. Tantra fordert den Menschen auf, seinen Körper zu lieben – diesen Körper, der ironischerweise jedem Menschen am nächsten ist und dennoch oft vernachlässigt wird.  Man achtet auf den Körper nur aus Gründen der Vernunft – wobei der Begriff Vernunft sehr subjektiv ausgelegt wird: Man kümmert sich dann um den Körper, wenn man sich einen wie auch immer gearteten Vorteil davon verspricht.

In allen anderen Fällen wird der Körper entweder vernachlässigt oder auf bestimmte Funktionen reduziert, die gerade benötigt werden. Oft brauchen Menschen andere, um über ihren Körper sprechen zu können und werden von anderen Menschen gebeten, mit ihnen über deren Körper zu sprechen.

Das ist jedoch nicht die tantrische Sicht. Für den Tantriker ist sein Körper ein Haus Gottes, ein Tempel. Das verlangt, ihn als göttlich zu behandeln. Der unermüdliche,  auf wunder-volle Weise funktionierende Mechanismus verdient Respekt und Liebe. Dankbarkeit ist angebracht dafür, dass der Körper leise, automatisch und 24 Stunden am Tag seine Arbeit tut.  Die tantrische Sichtweise  führt automatisch zu einer veränderten Haltung gegenüber dem eigenen Körper: Den Körper zu lieben, bedeutet nämlich, das ganze Universum zu lieben – und nicht etwa, 24 Stunden am Tag orgasmusfähig zu sein.

Der Buddhismus summiert tantrische Praxis in vier reinen Werten: 1. Den eigenen Körper als den Körper Gottes anzusehen; 2. Die persönliche Umgebung als das reine Land Gottes wahrzunehmen; 3. Persönliche Freude als bedingungslosen Segen Gottes anzuerkennen und 4. eigene Aktivitäten nicht zum persönlichen Vorteil, sondern im Dienste der Gemeinschaft zu initiieren. Die zugehörigen Rituale umfassen ausgedehnte Visualisierungen und mentale Übungen.

Hier wirken zwei Faktoren zusammen: Stolz auf einen göttlichen Körper und lebendige Wahrnehmung dieser innewohnenden göttlichen Kraft. Wer seinen Körper derart behandelt, wird von Gott selbst davor bewahrt, gewöhnlich zu sein. Lebendige göttliche Präsenz schützt den Menschen vor gewöhnlichem Auftreten. Was immer die Sinne des Körpers wahrnehmen, sind göttliche Lehren. Jede Form, die unterschieden werden kann, wird als göttliche Manifestation  wahrgenommen, alle Töne und Klänge als göttliche Mantras.

Das Wort Mantra enthält das Grundwort man (Denken) und die Silbe tra (Werkzeug). Ein Mantra ist also ein Denkwerkzeug. Man spricht ein Mantra, während Körper, Sprache, Geist und Atem auf einen gemeinsamen Fokus konzentriert sind. In solch tiefer Konzentration erreicht man klarere Visionen. In diesem Sinne gelten tantrische Mantras als Beschützer des Geistes.

Der rituelle tantrische Aspekt im Behandeln des Körpers als göttlich führt zu einer Veränderung der Einstellung. Da entsteht Zustimmung und Stolz, göttlich zu sein, wenn das göttliche Bewusstsein erst im Geist angekommen ist. Das Ergebnis ist ein innerer Schutz vor gewöhnlichen Erscheinungen. Dieser Schutz des Geistes ist das Ziel der tantrischen Rituale und Mantras.

Im Kern ist ein Teil der trantrischen Praxis das Beherrschen und Transformieren körperlicher Energien. Die Sexualkraft ist eine der stärksten Formen körperlicher Energie. Die Natur nutzt sie, um den Fortbestand ihrer Arten zu sichern. Wenn der Mensch nicht lernt, diese Kraft zu transformieren, kann sie außer Kontrolle geraten. In der sexuellen tantrischen Praxis behandelt man nicht nur den Körper wie einen Gott – auch die gewöhnlichen Begierden und die Lust werden spirituell erhöht. Sex wird auf spirituelle Weise erlebt. Tantrische Rituale finden beispielsweise Wege, sexuelle Energie in eine(n) zu diesem Zweck visuslisierte(n) Partner(in) zu leiten. Konsequenterweise werden dann die Sexualorgane nicht mehr gewöhnlich wahrgenommen, sondern dienen dem göttlichen Körper als Werkzeug. Die spirituelle Vereinigung steht symbolisch für die Vereinigung von Seeligkeit  und Leere.

Es handelt sich um das gleiche tantrische Prinzip wie das der heiligen Vereinigung Shivas mit Parvati. Tantra ist eine sehr tiefgründige Form aktiver Meditation, die  das Bewusstsein erweitert, indem sie die körperlichen Sinne benutzt, um den Meditierenden in die darunter liegenden Ebenen zu führen. Tantra lehrt, dass heilige Sexualität ein Weg ist, die Intimität zu vertiefen und das Bewusstsein zu erweitern; ein Weg, mich frei von allen Anhaftungen mit dem Göttlichen zu verbinden.

In tantrischen Schriften ist Shakti ein Beispiel für die sexuellen und spirituellen weiblichen Energien. In der Hindu-Sicht stellt Shakti das weibliche Prinzip, die weibliche Energie dar. Auch wenn diese weibliche Kraft in den Körpern beider Geschlechter zu finden ist, wird die Frau als die Hüterin der Shakti-Energie angesehen. Ihre Kraft ist grenzenlos. Einmal erweckt, kann diese spirituelle sexuelle Kraft kreativ gelenkt werden.

Tantra, die Paarbildung eines Mannes und einer Frau, dient dazu, diesen großen, universellen kreativen Prozess darzustellen, der weit über den Körper hinaus geht : Den einzigartigen Schöpfungstanz von Shiva und Shakti.

ARDHANARESHWARA: Das tantrische Prinzip von Shiva und Shakti

Ich habe den gleichnamigen englischsprachigen Text von Yogi Ananda Saraswathi übersetzt, weil kein anderer mir bekannter Text das tantrische Prinzip sowohl weltlich-manifest, als auch transzentent-kosmisch besser erklärt.  Der weltliche Name von Yogi Ananda Saraswathi  ist  Dr Anandan Krishnan. 

Der Hinduismus erscheint einem Neuling zunächst meist als schwer durchdringbares Kunterbunt von Göttern und Göttinnen, die in immer neuen Erscheinungsformen wiedergeboren werden und teils sehr menschliche Charakterzüge haben. Reformatoren, wie etwa Gauthama Buddha, prägten Lehren, die dieses Durcheinander zu klären und übersichtlich zu machen bestrebt sind. Dennoch lohnt sich immer ein Blick in die Jahrtausende alte Hindu-Mythologie, wenn es darum geht, ein kosmisches Prinzip und seine Darstellung im Leben genauer zu betrachten. Ich jedenfalls ziehe daraus konkrete persönliche Hilfe und innere Freiheit.

Zum Text des Yogi:

Der Hindu-Gott Shiva hat 64 festgeschriebene Erscheinungsformen.  Ardhanareeswara ist die Mann-Frau-Form, in der Parvati die linke Hälfte von Shiva darstellt. Beide tragen ihre persönlichen Zeichen. Das Konzept Ardhanareeswara ist, dass Shiva seine weiblichen Eigenschaften in sich selbst trägt. Er ist halb Mann, halb Frau.

Metaphysisch gesehen stellt das göttliche Paar die beiden essentiellen Aspekte des Einen dar: Das maskuline Prinzip des Erhaltens und Festhaltens am allumfassenden Gott und das weibliche Prinzip, das für die handelnde Kraft in der manifestierten Welt spricht; wobei das Leben selbst als kosmische Ebene betrachtet wird.

Die Geschichte Shivas erzählt, dass Gott Brahma seine Schöpfung nicht vollenden konnte, weil seine Geschöpfe nicht in der Lage waren, sich zu vervielfältigen. Also ging er in Klausur, und strenge Einkehr führte zum Erfolg: Brahma  begegnete Shiva und bat ihn um Hilfe. Shiva erschuf aus seinem eigenen Körper eine Göttin, die er Prama-Shakti nannte und manifestierte sich als halb Mann, halb Frau. Brahma wandte sich an den weiblichen Teil und klagte: „Ich konnte in meiner mentalen Schöpfung keine starken Wesen zum Leben bringen. Obwohl ich die Devas erschuf, konnten sie sich nicht vervielfältigen. Deshalb wünsche ich, starke Kreaturen über Geschlechtsverkehr zu bilden. Bevor es dich gab, oh Devi, konnte ich die endlose weibliche Spezies nicht erschaffen. Deshalb, oh Devi, erweise dich als gnädig und werde geboren als Tochter meines Sohnes Dakhsa.“

Shiva teilt sich auf in zwei Prinzipien

Da teilte sich der zweigeschlechtliche Shiva auf in zwei Götter: Shiva und seine Gattin Parvati. Parvati machte, wie von Brahma gewünscht, die Schöpfung mit Hilfe ihrer weiblichen Natur möglich, die den männlichen Aspekt zu fruchtbarer Aktivität erweckte.

Diese Verschmelzung von Shiva und Shakti, die für das männliche und das weibliche Prinzip stehen, transzendiert die Grenzen zwischen beiden und die Begrenzungen von Mann und Frau. Sie bringt den Gott auf eine Ebene jenseits des manifestierten Brahman – eine Erkenntnis, die zu großer Befreiung führt.

Shaktis Hälfte ist golden, Shivas schneeweiß. Sie ist das Substrat, er die Substanz. Shiva ist statisch, Shakti dynamisch und kreativ. Shiva ist Sein, Shakti ist Werden. Er ist einer, sie ist viele. Er ist unendlich – sie macht hat das Unendliche endlich. Er hat keine Form – sie gestaltet das Formlose zu Myriaden von Formen; aber beide sind Eins: Shiva und Shakti leben im Stadium des Nirmaly Turiya, in edler Reinheit.

Ohne seine andere Hälfte, seine weibliche Natur, ist der Herr der Götter Shiva unvollständig und unfähig, mit der Schöpfung fortzufahren. In einem noch größeren Ausmaß als die Shiva-Shakti-Idee lässt das androgyne Bild von Shiva und Parvati wahrnehmen, dass die beiden göttlichen Identitäten füreinander jeweils unabdingbar sind, und dass nur sie nur in Gemeinschaft den jeweils anderen befriedigen und sich selbst erfüllen können.  In dieser Form transzendiert der Herr der Götter eine  Besonderheit der Geschlechter: Gott ist beides;  Mann und Frau, Vater und Mutter, Stillstand und Aktivität, Mut und Furcht, Zerstörung und Schöpfung … und so weiter.

In der Anbetung von Ardhanareswara bevorzugen manche den weiblichen, andere den männlichen Aspekt. Shiva wird als Statthalter der Macht/Kraft angesehen, obwohl er unbeweglich ist. Shiva ohne Shakti ist ein Shava (toter Körper). All diese kreative Kraft, das Erhalten wie das Lösen bleiben bei Shakti. Aber auch die große Mutter kann ohne Shiva nicht existieren. In dem Moment, in dem sie sich vereinigen, wird Ardhanareswara erst zu einer erschaffenden und gestaltenden Kraft.

Somit repräsentiert Shakti den immanenten Aspekt des Göttlichen – und das ist die aktive Teilnahme am Schöpfungsakt. Die tantrische Sicht des Weiblichen in der Schöpfung trägt der Orientierung des Menschen in Richtung der aktiven Prinzipien des Universums Rechnung, die stärker ist als die zur reinen Transzendenz. Wenn nun Shiva den speziellen Weg zu reiner Transzendenz definiert, ist das immer verbunden mit einer grenzenlosen Manifestation von Shakti, zum Beispiel als Durgha oder Kali (Anm.: kämpferisch, bzw zerstörerisch).

Der Hinduismus ist ein Netzwerk philosophischer Denkweisen, die isoliert erscheinen mögen, aber nicht wirklich in sich geschlossen sind.  Zumeist verbinden sich die Philosophien zu einer Art spirituellem System. Als solches verbreitet sich der Shakti-Kult oder der Kult der Göttin Devi stärker. Shakti lässt sich ins menschliche Verständnis leichter eingliedern, wenn man sie als Aspekte des menschlichen Lebens innerhalb der Schöpfung betrachtet.

Uraltes Prinzip der Einheit

Der Shakti-Kult kombinierte Feststellungen der Samykhya-Philosophie und später der Maya-Doktrin, die der große Weise  Adi Shankaracharya formuliert hat. Die Samykhya-Philosophie erneuert eine verbreitete kosmische Dualität, dargestellt in Purusha, der männlichen und Prakriti, der weiblichen Energie, die zusammen die kosmische Energie bildeten.

In seiner Erscheinungsform als Ardhanareswara zerstört und erneuert Shiva das Alte. Für ihn bedeutet es Erneuerung durch Zerstörung. Er reinigt und baut wieder auf in so starker destruktiv-konstruktiver Rolle, dass man ihn Vater des Brahma nennt, den Gott der Schöpfung. Er ist der Vater des Erneuerungsprozesses. Er ist der Meister des Laufs der Zeit. Auf Bitten Shaktis absorbiert er sie zur Hälfte und manifestiert sich als halb Mann, halb Frau in Körper und Geist. Zusammen symbolisieren sie die Einheit allen Seins. Dieser Aspekt ist die fundamentale Wurzel des Advaitha.

Die tantrische Kosmologie erklärt die universellen Aspekte der Shiva-Shakti-Kraft. Die tantrische Philosophie sagt, dass das ganze Universum, so wie es ist, wie es erschaffen wurde von diesen beiden Kräften, die permanent in einer perfekten, unzerstörbaren Gemeinschaft sind,  durchdrungen und erhalten wird. Dort wo eine sprachliche Ungleichheit erscheint, hat die tantrische Tradition sich diesen Prinzipien in einer respektvollen Form angeglichen. Dem entsprechend repräsentiert Shiva, der maskuline göttliche Teil, die konstituierenden Teile des Universums, während Shakti, das weiblich-Göttliche, das dynamische Potential darstellt, das diese Elemente zum Leben erweckt und zum Handeln bringt.

Nur scheinbar eine Dualität

Die tantrische Kosmologie sieht das als einheitliches Prinzip, nicht als zwei getrennte. Anders gesagt bevorzugt der Tantrismus die Einheit der beiden Prinzipien, die sich nur scheinbar gegenüber stehen, aber tatsächlich in jedem kreativen Akt vereinigt sind. Die tantrische Idee oder die sexuelle Idee der Fruchtbarkeit im Göttlichen –  auf einer rein spirituellen Ebene ins Leben zu kommen –  differiert deutlich von der Samkhya-Tradition.

Ungeachtet dessen hat sich der Tantrismus der Samkhya-Philosophie bedient, um die Qualitäten der männlichen und weiblichen Prinzipien zu definieren. Die Einheit von Shiva und Shakti lässt den gesamten Makrokosmos in seinen statischen ebenso wie seinen dynamischen Aspekten entstehen.

Die tantrische sexuelle Vereinigung nennt man ‘viparitha-maithuna’, in der Shakti einen kosmischen Tanz auf den liegenden Körper Shivas präsentiert. Er bleibt unbeweglich, während sie die aktive Rolle übernimmt. Ungeachtet dessen ist die höchste Seinsform das nicht manifestierte Absolute in beiden Aspekten: dem statischen wie dem bewegten.

Die Metapher eines Saatkorns kann die tantrische Kosmogonie gut erklären: Ein Korn besteht aus zwei eng verbundenen Hälften, die von einer gemeinsamen Haut umschlossen sind. Die beiden Hälften stehen für Shiva und Shakti, die Haut für Maya, die große kosmische Illusion. Wenn nun das Korn keimt, vergeht die Haut um sie, obwohl sie die beiden Hälften zu einem Ganzen verbindet. Das ist das regenerative Prinzip von Ardhanareeswara und einer von vielen Aspekten der Shiva-Shakti-Manifestation.

Siehe auch: Kundalini ist frei von Ansprüchen des Ich