Wo steckt das Gold der Deutschen – und: Gehört es uns überhaupt noch? Antwort

Entnommen FAZ Finanzen vom 4.8.2012

Autor CHRISTIAN SIEDENBIEDEL

Die Bundesbank hat die zweitgrößten Goldreserven der Welt. Der Schatz soll das Vertrauen der Bürger ins Geld stärken. Doch ein Großteil des Goldes lagert im Ausland. Seit langem hat es keiner mehr gesehen. Womöglich ist es nicht mehr da.

Nach der Sommerpause soll der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages sich mit einem ebenso heiklen wie schillernden Thema beschäftigen: dem Gold der Deutschen Bundesbank. 3396 Tonnen des glänzenden Edelmetalls gehören zum Bestand der Notenbank – Barren im Gegenwert von 175 Milliarden Dollar. Sie sollen eine goldene Reserve für Krisenzeiten darstellen und das Vertrauen der Bürger in das vergängliche Papiergeld stärken. Was für eine gute Vorsichtsmaßnahme, könnte man meinen, in Zeiten, da sich so viele Leute Sorgen um den Euro machen.

Doch die Sache hat einen Haken: Nur der kleinere Teil dieser Währungsreserven lagert in den Tresoren der Bundesbank in Frankfurt unter dem Parkplatz vor der Zentrale am Diebsgrund. Der größere Teil befindet sich im Ausland – in Amerika, Großbritannien und Frankreich. Angeblich soll das meiste Gold in den Kellern der Federal Reserve Bank (Fed.) of New York an der Südspitze Manhattans liegen – in fremden Händen also, ziemlich weit weg.

Auf „Vollständigkeit“ und „Unversehrtheit“ prüfen

Auffällig ist nun, wie schmallippig sich Bundesregierung und Bundesbank seit langem geben, wenn es um die Frage geht, ob das Gold eigentlich noch da ist, und ob Deutschland im Ernstfall schnell genug darauf zugreifen könnte. Anfragen im Bundestag wurden von der Bundesregierung oft ausweichend beantwortet – mit Verweis auf die Unabhängigkeit der Bundesbank. Bei anderer Gelegenheit hieß es, die Sicherheitsinteressen ausländischer Staaten erforderten eine strenge Geheimhaltung.

Das nährte allerhand Verschwörungstheorien und rief im Frühjahr sogar den Bundesrechnungshof auf den Plan. Offenbar hat seit vielen Jahren niemand aus Deutschland mehr nachgeschaut, ob das Gold wirklich noch da ist. Eine solche „körperliche Inaugenscheinnahme“ alle drei Jahre auf „Vollständigkeit“ und „Unversehrtheit“ der Goldreserve aber halten Bilanzexperten wie der Münsteraner Professor Jörg Baetge schon aus rechtlichen Gründen für geboten. Er hat sich im Auftrag des CSU-Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler mit dem Thema befasst. „Angesichts dieses enormen Wertes ist es notwendig, dass die im Ausland gelagerten Goldreserven Deutschlands von Vertretern der Bundesbank auch regelmäßig in Augenschein genommen und überprüft werden“, sagt Baetge.

Keiner versteht so richtig, warum die Bundesbank das nicht macht. „Wir vertrauen unseren Partnern wie der amerikanischen Notenbank“, sagt Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. „Unsere Bilanzierung beruht auf Barrenlisten und einer ausdrücklichen Bestätigung der Partnernotenbanken über die Anzahl der bei ihnen für uns verwahrten Feinunzen Gold.“

Mittlerweile konnte man aber auch schon die unterschiedlichsten Begründungen hören, warum die Goldbarren in New York nicht einfach mal stichprobenhaft kontrolliert werden – wie man das im Keller in Frankfurt schließlich auch macht. Mal hieß es, die Barren in New York seien so eng gestapelt, dass dort kein Mensch hindurch käme. Dann hörte man, zu viel Misstrauen gegenüber den Vereinigten Staaten könnte womöglich zu diplomatischen Verwicklungen führen. Auch die hohen Kosten für eine Reise über den großen Teich wurden schon mal vorgeschoben.

Vielleicht ist es einfach unangenehm, darum zu bitten?

Immerhin sind die Sicherheitsvorkehrungen bei der Fed in New York streng. Fast wie in Fort Knox im Bundesstaat Kentucky, wo traditionell ein Großteil der amerikanischen Goldreserven lagert. 4580 Tonnen sollen es in Fort Knox sein, wo die erste amerikanische Infanteriedivision mit 10.000 Soldaten und 300 Panzern das Gold bewacht. Deutlich mehr Gold aber, rund 8000 Tonnen, lagern im Tresor der New Yorker Fed. Von denen gehören allerdings nur sechs Prozent den Amerikanern – der Rest auswärtigen Notenbanken.

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Der Fed-Tresor liegt 80 Fuß unter der Erde, gebaut in den Fels von Manhattan. Nur mit einem Aufzug kommt man hinunter. Statt einer Tür gibt es einen 90 Tonnen schweren Stahlzylinder, der sich in einem 140 Tonnen schweren Stahlrahmen nur um 90 Grad drehen, aber nicht herausnehmen lässt. Kein einzelner Mitarbeiter kennt die Kombination zum Öffnen; nur gemeinsam können sie den Tresor aufmachen. Und zweimal im Jahr müssen die Mitarbeiter am Schießtraining mit unterschiedlichen Waffengattungen teilnehmen. Die Fed selbst wirbt damit, dass ihre Sicherheitsmaßnahmen so gut seien, dass selten ein Land darum gebeten habe, seine Goldvorräte überprüfen zu dürfen. Vielleicht ist es einfach unangenehm gegenüber den Amerikanern, darum zu bitten?

„Ein bisschen Überprüfung würde nicht schaden“

Immerhin gibt es Anzeichen, die Grund zur Beunruhigung bieten. „Ein bisschen Überprüfung würde nicht schaden“, meint Eugen Weinberg, Goldmarkt-Experte der Commerzbank. Notenbanken haben in der Vergangenheit nämlich zum Teil versucht, die hohen Kosten für die Lagerung und Bewachung ihrer Goldvorräte wieder einzuspielen, in dem sie Teile ihres Goldes verliehen haben. Solche Gold-Leasing-Geschäfte werden abgeschlossen zwischen einem Geschäftspartner, der physisches Gold besitzt, und einem, der aus irgendwelchen Gründen eine Verpflichtung hat, Gold zu halten, dies aber nicht physisch tun will.

Auch die Bundesbank hat eingeräumt, solche Geschäfte in der Vergangenheit in begrenztem Umfang getätigt zu haben. Im Augenblick soll aber kein Gold verliehen sein. Kritiker der Gold-Lagerung in Amerika hingegen argwöhnen, womöglich sei das deutsche Gold dort auch in irgendeiner Form verliehen – und existiere nur noch auf dem Papier. Sie fühlen sich bestätigt durch die Form der Bilanzierung der Goldvorräte in der Bilanz der Bundesbank. Dort sind nämlich „Gold und Goldforderungen“ in einem gemeinsamen Posten zusammengefasst. Was davon physisches Gold ist, auf das auch ärgste Kritiker in Krisenzeiten vertrauen würden, und was nur Goldforderungen, also letztlich auf Gold lautende Wertpapiere, sind, ist also zumindest nicht mit der Beweiskraft der Bilanz festzustellen.

„Es gibt keine Beweise dafür, dass das Gold nicht da ist“, sagt Weinberg, „aber angesichts der Währungskrise des Euro wäre es schön, das genauer zu wissen.“

Nazi-Gold soll nicht mehr dazwischen sein

Kein Wunder, dass diese Ungewissheit auch weiteren Spekulationen Tür und Tor öffnet. In Gauweilers Umfeld etwa erwähnt man, dass in der Vergangenheit auch schon mal gefälschte Goldbarren aufgetaucht sind. Nicht nur Notenbanken in Afrika haben sich wohl gelegentlich so etwas andrehen lassen. Auch in China sollen Barren aufgetaucht sein, die mit Wolfram gefüllt waren: einem Stoff, der ein ähnliches spezifisches Gewicht hat wie Gold. Nur durch Aufbohren konnte das bewiesen werden.

Die Franzosen immerhin haben ihr Gold bereits vor vielen Jahren nach Paris heimgeholt. Wie die Deutschen auch hatten sie in den 50er und 60er Jahren große Vorräte in New York angehäuft. Das war eine Folge des damaligen internationalen Währungssystems, des Bretton-Woods-Systems: In diesem System fester Wechselkurse sammelten Länder, die einen großen Überschuss im Außenhandel erwirtschafteten, Währungsreserven in Dollar an, die sie bei der amerikanischen Notenbank in Gold umtauschen konnten. Die Goldvorräte der Bundesbank in Amerika sind somit das „goldene Erbe des Wirtschaftswunders“, wie es ein Notenbanker einmal formuliert hat. Nazi-Gold soll nicht mehr dazwischen sein.

Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle jedenfalls wollte 1966 sichergehen – und tauschte große Mengen von Dollarreserven in Gold um und ließ das französische Gold von New York nach Paris bringen. Er sagte, es erscheine ihm unerträglich, dass Frankreichs Gold „dem Zugriff einer fremden Macht preisgegeben sein könnte“.

Wie das Gold genau transportiert wurde – ob mit dem Flugzeug, dem Kriegsschiff oder, wie manche vermuten, mit U-Booten, wurde geheim gehalten. Bekannt wurde jedoch, dass im Schnitt jede Woche zehn Tonnen Gold aus New York abgeschickt wurden – mit dem Ziel Banque de France.

Deutschlands Verhältnis zu Amerika war damals deutlich enger – die Bundesbank folgte dem Beispiel Frankreichs daher nicht. Veröffentlicht wurde viele Jahre später ein Brief des damaligen Bundesbankpräsidenten Karl Blessing (des Großvaters des heutigen Commerzbank-Chefs), in dem auch ein Zusammenhang mit der Stationierung amerikanischer Truppen in Deutschland hergestellt wurde. Blessing versicherte in diesem als „Blessing-Brief“ bekanntgewordenen Schreiben vom 30. März 1967 seinem amerikanischen Kollegen William McChesney Martin, Deutschland werde seine Dollarreserven nicht in Gold umtauschen und heimbringen lassen, solange amerikanische Truppen in Deutschland stationiert seien.

Aus Angst vor einem russischen Überfall

Das deutsche Gold eine Art Faustpfand also? In einem Interview mit dem „Spiegel“ kurz vor seinem Tod stützte Blessing diese These. Es habe eine unausgesprochene Drohung des amerikanischen Hochkommissars John McCloy gegeben, Amerikas „Boys“ könnten andernfalls aus der Bundesrepublik abgezogen werden.

Später gab es ein anderes Argument, warum die deutschen Goldvorräte lieber nicht in Frankfurt lagern sollten: die Angst vor einem russischen Überfall. Schließlich liegt die Stadt nur 100 Kilometer Luftlinie von jenem Punkt entfernt, der im Kalten Krieg den Namen „Fulda Gap“ trug – eine Stelle an der innerdeutschen Grenze, die sich aufgrund ihrer topographischen Gegebenheiten gut für einen Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts geeignet hätte.

Transport, Lagerung und Bewachung würde kosten

All das dürfte heute keine Rolle mehr spielen. Die Bundesbank argumentiert deshalb mit den Kosten, die es verlangen würde, das Gold mit Kriegsschiffen oder Flugzeugen nach Deutschland bringen zu lassen. Und auch mit den Kosten, die entstehen würden, wenn man es hier lagern und bewachen wollte. Und nicht zuletzt mit der Behauptung, wenn man das Gold im Krisenfall einsetzen wollte, um den Euro zu stützen, müsste die Bundesbank vermutlich Dollar dafür kaufen – und das sei in New York leichter als in Frankfurt.

Von einer Vorstellung müssen sich nämlich alle, die den Goldschatz der Bundesbank gern in Frankfurt sähen, ohnehin verabschieden: dass die Bürger in einer schweren Krise des Euro einfach mit ihren Geldscheinen zur Bundesbank hingehen und sie gegen Gold eintauschen könnten. Selbst wenn alle Barren der Bundesbank tatsächlich wie versprochen an ihrem Platz sein sollten: Das Eintauschen von Geldscheinen gegen Gold ist in unserem Währungssystem nicht mehr vorgesehen

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