Wie manipuliert man Menschen? Das Handbuch der NSA erklärt es genau… Antwort

Da war der tiefe Fall des Dominique Strauss-Kahn im Mai 2011 in New York – über eine mehr als plumpe ‚Honey-Trapp‘. Da werden Unmengen User-Profile in social media-Portalen gekapert. Da gab es Trappwire, X-Keyscore und in dieser Woche hörten wir von „Uroburos„, der hochkomplexen Spionagesoftware, die offenbar sensible Daten und geheime Informationen gezielt bei großen Unternehmen, staatlichen Einrichtungen und Nachrichtendiensten abgegriffen hat. Seit Edward Snowdens Informationen der  Menschheit klar machen, dass James Bond eine Lachnummer ist – dass Geheimdienst-Arbeit in Wahrheit hässlich, schmutzig, ehrverletzend und vor allem äußerst manipulativ sein kann, hat sich in Deutschland eher Fatalismus breit gemacht, als dass ernsthafte und anhaltende Aufregung versuchen würde, Änderungen zu erzwingen. Die meisten Deutschen handeln frei nach dem Motto: ‚Ich habe nichts zu verbergen‘.

Nun ist, mitten in der hohen fünften Jahreszeit, ein Handbuch veröffentlicht worden, bei dessen Lektüre sich die Nackenhaare sträuben und der Magen im Kreis dreht. Nicht weil darin totale Neuigkeiten vermerkt wären. Nein, weil dieses Handbuch klar macht, dass absolut jeder von uns eine mögliche Zielperson ist. Sei es, um unser Profil zu übernehmen und in unserem Namen zu agitieren; sei es als Opfer genau einer solchen Agitation. Da geht es um Cybermobbing – und wie man das richtig anstellt; es geht um politische, religiöse oder andere ideelle Meinungsbildung; es geht um die Manipulation von Einzelexistenzen, Gruppen und Unternehmen. In ganz großem Stil unterwandern die Geheimdienste das Internet. Gemeint sind hier nicht nur der britische oder der amerikanische, die dieses Handbuch nutzen – man darf getrost davon ausgehen, dass alle anderen kein Quäntchen besser sind. Und ganz sicher hört ihr Aktionsradius nicht beim Cybermobbing auf: Hier geht es um die Macht über das Volk, mit deren Hilfe Aufstände initiiert oder nach Belieben auch niedergeschlagen werden können, mit deren Hilfe Ideologien verbreitet oder diskreditiert, Währungen aufgebaut oder vernichtet, letztlich Regierungen und Staaten stabilisiert oder gebrochen werden können.

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Glenn Greenwald ist einer der Journalisten, die dafür sorgen, dass Edward Snowden sein bürgerliches Leben nicht umsonst aufgegeben hat. Greenwald wurde als Autor beim britischen Guardian bekannt, auf den ein ernormer Druck ausgeübt wurde, bis er sich in sein Heimatland USA zurückzog. Der promovierte Jurist soll heute abwechselnd mit seinem Ehemann David Miranda in dessen Heimatland Brasilien und in New York leben. Neben seiner immer noch bestehenden Zusammenarbeit mit internationalen Medien hat Greenwald ein eigenes Internet-Portal gegründet, indem die Ergebnisse seiner und der Arbeit seiner Kollegen  Laura Poitras und Jeremy Scahill niedergelegt sind: ‚The Intercept (frei übersetzt: das Abgefangene, das Abfangnetz). Sponsor der Enthüllungsplattform, die seit knapp drei  Wochen online ist, ist der Ebay-Gründer Pierre Omidyar.

„Elementare Funktion von ‚The Intercept‘ ist es, auf Pressefreiheit zu bestehen und gegenüber denjeningen zu verteidigen, die diese verletzen. Wir sind bestimmt, uns vorwärts zu bewegen in dem, was wir für essentielles Berichten im öffentlichen Interesse halten. Unsere Hingabe gilt dem Ideal der wahrlich freien und unabhängigen Presse als vitale Komponente in jeglicher gesunden demokratischen Gesellschaft. Wir glauben, dass es grundlegende Aufgabe von Journalismus ist Transparenz zu schaffen und die Verantwortlichkeit von denen zu zeigen, welche die größte politische und unternehmerische Macht innehaben. Unseren Journalisten wird nicht nur gestattet, sondern sogar empfohlen sein, Geschichten ohne Rücksicht darauf zu verfolgen, wer gegen sie aufgebracht werden könnte.“ So fasst The Intercept seine Ziele zusammen.

Im Folgenden geht es um den dort erfassten Beitrag „The Art of Deception“ – „Die Kunst des Betrugs“ und das zugehörige NSA-Handbuch, das Edward Snowden mitgenommen hat. Dieses Handbuch mit seinen etwa 50 Bildtafeln ist offenbar Grundlage für mündliche Präsentationen bei Schulungen. Es enthält keinerlei  zusätzlichenText und ist offensichtlich dazu gedacht, Undercover-Aktionen im Internet zu trainieren.

In den letzten Wochen, so Greenwald, habe er zusammen mit NBC News eine Serie über schmutzige Taktiken des britischen Geheimdienstes GCHQ (Pendant zur NSA) im Internet veröffentlicht. Darin ging es um Sexfallen, um gezieltes Platzieren falscher Informationen über missliebige Personen oder Unternehmen; kurz: um Mobbing mit dem Ziel der totalen Vernichtung.  Die Veröffentlichungen basierten auf vier hoch geheimen Dokumenten, die ausschließlich der NSA und der  sogenannten „Fünf-Augen-Allianz“ zur Verfügung standen:  Geheimdiensten und Regierungen der USA, Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritanniens. Im Kern geht es immer um das gleiche Ziel: Infiltration, Manipulation, den Angriff von Anonymus mit den selber DDoS-Attacken, die auch diese benutzen, um sogenannte „Honigfallen“ (Sexangebote mit kompromittierender Wirkung),  um das Einschleusen von Trojanern – mit dem Ziel, letztlich die Integrität des ganzen Internets infrage zu stellen.

Im Prinzip werden zwei Wege genutzt: Der eine ist, alle möglichen Falschinformationen über das „Zielobjekt“ online zu stellen – so lange bis sich die öffentliche Meinung entsprechend dreht und der Ruf der Zielperson zerstört ist. Die zweite Methode ist es, sich mit Hilfe angeblicher wissenschaftlicher Erkenntnisse in Diskussionsforen einzuschleusen, um das gewünschte Ergebnis einer Diskussion aktiv herbeizuführen. Hier gehen die Undercover-Agenten sehr weit. Beispielsweise schleusen sie falsche Informationen ins Netz ein, die sie wildfremden anderen Menschen unterschieben, sie erfinden „Leidensgeschichten“; geben vor, Opfer der Person zu sein, deren Ruf zerstört werden soll, oder sie posten „negative Informationen“ in allen möglichen Foren. Folgende Tafel des Handbuchs fasst die Aufgabenstellung zusammen:

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Unter der Überschrift: „Ein Ziel diskreditieren“ heißt es auf einer anderen Tafel: „Bauen Sie eine Sex-Falle auf – tauschen Sie die Fotos der Zielpersonen in social networks aus – schreiben Sie einen Blog und geben Sie sich darin als ihr Opfer aus. Mailen und smsen Sie ‚Informationen‘ an Freunde, Nachbarn, Arbeitskollegen, etc.“

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Insgesamt geht es darum, mit Hilfe der zur Verfügung stehenden Online-Techniken im Internet etwas anzustoßen, das dann in der realen Welt passiert – frei nach dem Grundsatz der 4D: deny, disrupt, degrade, deceive – bestreiten, stören, herabsetzen, täuschen.

Bisher, so Glenn Greenwald, seien Methoden, das Internet zu unterwandern, in den USA öffentlich kontrovers diskutiert worden. Mit dem NSA-Handbuch liege nun der erste Beweis dafür vor, dass dies bereits im großen Stil geschieht.  Unter der Überschrift „Online Undercover-Aktionen“ werden eine Vielfalt an Möglichkeiten aufgelistet, auf welcher Basis, in welcher Form und auf welchen Wegen das umgesetzt kann.

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Zu diesem Zweck stellt das Buch weitreichende Theorien darüber zur Verfügung, auf welchen Wegen Menschen online miteinander kommunizieren und wie eine Nachricht verpackt sein muss, um die gewünschte Reaktion hervor zu rufen.

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Dazu gesellt sich eine stattliche Menge psychologischer Informationen, die als Handwerkszeug für erfolgreiche Operationen benötigt werden; beispielsweise die, wie man in einer Gruppe eine potentielle Bruchstelle aufspürt und aktiviert, oder wie man sich verhalten  muss, um innerhalb einer Gruppe nicht als andersartig aufzufallen.

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Es geht los mit Erwartungshaltungen: „Menschen schauen da hin, wo sie  erwarten, dass etwas interessantes passieren wird. Wir sind darauf eingestellt, genau das zu sehen, hören, fühlen und schmecken, was wir vorher auch erwartet haben“.

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Spiegelungen: „Menschen neigen dazu, sich gegenseitig zu kopieren, während sie interagieren.

Sie übernehmen Körperhaltungen, Sprachmuster, bestimmte Ausdrucksformen, Augenbewegungen und Gefühlsregungen. In einem Gespräch gleichen sich Ausdrucksweise, Redewendungen und Sprache aneinander an.

Menschen in einer Diskussion tendieren dazu, eine gemeinsame Meinung herauszubilden. Der Erfolg ist abhängig von Empathie und persönlichen Eigenschaften. Es besteht die Gefahr der Über-Angleichung, die schließlich einen herablassenden Eindruck hinterlässt.

Sogar in der Mimik übernehmen Gesprächsteilnehmer voneinander bestimmte soziale Eigenheiten.

Stellen Sie sich also die Frage: Kann ich das alles spielen?“

In ihrem Maßnahmenkatalog orientiert sich die NSA an den Erkenntnissen Robert Cialdinis, die sie für ihre Zwecke „umdreht“. Cialdini ist Professor für Psychologie und Marketing an der Arizona State University. Er gilt als führender Sozialwissenschaftler auf dem Gebiet der Einflussforschung und hat das Buch „Die Psychologie des Überzeugens  geschrieben. Das folgende Video fasst dessen Erkenntnisse anschaulich zusammen.

Wie verhält es sich grundsätzlich mit den menschlichen Bedürfnissen? Basis ist das Bedürfnis nach Nahrung, Wärme, Unterkunft und Sicherheit. Es folgen die seelischen Bedürfnisse, beginnend mit intimen Beziehungen und dem Wunsch nach Freundschaften; gefolgt von Bedürfnis nach Ansehen und Erfüllung.

Die Spitze der Pyramide bildet der Wunsch, sich persönlich verwirklichen zu können, indem das gesamte persönliche Potential, einschließlich der Kreativität, lebbar wird.

An allen Punkten kann man einhaken, wenn man auf eine Person Einfluss gewinnen will. Das Handbuch rät jedoch:

„Fragen Sie sich zuerst: Wer bin ICH?“

Weiter geht es mit Strategien der Täuschung:

„Zunächst einmal muss Aufmerksamkeit gewonnen werden: Fallen Sie auf und wecken Sie Erwartungen. Dabei gilt: Die große Bewegung überdeckt die kleine; die Zielperson schaut da hin, wohin auch Sie schauen. Die Aufmerksamkeit sinkt, je näher das erwartete Ende kommt, Wiederholungen reduzieren den Grad der Wachsamkeit.“

Wahrnehmung beeinflussen: „Masken tragen, Mimik wechseln, blenden, verändern, wieder aufbauen, initiieren;

‚Verpackung‘ verändern, indem sie ihre bisherigen Eigenschaften modifizieren und neue einführen.

Gestalten Sie Ihren gesamten Auftritt dynamisch, stimulieren Sie dabei möglichst viele Sensoren gleichzeitig.“

Das Gegenüber vom Sinn überzeugen: „Finden Sie seine wichtigsten Überzeugungen heraus, erzählen Sie Fragmente von Geschichten. Wiederholungen wecken Erwartungshaltungen.

Blenden Sie mit Ködern, locken Sie mit Belohnungen, vertauschen sie die Realität mit der Täuschung und umgekehrt.“

Emotionale Bindung: „Erzeugen Sie Stress auf zwischenmenschlicher, körperlicher und emotionaler Ebene und nutzen Sie diesen aus“.

Verhalten: „Simulieren Sie die geplante Handlung und ihre Wirkung. Machen Sie zeitversetzte Planspiele, wie Ihr Verhalten wahrgenommen wird. Trennen Sie Ihr eigenes Verhalten von der Wirkung auf die Anderen – steuern Sie das Verhalten der Anderen.“

Wenn nun das Manipulationsziel definiert ist, muss es nur noch in die entsprechenden Kanäle eingegeben werden – studieren Sie dazu die ausführliche Tabelle …

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Die gewünschten  Ergebnissen der Undercover-Einsätze lassen sich  in kurzen Worten zusammenfassen: „blockieren, umdrehen, fixieren, stören, begrenzen, verzögern„…

Das Spielfeld der Störungsmöglichkeiten: „Infiltrieren, Hinterhalt legen, Aktivitäten initiieren, Operationen unter falscher Flagge starten, falsche Opfergeschichten erzählen, Störaktionen steuern, Stachel ins Fleisch setzen.“

Das bisher Aufgezählte  lässt sich auf Einzelpersonen ebenso anwenden wie etwa auf Gruppen oder Verbände.

In Bezug auf die Diskreditierung von  Firmen rät das Handbuch noch, „vertrauliche Informationen an andere Unternehmen, die Medien oder Blogs weiter zu geben, negative Informationen über die Firma an Geldgeber oder Eigentümerforen zu vermitteln, Vertragsabschlüsse zu verhindern und geschäftliche Partnerschaften zu ruinieren“…

Kommt Ihnen alles, oder in Teilen, auch aus Ihrem eigenen Leben bekannt vor? Aus der Firma, der Familie, dem Freundeskreis?

Stimmt genau. Nur dass es da nicht gezielt gelehrt wird, sondern dem individuellen Geschick Ihrer „Freunde“, bzw. Vorgesetzten überlassen bleibt, wie erfolgreich die Manipulationen schließlich sind.

Wird Ihnen jetzt langsam klar, was es bedeutet, wenn eine Kavallerie geschulter Agenten verschiedener Nationen mit ganz unterschiedlichen Zielen das Internet unterwandert? Wenn etwa erst allgemeines Misstrauen gesät wird, und anschließend irgendwann eine Führungspersönlichkeit (oder -gruppe) die Lösungen präsentiert?

Jeder von uns muss lernen, die Anzeichen von Manipulation rechtzeitig erkennen. Das ist der einzige reelle Weg, gegenzusteuern. Ausmerzen kann man es nämlich nicht mehr.

Siehe auch:

NSA-Handbuch der Verleumdungen und Lügen

Britischer Geheimdienst zapft millionenfach Webcam-Chats an

Manipulation: Einfach, wenn man weiß wie’s geht – und sehr wirkungsvoll…

Nein, das ist kein Film: Wir werden wirklich überwacht!

Warum wir nicht schweigen dürfen

Manipulation in Sprache und Inhalt: Wie informiere ich mich?

Update: „So werden Menschen vernichtet“ 

Update: Wie Twitter die öffentliche Meinung beeinflusst

Update: Putins Mediencoup in Sachen Krim 

Update: Britischer Geheimdienst kann Meinung im Internet manipulieren

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