IS-Terror: Wir alle tragen daran Schuld – und müssen jetzt überlegt handeln 2

Seit den jüngsten Anschlägen ist es definitiv mehr als nur ein Grummeln im Bauch: Wie wollen wir mit dem Islam umgehen? Wie mit dem selbsternannten Islamischen Staat?

Wegreden kann man die Dinge nicht mehr. Deshalb ist es wichtig, sie genau zu betrachten. Was hat es auf sich mit all den Terroranschlägen, die in unserer bisher scheinbar heilen Welt alles durcheinander bringen?

Schon nach kurzem Kratzen an der Oberfläche wird klar: Der selbsternannte „freie Westen“ hat seine Feinde selbst geschaffen. Und wir alle tragen eine Mitschuld daran. Weil wir nicht genau hingesehen haben. Weil es so einfach war, unseren Regierungen zu glauben. Weil wir nicht wahr haben wollten, was eine Tatsache ist: Es geht uns nur deshalb so gut, weil wir andere Länder ausbeuten. Sei es nun aktiv durch Kriege oder scheinbar passiv durch Waffenlieferungen, Ausbildung an den Waffen für Oppositionelle oder wirtschaftliche Knebelverträge.

Ja, auch Deutschland und seine braven Bürger.

Und jetzt haben wir den Salat.

Frankreich ist nicht nur ein stolzes, sondern auch ein traditionell kriegerisches Land.

Das beweist es auch jetzt wieder: Präsident Hollande hat in Europa den Bündnisfall ausgerufen. Er erwartet militärischen Beistand im Kampf gegen den islamischen Staat (beziehungsweise militärische Entlastung an all seinen anderen Fronten in Afrika) – und Europa hat sich zur Unterstützung bereit erklärt.

Die Propaganda-Maschinerie ist angerollt. Jetzt können wir nur noch darauf hoffen, dass unsere Regierenden den Kopf bewahren.

Oder können wir vielleicht doch mehr tun?

Denken kann auch in diesem Fall nicht schaden.

Folgen wir der Spur „wer hat etwas davon“. Ganz schnell haben wir da unerfreuliche Ergebnisse. Die Gier nach Macht und der Kampf um Rohstoffe sind es, die die Welt regieren – und der „freie Westen“, der so gerne bei Staatsbesuchen auf die Menschenrechte pocht, mischt an vorderster Stelle dabei mit. Wenn es um Rohstoffe geht, führen wir völkerrechtswidrige Kriege, erzwingen wir Regierungen unserer Wahl und fördern radikale oppositionelle Gruppen. Wir fördern sie mit Geld, mit Waffen, mit Ausbildung und glauben jedes Mal aufs Neue, wir könnten kontrollieren, in welche Richtung sich solche Manipulationen bewegen.

Die Führungsmacht des Westens sind die USA – an deren Spitze nun seit Jahren ein Friedensnobelpreisträger steht. (Hm – der Nobelpreis wird ja auch in Europa verliehen, von Europäern…). Das bedeutet nicht, dass Staaten wie Deutschland, die sich hinter Pseudo-Pazifismus verstecken, unschuldig sind. Wir mischen fröhlich mit, liefern Waffen, liefern Ausbildung, steuern Überwachungstechnologie; kurz, tun alles, was nicht direkt mit Blutvergießen zu tun hat und waschen dann unsere Hände in Unschuld. Und das deutsche Volk, nach der riesigen Schuld des Dritten Reiches auf Pazifismus getrimmt, tut, was es besonders gut kann: Den Regierenden glauben und der Wahrheit aus dem Weg gehen.

Ja, die Amerikaner haben uns nach dem Krieg mit Nahrung versorgt und uns geholfen, den Staat wieder aufzubauen. Aber nicht, weil sie reine Menschenfreunde sind: Wir waren an der Grenze des westlichen Blockes zum Warschauer Pakt. Wir waren der Fuß Amerikas in Europa. Daran, wie heute Polen und die baltischen Staaten von den USA gepflegt werden, wie die Türkei, die gar nicht Mitglied der EU – aber Pfeiler des Westens im Osten ist – hofiert wird, lässt sich die Bedeutung dieses Status einschätzen. Deutschland war darüber hinaus auch noch Verlierer zweier Kriege und deshalb besonders leicht zu manipulieren.

Aber die USA haben eine völlig andere Sicht der Welt als wir Deutschen. Sie allein wollen Supermacht sein – und sie sind in ernster Gefahr, das Rennen zu verlieren. Im Osten formt sich eine unheilvolle Allianz: Das durch Vertragsbrüche und deutlich hörbare Geringsätzung gedemütigte Russland verbündet sich mit China – einem Staat, der sich ebenfalls als einzig legitimen Herrscher der Welt ansieht und außerdem Milliarden amerikanischer Schuldverschreibungen in der Hand hat. Erklärtes gemeinsames Ziel ist es nicht nur, den Dollar als Weltwährung auszuschalten. Es geht auch darum, sich so viel Land und so viele Rohstoff-Ressourcen wie möglich anzueignen.

Mit starken Staaten und zufriedenen Bürgern in den Zielländern werden solche Ziele schwerlich realisierbar sein. Was liegt also näher, als Unfrieden zu fördern? Je intensiver sich Gruppen vor Ort bekämpfen, desto weniger braucht der eigentliche Aggressor mit eigenen Soldaten und Waffen einzuschreiten.

Insgesamt 40 Staaten, so Präsident Putin beim G20-Gipfel, haben in der Folge den IS finanziell unterstützt – darunter auch solche, die zur G20-Runde gehören. Unter anderem geht es dabei um illegalen Ölhandel.

Welches sind die wichtigsten ideellen Ziele der Menschen? Da sind die Freiheit, die Liebe und der Sinn des Lebens. Ihn zu erfüllen, dafür nach dem körperlichen Tod bei, in und durch Gott belohnt zu werden, kann die mächstigste Triebfeder von allen sein.

Unzufriedenheit mit einer Regierung kann zu schlimmen Bürgerkriegen führen. Unzufriedenheit mit einer Regierung, gepaart mit dem religiösen Ziel, von Gott belohnt zu werden und dereinst an seiner Seite sitzen zu dürfen, ist eine unberechenbare Kraft. Sie ist weit mächtiger als das körperliche Leben des Einzelnen.

Dieses Feuer angefacht zu haben ist unsere Schuld. Wir haben zugelassen, dass Al Kaida, die Taliban, der IS stark werden konnten. Wir, der Westen, haben das auch noch finanziert.

Und, um es ganz klar zu sagen: Nur weil jemand behauptet, persönlich nicht mitgemacht zu haben, ist er/sie nicht weniger schuldig. Wir, die Wähler, haben unseren Regierungen erlaubt, zu tun, was sie tun. Meist fand das Erlauben durch stillschweigendes Wegsehen, durch Ignorieren der Tatsachen statt. Das ist noch viel schlimmer, als persönliches Engagement in einer unguten Richtung: Wegschauen macht der Willkür die Bahn frei und sonnt sich gleichzeitig im Gutmenschentum.

Jetzt haben wir es nicht nur mit radikalisierten arabischen Moslems zu tun, sondern auch mit fanatischen Europäern – und die Ratlosigkeit ist groß. Wenn Deutsche, die zu radikalen Muslims wurden, Deutsche töten wollen, die nicht konvertieren – was macht man da?

Pazifismus in der bisher praktizierten Form des Wegschauens hilft uns hier nicht mehr weiter. Wohl kaum ein Wort ist auch in seiner bisherigen Geschichte mehr missbraucht worden als dieses.

„Die Bewohner der wohlhabenden Nationen schlafwandeln zumeist im unpolitischen Pazifismus. Sie verbringen ihre Tage in einer vergoldeten Unzufriedenheit,“  sagt Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit. Recht hat er.

Wer den Frieden sichern will, muss handeln. Alles Handeln beginnt mit politischer Aufmerksamkeit. Es sind die Meinungsumfragen, die unsere Politiker zum Handeln bringen. Bringen wir also unsere Meinung ein, statt uns verdrossen abzuwenden.

Es sind Wahlen, die Politiker ins Amt bringen. Wählen wir.

Wer den Frieden sichern will, muss die Menschen anschauen. Alle. Schauen wir sie an.

Wer den Frieden sichern will, muss mit Menschen sprechen, Zusammenleben verhandeln, Glaubensfragen wertfrei diskutieren. Das ist unsere Aufgabe in Bezug auf die vielen Einwanderer in unser Land. Wir können sie nicht abschieben, wir können sie auch nicht wegdenken. Wir sollten sie also integrieren in unsere Gesellschaft und mit ihnen im Gespräch bleiben. Das ist auch der Weg, die Radikalen unter ihnen zu enttarnen.

Wer den Frieden sichern will, muss die Freiheit befürworten. Die Freiheit für alle, zu glauben, was sie für sich erkannt haben, gehört dazu. Muslime sollen bei uns den Islam praktizieren können – Muslime sollten aber auch das Christentum und die anderen Weltreligionen als gleichberechtigt akzeptieren.

Wie gehen wir nun mit denen um, die sich mit unserer Hilfe unbelehrbar und tödlich radikalisiert haben?

Ein Blick in die Bibel hilft uns nicht weiter: Sie strotzt vor Mord und Totschlag im Namen Gottes. Auch Jesus, der für seinen Rat, die andere Wange hinzuhalten, oft zitiert wird, war nicht ohne Wutanfälle – man erinnere sich an den Rausschmiss der Händler aus dem Tempel. Es gibt weitere Beispiele, wo sich Jesus für die Anwendung von Gewalt ausspricht, beispielsweise durch die Anerkennung der Thora.

Auch die Marseillaise hilft uns nicht weiter. Sie ist ein Kriegslied, das die Revolutionäre im Bekämpfen der herrschenden Klasse eint.

Das Deutschlandlied als Ganzes…. hm.  Die ersten Zeilen der dritten Strophe, die als Hymne gesungen wird, sind da eher ein Maßstab: „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland, danach laßt uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand.“ Prima Ratschlag für alle Deutschen und die, die gekommen sind, um es zu werden: Lasst uns brüder- und schwesterlich aufzeigen, dass Zusammenleben in Frieden und Freiheit möglich ist.

Und was ist nun mit den IS-Terroristen? Im Gegensatz zu vielen anderen so genannten, darf man sie getrost wirklich Terroristen nennen.

Klare Verstandeslösung trotz Qual für den Bauch: Wir werden kämpfen müssen. Auch wir Deutsche.

Nein, ich bin nicht für Kriege; im Gegenteil. Aber wenn wir es nicht so weit kommen lassen wollen, dass es Krieg gibt, müssen wir unseren Regierungen Riegel vorschieben. Wir müssen uns einmischen, mitdenken, mitreden und die politischen Handlungsmaximen durch unseren Willen als Volk festlegen.

Wir haben es nicht getan.

Das hat jetzt Konsequenzen.

Arbeiten wir daran mit, dass es nicht schlimmer wird als unbedingt nötig.

 

Siehe auch:

Die Integration Andersdenkender erfordert klare Regeln – sonst wird sie misslingen  und

Botschaft des Terrors in Paris: Wo bleibt der Mut zu einer ehrlichen Politik?    mit den dortigen weiterführenden Links 

Update: Anonymous gegen IS unterstützen

Update: Die vielen Namen des IS

Update:  How ISIS have funded their reign of terror by amassing £2billion

Update: IS verkündet Hinrichtung von Geiseln aus Norwegen und China 

Update: „Raqqa is devastated and everyone lives in fear“

Update: In rise of ISIS, no single missed key but many strands of blame

Update: Anonymous: guide how to help put down IS

Update: Zeit der Selbstkritik – auch für Muslime

Update: Saint Denis: Wie meine Stadt islamistisch wurde

Update: EU will sich Putin annähern

Update: Das blühende Geschäft des IS mit Pässen

Update: Plant IS islamischen Blitzkrieg in Deutschland?

Die Integration Andersdenkender braucht Regeln – sonst wird sie misslingen 2

Integration braucht klare Regeln und Grenzen. Das behindert die Freiheit nicht, sondern es sichert sie. Mehr…

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Botschaft des Terrors in Paris: Wo bleibt der Mut zu einer ehrlichen Politik? Antwort

„You never think it will happen to you. It was just a friday night at a rock show. The atmosphere was so happy and everyone was dancing and smiling. and then when the men came through the front entrance and began the shooting, we naiively believed it was all part of the show.

It wasn’t just a terrorist attack, it was a massacre. Dozens of people were shot right infront of me. Pools of blood filled the floor. Cries of grown men who held their girlfriends dead bodies pierced the small music venue. Futures demolished, families heartbroken. in an instant.

Shocked and alone, I pretended to be dead for over an hour, lying among people who could see their loved ones motionless.. Holding my breath, trying to not move, not cry – not giving those men the fear they longed to see. I was incredibly lucky to survive.

But so many didn’t. The people who had been there for the exact same reasons as I – to have a fun friday night were innocent. This world is cruel. And acts like this are suppose to highlight the depravity of humans and the images of those men circuling us like vultures will haunt me for the rest of my life. The way they meticoulsy aimed at shot people around the standing area I was in the centre of without any consideration for human life.

It didn’t feel real. I expected any moment for someone to say it was just a nightmare.

But being a survivor of this horror lets me able to shed light on the heroes. To the man who reassured me and put his life on line to try and cover my brain whilst I whimpered, to the couple whose last words of love kept me believing the good in the world, to the police who succeded in rescuing hundreds of people, to the complete strangers who picked me up from the road and consoled me during the 45 minutes I truly believed the boy I loved was dead, to the injured man who I had mistaken for him and then on my recognition that he was not Amaury, held me and told me everything was going to be fine despite being all alone and scared himself, to the woman who opened her doors to the survivors, to the friend who offered me shelter and went out to buy new clothes so I wouldnt have to wear this blood stained top, to all of you who have sent caring messages of support – you make me believe this world has the potential to be better. To never let this happen again.

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But most of this is to the 80 people who were murdered inside that venue, who weren’t as lucky, who didnt get to wake up today and to all the pain that their friends and families are going through. I am so sorry. There’s nothing that will fix the pain. I feel priviledged to be there for their last breaths.

And truly beliving that I would join them, I promise that their last thoughts were not on the animals who caused all this. It was thinking of the people they loved. As I lay down in the blood of strangers and waiting for my bullet to end my mere 22 years, I envisioned every face that I have ever loved and whispered I love you. Over and over again. reflecting on the highlights of my life. Wishing that those I love knew just how much, wishing that they knew that no matter what happened to me, to keep belieivng in the good in people. To not let those men win.

Last night, the lives of many were forever changed and it is up to us to be better people. To live lives that the innocent victims of this tragedy dreamt about but sadly will now never be able to fulfil.

RIP angels. You will never be forgotten.“

Isobel Bowdery hat formuliert, worauf wir die ganze Zeit gewartet haben: Eine aus tiefstem Herzen kommende Zeugenaussage für das Gute im Menschen inmitten des Untergangs. Die 22jährige, die laut Facebook-Info 2014 ihr Studium in Kapstadt abgeschlossen hat, war bei dem grausigen Geschehen im Bataclan am Freitag, dem 13. November im Zentrum des Todes. Sie hat inmitten von Angst und Schrecken das Gute im Menschen erlebt und authentisch dokumentiert.

Isobels Facebook-Post geht gerade in allen Sprachen im Netz um die Welt. Dennoch ist ihr Facebook-Profil merkwürdig leer. Man erfährt nicht, aus welchem Land sie kommt, es gibt überhaupt nur 4 Posts, wovon sich drei auf die Attentate in Paris beziehen. Einer vom September zeigt eine junge Frau in einem Pool irgendwo auf der Welt, wo es auch Palmen gibt. Darunter steht: Greece.

Nun könnte man annehmen, der Post sei gefaked – zumal sich im Netz bei einem schnellen Check absolut nichts über Isobel Bowdery herausfinden lässt.  Aber sogar wenn es so wäre: Der millionenfache virtuelle Widerhall zeigt, wie sehr wir alle auf genau diese Botschaft gewartet haben. Inmitten von Vernichtung und Untergang herrscht zuletzt nicht die Angst vor den Mördern, sondern die Liebe zu Anderen. Inmitten von Not und Verfolgung muss man nicht allein sein. Wildfremde Menschen öffnen ihre Arme, um Trost zu spenden, ihre Türen, um Schutz zu bieten, ihre Gelbörsen, um einen neuen Anfang zu ermöglichen. Dass das so war, berichten unisono die Medien nach der schrecklichen Nacht in Paris. Und so bekommen wir – ob nun gefaked oder nicht – etwas wieder, was drohte, uns verloren zu gehen: Die meisten Menschen sind nicht von Grund auf böse. Im Gegenteil: Sie sind empathisch, sie wollen lieben und geliebt werden, und sie sind bereit, sich einzubringen, auch wenn’s gefährlich für Leib und Leben wird. Daran wollen wir glauben. Und daran können wir auch glauben.

12119003_945300532203568_8810256063458429497_nSie war organisiert geplant, die Terror-Nacht von Paris. Und sie hätte noch viel schlimmer ausfallen können, wenn der Plan zweier Angreifer, sich im Stade de France während des Freundschaftsspiels der französischen mit der deutschen Mannschaft in die Luft zu sprengen, aufgegangen wäre. Einer hatte eine gültige Eintrittskarte. Nur weil ein Sicherheitsmitarbeiter am Eingang den Sprengstoffgürtel bemerkte, missglückte das Vorhaben. Das Stadion war mit 80 000 Zuschauern voll besetzt. Die Männer explodierten draußen vor der Tür – schlimm genug. Aber dass eine Panik unter den Zuschauern vehindert werden konnte, dass die französische Nationalmannschaft bis zum frühen Morgen in den Umkleidekabinen mit den Deutschen ausharrte, dass da eine ganz neue Art der Freundschaft entstand – das ist eine von vielen goßen Botschaften der Herzen dieser Nacht.

Die IS-Anhänger haben die Anschläge von Paris bejubelt. Das würden (werden) sie auch getan haben, wenn sie gar nicht die Urhebeber gewesen wären (waren), denn eine bessere Vermarktung in Form der Demonstration von Macht kann eine Terror-Organisation schwerlich finden. Allerdings gibt es auch Gründe zu vermuten, dass es vielleicht nicht IS-Leute waren, die hier zugeschlagen haben. Schon fast plakativ wirken Pass-Funde bei den sieben Attentätern, die – weil alle tot – nicht mehr selbst befragt werden können. Alle waren den französischen Behörden bisher nicht auffällig geworden. Da gab es den Pass eines Syrers,  eines in Griechenland registrierten „Flüchtlings“, den eines Ägypters, den eines muslimischen Kleinkriminellen aus Frankreich…

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Wohin führt uns das in Sachen „feindliche Zielgruppen“? Da haben wir einmal die „Flüchtlinge“, die zurzeit in einer riesigen Welle nach Europa schwappen. Weil Deutschland alle Syrer schützen will, sind ganz viele von ihnen Syrer. Journalisten haben es getestet: Syrische Pässe sind auf dem Schwarzmarkt innerhalb weniger Tage für rund 500 Euro erhältlich. Wer genau wirklich eingewandert ist, weiß kein Mensch, denn die Registrierung an den Grenzen hat nicht geklappt. Dann haben wir  Ägypten, dessen Militärregierung nach mehreren schlimmen Terror-Angriffen und dem merkwürdigen, offenbar durch eine Bombe verursachten Flugzeugabsturz über dem Sinai wegen angeblich zu lascher Kontrollen kritisiert wird. Und wir haben die riesige Gruppe arabischer Franzosen, die aufgrund des französischen Einwanderungsrechtes nicht einmal richtig identifiziert werden kann, aber einen enormen Rechtsruck in der politischen Stimmung im Land verursacht hat.

Am Tag nach den Pariser Anschlägen fand in Wien eine internationale Syrien-Konferenz statt. Man tagte, wie bisher jedes Mal, ohne Teilnahme der dortigen Regierung, bzw. Opposition – einigte sich aber darauf, innerhalb von sechs Monaten in Syrien eine Übergangsregierung zu installieren, innerhalb von 18 Monaten freie Wahlen herbeizuführen.  Man legte sogar einen Termin fest, an dem Assad mit der Opposition zu reden haben soll: den 1. Januar 2016…

Dass der gewählte Präsident Baschar al-Assad nicht freiwillig weichen wird, ist inzwischen hinlänglich bekannt. IS und Al-Nusra, die Teile des Landes kontrollieren, sollen auch weiterhin bekämpft werden – in die Friedensgespräche will man nur moderate oppositionelle Gruppen einbeziehen. Wie soll ein Regime-Wechsel also faktisch herbeigeführt werden? Diente dieses Treffen in Wien nicht nur der Vorbereitung von Gesprächen, sondern vielleicht auch der eines konzertierten militärischen Eingreifens?  Bisher wird zwar militärisch eingegriffen, aber nicht konzertiert und nur aus der Luft. Russland unterstützt dabei das Regime, die USA und Frankreich bekämpfen den IS.

Nach den Anschlägen in Paris geht Russland davon aus, dass die Nato ihre Prioritäten ändern wird – was womöglich eine Annäherung Russlands und der USA bewirken könnte. Der Schock von Paris werde vermutlich zu einem Umdenken bei den Regierungen in Washington und anderen Nato-Ländern führen, sagte der stellvertretende russische Verteidigungsminister Sergej Rjabakow vor Beginn des G20-Gipfels im türkischen Antalya. Das wäre von erheblicher Bedeutung, hat doch die Nato bei ihrem Gipfel 2014 Russland als neuen Hauptfeind identifiziert. Vor diesem Hintergrund werden jetzt im deutschen Flieferhorst Büchel neue, hochmoderne Atomwaffen installiert, obwohl der Bundestag 2010 mit großer Mehrheit beschlossen hat, die Regierung solle die USA auffordern, ihre Atomwaffen zurückzuziehen. Weitere Standorte in der Türkei und in Italien bekommen ebenfalls Atomwaffen neuster Prägung. Eine Einigung auf einen „gemeinsamen Feind“ außerhalb der beiden großen Bündnisse könnte ein weiteres Aufrüsten auch auf russischer Seite erstmal bremsen.

Nicht einmal zwei Tage nach den Anschlägen hat am Wochenende der G20-Gipfel in der Türkei begonnen. Nun wird statt der Flüchtlingskrise auch die Notwendigkeit konzertierten finanziellen und militärischen Handelns diskutiert.

Problemkreis Flüchtlinge: Die Kanzlerin besteht darauf, die Einwanderungswelle im Griff zu haben. Dabei geht es jedoch wohl vor allem darum, die wachsenden Bedenken der Bevölkerung nicht noch anzuheizen. Tatsächlich hat weder Deutschland, noch Österreich auch nur irgendwas im Griff. In jetzt bekannt gewordenen Geheimpapieren geht es um massive Befürchtungen, die Flüchtlinge könnten von Schläfern unterwandert sein, radikal-islamische Gruppierungen etwa in Deutschland könnten einwandernde Flüchtlingsgruppen neu radikalisieren und desertierte Soldaten verschiedenster Milizen könnten sich in Europa, vor allem auch in Deutschland verstecken.

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Da es nicht gelungen ist, die einströmenden Menschenmassen systematisch zu registrieren, befinden wir uns in sicherheitspolitischem Nebel. Was wäre also eine folgerichtige Reaktion: Stark verschärfte Überwachungsmaßnahmen, die alle, auch die eigene Bevölkerung betreffen. Und die vielen weiteren Zwecken, nicht nur der Terrorbekämpfung dienen können. Begründen ließen sie sich sehr einfach mit der Angst vor Terroranschlägen nach dem Muster von Paris. – Obwohl genau mit diesen Anschlägen auch begründet werden kann, wie wenig erfolgreich verschärfte Überwachung ist, wenn Täter ernst machen: Frankreich hat nach Toulouse und Charlie Hebdo seine Sicherheitsmaßnahmen deutlich intensiviert und war doch offensichtlich vor dem Anschlag ahnungslos

Einwanderer, die eingebürgert werden, sich aber nicht assimilieren, können in ihrer neuen Heimat größte Konflikte mit den einkommensschwächeren Bevölkerungsschichten verursachen. Dafür ist Frankreich ein Paradebeispiel. Seit Jahrzehnten gibt es dort vor allem in den Ballungsgebieten einen ausgeprägten Verdrängungskampf zwischen diesen beiden Gruppen. Auf der Strecke bleiben beide. Das Ergebnis ist ein Rechtsruck innerhalb der Bevölkerung. Der massiv rechte Front National wurde bei den letzten Regionalwahlen die politische Gruppierung mit den meisten Stimmen. Neue Bürgerschaftswahlen stehen an, die Kandidaten für die nächste Präsidentschaftswahl stehen in den Startlöchern.

Europaweit ist die Entscheidung nicht getroffen: Wollen wir weiter weitgehend ungebremst Asylsuchende plus Einwanderer mit wirtschaftlichen Motiven aufnehmen, oder wollen wir klare Linien in Form von Gesetzen, wie etwa einem Einwanderungsgesetz vorgeben? In Deutschland ist das ein besonders schwieriges Thema. Nach unserer nationalsozialistisch-rassistischen Geschichte herrscht in der Bevölkerung ein pazifistischer Grund-Konsens. Kein Politiker will als geistiger Brandstifter gebrandmarkt werden. Dennoch ist allen klar, dass wir auf Dauer einen massiven Zuzug wie er zurzeit stattfindet, nicht verkraften. Schon gar nicht, wenn jedem jungen Mann, der herkommt, ein Dutzend Familienangehörige folgen, die von den Sozialsystemen finanziert werden müssen: von der Ehefrau und die Kinder über Eltern und Großeltern bis zu den Cousins und Cousinen. Wenn zuviele neue Bürger die Systeme in Anspruch nehmen ohne einzuzahlen, wird naturgemäß der Topf für alle kleiner. Es droht ein Verdrängungskampf.

Wie kann man der Entwicklung entgegenwirken, ohne sein politisches Gesicht zu verlieren? Indem man auf reale Gefahren, etwa am Beispiel von Paris hinweist, hätte man einen möglichen Weg. Erfreulicher wäre allerdings Ehrlichkeit. Auch wenn wir gerne die ganze Welt retten wollen: Wir können es nicht. Wir brauchen folglich Kriterien, nach denen wir eine Auswahl treffen. Mit Rassismus hat das erstmal absolut nichts zu tun.

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Zurück zum Post von Isobel Bowdery: In der Menschheit rund um den Globus wohnt ein unglaubliches Potential an Bereitschaft. Bereitschaft, anderen zu helfen, Bereitschaft zu lieben, gepaart mit dem Wunsch, geliebt zu werden. Bereitschaft, an guten Entwicklungen mitzuarbeiten, Unrecht aus der Welt zu schaffen, allen eine Chance auf ein gutes Leben zu ermöglichen. Die Hoffnung, diese Bereitschaft umsetzen zu können und damit auch einen Sinn für das eigene Leben zu haben, ist fast unzerstörbar. Sie schlägt nur dann in Hass um, wenn Menschen merken, dass sie in ihrer Bereitschaft benutzt, zu macht- oder geldpolitischen Zwecken missbraucht werden.

Deshalb beinhaltet der Post dieser jungen Frau – oder von wem immer – eine Botschaft, die vor allem unsere Politiker hören sollten: Missbraucht unsere Hilfsbereitschaft nicht weiter. Seid endlich ehrlich und entwickelt einen Weg, wie wir alle sinnvoll und effizient mit den Krisen dieser Welt umgehen können. Dafür haben wir euch gewählt.

Noch ein Satz aus anderer Perspektive in Sachen Ehrlichkeit: Die Ursachen für die massiven Völkerwanderungen, liebe Frau Merkel, liegen nicht darin, dass die Türkei nicht freundlich genug mit den Ankömmlingen umgeht;  oder, liebe deutsche Politiker, an der Tatsache, dass es keine Registrierungszentren außerhalb Europas gibt. Die Ursachen liegen in der Perspektivlosigkeit dieser Menschen in ihren Heimatländern.

Diese Ursachen bekämpft man nicht, indem man einem türkischen Diktator Geld für Flüchtlingslager gibt ohne zu wissen, ob er damit nicht etwa die Kurden beschießt. Man bekämpft sie auch nicht, indem man sich, wie letzte Woche auf Malta, mit korrupten und diktatorischen Regierungen an einen Tisch setzt und denen Geld verspricht, damit sie ihr Wahlvolk am Auswandern hindern. Kaum jemand derer, die jetzt auf der Reise sind, wäre fortgegangen, wenn er zuhause eine Zukunft gesehen hätte.

So eine Zukunft ist aber nur möglich, wenn die europäische Wirtschaftspolitik ihren Teil dazu beiträgt. Die Entwicklungsländer brauchen Hilfe zur Selbsthilfe – und nicht Knebelverträge über den Import von Sämereien, deren Ertrag nicht wieder zur Aussaat verwendet werden kann, oder den massenhaften Verkauf von Billig-Abfall-Hähnchen aus Europa und den USA, der die lokale Geflügelzucht ruiniert. Sie brauchen Exportvereinbarungen für ihre Produkte nach Europa – und nicht Strafzölle, wenn sie versuchen, die Knebelverträge zu umgehen.

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Liebe Politiker: Warum habt ihr solche Angst, die Dinge ehrlich beim Namen zu nennen? Seid ihr dermaßen in der Hand von Lobbyisten? Fürchtet ihr so, nicht wiedergewählt zu werden? Wähler sind nicht dumm. Wir alle spüren, wann wir belogen werden. Und die Politik kann sich sicher sein: Wenn ein Volk weiß, wofür es sich einschränken soll und die Werte dahinter erkennt, wird es den Weg mitgehen.

Liebe Medien: Statt immer folgsam die vorgegebenen Termini der Regierung anzuwenden, die dazu dienen, ein Bild in unsere  Köpfen einzubrennen, brauchen wir mehr investigativen Journalismus. Brennt doch mal in die Köpfe eurer Follower ein, wie egoistisch die Wirtschaftspolitik Europas und der USA wirklich ist. Zeigt uns immer wieder auf, wer wo sein Wort bricht, welche westlichen, nicht nur östlichen Staaten völkerrechtswidrig Kriege führen, die Menschenrechte mit Füßen treten, sich Wirtschaftsgüter aneignen und Oppositionen mit Waffen versorgen, so lange bis diese sich verselbstständigen und die Hand angreifen, die sie einst fütterte..

Wir brauchen EHRLICHKEIT. Erst dann können wir zum Besten aller handeln. Alle zusammen und wirkungsvoll.

Siehe auch: „Je suis Charlie“ und die dortigen Links

IS-Terror: Wir alle tragen daran Schuld  und müssen jetzt überlegt handeln

Die Integration Andersdenkender erfordert klare Regeln – sonst wird sie misslingen 

Update: „I just told my girlfriend I loved her“ 

Update: In Beirut passierte am Tag zuvor fast das Gleiche: Kaum jemanden scheint es zu interessieren

Update: „Gemeinsamer Kampf für gemeinsame Werte“

Update: „Pegida und Le Pen gefährlicher für EU als Flüchtlinge

Update: Wettbewerb der Scharfmacher in Frankreich

Update: Frankreich zerstört IS-Lager in Rakka

Update: Paris attacks put pressure on Washington

Update: Geheimdienste machen Snowden für Terror in Paris verantwortlich

Update: Anonymous erklärt IS den Krieg

Update: Muslime weltweit distanzieren sich vom Terror – aber auch Kritik

Update: Syrischer Pass gefälscht?

Update: Wer gegen den IS kämpft

Update: Bomben „from Paris with Love“…

Update: Wie die arabische Welt reagiert

Update: Verlogene Erbsenzählerei

Update: Ein kleiner Junge versucht, den Terror zu begreifen

Update: „Meinen Hass bekommt ihr nicht“

Update: „30 000 IS-Kämpfer lassen sich nicht totstreicheln“

Update: EU will sich Putin annähern

Update: Eagles of Death Metal und traumatisierter Sänger zurück zum Konzert in Paris

Survival guide für Hochsensible und Empathen Antwort

„HSP und Empathie machen unser Leben im jetzigen Höher, Schneller, Weiter wirklich nicht einfacher. Finde heraus, ob Du dazu gehörst und wie Du leichter damit umgehen kannst.“

Die Autorin erstellt einen Survival-Guide in mehreren Folgen mit Hilfe zahlreicher Betroffener. Lesenswert.

Quelle: Survival guide für Hochsensible und Empathen

Erlebnis Uni-Klinik: Ein großes Erwachen in Sachen Geld und Multi-Kulti… Antwort

Multi-Kulti wird nicht kommen – es ist schon da. Jedenfalls in den größeren Städten. Auch im Krankenhaus. Und: Geld regiert die Welt. Zu wenig davon zu haben, zum Beispiel für eine private Krankenversicherung – gar nicht gut. Ein nicht repräsentativer Eindruck eines viertägigen Aufenthaltes in der Uni-Klinik Mainz.

Als sie in der Chest Pain Unit ankommt, ist es Donnerstag, 15.30 Uhr. Ihre körperliche Belastbarkeit ist irgendwo bei kurz über Null. Ständige Schmerzen in der linken Brusthälfte, chronische Atemnot, bei Steigen weniger Treppenstufen extreme Schweißausbrüche, Schwindel, die Notwendigkeit, sich sofort zu setzen. Verdacht auf Angina Pectoris. Die Hausärztin hat nicht lange gefackelt und sie eingewiesen. Die Ergebnisse der Blutabnahme hat sie dabei – Mineralhaushalt durcheinander, wie immer leicht erhöhte Entzündungswerte, schlechte Nierenwerte. Auch die Ergebnisse des letzten Belastungs-EKG beim Hausarzt legt sie vor: Bei 100 Watt abgebrochen wegen lebensgefährlich hohem Blutdruck, Röntenbild des Herzens unauffällig.

Die Aufnahmestation im Erdgeschoss wirkt dunkel, wenig anheimelnd. Der junge Arzt fragt sie als erstes, ob ihre private Zusatzversicherung den Chefarzt einschließe: „Dann muss ich das sofort melden.“ Als sie verneint, fragt er, ob sie an einer Studie teilnehmen will: Über ein Jahr lang werden Zusammenhänge zwischen Brustschmerzen, seelischen Erkrankungen und Krebs auf genetischer Basis, sowie auf Basis von Befragungen zum Allgemeinbefinden untersucht. Die Ergebnisse werden u.a. anonym an die Pharmaindustrie weitergeleitet. Der Patient hat das „Recht auf Nichtwissen“, falls er schwerwiegend erkranken könnte.

Sie unterschreibt, betont: „Ich will alles wissen“ – und denkt: Vielleicht verbessert das die Aufmerksamkeit bei den kommenden Untersuchungen. Dann wird sie angewiesen, all ihre verschwitzten Kleider in eine Klinik-Tüte zu stecken. Man klebt ein Etikett darauf, auf dem Name, Anschrift und Krankenkasse stehen. Sie ärgert sich. Was macht die Krankenkasse auf dem Etikett? Die Kleider werden stinken, wenn sie nicht trocknen können…

Sie wird erstmal behandelt, als habe sie möglicherweise einen Herzinfarkt: Am ganzen Körper verkabelt, nichts zu essen, nichts zu trinken und Ultraschall. Den macht ein chinesischer Arzt. Der deutsche zeigt sich nochmal zwecks Aufnahme-Formalitäten, drückt ihr Formulare für die Studie in die Hand, die sie unterschreiben und einen Fragebogen, den sie ausfüllen soll. Dazwischen taucht eine Ärztin auf, die die Studie betreut, erklärt dieselbe kurz und geht wieder, weil der Chinese mal alle rausgeschickt hat, damit er in Ruhe arbeiten kann.

Die Blutströme sind in roter und blauer Farbe markiert. Sie bewundert, wie sich der Fluss von Vene und Arterie in der Herzkammer begegnen und staunt über die Zartheit der Herzklappe. Die arbeitet wie am Schnürchen – ein Konstruktions-Wunder. Nichts auffälliges im Ultraschall, der Arzt verabschiedet sich.

Sie bleibt allein in einem düsteren Raum. Ein großes Spinnennetz am Fenster leuchtet im Sonnenuntergang auf. Sie hat Kabel am ganzen Körper, den ein OP-Hemdchen knapp verdeckt, eine Braunüle in der Ellenbeuge, eine Blutdruckmanschette am anderen Arm. Die bläst sich jede Stunde derart auf, dass der Arm am nächsten Tag grün und blau sein wird. Irgendwann kommt eine freundliche polnische Nachtwache. Die ist gnädig und bringt ihr Wasser, stellt auch den Toilettenstuhl hin, denn sie kann ja nicht weg vom Bett.

„Putze putze“ krakehlt eine Osteuropäerin – sie schätzt mal Tschechin. Da ist es 6 Uhr. Im Gefolge der Tschechin ein wunderhübsches Mädchen mit rabenschwarzer Haut und großer Angst – eine Asylsuchende? Die Tschechin steht neben dem Mädchen und zeigt ihr recht überheblich, dass sie den Wischmopp immer wieder falsch benutzt. Das Mädchen schweigt und bemüht sich hektisch, alles richtig zu machen. Der Boden wird gewischelt,  dann sind die beiden wieder weg.

Etwas später schaut eine junge Ärztin ins Zimmer, fragt, wie viele Treppenstufen sie denn noch ohne Pause steigen kann und sagt: „Ganz klar Herzkatheter. Der Professor ist heute nicht da, sein Stellvertreter auch nicht, aber irgendwer wird das schon machen.“ Frühstück gibt es keins, es ist ja eine OP geplant.

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Sie hat Hunger, Durst, ihr ist kalt und sie wird langsam ärgerlich. Wenn wenigstens die dämlichen Kabel ab wären. Dann hört sie nebenan einen Pfleger telefonieren: „Ich habe gar nicht so viele Betten, wie ich Anfragen habe.“ Hm. Das Bett hinter dem Paravent neben ihr ist leer. Der Pfleger kommt herein und teilt ihr mit: „Sie werden auf Station 4a verlegt. Ziehen Sie sich mal was an, das sieht besser aus, wenn Sie im Aufenthaltsraum warten. Sie haben erstmal noch kein Bett.“

Eine Pflegerin aus dem Ruhrgebiet mit strengen Augen reißt die ganzen Kabel auf der Vorderseite auf einen Schlag ab. Sie zuckt zusammen, stöhnt und erntet eine Rüge: „Das kann überhaupt nicht weh tun, die sind nicht unter Druck.“ Im Rollstuhl fährt man sie in den vierten Stock. Weil die polnische Hilfskraft schiebt, muss sie ihren Rollkoffer steuern und ist froh, als sie ankommen.

Sie hat eine private Zusatzversicherung, die ihr ein Einzelzimmer sichern soll, aber es gibt keins. Es gibt Vierbett-, Dreibett- und Zweibettzimmer. In so einem wird ein Platz frei werden, wenn die alte Dame dann ausgecheckt hat. Die will aber erst noch zu Mittag essen und duschen. Man schickt sie in den Aufenthaltsraum, vergisst allerdings nicht, sie zu fragen, ob ihre Zusatzversicherung den Chefarzt einschließe. Das müsse man dann sofort melden.

Es zieht sich. Nach eineinhalb Stunden Wartezeit kommt die Stationsschwester und sagt: „Sie werden jetzt in den OP gebracht. Sie können sich unten umziehen.“ Eine polnische Pflegekraft fährt sie im Rollstuhl nach unten, die abgelegten Kleider kommen in eine weitere Kliniktüte mit Etikett. Man parkt sie im Aufwachraum. Dort liegen schon zwei Männer. Einer wird jede Viertelstunde hofiert und ausführlich nach seinem Befinden befragt. Er findet das angemessen; sie sieht ihn vor dem inneren Auge mit geblähter Brust.

Nochmal über eine Stunde Warten. Dann ist es soweit, sie kommt in den OP. Ein sehr nervöser Arzt – sie vermutet, ein Pakistaner – stellt sich vor als Assistent des Professors. Der Professor, sehr schlank, nicht hoch gewachsen, mit wundervoll sensiblen Händen kommt aus irgendeinem Land – jedenfalls nicht aus Deutschland. Nach einem kurzen Kennenlernen und Klarstellen, dass er das Sagen hat, entschließt er sich, ihr die Dinge genau zu erklären. Das wird der schönste Teil des Unternehmens Chest Pain Unit. Während sie über den Wein witzeln, den sie schon lange nicht mehr trinken kann, weil sie allergisch darauf reagiert, wird die Einstich-Arterie lokal betäubt.

Auf einem riesigen Monitor verfolgt sie, wie sich der dünne Draht durch ihre Gefäße Richtung Herz bewegt, versucht, ihn im Körper wahrzunehmen. Aber als er an der Schulter angekommen ist, verliert sie den Kontakt. Hitze schießt in Hals und Brust, als das Kontrastmittel gespritzt wird. Der Draht erreicht die Herzkammer, und wieder erfüllt sie Ehrfurcht. Unter den Röntgenstrahlen wirkt das Treffen der Blutströme von Vene und Arterie wie eine geordnete Wolke. Was für eine perfekt konstruierte Pumpe! Den Moment, als der Draht die Herzkranzgefäße erreicht, wird sie nie wieder vergessen: Wie Efeuranken, von oben nach unten dünner werdend, umarmen diese den pumpenden Muskel. Alles pulsiert, ebenmäßig, gleichmäßig. „Oh, wie wunderschön“, sagt sie – und der Arzt stimmt aus tiefstem Herzen zu.

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Keine Probleme an den Herzkranzgefäßen, keine Notwendigeiten, Stents zu setzen, der Draht wird zurückgezogen. Ein heftiger Schmerz im Unterarm dauert nicht lange, dann ist es vorbei. Ganz erfüllt vom Gesehenen kann sie nicht sprechen. Der Professor verabschiedet sich. Sie sagt nichts mehr, obwohl sie tausend Fragen gehabt hätte.

Man rollt sie wieder auf Station, das Bett ist jetzt frei. Nebenan wird gerade ein Patient in „Einzhelhaft“ geschickt, er ist infektiös. Ihre Bettnachbarin ist eine Armenierin und hat grade den täglichen Besuch ihrer beiden beleibten, sehr agilen Schwestern. Die kommen immer zwischen 15 und 16 Uhr, um dann um 20.30 Uhr wieder zu gehen. In der Zwischenzeit wuseln sie um das Bett der Patientin herum, schälen und teilen Obst, richten Kissen, laden das Telefon, benutzen die Toilette, reden laut und viel. „Wenigstens haben sie angenehme Stimmen“, denkt sie, ist aber zunehmend gestresst, weil sie keine Chance hat, sich dem Geschehen zu entziehen.

Das Personal auf der Station ist außerordentlich freundlich und hilfsbereit. Es gibt Deutsche, Osteuropäer und einen ehemaligen Opelaner, der mit 52 nochmal in der Ausbildung zum Krankenpfleger ist. Blutdruck, EKG, Temperatur – und immer noch Besuch im Zimmer. Als die endlich gehen, will sich die Bettnachbarin unterhalten. Sie kann nicht mehr und bittet die Schwester um ein Medikament zum Schlafen.

„Ihr Herz ist in Ordnung, ich habe hier Ihren Entlassungsbrief.“ Es ist Samstag morgen, alle zuständigen Ärzte haben Wochenende, die Visite macht ganz allein ein Stationsarzt, der dann anschließend gleich mehrere Stationen zu betreuen hat. Das ist kurz nachdem sie beinahe umgekippt wäre. Sie hatte ihr Laptop am Bett abgebaut, den Koffer ein wenig gerückt und auf dem Flur am Wasserspender eine Karaffe gefüllt. Auf dem Rückweg dann der bekannte Schwächeanfall: Schweißausbruch, heftiger Druckschmerz, Herzrasen, Pulsrasen, Schwindel, Atemnot.

„Aber es ist nichts besser,“ sagt sie. „Mir geht es genauso elend wie vorher. Woher kann das denn nun kommen? Ist das vielleicht eine Begleiterscheinung von Rheuma?“ „Das kann durchaus sein,“ meint der junge Arzt. Wenn sie dies möglichst unkompliziert abklären wolle, rate er ihr, bis Montag zu bleiben. Wenn man erstmal stationär sei, könne man sehr viel einfacher interdisziplinär zusammenarbeiten als wenn man ambulant um Termine kämpfen müsse.  Sie denkt an die zu erwartenden Besucher, drängt die Tränen zurück und stimmt zu. Die Ärztin, die im Rahmen ihres 24-Stunden-Dienstes am Sonntag kurz den Kopf zur Visite durch die Tür steckt, bestätigt sie: „Wir können da noch eine Menge tun. Aber wir müssen bis Montag warten, um das zu besprechen.“

Sich gegen etwas zu wehren, das man nicht ändern kann, kostet nur sinnlose Kraft. Also beginnt sie, sich mit ihrer armenischen Bettnachbarin auseinander zu setzen. Sie sei Internistin, sagt die 59jährige Ala, die seit acht Jahren in Deutschland lebt. In jeder freien Minute paukt sie die deutsche Sprache, ist mittlerweile weit über die Einbürgerungsvoraussetzungen hinaus vorgedrungen auf Langenscheids Band „Mittelstufe“. Das Lehrbuch enthält eine spannende Mischung aus hoch aktuellen Texten (z.B. zum Thema „Erwähnung von Softskills in Bewerbungsschreiben“), umgangssprachlichen Tipps (Geld =  „Kohle“) und grammatikalischen Zerlegungen der deutschen Sprache in ihre Einzelteile, die alles ungemein kompliziert erscheinen lassen – auch für „Eingeborene“.

Alas praktische Sprachkenntnisse stehen in merkwürdigem Kontrast zum Anspruch des Lehrbuchs. Sie selbst glaubt, leichten Kontakt zu Deutschen zu haben und weitgehend fehlerfrei zu sprechen, verdreht jedoch Satzbau und Grammatik nach wie vor nach den Kriterien ihrer Heimatsprache und ist weit davon entfernt, alles zu verstehen, was das Pflegepersonal ihr mitteilt. Zwar im Besitz einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis will sie jedoch keineswegs den deutschen Pass: Die Flüge nach Armenien würden dann viel teurer, erklärt sie.

Anders ihre Schwester Anja. Glücklich verheiratet mit einem Deutschen, hat sie auch die hiesige Staatsbürgerschaft angenommen und arbeitet in der Krankenpflege. „Das deutsche Sozialsystem ist das beste der Welt“, stellt sie fest. „Allein Alas Untersuchungen im Krankenhaus hätten in Armenien mindestens 10 000 Euro Vorauszahlungen gekostet“.  Schnell kommt das Gespräch auf die zahlreichen Flüchtlinge, die zurzeit in Deutschland einrollen und das Missfallen der drei Schwestern erregen: „Wieso lässt Deutschland die alle rein? Wer soll das denn alles bezahlen? Was wird, wenn Deutschland kein Geld mehr hat? Es wird Unfrieden geben“…

Nicht nur die drei Schwestern, auch zwei Brüder, diverse Nichten und Neffen leben inzwischen in Deutschland, ein Bruder in Österreich ist dabei, den Rest seiner Familie nachzuholen, eine weitere Schwester lebt mit dem alten Vater in Armenien im Haus der Familie. Die Syrer seien eigentlich ganz nett, vor allem ehrlich, findet Anja. Roma hingegen seien diebisch und faul – sie zählt die Mainzer Stadtviertel auf, wo man vor ihnen auf der Hut sein müsse. Der türkische Staat sei absolut bösartig, Macht- und Land-hungrig – die ganze Sache mit dem Genozid sei ja wohl bekannt. Der Völkermord, bei dem auch Deutschland eine unrühmliche Rolle gespielt hat, wurde inzwischen aus den türkischen Geschichtsbüchern verbannt. Auch vor Aserbaidschan müsse man sich hüten – so wie ganz allgemein vor den Staaten unter russischem Einfluss.

Heftig bemäkelt wird von allen das in der Tat schmuddelige Bad. Ala und ihre Schwestern, zu denen sich zeitwelig noch ein Cousin gesellt, verbringen viel Zeit im Bad und produzieren säckeweise Papiermüll. Als die Spender nicht schnell genug nachgefüllt werden, näselt Ala Richtung Krankenschwester: „Gibt es hier ein Papier-Defizit.“ Da der Reinigungsdienst am Wochenende während der geschätzt dreiminütigen Aufenthaltszeit nicht deutschsprachiger Frauen in Zimmer und Bad sich auf das Wischen des Bodens beschränkt, wird das Bad im Ganzen auch nicht sauberer.

Aus lauter Angst vor Keimen reinigt Ala ihren Nachttisch mit dem Hand-Desinfektionsmittel, das an der Wand hängt und benutzt dazu Einweghandschuhe aus dem Schrank für das Pflegepersonal, der sich im Zimmer befindet. Ihre Zahnbürste hat sie in einem Plastikbeutel im Nachttisch, ihren eigenen Teller, ihre eigene Tasse und ihr eigenes Besteck liegen in weiteren Plastikbeuteln daneben.

Ob ihre Zähne echt seien, wird die deutsche Patientin gefragt, die aus dem Staunen nicht mehr herauskommt. Während das Krankenzimmer abwechselnd als Fußpflegestation, Friseursalon und für zwischenzeitliche Duschen genutzt wird, teilen die Besucherinnen ihr mit, dass ihre Füße annehmbar gepflegt seien. Aber Fingernägel ohne Nagellack – das gehe gar nicht. „Nicht teuer“, ermutigt Theresa und hält ein Fläschchen hoch: „Kostet 1,50, aber genauso gut wie L’Oréal…“ Oft dreht sich das Gespräch um Geld: Wie man einen Mann verlassen könne, der 3000 Euro im Monat heimbringe  beispielsweise… kollektives Kopfschütteln der Schwestern über eine deutsche Nachbarin.

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Als der Sonntag zuende geht, sind alle Beteiligten um viele Aspekte im Umgang mit Andersartigen bereichert. Nebenan ist jetzt das zweite Krankenzimmer wegen einer Infektion gesperrt, wird vom Pflegepersonal nur mit Schutzkleidung betreten.

Showdown am Montag: Große Visite unter Führung einer selbstbewussten Oberärztin, gefolgt von einem knappen Dutzend Ärzten und Pflegern aus mindestens sechs Nationen. „Sie werden heute entlassen, ihr Herz ist in Ordnung“ stellt die Oberärztin fest. Wieso sind sie eigentlich nicht am Samstag nach Hause gegangen?“ Einmal mehr bleibt der Patientin die Spucke weg. „Weil es mir nach wie vor schlecht geht. Nichts hat sich verändert. Deshalb hat man hat mir geraten, zu bleiben, weil stationär eine einfache interdisziplinäre Zusammenarbeit zum Beispiel mit der Rheumatologie möglich sei.“

Kalt mustert sie die Oberärztin: „Das mit der Zusammenarbeit ist nicht mehr soooo… Da müssen Sie schon sehen, wie Sie ambulant weiter kommen. Wir sind hier mit Ihnen fertig. Bestenfalls können wir einen Termin für Sie arrangieren.“ Sie rauscht raus, die Karawane folgt.

Eine Stunde später kommt ein sehr junger Assistenzarzt mit tschechischem Akzent ans Bett und überreicht den geänderten Arztbrief. Der enthält nun die Rufnummer der Rheumatologie. „Es sei nicht ihre Aufgabe, für die Aufnahme eines Patienten in einem ‚anderen Krankenhaus‘ zu sorgen, lasse die Oberärztin mitteilen.

Sie geht grußlos. Gibt im EG noch den Fragebogen ab, für den sich seither niemand mehr interessiert hat. Ob sie jemals etwas von den Studienergebnissen hören wird? Ihr Blut haben sie ja – und darum war es vermutlich gegangen.

Siehe auch: Video Herzkatheteruntersuchung