„Kaltes Herz“: Narzisstischer Missbrauch und wie man wieder auf die Beine kommt

Es ist eine ganz große Liebe.  Eine, die rasend schnell intensiv wird. So intensiv, dass Kopf und Herz in einem einzigen Rausch schwelgen und das leise innere Warnen bereitwillig überhören. Der Traum von Glück scheint wahr zu werden:  Geliebt zu sein, mit Haut und Haaren. Begehrt zu werden, voll und ganz. Ein kongeniales Gegenüber zu haben,  mit dem man sich tief verbunden fühlt: Das könnte die lebenslang vermisste Dualseele sein. Das Herz tanzt.

Schnell wird die Bindung eng. Beide  werden unzertrennlich. So unzertrennlich, dass  Freunde und Familie völlig außen vor bleiben. Aber so bleibt es nicht. Manchmal schleichend, manchmal sehr schnell, aber immer nach dem selben Muster geht der  geliebte Partner auf Distanz. Mal mehr körperlich, mal vor allem seelisch, immer verbal. Aus Liebesbekunden werden Abwertungen, aus langen, liebevollen Gesprächen werden Vorhaltungen, Schuldzuweisungen. Der Gefährte spricht plötzlich nicht mehr – manchmal über Tage, manchmal über Wochen – er verdreht Erinnerungen, lügt, betrügt. erinnert sich nicht an Versprechen, weicht jedem klärenden Gespräch aus.  Und es kann noch viel, viel schlimmer werden – wenn man an einen Narzissten geraten ist.

Ehemalige Partner von Narzissten berichten von Monaten, Jahren, Jahrzehnten in Beziehungen, in denen sie sich gedemütigt, entwertet, alleingelassen fühlten, in denen sie alle Freunde und nicht selten ihr ganzes Geld verloren und es dennoch über lange Zeit nicht schafften, sich zu trennen. Warum? Weil es doch eine so große Liebe war. Weil gleich am Anfang der Beziehung der Grundstein gelegt wurde für eine Sucht: Den verzweifelten Wunsch, (wieder) vollständig geliebt zu werden – und zwar so, wie man eben ist. Damit wird eine Trennung emotional schwerer als jeder Drogenentzug.

„Kaltes Herz“  – Narzisstischen Missbrauch überwinden“ heißt ein Buch von Monika Celik, das sich als Ratgeber an Betroffene wendet.  Veröffentlicht wurde das Buch im Self-Publishing Verlag Twentysix. Im dortigen Shop belegt es zurzeit Platz 1 unter den Ratgebern.

Die Lektüre ist schwere Kost – besonders, wenn man sich selbst im Buch wiederfindet. Die zahlreichen Beispiele reflektieren lange Gesprächen der Autorin mit Betroffenen sowie  ihre eigenen Geschichte. Auch Monika Celik war mehrfach in narzisstischen Beziehungen gefangen, hat Höllenqualen gelitten, bevor sie es geschafft hat, sich aus dem Kreislauf der Sucht zu befreien. Auf 435 Seiten geht es jetzt um Lovebombing, Crazymaking und Gaslighting, um Lügen, emotionale Erpressung, Abwertung und Isolierung des Opfers, um Silent Treatment, wütende Monologe und Gewalt, um Victim-Blaming, Stalking, Hoovering und Flying Monkeys – alles Begriffe, die typische Muster in Beziehungen mit Narzissten spiegeln.

Die Autorin definiert genau: Nicht nur die Diagnose Narzissmus, sondern auch die der dependenten Persönlichkeit oder des Co-Narzissten. Alles wird über wahre Geschichten   verdeutlicht. Das macht das Buch so schwer zu lesen: Schwer wiegt die Last des Erlebens der Frauen und Männer, die narzisstischen Missbrauch mit tiefen Blessuren überlebt haben. Und dann, im letzten Fünftel, kommt konkrete Hilfestellung – die noch schwerer zu verdauen ist. Erlösung aus dem Muster gibt es nämlich nur, wenn die Betroffenen bereit sind, nicht nur den Partner anzuklagen, sondern sich selbst genau zu betrachten.

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Welche sind meine eigenen Anteile an meiner destruktiven Beziehung? Welche schädigenden Glaubenssätze habe ich verinnerlicht? Wie ist das mit meinem Wunsch, gebraucht zu werden –  mit meiner eigenen Bedürftigkeit? Wie ist mein Selbstwertgefühl entwickelt – nicht zu verwechseln mit Selbstbewusstsein? Im Hinterfragen dieser Punkte  liegt der Schlüssel dazu, die furchtbare Sehnsucht nach einer Trennung zu überwinden und einen Weg echter Veränderung zu betreten. Kaum jemand schafft es, diesen Weg allein zu gehen. Betroffene brauchen, das stellt die Autorin unmissverständlich klar, die Hilfe von fachlich qualifizierten Therapeuten. Selbsthilfegruppen können wertvolle Foren sein, in denen man sich austauschen kann und in akuter Not Ansprechpartner findet. Ergänzend dazu gibt es Tipps, wie man sich im Alltag helfen kann, wenn die (Sehn-)Sucht nach dem Partner allzu zerstörerisch wütet.

Die Autorin sprich von „Narz“ und „Narzisse“; übliche Ausdrucksweise in Selbsthilfegruppen. Sie duzt ihre Leser, bleibt immer in einer relativ lockeren Umgangssprache und hält mit ihrer eigenen Meinung  nicht hinter den Berg – das mag man, oder man mag es nicht. Auf jeden Fall ist das Buch ein starker Ratgeber:  Man kann wahllos ein Kapitel aufschlagen und ist immer direkt an einer wichtigen Stelle. Und die Gedanken zur Selbstbetrachtung kann man nicht oft genug lesen, getreu dem Motto: „Wer sich nicht selbst helfen will, dem kann niemand helfen“ (Pestalozzi).

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In diesem Blog gibt es verschiedene Geschichten über erlebte narzisstische Beziehungen. Sie finden sie unter dem Stichwort „Männer – Frauen“

Mit Amazon zum Titel „Reichster Mann der Welt“: Jeff Bezos führt Forbes-Liste an

Jeff Bezos, der Amazon-Chef, führt dieses Jahr die 32. Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt an. Mit dem größten Gewinn, der jemals innerhalb eines Jahres erzielt wurde, wuchs sein Vermögen auf unbeschreibliche 112 000 000 000 Dollar. Er löste Bill Gates, den Gründer von Microsoft ab, der in 18 von 24 Jahren der reichste Mann der Welt war.

Die Liste zählt insgesamt 2 200 Milliardäre auf. Unter ihnen ist auch Präsident Donald Trump, dessen Vermögen um 400 Millionen auf 3,1 Milliarden Dollar gefallen ist. 585 Milliardäre kommen aus den USA, davon allein 144 aus Kalifornien. 476 weitere sind aus China inclusive Hong Kong, Macau and Taiwan, 123 aus Deutschland, 119 aus Indien und 102 aus Russland. Hier sind die Top Ten:

  1. Jeff Bezos (Amazon-Gründer): 112 Milliarden $
  2. Bill Gates (Microsoft-Gründer): 90 Milliarden $
  3. Warren Buffett: 84 Milliarden $
  4. Bernard Arnault & family: 72 Milliarden $
  5. Mark Zuckerberg (Facebook-Gründer): 71 Milliarden $
  6. Amancio Ortega: 70 Milliarden $
  7. Carlos Slim Helu & family: 67.1 Milliarden $
  8. Charles Koch: 60 Milliarden $
  9. David Koch: 60 Milliarden $
  10. Larry Ellison (Oracle Gründer): 58.5 Milliarden $

Larry Page, einer der Google-Gründer, liegt bei 48,8 Milliarden. Zu den kalifornischen Milliardären gehört Tesla-Chef Elon Musk mit 19,9 Milliarden Dollar. Laurene Powell Jobs, die Witwe von Apple-Chef Steve Jobs, besitzt 18,8 Milliarden. Silvio Berlusconi, Italiens illustrer Medienmogul, liegt bei 8 Milliarden, genau wie der bekannte Hedge Fund Manager George Soros. Steven Spielberg, der Regisseur, besitzt 3,6 Milliarden Dollar, Bernie Ecclestone, der langjährige Formel 1 Mogul, 3,5 Milliarden. Mit vier Milliarden Dollar steht Traudl Engelhorn in der Forbes-Liste. Sie gehört zum Familienclan Engelhorn (BASF, Böhringer Mannheim). Mit 2,5 Milliarden belegt Peter Thiel, Mitgründer von Paypal und erster großer Investor in Facebook, Platz 965.

Der Amazon-Chef Jeff Bezos ist der erste Mensch der Welt, der mehr als 100 Milliarden Dollar sein Eigen nennen kann. Sein Vermögen ist innerhalb des letzten Jahres allein um 39,2 Milliarden Dollar mehr geworden. Ihm gehören 16 Prozent des Amazon-Konzerns, den er 1994 in einer Garage in Seattle gründete. Bezos war auf der Princeton-Universität und arbeitete bei einem Hedge Fond, bevor er beschloss, online Bücher zu verkaufen. Seine andere Passion ist die Raumfahrt: Sein Unternehmen Blue Origin ist dabei, eine Rakete zu entwickeln, die Passagiere zum Mond und wieder zurück bringen soll. Jeff Bezos engagiert sich auch in der Medienlandschaft: 2013 kaufte er für 250 Millionen Dollar die angesehene Zeitung Washington Post.

256 Frauen gehören zur Forbes-Liste 2018 der Milliardäre; zusammen ist ihr Vermögen mehr als eine Billion Dollar wert. Es sind 20 Prozent mehr Frauen als im letzten Jahr. Die reichsten unter ihnen sind Erbinnen: Alice Walton, die Tochter des Walmart-Gründers Sam Walton, hält allein 46 Milliarden. Die einzige Tochter der letztes Jahr verstorbenen Liliane Bettencourt, Francoise Bettencourt Meyers besitzt 42,2 Milliarden, BMW-Erbin Susanne Klatten (Platz 32) ist mit 25 Milliarden die drittreichste Frau der Welt.  Ihr jüngerer Bruder, Stefan Quandt, besitzt noch einmal 22 Milliarden.

43 Milliardäre sind jünger als 40 Jahre. 34 davon sind Selfmade-Unternehmer. Zum dritten Mal in Folge sind die jüngsten Milliardäre die beiden Norwegerinnen Alexandra und Katharina Andresen, 21 und 22 Jahre alt. Jeder der beiden Schwestern gehören 1,4 Milliarden Dollar, nachdem ihr Vater, Johan H. Andersen, ihnen seine Investment-Firma „Ferd“ übertragen hat. Der jünste Selfmade-Milliardär ist John Collison, der den Bezahldienst „Stripe“ gegründet hat.

Nicht in der Liste stehen Namen wie Vladimir Putin, der zu den reichsten Menschen der Welt gehören soll. Baron Benjamin de Rothschild aus der berühmten Banker-Familie, steht bei 1,9 Milliarden. Es gibt auch einen Jeff Rothschild (2,9 Milliarden). Er hat sein Vermögen aber seiner Arbeit bei Facebook zu verdanken. Viele weitere Namen stünden weit höher in der Liste, wenn das Vermögen nicht auf mehrere Familienmitglieder aufgeteilt wäre, wie etwa Mars, Oetker, Braun und Braun-Lüdicke (Braun Melsungen), oder Benneton. Außerdem muss man wissen: Das Vermögen der reichsten Menschen der Welt unterliegt starken Marktschwankungen. Je nach Aktienkurs kann es sich innerhalb von Tagen um hunderte von Millionen ändern.

Siehe auch: Bloomberg-Reichen-Liste 2018

Wenn ich sterbe, werde ich nichts mitnehmen

und: Reichtum 2014 weltweit

Update: Wie Trump sich reich rechnet 

Update: BMW überweist eine Milliarde an die Quandt-Geschwister

Update: Trump lied about his wealth to get onto the Forbes 400

Update: Langes Interwiew Matthias Döpfner mit Jeff Bezos 

Update: Bloomberg-Liste der Milliardäre

Update: IQ allein führt nicht zum Erfolg: Man muss für etwas brennen

Update: Jeff Bezos sucht noch Ideen für mildtätige Großprojekte

Update: Uneheliche Tochter von Steve Jobs: „Ich war der Fehler in seinem Leben“

Update: BMW-Erben sind jetzt die reichsten Deutschen

Zerrissenes Herz schreit um Hilfe – eine schamanische Reise zum All und zurück

Eine Liebe wird nicht erwidert – eine schamanische Reise auf der Suche nach Heilung eines zerrissenen Herzens.

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Als ihr Herz nicht mehr aufhörte zu schreien nach der Liebe ihres Lebens, rief sie ihre  Tiere zu Hilfe. „Führt mich zu ihm,“ weinte sie. „Wo ist er, warum lässt er mich so verzweifelt allein?“

Der Wolf und der Panther holten sie ab am Fuße der Wurzel des Baumes, zu der sie wie immer die Trommel getragen hatte, und es ging los: Über die Blumenwiese gelangten sie bald zu einer Sandwüste mit hohen Dünen und schmalen Schluchten. Ihr Tempo steigerte sich immer mehr: Inzwischen rannten sie – schnell und schneller, und über sich bemerkte sie  den Adler. Er übernahm und trug sie mit seinen Flügeln immer höher  hinaus. Das Meer und kleine Inseln darin, die wie Diamanten auf einem großen Smaragd schimmerten, wurden kleiner und kleiner. Im All angekommen, sah sie hinab zur Erde, und ihr Herz brannte.

Da tauchte sie auf aus dem Dunkel, die kleine Raumkapsel mit dem Geliebten darin. Der Adler setzte sie bei ihm ab. „Ich bin hier! Dreh dich um! Schau mich an,“ weinte sie und hämmerte auf seine Schultern. Aber die Liebe ihres Lebens rührte sich nicht. Mit toten Augen starrte er in wohl ein Dutzend Bildschirme gleichzeitig, während seine Hände über die Tastatur rasten.

Ein wilder Zorn ergriff sie. „Hilf mir, Adler, ich will ihn zerreißen, damit er mich nicht mehr verletzen kann!“  Sie begann, mit den Händen seine Haut abzureißen; der Adler zerfetzte sein Fleisch mit seinem scharfen, gebogenen Schnabel. Der Mann ihres Lebens leistete keinen Widerstand, löste sich auf. Und tatsächlich fanden sie es: Tief verborgen in seiner Mitte und winzig, aber dort pulsierte sein Herz. Vorsichtig nahm sie es in ihre  Hände, spürte seine zaghafte Wärme und sah, wie es sich trotz der Liebkosung schmerzhaft zitternd zusammenzog. „Setze ihn wieder zusammen, lieber Adler,“ bat sie. „Das Herz meiner Liebe friert so…“  Sie hoffte, nun, da sie sein Herz in Händen gehalten hatte, würde er sie wenigstens ein einziges Mal ansehen. Aber schneller als sie ihn hätte berühren können, bildete sich eine neue, eiserne Haut um seinen Körper, starrten seine Augen wieder in die Bildschirme, war alles andere Luft für ihn.

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Schneidender Schmerz erfasste aufs Neue ihr Herz, sie weinte bittere Tränen. „Wie soll ich dich erreichen, Mann meines Lebens? Wie muss ich sein, um dir nah sein zu können?“ Sie beobachtete, wie sich auch um ihren Körper eine eiserne Haut bildete. Nun starrte auch sie in die Bildschirme, aber ihr Herz suchte noch immer seins. Sie  rückte näher zu ihm und sein eiserner Arm umfing tatsächlich ihre Schultern. Butterweich durchdrang seine Hand ihren Panzer, erfasste ihr Herz – und zog sich eilends zurück, als ob sie verbrenne. Glühende Tränen höhlten ihre Augen aus. Wie liebt man einen Zombie?

Langsam sahen sie das Raumschiff unter ihnen im Dunkel  verschwinden. „Bring mich zur Sonne, Adler, ich will verbrennen,“ rief sie in tiefster Not. Der Adler stieg auf und stieg auf, aber die Sonne war zu weit weg, er konnte nicht mehr atmen.

In wirbelnden Spiralen taumelten sie zu Boden. „Tötet mich, ich will nicht mehr leben“, schrie sie, und die Tiere gehorchten. Wolf, Panther und Adler zerrissen und zerfetzten ihren Körper. Nur das Herz ließen sie heil. So schnell sie konnten, eilten sie damit zu dem hohen Felsen über dem Grand Canyon, wo der alte Indianer lebt, den sie schon so  oft besucht hatte.

Der Indianer rief sein Volk zusammen. Sie legten ihr Herz in ihren Kreis und begannen, zum Klang der Trommel zu tanzen. Leise murmelten sie heilige Formeln, während das Feuer brannte und die Sonne glühend über dem Canyon unterging. Langsam erhob sich eine neue Gestalt um das Herz herum aus den Flammen des Feuers und begann, mit zu tanzen.

Da rief sie die Trommel zurück.

 

Link: Schamanisches Reisen lernen: www.schamanismus.org

Gestrandet im Paradies: Wenn geliebte Menschen sich als Teufel erweisen…

Eigentlich hat sie „alles“. Mit Mitte 50 hat sie ihre Eigentumswohnung in guter Wohnlage in Berlin abbezahlt, sie hat ein erfreulich gut bestücktes Sparkonto, einen sicheren Beruf als Teilzeit-Lehrerin und einen freundlichen Ehemann.  Aber trotzdem fehlt ihr „alles“. Ihr Beruf, wie auch die ganze eingefahrene Alltagsroutine machen sie krank. Das soll nun alles gewesen sein? Oh nein. Julia lässt sich an ihrer Schule für ein Sabbatjahr freistellen und geht auf Reisen.

Knapp drei Jahre später steht sie vor den Scherben ihrer Existenz. Facebook-Freunde sind es, die sie retten und ihr helfen, nach Europa zurückzukehren. Sie braucht viele  Monate, um zu sich zu kommen. Jahre wird es dauern, bis ihre Seele das Erlebte verarbeitet haben wird. Sie versucht, sich dabei zu helfen und hat ein Buch über die beiden schlimmsten Jahre ihres Lebens geschrieben: „Gestrandet im Paradies,“ heißt es.

Es war die Dominikanische Republik, die Julia während ihres Sabbatjahres total verzauberte. Das leuchtend blaue karibische Meer, strahlend blauer Himmel, die Wärme, farbenprächtige Natur, und ein Mann – zehn Jahre jünger als sie selbst – bildeten einen unwiderstehlichen Cocktail der Anziehung. Ja, beschloss sie. Ja, sie will es noch einmal wissen. Sie will ein neues Leben wagen und eine neue Liebe.

Im Herbst des selben Jahres wandert Julia aus. Mit einem Container voller Teile ihres bisherigen Lebens, mit einem gut gefüllten Konto vom Verkauf ihrer Wohnung und zusammen mit ihrer Tochter, die ebenfalls einen Neuanfang sucht. Da hat sie die beiden  schwersten Fehler ihres Lebens schon gemacht: Ihre sichere Beamtenstelle hat sie gekündigt. Und sie hat dem dominikanischen Mann, in den sie sich Hals über Kopf verliebt hatte, eine sechsstellige Summe überwiesen. Er soll damit ein Grundstück am Meer bezahlen, das sie sich ausgesucht hat. Ein Öko-Hotel mit Hobbitwohnungen, vegetarischer Ernährung  und spirituellem Hintergrund will sie dort errichten, sich zusammen mit ihrem Liebsten eine gemeinsame Existenz aufbauen.

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Was dann geschieht, hat das Zeug zu einem handfesten Krimi – und lässt den Leser sich immer wieder die Augen reiben: Unglaublich die Unbekümmertheit, mit der die eigentlich lebenserfahrene Julia gegenüber den bettelarmen Einwohnern ihren Wohlstand zur Schau stellt, als freundliche Gönnerin von Mensch und Tier auftritt und damit wie eine „Goldeselin“ auf dem Präsentierteller steht. So wenig wie sie nach eigenem Bekunden anfangs die Gesichtszüge der Menschen auseinander halten kann, so wenig begreift sie ihre Wirkung auf die chancenlosen, bettelarmen Menschen in ihrem neuen Umfeld.

Ausgerechnet Barahona, unweit der Grenze zu Haiti, haben sich die beiden Frauen als neuen Lebensmittelpunkt ausgesucht.  Hier gibt es kaum Tourismus, ist die ohnehin hohe Kriminalität der Karibikinsel noch höher, die ganze Gegend ist als Drogenstraße aus Richtung Mexiko bekannt. Aber hier ist die Natur besonders wild und schön. Und hier lebt Rafael, der geliebte Mann, der in einem Moment unglaublich zärtlich, im nächsten schroff und unnahbar sein kann. Besonders letztere Seite zeigt er, nachdem Julia mit ihrem ganzen Hab und Gut in Barahona eingetroffen ist. Sie ist verunsichert und reagiert gelähmt. Sie glaubt, ihn zu brauchen, um ihren Lebensunterhalt in der fremden neuen Welt verdienen zu können. Da er aber nie zur Verfügung steht, sitzt sie zuhause – weitab vom Strand – verbringt ihre Zeit damit, frustriert auf ihn zu warten und Supermärkte zu finden, in der es einigermaßen abwechslungsreiche vegetarische Kost gibt. In langen einsamen Stunden postet sie für ihre 13 000 Facebook-Abonnenten spirituelle Weisheiten mit schönen Fotos.

Dann nehmen die Katastrophen ihren Lauf – so schnell aufeinander folgend, eine schlimmer als die andere, dass man beim Lesen kaum zu Atem kommt.  Rafael gesteht, ihr Geld veruntreut und statt des Grundstücks einen Gips-Steinbruch erstanden zu haben.  Nun hätte Julia zusammen mit ihrer Tochter und ihrem ebenfalls hergezogenen Bruder – alle der spanischen Sprache mächtig – versuchen können, sich auf eigene Faust eine Existenz aufzubauen. Statt dessen fördert sie die Gipsmine finanziell weiter, verköstigt unzählige unliebsame Verwandte Rafaels, kümmert sich um drei der minderjährigen Kinder ihres Lebensgefährten, glaubt ihm, dass er von seiner Ehefrau wirklich getrennt lebt und ändert auch nichts, als er das erste Mal handgreiflich wird. Nachdem er sie ein paar Wochen später mit der Faust k.o. geschlagen hat, zieht der Lebensgefährte bei Nacht und Nebel aus. Eine weitere Woche danach ist er tot: Unter dubiosesten Umständen erschossen. Nun erfährt Julia, dass die Geliebte „ihres“ Rafael,  ein minderjährige  Mädchen,  ein Kind von ihm trägt. Die Umstände des Mordes an Rafael werden nie aufgeklärt, obwohl der Mörder gefasst ist.

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Wenige Wochen später stirbt Rafaels Mutter bei einem Verkehrsunfall. Danach lernt Julia seine Sippschaft mal richtig kennen: Alle wollen Rafael beerben, beanspruchen das Unternehmen, das er mit ihrem Geld gekauft hat und weiteres Vermögen. Anwälte verlangen horrende Honorare ohne Leistung zu erbringen, Julia setzt große Summen ein, um die Gipsmine vor der Witwe Rafaels in Sicherheit zu bringen. Papiere verschwinden, Verträge sind plötzlich ungültig, ihr Vermögen schmilzt in schwindelerregendem Tempo dahin. In dieser Zeit stirbt Julias Bruder an mehreren Infekten, die er sich im karibischen Paradies zugezogen hat.

Um das Maß voll zu machen, bringt Julias Tochter Zwillinge zur Welt. Eins der Kinder ist hirngeschädigt. Da ist das Geld schon so knapp, dass Julia ihre Facebookfreunde um Hilfe bitten muss, um die Krankenhausrechnung zu bezahlen. Der Lebensgefährte ihrer Tochter erweist sich als genauso wenig vertrauenswürdig wie zuvor der ihre. Als „Geschäftsführer“ des Steinbruchs veruntreut er große Summen Geldes. Es kommt, wie es kommen musste: Mittellos und praktische ohne einheimische Freunde müssen Frauen und Kinder um ihr Leben fürchten, denn würde ihnen etwas zustoßen, würde der Lebensgefährte der Tochter als Vater der Kinder alles erben. Nur mit Hilfe einer wohlhabenden Facebookbekanntschaft können sie bei Nacht und Nebel mit wenigen Kisten und Kasten das Land verlassen – die geliebten Hunde und eine Katze bleiben zurück.

Das Buch ist eine Warnung an alle, die vorhaben, auszuwandern: In fremden Ländern herrschen andere Sitten; angefangen beim Status von Männern und Frauen über den Umgang mit Behörden bis hin zu den Einheimischen selbst: Wer in ein sehr armes Land, und dort noch in eine Gegend geht, in der praktisch keine Europäer wohnen, muss sich darüber im Klaren sein, dass die meisten seiner zahlreichen neuen, so netten  „Freunde“ nichts anderes wollen als einen Teil vom Wohlstandskuchen. Das ist die harte Wirklichkeit: Wo bittere Armut herrscht, sind Tier- und Menschenfreundschaft  unterentwickelt. Wer das in unserem wohlstandsverwöhnten Land nicht beachtet, muss es unter Umständen teuer bezahlen.

Julia Martin: Gestrandet im Paradies ist erschienen bei „Books on Demand“.

Siehe auch: „Kaltes Herz – Narzisstischen Missbrauch überwinden“

 

Wie die Ozeane und die Atmosphäre gemeinsam das Klima gestalten

Die Ozeane der Welt und die Atmosphäre arbeiten zusammen. Sie tauschen Hitze, Feuchtigkeit und Gase aus. Veränderungen in der Temperatur der Meeresoberflächen beeinflussen die Bewegungen der Atmosphäre, was sich wiederum auf Wetter und Klima auswirkt. Das ist keine Einbahnstraße: Die Atmosphäre beeinflusst die Ozeane und deren Strömungen, die ihrerseits eine bedeutende Rolle auf unseren Klima-Ausgleich haben.

Ein Film, den die ESA heute ins Netz gestellt hat.

The world’s oceans and atmosphere work as a system, exchanging heat, moisture and gases. Changes in the temperature of sea surface affect atmospheric dynamics, which in turn influence the weather and climate. This is not a one-way process, however, because the atmosphere also affects the oceans and helps to drive ocean circulation, which plays an important role in moderating our climate.

Flucht von Königsberg nach Bayern: „Hauts ab, ihr dreckigen Saupreußen“…

Die Puppe. Es war eine große, wunderschöne Puppe mit Porzellangesicht, genau so groß wie die siebenjährige Inge S. Und sie musste in Königsberg zurückbleiben, als es auf die Flucht vor den Russen ging. Inge hat sie nie vergessen. Auch jetzt nicht, wo sie 80 Jahre alt ist. Genau wie ihre Mutter Ilse, die bis zu ihrem letzten Tag nie ihre Kristall-Gläser vergessen konnte, die zu Schutt und Asche zerbombt wurden. In der Nacht zum 30. 8. 1944 ging das stolze Königsberg in Ostpreußen endgültig in Flammen auf.

1944 und 1945 kamen laut Wikipedia 12 bis 14 Millionen Ost- und Sudetendeutsche nach Westdeutschland. Heute ist der größte Teil Ostpreußens polnisch. Königsberg gehört zu Russland und heißt Kaliningrad.

Deutschland ist heute Einwanderungsland für Menschen aus fernen Ländern. Die Abneigung der Einheimischen gegen die Menschen, die so anders sind als wir, steigt. Die Alten erinnern sich aber auch noch an die Zeit, als auch Deutsche Flüchtlinge waren – und fremd im eigenen Land. So auch Inge S., die ihre Lebenserinnerungen für ihre Kinder aufgeschrieben hat. Ihre frühe Kindheit vollzog sich in einem merkwürdigen Zwiespalt: Vater Kurt war Berufssoldat und gehörte damit zu einer Gruppe, die im Dritten Reich mit Lob und Anerkennung öffentlich überhäuft wurde. Während das Dritte Reich in Konzentrationslagern Millionen von Menschen zu Tode folterte (siehe Beiträge Dachau und Hinzert), mussten die Soldaten die arische Abstammung ihrer gesamten Familie nachweisen, um dann im totalen Krieg zu sterben.

Inges Vater Kurt war an der Ostfront. Er überlebte den Kessel von Minsk und landete 1944 mit 158 000 anderen Soldaten in russischer Gefangenschaft, aus der er erst 1948, mehr tot als lebendig heimkehrte. In der Zwischenzeit hatte seine Familie Haus und Hof verloren, die Heimat verlassen müssen, in der die Ahnen nachweislich mehr als 300 Jahre gelebt hatten und war über mehrere Stationen bis Bayern geflüchtet, wo sie in großer Armut lebte.

Die Dörfer, in denen die Vorväter der Familie gelebt und über Generationen immer die gleichen Berufe ausgeübt haben, gibt es zum Teil heute nicht mehr, weil sie nach dem Krieg nicht mehr besiedelt wurden. Andere wurden umbenannt und die deutsche Restbevölkerung von den einst von Hitler als „Untermenschen“ bezeichneten Siegern des Krieges verjagt. Der Weg zurück verschlossen – Inge S., ihre Eltern und Großeltern haben ihre Heimat nicht wiedergesehen.

Hier die Original-Geschichte, bei deren Niederschreiben Inge S. noch einmal in die Haut des siebenjährigen Mädchens geschlüpft ist und sich auch in dessen Sprache ausdrückt:

„1943 wurde ich in Königsberg eingeschult mit fünfeinviertel Jahren. Es wurde zu Ostern eingeschult und zwar der ganze Jahrgang 37. Da ich im Dezember geboren war, hatte ich das Pech, so früh gehen zu müssen. Die Fahrt mit der Straßenbahn war immer beängstigend, weil sie so voll war und die Leute mich nicht rausließen. Einmal musste ich zwei Stationen zurück gehen und kam natürlich zu spät in die Schule. Ich war schrecklich verheult und habe mich sehr geschämt. In der Pause war dann immer mein Freund da und hat auf mich auf gepasst und mit mir zusammen das Pausenbrot gegessen. Der Freund wohnte bei uns im Haus, wir haben immer zusammen gespielt. Er war ein Jahr älter als ich und hieß Reinhold Frenzel. Wir gingen auch immer Pferdeäpfel sammeln. Der Opa machte das auch so, das war guter Dünger für den Garten. Bei uns am Haus hatten einige Leute sich einige Gartenbeete gemacht, und für die hatten wir die Pferdeäpfel gesammelt. Als die Mutti diese „Schweinerei“ bemerkte, hat sie das schnell verboten.

Mittlerweile kam der Krieg immer näher. Fast jede Nacht hatten wir Bombenangriffe. Wir wohnten am Flughafen, da war das besonders schlimm. Wir gingen mit mehrerlei Kleidern übereinander ins Bett. Ich hatte die Aufgabe, mich und den Klaus fertig anzuziehen, die Mutti hat sich und den Kurt angezogen. Dann nahm sie den Kurt und einen Koffer und ich den Klaus und ein Köfferchen mit Kleidern, und wir gingen in den Keller. Auf dem Nachbargrundstück war ein großes Lager mit Ukrainern. Die kamen alle in die Häuser und verstopften die Treppen und Eingänge. Wären wir getroffen worden, wir wären nie da herausgekommen. In der Zeit fing ich an ganz schlimm zu stottern. Die Mutti hatte dafür kein Verständnis. Immer, wenn ich ein Wort nicht heraus bekam, gab es Ohrfeigen. Schließlich wurde es der Mutti zu viel mit den Bombenangriffen,  wir gingen aufs Land zu Oma und Opa Schütz nach Trempen. Das war Anfang August 1944. Kurze Zeit später wurde Königsberg mit Phosphorbomben beworfen und ziemlich zerstört. Wir haben gesehen, wie sie die Tannenbäume abwarfen. Phosphor ist besonders schlimm, weil man ihn nicht löschen kann. Die Leute  sind brennend in den Schlossteich gesprungen und wieder brennend herausgekommen.

Trempen, Ännchen von Tharau-Haus

Ich hatte keine Schule mehr. In der Schule waren Soldaten einquartiert. Nach einer Weile kam auch die Tante Grete mit ihren fünf Kindern aus Insterburg nach Trempen.  Mutti hatte eine Schulfreundin in Trempen, deren Mann der Bürgermeister war. Er kam so ca. Ende September oder Anfang Oktober 1944 immer wieder und hat uns bedrängt, wir sollen Ostpreußen verlassen. Jetzt könnten wir noch mit dem Zug fahren. Einmal kam, kurz bevor wir weg sind – der Papa für ein eineinhalb Tage zu Besuch. Er hatte unseren Kurt noch nicht gesehen, der war schon ein eineinhalb Jahre alt. Stundenlang hat er versucht, den Kurt einmal auf den Arm zu nehmen, aber der hatte solche Angst und schrie, es ging einfach nicht. Danach ging Papa nach Russland und kam ziemlich schnell in russische Gefangenschaft.

Oma und Opa, Tante Grete mit ihren fünf Kindern, Mutti und wir drei Kinder gingen am 20. 10. 1944 auf die Flucht mit dem Zug. Nach einiger Zeit kamen wir nach Zeithain/Sachsen. Wir wurden außerhalb des Ortes in einem Lagerkomplex bei Privatleuten untergebracht.  Unser Kurt hatte von der langen Reise und dem unzureichenden Essen Hungerruhr bekommen. Er war schwer krank. Frau L. war sehr ärgerlich wenn der Kurt immer erbrechen musste und Durchfall hatte. Aber irgendwie hat der kleine Kerl gewusst, was seinem Körper gut tut. Der Kohlenkasten übte eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus. Sobald man nicht aufpasste krabbelte er dahin, und fing an Briketts zu essen. Dann war er natürlich von oben bis unten rabenschwarz, und die Mutti musste wieder waschen, was wiederum die Frau L. sehr ärgerte. Wenn die Mutti kochen oder waschen ging, sollte ich immer auf ihn aufpassen. Es gelang mir aber nicht immer, ihn davon abzuhalten, und dann gab es Schläge mit dem Siebenzagel. Das war ein Peitschenknauf mit sieben Lederriemen dran. Ich kroch dann immer schnell unters Bett, da traf sie mich nicht.

In diesem Lagerkomplex befand sich ein Gefangenenlager mit Russen. Innerhalb des Lagerkomplexes durften sie sich  frei bewegen. Für die Mutti hat einer Holz gehackt. Heute, sagte er zu ihr, ich für dich arbeiten, morgen du für mich arbeiten! Wir bekamen immer mehr Angst. Einmal spielte ich mit einem Löffel in der Nähe von Bahnschienen. Da waren Waggons, und es wurden Russen ein- oder ausgeladen, ich weiß es nicht mehr so genau. Plötzlich kam ein Russe und nahm mir den Löffel weg. Ich fing an zu weinen, denn Spielzeug hatte man ja keines. Da kam ein SS – Mann und fragte mich, was mir fehlt. Ich sagte ihm, der Russe hat mir den Löffel weggenommen. Im gleichen Augenblick tat es mir schon leid, ihm das gesagt zu haben, denn er ging auf den Russen zu und schlug ihn sehr. Der Russe musste zu mir kommen und mir den Löffel wiedergeben. Er schaute mich dabei so hasserfüllt an, dass ich mir sehr schuldbewusst vorkam. Der Löffel interessierte mich nicht mehr, und ich hätte was gegeben, wenn ich ihn dem Russen hätte wiedergeben können. Dieses Erlebnis geht mir bis heute nach. Wegen mir ist ein Mensch geschlagen worden, und wer weiß, was sie noch alles mit ihm gemacht haben.

Zelthain 1943-44

In Sachsen ging ich auch wieder in die Schule nach Zeithain. Vom Lager aus war das ein ganzes Stück zu laufen. Wenn dann Fliegeralarm war, sagte der Lehrer immer: Ihr Kinder, lauft schnell nach Hause. An uns Kinder aus dem Lager dachte er nicht. Einmal war wieder Fliegeralarm, und ich war auf dem Heimweg. Es ging mittlerweile auf das Frühjahr 1945 zu.  Plötzlich kam ein Tiefflieger und nahm mich aufs Korn. Er kam ganz tief runter, und aus einem Maschinengewehr wurde auf mich geschossen. Ich lief zick, zack, warf mich auf den Boden und legte den Ranzen über mich, doch er kam immer wieder zurück und schoss aufs Neue. Schließlich stellte ich mich tot und blieb liegen. Zweimal kam er zurück, und dann verschwand er. Ich war wie versteinert. Doch dann brach das heulende Elend aus mir heraus, und ich ging weiter nach Hause. Der Wachmann am Lagertor hatte schon unruhig auf mich gewartet. Als er mich endlich sah, kam er mir entgegengelaufen und trug mich ins Wachhäuschen. „Kind, Kind wo warst du nur so lange“. Ich war so verstört, und sagte immer wieder: „Er hat auf mich geschossen, er hat auf mich geschossen.“ Von da an ging ich nicht mehr in die Schule. Eines Tages, es war der 13. Februar 1945,  ist die Mutti nach Dresden gefahren, um dem Klaus ein Paar Schuhe zu besorgen. Sie hat auch welche bekommen und  war froh darüber. Am selben Abend gab es einen schlimmen Fliegeralarm. Wir gingen alle aus dem Haus. Da sahen wir wieder die Tannenbäume am Himmel über Dresden, und es ging ein fürchterlicher Bombenangriff auf die Stadt runter. Unter den Menschen um mich drum herum fing ein schlimmes Wehklagen an. Zu diesem Zeitpunkt war die ganze Stadt voller Flüchtlinge, tausende Frauen, Kinder und Alte. Ich war starr vor Entsetzen und fühlte große Angst. Mit der Zeit wurde ich immer ernster und stiller. So lebten wir bis etwa Anfang April 1945 im Lager Zeithain.

Dresden

Als die Russen immer näher kamen, machten wir uns erneut auf die Flucht. Zuerst kamen wir nach Riesa. Dort verbrachten wir ein paar Tage in einem Lager, und dann ging es per Bahn weiter in Richtung Bayern. Es war ein endlos langer Zug mit Lokomotiven in der Mitte am Anfang und am Ende. Immer wieder wurde der Zug von Flugzeugen angegriffen, und dann mussten alle im Zug bleiben, damit es so aussah, als ob der Zug schon zerstört sei. Der Opa wurde immer ganz wild, wenn einer versuchte die Tür aufzumachen. Für mein Empfinden waren wir tagelang unterwegs. Der Kurt wurde wieder krank, es starben Leute, Alte wurden verrückt. Immer, wenn wir in einem Bahnhof ankamen, wo das Rote Kreuz warme Milch und Essen anbot, gab es Fliegeralarm, und wir fuhren aus dem Bahnhof raus. Endlich kamen wir bei Nacht in Steinburg, Kreis Bogen/Niederbayern an. Dort erwarteten uns Bauern aus den umliegenden Dörfern mit Ochsenwagen. Das Gepäck wurde aufgeladen, die Alten und die Kinder oben drauf, und ab ging es im Ochsentrott weiter. Der Himmel war sternenklar, und über mir thronte meine trotz Hungers immer noch mächtige Oma Schütz. Sie jammerte in einem fort: „Achott, achott Hanschen, wo bringen die uns bloß mit diesen Ochsen hin“. Trotz allem Elend war mir nach einer Weile zum Lachen zu Mut.

Im Dorf angekommen wurden wir in einen Saal verfrachtet, ein finsteres Loch. Auf dem Boden waren Strohschütten, die von Soldaten benutzt worden waren. Für uns wurden sie nicht gewechselt. Darin war einiges Ungeziefer, und auf dem Boden waren große Rattenlöcher. Die Ratten und Mäuse liefen nachts zwischen uns rum. Anfangs bekamen wir Essen gekocht. Es wurde in großen Kesseln zu uns heraufgebracht. Später wurde ein Herd gemauert, auf dem dann sieben bis acht Familien ihr Essen selber kochen sollten. Jeder wollte zwischen zwölf und halb eins gekocht haben, und so gab es viel Streit.

Es war kurz vor Kriegsende. Am Tage ging ich etwas vor die Tür und schaute mir die Menschen an. Sie kamen mir äußerst seltsam vor. Sie sprachen eine Sprache, die konnte man überhaupt nicht verstehen konnte, und was noch schlimmer war , sie verstanden unser Hochdeutsch auch nicht. Wir kamen uns vor wie im Ausland. Ihre Wohnungen waren sehr einfach eingerichtet, die Kleider waren mit bunten Flicken geflickt, besonders am Hintern. Später wussten wir, dass sie die Hosen auf den Holzbänken sich durchscheuerten. Es war schon so, Fuchs und Hase sagten sich hier gute Nacht. Ich entdeckte auch einmal eine Elster. So einen schönen Vogel hatte ich noch nie gesehen. Bisher war mein schönster Vogel immer der Storch gewesen. Störche liebe ich heute noch sehr. Wenn ich sie sehe, bekomme ich immer ein unbestimmtes Heimweh.

Schließlich war der Krieg zuende, am 8. 5. 1945. Wir sahen auf der Straße, die oberhalb des Dorfes vorbeiführte, Tag und Nacht Panzer, Lastwagen und Militär vorbeiziehen. Bange schauten wir dahin und dachten, wann kommen die zu uns. Und eines Abends waren sie da. Es rumpelte, und es wurde geschrieen unten in der Gastwirtschaft. Dann trampelte es nach oben, wir saßen dicht gedrängt beisammen und fürchteten uns sehr. Die Tür ging auf. Es kamen Menschen herein, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie hatten eine rabenschwarze Haut, man sah das Weiße in den Augen überdeutlich, sie hatten eine ganz rosa Zunge – also es war zum Fortlaufen. Sie fragten, ob wir Soldaten versteckt hätten, wir hatten aber nicht. Dann sahen sie uns Kinder an und fingen an zu lachen, lockten uns mit dem Finger. Wir sollten zu ihnen kommen. Sie wühlten in ihren Taschen herum, und zum Vorschein kamen Plätzchen, Kaugummis und Schokolade. Wir hatten aber solche Angst, wir konnten uns das nicht holen. Dann legten sie alles mitten in den Saal auf einen Haufen und zogen sich zur Tür zurück. Da haben wir uns schnell etwas von dem Haufen geholt und sind wieder zu unseren Müttern zurück gelaufen. Zufrieden gingen sie weg.

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Es kamen im Laufe der Zeit noch mehr Soldaten, Weiße, aber sie haben uns nichts getan. So langsam fingen wir an uns im Saal einzurichten. Die Bauern schauten auf ihren Speichern nach und brachten uns alte Bettgestelle und Strohsäcke, die mit Stroh gefüllt waren. So brauchten wir doch nicht mehr auf dem Boden zu schlafen. Das Ungeziefer nahmen wir natürlich in die Betten mit, und wenn ich abends meine Bettdecke aufschlug, sprang eine Wolke von Flöhen in die Höhe. Mir machten sie nicht viel aus. Aber andere waren sehr verstochen morgens. Wir bekamen auch lange Tische und Bänke, so konnten wir wenigstens am Tisch sitzen und essen oder andere Arbeiten verrichten. Einige von uns bekamen ziemlich schnell im Dorf Zimmer zugeteilt, wo sie wieder für sich wohnen konnten, wenn auch sehr armselig. Die Tante Grete war auch dabei, sie war nämlich schwanger. Der Onkel Fritz, ihr Ehemann, war kurz nach Kriegsende auch wieder da. Ich weiß nicht, wo der so schnell herkam. Auch der Mann von Frau L. war schnell wieder da. Tante Grete bekam mit ihrer Familie zwei Zimmer in der Schule zugeteilt. So nach und nach gingen fast alle weg, nur wir und die Losereits blieben übrig.

Wir haben ein ganzes Jahr auf dem Saal verbracht, Familie L. noch länger. Wir Kinder gewöhnten uns schneller an die neue Situation als die Erwachsenen. Die Mutti musste weite Wege zurücklegen, um Haushaltungsgegenstände wie Kochtopf, Pfanne, Teller und Tassen zu besorgen. Auch Essen war schwierig zu besorgen. Einmal hatte sie Öl ergattert und uns Bratkartoffeln gemacht. Darauf bekam ich die ganzen Beine voll Furunkel. Die Strümpfe klebten an den  Beinen, und ich hatte sie einmal zwei Tage nicht ausgezogen. Ich hatte mir die Furunkel alle selbst ausgedrückt und so gut es ging verbunden. Die Mutti konnte so etwas nicht. Ganz schlimm war es mir, daß ich nachts immer einnässte. Die Mutti war dann immer sehr zornig und hat mich morgens verhauen. Aber ich konnte einfach nichts dafür, ich konnte es einfach nicht verhindern.

Mit der Zeit hörte dieses Übel auf.  Ich fing an im Dorf herumzustromern, entdeckte einen Dorfteich, der voller Frösche war und den Mühlbach. Die Frösche hatten es mir angetan. Ich habe sie immer wieder beobachtet und auch den Laich. Am Bach gab es auch viele Tiere zu beobachten. Dann war ich auch immer auf der Suche nach etwas Essbarem. Ich hatte ständig Hunger und versuchte die verschiedensten Pflanzen zu essen: Sauerampfer, Sauergras und auch Knospen. Mittlerweile war es Sommer geworden und wir badeten mit mehreren Kindern unten am Bach. Wir hatten uns ganz ausgezogen und badeten nackend. Plötzlich standen auf der anderen Bachseite drei Buben und schauten uns finster zu. Sie riefen auf einmal: „Ihr Hitlerschweine, ihr dreckigen Saupreußen, machts, daß ihr abhauts.“ Wir kamen uns auf einmal sehr nackend vor, ähnlich wie Adam und Eva im Paradies. Schnell zogen wir uns an und liefen nach Hause. So was hat  mich immer sehr verletzt: Man gehörte nicht dazu. Ich verlor immer mehr meine kindliche Unschuld und wurde sehr vorsichtig.

Die Schule fing wieder an. Ich kam gleich ins dritte Schuljahr, obwohl ich das Zweite nur etwa halb besucht hatte. Wir mussten den Stoff vom zweiten Schuljahr erst einmal nachholen ehe wir im Dritten weitermachen konnten. Das Rechnen fiel mir immer sehr schwer. Wir bekamen viele Hausaufgaben auf. So war auch das Einmaleins ganz schnell zu lernen. Das klappte bei mir aber nicht so schnell, und so bekam ich von der Mutti viel Schläge. Der Bubi L. konnte das nicht mehr ansehen und sagte zur Mutti, lass sie in Ruhe, ich werde mit ihr üben. So hat der Bubi mit unendlicher Geduld mit mir das Einmaleins geübt. Der Bubi war damals 16 Jahre alt. Vom Bubi habe ich auch stricken gelernt. Sein Bruder Arno hat mir später Fahrrad fahren beigebracht, der war auch ein ganz Geduldiger.

Wir verbrachten den Herbst und den Winter 1945 auf dem Saal. Es war ungemütlich und kalt. Im Frühjahr 1946 bekamen wir dann auch ein Zimmer im Dorf zugeteilt. Das hatte schräge Wände und einen Herd, und wir waren glücklich, endlich unter uns zu sein. Wir hatten ein Doppelbett, einen Tisch und eine Bank. Hinter dem Tisch wurde ein Feldbett mit Strohsack aufgestellt, das war die Couch und nachts mein Bett. Die Buben bekamen vom Schreiner zwei Betten übereinander geschreinert und so war unser Zimmer komplett. Wasseranschluss und Abfluss hatten wir keinen. Wir mussten alles Wasser aus einem Brunnen vor dem Haus holen und auch raustragen. Es war auch keine Toilette im Haus, die befand sich hinter dem Haus. Aber wir hatten es wenigstens warm. Zu essen gab es immer noch nicht genug, und so versuchte ich, mich beim Bauern E. etwas nützlich zu machen. Dafür gab es immer eine Scheibe ums runde Brot mit Butter. Ach, war das köstlich!

So nach und nach haben die Bauern unter den Flüchtlingen sortiert und fanden einige unsympatisch oder sympatisch. Zu Letzteren gehörten wir. Bei Edenhofers durfte ich immer ein bisschen mehr helfen und dafür gab es jedes Mal etwas zu essen. Ich hatte doch einfach immer Hunger. Die Bauern kamen gleich gar nicht darauf, daß wir Hunger haben könnten. Sie hatten ja, wenn sie auch arm waren, immer satt zu essen. Später haben sie es gemerkt und haben mir immer mal zu essen zugesteckt. Auch durfte ich abends von der sauernen Suppen, in die Brot hinein gebrockt wurde, und die in einem großen Topf auf dem Tisch stand, aus dem alle gelöffelt haben, mitessen. Mir schmeckte sie köstlich. Ich hätte mir lieber die Zunge abgebissen, als einmal zu sagen: Ich habe Hunger.

Getreideernte,Blick zum Kager

Die Mutti ist mit dem Opa in den Wald gegangen und hat Holz geschlagen, so etwa armdicke Bäumchen. Der Opa ärgerte sich nur immer fürchterlich, dass die Mutti die Bäumchen einen Meter über der Erde abschlug. Er ging dann schimpfend hinterher, und schlug die Stümpfe am Boden ab. Später wurde das Holz gebündelt und nach Hause gezogen und zerkleinert.  Als dann der Herbst 1946 kam, durfte ich die Kühe hüten. Die sollten das letzte Gras abweiden. Ich musste immer aufpassen, dass sie nicht in die angrenzenden Felder gingen. Da bekam ich dann immer eine große Scheibe Brot, ein oder zwei Äpfel und ein Säckchen Walnüsse mit zum Essen. Der Bauer Edenhofer hatte mehrere große Walnussbäume. Etwas zu essen zu bekommen war lange Zeit ein großes Problem für mich.

In dem Haus, in dem wir wohnten, war noch ein Zimmer, da zogen Oma und Opa ein. Das Zimmer war sehr dunkel, es hatte nur ein kleines Fenster unter dem Dach. Als wieder so etwas wie eine kleine Normalität eintrat, bekam die Mutti immer öfter verzweifelte Weinkrämpfe und jammerte um den Papa. Wir wussten ja gar nichts von ihm und konnten uns auch gar nicht vorstellen, wie er uns hier finden sollte. Sie war dann mit nichts zu beruhigen. Ich lief dann immer zum Opa, der war der Einzige, der sie wieder beruhigen konnte. So verging die Zeit. Im Sommer waren wir zur Blaubeerzeit jeden Tag im Wald und haben Blaubeeren gesammelt. Mittags gab es dann immer kalten Griesbrei mit Blaubeeren, oder Blaubeer-Klunker-Suppe. Ich habe später nie mehr wieder Griesbrei essen können. In der Pilzzeit waren wir auch jeden Tag im Wald und haben Pilze gesammelt. Nie mehr wieder habe ich so viele Pfifferlinge im Wald gefunden wie damals im Bayrischen Wald. Da gab es dann eben jeden Tag Pfifferlinge zu essen. Und die hat die Mutti köstlich zubereitet.

Die Zeit verging, und wir schrieben das Jahr 1947, Sommer. Da erhielten wir ein Telegramm aus Berlin von der Tante Trude, einer Schwester von der Oma.  „Der Kurt lebt, Brief folgt!“ Die Tante Trude war in ihrer Wohnung geblieben trotz Bombenangriffen, und die Wohnung gehörte später auch noch zum Westteil Berlins. Papa war seit Ende 1944 in russischer Gefangenschaft. Als aus seinem Lager  einer nach Berlin entlassen wurde, gab er ihm die Adresse von Tante Trude, mit der Bitte seine Adresse zu hinterlassen, mit. Er hoffte sehr, die konservative Tante Trude wäre in ihrer Wohnung geblieben. Er hatte Glück! Tante Trude wusste schon lange, wo wir waren und hat uns gleich benachrichtigt. So haben wir erfahren, dass der Papa lebt und wo er sich aufhält. Die Mutti hat ihm gleich geschrieben, wo wir gelandet sind im Krieg.

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Nach einiger Zeit kam auch ein Brief von ihm zurück. Er durfte nur 25 Worte schreiben, doch wir waren sehr glücklich, etwas von ihm zu hören. Beim nächsten Mal schickte er ein Passbild von sich mit. Ich war so erschüttert über sein Aussehen, ich hatte ihn doch noch aus guten Zeiten in Erinnerung. Auch der Opa war sehr glücklich. Er sagte nämlich immer, mit 66 Jahren stirbt er, wollte aber unbedingt noch erleben, dass der Papa nach Hause kommt. So verging der Sommer und der Herbst 1947 mit Blaubeeren sammeln und Pilze sammeln. Ich durfte bei Edenhofers wieder Kühe hüten, und  mit dem Hunger war es auch nicht so schlimm, denn das Obst war reif, und ich konnte essen so viel wie ich wollte. Ich ging später, als es kein Obst mehr gab, auch auf die Felder und habe Wasserrüben gerupft und gegessen.

Im Winter gab es damals sehr viel Schnee, Ich bin oft bis an die Brust im Schnee versunken. Wir fuhren stundenlang Schlitten und waren abends sehr durchgefroren. Wir hatten nur Trainingshosen und Strümpfe, die an Leibchen mit Strapsen befestigt waren. Da war immer ein Stück Oberschenkel nackend. Das war mir immer wund und brannte. Die Mutti sagte dann, ich solle mit Urin einreiben das würde heilen, und das stimmte. Ich hatte auch nur ein Paar Schuhe. Die waren auf der Sohle mit Nägeln bestückt ,damit sie nicht so schnell durchgelaufen waren. Im Sommer habe ich dann die Schuhe geschont und bin barfuß gelaufen, sobald es keinen Frost mehr gab. Damals hatte ich eine große Sehnsucht nach einer Strickjacke. Die Mädchen in der Schule hatten so schöne selbstgestrickte Jacken. Morgens fror ich immer sehr in meinem dünnen Sommerfähnchen bis die Sonne die Luft erwärmte. Im Winter bat ich die Oma mir zu zeigen, wie man Socken strickt.  Und als ich einmal Wolle ergatterte, gab die Oma mir Nadeln, und ich versuchte mich im Sockenstricken.

Es kam Weihnachten, Familie E. schickte eine Schüssel mit Plätzchen und die Mutti gab von ihrem Pfefferkuchen zu probieren. Die Bauern waren alle gut katholisch und betrachteten uns als arme Heidenkinder. So nahmen mich die E. mit zur Christmette nach Neukirchen. Ich habe zu Weihnachten immer ein Gedicht gelernt, das musste ich zuerst aufsagen, ehe ich das Weihnachtsgeschenk öffnen durfte. Wir haben auch viele Weihnachtslieder gesungen, Opa und Oma kamen rüber, und es war recht gemütlich. Zu diesen Weihnachten bekam ich von der Oma zum Geburtstag ein Paar Skier geschenkt. Ich war sehr stolz und übte nun viel das Skilaufen. In den Nachkriegsjahren gab es in Bayern sehr viel Schnee.

Das Jahr 1948 begann, und langsam wurde es Frühling. In der Schule hatte ich mich mit einem Mädchen angefreundet, die hieß Franziska S. Die S. hatten einen Hof gepachtet und bewirtschafteten ihn mit ihren 8 Kindern. Alle Kinder mussten viel arbeiten. Aber auch fast alle Kinder konnten wunderbar singen, Zither spielen und jodeln. Ich war jetzt auch viel mit der Franzerl zusammen. Sie war so zierlich und tat mir immer so leid, weil sie so viel arbeiten musste. So haben wir nachmittags alle Arbeiten zusammen verrichtet. Dabei haben wir viel gesungen. Die Franzerl konnte  jodeln und hat es mir auch beigebracht. Ich stellte überhaupt fest, dass Singen und Musik mir sehr viel Freude machten. Ich habe meine Traurigkeit und meine Freude immer mit Musik herausgelassen. Und Jodeln war was Wunderbares, um überschäumende Freude in die Welt zu schreien.

Im März 1948 starb ganz plötzlich der Opa. Ich glaube, es war ein Herzinfarkt. Sie waren zu diesem Zeitpunkt in Bimölen in Schleswig-Holstein. Dort waren alle Tremper, die die Flucht überlebt hatten. Der Opa wollte sie alle unbedingt noch einmal sehen. Er war so ausgelassen und froh am Tag vorher. Er hat sogar getanzt. Am anderen Morgen bekam er Herzschmerzen, fiel um und war tot. So hat er nicht mehr erlebt, wie der Papa nach Hause kam. Er ist in Bad Bramstett begraben worden. Es war Sommer und die Währungsreform rückte immer näher. So etwa um den 15.06.1948 schrieb der Papa, er sei im Lager Friedland und er komme in den nächsten Tagen nach Hause. Von da an ist die Mutti jeden Tag nach Steinburg an den Bahnhof gelaufen, morgens und abends. Jedes Mal 6 Kilometer hin und zurück. Am 18.06.1948 wurde die Reichsmark eingesammelt und die Deutsche Mark ausgegeben.

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Am 20.06.1948 kam der Papa aus russischer Kriegsgefangenschaft nach Hause. Ausgerechnet an diesem Tag war die Mutti mal nicht an den Bahnhof gegangen. Ich war zu diesem Zeitpunkt im Wald und sollte eine Milchkanne voll Blaubeeren sammeln. Plötzlich höre ich meinen Cousin Heinz-Günter rufen, Inge, wo bist du, dein Vater ist Nach Hause gekommen. Ich sagte zu ihm, ich glaube dir nicht. Er hat mich nämlich immer veräppelt. Jedoch er sagte, ich pflücke deine Kanne voll, wenn das nicht stimmt. Wenn so ein Faulpelz das sagt, könnte es ja doch stimmen, dachte ich mir und ging nach Hause. Ich kam nach Hause und sah meinen armseligen Vater da sitzen. Ich kannte ihn doch noch aus guten Tagen, einen stolzen schönen Papa. Da überkam mich ein so unendliches Weh, und ich musste ganz jammervoll weinen, das erste Mal seit wir von Ostpreußen weggegangen sind. Ich konnte mich gar nicht beruhigen. Da riss mich meine Mutter von ihm weg, es wäre jetzt genug, ich solle in den Wald gehen und meine Kanne vollpflücken.

So ging ich halt wieder in den Wald zurück und weinte mich da aus. In den folgenden Tagen sah ich mir meinen Papa genauer an. Er war nur Haut und Knochen. Überall hingen die Hautlappen herunter, der Po bestand nur aus zwei Hautlappen. Nach einiger Zeit hat sich das ganze Gewebe mit Wasser gefüllt, und unser Papa kämpfte ums Überleben. Er lag da wochenlang und stank ganz fürchterlich. Die Mutti musste ihn wie ein Baby aufpäppeln und langsam ans Essen gewöhnen. Das hat sie ganz vorbildlich gemacht. Es war gut ,dass es Sommer war. Wir gingen viel nach draußen, und so hatte der Papa seine Ruhe. Es dauerte ein Jahr lang bis der Papa wieder arbeiten konnte.“

Am 2. 1. 1952 hat Vater Kurt eine Stelle an der Mosel angetreten. Knapp zwei Jahre später war die ganze Familie dort wieder vereint. Inge S. begann eine Lehre als zahnärztliche Helferin und trat in die Winzertanzgruppe ein. Am 1.4.1956 antwortete sie auf eine Anzeige ihres späteren Ehemanns. 13 Jahre später ging ein großer Traum in Erfüllung: Die inzwischen sechsköpfige Familie des Paares zog auf dem Hunsrück ins eigene Haus. Das ist inzwischen lange bezahlt. Im Herbst ihres Lebens kann Inge S. auf die Erfüllung zweier großer Wünsche zurückblicken: Sie hat einen Menschen gefunden, auf den sie sich verlassen kann, mit dem sie kürzlich Diamantene Hochzeit gefeiert hat. Und: Die beiden leben im eigenen Haus an einem Ort, von dem sie niemand mehr vertreiben kann.

 

Siehe auch: Die amerikanische Leimrute

 

 

 

 

Konzentrationslager im Deutschen Reich: Auch in Hinzert im Hunsrück

Manche Ortsnamen sind aus der Zeit des Dritten Reiches sind auf Jahrhunderte als Stätten von Folter, Tod und Vernichtung ins weltweite Gedächtnis eingebrannt: Auschwitz, Birkenau, Buchenau, Sachsenhausen, Dachau… Aber es gab noch viel mehr Lager dieser Art. Sie waren über das gesamte Deutsche Reich,  Polen und Österreich verteilt und lagen teilweise in ganz kleinen Orten: Zum Beispiel in Hinzert im Hunsrück.

Erst im Jahr 2005 wurde hier die bisherige Information über Tafeln durch eine überdachte Erinnerungsstätte an Zwangsarbeit, Sadismus und Tod ersetzt.  Das extravagante Gebäude liegt in unmittelbarer Nähe des Ehrenfriedhofes, den die französische Militärverwaltung 1946 für 217 exhumierte KZ-Tote eingerichtet hat.

1948 wurde auf dem Gelände des neu angelegten Friedhofes auf Initiative eines deutschen Pfarrers eine Sühnekapelle errichtet.  Ende der 1950er Jahre wurde der Friedhof umgestaltet, so wurden u.a. die Holzkreuze durch Steinkreuze ersetzt. 1986 errichtete der Bildhauer und Hinzert-Deportierte Lucien Wercollier vor dem Gräberfeld ein Denkmal.

Karte Hinzert

„Es ist ein recht mühsamer Weg, den Besucher heute zurücklegen müssen, wenn sie die Gedenkstätte an der Stelle des ehemaligen SS-Sonderlagers/KZ Hinzert besichtigen wollen“, schreibt Dr. Susanne Urban-Fahr in einer Publikation des Fördervereins Dokumentations- und Begegnungsstätte ehemaliges KZ Hinzert.  „Hinzert war eines der vielen kleinen Lager im nationalsozialistischen Deutschland, die in der Forschung nach 1945 Jahrzehnte lang nicht wahrgenommen und in den betroffenen Orten gerne verschwiegen wurden.

Das SS-Sonderlager/KZ Hinzert war zunächst ein „Arbeitserziehungslager“, in dem Menschen als „Arbeitsscheue“ zwecks „Disziplinierung“ eingesperrt und per Zwangsarbeit ausgebeutet wurden. Von 1941 an wurden Menschen in Hinzert auch in „politische Schutzhaft“ genommen. Zudem gab es dokumentierte Fälle systematisch organisierter und ausgeführter Morde an Häftlingen. Auch wurde in Hinzert eine „Überprüfung“ der „Eindeutschungsfähigkeit“ mancher Häftlinge vorgenommen, ein Auftrag, der so in keinem anderen Lager vorhanden war. Hinzert, das von 1939 bis 1945 bestand, war neben Osthofen bei Worms das zweite große Lager in Rheinland-Pfalz. Das KZ befand sich zwischen Wald und Wiesen, so dass es zumindest vor der breiten Öffentlichkeit versteckt lag. Doch sichtbar waren die Arbeitskommandos in der näheren Umgebung ebenso wie der „Lageralltag“, wenn Anwohner die Straße, zwischen Lagergelände und dem Bereich, auf dem die Wachmannschaft wohnte, befuhren oder beschritten.

Das Stammlager Hinzert wurde 1939 eingerichtet. Zuerst war dort eine kasernierte Unterkunft für Bauarbeiter (1938/39) gewesen, die für den Bau des „Westwalls“ eingesetzt wurden. Der Westwall wurde ab Juni 1938 an der deutschen Westgrenze errichtet und verlief von der niederländischen bis zur schweizer Grenze. Im Zuge der Kriegsvorbereitungen sollte an der Westgrenze des „Dritten Reiches“ ein Bollwerk gegen Frankreich und die Benelux-Staaten entstehen. Weil der Westwall im Kriegsverlauf instand gesetzt wurde, mussten bis Mai 1945 insgesamt etwa eine Million Menschen an diesem Bau schuften, unter ihnen so genannte „Fremdarbeiter“, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Auch hier profitierte der Staat ebenso wie Privatunternehmen von der Ausbeutung durch Zwangsarbeit.

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Bereits im Frühsommer 1939 wurden in den Baracken von Hinzert auch so genannte „Arbeitsscheue“ und „Arbeitsverweigerer“ zur etwa dreiwöchigen „Umerziehung“ eingeliefert. Nach einem Brand, der einen Großteil der Baracken zerstörte, wurde ab dem 16. August 1939 rasch wieder aufgebaut. Die neuen Baracken waren im Vergleich mit den üblichen KZ-Unterkünften für Häftlinge noch relativ gut ausgestattet, weil es dort sogar Waschgelegenheiten und Heizöfen gab. Hermann Pister war bis Januar 1942 Kommandant dieses Lagers, in das bis Sommer 1940 vor allem „Arbeitsunwillige“ und „Volksschädlinge“ eingeliefert wurden, d. h. Menschen, die gegen ihre Arbeitsbedingungen protestierten oder jene, die als „Asoziale“ eingestuft wurden.

Am 23. November 1939 wurde für das Lager das erste Mal die Bezeichnung „SS-Sonderlager Hinzert“ verwendet. Spätestens seit 1942 war Hinzert ein „offizielles“ KZ und damit fester Bestandteil des umfassenden Lagersystems. Dazu gehörte auch ein von 1940 bis 1944 eingerichtetes umfangreiches Netz von 30 Nebenlagern und mehr als 60 Außenkommandos. Die Ausdehnung eines einzigen KZ war demnach weitaus großflächiger und betraf viel mehr Orte als nur die des Stammlagers. Für das KZ Hinzert erstreckte es sich von Mainz bis Frankfurt am Main, es schloss Wittlich ebenso wie Zweibrücken, den Flugplatz bei Mannheim und Fulda ein.

Nach der Angliederung an das KZ Buchenwald dauerte es nicht mehr lange, bis das KZ nicht mehr gehalten werden konnte. Es wurde am 3. März 1945 quasi aufgelöst, indem die verbliebenen Häftlinge in Richtung Oberhessen „evakuiert“ wurden. Dies bedeutete, dass sie auf einen der „Todesmärsche“ geschickt wurden, in dessen Verlauf viele Häftlinge starben. Sie wurden schließlich von der US-Armee befreit.

Die höchste ständige Zahl von Wachleuten allein im Stammlager Hinzert belief sich auf etwa 200 Mann. Zum Personal gehörten auch die Kapos, die als Werkzeug der SS dienten und dieser in Grausamkeit häufig in nichts nachstanden. Oberkapo Eugen Wipf soll sich an gezielten Tötungen beteiligt haben, unter anderem durch das sogenannte „Ersäufen“ in der Waschbaracke. Eine weitere wichtige Person für das SS-Sonderlager Hinzert war Gustav Simon, Gauleiter des „Moselgaus“ und Chef der Zivilverwaltung des 1940 überfallenen Luxemburg – daher auch zuständig für mehrere Verhaftungswellen im besetzten Großherzogtum.“

Tom Segev hat in seinem Buch „Die Soldaten des Bösen“ die Persönlichkeit von KZ-Kommandanten systematisch untersucht und kam zu dem Schluss: „Sie
waren mittelmäßige Menschen ohne Phantasie, ohne Courage und ohne Initiative. … „Nicht die Banalität des Bösen ist es, die sie kennzeichnet, sondern vielmehr ihre innere Identifikation mit diesem Bösen. Beim Studium ihrer SS-Personalakten läßt sich keinesfalls ein psychologisches Modell herausarbeiten.   Sie hatten sich aus freien Stücken für ihre Tätigkeit entschieden — so auch Paul Sporrenberg“.

Die Ermittlung aller Todesopfer des SS-Sonderlagers/KZ Hinzert war bislang nicht möglich. Gesichert sind auf Grund der Forschungen des Luxemburger Conseil National de la Résistance 321 Todesfälle. Es ist davon auszugehen, dass nach Kriegsende nicht alle Opfer gefunden werden konnten.

Die Gedenkstätte KZ Hinzert kann kostenfrei besichtigt werden. Es gibt öffentliche kostenfreie Führungen, sowie Führungen für größere Gruppen nach Voranmeldung. Weitere Informationen gibt es auf der Homepage.

Siehe auch: KZ Dachau: Weltbekanntes Mahnmal der Grausamkeiten des Tieres Mensch