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Der Medien-Supergau heißt Claas Relotius: Lügenbaron beim Spiegel

„Der Spiegel bittet jeden und jede, der oder die mit falschen Zitaten, erfundenen Details ihres Lebens, in erdachten Szenen, an fiktiven Orten oder sonst in falschen Zusammenhängen in Artikeln von Claas Relotius im Spiegel aufgetaucht sein mögen, um Entschuldigung. Das Haus entschuldigt sich auch bei seinen Leserinnen und Lesern, bei allen geschätzten Kolleginnen und Kollegen in der Branche, bei den Preiskomitees und -jurys, den Journalistenschulen, bei der Familie Rudolf Augsteins, bei Geschäftspartnern und Kunden. Der Spiegel wird eine Kommission berufen, der auch Externe angehören werden, um die Vorgänge aufzuklären und um Wiederholungsfälle zu vermeiden.“

Bittere Zeilen des Spiegel-Chefredakteurs Ullrich Fichtner, die ahnen lassen, was für ein Super-Gau das Nachrichtenmagazin selbst, die ganze Medienwelt und einen Jungmann von 33 Jahren getroffen hat, der am Mittwoch vom Olymp des Journalismus öffentlich in die Gosse verbannt wurde. Claas Relotius, vielfach preisgekrönter Reporter des Spiegels, musste eingestehen, dass gerade die besten seiner Reportagen mehr Fantasie als Realität waren, dass er selbst ein krankhafter Lügner ist.

Erst gut zwei Wochen zuvor, am 3. Dezember, wurde der Journalist erneut ausgezeichnet: Mit dem Reporterpreis 2018. Die Jury, wie vor ihr andere, zeigte sich begeistert von einem Artikel „beispielloser Leichtigkeit, Dichte und Relevanz, der nie offenlässt, auf welchen Quellen er basiert.“ Besonders letzteres liest sich heute wie ein böser Scherz.

In der Tat faszinieren die Texte des jungen Profis: „… Sie setzt sich auf einen Platz vorn rechts, auf langen Busfahrten, sagt sie, werde ihr oft übel.“ Oder: „Gladdis holt tief Luft, sie presst ihre Fäuste auf ihrem Schoß gegeneinander, so fest, dass ihre Fingerknochen weiß hervortreten.“ Oder: „Sie trägt eine Bluse und eine Halskette mit einem Kreuz, sie blättert in ihrer Bibel. Sie hat so oft darin gelesen, dass sich der Umschlag gegilbt und die Seiten gewellt haben. Sie schlägt das 3. Buch Mose auf, Kapitel 24, dort steht: ‚Wer irgendeinen Menschen erschlägt, der soll des Todes sterben.'“

Diese Zitate aus Relotius-Geschichten erwähnt Ullrich Fichtner, der die ganze Dokumentation „eine Rekonstruktion in eigener Sache“ nennt. Schonungslos zählt der Chefredakteur 55 Artikel auf, die Relotius allein oder als Co-Autor geschrieben hat. 14 von ihnen – soviel war zum Zeitpunkt der Drucklegung bekannt – sind in weiten Teilen frei erfunden, die meisten in Bereichen, die nur schwer über prüfbar sind. Der Spiegel unterhält eine Abteilung „Dokumentation“, die Angaben der Autoren unabhängig nachprüft. Aber wie überprüft man, was im CD-Player während einer OP lief? Welche Bücher jemand liest, was eine Person getragen oder was sie im persönlichen, vertraulichen Gespräch gesagt hat? Man müsste hunderte von Telefonaten führen und würde immer noch nicht alles wissen; Telefonate, an die ein Unternehmen, das seinen Redakteuren traut, mangels Verdacht aber gar nicht denken würde.

Vertrauen – ein Stichwort, das sich durch die gesamte Affaire zieht. Claas Relotius ist langsam in die Redaktion hineingewachsen; zunächst als freier Mitarbeiter, dann mit festem Honorar. Zuvor hatte er als freier Journalist für andere, namhafte Blätter in Deutschland geschrieben. Er trat freundlich und bescheiden, zu Beginn wohl manchmal fast unbeholfen auf. Dazu sein Aussehen: Hochgewachsen, schlank, nordischer Typ mit hoher Stirn, blonden Haaren, blauen Augen und einem gewinnenden Lächeln. Kurz: Man vertraute ihm und schätzte die durchgängig „gute Ware“, die verlässlich von ihm zu erwarten war.

Dafür hatte der junge Mann beim Spiegel einen Traum-Job: Neben Zeiten ganz normaler Redaktionsarbeit reiste er immer wieder in ferne Länder, ausgestattet mit viel Zeit und Freiraum, um dort eigenem Gutdünken Themen aufzutun oder nachzugehen, die dann in langen, schönen Reportagen ihren Niederschlag fanden.

„Immer wieder arbeitet Relotius in seinen Texten mit Musik und Musikzitaten, das zieht sich durch, und die zugehörigen Szenen sind oft mit faszinierender Perfektion gestaltet,“ schreibt Ullrich Fichtner. “ Es stehen dann Sträflinge in Waschräumen und beginnen unvermittelt, Popsongs anzustimmen, oder ein verlorenes Kind geht eine dunkle Straße entlang mit einem traurigen Lied auf den Lippen. Die Musik erweitert den Assoziationsraum der Geschichten, sie werden überwältigend sinnlich an diesen Stellen, sie geben der Fantasie der Leserschaft Futter. Das Schreiben fühlt sich dann filmisch an, es beginnt ein „Kino im Kopf“, und diese Formulierung gehört nicht zufällig zu den stehenden Redewendungen bei Preisverleihungen an Journalisten.“ Relatios wusste dieses Talent auch als Trainer in Geld umzuwandeln: „Bis heute erzählte ich überall stolz, dass ich bei Claas Relatios das Schreiben von Reportagen gelernt habe,“ twitterte ein trauriger User.

Noch lange hätte das alles so weiter gehen können, wäre da nicht der Co-Autor Juan Moreno gewesen, mit dem zusammen die Geschichte „Jaegers Grenze“ entstand, in der es um die US-Grenze zu Mexiko geht. Moreno, der seit 2007 für den Spiegel in der ganzen Welt unterwegs ist, war entsetzt von den Fantasiekonstrukten Relatius‘ und machte die Spiegel-Redaktion auf Unwahrheiten aufmerksam. Mehrere Wochen und aufwändige Recherchen auf eigene Kosten brauchte Moreno, bis er beim Spiegel endlich durchdrang: „Er (Relotius) verteidigt sich auf ebenso brillante wie verschlagene Weise. So eloquent antwortet er auf die Vorwürfe, und er gibt auf so perfekte Weise auch Imperfektionen in seiner Arbeit zu, dass plötzlich Moreno wieder wie ein Stänkerer aussieht,“ beschreibt Ullrich Fichtner die Schwierigkeiten, denen Juan Moreno ausgesetzt war. Schließlich gelang es ihm durch persönliches Befragen der angeblich von Relotius Interviewten und Dokumentation der Befragung per Video, das Lügengebäude nachzuweisen. Damit konfrontiert, gestand Claas Relotius am Donnerstag schließlich viele weitere Fäschungen. Am Sonntag räumte er seinen Schreibtisch aus, seit gestern ist seine Spiegel-Karriere für ihn selbst Geschichte.

Nicht so für das Nachrichtenmagazin, das sich den Worten seines Gründers Rudolf Augstein verpflichtet fühlt: „Sagen was ist“. „Sagen, was ist, das heißt in den Worten des Statuts von 1949: ‚Alle im Spiegel verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen [……] Berichtigungen kann sich der Spiegel nicht erlauben.‘ Das gilt. Es ist Verpflichtung. Wort für Wort“, schreibt Ullrich Fichtner. “ Dass es Relotius gelingen konnte, jahrelang durch die Maschen der Qualitätssicherung zu schlüpfen, die der Spiegel in Jahrzehnten geknüpft hat, tut besonders weh, und es stellt Fragen an die interne Organisation, die unverzüglich anzugehen sind. Nicht verhindert zu haben, dass die seit 1949 im Spiegel-Statut verbrieften Werte des Hauses in derart flagranter Weise verletzt werden, verursacht einen stechenden Schmerz, und das ist nicht nur hingesagt.“

Nun wird eine Kommission eingesetzt, die alles prüfen soll, was der Lügenbaron je geschrieben hat. Leser und Ex-Informanten, die zur Aufklärung beitragen können, sind gebeten, sich zu melden.

Die Enthüllungen verursachten den ganzen Tag über einen Sturm in den Medien und auch im Netz. Als erstes wurde dem jungen Autor noch gestern der Peter Scholl-Latour-Preis entzogen, der ihm dieses Jahr für seine in Teilen gefälschte Reportage „Löwenjungen“ verliehen wurde. Sein twitter-account verschwand von der Bildfläche, ein neuer Account unter gleichem Namen wurde eröffnet und wettert gegen seine öffentliche Verurteilung.

Das Unternehmen Reemtsma twitterte: “ Respekt für die ehrliche Aufarbeitung und den Umgang des @DerSPIEGEL & seiner Chefredaktion mit dem Fall #Relotius. 2017 war Claas Relotius Preisträger des Reemtsma Liberty Award. Wir sind betroffen, vor allem aber sehr nachdenklich.“

Betroffenheit vieler User, aber auch hämische Schadenfreude so manchen Lesers über die „Lügenpresse“, beherrschten die Reaktionen. Alle anderen Medien, für die der junge Mann in den letzten zehn Jahren geschrieben hat, sind hektisch damit beschäftigt, seine Artikel aufzulisten und deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Der Schaden, den Claas Relotius angerichtet hat, wird noch Jahre in Erinnerung bleiben.

In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Fälle von Journalisten, die Geschichten oder Interviews erfunden oder aus bestehenden Texten neu zusammengesetzt haben. Einer der prominentesten Fälle ist der des Schweizer Journalisten Tom Kummer, der Interviews für das SZ Magazin mit Hollywood-Stars gefälscht hatte. Zehn Jahre später ereilte das inzwischen eingestellte Jugendmagazin Neon von Gruner + Jahr das gleiche Schicksal: Autor Ingo Mocek hatte ebenfalls Interviews mit US-Prominenten erfunden. Aber Klatschgeschichten zu erfinden ist nochmal etwas anderes, als politische Themen der Zeitgeschichte nach Belieben umzuschreiben. Hier geht es an das Grundvertrauen der Leser in die Medien, zerstört ein einzelner Mann die seriöse Arbeit von Tausenden. Was kann man nun glauben – und was nicht?

Eines sollte man bei allem Misstrauen nicht vergessen: Es war auch ein Journalist, der das ganze Lügengebäude aufgedeckt hat. Der sich nicht abhalten ließ, als man ihm nicht glaubte, der sein eigenes Geld eingesetzt hat, um die Wahrheit herauszufinden. Und als die Wahrheit einmal klar war, hat sich das Nachrichtenmagazin selbst so schonungslos wie irgend denkbar selbst angeklagt und schuldig bekannt. Das sollte Hoffnung geben: Es gibt eine journalistische Ehre und Menschen, die sich an ein darauf beruhendes Regelwerk halten. Sie sind die Mehrheit – auch, und vielleicht sogar weil man wenig von ihnen hört. Sie sind zu beschäftigt damit, zu „sagen, was ist.“ Und leider ist nicht alles, was ist, aus dem Stoff, den man für Journalistenpreise liefern muss.

Was sagt nun der junge Karrierist selbst zu seinen Taten? Ullrich Fichtner hat ihn danach gefragt. „Ich neige dazu“, sagt er, „die Kontrolle haben zu wollen. Und ich habe diesen Drang, diesen Trieb, es irgendwie zu schaffen. Man schafft es natürlich nicht. Man schafft eine Fälschung.“ Wenn die Recherche gut laufe, wenn er interessante Leute finde, arbeite er wie ein „normaler“ Journalist, dann verändere er auch sein Material nicht, poliere nichts. Wenn es aber hake, sagt Relotius, wenn er nicht weiterkomme, wenn er nicht zu einer Geschichte finde, dann beginne er zu fälschen. Dann schreibe er gefälschte Sätze hin und lasse sie stehen, und er finde sie teilweise selbst so dreist, so lächerlich, dass er während des Schreibens zu sich sage: „Come on! Im Ernst jetzt? Damit kommst du niemals durch!“

Machte ihm in den vergangenen Jahren das Fälschen auch Spaß? Freut er sich an einem gelungenen Einstieg, einer schönen Szene, einem Detail, wenn alles gut erfunden ist? Über solche Fragen schüttelte Relotius am vergangenen Donnerstag den Kopf. Er sagt, dass es ihn sogar ekele vor sich selbst, wenn er fälsche. Dass es ihm leid tue, alles, dass er sich zutiefst schäme. Dass ihm nun erst bewusst werde, was er seiner Umgebung angetan habe. Mit ihm stimme etwas nicht, sagt Claas Relotius, daran müsse er nun arbeiten. „Ich bin krank, und ich muss mir jetzt helfen lassen.“

Nur wenige der zahlreichen Kommentatoren in den sozialen Medien haben über diesen Aspekt nachgedacht. Einen Tweet habe ich gefunden, in dem es heißt: „Tom Relatius tut mir auch leid. Ich hoffe, er hat ein Umfeld, das ihn jetzt auffängt.“

Siehe auch: Krankhaftes Lügen: Ursache und Symptome

Update: Relotius gibt verbleibende Journalistenpreise zurück

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