Pressefreiheit international: Erosion bei der europäischen Vorreiterrolle Antwort

Im vergangenen Jahr hat sich eine schon 2014 begonnene Erosion der europäischen Vorreiterrolle bei der Pressefreiheit fortgesetzt. Gesetze gegen Terrorismus und Spionage wurden zur Einschränkung von Freiheitsrechten missbraucht, Gesetze zur massenhaften digitalen Überwachung verabschiedet.  Öffentliche sowie teils auch private Medien gerieten zunehmend unter Druck.

Das steht im Jahresbericht 2016 der „Reporter ohne Grenzen“ (ROG).  Eine zunehmende Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit geht in einigen europäischen Ländern von Großkonzernen aus, die nicht nur immer mehr Medien kontrollieren, sondern auch anderweitige Geschäftsinteressen verfolgen. So gehören in Frankreich (45, -7) mittlerweile die meisten privaten Medien von nationaler Bedeutung wenigen Unternehmern, deren wirtschaftliche Interessen vor allem in anderen Branchen liegen. In Bulgarien (113, -7) kontrollieren Politiker und Oligarchen den Großteil der Medien; zugleich nimmt Gewalt gegen Journalisten zu.

Gewalt und Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen gegen Journalisten haben in Deutschland (16, -4) 2015 massiv zugenommen. Insgesamt zählte Reporter ohne Grenzen mindestens 39 gewaltsame Übergriffe gegen Journalisten – insbesondere bei Demonstrationen der Pegida-Bewegung und ihrer regionalen Ableger, bei Kundgebungen rechtsradikaler Gruppen oder auf Gegendemonstrationen.

Im weltweiten Vergleich stehen auf den oberen Plätzen der Rangliste der Pressefreiheit 2016 ausschließlich Länder mit demokratisch verfassten Regierungen, in denen die Gewaltenteilung funktioniert. In diesen Ländern sorgt eine unabhängige Gerichtsbarkeit dafür, dass Mindeststandards tatsächlich von Gesetzgebung und Regierung respektiert werden. Hierzu zählen vor allem die meisten EU-Staaten und die angelsächsischen Demokratien. Deutschland liegt in der Rangliste der Pressefreiheit in diesem Jahr auf Platz 16 (2015: Platz 12) und hält sich damit im Mittelfeld der EU-Staaten. Eine Nahaufnahme der Situation muss jedoch strengere Maßstäbe anlegen. Daher dokumentiert Reporter ohne Grenzen hier detailliert besorgniserregende Entwicklungen und strukturelle Mängel, die die Presse- und Informationsfreiheit in Deutschland bedrohen.

Erstmals seit mehr als 30 Jahren ermittelte die Bundesanwaltschaft im Juli 2015 wieder gegen zwei Journalisten. Auf ihrem Blog netzpolitik.org hatten sie als vertraulich eingestufte Dokumente veröffentlicht. Nach bundesweiten Protesten wurden die Ermittlungen gegen die Blogger wenig später eingestellt. Nicht eingestellt wurden jedoch die Ermittlungen gegen unbekannt, also gegen den Informanten.

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Um auf den unzureichenden Schutz journalistischer Quellen und die weit reichende Überwachung durch Geheimdienste aufmerksam zu machen, verklagte ROG im Juni 2015 den Bundesnachrichtendienst wegen Verletzung des Fernmeldegeheimnisses. ROG fordert eine bessere Kontrolle der Geheimdienste durch das Parlament. Das im Oktober verabschiedete Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung kritisiert Reporter ohne Grenzen scharf. Es verpflichtet Telefon- und Internetunternehmen, die Verbindungsdaten aller Kunden anlasslos zehn Wochen lang zu speichern. Zugegriffen werden darf auf die Daten nur bei schweren Straftaten, was genau darunter fällt, ist jedoch nicht klar genug definiert.

Berufsgeheimnisträger wie Journalisten schützt das Gesetz nur unzureichend. Der neu eingeführte Straftatbestand der Datenhehlerei gefährdet ihre Informanten.

Die wirtschaftliche Krise vieler Zeitungs- und Zeitschriftenverlage hält unvermindert an. Dementsprechend häufen sich Meldungen über die Zusammenlegung von Redaktionen, Einsparungen und Entlassungen. In zunehmendem Maße liefern Zentralredaktionen großer Regionalverlage identische Inhalte an diverse Abnehmer. Pressevielfalt besteht in vielen Regionen oft nur noch bei Titel und Layout, nicht aber bei Inhalt und Ausrichtung der Zeitungen. Immer stärker setzen Verlage auf sogenanntes Native Advertising, das ins Layout der Redaktion integriert wird. Wegen mangelnder Trennung von Redaktion und Werbung sprach der Presserat von Januar 2015 bis März 2016 insgesamt 20 Rügen aus. Auch für Radiosender besteht inzwischen ein florierender Markt von Themendiensten und Agenturen, die im Auftrag von Firmen und Organisationen kostenlos Material anbieten.

Dass Whistleblower in Deutschland nicht ausreichend geschützt sind, zeigten auch andere Fälle. Im Juli 2015 ermittelte die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen des Verrats von Dienstgeheimnissen gegen unbekannt, nachdem die Bild-Zeitung mit Hinweis auf vertrauliche Quellen über defekte Schutzwesten bei der hessischen Polizei berichtet hatte (http://t1p.de/du4g). In Baden-Württemberg setzten sich Innen- und Justizministerium für Ermittlungen wegen Geheimnisverrats gegen unbekannt ein, nachdem die Stuttgarter Zeitung Informationen aus einer als geheim eingestuften Sitzung des NSU-Untersuchungsausschusses veröffentlicht hatte (http://t1p.de/mtg9). In Lüneburg stand im Frühjahr 2016 ein früherer Oberstaatsanwalt wegen Geheimnisverrats vor Gericht. Ihm wurde vorgeworfen, er habe den Weser-Kurier über Pläne der Polizei informiert, die Investigativ-Reporterin Christine Kröger zu überwachen. (http://t1p.de/e6ru)

Wie stark Journalisten und ihre Informanten im Fokus von Ermittlungen stehen, wenn nach undichten Stellen in Geheimdiensten und Behörden gesucht wird, wurde Ende 2015 durch Recherchen des Berliner Tagesspiegel deutlich. Per Gerichtsentscheid zwang die Zeitung die Regierung, Auskunft über die Zahl der Fälle von Geheimnisverrat beim Bundesnachrichtendienst zu geben. Demnach zählte der BND von Januar bis Oktober 32 Verstöße gegen die einschlägigen Geheimschutzvorschriften – bis auf drei Ausnahmen allesamt durch Veröffentlichungen in Medien. In jedem dieser Fälle wird ein formeller Prüfvorgang eingeleitet, um die Quelle des Geheimnisverrats ausfindig zu machen. Die veröffentlichten Zahlen zeigen, dass seit 2013 Jahr für Jahr mehr als Verschlusssache eingestufte BND-Dokumente an die Öffentlichkeit gelangen. (http://t1p.de/12wa)

Genau nachlesen lassen sich alle Hintergründe in der Nahaufnahme Deutschland.

„Viele Staatsführer reagieren geradezu paranoid auf legitime Kritik durch unabhängige Journalisten“, sagte ROG-Vorstandssprecher Michael Rediske. „Wenn sich selbstherrliche Präsidenten und Regierungen per Gesetz jeder Kritik entziehen, fördert das Selbstzensur und erstickt jede politische Diskussion. Dabei sind lebendige, debattierfreudige Medien gerade dort nötig, wo die Probleme am größten sind und sich Gesellschaften über den besten Weg in die Zukunft verständigen müssen.“

Größte Absteiger in der Rangliste 2016 sind Tadschikistan (Platz 150, -34) und Brunei (155, -34). In Tadschikistan macht Präsident Emomali Rahmon unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung Kritiker mundtot. In Brunei nimmt angesichts der schrittweisen Einführung der Scharia und eines Blasphemieverbots die Selbstzensur zu. Polen stürzte um 29 Plätze auf Rang 47 ab – eine Folge der zielgerichteten Bestrebungen der neuen Regierung, die Eigenständigkeit der öffentlich-rechtlichen Medien einzuschränken und private Medien zu „repolonisieren“.

Größter Aufsteiger ist Tunesien (96, +30), das ungeachtet aller weiterhin bestehenden Defizite die Früchte der Medienreformen seit dem Umbruch von 2011 zu ernten beginnt. Gewalt und Prozesse gegen Journalisten sind dort weiterhin ein Problem, aber in der Tendenz rückläufig.

Eine zunehmende Gefahr für die journalistische Unabhängigkeit geht in einigen europäischen Ländern von Großkonzernen aus, die nicht nur immer mehr Medien kontrollieren, sondern auch anderweitige Geschäftsinteressen verfolgen. In Bulgarien (113, -7) kontrollieren Politiker und Oligarchen den Großteil der Medien; zugleich nimmt Gewalt gegen Journalisten zu.

Selbst in Schweden (8, -3), das traditionell zu den Ländern mit der ausgeprägtesten Pressefreiheit gehört, klagen im Zeichen einer stärker werdenden nationalistischen Strömung erschreckend viele Journalisten über Drohungen. Gewalt gegen Journalisten ist auch in Kroatien (63, -5) und Serbien (59, +8) ein anhaltendes Problem. In Ungarn (67, -2) definiert und überwacht mittlerweile ein von der Regierung kontrollierter Medienrat die Einhaltung des „öffentlichen Anstands“.

In der Türkei (151, -2) gingen Regierung und Justiz nicht zuletzt im Zeichen des wiederaufgeflammten Konflikts mit den Kurden massiv gegen kritische Medien vor. Wiederholt wurden Nachrichtensperren verhängt, Redaktionen überfallen oder unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt, ausländische Reporter festgenommen und kritische Journalisten mit Klagen überzogen. Hinzu kamen Mordanschläge auf mehrere syrische Medienaktivisten, die in die Türkei geflüchtet waren.

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In Amerika ist die Pressefreiheit Angriffen von vielen Seiten ausgesetzt: In Kolumbien (134, -6) und weiten Teile Mittelamerikas wie etwa Honduras (137, -5) machen die Aktivitäten von Drogenkartellen und paramilitärischen Gruppen investigativen Journalismus lebensgefährlich. Besonders häufig sind Morden an Journalisten in Mexiko (149, -1); besonders stark verschlechtert hat sich die Lage in El Salvador (58, -13) seit dem Amtsantritt von Präsident Salvador Sánchez Cerén, der den Medien eine „psychologische Terrorkampagne“ gegen sich vorgeworfen hat.

In den USA (41, +8) gehen die größten Gefahren für die Pressefreiheit von der digitalen Überwachung sowie von der juristischen Kampagne der Regierung gegen Whistleblower und Investigativjournalisten aus. In Venezuela (139, -2) und Ecuador (109, -1) ist Druck der Behörden das größte Hindernis für unabhängigen Journalismus, in Brasilien (104, -5) Korruption und in Argentinien (54, +3) die hohe Medienbesitzkonzentration.

Kuba bleibt abgeschlagen auf einem der letzten Plätze der Rangliste (171, -2) – trotz des außenpolitischen Tauwetters war dort 2015 keine Lockerung der weitreichenden staatlichen Kontrolle über die Medien zu erkennen.

Die Spitzenplätze der Rangliste nehmen Finnland, die Niederlande und Norwegen ein. Dazu tragen etwa liberale Regelungen über den Zugang zu Behördeninformationen sowie der Schutz journalistischer Quellen bei. Am Ende der Rangliste halten sich unverändert Eritrea (180), Nordkorea (179) und Turkmenistan (178) – Diktaturen, die die Medien ihrer Länder so gut wie vollständig kontrollieren. Eritrea lässt neuerdings zwar vereinzelt ausländische Journalisten ins Land reisen, hält deren einheimische Kollegen aber zum Teil seit fast 15 Jahren unter erbärmlichen Bedingungen gefangen.

Neben den Platzierungen der einzelnen Länder errechnet Reporter ohne Grenzen seit 2013 auch einen Indikator der Pressefreiheit weltweit. Dieser weist für 2015 einen eindeutigen Rückgang der Pressefreiheit aus. Von der vorigen zur aktuellen Rangliste ist der Indikator um 3,7 Prozent gesunken, seit 2013 um 13,6 Prozent.

Am deutlichsten (-16 % seit 2013) ist der Rückgang beim Teilindikator für die Produktionsmittel von Medien: Einige Regierungen schrecken nicht vor Blockaden des Internets oder der Zerstörung von Redaktionsräumen, Sendetechnik oder Druckpressen zurück, um unliebsame Berichterstattung zu unterbinden.

Deutlich ist der globale Rückgang auch bei den juristischen Rahmenbedingungen (-10 % seit 2013). Dies spiegelt die vielen Gesetze wieder, die Präsidentenbeleidigung, Blasphemie oder Unterstützung des Terrorismus unter Strafe stellen und damit in einigen Ländern zu zunehmender Selbstzensur beitragen.

Update: Fünf Jahre Haft für Cumhuriyet-Journalisten

Update: US-Cartoonist wegen kritischer Saatgut-Karrikatur gefeuert

Update: Türkische Regierung ordnet Schließung von 45 Zeitungen und 16 TV-Sendern an – Haftbefehle

Update: Could reporters be hunted down if Trump goes after leakers

Niedergang der Printmedien: Kreativität in ganz neuen Strukturen nötig Antwort

Mit dem Freitag, 7. Dezember 2012 war die gedruckte Ausgabe der Financial Times Deutschland (FTD) Geschichte. Nachdem Verkaufsverhandlungen gescheitert waren, stellte der Verlag Gruner + Jahr das Erscheinen des Blattes ein.

Die G+J-Wirtschaftsmedien beschäftigen rund 350 Mitarbeiter, darunter 250 Redakteure. Die meisten von ihnen arbeiten für die „FTD“. Gruner + Jahr (2,3 Milliarden Euro Umsatz) gehört zu 74,9 Prozent dem Gütersloher Medienkonzern Bertelsmann; 25,1 Prozent liegen bei der Hamburger Verlegerfamilie Jahr. Auch die Monatszeitschrift „Impulse“ und das Anlegerheft „Börse Online“ sollen verkauft werden.  Das Magazin „Capital“ will Gruner + Jahr behalten.

Sinkende Anzeigenerlöse und fallende Auflagen dürften in diesem Jahr zu einem Verlust von rund 15 Millionen Euro führen, heißt es im Verlag. Davon entfallen gut 10 Millionen Euro auf die „FTD“. Das lachsrosafarbene Wirtschaftsblatt hat in den zwölf Jahren seit seiner Gründung nie Geld verdient und in der Summe Verluste von mehr als 250 Millionen Euro angehäuft.   Quelle: FAZ, Johannes Ritter

Nur sechs Tage zuvor wurde in Frankfurt das Aus der linken Tageszeitung Frankfurter Rundschau bekannt gegeben. Zwar verhandele er mit „namhaften Interessenten“, viel Zeit aber bleibt nicht mehr: Werde bis Jahresende kein Investor für die „Frankfurter Rundschau“ gefunden, so Insolvenzverwalter Frank Schmitt, sei das Ende des Traditionsblattes besiegelt. „Uns geht das Geld aus“, sagte der 47-Jährige der Nachrichtenagentur dpa. „Aber wer auch immer den Zuschlag erhält: Der Verkauf muss schnell erfolgen. Allerspätestens bis Jahresende muss der Investor feststehen.“ Bis Ende Januar 2013 erhalten die Mitarbeiter des Verlags Insolvenzgeld. Über mögliche Interessenten sagte Schmitt: Diese erkundigten sich zum Teil nach dem gesamten Verlag, einige könnten sich aber auch vorstellen, nur das Filetstück, die App der „Rundschau“, fortzuführen. Quelle: Der Spiegel

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Überall im Land wird die Luft dünner

  • Stellt das beinahe 70 Jahre alte Traditionsblatt Frankfurter Rundschau tatsächlich Ende Januar 2013 sein Erscheinen ein, betrifft das allein fast 500 Mitarbeiter. Links im Bild Geschäftsführer Karlheinz Kroke bei der Bekanntgabe der Insolvenz.
  • Und in Hamburg ist der Großverlag Gruner + Jahr („Stern“) auf Sparkurs: Mehr als ein Dutzend Mitarbeiter der „Brigitte“ etwa verlieren ihre Stelle.
  • In Hamburg verkündete der Jahreszeiten-Verlag 50 Mitarbeitern des Stadtmagazins „Prinz“, das in 14 Städten erscheint, das Aus der Print-Ausgabe nach fast 30 Jahren. Grund: Konkurrenz durch Gratis-Angebote im Internet.
  • In Nürnberg stellte die „Abendzeitung“ Ende September nach 97 Jahren ihr Erscheinen ein. Die „Nürnberger Zeitung“, die zusammen mit den „Nürnberger Nachrichten“ seit Jahrzehnten von Verleger Bruno Schnell geführt wird, kürzt bis zum Jahresende 20 Prozent der Stellen. Ursache: massive Anzeigenrückgänge.
  • In Essen will die WAZ-Mediengruppe bis 2014 noch einmal 20 Prozent Kosten sparen. Dabei hatten die Ruhr-Verleger erst vor wenigen Jahren massiv ins Fleisch ihrer vier Revier-Zeitungen geschnitten und 300 von 900 Redakteursstellen gekappt. Grund: Mehrheitseignerin Petra Grotkamp muss Bankkredite bedienen, die sie zu Beginn des Jahres für den Kauf von weiteren 50 Prozent am Verlag aufgenommen hatte.
  • In Berlin kämpft die Nachrichtenagentur dapd nach der Insolvenz ums Überleben, nachdem zwei Investoren erst Millionen in den Ausbau zur Voll-Agentur und zum dpa-Konkurrenten pumpten, ehe sie im Herbst beschlossen, kein weiteres Geld mehr nachzuschießen. Neuste Gerüchte besagen, dass ihrer französischen Tochter Sipa das gleiche Schicksal droht. Quelle: Wirtschaftswoche
  • Auch der Verlag des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ schwenkt nach Aussagen seines Geschäftsführers auf einen Sparkurs ein. „Wir müssen sparen und die Kostenstrukturen so gestalten, dass die Spiegel-Gruppe trotz rückläufiger Umsätze solide Ergebnisse erwirtschaftet“, sagte Ove Saffe der „Süddeutschen Zeitung“ .

Der Personalaufwand müsse reduziert werden, ein Stellenabbau sei nicht ausgeschlossen. Die Gruppe beschäftigt derzeit 1250 Mitarbeiter.

Nach Angaben Saffes werde der Umsatz der Spiegel-Gruppe 2012 um sechs Prozent auf 307 Millionen Euro sinken, das sei das Niveau von 2003. Die für das Printgeschäft entscheidenden Marktbereiche Anzeigen und Vertrieb seien rückläufig. Der Spiegel verliere netto rund zehn Prozent Anzeigenerlöse, selbst die Vertriebsumsätze könnten erstmals seit vielen Jahren rückläufig sein. Quelle: Handelsblatt

Enormer technischer Wandel inmitten einer Krise

Viel und laut wurde in den letzten drei Wochen über die dramatische Situation in überregional bekannten Medien nachgedacht. Sehr leise dagegen begann das Sterben auf lokaler Ebene schon viel früher: Ende der 90er Jahre war der Rückzug der regionalen Tageszeitungen aus der Fläche bereits in vollem Gang. Hunderte von Redakteuren in kleinen Redaktionen wurden freigesetzt, verschwanden im Nirwana oder krebsen seitdem als selbstständige „Agenturen“ durchs Leben. Nur: Da es zuerst die Journalisten traf, deren Thema „Kleintierzüchter“ waren, blendete die Öffentlichkeit die breit anlaufende Entwicklung lange aus.

Die jetzt so lautstark von den Verlagen beklagte Gratiskultur im Netz, der man mit dem Leistungsschutzrecht entgegenwirken müsse, mag die Entwicklung später beschleunigt haben – ihre Ursache war sie nicht. Kostenträchtig war die Entwicklung des Internets für die Verlage trotzdem: Innerhalb weniger Jahre wurde die gesamte Technik der traditionellen Zeitungsherstellung umgekrempelt: Von der Schreibmaschine zum Desktop-PC, vom Lochstreifen zum (möglichst mehrfach retundanten) Serversystem, vom Fotolabor über den Bildfunk zur digitalen Fotografie; schließlich vom schwarz-weiß-Druck zu aufwändigen optischen Relaunches, farbigen Fotos und den entsprechenden neuen Druckmaschinen kostete die Umbildung der Print-Verlage Tausende vor allem  technische Mitarbeiter in den Verlagen ersatzlos die Jobs, ohne dass wachsende Umsätze oder Personalreduzierungen frühere Gewinnmargen wieder hätten hervorbringen können. Noch immer gibt es Verlage, die im Bau neuer Druckhäuser ihre Rettung sehen – obwohl die Auflagen ihrer Blätter seit Jahren rückläufig sind.

Verkaufte Auflage überregionaler Tageszeitungen

Zahlen zur Einnahmesituation der Verlage

Der Bund deutscher Zeitungsverleger (BDZV) gibt jährliche Berichte über die Marktsituation seiner Mitglieder heraus. Im jüngsten schreibt Anja Pasquay unter anderem:

„Die Zeitungsverlage haben alle Voraussetzungen, als Gewinner aus der digitalen Veränderung der Medienkultur hervorzugehen. Dabei gründen sich die Strategien der Branche auf drei Säulen: Zum einen wird das Geschäft mit gedruckten Produkten weiterentwickelt; Print bleibt ein erfolgreiches Geschäft, und die Möglichkeiten von Papier sind dank digitaler Technologie längst nicht ausgeschöpft. Ferner erschließen die Verlage offensiv die digitalen Märkte und entwickeln online und mobil zusätzliche Angebote für Leser, Nutzer, Werbekunden. Dritte Säule ist die Diversifizierung; hierzu zählen Verlagsengagements in der Aus- und Weiterbildung, im Veranstaltungsmanagement, bei der Briefzustellung oder in der B-2-B-Dienstleistung für Unternehmen und Organisationen.

Gedruckt, online und mobil erreichen die Zeitungen aktuell ein Publikum, das so groß ist wie nie zuvor. So werden die gedruckten Zeitungen pro Erscheinungstag von 72,4 Prozent der Bürger über 14 Jahren gelesen (Tageszeitungen: 66,6 Prozent). Fast 40 Prozent der über 14-Jährigen (27,7 Millionen Unique User) sind auf den Websites der Verlage unterwegs. 2,5 Millionen Nutzer steuern mindestens einmal pro Woche die Website einer regionalen Zeitung mobil an. Und: Bei der mit gedruckter Lektüre nur schwer zu erreichenden Zielgruppe der 14- bis 29-Jährigen ist die Reichweite der Verlage im Netz seit Ende 2011 um zehn Prozent auf 62,6 Prozent gestiegen.“

Die alte Faustregel, wonach zwei Drittel der Umsätze aus der Werbung und ein Drittel aus dem Verkauf der Tagespresse stammen, gelte bereits seit der ersten großen Wirtschafts- und Werbekrise des Jahrzehnts (2001 bis 2003) nicht mehr,  heißt es weiter.

Mit einem Werbeumsatz von 3,55 Milliarden Euro im Jahr 2011 (-2,2 Prozent) sind die Tageszeitungen in Deutschland nach dem Fernsehen der zweitgrößte Werbeträger. Die Werbeumsätze der Wochen- und Sonntagszeitungen gingen von 218 auf 214 Millionen Euro (-1,9 Prozent) leicht zurück. Der Gesamtwerbeumsatz aller Zeitungsgattungen belief sich auf 3,77 Milliarden Euro (-2,2 Prozent). Der Gesamtwerbemarkt in Deutschland hingegen wuchs leicht: Das durchschnittliche Umsatzplus aller Werbemedien lag 2011 bei 1 Prozent. Der Anteil der Zeitungsbranche am Gesamtwerbeaufkommen liegt bei gut 20 Prozent, im Jahr 2000 war es es noch gut 29 Prozent.

Die Zeitungen in Deutschland haben eine Gesamtauflage von gut 22,8 Millionen verkauften Exemplaren pro Erscheinungstag (IVW: III. Quartal 2012). Im Vergleich zu dem entsprechenden Vorjahresquartal bedeutet dies ein durchschnittliches Auflagenminus von 821.605 Exemplaren (-3,5 Prozent). Zu der Gesamtauflage zählen 227.669 verkaufte E-Paper-Ausgaben (+51,4 Prozent) von 121 verschiedenen Titeln.

Insgesamt belaufen sich die Verluste per saldo bei den lokalen/regionalen Zeitungen auf 2,4 Prozent, bei den überregionalen Titeln auf 2,6 Prozent, bei den Kaufzeitungen auf 7,3 Prozent, bei den Sonntagszeitungen auf 4,9 Prozent und bei den Wochenzeitungen auf 0,9 Prozent.

Die verkaufte Auflage aller Zeitungsgattungen gliedert sich in 18,02 Millionen Tageszeitungsexemplare, 3,07 Millionen Sonntagszeitungen und 1,75 Millionen Wochenzeitungen. Bei den Tageszeitungen entfallen 12,95 Millionen Exemplare auf die lokalen und regionalen Abonnementzeitungen, gut 1,5 Millionen auf überregionale Blätter und knapp 3,6 Millionen auf die Kaufzeitungen.

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Dass eine Umstellung aufs Internet allein nicht die Lösung des Problems sein kann, konnte man diese Woche ebenfalls lesen:

Die ausschließlich als Tablet-App erhältliche US-Tageszeitung The Daily wird nach nicht einmal zwei Jahren wieder eingestellt. Am 15. Dezember ist Schluss mit dem ambitionierten Projekt von Medienmogul Rupert Murdoch, bestätigte dessen Unternehmen News Corp am Montag. „Wir haben nicht schnell genug einen Leserkreis aufbauen können, der groß genug gewesen wäre, um uns langfristig von der Tragfähigkeit des Geschäftsmodells zu überzeugen“, erklärte Murdoch.

Murdoch hatte The Daily im Februar 2011 als „Zeitung der Zukunft“ vorgestellt, ein digitales Medium, das extra für Tablet-Computer produziert wurde. Nach einer Ausgabe für das iPad von Apple brachte News Corp im Januar 2012 auch eine Version für Android-Tablets auf den Markt. Allerdings erreichte The Daily nie die angepeilten Abonnentenzahlen (zuletzt war von 100.000 die Rede) und Werbeeinnahmen, mit denen sie ihre Kosten decken könnte. Im Sommer hatte sich bereits angedeutet, dass das Projekt in Schwierigkeiten steckt; bei einer Sparrunde im August wurden 50 der zuvor 170 Arbeitsplätze gestrichen. Quelle: heise online

Größte Entlassungswelle in der Branche seit 1949

Die deutsche Presse erlebe derzeit die größte Entlassungswelle seit Bestehen der Bundesrepublik, so die Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit. „Vorher sind mal einzelne Redaktionen insolvent gegangen. Aber das war nie die Größenordnung, die heute erreicht wird, wo wir mehrere Redaktionen haben, die viele Menschen freisetzen“, sagte eine Sprecherin der Bundesagentur in Nürnberg auf dpa-Anfrage.

Es sei ein schwieriger Markt im Augenblick, wird die Sprecherin der Bundesagentur von dpa zitiert. Die Chancen, dass gerade die Kollegen aus dem Printbereich auch wieder im Printbereich unterkommen würden, seien nicht wahnsinnig gut. Es gebe Alternativen im Online-Bereich oder in der Unternehmenskommunikation. Es werde aber sicher für viele schwierig werden, wieder im Journalismus unterzukommen, erklärte die Sprecherin. „Man kann auch schauen, sich mit freiberuflicher Tätigkeit selbstständig zu machen, aber da braucht man sehr viel Durchhaltevermögen.“ Die Arbeitsagenturen setzten bei arbeitslosen Journalisten vor allem auf Eigeninitiative, die Agentur könne weniger vermittelnd als beratend tätig werden.

Uwe Vorkötter, der ehemalige Chefredakteur von Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung, warnt die Branche vor weiteren Sparrunden ohne offensive Konzepte für den digitalen Wettbewerb. „Bleibt im Prinzip alles, wie es ist, und man spart einfach auf der Kostenseite den sinkenden Erlösen hinterher? Dann werden bald auch die Starken schwach“, schreibt Vorkötter in einem Gastbeitrag für das medium magazin (Ausgabe 12/2012, ET: 3.12).

Die Insolvenz der Frankfurter Rundschau und das für den 7. Dezember angekündigte Ende der Financial Times Deutschland sieht er als Beleg dafür, dass die gesamte Zeitungsbranche vor existenziellen Fragen steht. „Ja, die Insolvenz des einen und das Aus für das andere Blatt sind Menetekel“, notierte Vorkötter. „Die Krise, die seit Jahren beschworen wird, hat ihre ersten beiden prominenten Opfer gefordert. Es werden nicht die letzten sein.“

Quelle: kress.de

Siehe auch: 

FTD: Macht es nochmal, Leute

und: Wahrheit duldet keine Kompromisse

Update: Schwindsucht auf dem Zeitungsmarkt

Update: Sterben der Tageszeitungen gefährdet die Demokratie

Update: Investor für Wirtschaftsmagazin Impulse gefunden

Update: Was ist eigentlich Journalismus?

Update: Freie Presse, Pressefreiheit – aber nur, wenn man nicht so genau hin schaut

Update: Abgesang auf den Lokalteil der Westfälischen Rundschau

Update: Dortmund: Redakteure gehen, Blogger kommen 

Update: New York Times hat Bezahlschranke im Netz erfolgreich eingeführt

Update: 450 FR-Mitarbeiter erwartet nächste Woche die Kündigung

Update: Warren Buffet besitzt jetzt 70 Zeitungstitel

Update: Kartellamt stimmt zu, FAZ übernimmt FR – 28 Redakteure bleiben

Update: Rote Zahlen bei Gruner+Jahr

Update: DuMonts digitale Tochter ist ebenfalls insolvent

Update: Kurzer Prozess: Spiegel-Spitze fristlos gefeuert

Update: Nachrichtenagentur dapd stellt den Betrieb ein

Update: Wolfgang Büchner soll Spiegel zum Erfolg führen

Update: BILD steht vor Stellenabbau

Update: Was einen Wert hat, muss was kosten

Update: Ariane Huffington zum Huffington Post Deutschland-Modell

Update: „Anzeigen werden in den nächsten zehn Jahren verschwinden

Update: Springer verkauft Regionalzeitungen – will führender Internet-Dienst werden

Update: Amazon-Chef Jeff Bezos kauft die Washington Post

Update: Craigslist took $ 5Billion from newspapers revenue

Update: Rhein-Zeitung stellt Mainzer Ausgabe ein

Update: Journalisten streiken für höhere Löhne

Update: Chinesischer Milliardär greift nach New York Times

Update: Geht es der FAZ zum Verzweifeln schlecht? 

Update: Zeit-Verlag meldet Rekord-Umsätze

Update: Buffet newspapers lose readers as small town bet awaits payoff

Update: Münchner Abendzeitung meldet Insolvenz an

Update: Verleger Friedmann: Perspektive der Abendzeitung ist hoffnungslos

Update: AGOF-Siegeszug von Focus und Huffington Post geht weiter

Update: Krautreporter neue Hoffnungsträger im  Online-Journalismus?

Update: AWA meldet großflächige Leserverluste im Print

Update: Sehr unterschiedliche Abo-Entwicklung im Printbereich

Update: Focus wechselt erneut Chefredakteur, um Auflage zu retten

Update: Spiegel 3.0 verzahnt Ressorts von Print und Online

Update: Auflagenverluste überregional 2014

Update: Machtkampf beim Spiegel ist vorbei – Büchner muss gehen

Update: Wer gehört zu wem?

Update: The Last (or at Least Looniest) Newspaper in America

Update: Ohnmächtige Helden der vierten Gewalt

Update: Mensch schlägt Maschine – bei Apple, Facebook, twitter & Co

Update: Mit Geld von Axel Springer: Deutscher Business Insider startet noch dieses Jahr

Update: Aus jeder Zeitung das herauspicken, was man wirklich lesen will: Geht doch! 

Update: Britische Zeitung Independant stellt gedruckte Ausgabe ein

Update: Gesamt-Statistik der Druckauflagen im ersten Quartal 2016

Update: IVW-Blitzanalyse 1. Quartal 2016: Spiegel verliert zweistellig an Auflage

Update: Spiegel stutzt Web-Redaktion des Manager-Magazins zusammen

Update Sollten regionale Tageszeitungen nur noch dreimal die Woche erscheinen?

Update: IV. Quartal 2016: Es geht weiter rasant bergab

Update: Warren Buffett sagt großes Zeitungssterben voraus